Passader Erzählungen - Harald Berger - E-Book

Passader Erzählungen E-Book

Harald Berger

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sven Langer führte kein sehr aufregendes Leben. Mit seiner Frau Margot lebte er in einem Frankfurter Vorort. Die Langeweile, die sich im Laufe der Jahre in ihr Leben eingeschlichen hatte, förderte Svens Wunsch nach Abwechslung. Und so beschlossen sie, sich gemeinsam einer Freizeitbeschäftigung zu widmen, die ihnen beiden Spaß machte. Erwartungfroh wurden sie Mitglied im neuen Tennisclub. Sven ahnt nicht, dass dieser Schritt ihm das wohl verrückteste Abenteuer seines Lebens beschert … Nach seinem ersten Roman "EIN SCHÖNER URLAUB IN SCHOTTLAND" unterhält Harald Berger seine Leser im vorliegenden Buch wieder mit einer nicht ganz alltäglichen Geschichte. Die sich dennoch tatsächlich ereignet haben könnte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



© 2017 Harald Berger

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Taschenbuch:

978-3-7345-9159-4 (Paperback)

ISBN Hardcover:

978-3-7345-9160-0 (Hardcover)

ISBN e-Book:

978-3-7345-9161-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar ist. Aus drucktechnischen Gründen kann es sein, dass Farbseiten im Ausland als schwarz-weiß gedruckt werden. Hierauf haben wir leider keinen Einfluss.

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der Autor wurde 1954 in Frankfurt am Main geboren. Dort besuchte er die Schule, die er mit der mittleren Reife abschloss. Danach erlernte er den Beruf des Reproduktionsfotografen in einer Frankfurter Druckerei. Nachdem er sich. als Zeitsoldat bei der Bundeswehr verpflichtet hatte, ging es in die fliegerische Ausbildung an der Heeresflieger Waffenschule in Bückeburg. Leider musste er dann, nach relativ kurzer Zeit, sein Laufbahnziel aufgeben und er entschied sich dafür, nach 15 Monaten Grundwehrdienst wieder in seinen erlernten Beruf zurück zu kehren. Das war am Anfang der 80er Jahre und auch die Zeit in der er mit dem Schreiben begann , zwar nicht sehr konsequent, aber immer wieder zog es ihn zurück an seine erste Geschichte. Mit der Zeit gesellten sich dazu diverse Kurzgeschichten, und ein zweiter Roman entstand, aber auch diese Texte Verschwanden bis auf weiteres im Schreibtisch des Autors. Bis eines Tages, nach der Lektüre des ersten Romans eine Leserin so lange auf ihn einredete, mit Sätzen wie z. B: „ So etwas darf doch nicht bei dir im Schreibtisch vergammeln, das musst du veröffentlichen.“, bis er endlich damit anfing einen passenden Verlag zu suchen.

Ich bin sicher, nun hat er ihn gefunden.

Er lebt heute in der wunderschönen Südpfalz, gemeinsam mit seiner Ehefrau und dem Parson Russel Terrier „Cooper“.

Harald Berger

Passader Erzählungen

Passader Erzählunge

„Wann Sie Ihne Ihr Fies net woannerst hiestelle due, dann waas isch nett, ob ich misch noch weiter behersche kann,” polterte ein älterer Mann unwirsch seinen zeitungslesenden Nachbarn an.

Als dieser verwundert von seiner Morgenlektüre aufblickt, fügte er im beleidigten Ton hinzu:

„Ei, zum dritte Mal habbe Sie mer nun schon mit Ihne Ihre Quadratlaatsche uff mei Fies gedappt!” „Entschuldigung”, murmelte der Beschuldigte zurück und drehte sich etwas weg, um seine Zeitung weiter zu lesen. Mittlerweile fuhr der Zug in den nächsten U-Bahnhof ein und bremste. Bestimmt um die verlorene Zeit wieder einzuholen vollzog dies der Fahrer ein wenig zu forsch. Alle Fahrgäste, speziell die stehenden, wurden durch dieses Bremsmanöver etwas unsanft von den eingenommenen Plätzen bewegt. Als alles zur Ruhe gekommen war, hörte man nur:

„Verdebbel noch emal, dess war des ferte Mal, isch glaab...”.

Aber der so gescholtene war schon durch die offene Tür im Gewimmel des Bahnsteigs verschwunden.

‘Ist schon toll was man so alles erleben kann, wenn man U-Bahn fährt’, dachte Sven, der diese Szene aus nächster Nähe miterlebt hatte. Schon lange war er nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Aber seit sein Wagen vor drei Tagen in seiner Tiefgarage ausgebrannt war und er selbst nur haarscharf diesem Inferno entkommen konnte, war dies zu seinem bevorzugten Verkehrsmittel geworden.

Heute ging es dann noch für die nächsten Tage, besser gesagt für den Rest der Woche, zu einem Fortbildungsseminar in München. So fuhr er zu seinem Arbeitsplatz; einer florierenden Filiale des Superkauf-Konzerns in einem östlichen Vorort, deren Filialleiter er war.

‘Warum habe ich das denn nicht öfter gemacht? Geht doch eigentlich ganz flott?’, ging es ihm durch den Kopf, als er nach dem Umsteigen sofort Anschluss hatte und nach vier weiteren Stationen auf den Bahnsteig trat. Von hier waren es nur noch wenige Schritte zur Filiale. Zeitlich gesehen war er fast noch schneller als sonst mit dem Wagen. Weiter dachte er nicht, denn sonst wäre es ihm noch mehr in die Knochen gefahren, dass heute kein Tag wie jeder andere war. Aber daran versuchte er jetzt nicht zu denken.

Wie üblich schloss er um kurz vor sieben die Ladentür auf. Er wunderte sich, dass gerade als er alle Lichter einschaltete bereits Herr Schubert, sein junger Stellvertreter, herein kam.

„Morgen Herr Schubert. Na, schon so früh auf den Beinen?” fragte er betont aufgeräumt. „Na ja, Herr Langer”, meinte Schubert, „an so einem besonderen Tag darf ich doch nicht zu spät kommen, oder?” Sven wurde es heiß und fragte:

„Wie meinen sie das?“

„Nun, Ihr Seminar. Sie fahren doch heute Nachmittag weg. Ich bin sicher, Sie haben mir noch eine Menge zu erklären, schließlich möchte ich Sie ja den Rest dieser

„Woche gut vertreten.” Das werden Sie, da bin ich ganz sicher”, antwortete Sven, wobei die Hitzewallung abebbte.

’Ist doch gar kein Grund vorhanden’, dachte er, ’wieso soll ausgerechnet er darauf kommen?’

Sven nickte seinem Mitarbeiter wohlwollend zu, sagte ihm noch, dass sie sich um zehn Uhr zusammensetzen werden um alles zu besprechen und begab sich zu seinem Büro im hinteren Bereich des Supermarktes. An seinem Schreibtisch platzgenommen atmete er erst einmal tief durch. Dann sah er sich um. Schon seltsam, wie er in seiner Lage die Dinge bewertet.

Noch viel schlimmer ging es ihm vorhin, als er die Wohnung verließ. Margot lag noch im Bett, schlief tief und fest. Schon lange stand sie morgens nicht mehr auf, um das Frühstück mit ihm einzunehmen. Aber daran gewöhnt man sich im Laufe der Zeit. Ganz langsam schlenderte er durch die Zimmer, saugte den Anblick jedes bekannten Winkels tief in sein Innerstes auf. Das Bild auf dem Fernsehgerät, dass Margot und er bei einem Fotografen hatten machen lassen, sah er sehr lange an. Sie stand hinter ihm und hatte ihre Arme auf seine Schultern gelegt. Beide lächelten gelöst in die Kamera. Ihm schien es, als sei es gestern aufgenommen.

Dann ging er zügig zur Garderobe. Ein Gefühl der Wehmut und tiefen Trauer kroch in ihm hoch. Er legte seinen Schal um, zog seinen Trenchcoat an, griff zum Aktenkoffer und Hausschlüssel. Die Schritte zur Wohnungstür fielen ihm sichtlich schwer. Seine Knie zitterten, die Beine versagten fast ihren Dienst und er glaubte, in diesem Moment all die Kraft zu verlieren, die er nun so dringend benötigte, um all dem gewachsen zu sein. Auf der Flurmatte dreht er sich noch einmal um, warf einen Blick zurück und er merkte, wie er schlucken musste, ja sogar Tränen in seinen Augen hatte.

’Es ist alles wie immer, du gehst zur Arbeit wie jeden Tag’, sagte er sich und half sich so für einen Moment über diesen Punkt hinweg.

Die ersten Schritte auf der Straße ... alles war wie immer.

Alles, nur das U-Bahn fahren nicht. Aber deswegen muss man sich doch nicht verrückt machen, auch das Seminar wird doch nur kurze Zeit dauern. Am Montag kommender Woche wird er wieder hier sein, hat er Margot erzählt. Sie wird auch ein paar schöne Tage haben, da sie zu ihrer Freundin fahren wird um das Wochenende dort zu verbringen.

Da saß er nun in seinem Büro und alles war wie immer. Seine Mitarbeiter waren inzwischen vollzählig eingetroffen, was sich durch Geschnatter und Lachen aus dem Aufenthaltsraum bemerkbar machte.

Der Morgen verlief dann tatsächlich ohne Aufsehen. Ein ganz normaler Arbeitstag nahm seinen Lauf und Sven wurde sichtlich ruhiger, da ihn seine Arbeit auch ablenkte. Pünktlich um zehn Uhr erschien Herr Schubert bei ihm und es dauerte fast eine Stunde, bis alles durchgegangen war und er sicher sein konnte, dass bis zum Dienstag keine Probleme auftauchen würden.

Alles war wie immer.

Um halb zwölf rief Margot an und wünschte ihm eine gute Reise. Er bedankte sich, bat sie noch von ihm schöne Grüße bei Ihrer Freundin zu bestellen und wünschte ihr ein schönes Wochenende.

Es wurde halb eins. Sven ging zum Italiener um die Ecke, wo er gelegentlich eine Pizza oder etwas Pasta zu sich nahm. Heute genehmigte er sich zu seinen Nudeln einen viertel Liter trockenen Rotwein. Mit Patrone Alfredo, ein kleiner, rundlicher Mann mit unverkennbarem italienischem Akzent, wechselte er noch ein paar Worte und genoss dabei ein weiteres viertel Wein.

Zum Abschied kam der Kellner und stellte ihm noch ein kleines Gläschen Grappa auf den Tisch mit den Worten:

„Prego Signore, vonne Szcheffe, auffe Hausse.“

Sven prostete Alfredo zu, der dies mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte.

Als er das kleine Restaurant verließ, fühlte er sich prächtig.

Alles war wie immer.

Der große Zeiger der Uhr in seinem Büro hatte sich entschlossen, eine weitere Stunde zu beenden, auf die Zwölf zu springen und somit punkt drei Uhr anzuzeigen. Sven erhob sich, sah sich noch einmal um, ob auch wirklich alles so aufgeräumt war, wie es sein sollte. Allerdings war dies kein Blick wie am Morgen in der Wohnung, sondern tatsächlich reine Routine. Er winkte Schubert herbei und bat ihn die Geschäfte nun zu übernehmen.

„Ich muss noch mal in die City zur Bank. Von da aus fahre ich zum Hauptbahnhof. Herr Schubert,” sagte er, „machen Sie’s gut. Passen Sie auf den Laden hier gut auf; aber was sage ich da, ich weiß dass Sie das schon richtig machen.”

Schubert strahlte und meinte:

„Machen Sie es gut, Chef. Keine Angst, ich werde das schon schaukeln. Gute Reise wünsche ich Ihnen und ein paar schöne Tage in München; nicht nur Arbeit, versteht sich.”

„Danke, Herr Schubert,“ antwortete Sven und hatte dabei wieder dieses komische Gefühl von heute Morgen in der Magengegend. Er lies die Schlösser seines Aktenkoffers zuschnappen und zog seinen Mantel an. Als er durch den Verkaufsraum nach draußen ging, verabschiedete er sich noch von allen anderen Mitarbeitern. Dann stand er auf der Straße und alles war wie immer. Die Fassaden, die vorbeihastenden Menschen, der Verkehr und die schlechte Luft, einfach alles.

Nur ihm, nein, ihm war nicht wie immer zu Mute.

Sven nahm wieder die U-Bahn, um zur Innenstadt zurückzukommen.

An der Hauptwache angekommen schlenderte er zunächst scheinbar ziellos umher. Eine Hand hatte er tief in seiner Manteltasche vergraben, in der anderen trug er seinen Aktenkoffer. Über eine halbe Stunde vertrödelte er so die Zeit. So langsam musste er nun Taten folgen lassen.

Noch konnte er zurück, ohne Schwierigkeiten und Probleme. Ein schönes Wochenende in München könnte er sich machen. Niemand würde etwas bemerken, na, sagen wir fast niemand.

Alles um ihn herum war wie immer. Selbst das miese Wetter konnte ihn heute nichts anhaben. Langsam lenkte er seine Schritte, da die Uhr nun schon fast halb vier anzeigte auf ein großes, auf ein sehr großes Gebäude im Frankfurter Bankenviertel zu. Sven sah nach oben und es schien, also ob die glänzende Fassade der oberen Etagen die rasch dahinziehenden Wolken verschlingen würden. Er atmete tief durch. Dann schritt er die Stufen des Eingangsportals hinauf.

Er war nervös wie noch nie zuvor in seinem Leben. Noch einmal atmete er tief durch, dann trat er auf die Glastür zu.

Fast lautlos glitt die automatische Schiebetür zur Seite. Sven betrat die große Halle, in der geschäftiges Treiben ihn rasch umschloss.

Zielstrebig ging er auf den wohlbekannten Schreibtisch zu, hinter dem ihn eine freundliche junge Dame begrüßte:

„Guten Tag Herr Langer, schön dass Sie uns mal wieder beehren. Heute alleine? Wo haben Sie denn Ihre Frau gelassen?“

Sven erwiderte Ihren Gruß mit einem Nicken und meinte dann:

„Och, meine Frau ist schon zuhause. Sie hatte keine Lust mit dem vielen Geld mit mir durch die Stadt zu marschieren..“

„Mit dem vielen Geld? Na, da wollen Sie wohl Ihrem Konto wieder mal etwas Gutes tun, oder?“

„Äh, nicht ganz. Genauer gesagt, im Gegenteil. Ich möchte einen größeren Betrag abheben.“

„Wieviel soll’s denn sein, Herr Langer?“

„Nun ja”, meinte Sven und zögerte ein wenig, wobei er dem fragenden Blick der Bankangestellten beflissentlich auswich, „ich werde insgesamt 73.000,- Euro abheben. Meine Papiere hatte ich ja bereits gekündigt und das Geld ist mittlerweile auf meinem Konto eingetroffen. Diese Summe und von allen anderen Konten nehme ich noch 30.000,- Euro mit, macht 73.000,- Euro.“

Die Augenbrauen der noch immer freundlichen Dame hoben sich leicht und sie meinte:

„Das alles bar?“

Zwischen zusammengepressten Lippen lies sie langsam Luft ab.

„Nun ja, Herr Langer, im Grunde genommen kein Problem. Sie haben Verfügungsberechtigung für alle Konten. Aber bedenken Sie doch bitte die Vorschusszinsen, die wir Ihnen teilweise berechnen müssen. Sie haben doch nicht etwa vor Ihr Geld an anderer Stelle anzulegen? Ist irgendetwas nicht in Ordnung? Sind Sie mit uns nicht mehr zufrieden?“

„Nein, nein,“ meinte Sven da beschwichtigend, „ich bin mit Ihnen sehr zufrieden und habe keinen Grund zur Klage.“

„Aber bei einem solchen Betrag ... das ist ja die Hälfte Ihres gesamten Guthabens bei uns ... Und sie wollen wirklich alles bar in Empfang nehmen? Sie verstehen, da wundere ich mich schon, dass.....“

„Nun passen Sie mal auf, Frau Wenzel”, fiel ihr Sven in einem scharfen Ton ins Wort, „es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie sich Gedanken machen. Aber meinen Sie nicht, dass Sie wohl etwas zu weit gehen? Entweder ist das mein Guthaben, über das ich frei entscheiden kann, oder ich war bis heute wirklich beim falschen Institut. Ich habe eine Verfügungsberechtigung über alle Konten. Ich bin Ihnen doch wohl keine Rechenschaft darüber schuldig, wann und wieviel ich von hier mitnehme, oder? Muss ich erst mit Ihrem Vorgesetzten reden? Die Vorschusszinsen zahle ich selbstverständlich. Also bitte, bekomme ich nun das Geld oder nicht?“

Sichtlich erschrocken ob dieser überaus scharfen Attacke fragte sie nur:

„Wirklich in bar??“

„Ja, in bar. Jetzt und sofort!“ Sven klang sichtlich gereizt, er selbst war nervös bis in die Haarspitzen.

„Wie Sie meinen, Herr Langer. Einen kleinen Moment bitte.“

Die Dame sah sich kurz um. Niemand hatte von diesem kleinen Disput Notiz genommen, obwohl Sven recht laut geworden war. Sie füllte einige Formulare aus, die sie Sven nach einiger Zeit wortlos zur Unterschrift herüberschob. In einer betont ruhigen Tonlage sagte sie:

„So, Herr Langer, das hätten wir. Seien Sie bitte vorsichtig mit dem vielen Geld in der Tasche. Und bitte entschuldigen Sie meine Fragen, ich wollte doch nur ...“

Sie stand auf um kam um ihren Schreibtisch herum. Sven erhob sich.

„Schon gut, schon gut,“ meinte Sven und legte seine Hand auf ihre linke Schulter,

„Ich verstehe Ihre Bedenken vollkommen. Glauben Sie mir, ich werde schon aufpassen. Das Geld ist in guten Händen – versprochen.“

„Wenn ich Sie dann zur Kasse bitten darf?“

„Sie dürfen.“

Gemeinsam gingen beide zur mit dickem Panzerglas geschützten Kabine, hinter der ein Angestellter seiner verantwortungsvollen Beschäftigung nachging.

„Tag Herr Langer. Na, das ist aber ein fetter Brocken den Sie sich abholen. Wohl im Lotto gewonnen, wie? Ha, ha, ha!“

„Ja, ja,“ sagte Sven, „sechs Richtige. – Gewonnen. Ja, ja.“

„Na, dann herzlichen Glückwunsch. So, dann wollen wir mal.“

Er begann Sven 500 Euro Banknoten auf den Kassentisch zu zählen. Die letzten 15000,- Euro ließ Sven sich in kleineren Scheinen aushändigen. Unruhig wanderten seine Augen umher, sich dessen bewusst, was er tat, und trotzdem unsicher, ob er es nicht eines Tages bereuen wird, bereuen muss. Als das Geldbündel verstaut war wand er sich der Sachbearbeiterin zu , die noch immer an seiner Seite stand und ihn sichtlich irritiert ansah.

„So, Frau Wenzel, das war’s. Haben Sie besten Dank für alles, und nichts für ungut.”

„Nichts zu danken, Herr Langer. Grüßen Sie Ihre Frau von mir. Tschüß, bis zum nächsten Mal.”

Sven reichte ihr die Hand und drückt sie lang und fest. Dann sagte er:

„Leben Sie wohl, Frau Wenzel.”

Nach einem langen, ernsten Blick ließ er die Hand los, drehte sich abrupt um und verließ mit forschem Schritt die Schalterhalle in der City von Frankfurt. Zurück blieb eine junge Frau, die das ungewisse Gefühl hatte, diesen Mann heute zum letzten Mal gesehenen zu haben.

‘Noch nie hat er lebe wohl gesagt’, dachte sie für sich. Irgend etwas stimmte nicht, dass fühlte sie an ihrer Hand, die sie langsam über ihr Kostüm strich, um sich den Schweiß von Svens Hand abzuwischen. Aber für Sven Langer war in diesem Moment die Welt in Ordnung? Oder träumte er es nur?

Als er wieder durch die Schiebetür ins Freie trat und ihm der schon empfindlich kühle Spätherbstwind ins Gesicht blies, blieb er erst einmal stehen. Zwei bis drei Mal atmete er tief ein, so als wolle er seinem Körper neue Kräfte verleihen. Seine Hand tastete vorsichtig zur Brustpartie, wo sich unter seinem Trenchcoat die zum Bersten gefüllte Brieftasche scheinbar schützend über sein Herz gelegt hatte. Nun endlich merkte er, wie sich sein Puls und sein Herzschlag wieder auf eine normale Frequenz einpegelte.

Der erste Schritt war vollbracht, der erste Schritt, wohl der schwerste seines bisherigen Lebens. Ein Schritt, der viele Konsequenzen nach sich ziehen wird, die meisten sicherlich zu seinem Nachteil, das wusste er nur zu genau.

Zu oft hatte ihm das Leben in der Vergangenheit gezeigt, dass Fehler, welcher Art auch immer, sich irgendwann einmal rächen werden. Wurden sie nun aus Dummheit, Unwissenheit oder aus anderen Gründen gemacht, zahlen musste man immer. Früher oder später, viel oder wenig. Sven hoffte nun, dass für ihn das früher oder später wider besseres Wissen nicht zutreffen wird. Also doch ein Träumer? Eigentlich nein, zu eindeutig waren die Erlebnisse in der Vergangenheit.

Sven, dem der Wind die graumelierten Haare zerzauste, während er die Stufen des Eingangsportals der Bank langsam hinunterging, ist eigentlich ein Typ, der mit beiden Beinen im Leben steht. Zufrieden mit seinem Beruf, kein Karrieretyp, nein, aber ein harter Arbeiter, der sich für eine Sache engagieren kann. Überstunden sind ihm nicht fremd; stets bereit, etwas mehr zu tun als andere. Dass es dann doch nicht zum absoluten beruflichen Aufstieg reichte, machte ihn nur vorübergehend traurig. Es gibt und gab eben immer noch einen Kollegen, der sich mit mehr Ellenbogen durchsetzte und ihm das Nachsehen gab. So war er mit seinen 41 Jahren noch immer Filialleiter und er hatte sich damit abgefunden, den Zug zu einem Managementjob in der Zentrale nun endgültig verpasst zu haben.

‘Die, die im er mehr wollen, sind dann immer noch unzufrieden, wenn sie mehr haben’, sagt er immer. Ein relativ schwacher Trost für einen, der mit großen Träumen und Zielen in den ersten Jahren seiner Tätigkeit nach dem Ablegen seiner Gesellenprüfung für den Lebensmitteleinzelhandel in einem kleinen Tante Emma Laden in Gießen anfing.

Mit zweiundzwanzig Jahren bekam er die große Chance, nachdem er sich auf eine Anzeige beworben hatte, als stellvertretender Leiter in einer der vielen Geschäftsstellen des großen Superkauf-Konzerns in Frankfurt anzufangen. Nach nur fünf Jahren war er erster Kandidat für eine neu errichtete und aufs modernste ausgestattete Filiale in bester Geschäftslage. Mit Stolz dachte er an seinen ersten Tag am neuen Arbeitsplatz zurück, als er zufällig zwei junge Kassiererinnen tuscheln hörte:

„Guck mal, das ist der neue Chef.“

Er – der Chef, endlich. Aber es sollte noch weitergehen, nach oben selbstverständlich. Jedoch, auch ein Sven Langer musste einsehen, dass dies ein sehr einsamer, dornenreicher, von Neid und Missgunst gespickter Weg war, den nicht jeder ohne Blessuren überwinden kann. Er musste erkennen, dass der Umgang mit Menschen als deren Vorgesetzter bedeutend schwieriger ist, als er sich dies hätte träumen lassen. Die Jahre vergingen, die Routine wuchs, Probleme bekam er in den Griff. Aber im Laufe der Zeit verlor er auch seinen Hunger. Den Hunger, den man unbedingt braucht, um weiterzukommen, wenn man die Leiter hinauffallen möchte. Er war ganz einfach mit sich und seinem Leben zufrieden; musste damit zufrieden sein, denn höhere Ziele waren inzwischen zur Utopie geworden. Die Umsatzzahlen eines jeden Monats waren mehr als zufriedenstellend, zuhause wartete Margot, mit der er nun schon siebzehn Jahre verheiratet war. Der Freundeskreis war vielschichtig; man traf sich, ging ins Theater, feierte Partys, machte Ausflüge und gemeinsame Urlaube, oder aber man sah sich im Tennisclub, dem Sven und Margot vor drei Jahren beitraten. Alles in allem ein glückliches, zufriedenes Leben. Zwar ohne Höhen und Tiefen, dafür aber auch ohne Ecken und Kanten. Was sollte er auch schon anstellen. Er, ein ausgesprochener Durchschnittstyp, liebenswert nett aber eben nichts Auffälliges. Einer, dessen Gesicht man sich nicht unbedingt merkt, einer von vielen.

Und nun das!

Sven schlug den Mantelkragen hoch als er den Bürgersteig erreichte und versenkte beide Hände wieder tief in seine Taschen. Da wurde ihm heiß.

Sein Aktenkoffer!!

Sofort machte er sich auf den Weg zurück in die Schalterhalle und ging so schnell er konnte, ohne als Jogger Aufsehen zu erregen, zum Schreibtisch von Frau Wenzel. Diese war gerade damit beschäftigt einen Anruf in die Wege zu leiten. Ihr rechter Zeigefinger tanzte über die Tastatur ihres Telefons.

„Frau Wenzel,“ sprach sie Sven ohne abzuwarten an.

Sie sah auf und drückte umgehend einen Knopf am

Telefon. Sven meinte:

„Ich glaube ich habe ...“

„.... Ihren Koffer bei mir stehen gelassen,“ sagte Frau Wenzel lächelnd und legte den Hörer wieder auf, „gerade wollte ich Ihre Frau anrufen, um ihr von Ihrem Missgeschick zu berichten und dass ich den Koffer in sicherer Verwahrung habe.“

Sven wurde siedend heiß.

„Na, da bin ich aber froh, dass Sie ihn gefunden haben. Sind wichtige Papiere drin, verstehen Sie?“ Sven war sichtlich nervös und vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen.

„Ist ja nichts passiert,“ meinte Frau Wenzel und griff unter Ihren Schreibtisch, „hier ist das gute Stück.“

Sven nahm den Aktenkoffer in Empfang, bedankte sich bei Frau Wenzel und wünschte Ihr nochmals alles Gute. Möglichst schnell verließ er dann die Schalterhalle, begleitet von Frau Wenzels leichtem Kopfschütteln. Er trat ein weiteres Mal ins Freie.

Nun lenkte er sofort seine Schritte zur Hauptwache hin, ohne sich jedoch für die Geschäfte oder das hektische Treiben um ihn herum zu interessieren. Die große Uhr der Katharinenkirche zeigte fünfzehn Minuten nach vier Uhr an. Noch immer blies der kalte Wind, der zeitweise mit einem feinen Sprühregen vermischt war, unerbittlich durch die Straßen. Nasses Laub, von kalten Böen erfasst, purzelte oder segelte vorbei. Ein letztes Aufbäumen des Herbstes, der die einstige Sommerpracht der Bäume vor sich her trieb, bevor sie auf dem nassen Asphalt kleben blieben. Ein Wetter, bei dem sich jeder nur mit sich selbst beschäftigt, mit hochgeschlagenen Mantelkragen hastig durch die Straßen drängte, um möglichst schnell an seinem Ziel zu sein.

Schnell ans Ziel gelangen, ja, das wollte Sven auch. Jedoch weder seine Filiale, die zu dieser Zeit selbstverständlich noch geöffnet war, noch der Hauptbahnhof, von dem ihn ein Zug nach München hätte bringen können, noch seine kleinen Eigentumswohnung am nord-westlichen Rand von Frankfurt waren sein eigentliches Ziel. Nein, zielstrebig ging er nun auf einen Taxistand zu. Der Fahrer des ersten Wagens faltete rasch seine Zeitung zusammen, als er den vermeintlichen Fahrgast auf seinen Mercedes zukommen sah.

„Sind sie frei”, fragte Sven.

„Klar Chef, isch hab nur uff Sie gewatt,“ antwortete der junge Mann in fließendem Frankfurter Dialekt, „wo soll dann die Weltreis’ higehe?“

„Zum Hauptbahnhof, bitte”, antwortet Sven und schickt sich an im Fond platz zu nehmen.

„Also horschese mal, Chef. Zum Hauptbahnhof, da kannste von hier ach hielaafe, da muss ich mich net dorsch de Verkehr quäle, gelle. Also, was is?“

„Na, so beruhigen Sie sich doch Mann. Erst mal zum Hauptbahnhof, dort warten Sie bitte und fahren mich dann zum Flughafen, okay?”

„Naa, naa, die Scherze kenne mer. Kaam biste im Hauptbahnhof verschwunne, kann ich mer mei Geld aus de Rippe schneide. Ei, wo komme mer dann da hie, he?“

„Im Gegenteil, junger Mann”, sagte Sven beschwichtigend, wobei er seine Geldbörse hervorzog, „Sie können mir sogar sehr behilflich sein. Ich brauche nämlich jemanden, der mir mein Gepäck tragen hilft.“

„Aber werklich, Chef, ich bin Taxifahrer un kaan Gepäckträscher der...“

„Reicht dies fürs erste?“ Sven wedelte einen Fünfzigeuroschein, den er zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt hatte.

„Nochmals das Gleiche wenn Sie mich so wie ich mir das vorstelle zum Flughafen bringen. Als Trinkgeld versteht sich.“

Das Gesicht des Taxifahrers erhellte sich schlagartig.

„Aber klar doch Chef, selbstverständlich, Chef,“ pflichtete ihm der Taximann zu, wobei er erstaunlich flink die Geldnote in seinen Besitz brachte, den Motor startete und sich in den fließenden Verkehr einfädelte. Trotz der nur geringen Entfernung von der Hauptwache zum Hauptbahnhof benötigte das Taxi fast 15 Minuten, bis es den Südausgang des alterwürdigen Gebäudes erreichte. Glücklicherweise war der Parkplatz, der sich unweit des Einganges befindet, nicht vollständig besetzt, sodass man den Wagen dort rasch abstellen konnte. Zu Fuß begaben sich nun beiden Männer in die riesige Halle des noch zu Kaisers Wilhelms Zeiten errichteten Kopfbahnhofs. Sven lenkte zielstrebig seine Schritte zur Gepäckaufbewahrung. Dort angekommen kramte er aus seiner Jackettasche mehrere kleinere Zettel hervor, die er dem Mann hinter dem Schalter übergab. Nach wenigen Minuten kehrte dieser mit drei, anscheinend recht schweren Koffern zurück.

„Also doch e Weltreis,“ philosophierte der Taxifahrer, aber Sven schien diesen Einwand zu überhören. Er schnappte sich einen der Koffer, die noch nichts von der großen weiten Welt gesehen hatten und setzte sich sofort wieder in Richtung Taxi in Bewegung. Wortlos folgte ihm der Fahrer mit den beiden anderen Koffern. Nach einigen erfolglosen Versuchen in seinem umwerfenden Dialekt ein Gespräch in Gang zu bringen, verlief die Fahrt vom Hauptbahnhof zum Rhein-Main-Flughafen ohne dass ein Wort die Sendung von HR 3 störte. Sven steckte dem Fahrer, nachdem dieser ihn an der Abflughalle des neuen Terminals das Gepäck auch noch auf einen kleinen Transportwagen geladen hatte, das versprochene Trinkgeld in die Hand und beglich den Fahrpreis. Als der Wagen seinen Blicken entschwunden war machte er sich daran, dem ersten Schritt, den er nun schon hinter sich hatte, den zweiten folgen zu lassen.

Es war fast halb sechs, als wiederum Schiebetüren den Weg frei machten, diesmal jedoch nicht in eine Bank, sondern in die große Abflughalle des Rhein-Main Flughafens. Scheinbar ziellos wanderte er erst umher. Dabei beobachtete er jedoch intensiv mit seinen Augen die Reihe der Ablugschalter. Ein dunkelblauer Kranich auf gelben Hintergrund war es, der ihn zusammenzucken ließ. Noch gab es ein zurück, noch waren nicht alle Brücken abgebrochen. Er könnte umkehren und alles würde wieder seinen normalen Lauf nehmen. Wollte er dies? Nein! Oder doch? Unsicher blickte Sven an sich hinab.

‘Bist du das wirklich? Bist du verrückt? Nein, nein, und nochmals nein!’ Zu oft hatte er das alles durchgespielt, alles geplant und kalkuliert. Nein, einen Fehler konnte er nicht entdecken. Aber trotzdem, dass es ihm so schwer fallen würde, hätte er nie gedacht. Es ist eben doch ein riesiger Unterschied, zwischen Planung und brutaler Realität.

Erst langsam, dann jedoch immer schneller und selbstbewusster bewegte sich Sven auf den Schalter von Lufthansa zu. Freundlich blickte ihn ein Augenpaar an, und er wurde nach seinen Wünschen gefragt.

„Langer, Sven Langer ist mein Name. Ich habe zwei Tickets bei ihnen hinterlegen lassen, für mich und meine Frau.“

„Nennen Sie mir bitte Ihren Zielflughafen?“

„Oh ja, natürlich, nach New York habe ich gebucht“, fügte Sven rasch hinzu.

„Einen Moment bitte, Herr Langer“.

Die junge Dame hinter dem Schalter begann mehrere Daten in den vor ihr stehenden Computer einzugeben. Nach nur wenigen Sekunden wand sie ihren Blick Sven zu und meinte wieder mit einem freundlichen Lächeln:

„So, Herr Langer, das geht in Ordnung. Sie sind für die zwanziguhrdreißig Maschine vorgemerkt. Der Rückflug ist noch offen wie ich sehe?“

Sven nickte.

„Ich benötige nun ihren Ausweis und den Ausweis ihrer Gattin. Übrigens, unser örtliches Lufthansabüro wird ihnen bei der Buchung des Rückfluges gerne behilflich sein. Wie möchten Sie den Flugpreis begleichen?“

„Ich zahle mit Kreditkarte", antwortete Sven, wobei er in seinem Jackett nach seinem kleinen Mäppchen kramte, in dem er all seine Kredit- und Scheckkarten aufbewahrte.

„Hier bitte sehr.“

Er reichte die Karte über den Tresen.

„Den Ausweis meiner Frau. Tja, die ist gerade zur Toilette gegangen. Kann sie anschließend noch zu ihnen kommen, und....“.

„Kein Problem, das Gepäck bleibt so lange bei den Kollegen drüben. Erst wenn die beide Ausweise registriert haben, geht das alles raus.“

Nach kurzer Zeit bekam er den ausgefüllten Quittungsschein auf den Schalter gelegt, den er auch sofort unterschrieb. Damit, und das war ihm klar, hatte er die erste Brücke zurück zumindest unterbrochen.

„Begeben Sie sich bitte mit Ihrem Gepäck an den Schalter dort drüben,“ sagte die Stewardess und deutete auf eine nur wenige Meter entfernten Stelle. Dort wartete er, bis die vor ihm stehenden Personen abgefertigt waren. Er gab die Tickets ab und stellte dann nach und nach die Koffer auf die Waage und sagte brav seinen Spruch auf, dass seine Frau auf der Toilette sei. Von dort aus rutschten diese, nachdem sie mit einem Markierungsband von der Schalterbediensteten versehen waren.

„So, Herr Langer, hier sind Ihre Bordkarten. Sie haben die Plätze 21 b und c. Ihr Ausgang ist B 37, Einsteigezeit um achtzehnuhrfünfundvierzig, Sobald ihre Frau auch hier war, geht das Gepäck raus. Ich wünsche einen angenehmen Flug.“

„Besten Dank, auf Wiedersehen.“

Sven machte ein paar Schritte vom Schalter weg und legte erst einmal alle Papiere in seinen Aktenkoffer. Er sah zur Uhr. Es war kurz nach sechs Uhr.

Als nächstes steuerte er eine der öffentlichen Telefonzellen an. Dort wählte er eine Nummer.

„Ja, hier Langer, Sven Langer. Mir wurde meine Kreditkarte gestohlen. Was muss ich nun tun?“

„Natürlich weiß ich die nicht auswendig. ... Langer, Sven Langer."

„Johannesweg 1....Frankfurt Heddernheim. Ja, das bin ich.“

„Gerade eben hier am Flughafen wurde mir meine Tasche entwendet.“

„Nein, das kann ich nicht ... doch, natürlich werde ich auch Anzeige erstatten, .... nein, erst nächste Woche, ich fliege mit der nächsten Maschine nach New York, .... nein, ich werde dort keine Karte benötigen, alles ist bereits für mich dort arrangiert, mein Bargeld reicht mir, .... ja, sicher, nächste Woche bin ich wieder da, ... und die Karte ist ganz sicher gesperrt ab sofort, ... der Flug nach New York ist noch von mir, ja, richtig, ... Lufthansa, ... tatsächlich, mein Konto bei Ihnen ist noch knapp im Plus, auch wenn die Tickets bezahlt sind? ... Prima, genau so, ich kann mich darauf verlassen?? Danke, auf wiederhören.“

Sven hängte den Hörer ein. Mit dem Begleichen der Rechnung für die Tickets war, wie ihm auch bestätigt wurde, der Kontostand etwa plus-minus-null, sofern Margot nichts ohne sein Wissen eingekauft hatte mit ihrer Zweitkarte. Ein finanzieller Schaden auf dem Kartenkonto war somit nicht entstanden; die 73000 Euro werden schon heftig genug einschlagen bei Margot.

Nachdem dies alles erledigt war ging er zu einem der zahlreichen Bankschalter. An der Filiale seiner Hausbank hatte er bereits vor Tagen American Express Travellerschecks geordert. Ohne größere Formalitäten konnten nun 40.000 Euro den Besitzer wechseln. Eine größere Sicherheit für ihn, denn im Fall eines Falles könnte er abhanden gekommenen Schecks sich ersetzen lassen. 3.000 Euro wechselte er noch in Dollarnoten um.

Erleichtert wand er sich nun einem der vielen Flughafenrestaurants zu. Dort verbrachte er die Zeit bis zum Abflug mit einigen Tassen Kaffee. Er beobachtete die vorbeikommenden Personen aus aller Welt. Keiner interessierte sich für den scheinbar ruhig und entspannt dasitzenden Mann, der etwa zwanzig Minuten vor der angegebenen Einsteigezeit sich zur Pass- und Gepäckkontrolle begab.

Niemand sah, dass zuvor eine der Bordkarten aus seiner Brieftasche ohne ein Wortwechsel den Besitzer gewechselt hatte und er die Information bekam, dass das Gepäck nun eingecheckt sei. Sven zwang sich zur Ruhe.

Immer zäher verflossen die Minuten und Sekunden bis endlich der Aufruf kam, der alle Passagiere des Fluges nach New York an Bord bat. Draußen war es mittlerweile schon dunkel. Sven ließ sich bewusst viel Zeit und ging erst als einer der letzten Passagiere zur Maschine.

Mit einem tiefen Aufatmen, das jedoch nur wenig befreiend wirkte, lehnte sich Sven in den Sitz zurück, ließ den Sicherheitsgurt einrasten und schloss für einige Sekunden die Augen. Nach der obligatorischen Sicherheitseinweisung durch das Bordpersonal begann sich der riesige Airbus A340 langsam in Bewegung zu setzten und erreichte wenigen Minuten später die Startposition auf der Startbahn 25R. Nach der Startfreigabe durch den Tower schob der Pilot die Gashebel auf vollen Schub nach vorne. Die Turbinen heulten auf und erst träge, dann immer schneller huschten die Flughafengebäude auf der linken Seite vorbei. Nach wenigen Sekunden hob sich die Schnauze der Maschine in östlicher Richtung in die Dunkelheit über dem Rhein-Main-Gebiet.

Mit dem Abheben der Räder von der Piste war das Abenteuer nun endgültig gestartet.

Rasch wurde das bunte Lichtermeer zur Linken kleiner, wurde das Strahlen zu einem silbernen Schimmer. Die sofort eingeleitete Linkskurve lies noch einmal kurz den Blick auf ein glitzerndes Spinnennetz der Autobahnen und Ortschaften zu, bevor die schon den ganzen Tag vorherrschende starke Bewölkung den Airbus verschluckte.

Im dunkel der Kabine tastete sich eine schmale, zierliche Hand nach links um sich auf Svens Handrücken niederzulassen. Rasch drehte dieser seine Handfläche nach oben, langsam verschränkten sich die Finger ineinander, verschlangen sich so, als ob sie sich nie mehr loslassen wollten. Nie mehr, das war ihr Ziel, das wollten sie. Alles könnte so einfach sein, wenn da nicht der riesige Berg von Problemen wäre, den sie nun vor sich hatten. Teilweise in diese Situation gedrängt, jedoch in letzter Konsequenz von ihnen selbst erzeugt.

Da saßen im Halbdunkel der Kabine zwei Menschen, die momentan außer einer nicht unbeachtlichen Summe Geld und zwei Koffer nur sich und die fast schon verzweifelte Zuversicht hatten, es so zu wollen. Auch wenn der letzte Anstoß zu diesem Schritt alles andere als freiwillig anzusehen war. Beide hatten nun die feste Zuversicht in sich, dass sie es schaffen werden, komme was da wolle.

Sven Langer und Susanne Klein, ein Paar, das eigentlich keines sein durfte. Ein Paar, für dessen Glück zumindest er einem anderen Menschen wehtat. Ein Mensch, der ihn liebte. Sven drehte seinen Kopf zur Seite und sah seine Nachbarin an. Nur schwach konnte er erkennen, dass sie ihre Augen geöffnet hatte und auch zu ihm herüber schaute.