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Ein schöner Urlaub in Schottland soll es werden, und so brechen die Freunde Manfred, Ehefrau Heike, Horst und seine Freundin Doris voller Vorfreude auf. Doch nichts läuft wie geplant, nachdem Horst wegen ein paar Schafen eine Vollbremsung machen muss. Manfred, der hinterherfährt, weicht ihm zwar aus, kollidiert aber mit einem Telefonmast. Der Kühler ist hin, und sie sind gezwungen, eine Werkstatt aufzusuchen. Die Wartezeit, bis das Ersatzteil kommt, verbringen sie unfreiwillig, aber noch geduldig und zuversichtlich in einer Pension. Da geht es seltsam zu … Sie geraten zufällig in eine sehr gefährliche Sache. Eins kommt zum anderen, und es wird zunehmend mysteriös. Es gibt Verletzte und sogar Tote. Es wird immer turbulenter, und wohin das Ganze führt und welche Tragweite die schreckliche Geschichte hat, wird ihnen zunächst nicht klar. Sie sehen sich zahllosen Rätseln gegenüber. Wer ist die geheimnisvolle Nr. 1, und worum geht es überhaupt? Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise nach Schottland, ein wirklich wunderschönes und faszinierendes Land. Und vielleicht bekommt ja der eine oder andere Lust, dorthin zu reisen.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2019
HARALD BERGER
EIN SCHÖNER URLAUB IN SCHOTTLAND
und seine teuflische Wende
HARALD BERGER
EIN SCHÖNERURLAUB IN SCHOTTLAND
und seine teuflische Wende
Impressum:
© 2019 Harald Berger
Titelbild: pxhere.com
(free of copyrights under Creative Commoms CC0
Umschlagrückseite: Brianann McAmhlaidt
(wikicommons license
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)
Lektorat u. Satz: Angelika Fleckenstein; Spotsrock
Druck und Verlag:
tredition GmbH
Halenreie 40–44
22359 Hamburg
ISBN
978-3-7469-5054-9 (Paperback)
978-3-7469-5055-6 (Hardcover)
978-3-7469-5056-3 (e-Book)
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Der Autor wurde 1954 in Frankfurt am Main geboren. Dort ging er zur Schule, die er mit der mittleren Reife abschloss. Danach erlernte er den Beruf des Reproduktionsfotografen in einer großen Frankfurter Druckerei. Nachdem er sich bei der Bundeswehr als Zeitsoldat verpflichtet hatte, ging es in die fliegerische Ausbildung an der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg. Leider musste er sein Laufbahnziel aufgeben und entschied sich dafür, in den erlernten Beruf zurückzukehren.
Das war Anfang der 1980er Jahre. In dieser Zeit begann er mit dem Schreiben. Zunächst zwar nicht sehr konsequent, doch zog es ihn immer an den Schreibtisch, zur ersten Geschichte, der dann weitere folgten. Es entstand sogar ein zweiter Roman. Alle diese Texte verschwanden in den Schubladen des Autors.
Eines Tages jedoch meinte eine Leserin seines ersten Romans: „So etwas darf doch nicht in deiner Schublade vergammeln. Das musst du veröffentlichen.“
Endlich begann er, einen passenden Verlag zu suchen.
Inzwischen ist es sicher: Er hat ihn gefunden.
Der Autor lebt heute in der wunderschönen Südpfalz gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Parson Russel Terrier „Cooper“
‚Endlich, die Hälfte haben wir‘, dachte Manfred als er die Wagen auf dem Parkplatz sah. Schon schwer atmend bog er wieder von der Asphaltstraße in den kleinen Waldweg ein, wo es schattig war. Hier fiel das Gelände sanft ab, sodass er sich etwas ausruhen konnte. Sein Blick blieb am satten Grün des Rasens zur Linken haften. Ein paar Leute zogen dort Karren hinter sich her. Ab und zu blieben sie stehen, um mit einem kleinen weißen Ball zu spielen – Golfspieler, die hier im Stadtwald, der grünen Lunge Frankfurts, ihrem Hobby frönten.
Seine Aufmerksamkeit galt wieder dem Waldweg. Spaziergänger kamen ihm entgegen und andere überholte er. Gleich würden wieder die zwei kurzen, aber sehr anstrengenden Steigungen kommen, die er so hasste. Es ging nur fünfzehn bis zwanzig Meter steil bergauf und direkt wieder bergab. Aber das genügte, um ihn aus dem Laufrhythmus zu bringen. Dann wird er sich wieder quälen müssen bis zu seinem Wagen, der vier Kilometer entfernt parkte. Schon wurden seine Schritte schneller und kürzer, um den ersten Hügel anzugehen. Seine Leichtigkeit überraschte ihn gerade, aber schon beim zweiten Hügel bekam die Freude einen Dämpfer. Ein immer heftiger werdendes Stechen in der linken Seite ließ die nächsten Kilometer wieder zum Kampf gegen den inneren Schweinehund werden.
‚Warum, verdammt noch mal, machst du das? Warum läuft ein vernünftiger Mensch immer wieder an diesem blöden Zaun entlang?‘, fragte er sich schnaufend. Sein Zorn richtete sich, wie schon so oft, gegen den kleinen Jägerzaun, der links am Weg entlang führte und die Anlage des Frankfurter Golfclubs begrenzte. Doch Zaun und Seitenstechen verschwanden nicht, bloß weil er sich aufregte. Seine Schritte wurden noch schwerer, das Atmen schmerzte und der Blick fiel sehnsüchtig auf eine kleine Holzbank am Wegrand; nur noch circa sechzig Meter entfernt.
‚Himmlisch‘, dachte er, ‚einfach hinsetzen, die Beine ausstrecken und sich behaglich zurücklehnen.‘
Noch dreißig Meter!
‚Vielleicht noch ein großes Glas Apfelsaftschorle dazu oder sogar ein Bier?!‘
Noch zehn Meter und dann …
„Lauf“, zischte ihm da eine Stimme ins Ohr.
„Los, quäl‘ dich, du Sau!“, zischte es nochmals, als seine Schritte noch langsamer wurden.
‚Oh, Horst, du Sadist‘, fuhr es ihm durch den Kopf, ‚es geht nicht mehr, ich muss …‘
An der Bank war er schon längst vorbei. Horst schob sich jetzt an seine Seite und grinste ihn breit an.
‚Arschloch‘, dachte Manfred und hatte nun wieder einen Sündenbock, der an der ganzen Schinderei schuld war.
Seit einem Jahr liefen sie gemeinsam zweimal pro Woche. Manchmal, wenn das Wetter verrückt spielte, auch nur einmal. In der Regel war es Horst, der zum Laufen drängte. Der sah das als idealen Ausgleich zum Job bei einer großen Bank. Manfred machte mit. Zum einen der Freundschaft wegen und zum anderen, um sein Gewicht zu halten. Damit hatte Horst keine Probleme.
„Der dynamische Managertyp der 80er Jahre“, sagte Heike, Manfreds bessere Hälfte, immer etwas anzüglich. Na ja, so ganz Unrecht hatte sie ja nicht. Seine einundneunzig Kilo kaschierte Horst sehr gut mit entsprechender Kleidung; was bei 1,93 Meter Körpergröße auch nicht allzu schwerfiel. Er war ein wenig der Typ, der für Zahnpastawerbung gesucht wurde, und die konnte Heike nun mal nicht vertragen.
Wichtiger als sein Äußeres war Horst jedoch seine berufliche Karriere. Bis zum Zweigstellenleiter einer in Frankfurt ansässigen Bank hatte er es schon gebracht. Aber das sollte erst der Beginn seiner Karriere sein, so Horst. Er wollte unbedingt in die oberste Etage vorstoßen. Dafür kannte sein Engagement im Beruf fast, Gott sei Dank nur fast, keine Grenzen.
„Da ist ja unser kleiner J. R.“, sagte Heike vor ein paar Tagen schnippisch in Anlehnung an die Seifenoper „Dallas“, als sie sich trafen. Horst stand zum Glück etwas auf der Leitung, was privat schon mal geschah, und Manfred konnte schnell das Thema wechseln.
‚Privat ist er nämlich sehr verträglich‘, meinte Manfred. Schließlich waren sie schon acht Jahre, wenn auch mit Unterbrechung, befreundet. Und wenn er seine Aggressionen durch die Schinderei beim Laufen abgebaut hatte, war er wieder ganz der Alte. Wie früher, als sie noch zusammen in einem kleinen Sportverein in Frankfurt Leichtathletik betrieben. Dort hatten sie sich kennengelernt. Manfred war damals gerade nach Frankfurt gezogen, um in einem großen Ingenieurunternehmen als technischer Zeichner anzufangen. Leichtathletik hatte er schon von Kindheit an betrieben, und so suchte er in diesem Metier seine Freizeitkontakte. Umso größer war seine Enttäuschung, als er trotz vieler Anläufe nicht so recht warm wurde mit diesem Verein. Keiner beachtete ihn, außer einem großen, dünnen Typ. Der schaute den ‚klaane Dicke‘ etwas mitleidig an und fragte, ob er wüsste, dass er sich hier auf einem Sportplatz befände. Die anderen lachten schadenfroh. Gut, Manfred hatte damals mit hundertzehn Kilo bei 1,82 Meter Körpergröße keine Traumfigur, aber ein Traumtänzer war er nicht.
„Mit dir Unterhose nehme ich es allemal auf!“, konterte Manfred.
Und so wurde unter großem Hallo ein privates Duell in fünf Disziplinen ausgehandelt: Fünfzig Meter Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und Speerwurf. Nachdem der lange Dürre die Sprintdistanz knapp verloren hatte, wurden einige schon unruhig. Oberwasser bekamen sie, als Manfred wie ein Sandsack den Weitsprung versuchte und unterlag.
Das Kugelstoßen gewann er so eindeutig und souverän, wie er den Hochsprung wieder verlor. Dabei ging, zur Freude der Zuschauer, die Latte zu Bruch. Über das Speerwerfen konnte Manfred als Vizemeister des Saarlandes nur müde lächeln.
Nach seiner Niederlage kam der große Dürre und meinte: „Alle Achtung, hätt‘ ich dir nicht zugetraut. Übrigens ich heiße Horst.
Sie gaben sich die Hand und Manfred scherzte: „Mit ein bisschen mehr Figur hättest du bestimmt gewonnen.“
„Vielleicht gibst du mir ein paar Scheibchen von deinem Rettungsring, dann klappt‘s das nächste Mal.“
Seit dieser Zeit trainierten sie zusammen und der eine profitierte vom anderen. Wenige Monate später hatte Manfred elf Kilo abgespeckt und war genau so glücklich wie Horst mit seinen gewonnenen acht Kilo Muskelmasse.
Nach drei Jahren war dieses Glück vorbei. Horst hatte die Chance, stellvertretender Zweigstellenleiter seiner Bank zu werden. Er stürzte sich in die Arbeit wie ein Verrückter.
Manfred lernte unterdessen Heike kennen, und er verlor den Freund aus den Augen. Vor ziemlich genau zwei Jahren trafen sie sich zufällig in einem Frankfurter Pub wieder, diesmal zu viert.
Horst stellte Manfred und Heike eine sehr attraktive Blondine namens Doris vor. Wie es so geht, Manfred und Horst quatschten über alte Zeiten, und die Frauen fanden überraschend schnell ein Thema für ein interessantes Gespräch, obwohl sie sich erst wenige Minuten kannten.
So hatte das Schicksal vier Menschen zusammengebracht, die sich nun schon zwei Jahre lang gut verstanden.
Daran mochte Manfred mit dem schmerzhaften Seitenstechen im Moment nicht denken. Er versuchte, durch möglichst gleichmäßiges Atmen den Schmerz zu bekämpfen. Als er nach einer Wegbiegung die kleine Holzbrücke sah, ging es schon viel leichter. Von dort waren es nur noch ein relativ kurzes Stück bis zum Wagen; der weiche, leicht federnde Untergrund ließ lockeres Laufen zu.
Vom Wagen waren es dann nur noch ein paar Schritte zu einer Dusche mit herrlich warmem und kaltem Wasser, frischer Kleidung und viele, viele Stühle. Manfreds Schritte wurden schneller.
Wenig später unter der Dusche erkundigte sich Manfred: „Bleibt ihr heute zum Essen?“ Er ließ sich dabei genüsslich den warmen Wasserstrahl der Dusche über seinen Körper rieseln.
„Wenn Doris nichts anderes vorhat, gerne“, tönte es aus der anderen Kabine, in der Horst den Staub des Waldbodens abspülte. „Hoffentlich habt ihr dann auch genug da, ich hab nämlich ordentlich Hunger.“
„Als ob du schon mal nicht satt geworden wärest.“
„Ich frage lieber vorher. Nachher hast du groß getönt, doch die Küche bleibt kalt, und ich muss euch alle im nächsten Lokal verköstigen – und das bei meinem Gehalt.“
„Mir kommen gleich die Tränen“, entgegnete Manfred und drehte die Dusche ab. „Die Idee stammt übrigens nicht von mir, Heike hat vorgeschlagen dich mitzubringen. Doris ist schon bei ihr. Und nun mach‘ mal flott, Heike wartet nicht gerne mit dem Essen.“
„Komm‘ ja schon“, brummte Horst und beeilte sich tatsächlich, da sein Magen bedenklich knurrte.
Die Fahrt durch die Stadt war wieder einmal die reinste Freude, da die Rushhour begonnen hatte. Wer an einem Tag wie diesem, an dem die Temperaturen kaum die 30° unterschreiten, in Frankfurt den Feierabendverkehr miterlebt hat, kann ein Lied davon singen. In der ruhigen Seitenstraße des Vorortes endlich angekommen, wurden die zwei von Heike begrüßt, die wartend auf dem Balkon stand.
„Da seid ihr ja endlich, kommt jetzt schnell, sonst sind die Steaks verbrannt.“
Oben schenkte Doris zwei Bier ein. Wie frisch gezapft standen sie auf dem Tisch, als die Männer antrabten. Nach einer kurzen Begrüßung kehrte Stille ein. Ein Zeichen, dass es allen schmeckte, was bei Heikes Kochkunst auch kein Wunder war. Speziell die erfrischenden Salate waren ihr wieder großartig gelungen. Horst klopfte ihr lobend auf die Schulter, während er an seinem Steak kaute.
Manfred blinzelte ihr nur kurz zu. Sie verstanden sich auch ohne viele Worte. Vier Jahre waren sie nun schon verheiratet, und keiner hatte die Bindung auch nur eine Minute bereut.
Sympathisch waren sie sich eigentlich schon von der ersten Minute an. Heike war Fotolaborantin in einem kleinen Fotogeschäft am Rande der City. Dorthin verschlug es Manfred eines Tages, als seine Kamera streikte. Der Ladenbesitzer Herr Krämer, ein netter älterer Herr, untersuchte den Apparat und meinte dann: „Da machen meine Hände nicht mehr mit. Gicht, wissen Sie. Aber ich rufe rasch meine Mitarbeiterin, die hilft Ihnen weiter. Frau Keller, würden Sie bitte einmal kommen?“
Aus den hinteren Ladenräumen kam eine junge Frau in den Verkaufsladen, die Manfred auf Mitte zwanzig schätzte.
„Schauen Sie, der Filmtransport funktioniert nicht. Sie können dem jungen Mann doch sicherlich helfen?“
Mit einem kurzen Blick auf Manfred und auf die Kamera ging Frau Keller ans Werk. Herr Krämer nickte Manfred kurz zu und verschwand dann in den hinteren Räumen.
Manfred betrachtete nun seine Kamera und die schönen, gepflegten Hände, die an ihr arbeiteten. Er betrachtete die Arme, die Schultern, die Haare, das hübsche Gesicht, den wohlgeformten Körper, und als sein tiefer gleitender Blick auf die Platte des Ladentisches traf, fing er wieder bei den Händen an, um das Gesehene nochmals zu überprüfen.
„Hallo? Hören Sie überhaupt zu?“ Frau Keller sah ihren Kunden missbilligend an.
„Ja, natürlich“, antwortete Manfred etwas verdattert, als er zum achten Mal bei den Händen angekommen war.
„Selbstverst… “, jetzt erst begriff er, dass es um seine Kamera ging. „Verzeihung“, stammelte er, „funktioniert sie wieder?“
„Das versuche ich Ihnen ja gerade zu erklären, aber Sie hören mir anscheinend gar nicht zu.“ „Und ob ich Ihnen zuhöre“, Manfred holte tief Luft „wann wäre es ihnen denn möglich, mir Frankfurt zu zeigen? Heute Abend, sagen wir um 19 Uhr?“
„Ihnen geht es wohl zu gut, Sie können doch nicht einfach …“
„Doch, ich kann“, meinte er und nahm seine Kamera, „um 19 Uhr hole ich Sie hier ab. Bis dann.“
„He, aber Ihre Kamera funktioniert … “
Noch ehe sie einen Protest anmelden konnte, war er verschwunden.
Als Heike Keller das Fotoatelier um 18:40 Uhr mit ihrer Kollegin verließ, wurde es ihr zu bunt, und zwar in Form eines bunten Blumenstraußes, mit dem sich Manfred vor ihr aufgebaut hatte.
„Wie versprochen, da bin ich.“
„Und Sie meinen, ich gehe jetzt einfach so mit und zeige dem werten Herrn Frankfurt bei Nacht? Mit mir nicht!“
Sprach‘s und ließ den verdutzten Manfred stehen. Aber so schnell gab der nicht nach. Mit trauriger Dackelmiene überholte er die beiden Kolleginnen.
„Okay, dann vielleicht einen kleinen Drink für Sie beide drüben im Gartencafé?“
Die Frauen sahen sich kurz an, aber da ihnen der Kerl mit dem Riesenblumenstrauß und der Dackelmiene, die Manfred übrigens heute noch blendend beherrscht, ein wenig leidtat, willigten sie ein.
Die nächsten Treffen fanden mit Kollegin, Freundinnen und Bekannten statt, aber irgendwann erschien Heike auch alleine. Mit der Zeit lernte Manfred Frankfurt als schöne, interessante Stadt kennen und seine Heike lieben. Ein Jahr später gaben sie sich im Römer, dem Frankfurter Wahrzeichen, das Jawort. Es war nicht das Verschulden des Standesamtes, dass nun an der Wohnungstür Römer stand. So hieß Manfred schon von Geburt an.
Jeder hatte ein Tässchen Espresso vor sich stehen. Manfred stopfte gerade seine Pfeife.
„Was macht ihr eigentlich diesen Sommer im Urlaub?“, unterbrach Heike die allgemeine Ruhe der gesättigten Raubtiere.
„Genaues schwebt uns bis jetzt noch nicht vor“, meinte Doris, „vielleicht aufs Geratewohl in den Süden, was denkst du, Horst?“
„Hmm.“
„Du bist ja heute wieder gesprächig“, stichelte Doris, „hast wohl wieder verloren gegen Manfred.“
„Hmm“, kam wieder zurück. Mit einem wütenden Schnauben griff Doris nach ihrem Espresso.
„Wir wollen dieses Jahr nach Schottland zum Golfen. Übrigens auch ein Paradies für Angler“, erzählte Manfred, dessen Pfeife endlich brannte.
In Mr Hmm kam spontan Bewegung. „Ach, nee“, entfuhr es Horst temperamentvoll. „Ja, Schottland: Das Land des Whiskeys, der Golfer und der Angler.“
„Und des Regens und der Kälte“, meldete sich Doris.
„Du sei mal bitte ruhig“, unterbrach Horst sie und zu Manfred gewandt, „angeln ist immer gut. Da könnte ich mal meine neue …“
„Ach, und an mich denkst du wohl gar nicht. Was soll ich denn da? Blümchen pflücken oder was?“
Um einem Streit vorzubeugen meinte Heike: „Habt ihr eigentlich schon mal unsere Dias vom letzten Urlaub gesehen? Da waren wir schon mal oben. Wollt ihr?“
„Ist bestimmt interessant“, brummte Horst und schlenderte voraus.
„Hmm“, das war jetzt Doris.
Nach einer Stunde war jedoch selbst sie recht positiv diesem Land gegenüber eingestellt. Nachdem man sich noch ein paar Stunden bei ein paar Whiskeys gegenseitig Geschmack gemacht hatte, war man sich einig.
„Diesen Sommer, besser gesagt in sieben Wochen, fahren wir nach Schottland.“
Manfred und Heike würden ihrer gemeinsamen Leidenschaft, dem Golfspiel, frönen und Horst den schottischen Fischen das Leben schwer machen. Und Doris? Doris wollte von allem etwas probieren: vom Golf, vom Angeln und vom Whiskey!
Doch niemand ahnte, welche Überraschung das Schicksal ihnen bereiten würde …
Das größte Problem, das sich den vier Reiselustigen stellte, war weniger die zeitliche Planung. Das hatten Manfred und Heike schon Anfang des Jahres geklärt. Selbst Horst schaffte es, sich davon zu überzeugen, dass seine Zweigstelle durch seine dreiwöchige Abwesenheit nicht ruiniert würde. Doris, Sekretärin bei einer Versicherung, musste nur die etwas engere Bluse und den passenden Rock nebst hochhackigen Pumps anziehen, um ihren Chef augenscheinlich von dem so dringend benötigten Urlaub zu überzeugen. Nein, das größte Problem war es, dass Großbritannien und somit auch Schottland, eine Insel ist. Der beste Weg führte von Holland oder Belgien aus mit einer Fähre nach Hull. Dort käme man morgens um 8 Uhr gut ausgeruht an und erreicht in wenigen Stunden die schottische Grenze. Nur – diese Schiffe sind meist sehr gut belegt, sprich ausgebucht. So grenzte es fast an ein Wunder, dass Doris mit der Erfolgsmeldung aufwarten konnte, noch eine Kabine bekommen zu haben.
Manfred und Heike hatten schon im Februar ab Rotterdam gebucht. Horst und Doris mussten zwar ab Zeebrügge in Belgien fahren, aber da beide Schiffe mit nur einer Stunde Abstand voneinander in Hull einlaufen würden, war das Problem der Überfahrt gelöst.
Die nächsten Wochen war jeder mit seinen eigenen Urlaubsvorbereitungen beschäftigt.
Heike wurde, je näher der Urlaub kam, wie immer unruhig. Je mehr jedoch ihre Aufregung wuchs, desto gelassener wurde Manfred. Gott sei Dank war Herr Krämer, der Heikes Unruhe schon gewöhnt war, ein verständnisvoller Chef und drückte das eine oder andere Auge zu.
Anders der Vorgesetzte von Manfred, den die offensichtliche Ruhe seines Mitarbeiters reizte. Er war ein kleiner und überaus nervöser, hektischer Mensch. Alle, die nun nicht seiner übertriebenen Arbeitsauffassung zustimmten, waren für ihn ein rotes Tuch. Letztlich war für beide die nahende Urlaubszeit das ersehnte Ziel. Der Chef war diesen fürchterlich ruhigen Kerl für drei Wochen los, und Manfred musste seinen ‚Napoleon‘ in dieser Zeit nicht ertragen.
Horst beschäftigte sich damit, seine Abwesenheit bestens vorzubereiten. Das hieß, alles sollte so laufen, als wäre er anwesend. Nur so ein paar Unregelmäßigkeiten sollten auftreten, damit die da oben merken, wie unentbehrlich er doch war. Sollte für einen Mann wie ihn kein Problem sein, seiner Vertretung einige Fußangeln zu konstruieren, die er nach dem Urlaub souverän ausbügeln würde.
Doris musste sich in ihrem Büro solche Gedanken nicht machen. Ihr Chef, ein korpulenter Herr mit Stirnglatze, Goldrandbrille und Siegelringen an wulstigen Fingern, war immer sehr zufrieden mit ihr und demzufolge auch sehr großzügig. Dass die beiden gelegentlich mehr verband als das Chef-Angestellten-Verhältnis, war eine bösartige Unterstellung. Herr Steiner, seit siebenundzwanzig Jahren glücklich verheiratet, war lediglich an Doris’ beruflichen Fähigkeiten interessiert – sofern sie einen dicken Pullover, lange Hosen und flache Schuhe trug.
„Ziehst du dich noch mal um, bevor wir an Deck gehen?“, fragte Doris Horst, der gerade noch an seinem Koffer hantierte.
„Hatte ich eigentlich nicht vor, und du?“
„Ich auch nicht, los, komm jetzt!“
Doris, die diese Reise erst gar nicht so recht antreten wollte, war jetzt wie aufgedreht und stand schon an der Kabinentür. „Komm, ich will doch das Ablegen miterleben.“
An Deck erwartete beide wieder strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Dieses Wetter hielt nun schon den ganzen Tag die Urlaubsstimmung hoch, von der Abfahrt am Vormittag in Frankfurt bis zur vorübergehenden Trennung von Manfred und Heike auf einem Autobahnparkplatz kurz hinter Köln.
Für Doris war alles aufregend und interessant, denn es war ihre erste, wenn auch kurze Fahrt mit einem großen Schiff. Und das war dieses Fährschiff für sie, schließlich wollten sie damit übers Meer fahren.
Ein Alptraum begann …
Punkt 18 Uhr hieß es in Zeebrügge und Rotterdam: Leinen los! Da Manfred und Heike dies alles schon einmal miterlebt hatten, sei hier nur noch erwähnt, dass sich in Doris’ und Horsts Mägen das vorzügliche Essen an Bord mit dem ungewohnten Seegang nicht so recht vertrug. Nach zähem Kampf gewann der Seegang nach Punkten, was die Fische der Nordsee sehr erfreute. Das Drama war nur, dass sich die Seekranken bewusst wurden, dass sie ja auch irgendwie wieder zurück müssten. Mit größter Wahrscheinlichkeit wieder auf einem Schiff. Aber schon am späten Abend waren beide bei ruhiger See wesentlich besser aufgelegt. Sie ahnten nicht ansatzweise, dass die überstandene Übelkeit nichts war gegen das, was sie noch erwartete. An der Bar stießen sie auf die kommenden Tage an, da dies seit den zweieinhalb Jahren, die sie nun zusammen waren, der erste große Urlaub werden sollte.
Zusammen – tja, zusammen waren sie zwar, aber jeder hatte noch sein eigenes Appartement. Das war vor allen Dingen Horst recht angenehm, da er sich immer noch scheute, eine feste Bindung einzugehen, weil dies eventuell seiner Karriere schaden könne. Seit jedoch von ‚maßgebender Seite‘ angedeutet wurde, dass es sehr positiv bewertet werde, wenn die Herren mit Führungsaufgaben oder ähnlichen Ambitionen, nicht nur beruflich untadelig auftraten, sondern auch ein geordnetes Familienleben führten, wurde Horst sehr nachdenklich. Die Betonung lag unzweifelhaft auf ‚Familie‘. Aber bei einem ersten zaghaften Vorstoß bei Doris, ob man nicht doch eine Miete sparen wolle, erlebte er sie zum ersten Mal richtig energisch. Sie stellte klar, dass ihr die persönliche Freiheit sehr wichtig sei und sie ihr eigenes Appartement unbedingt behalten werde. Dies müsse er entweder akzeptieren oder sich zurückziehen. Es täte ihr zwar leid, aber umstimmen ließe sie sich nicht.
So hatte sich ein Verhältnis entwickelt, das zumindest Doris im Moment sehr zusagte. Man sah sich fast täglich, verbrachte die Wochenenden zusammen, aber jeder hatte noch einen Ort, an den er sich zurückziehen konnte, um mit sich selbst wieder klarzukommen, ohne dass der andere gleich beleidigt war. Auch dies war ein Grund, auf die kommende Zeit gespannt zu sein, denn es sollten die ersten Wochen sein, in denen die beiden rund um die Uhr zusammen sein würden.
Der nächste Morgen begann mit einem britischen Frühstück auf beiden Schiffen. Später, an Deck, empfing ein kräftiger, würzig riechender Wind die Reisenden. Der Himmel war glücklicherweise nicht britisch grau, sondern strahlend blau. Gegen 7 Uhr konnten Manfred und Heike die ersten kleinen vorgelagerten Inseln erkennen. Ein leichter Dunst ließ keine sehr gute Fernsicht zu, doch eine halbe Stunde später hob sich die Küste deutlich vom Horizont ab. Arm in Arm standen sie an der Reling und betrachteten ihr näherkommendes Urlaubsparadies. Alte Burgen und Schlösser, verträumte Dörfer und lebhafte Großstädte, einsame Straßen und menschenleere Berglandschaften, klare Flüsse und viel, viel unberührte Natur … Auf all das und nicht zuletzt auf die Menschen freuten sie sich. Doch noch war es nicht soweit, denn das Schiff musste erst eine Schleuse passieren, ehe es im Hafen von Hull anlegen konnte.
„Bin mal gespannt, wie die zwei hier ankommen. Für Doris war’s doch die erste Schifffahrt“, meinte Heike ein wenig schadenfroh.
„Oh, ich glaube, die haben nicht viel gemerkt. Die See war doch sehr ruhig“, entgegnete Manfred, der damit beschäftigt war, die wenigen Sachen, die man in der Kabine hatte, zusammenzusuchen. Eine Lautsprecherdurchsage in Englisch, Französisch, Holländisch und Deutsch bat nun alle Fahrer und Mitfahrer zu den im Unterdeck abgestellten Wagen und wünschte einen angenehmen Aufenthalt in Großbritannien.
Wenige Minuten später rollten die ersten Kraftfahrzeuge aus dem Riesenbauch der Fähre an Land.
„Vorsicht, der bremst!“ Manfred war wieder mal der perfekte Beifahrer.
„Meinst du, ich schlafe? Kannst ja gern fahren, wenn du willst.“
„Nee, nee, du hast verloren, nun fahr mal schön.“
„Dann schau lieber, wo wir uns einordnen müssen und überlasse den Rest mir.“
Ein Münzenwurf hatte Heike bestimmt, sich wieder in den Linksverkehr zu wagen. Hier war das noch nicht problematisch, aber nach der Ausfahrt vom Hafengelände begann der Ernst des Lebens – pardon des Fahrens. Kurz nach der Kontrolle machten sie Halt auf dem ersten Parkplatz, um auf Doris und Manfred zu warten, die in etwa einer Stunde eintreffen sollten. Nach einiger Zeit des Schweigens, die sie mit der Durchsicht von Prospekten und dem Studieren regionaler Straßenkarten verbrachten, fragte Heike nachdenklich: „Meinst du, den beiden gefällt es hier? Besonders Doris war ja sehr skeptisch.“
„Um Horst mach’ ich mir keine Gedanken, solange der angeln kann. Aber bei Doris bin ich mir nicht so sicher.“
„Vielleicht können wir sie ein wenig fürs Golfen interessieren. Als wir neulich zusammen einkaufen waren, hatte sie sich recht interessiert gezeigt.“
„Du, eigentlich wollte ich nicht Kindermädchen spielen, sondern Urlaub machen. Die zwei sind erwachsen genug, sich selbst zu beschäftigen.“
„Wer hat ihnen denn erzählt: Schottland – das Land des Whiskeys, der Golfer und der Angler? Du doch! Dann müssen wir uns auch etwas um sie kümmern. Oder wie hast du dir das vorgestellt?“
„Nun lass sie erst einmal ankommen. Dann sehen wir weiter. Ich möchte jetzt nicht mit dir streiten. Okay?“
„Streiten geht auch gar nicht. Da kommen die zwei schon.“
Heike stieg aus und winkte den beiden zu, worauf diese ihren Wagen auf den Parkplatz lenkten.
„Na, wie war die Überfahrt?“ Manfred grinste die beiden an. „Hat’s arg geschaukelt?“
„Gestern nach dem Abendessen, da war’s weniger schön“, meinte Doris mit süßsaurer Miene, „aber trotzdem wurde es noch ein wundervoller Abend, nicht wahr, Horst?“
Während sich Doris zärtlich an Horsts Arm kuschelte, meinte der nach einem verlegenen Hüsteln: „Hm, hmm, wie geht es jetzt eigentlich weiter?“
„Weiß du doch!“
Heike tat so, als merke sie Horsts Verlegenheitsfrage nicht. „Wenn’s euch recht ist, fahren wir voraus. Falls wir uns verlieren, treffen wir uns an der Carter Bar. Das ist an der Grenze zwischen Schottland und England. Hier, seht ihr?“ Heike tippte mit dem Finger auf der Karte. „Ihr habt doch eine Landkarte dabei, oder?“
„Klar ist im Wagen.“
„Okay, die Route habe ich euch ja aufgeschrieben“, meldete sich Manfred, „also dann auf, los geht’s.“
Man ist als Kontinentaleuropäer immer wieder überrascht, wie schnell man sich auf den ungewohnten Linksverkehr einstellen kann. Mit einem guten Beifahrer ist auch das Überholen kein Problem, denn der hat den besten Blick nach vorne, wenn man hinter einem Wagen herfährt.
So verlief auch die Fahrt der vier Urlauber zunächst ohne erwähnenswerte Ereignisse. Die Landschaft war recht flach, und der Weg führte durch die wunderschöne Stadt York. Die stand jedoch erst auf der Rückfahrt auf dem ‚Programm‘. So blieb es beim flüchtigen Bestaunen der wundervollen alten Gebäude während der Durchfahrt.
Obwohl … dieser Besuch – nun, aber eins nach dem anderen.
Gegen 13 Uhr rasteten sie. Zur Mittagszeit halten Pubs kleine Gerichte bereit, wie zum Beispiel Sandwiches, Salate, Fisch und Chips und anderes mehr. Doris und Horst sahen zum ersten Mal einen Pub von innen. Die gemütliche Einrichtung sagte beiden zu, nur die, wie Doris meinte, pappigen Sandwiches schmeckten nicht. Aber sie vertrieben den Hunger, und nach einer Dreiviertelstunde konnte es weitergehen.
Nach einer ruhigen Fahrt erreichten sie die schottische Grenze an der Carter Bar. Von hier genossen sie einen schönen Blick nach Süden über die Hügel von Northumberland. Nach Norden hin, überblickten sie die zarten Wellen der Borders, der südöstlichen Region Schottlands. Die Carter Bar selbst war hingegen wenig attraktiv, die Umgebung karg und ohne Baumbestand. Ein Stein wies auf den Grenzübertritt hin, und ein kleiner Imbisswagen bot Erfrischungen an.
Rasch fuhren sie weiter nach Jedburgh, dem Etappenziel.
Jedburgh, eine hübsche, etwas altertümliche Kleinstadt, zeigte sich von ihrer besten Seite. Auf dem freien Platz vor der Ruine der ehemaligen Abtei aus dem 12. Jahrhundert waren Sonnenschirme aufgespannt. Einige Menschen saßen dort und genossen den warmen Sommertag. Manfred und Heike, die hier schon vor zwei Jahren waren, konnten sich den Umweg über das Büro für Touristeninformationen sparen. Sie fuhren in die Castlegate, eine Straße, die direkt auf ein altes Kastell führte, das heute als Gefängnis genutzt wird. Doch dort wollten sie die Nacht nicht verbringen, sondern im Haus der Familie Walker. Glücklicherweise war Mrs Walker zu Hause. Sie erkannte die beiden gleich bei der Begrüßung wieder. Wie sich herausstellte, waren die vier die einzigen Gäste im Hause, und so trafen sich alle im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer wieder, nachdem man sich etwas erfrischt hatte.
„Sag mal, willst du jetzt Geschichtsunterricht halten, oder haben wir Urlaub?“, unterbrach Heike Manfred, der die wechselhafte schottische Geschichte zum Besten geben wollte.
„Aber ich wollte doch nur …“
„Ach, komm, sei ein Schatz. Ein anderes Mal. Wie steht’s denn mit eurem Hunger?“
Begeistertes Kopfnicken beantwortete die Frage nach einem Restaurantbesuch. Sie spazierten vorbei an der von der glutroten Abendsonne angestrahlten Abteiruine und erreichten ein hübsches Lokal in der Nähe des kleinen Platzes mit den Sonnenschirmen. Das Essen war entgegen der allgemeinen Befürchtung weitaus besser als der Ruf der britischen Küche.
Beim anschließenden Pub-Besuch kamen dann auch die beiden ‚Britannien-Neulinge‘ in den ‚Genuss‘ britischen Bieres. Doris hatte schon nach einem Schluck genug und begnügte sich mit Limonade. Heike hatte sich schon in weiser Voraussicht ein ‚Shandy‘ bestellt, also halb Bier, halb Limonade. Horst wagte sich recht skeptisch an ein Glas dunkles Bier, das hier landesüblich mit wenig Schaum randvoll gefüllt war. Seine Miene verriet, dass ihm dieser herbe bis bittere Geschmack nicht sonderlich zusagte. Allein Manfred lebte so richtig auf. Endlich wieder gutes dunkles Bier. So war es nicht verwunderlich, dass er um 23 Uhr, als der Pub auf die Minute genau schloss, recht abgefüllt war. Kaum in der Castlegate angelangt, fiel er in sein Bett und sank in bleiernen Schlaf.
Ein ganz normaler Urlaubstag ging zu Ende, und nichts ließ darauf schließen, dass dies nur noch wenige Stunden so sein würde.
„Hey, du Faulpelz! Aufstehen!“ Heike zog Manfred die Decke weg, nachdem sie es schon dreimal auf die ‚sanfte‘ Tour vergeblich versuchte hatte. Das unwillige Brummen aus den Tiefen des Bettes wurde nur noch lauter. „Na gut, ich kann auch anders!“
Im Handumdrehen hatte sie einen nassen Waschlappen in der Hand und warf ihn aus kürzester Entfernung ihrem Göttergatten ins Gesicht. Ins tiefste seiner heute Morgen so empfindlichen Seele getroffen, brüllte er auf. Schneller als Heike es vermuten konnte, schnellte er aus der Horizontalen auf, um diese unverschämte Person zu schnappen. Aber noch ehe seine Hände nach ihr greifen konnten, hielt er inne und verdrehte die Augen. Mit herzerweichendem Jammern und schmerzverzogenem Gesicht sank er langsam zurück.
„Oh, Scheiße, mein Schädel“, stöhnte er.
„Wer saufen kann, kann auch aufstehen“, entgegnete Heike ungerührt, „komm jetzt, es ist gleich 10 Uhr. Wir wollen frühstücken. Horst und Doris warten schon.“
„Oh Gott, hör’ bloß auf. Essen … oh Himmel, ist mir schlecht“, Manfred wurde zusehends blasser, „was heißt hier eigentlich saufen?“
„Na, du warst doch gestern Abend, wie sagt man so schön, abgefüllt.“
„Ach komm, so viel war’s doch auch nicht.“
„Und wovon, bitte schön, kommt deine beschädigte Kondition heute Morgen? Na, komm schon.“
Heike strich Manfred sanft über die in alle Himmelsrichtungen stehenden Haare.
„Oh, nicht so fest“, kam es darauf von unten.
„Geh unter die Dusche, das hilft dir bestimmt.“
Eine Viertelstunde später blickten drei amüsiert grinsende Augenpaare einen mit sich kämpfenden Manfred an. Zu allem Unglück hatte ihm Horst, als er den Frühstücksraum betrat, herzhaft auf die Schulter geklopft und sich nach seinem Befinden erkundigt. Eine Antwort bekam er nicht. Der kühle Orangensaft tat allen gut. Als Mrs Walker jedoch mit vier Tellern hereinkam, auf denen Spiegeleier mit Speck noch leise vor sich hin brutzelten, war Manfred verschwunden.
Nach dem Frühstück begaben sich die drei vor die Tür zu Manfred, den die frische Luft sichtlich aufbaute. Leider drückte der wolkenverhangene Himmel und der Nieselregen die allgemeine Stimmung. Außer Horst, der natürlich sofort am ersten Tag zum Angeln wollte, hatte keiner so recht Lust, irgendetwas zu unternehmen. So sprach sich die Mehrheit für eine Weiterfahrt aus. Die Frage war nur wohin? Doris warf in die Diskussion ein, dass sie so gerne einmal eine Gegend kennen lernen würde, die der Ex-Beatle Paul McCartney in einem Lied besungen hatte. Die Mull of Kintyre.
„Das Lied hab ich auch schon mal gehört“, meinte Manfred, der langsam wieder munter zu werden schien, „da kenne ich eine prima Tour, wo wir angeln und auch golfen können.“
„Na gut“, sagte Horst, „von mir aus, fahren wir also weiter. Aber dann möchte ich auch einmal etwas länger an einem Ort bleiben. Nur mit dem Auto rumzukutschieren, ist nicht mein Fall.“
„Das wollen wir ja alle nicht“, entgegnete Manfred, „also passt auf. Wir fahren von hier nach Gretna Green. Dort ist die alte Heiratsschmiede. Wenn ihr wollt, könnt ihr es euch ja dort noch einmal überlegen.“
„Was?“, fragte Horst, der anscheinend wieder einmal auf der Leitung stand.
„Vergiss es“, sagte Doris schnell mit einem wütenden Blick zu Manfred hin, „hast du keine erfreulichere Streckenführung?“
„Is’ ja gut. Es gibt dort sowieso nicht viel zu sehen. Wir werden heute in Ayr übernachten.“
„Und was schätzt du, wie lange wir bis dorthin fahren müssen?“, wollte sie wissen.
Nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr meinte Manfred: „Jetzt ist es 11 Uhr, wenn wir uns sofort auf den Weg machen, sind wir schätzungsweise um 17 Uhr in Ayr, ohne dass wir uns abhetzen müssen.“
Da keiner etwas einzuwenden hatte, und der Nieselregen ohne Regenschirm nun recht ungemütlich wurde, begaben sie sich auf die Zimmer, um zu packen. Eine halbe Stunde später hatten sie alles in den Fahrzeugen verstaut, und sie verabschiedeten sich, gleich nachdem sie bezahlt hatten, von Mrs Walker und Jedburgh.
Eine bis zu diesem Zeitpunkt ganz normale Urlaubsreise nahm ihren weiteren Verlauf.
Bei mäßigem Tempo zog die Landschaft gemächlich an ihnen vorbei, und sie erreichten in entspannter Stimmung Dumfries. Glücklicherweise hatte der Nieselregen inzwischen aufgehört. Teilweise ließ sich sogar die Sonne etwas blicken. So hatten sie einen schönen Blick auf den Solway Firth, einem Meeresarm, der hier das Land tief einschneidet. Die Sonne ließ das Wasser, das sich zur Linken bis zum Horizont erstreckte, silbrig glänzen. Das ergab zu den noch immer vorhandenen dunklen Regenwolken einen faszinierenden Kontrast; geradezu typisch für Schottland. Hinter Dumfries wurde der Wald von Kilometer zu Kilometer dichter, und das bis dahin so flache Land wurde immer hügeliger. Ein sicheres Zeichen, dass sie sich dem Galloway Forest Park näherten. Sie stellten fest, dass hier sehr viel Arbeit in die Aufforstung der Hügel und kleineren Berge gesteckt wurde. Die gleichmäßige und teilweise ein klein wenig steril wirkende Anordnung des Baumbestandes wirkte etwas störend. Der wundervolle Blick jedoch, der sich von zahlreichen Stellen entlang der Straße bot, ließ über diese Sachen leicht hinwegsehen. Sie wähnten sich beinahe in einem deutschen Mittelgebirge, wäre da nicht die wundervolle Ruhe, die es in Deutschland durch die dichtere Besiedlung selbst in abgelegenen Gebieten kaum noch gibt. Hier konnten sie kilometerweit fahren, ohne einen Menschen oder ein Haus zu sehen.
Leider wechselte diese Idylle dann innerhalb nur weniger Kilometer in das Gegenteil um. Ab Dalmellington kamen sie in eine Gegend, die fast ein wenig an das frühere Ruhrgebiet erinnerte. Die grünen Hügel hatten sie endgültig hinter sich gelassen und die Ortschaften, die zu durchfahren waren, wurden immer zahlreicher. Eng beieinanderstehende schmutzige Häuser bestimmten die Ortsbilder. Ein Blick auf die Karte ließ erkennen, dass sie sich in einem Gebiet mit vielen Zechen befanden.
„Na, ich weiß ja nicht, wo die hier Golfen wollen und wo ich hier angeln soll“, brummte Horst vor sich hin.
„Warte doch erst mal ab. Die werden schon wissen, wo sie hinwollen“, versuchte Doris zu beschwichtigen, obwohl sie selbst alles andere als begeistert von dem war, was sie durch das Wagenfenster erblickte.
Nach Hollybush, der letzten trüben Ortschaft vor Ayr, stieg die Straße leicht an. Oben angekommen stoppten die beiden Wagen.
Der Anblick war überwältigend. Vor ihnen breitete sich, direkt am Meer liegend, Ayr aus. Anscheinend nur einen Steinwurf dahinter, hob sich die Insel Arran majestätisch aus dem Wasser. Ein leichter Dunst ließ sie geheimnisvoll erscheinen.
Da es inzwischen 16:30 Uhr war, machten sie sich auf den Weg zur Touristeninformation, um noch ohne Mühe eine Unterkunft zu erhalten. Die Adresse von einer Mrs Brown, deren Gasthaus in der Prestwick Road stand, wurde ihnen genannt. Auf den ersten Blick war das Haus nicht nach ihrem Geschmack, da es sich direkt an der Hauptverkehrsstraße befand. Nachdem ihnen jedoch Mrs Brown die Zimmer gezeigt hatte, legte sich ihre Skepsis. Alle Räume befanden sich im rückwärtigen Teil des Hauses, und dort war kein Verkehrslärm wahrzunehmen. Nachdem das Gepäck auf den Zimmern verstaut war, entschlossen sie sich einstimmig für einem kleinen Stadtbummel.
Beim anschließenden Pubbesuch hielt sich Manfred auffallend zurück, denn ihm war noch das schlimme Erwachen heute Morgen in bester Erinnerung. So gingen alle ziemlich früh zu Bett, um am nächsten Morgen rechtzeitig munter zu sein.
Am nächsten Morgen begrüßte sie strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Nach dem nun schon fast gewohnten kräftigen Frühstück ließen sie sich von Mrs Brown erklären, wo sie ihren Hobbys nachgehen konnten. Horst, der heute unbedingt angeln wollte, wurde von ihr an die Finanzabteilung der Stadt verwiesen, wo er für fünf Pfund Berechtigungsscheine für den River Ayr erhalten würde. Zufrieden trollte er sich mit Doris aufs Zimmer, um seine Ausrüstung zu holen. Manfred und Heike bekamen einen öffentlichen Golfplatz beschrieben, der sich im etwa zehn Kilometer entfernten Troon befand.
Das Wetter war an diesem Tag für schottische Verhältnisse recht gut. Von Zeit zu Zeit unterbrach ein meist nur fünf Minuten dauernder, kräftiger Schauer den angenehm wärmenden Sonnenschein.
Um 18 Uhr trafen Manfred und Heike wieder im Gasthaus ein. Horsts Wagen stand schon davor, aber die zwei waren so müde, dass sie sich zunächst einmal auf ihr Zimmer begaben, duschten, und sich in Ruhe umzogen. Danach ging Manfred zu Horsts Zimmer und klopfte.
Doris öffnete ihm. „Na, da seid ihr ja endlich!“, sagte sie.
„Wieso? Wie lange seid ihr denn schon da?“
„Komm doch erst mal rein. Wo ist eigentlich Heike?“
„Die zieht sich noch um und kommt nach.“
Manfred ging in das Zimmer und sah Horst auf dem Bett liegen.
„Na, was ist dir denn über die Leber gelaufen? Hast wohl nichts gefangen?“
„Scherzkeks“, brummte Horst, „was willst du denn in dieser Dreckbrühe fangen? Konservendosen oder alte Plastiktüten?“
„Komm, nun mach mal halblang. Du willst mir doch nicht erzählen, dass es hier so schmutzig ist wie im Main?“
„Na, dann frage mal Doris. Um 12 Uhr waren wir schon wieder hier’.“
Doris nickte nur.
„Das tut mir leid für euch, aber wenn ich es mir recht überlege, dann hätten wir das eigentlich vorher wissen müssen. Denk mal an die trostlose Gegend, durch die wir kurz vor Ayr gekommen sind. Dort entspringt nämlich der Fluss.“
Es klopfte und Heike kam herein.
„Grüß euch. Na, wie war’s?“
„Frag’ lieber nicht“, antwortete Manfred schnell.
„Wie war es eigentlich bei euch?“, versuchte Doris nun das Thema zu wechseln.
„Mensch, das war ganz große Klasse. Wir haben sogar zwei Runden gespielt. Das haben wir zu Hause noch nie geschafft“, begeisterte sich Heike. „Wenn ihr wollt, dann könnt ihr morgen gern mitkommen.“
„Na ja, ehe ich mich noch einmal an diesen Fluss setze, komme ich lieber mit euch. Aber irgendwann möchte ich auch mal an richtigen sauberen Gewässern angeln können. Die soll es hier doch auch geben.“
„Warte mal ab, bis wir drüben auf Kintyre sind. Dort gibt es keine Zechen oder Industrie wie hier. Da kannst du bestimmt so viel angeln, wie du willst. Komm jetzt! Mach nicht mehr so eine finstere Miene. Lass’ uns essen gehen.“
Das Abendessen ließ auch bei Horst die Stimmung bald wieder steigen. Bei dem nun schon fast obligatorischen Pubbesuch wurde dann über den Fortgang des Urlaubs beraten. Morgen wollten alle nach Troon fahren, um Golf zu spielen, obwohl Doris und Horst noch nie einen Schläger in der Hand gehabt hatten. Weiterhin wollten sie sich erkundigen, wie sie von hier am besten nach Kintyre kämen. Dorthin sollte es dann übermorgen gehen, und es wurde beschlossen, dann mehr Aufmerksamkeit auf eine Angelmöglichkeit für Horst zu legen, damit er auch zu seinem Vergnügen kam.
Leichter Dunst lag über dem Land. Die Sonne verbarg sich hinter einer grauen Wolkendecke, als Manfreds Wagen in Troon ankam. Den beiden Golfneulingen bot sich ein Anblick, den sie in Deutschland mit Sicherheit nicht erleben konnten. Neben dem Parkplatz befand sich das Clubhaus mit ganz normalen Ausmaßen. Dahinter jedoch lag ein ein riesiges Areal, auf dem sich drei — ja, drei! – Golfplätze befanden. An einem kleinen Starterhäuschen mussten sich die ankommenden Spieler melden. Dort bezahlten sie ihr Greenfee. Vor diesem kleinen Häuschen befanden sich dann die ersten Abschläge dieser drei Kurse. Alleine schon aus Platzgründen eine Unmöglichkeit in Deutschland. Manfred bezahlte die in Schottland sehr geringe Gebühr. Da wenig Betrieb war, durften sie auch sofort an den Start. Auf der ersten Bahn betrachteten sich Doris und Horst erst mal, wie es ihnen die beiden ‚Golfprofis‘ vormachten. Auf der zweiten Bahn nahmen sie dann selbst einen Schläger in die Hand. Leider mussten sie erkennen, dass es gar nicht so einfach war, wie es aussah. Horst packte rasch der Ehrgeiz, weil er so oft über den Ball schlug.
‚Was der kann, das kann ich schon lange‘, dachte er, rückfallend in alte Rivalität, während er Manfred beobachtete. Den vor ihm liegenden Ball versuchte er förmlich zu hypnotisieren. ‚Die ganze Zeit habe ich drüber gehauen. Jetzt zeig ich’s ihnen.‘
„Suchst du nach Erdöl?“, grinste Doris schadenfroh.
Horst hatte wild ausgeholt und dann eine riesige Grasnarbe aus dem Boden geschlagen. Jetzt verdrehte er die Augen und hielt sich seine Hand.
„Arschloch!“, rutschte ihm da heraus. „Entschuldigung“, fügte er schnell hinzu und beschloss, dass ihm Angeln doch besser gefällt. Und dann war Doris auch noch besser als er – verkehrte Welt.
Später nahmen die vier im Clubhaus ihr Mittagessen ein und fuhren anschließend zurück nach Ayr. Dort erkundigten sie sich im Büro der Touristeninformation nach dem besten Weg zur Mull of Kintyre. Die kürzeste Verbindung, für die sie sich schließlich auch entschieden, war mit der Fähre von Ardrossan nach Brodick auf Arran. Von dort setzte dann etwas später von Lochranza eine Fähre nach Claonaig auf Kintyre über. Von Ardrossan aus legte alle zwei Stunden ein Schiff ab.
Nach kurzer Unterredung entschlossen sie sich, am nächsten Tag früh um 10 Uhr die Fähre zu nehmen. Sie ließen sich gleich die Tickets ausstellen, um einen Platz sicher zu haben.
Da die nächste Fähre, die im Nordwesten der Insel von Lochranza nach Claonaig die Wagen übersetzen sollte, erst in zweieinhalb Stunden ablegen würde, stimmten sie ab,
