In der Wiege vertauscht - Manuela Jensen - E-Book

In der Wiege vertauscht E-Book

Manuela Jensen

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann. Moltkestraße 12, ja, die Adresse stimmte. Thorsten Graf Riekhoff verglich die Hausnummer mit derjenigen, die auf einem Notizzettel stand. Es war ein ehrwürdiges, dreistöckiges Patrizierhaus und sah eigentlich nicht danach aus, daß sich hier eine Großhandelsfirma für feinmechanische und optische Instrumente befinden würde. Doch dann entdeckte er das Firmenschild und den Pfeil, der ins Souterrain des Gebäudes wies. »Bitte, Sie wünschen?« wurde er gleich darauf von einem netten jungen Mädchen gefragt, dem er in einem von Neonleuchtern erhellten Büroraum gegenüberstand. »Ich brauche ein Ersatzteil für meine Filmkamera.« »Oh, das tut mir leid. Wir sind ein Großhandel. Würden Sie sich bitte an ein zuständiges Fotogeschäft wenden?« kam die Erwiderung. »Das Fotogeschäft Gehlsen verwies mich an Sie«, sagte er. »Wissen Sie, es ist nämlich so, daß ich die Kamera morgen unbedingt betriebsbereit haben muß, und man konnte meine Kamera dort nicht reparieren. Vielleicht ist eine Ausnahme möglich?« Das junge Mädchen maß den Mann mit einem prüfenden Blick und meinte dann: »Einen Moment, ich werde die Chefin fragen.« Die Chefin kam. Sie war eine elegant gekleidete Dame, noch keine dreißig Jahre alt, wie Graf Thorsten schätzte, mit einem ebenmäßig geschnittenen, sehr reizvollen Gesicht, großen blauen Augen und goldblonden, schlichtfrisierten Haaren. »Meine Assistentin sagte mir, daß das Fotogeschäft Gehlsen Sie an uns verwiesen hat wegen eines Ersatzteils für Ihre Filmkamera?« fragte sie mit angenehm weicher, dunkler Stimme.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Fürstenkinder – 56 –In der Wiege vertauscht

Das Schicksal fügte sie zusammen

Manuela Jensen

Moltkestraße 12, ja, die Adresse stimmte.

Thorsten Graf Riekhoff verglich die Hausnummer mit derjenigen, die auf einem Notizzettel stand. Es war ein ehrwürdiges, dreistöckiges Patrizierhaus und sah eigentlich nicht danach aus, daß sich hier eine Großhandelsfirma für feinmechanische und optische Instrumente befinden würde.

Doch dann entdeckte er das Firmenschild und den Pfeil, der ins Souterrain des Gebäudes wies.

»Bitte, Sie wünschen?« wurde er gleich darauf von einem netten jungen Mädchen gefragt, dem er in einem von Neonleuchtern erhellten Büroraum gegenüberstand.

»Ich brauche ein Ersatzteil für meine Filmkamera.«

»Oh, das tut mir leid. Wir sind ein Großhandel. Würden Sie sich bitte an ein zuständiges Fotogeschäft wenden?« kam die Erwiderung.

»Das Fotogeschäft Gehlsen verwies mich an Sie«, sagte er. »Wissen Sie, es ist nämlich so, daß ich die Kamera morgen unbedingt betriebsbereit haben muß, und man konnte meine Kamera dort nicht reparieren. Vielleicht ist eine Ausnahme möglich?«

Das junge Mädchen maß den Mann mit einem prüfenden Blick und meinte dann: »Einen Moment, ich werde die Chefin fragen.«

Die Chefin kam. Sie war eine elegant gekleidete Dame, noch keine dreißig Jahre alt, wie Graf Thorsten schätzte, mit einem ebenmäßig geschnittenen, sehr reizvollen Gesicht, großen blauen Augen und goldblonden, schlichtfrisierten Haaren.

»Meine Assistentin sagte mir, daß das Fotogeschäft Gehlsen Sie an uns verwiesen hat wegen eines Ersatzteils für Ihre Filmkamera?« fragte sie mit angenehm weicher, dunkler Stimme. »Haben Sie die Kamera bei sich?«

»Ja, selbstverständlich.« Graf Thorsten reichte sie ihr.

Die Dame betrachtete sie und murmelte Fabrikat und Fabriknummer vor sich hin. »Es ist ein älteres Modell«, stellte sie fest.

»Sie ist sieben Jahre alt«, bestätigte er.

»Welchen Defekt hat man festgestellt?«

Er wiederholte das, was man ihm in dem Fotogeschäft Gehlsen gesagt hatte.

»Hoffentlich kann ich Ihnen helfen.«

»Oh, es wäre zu schade, wenn es nicht möglich wäre. Wissen Sie, meine Tochter wird morgen eingeschult. Seit ihrer Geburt habe ich sie regelmäßig gefilmt, und ich möchte natürlich nicht versäumen, diesen wichtigen Tag ebenfalls festzuhalten.«

»Wir könnten Ihnen eine Leihkamera zur Verfügung stellen, falls die Reparatur nicht sofort durchzuführen ist«, kam ihm die Dame liebenswürdig entgegen. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. »Welch ein Zufall, meine Tochter wird morgen ebenfalls eingeschult.«

»Für das ganze Stadtgebiet ist morgen der Einschulungstag für die ABC-Schützen«, entgegnete er ein wenig trocken. »Ein Zufall wäre es erst, wenn es sich um die gleiche Schule handelte.«

»Die Mozart-Schule«, erklärte sie, obwohl sie über seine Bemerkung eigentlich etwas pikiert war.

»Wirklich?« Er lachte. »Dann ist der Zufall tatsächlich perfekt. Anja kommt auch in die Mozart-Schule.«

»Meine Tochter heißt Sabine.«

»Gestatten Sie: Riekhoff – Thorsten Graf Riekhoff«, stellte er sich daraufhin höflich vor.

»Hannelore Velten«, nannte sie kurz ihren Namen.

Ihr Interesse galt lediglich der Filmkamera. Jedenfalls schien es so. In Wirklichkeit dachte sie angestrengt darüber nach, wieso ihr dieser Mann, der sich als Thorsten Graf Riekhoff vorgestellt hatte, bekannt vorkam. Sie konnte sich nicht erinnern, ihm jemals begegnet zu sein.

Sie ahnte nicht, daß Graf Thorsten dachte: Sie erinnert mich an irgend jemanden, wenn ich nur wüßte, an wen. Denn kennen tue ich sie bestimmt nicht.

Abwesend sah er zu, wie sie von der Filmkamera etwas abschraubte, dann ans Telefon ging und, für ihn unverständlich in Zahlen und Buchstaben ausgedrückt, den Teilnehmer am anderen Ende der Leitung fragte, ob dieses und jenes am Lager sei.

Kurz darauf erschien ein junger Mann im grauen Arbeitskittel, der ihr etwas reichte.

»Danke«, sagte sie, und in Sekundenschnelle hatte sie zwei Teile der Kamera ausgewechselt.

»Ich freue mich, daß ich Ihnen helfen konnte, Graf«, sagte sie ohne Überheblichkeit. »Ihre Kamera ist wieder in Ordnung. Sie können also die Einschulung Ihrer kleinen Tochter filmen.«

»Sie verfügen über großes Fachwissen«, sagte er nicht ohne Bewunderung.

Leicht zuckte sie die Schultern. »Nicht unbedingt. Man eignet es sich an, wenn man muß.«

»Wenn man muß?« fragte er unwillkürlich.

»Ich mußte«, entgegnete sie, und es war eine seltsame Mischung zwischen Resignation und eisernem Willen. »Mein Mann hat die Firma aufgebaut, er war der Fachmann, und als er starb, tauchte für mich das Problem des Weiterlebens auf. Wäre es nur um mich gegangen, so hätte ich die Firma liquidiert. Aber um meiner Tochter willen wäre das verantwortungslos gewesen.«

»Sie haben sich eine Materie angeeignet, die Ihnen vorher fremd war?« fragte er fast ungläubig.

»Ja«, bestätigte sie schlicht. »Es war nicht einfach, Graf. Ich bin wie ein Lehrling durch alle Abteilungen des Betriebes gegangen, sogar die Buchhaltung eingeschlossen, und heute weiß ich, wie die Dinge laufen. Vielleicht hatte ich zufällig technisches Verständnis. Jedenfalls ist es mir seit nunmehr fünf Jahren gelungen, die Firma zu erhalten und sogar noch auszubauen.«

Wieso erzähle ich ihm das eigentlich alles? dachte sie. Ich bin doch sonst nicht so mitteilungsfreudig Fremden gegenüber. Ist es nur, weil seine und meine Tochter morgen in der gleichen Schule eingeschult werden?

Sie wußte nicht, daß sie sehr nachdenklich aussah, als sie ihn musterte. Er hatte eine gerade, kräftige Nase, tiefgescheiteltes dichtes braunes Haar, ernste braune Augen und ein eher breites als schmales Gesicht. Unter dem linken Auge entdeckte sie ein winziges Muttermal, das jedoch keinesfalls störend wirkte.

Daß ihre Tochter Sabine an der gleichen Stelle ein ebenso winziges Muttermal hatte, entfiel ihrem Denken momentan, weil Graf Riekhoff sagte:

»Meine Hochachtung, gnädige Frau. Sie sind sehr jung – Verzeihung, wenn ich das sage – da ist es für Sie bestimmt nicht einfach gewesen, sich Respekt zu verschaffen und alle Schwierigkeiten zu meistern.«

Eine heiße Welle kroch vom Hals her in ihre Wangen. Sie schüttelte sich etwas und hoffte, damit das Erröten verhindern zu können. »Respekt – Sie mögen recht haben, Graf. Es war nicht ganz einfach, ihn mir zu verschaffen. Aber vielleicht gelang es mir gerade, weil ich noch verhältnismäßig jung bin, alle Schwierigkeiten zu meistern.«

Dieses sanfte Erröten vom Hals her, das durch eine leichte Schulterbewegung irgendwie abgeschüttelt wurde, war eine typische Bewegung von Graf Thorstens Tochter Anja.

Seltsam, dachte er, daß Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, die gleichen unbewußten Angewohnheiten haben können.

»Dann werden wir uns morgen wiedersehen«, sagte er verbindlich. »Würde es Ihnen unangenehm sein, wenn ich Ihre Tochter auch im Film festhalten würde?«

»Aber durchaus nicht. Sie werden doch sicher versuchen, alle Kinder der Klasse einzufangen, denn es soll doch schließlich eine Erinnerung an den ersten Schultag sein, an dem so viel wie möglich eingefangen werden muß.«

»Ich meinte es eigentlich anders.« Er zögerte.

»So?« fragte sie erstaunt.

»Ja, ich dachte, daß ich Ihnen den Film dann auch einmal vorführen dürfte.«

Sie machte diese eigentümliche Schulterbewegung, ehe die Röte erneut vom Hals her in die Wangen steigen konnte. »Das wäre sehr nett«, entgegnete sie leichthin, aber es kostete sie Mühe, es einfach so nichtssagend zu äußern.

Nimm dich zusammen, Hannelore, hämmerte sie sich ein. Du begibst dich in eine Situation, an der du scheitern könntest. Graf Riekhoff ist dir auf eine Weise sympathisch, die du seit dem Tod deines Mannes nicht mehr für möglich gehalten hast. Er aber ist verheiratet. Willst du Konflikte heraufbeschwören, die durch das kleine Wörtchen Nein zu vermeiden wären?

»Ich danke Ihnen«, hörte sie ihn sagen. »Anja und ich freuen uns darauf, Sie und Ihre kleine Tochter bei uns als Gast zu sehen. Ihre Tochter heißt Sabine?«

Wieso sagte er: Anja und ich und kein Wort von seiner Frau?

»Ja, Sabine«, antwortete Hannelore Velten mechanisch.

»Sabine«, wiederholte er. »Denken Sie nur, diesen Namen hätte ich meiner Tochter auch gern gegeben. Aber meiner Frau gefiel der Name Anja besser.« Seine Stimme senkte sich zu rauher Gedämpftheit. »Meine Frau starb bei der Geburt des Kindes, und deshalb heißt meine Tochter also Anja.«

Ein enger Ring schnürte sich um Hannelores Kehle. »Anja ist ein wunderschöner Name«, preßte sie hervor. »Er klingt so sanft.«

Ein warmes Leuchten verdrängte den Ernst aus seinen Augen.

»Anja ist sehr sanft«, sagte er. »Sie ist blond und sehr zart. Ich weiß nicht, welcher unserer Vorfahren in ihr auferstehen wird, denn meine Frau war schwarzhaarig, und ich«, er strich sich kurz über das dichte braune Haar, »bin niemals blond gewesen.«

»Oh, das gibt es«, entgegnete Hannelore hastig. »Mein Mann war aschblond, und ich«, sie machte eine ähnliche Handbewegung wie Graf Thorsten, »bin wohl hellblond zu nennen. Sabine ist auch dunkelhaarig.«

»Nun, morgen werden Sie Anja kennenlernen, und ich werde das Vergnügen haben, Sabine aufs Zelluloid zu bannen.« Er zückte seine Brieftasche. »Was bin ich Ihnen schuldig, gnädige Frau?«

Sie füllte einen Kassenbon aus. »Siebenundzwanzig Euro.«

Er legte drei rote Zehn-Euro-Scheine auf das Zahlbrettchen neben der Kasse. Sie tippte die Zahl ein und gab ihm drei Euro zurück.

»Bis morgen«, sagte er verbindlich lächelnd.

»Ja, bis morgen.«

Ein wenig steif stand sie da.

Spontan ergriff Graf Riekhoff ihre Rechte und zog sie an die Lippen. »Ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben, gnädige Frau. Bis morgen.«

Fremd sah sie ihm nach, wie er den neonbeleuchteten Raum verließ. In ihr tobte ein seltsamer Aufruhr.

*

»Hach, da sind die Neulinge!«

»Die Dummen!«

»Na, die werden sich noch wundern!«

»Guckt doch nicht so dämlich!«

So scholl es, wenngleich ein wenig versteckt, von allen Seiten. Natürlich waren es zur Hauptsache die nunmehr ins zweite Schuljahr vorgedrungenen Schüler und Schülerinnen, die diese Rufe austießen. Denn nur allzugut erinnerte sie sich, wie es ihnen an ihrem ersten Schultag ergangen war, und es war deshalb nicht mehr als recht und billig, daß sie die damals aufgespeicherten Aggressionen jetzt mit dem größten Vergnügen abbauten.

Die rund fünfzig Jungen und Mädchen, die in zwei Klassen verteilt werden würden, nahmen es mit gemischten Gefühlen hin.

Hier wurden sie ausgelacht und gehänselt, und wenn sie auf die andere Seite schauten, auf die Seite, wo Eltern, teils Großeltern und Verwandte standen, dann waren sie die wichtigsten Personen des Tages.

Kameras wurden überall gezückt, Berufsfotografen schwirrten umher. Filmkameras surrten, und alle diese Erwachsenen lächelten.

Ein blondgelocktes Mädchen löste sich überraschend aus der Gruppe der Neueinzuschulenden, die darauf warteten, ins Schulgebäude geführt zu werden, und schlug einem der zu den Hänselnden gehörenden Jungen temperamentvoll links und rechts eines auf die Wange.

»Da!« rief sie furchtlos. »Kannst du vielleicht schon bis hundert zählen?«

Der Junge, obwohl von kräftiger Statur, starrte die Kleine sprachlos an.

»Nein, was?« triumphierte sie. »Zweites Schuljahr und dabei so dumm!!!« Die drei Ausrufungszeichen, die hinter diesem Wort standen, waren förmlich zu hören. »Aber ich kann bis hundert zählen, jawohl. Das habe ich in der Vorschule gelernt, im deutsch-französischen Kindergarten. Oui, Monsieur, parlez-vous francais? Ja, mein Herr, sprechen Sie französisch?«

Der Junge starrte die Kleine an wie ein Wundertier.

Diese reckte sich, sich voll und ganz ihrer Persönlichkeit bewußt, und sagte: »Sabine Velten heiße ich, damit ihr gleich wißt, wer ich bin. Natürlich komme ich ins erste Jahr in die Schule, aber das war bei euch ja wohl genauso, nicht? Nächstes Jahr ist es schon anders. Wer von euch wird sitzenbleiben?« Zielsicher tippte sie auf ein dümmlich dreinblickendes Mädchen. »Vielleicht du?«

Die Mitschüler und Mitschülerinnen dieses Mädchens, die recht genau wußten, daß bei ihr schon die Rede von der Sonderschule gewesen war, verloren an Haltung.

»Angeberin«, murmelte ein Junge angriffslustig.

Ihm erging es nicht anders als dem anderen Jungen. Ehe er sich versah, hatte Sabine ihm links und rechts eine Ohrfeige versetzt.

»Versuch es, dich mit mir zu raufen«, forderte sie ihn mutig auf. »Vielleicht bin ich nicht so stark wie du, aber ich bin flink.« Sie duckte sich, machte ein paar behende Bewegungen und sprühte vor Temperament.

Das alles tat und sagte sie so charmant, daß viele der Erwachsenen schmunzeln mußten.

Aber natürlich mußte man eingreifen.

»Sabine!«

»Sabine Velten!«

Hannelore Velten und die Klassenlehrerin riefen es gleichzeitig.

Unschuldig wandte Sabine sich ihnen zu. »Ja, hier bin ich«, sagte sie, als wäre nichts geschehen. »Ist es jetzt soweit, daß die Schule losgeht?«

Thorsten Graf Riekhoff ließ seine Kamera surren. Er vergaß fast, daß doch sein Hauptaugenmerk seiner Tochter Anja gelten mußte. Zu entzückend war dieser Auftritt von Sabine Velten gewesen, mit dem sie sich zweifellos eine Menge Respekt verschafft hatte.

Jetzt sah er, wie Frau Velten etwas verlegen zu ihm herüberschaute. Er nahm Anja, die sich schüchtern an seiner Seite hielt, bei der Hand und schritt auf die junge Frau zu.

»Guten Tag, Frau Velten«, sagte er herzlich. »Das ist meine Tochter Anja.«

Ehe Hannelore etwas entgegnen konnte, trompetete Sabine: »Sag bloß, du bist auch hier? Klar ist das Anja. Wir kennen uns doch vom Kindergarten. Prima finde ich das. Bist du bei der gleichen Lehrerin wie ich?«

Anja errötete vom Hals her in die Wangen und machte eine leicht schüttelnde Schulterbewegung. »Hoffentlich«, wisperte sie.

»Bestimmt«, verkündete Sabine zuversichtlich. »Und wenn nicht, dann wird getauscht. Weißt du, so, wie wir im Kindergarten Albumblätter getauscht haben.«

Probleme existierten für Sabine einfach nicht. Sie wurde immer damit fertig.

Anja sagte nur: »Ja.«

Graf Thorsten und Hannelore Velten sahen sich überrascht an. »Die Kinder kennen sich«, sagte sie, und es klang ein wenig wie eine Frage.

»Ich habe es auch nicht gewußt«, entgegnete er. Ein froher Unterton schwang in seiner Stimme mit. Für Anja wäre eine Freundschaft mit der selbstbewußten Sabine sicher förderlich, und ihm würde es Gelegenheit geben, in engeren Kontakt mit Frau Velten zu kommen. »Sie haben eine recht energische Tochter, gnädige Frau.«

Sie lächelte etwas verlegen und doch stolz. »Ja, Sabine kann sich durchsetzen. Ich weiß nicht, von wem sie dieses Temperament geerbt hat. Aber sie wird hoffentlich das Leben damit meistern.«

»Das wird sie bestimmt«, sagte er und wünschte, daß Sabines Selbstbewußtsein ein wenig auf Anja abfärben würde. Ein eigentümliches Gefühl beschlich ihn, als er jetzt die beiden Kinder, die von der Lehrerin ins Schulgebäude geführt wurden, ins Schußfeld seiner Kamera brachte.

Mit unterschiedlicher Begeisterung folgten die ABC-Schützlinge der jungen, sympathischen Lehrerin.

Die kleine Komteß Anja Riekhoff hielt sich schüchtern zurück.

Aber da war Sabine Velten, gut zehn Zentimeter größer als Anja, die sie energisch an die Hand nahm.

»Allons«, sagte sie ermutigend.

Allons – auch das hatten sie im Vorschulkindergarten gelernt. Es hieß: gehen wir.

Anja ließ sich mitziehen. Sie war unendlich froh, daß jemand da war, den sie kannte. Obwohl sie fast ein Jahr im Kindergarten gewesen war, hatte sie ihre Scheu, neue Menschen kennenzulernen, nicht abgelegt.

*

»Oh, Schwester Gertrud, wie nett, daß Sie mich einmal wieder besuchen.« Graf Thorstens Freude war echt. Mit ausgestreckten Armen ging er auf die Besucherin zu, schüttelte kräftig ihre Hand und führte sie zu einem Sessel.

»Ich mußte mich doch sehen lassen«, entgegnete Schwester Gertrud, eine Frau mit grauen Haaren, ruhigen Bewegungen und resoluter Stimme. Sie war Hebamme gewesen, aber seit zwei Jahren pensioniert. »Ich muß doch erfahren, wie Anja die Schule gefällt. Vierzehn Tage sind es inzwischen schon, nicht wahr?«

»Auf den Tag«, bestätigte er.

»Fast sieben Jahre ist sie. Wie die Zeit vergeht.«

»Sie war nahezu die Kleinste von den Neulingen, aber sie hat sich recht gut herausgemacht.«

Sie sahen sich an und wußten, was sie beide dachten: Bei ihrer Geburt hatte man nicht geglaubt, daß sie lebensfähig sein würde. So war es immer, wenn sie sich trafen. Manchmal lagen Monate zwischen zwei Besuchen von Schwester Gertrud. Aber niemals sprachen sie es aus, daß sie an diesen Tag dachten, denn Anjas Mutter hatte ja die Geburt nicht überlebt, und auch nach sieben Jahren waren die Erinnerungen noch schmerzlich.

Der Schmerz um seine Frau war bei Graf Thorsten verblaßt, aber daß Anja Mutterliebe entbehren mußte, bedrückte ihn. Oft hatte er schon an eine Wiederheirat gedacht, aber immer hatten die Bedenken im Vordergrund gestanden, daß ein solcher Schritt eher zu Anjas Nachteil als zu ihrem Vorteil sein könnte. Ihm war eben nicht die richtige Frau begegnet. Seine Gedanken irrten zu Hannelore Velten.

Minutenlang hatten sich Graf Thorsten und Schwester Gertrud wortlos gegenübergesessen, und keinem war es aufgefallen.

Denn auch Schwester Gertruds Gedanken gingen ihre eigenen Wege. Damals, vor sieben Jahren – war es richtig gewesen, was sie getan hatte?

»Wie unaufmerksam ich bin«, sagte Graf Thorsten in das Schweigen. »Einen Sherry von der bewährten alten Marke, Schwester Gertrud?«

»Gern. Meine Schwäche für einen guten Sherry kann ich mir nicht abgewöhnen«, akzeptierte sie lächelnd.

»Sie werden doch bis zum Tee bleiben?«

»Eigentlich wollte ich mich nicht so lange aufhalten, sondern nur kurz Anja begrüßen. Ein bißchen Naschwerk habe ich ihr mitgebracht. Es ist Ihnen doch recht?«

»Aber sicher. Anja geht immer sehr sparsam damit um. Haben Sie noch etwas anderes vor?«

»Das nicht, aber ich möchte Sie nicht stören.«

»Sie stören nicht, Schwester Gertrud, das wissen Sie doch. Ich habe nämlich Anjas Einschulung gefilmt. Der Film kam gestern von der Kopieranstalt zurück. Er ist recht nett geworden. Hätten Sie nicht Lust, sich ihn mit anzuschauen?«

Er hatte inzwischen zwei Sherry eingeschenkt und hob sein Glas.

Sie tat es ihm gleich und nippte mit Behagen. »Wieder ein neuer Film von Anja, ja, das ändert natürlich alles. Mit Vergnügen würde ich ihn sehen.«

»Ich erwarte eine Schulfreundin von Anja und ihre Mutter. Der Film enthält eine entzückende Szene mit der kleinen Sabine. Dazu muß ich Ihnen noch einen Kommentar geben. Ich glaube, ich werde mich doch entschließen, mir eine Tonkamera zuzulegen.«