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In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. Renate Gontard saß am Küchentisch, das Kinn auf die Handflächen gestützt, und starrte auf das vor ihr liegende Schreiben. Aus – alles aus. Der Brief ihres Rechtsanwaltes bestätigte es ihr. Zwei Jahre war ihr Mann nun tot, und sie hatte sich bemüht, das kleine Fahrradgeschäft weiterzuführen, aber es war immer weiter bergab gegangen. Nun wollten die Gläubiger nicht mehr tatenlos zusehen, wie das winzige Restkapital vielleicht auch noch dahinschmolz. Sie drangen darauf, daß der Konkurs angemeldet wurde. Renate fuhr sich über die Augen. Christoph durfte nicht merken, daß sie geweint hatte. Er mußte gleich aus der Schule heimkommen. Was sollte nun aus Christoph und ihr werden? Christoph war sieben Jahre alt, aber was würde sein, wenn er erst zehn war? Würde sie je wieder festen Boden unter die Füße bekommen, damit sie ihn aufs Gymnasium schicken, ihm ein Studium ermöglichen konnte? Die Suppe mußte noch einmal umgerührt werden. Renate wollte aufstehen und an den Herd gehen, als drau-ßen auf der Straße ein ohrenbetäubender Lärm zu hören war. Das durchdringende Quietschen heftig gebremster Autos, das Scheppern von Blech, das Klirren berstender Glasscheiben übertönten die Geräusche des normalen Straßenverkehrs. dann fraß sich ein Ungeheuer durch die Küchenwand, Mauersteine flogen durch die Gegend, Schutt wirbelte auf. Ein Auto schob den Küchentisch vor sich her bis fast an den Herd heran, kam endlich zum Stehen. Renate spürte einen heftigen Schmerz durch ihren Körper jagen, ehe sie bewußtlos zusammensank. Menschen schrien auf, drängten sich heran, andere wichen zurück. Es war ein chaotisches Durcheinander.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Renate Gontard saß am Küchentisch, das Kinn auf die Handflächen gestützt, und starrte auf das vor ihr liegende Schreiben.
Aus – alles aus. Der Brief ihres Rechtsanwaltes bestätigte es ihr.
Zwei Jahre war ihr Mann nun tot, und sie hatte sich bemüht, das kleine Fahrradgeschäft weiterzuführen, aber es war immer weiter bergab gegangen. Nun wollten die Gläubiger nicht mehr tatenlos zusehen, wie das winzige Restkapital vielleicht auch noch dahinschmolz. Sie drangen darauf, daß der Konkurs angemeldet wurde.
Renate fuhr sich über die Augen. Christoph durfte nicht merken, daß sie geweint hatte. Er mußte gleich aus der Schule heimkommen. Was sollte nun aus Christoph und ihr werden? Christoph war sieben Jahre alt, aber was würde sein, wenn er erst zehn war? Würde sie je wieder festen Boden unter die Füße bekommen, damit sie ihn aufs Gymnasium schicken, ihm ein Studium ermöglichen konnte?
Die Suppe mußte noch einmal umgerührt werden. Renate wollte aufstehen und an den Herd gehen, als drau-ßen auf der Straße ein ohrenbetäubender Lärm zu hören war. Das durchdringende Quietschen heftig gebremster Autos, das Scheppern von Blech, das Klirren berstender Glasscheiben übertönten die Geräusche des normalen Straßenverkehrs.
Im nächsten Moment gab es einen ganz furchtbaren Knall, ein peinigendes Knirschen und Knacken, und
dann fraß sich ein Ungeheuer durch die Küchenwand, Mauersteine flogen durch die Gegend, Schutt wirbelte auf. Ein Auto schob den Küchentisch vor sich her bis fast an den Herd heran, kam endlich zum Stehen.
Renate spürte einen heftigen Schmerz durch ihren Körper jagen, ehe sie bewußtlos zusammensank.
Menschen schrien auf, drängten sich heran, andere wichen zurück. Es war ein chaotisches Durcheinander.
Jetzt heulte die Sirene eines Polizeiwagens. Polizei und Krankenwagen waren fast zu gleicher Zeit zur Stelle.
Völlig verstört stieg ein Mann aus dem Auto, das auf so ungewöhnliche Weise mitten in einer Küche gelandet war.
»Sind Sie verletzt?« fragte einer der Beamten.
Mechanisch tastete er seinen Kopf, seine Arme, seinen Körper ab. »Nein, ich glaube nicht«, antwortete er, »nur ich bin wie benommen.« Beunruhigt beobachtete er den Arzt, der sich um die bewußtlose junge Frau bemühte. »Aber sie – mein Gott, ist ihr viel passiert?«
»Das läßt sich so schnell nicht feststellen«, antwortete der Arzt über die Schulter hinweg. Er gab den Krankenwärtern seine Anweisungen, die Renate vorsichtig auf eine Trage hoben und sie zum Krankenwagen brachten.
»Sind Sie in der Lage, uns einige erste Fragen zu beantworten?« wandte der Polizeibeamte sich wieder an den Autofahrer.
»Selbstverständlich.«
»Zunächst bitte Ihre Papiere.«
»Sven Graf Wulfsen«, stellte der Mann sich vor, während er dem Beamten seine Papiere reichte.
Die erste Vernehmung am Unfallort ergab, daß Graf Wulfsen schuldlos war. Um dem Zusammenstoß mit einem sich rücksichtslos durch die Autos schlängelnden Motorradfahrer auszuweichen, hatte er scharf bremsen und nach rechts steuern müssen. Bei diesem Manöver fuhr ihn ein großer Lastwagen von hinten an und schob ihn mit gehörigem Schwung über den Bürgersteig gegen die Hauswand, die dem Anprall nicht standhielt und nachgegeben hatte.
Es waren genug Zeugen vorhanden, die den Vorgang beschreiben konnten. Wie durch ein Wunder war keiner der Fahrer verletzt.
Nur Renate Gontard hatte es getroffen.
»Was ist denn hier los?« fragte plötzlich eine frische Jungenstimme. »Wieso kommt das Auto in unsere Küche?«
»Ein Unfall, wie du siehst«, antwortete der Beamte. »Du wohnst hier?«
»Ja, ich bin Christoph Gontard«, sagte der Junge.
Gontard – der Name versetzte Graf Wulfsen einen Stich. War das nur ein Zufall, oder bestand eine Verbindung zu jenem Gontard, dessen Name im Herrenhaus Wulfsen nie erwähnt werden durfte?
Der Beamte hatte dem Jungen einige Fragen gestellt, die dieser präzise beantwortete. Graf Wulfsen entnahm daraus, daß Christoph mit seiner Mutter allein lebte, keine Verwandten weiter hatte, die sich um ihn hätten kümmern können, und ein besonders enger nachbarlicher Kontakt schien auch nicht zu bestehen, jedenfalls nicht so eng, daß der Bub für eine Zeitlang eine Bleibe hatte.
»Meine Mutter wurde verletzt? Sie liegt im Krankenhaus?« fragte Christoph jetzt ungläubig und erschrocken zugleich. Seine braunen Augen begannen zu funkeln. »Sie haben schuld!« schrie er Graf Wulfsen mit einer Laut-stärke an, die seine ganze Verzweiflung über etwas, das er noch nicht ganz begriffen hatte, preisgab.
»Nein, Christoph, Graf Wulfsen ist völlig schuldlos an dem Unfall«, klärte der Beamte das Kind sachlich und ruhig auf. »Wenn er nicht so rasch reagiert hätte, wäre vielleicht noch mehr passiert.«
»Noch mehr?« schrie Christoph und zeigte auf die zerstörte Hauswand. »Ich finde, das ist ganz schön genug. Meine Mutter – meine Mutter, die überhaupt nichts mit den Autos zu tun hatte, die ist verletzt. Warum haben sich nicht die gegenseitig totgefahren, die schuld hatten?«
Betreten schauten sich Graf Wulfsen und der Polizeibeamte an. Es war eine nur allzu berechtigte Frage, aber wer konnte sie beantworten? Wer wollte ergründen, warum das Schicksal hier zugeschlagen hatte?
Sven von Wulfsen wandte sich ab und entdeckte auf dem Küchentisch das Schreiben des Rechtsanwalts. Unwillkürlich las er es und erkannte, welchen Schwierigkeiten die Mutter des Jungen, Renate Gontard, gegenüberstand. Und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mußte das Unglück passieren.
Ohne sich über seine Handlungsweise Rechenschaft abzulegen, steckte er das Schreiben ein. Vorher vergewisserte er sich, ob der Beamte ihn auch nicht beobachtete.
Aber dessen Interesse galt voll und ganz dem Jungen.
»Christoph«, hörte er ihn sagen, »es ist ganz natürlich, daß du so erregt bist. Aber schau, an dem, was geschehen ist, ist nichts zu ändern. Du wirst noch nicht verstehen, was ich jetzt sage, aber es passiert sehr oft im Leben, daß jemand etwas erdulden muß, an dem er keine Schuld trägt. Man muß versuchen, es zu meistern.«
»Nein, nein, nein! Das verstehe ich nicht!« Christoph stampfte mit dem Fuß auf. »Ich will zu meiner Mutter. Ich will, daß derjenige ins Gefängnis kommt, der an dem Unfall schuld hat!«
»Er wird seine Strafe bekommen, darauf kannst du dich verlassen«, beruhigte ihn der Beamte.
»Für Christoph muß gesorgt werden«, mischte sich Graf Wulfsen ein. »Ist etwas dagegen einzuwenden, daß ich mich um ihn kümmere?«
Der Beamte überlegte nur kurz.
»Nein, durchaus nicht«, entgegnete er dann. Auf Christophs Zügen zeigte sich Feindseligkeit. Er warf den Kopf in den Nacken, daß seine Haartolle nur so flog. »Ich kann mich um mich allein kümmern. Ab morgen haben wir Sommerferien, da bin ich den ganzen Tag zu Hause. Meine Mutter hat mich ein paar Dinge kochen gelehrt, und einkaufen und saubermachen kann ich auch. Und ich werde sie jeden Tag
im Krankenhaus besuchen. Vielleicht kommt sie ja auch schon bald wieder nach Hause.«
Ein anderer Polizeibeamter trat hinzu. Er hatte inzwischen mit dem Krankenhaus telefoniert und das erste Untersuchungsergebnis erfahren. Renate Gontard hatte eine Gehirnerschütterung, mehrere Rippenbrüche und einen komplizierten Oberschenkelbruch davongetragen. Sie würde zwölf Wochen, vielleicht länger, ans Bett gefesselt sein.
»Deiner Mutter geht es, den Umständen entsprechend, ganz gut«, sagte er, »aber es wird eine ganze Weile dauern, bis sie wieder ganz gesund ist.«
Christophs Mundwinkel zuckten. Man sah, daß er dem Weinen nahe war.
Begütigend legte Graf Wulfsen, der bei den Worten des Beamten heimlich aufgeatmet hatte, ihm die Hand auf die Schulter.
»Komm mit mir, Christoph«, sagte er. »Du kannst deine Sommerferien auf Gut Wulfsen verbringen, kannst reiten lernen und spielen, soviel du willst. Du brauchst nicht selber zu kochen und auch nicht sauberzumachen, sondern kannst immer gerade das tun, was dir gefällt.«
»Nein, ich will nicht«, kam es störrisch zurück.
»Du solltest es dir überlegen«, meinte einer der Beamten. »Du bist erst sieben Jahre alt, da dürfen wir es gar nicht zulassen, selbst wenn wir wollten, daß du allein bleibst. Wir müßten dich in einem Heim unterbringen.«
»In einem Heim?« vergewisserte sich Christoph entsetzt.
Der Beamte nickte. »Ja, so ist es.«
Prüfend schaute der Junge Graf Wulfsen an. Eigentlich war das ein ganz netter Mann, fand er. Und der Polizeibeamte hatte gesagt, daß er an dem Unfall schuldlos war. Außerdem: Ferien auf einem Gut mit der Aussicht, reiten lernen zu dürfen – nun ja, das war schließlich etwas. Es war ganz einfach verlockend. Und mit Sicherheit verlockender, als in ein Heim gebracht zu werden.
»Ist das Gut weit weg?« fragte er.
»Ungefähr zehn Kilometer von hier entfernt«, antwortete Graf Wulfsen durchaus ernsthaft, denn er erriet die Gedankengänge des Jungen.
»Ist Ihr Auto kaputt?«
»Dieses ja, fürchte ich. Aber ich habe noch zwei weitere.«
»Und Sie hätten auch Zeit, daß ich meine Mutter besuchen kann und nicht bloß immer den ganzen Tag spiele?«
»Aber das ist doch selbstverständlich, Christoph.«
Christoph schielte zu den Beamten empor. »Sie haben es gehört«, sagte er ein wenig altklug. »Ich glaube, mir ist das Gut lieber als ein Heim.«
Die beiden Beamten nickten. Derjenige, der das Protokoll aufgenommen hatte, steckte sein Notizbuch ein. »Unsere Mission ist fürs erste erledigt. Natürlich wird dafür Sorge getragen werden, daß das Haus vor Einbruch gesichert wird, bevor der Schaden repariert wird. Für weitere Vernehmungen werden Sie eine Vorladung erhalten, Graf Wulfsen.«
Damit verabschiedeten sie sich.
Die Menge der Schaulustigen hatte sich inzwischen auch zerstreut.
Nur hin und wieder hörte man die verwunderten Ausrufe von Passanten, die an dem beschädigten Haus vor-überkamen und in die Küche schauten, in der sich jetzt Graf Wulfsen und Christoph Gontard allein gegenüberstanden.
Christoph hatte seinen Schock zwar noch nicht überwunden, aber sein Magen meldete sich. Er trat an den Elektroherd, auf dem noch immer der Topf mit einer einfachen Suppe langsam weiterkochte.
»Wollen wir etwas essen?« fragte er. »Der Polizist hat gesagt, daß man versuchen muß, alles zu meistern.«
Graf Wulfsen verspürte nicht den leisesten Hunger, schon gar nicht auf eine Suppe, die, wie er sofort feststellte, aus bescheidenen Zutaten bestand. Aber er verstand, daß das Kind hungrig sein mußte. Also entgegnete er: »Doch, das ist ein guter Gedanke, Christoph.«
Er sah zu, wie der Junge die Kochplatte ausschaltete, aus dem Küchenschrank zwei Teller und eine Schöpfkelle nahm und die Teller füllte.
»Wir essen eigentlich immer in der Küche, aber ich mag nicht, daß uns die Leute zuschauen können. Gehen wir lieber ins Wohnzimmer, nicht wahr?« Damit ging er, die Teller geschickt auf einem Tablett balancierend, in den angrenzenden Raum. »Bringen Sie bitte zwei Löffel mit, die sind in der linken Schublade vom Küchentisch.«
Graf Wulfsen tat, über sich selbst amüsiert, wie ihm geheißen.
In dem kleinen Wohnzimmer, das außerordentlich gemütlich war, löffelten sie dann ihre Suppe.
»Schmeckt prima, nicht?« fragte Christoph. »Meine Mutter kann prima kochen.«
Sven von Wulfsen, der keinen Hunger gehabt hatte und schon gar nicht auf eine billige Suppe, merkte zu seinem Erstaunen, daß es ihm in der Tat ausgezeichnet mundete. Die Suppe war trotz aller Einfachheit vortrefflich abgeschmeckt.
»Ja, es schmeckt wirklich prima«, bestätigte er.
»Meine Mutter ist überhaupt ganz prima«, sagte Christoph verloren. »Ach Gott, hoffentlich wird sie bald gesund.«
»Bestimmt«, sprach Graf Wulfsen ihm Mut zu. »Morgen werden wir sie besuchen.«
»Warum erst morgen?«
»Ja, weißt du«, Graf Wulfsen zögerte, »ich werde natürlich heute nachmittag schon ins Krankenhaus fahren. Aber ich glaube, es ist besser, wenn ich erst einmal mit dem Arzt spreche und mir sagen lasse, wie es ihr geht.«
»Hm, mag schon richtig sein«, brummelte Christoph, schwer schlukkend.
Nachdem sie ihren zweiten Teller Suppe mit Genuß, aber auch in problematische Gedanken versunken, gelöffelt hatten, fragte Graf Wulfsen: »Könnte ich mal telefonieren?«
»Aber ja«, antwortete Christoph. »Das Telefon steht im Hinterraum vom Laden.«
Graf Wulfsen fand es. Der Hinterraum vom Laden, wie Christoph ihn bezeichnet hatte, war ein kleines Kontor. In Regalen standen Aktenordner, auf dem Schreibtisch eine Schreibmaschine, die üblichen Büroutensilien. Er rief daheim an, damit sein Chauffeur ihn mit einem Wagen abholen sollte.
Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer warf er noch einen Blick in den Laden, also in den Verkaufsraum. Nur ein paar Fahrräder und Mofas, nicht unbedingt zum Kauf reizend, standen hier herum. Das vorhandene klägliche Warenangebot bestätigte, daß hier schon seit geraumer Zeit einiges im argen gewesen sein mußte.
Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, Christoph hatte inzwischen die Teller abgeräumt, sagte er: »Wir werden ein paar Sachen für dich packen müssen, Christoph. Hast du einen oder zwei Koffer? Und weißt du, wo wir die notwendigsten Sachen für einen längeren Aufenthalt auf Gut Wulfsen finden?«
»Och, ich denke schon.«
Der Siebenjährige entpuppte sich immer mehr zu einem Jungen, dem früh gelehrt worden war, selbständig zu handeln.
Es dauerte keine halbe Stunde, da waren zwei Koffer mit allem gepackt, das man so für einen Aufenthalt außer Haus, der mehrere Wochen dauern würde, brauchte.
Und dann kam auch schon der Wagen von Gut Wulfsen.
Graf Wulfsen gab noch Anweisungen, daß sein demoliertes Auto abgeschleppt wurde. Es war inzwischen auf die Straße zurückgeschoben worden. Das Loch in der Küchenwand des Hauses Gontard wurde von einem Trupp des Städtischen Bauhofs notdürftig abgesichert.
Vom gräflichen Chauffeur gefahren, traten Sven von Wulfsen und Christoph Gontard die Fahrt nach Gut Wulfsen an.
»Wie soll ich Sie eigentlich anreden?« fragte Christoph beherzt, denn diese Frage lag ihm schon eine ganze Zeit auf der Seele.
»Weißt du, Christoph«, antwortete Graf Wulfsen langsam, »unsere Bekanntschaft ist ja durch ziemlich außergewöhnliche Umstände entstanden, nicht wahr?«
»Hm, stimmt«, bestätigte der Junge.
»Für längere Zeit wollen wir ja auch möglichst gut miteinander auskommen. Stimmt das auch?«
»Hm, stimmt.«
»Also, ich finde, du könntest Onkel Sven zu mir sagen.«
»Da muß ich erst meine Mutter fragen«, kam die prompte Entgegnung.
»Wenn deine Mutter erst weiß,
wie sich das alles so ergeben hat, wird sie bestimmt damit einverstanden sein.«
»Meinen Sie?«
»Ach, Christoph, nun sag doch nicht immer Sie, sondern sag Onkel Sven und du.«
Christoph kämpfte sichtlich mit sich. Natürlich war er mit seinen sieben Jahren noch ganz Kind, das den Problemen nicht unbedingt problematisch gegenüberstand, aber er hatte auch gewisse Bedenken.
»Du, Christoph, ich habe eine kleine Tochter. Sie heißt Isabel und ist fünf Jahre alt«, sagte Graf Wulfsen, einer Eingebung folgend.
»Ach, und auf die muß ich aufpassen?« erkundigte sich Christoph.
»Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich meinte nur, daß sie dir so etwas wie eine kleine Schwester sein könnte.«
Christoph überlegte. »Eine kleine Schwester habe ich mir eigentlich schon immer gewünscht. Aber meine Mutter hat gesagt, daß ich keine kleine Schwester bekommen könnte, weil ich keinen Vater mehr habe.«
»Isabel wäre vielleicht ein Ersatz«, versuchte Graf Wulfsen, sich das Vertrauen des Buben zu erwerben.
»Sieht sie aus wie Sie?« wollte Christoph wissen.
»Nein, sie hat nicht viel Ähnlichkeit mit mir.«
»Dann sieht Isabel ihrer Mutter ähnlich?« Es war erstaunlich, welche Überlegungen Christoph anstellte.
»Ja, sie sieht ihrer Mutter ähnlich Aber ihre Mutter lebt nicht mehr.«
Sofort war Christoph voller Anteilnahme. »Genau, wie mein Vater nicht mehr lebt?«
»Ja, das ist richtig.« Graf Wulfsen zwang sich, keine Sentimentalität in seine Stimme zu legen, die den Jungen belasten würde.
»Also, wenn das so ist«, Christoph fühlte sich in die Verantwortung eines Beschützers getrieben, »dann braucht Isabel unbedingt jemanden, der sie verteidigt. Das kann ich ganz gut. Fragen Sie nur meine Mitschüler. Ich breche nie einen Streit vom Zaun, aber verteidigen, o ja, verteidigen kann ich mich.« Demonstrativ ballte er seine kräftigen Knabenhände zu Fäusten.
»Ich bin also Onkel Sven für dich?« fragte Graf Wulfsen hypnotisierend, weil es ihm so unendlich wichtig erschien.
Überzeugt und völlig arglos, so recht nach gesunder Bubenart, schlug Christoph in die dargebotene Hand ein. »Mensch, Onkel Sven, ich glaube, du bist Klasse«, sagte er begeistert.
*
»Wie heißt der Junge? Christoph Gontard?« Schon zum dritten Male stellte die achtzigjährige Gräfin Zita von Wulfsen diese Frage.
»Großmama, ich bitte dich, errege dich nicht. Die Namensgleichheit kann doch nur ein Zufall sein«, beschwor Graf Wulfsen die alte Dame. »Verstehe doch die Situation. Mir blieb einfach nichts anderes übrig, als mich des Jungen anzunehmen.«
»Aber ein Gontard, der Name hätte dir zu denken geben müssen«, entgegnete sie aufgebracht. »Ich jedenfalls hätte mich zuerst vergewissert, ob die Namensgleichheit wirklich nur ein Zufall ist. Es ist nicht auszudenken, wenn – nun, wir wissen beide, was wäre, wenn…«
»Und wenn dieses Wenn wirklich zuträfe«, sagte Graf Wulfsen ernst, »was wäre wohl wichtiger? Die Menschlichkeit oder der Haß, der auf überholten Ansichten basiert?«
»Schweig!« herrschte die alte Dame ihn an. »Dieser Gontard hat mir meine Tochter entfremdet, hat sie entführt, hat mir Jahre meines Lebens geraubt.«
Sven von Wulfsen dachte, daß seine Großmutter inzwischen achtzig Jahre alt geworden war, und das war zweifellos ein gesegnetes Alter, zumal sie noch im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte war. Aber er sprach diese Gedanken nicht aus.
Statt dessen sagte er: »Bitte, errege dich nicht. Wie hätte ich im übrigen versuchen sollen, irgend etwas herauszufinden? Christophs Mutter war bewußtlos, und selbst, wenn sie es nicht gewesen wäre, hätte ich nicht gefragt. Hilfe war notwendig, weiter nichts.« Er machte eine kleine Pause. »Darf ich dir den Jungen jetzt vorstellen?«
»Es wird wohl kaum zu umgehen sein«, entgegnete sie bissig.
Eines der Gästezimmer wurde für Christoph hergerichtet Als Graf Wulfsen es betrat, hatte das Stubenmädchen bereits das Bett frisch bezogen und half dem Jungen beim Auspacken der Koffer.
»Wir wollen jetzt Gräfin Wulfsen begrüßen, Christoph«, sagte Graf Sven. »Sie ist meine Großmutter. Du wirst sie mit Frau Gräfin anreden.«
»Ja, Onkel Sven«, sagte Christoph artig. »Und werde ich auch Isabel begrüßen können?«
»Etwas später. Sie war vor kurzem recht krank und muß mittags immer noch ruhen. In einer Stunde wird Fräulein Helm wohl mit ihr kommen.«
»Fräulein Helm? Wer ist das?«
»Ach so, ich vergaß, dir zu sagen, daß Isabel eine Erzieherin hat. Weißt du, wenn die Mutti nicht mehr da ist und die Urgroßmutti ja eine sehr alte Dame ist, muß sich jemand um sie kümmern. Ein Vati allein kann das nicht.«
Christoph machte ein nachdenkliches Gesicht. Komisch, ein Vati allein konnte sich nicht genug um sein Kind kümmern, aber eine Mutti allein, so wie seine, die mußte es schaffen. Doch er sagte nichts. Gehorsam folgte er seinem neuen Onkel.
