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Von der Autorin des SPIEGEL-Bestsellers "In fünf Jahren"
Als ihre Mutter Carol stirbt, gerät Katys Welt ins Wanken. Denn Carol war ihre engste Vertraute und stets ihre erste Anlaufstelle. Ausgerechnet jetzt, wo Katy sie am meisten braucht, ist sie nicht mehr da. Und sie hatten doch diese ganz besondere gemeinsame Reise geplant, nach Positano – jenen Ort, an dem Carol einst einen magischen Sommer verbrachte, bevor sie Katys Vater traf. Kurz entschlossen reist Katy alleine an die Amalfiküste. Sobald sie das charmante kleine Hotel betritt, fühlt Katy sich zurückversetzt in die Zeit, als ihre Mutter jung war. Plötzlich steht die dreißigjährige Carol vor ihr – sonnengebräunt, lebenshungrig und quicklebendig. Im Laufe eines Sommers, der wie im Traum vergeht, muss Katy feststellen, dass sie nicht alles über ihre Mutter wusste ...
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2023
Zum Buch
Als ihre Mutter Carol stirbt, gerät Katys Welt ins Wanken. Denn Carol war ihre engste Vertraute und stets ihre erste Anlaufstelle. Ausgerechnet jetzt, wo Katy sie am meisten braucht, ist sie nicht mehr da. Und sie hatten doch diese ganz besondere gemeinsame Reise geplant, nach Positano – jenen Ort, an dem Carol einst einen magischen Sommer verbrachte, bevor sie Katys Vater traf. Kurz entschlossen reist Katy alleine an die Amalfiküste. Sobald sie das charmante kleine Hotel betritt, fühlt Katy sich zurückversetzt in die Zeit, als ihre Mutter jung war. Plötzlich steht die dreißigjährige Carol vor ihr – sonnengebräunt, lebenshungrig und quicklebendig. Im Laufe eines Sommers, der wie im Traum vergeht, muss Katy feststellen, dass sie nicht alles über ihre Mutter wusste …
Zur Autorin
REBECCASERLE ist Autorin und Drehbuchschreiberin und lebt in New York und Los Angeles. »In fünf Jahren« stand wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ihr neuer Roman »Ein Sommer in Italien« wurde von Leser*innen und Buchblogger*innen begeistert aufgenommen und führte lange die New-York-Times-Bestsellerliste an. Rebecca Serles Bücher erscheinen in 24 Ländern.
Rebecca Serle
Roman
Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »One Italian Summer« bei Atria Books, Simon & Schuster Inc., New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstveröffentlichung April 2023,
btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © der Originalausgabe 2020 by Rebecca Serle
Covergestaltung: Semper Smile nach einem Entwurf von Kwan Layan unter Verwendung einer Illustration von Henry Sene Yeee
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
SL · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-30616-8V002
www.btb-verlag.de
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Für meine Mutter, die Königin meines Herzens.
Möge sie lange regieren.
Ich habe einfach das Gefühl, dass ich mehr Zeit brauche … Ich fühle mich wie belagert, verstehst du mich? Ich meine, ich dachte, ich hätte so viel mehr … Zeit. Ich dachte, ich hätte den ganzen Sommer, um mein Wissen über die Arbeit und das Leben und deine Zukunft an den Mann zu bringen, und ich habe einfach das Gefühl, ich hätte dir etwas zu sagen. Oh! Im Bus sorg dafür, einen guten Platz zu bekommen, weil die Menschen Gewohnheitstiere sind, und der Platz, für den du dich entscheidest, könnte für den Rest des Jahres deiner sein, verstehst du?
Besorg dir einen Fensterplatz, Liebes, weil es so viel zu sehen gibt.
LORELAIGILMORE
Geraucht habe ich nie, aber heute ist der letzte Tag der Schiv’a, der sieben Trauertage für meine Mutter; deshalb die Ausnahme. Ich habe die Zigarette zwischen den Zähnen, stehe im hinteren Garten und schaue auf das, was bis vor zwei Monaten ein schneeweißes Reihenhaus war und bereits jetzt aussieht wie verwittert. Meine Mutter sorgte immer dafür, dass alles blitzsauber ist. Sie sorgte für alles.
Carols Regeln fürs Leben:
Ein gutes Paar Jeans wirft man niemals weg.Frische Zitronen müssen immer im Haus sein.Brot hält sich eine Woche im Kühlschrank und zwei Monate in der Gefriertruhe.Mit OxiClean kriegst du alle Flecken raus.Vorsicht mit Bleiche.Im Sommer ist Leinen besser als Baumwolle.Pflanz Kräuter an, keine Blumen.Keine Angst vor Wandfarben. Mit einer beherzten Farbwahl kann man ein ganzes Zimmer verändern.Komm ins Restaurant immer pünktlich, und fünf Minuten zu spät, wenn du zu jemandem nach Hause eingeladen bist.Rauche nicht. Niemals.Ich muss dazusagen, ich habe die Zigarette nicht angezündet.
*
Carol Almea Silver war eine Säule der Gemeinschaft, und jeder, der sie kannte, liebte sie. In der vergangenen Woche haben wir unsere Türen für Verkäuferinnen und Nageldesignerinnen geöffnet, die sie kannte, für die Frauen aus ihrer Gemeinde, Kellnerinnen von Craig’s, Krankenschwestern aus dem Cedars-Sinai-Krankenhaus. Auch zwei Kassenangestellte der City-National-Bank an der Roxbury sind gekommen. »Sie hat uns immer selbst gebackene Kuchen oder Plätzchen mitgebracht«, sagten sie. »Und sie half uns gerne weiter.« Mehrere Paare vom Brentwood Country Club waren da. Irene Newton, die jeden Donnerstag an der Theke von Il Pastaio mit meiner Mutter zu Mittag aß. Selbst der Barkeeper vom Hotel Bel-Air, wo sich Carol manchmal einen eisgekühlten Martini gönnte. Und jeder hat eine Geschichte zu erzählen.
Meine Mutter war die Erste, die man anrief, wenn man ein bestimmtes Rezept brauchte (eine Handvoll Zwiebeln, Knoblauch, und vergiss ja nicht die Prise Zucker), und abends die Letzte, wenn man nicht schlafen konnte (mach dir eine Tasse heißes Wasser mit Zitrone, Lavendelöl und einer Magnesium-Brausetablette). Sie kannte für jedes Rezept das richtige Verhältnis zwischen Öl und Knoblauch, und sie konnte aus drei beliebigen Zutaten ein Abendessen zaubern, kein Problem. Sie hatte auf alles eine Antwort. Ich wiederum habe auf nichts eine Antwort, und jetzt habe ich auch meine Mutter nicht mehr.
»Hi«, höre ich Eric von drinnen rufen. »Wo sind denn alle?«
Eric ist mein Mann, und er ist hier heute der letzte Gast. Das sollte er nicht sein. Er hätte die ganze Zeit bei uns sein sollen, hätte mit uns auf den harten, niedrigen Stühlen der Schiv’a sitzen sollen, inmitten von Kasserollen mit Nudelgerichten und dem ständig läutenden Telefon und den endlosen Lippenstiftküssen der Nachbarinnen und den Frauen, die sich »Tantchen« nennen, doch stattdessen steht er jetzt am Eingang des Hauses meines Vaters und wartet darauf, empfangen zu werden.
Ich mache die Augen zu. Vielleicht hört er ja auf, mich zu suchen, wenn ich ihn nicht sehen kann. Vielleicht kann ich mich an diesem unverschämt prächtigen Maitag unsichtbar machen, an dem die Sonne so prahlerisch scheint wie eine Frau, die beim Lunch zu laut in ihr Handy spricht. Wer hat dich eigentlich hierher eingeladen?
Ich stecke die Zigarette in meine Jeanstasche.
Eine Welt ohne sie, wie sie aussehen wird und wer ich sein werde, wenn sie nicht mehr da ist, kann ich mir noch nicht vorstellen. Für mich ist es undenkbar, dass sie mich dienstags nicht mehr zum Lunch abholt, dass sie ohne Parkerlaubnis vor meinem Haus parkt und schnell mit einer Tüte voller Sachen hereinläuft – Lebensmittel, Kosmetikprodukte, einem neuen Pullover, den sie bei Off 5th gekauft hat. Ich kann nicht begreifen, dass ihr Handy, wenn ich sie anrufe, einfach weiterläuten wird und dass es niemanden mehr gibt, der abhebt und sagt: »Katy, Liebes. Nur einen Moment. Ich habe nasse Hände.« Es geht mir einfach nicht in den Kopf, dass ihr Körper nicht mehr da ist – dieser warme, einladende Körper. Der Ort, an dem ich mich immer zu Hause gefühlt habe. Denn wissen Sie, meine Mutter ist die große Liebe meines Lebens. Sie ist die große Liebe meines Lebens, und ich habe sie verloren.
»Eric, komm rein. Hast du da draußen gestanden?«
Ich höre die Stimme meines Vaters von drinnen, wie er Eric hereinbittet. Eric, der zwölfeinhalb Minuten Fahrt von uns entfernt in Culver City in unserem gemeinsamen Haus lebt. Der sich von Disney, wo er als Filmproduzent arbeitet, beurlauben ließ, um in dieser schwierigen Zeit bei mir zu sein. Mit dem ich zusammen bin, seit ich zweiundzwanzig bin, also seit acht Jahren. Der den Müll rausbringt, weiß, wie man Pasta kocht und immer brav den Toilettensitz wieder runterklappt. Dessen Lieblingsserie Modern Family ist und der bei jeder Folge von Parenthood geheult hat. Dem ich erst gestern Abend in unserer Küche – die ich zusammen mit meiner Mutter eingerichtet habe – gesagt habe, dass ich nicht mehr weiß, ob ich noch mit ihm verheiratet sein kann.
Wenn deine Mutter die Liebe deines Lebens ist, was wird dann aus deinem Ehemann?
»Hey«, sagt Eric, als er mich erblickt. Er tritt nach draußen, kneift die Augen zusammen. Er winkt, etwas müde. Auf dem Gartentisch aus Glas rollt sich langsam eine Käserinde zusammen. Obwohl es warm draußen ist, trage ich eine dunkle Jeans und einen Wollpullover, weil es im Haus eisig ist. Meine Mutter hat es drinnen immer kühl gehalten. Mein Vater kennt es nicht anders.
»Hi«, sage ich.
Er hält mir die Tür auf, und ich gehe nach ihm ins Haus.
Drinnen herrscht trotz der Kühle die gleiche Behaglichkeit wie immer. Meine Mutter war Innenarchitektin und hatte wegen ihres gemütlichen Einrichtungsstils einen guten Ruf. Unser Haus war ihr Vorzeigeobjekt. Ausladende Möbelstücke, jede Menge florale Elemente, Stoffe mit ausgeprägten Mustern. Eine Mischung aus Ralph Lauren, Laura Ashley, einem sehr schönen Paar Tod’s-Loafers und einem sauber gebügelten weißen Button-down-Hemd. Sie liebte Stoffe und Materialien jeder Art – Holz, Leinen, das Gefühl, wenn etwas sauber und solide genäht ist.
Es war immer etwas Gutes zum Essen im Kühlschrank, in der Tür eine Flasche Wein und auf dem Tisch eine Vase mit frischen Blumen.
Eric und ich versuchen schon seit drei Jahren, einen Kräutergarten anzupflanzen.
Ich lächele Eric zu. Genauer gesagt versuche ich meinen Mund entsprechend zu verziehen, aber irgendwie fällt mir nicht mehr ein, wie das geht. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich das alles ohne sie machen soll.
»Katy, du trauerst«, hat er gestern Abend zu mir gesagt. »Du durchlebst eine Krise, und du kannst jetzt nicht eine solche Entscheidung treffen. Menschen lassen sich nicht mitten in einem Krieg scheiden. Geben wir der Sache ein wenig Zeit.«
Was er nicht wusste, war, dass ich das bereits getan hatte. Monatelang. Seit meine Mutter krank wurde, dachte ich darüber nach, was es bedeutete, mit Eric verheiratet zu sein. Doch mein Entschluss, Eric zu verlassen, hatte weniger mit dem Tod meiner Mutter zu tun und mehr mit dem Gedanken an den Tod im Allgemeinen. Womit ich sagen will, dass ich angefangen hatte, mich zu fragen, ob das die Ehe war, die ich bis ans Ende meines Lebens haben wollte, ob es die Ehe war, die mir dabei helfen würde, das alles durchzustehen, die Krankheit meiner Mutter und das, was undenkbarerweise danach kommen würde.
Kinder hatten wir noch keine – wir waren doch selbst noch Kinder, oder?
Kennengelernt haben Eric und ich uns, als wir beide zweiundzwanzig waren und an der UC Santa Barbara studierten. Er war ein Liberaler von der Ostküste und wollte in die Politik oder als Journalist arbeiten. Ich war in Los Angeles geboren, hing sehr an meinen Eltern und den heimischen Palmen und hatte das Gefühl, mehr als zwei Stunden von meiner Heimat entfernt könnte ich es nicht aushalten.
Wir besuchten ein Seminar zusammen – es hieß Cinema 101 und war ein wichtiger Kurs, mit dem wir beide etwas spät dran waren. Am ersten Tag des Frühjahrssemesters saß er neben mir – dieser schlaksige, große Junge. Er lächelte, wir fingen an zu reden, und am Ende der Vorlesung hatte er einen Stift durch eine meiner Ringellocken gesteckt. Damals trug ich das Haar lang und lockig; mit dem Glätten hatte ich noch nicht angefangen.
Er zog den Stift wieder heraus, und die Locke wippte.
»Schöne Kringel«, sagte er. Er wurde rot. Er hatte es nicht getan, weil er selbstbewusst war; er hatte es getan, weil er nicht wusste, was er sonst machen sollte. Und mich brachte diese peinliche Berührtheit, die Lächerlichkeit eines Fremden, der dir einen Stift in die Haare steckt, zum Lachen.
Er fragte, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken gehen wolle. Wir setzten uns auf die große Wiese und saßen ganze zwei Stunden beisammen. Er erzählte mir von seiner Familie zu Hause in Boston, von seiner jüngeren Schwester, seiner Mutter, die Professorin am Tufts-College war. Mir gefiel, wie er sie sah, die Frauen in seiner Familie. Ich mochte es, wie er über sie sprach – als wären sie wirklich wichtig.
Erst eine Woche später küsste er mich, doch als wir erst einmal zusammen waren, lief es wie am Schnürchen. Keine Trennungen, keine lautstarken Auseinandersetzungen, keine Auszeiten. Nichts, was sonst zu junger Liebe gehört. Als er mit der Uni fertig war, bekam er einen Job beim Chronicle in New York, und ich zog mit ihm in den Big Apple. Wir kamen in einer winzigen Schuhschachtel in Greenpoint, Brooklyn, unter. Ich arbeitete als Texterin in allen möglichen Bereichen, hauptsächlich Modeblogs, deren Bloggerinnen froh waren, wenn jemand sie sprachlich unterstützte. Das war 2015, die Stadt hatte sich von schweren finanziellen Zeiten erholt, und Instagram war überall.
In New York verbrachten wir zwei Jahre, bevor wir nach Los Angeles umzogen. Wir fanden eine Wohnung in Brentwood, direkt um die Ecke vom Haus meiner Eltern. Wir heirateten, kauften uns ein erstes eigenes Haus, ein Stück weiter weg in Culver City. Wir bauten uns ein Leben auf, für das wir eigentlich noch zu jung waren.
»Ich war schon fast dreißig, als ich deinen Vater kennengelernt habe«, sagte meine Mutter, als wir damals an die Westküste zurückkehrten. »Ihr habt noch so viel Zeit. Manchmal wünschte ich, du würdest sie dir nehmen.« Doch ich liebte Eric – wir alle liebten ihn. Und ich hatte mich immer schon in Gesellschaft von Erwachsenen wohler gefühlt als mit Gleichaltrigen, das war schon mit zehn so gewesen. Und ich wünschte mir das ganze Drumherum, das anderen zeigen würde, dass ich bereits erwachsen war. Es fühlte sich gut an, schon in jungen Jahren Ernst zu machen. Die Zeit verging. Ich hatte nie gedacht, dass etwas schiefgehen könnte. Bis gestern Nacht. Dann lief alles schief.
»Ich hab die Post mitgebracht«, sagt Eric. Meine Mutter ist tot. Was soll schon auf irgendeinem Stück Papier stehen, das es wert sein könnte, es zu lesen?
»Hast du Hunger?«
Ich brauche einen Moment, bis ich merke, dass mein Vater das Eric gefragt hat, und eine weitere Sekunde, bis mir klar ist, dass die Antwort tatsächlich Ja lautet, Eric hat genickt, und eine dritte, bis mir bewusst wird, dass niemand hier in der Lage ist, eine Mahlzeit zuzubereiten. Meine Mutter hat für meinen Vater gekocht, für uns alle – und sie hat es großartig gemacht. Eine ihrer Spezialitäten waren ausladende Frühstücke; zum Beispiel gab es gebackenen Ziegenkäse auf Bagels, dazu Obstsalat und Cappuccino. Als mein Vater vor fünf Jahren in den Ruhestand gegangen war, hatten sie begonnen, draußen zu essen, und saßen stundenlang auf der Veranda. Am Sonntag liebte meine Mutter es, sich die New York Times zu Gemüte zu führen, und am Nachmittag schlürften sie Eiskaffee. Mein Vater liebte alles, was sie liebte.
Chuck, mein Dad, betete Carol an. Für ihn hatte sie den Mond an den Himmel gehängt und eine Handvoll Sterne dazu. Doch insgeheim – und das war auch für ihn vermutlich kein Geheimnis – war ich ihre große Liebe. Natürlich liebte sie meinen Vater. Ich gehe davon aus, dass es keinen Mann auf der ganzen Welt gab, den sie für ihn eingetauscht hätte, aber nichts ging über unsere Beziehung. Ich war ihr Ein und Alles, und sie für mich ebenso.
Ich glaube, meine Liebe zu meiner Mutter war wahrer und reiner als die Liebe, die sie mit meinem Vater verband. Hätte man sie gefragt, zu wem gehörst du?, hätte die Antwort Katy gelautet.
»Du bist alles für mich«, sagte sie oft zu mir. »Du bist meine ganze Welt.«
»Im Kühlschrank sind noch Reste«, höre ich mich jetzt sagen.
Ich denke darüber nach, Salat auf Tellern zu verteilen, das Huhn warmzumachen und den Reis anzubraten, so wie Dad es mag.
Doch mein Vater ist schon auf dem Weg und macht sich an den fertigen Salaten von La Scala zu schaffen, die in ihren Behältern bestimmt schon durchgeweicht sind. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer sie mitgebracht hat, nur, dass sie da sind.
Eric steht immer noch in der Tür.
»Ich dachte, vielleicht könnten wir reden«, sagt er zu mir.
Gestern Abend habe ich unsere Wohnung verlassen und bin hierhergefahren, habe mit meinem eigenen Schlüssel aufgemacht und bin auf Zehenspitzen die Treppe hoch. Es war fast Mitternacht, und ich steckte den Kopf ins Schlafzimmer meiner Eltern, in der Erwartung, dass mein Vater drinnen lag und schlief, aber er war nicht da. Auch im Gästezimmer lag er nicht. Ich ging runter ins Wohnzimmer, und da schlief er auf der Couch. Ihr gerahmtes Hochzeitsfoto lag auf dem Boden.
Ich deckte ihn zu. Er rührte sich nicht. Und dann ging ich hoch ins Elternschlafzimmer und schlief im Ehebett, auf der Seite, die mal ihr gehört hatte.
Als ich am Morgen runterkam, kochte mein Vater Kaffee. Ich erwähnte die Couch nicht, und er fragte mich nicht, warum ich dort oben gewesen war, und auch nicht, wo ich geschlafen hatte. Mit derlei Kleinigkeiten, allem, was wir tun, um zu überleben, halten wir uns gar nicht auf.
»Katy«, sagt Eric, als ich ihm keine Antwort gebe. »Du musst mit mir reden.«
Aber ich traue mir nicht zu, mit ihm zu reden. Alles fühlt sich so zum Reißen gespannt an, dass ich Angst habe zu schreien, wenn ich auch nur ihren Namen sage.
»Möchtest du was essen?«, frage ich.
»Kommst du wieder nach Hause?« Seine Stimme klingt gereizt, und nicht zum ersten Mal in diesen vergangenen paar Monaten wird mir bewusst, wie wenig wir beide an unangenehme Situationen gewöhnt sind. Wir wissen nicht, wie wir ein Leben führen sollen, das uns den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das hier ist nicht das, was uns unsere Familien, unsere Herkunft, unsere Ehe versprochen haben. Versprechungen haben wir in einer Welt gemacht, die hell erleuchtet war. Und wir wissen nicht, wie wir sie einhalten sollen, jetzt, wo es stockdunkel ist.
»Wenn du dich mir einfach mitteilst, könnte das hilfreich sein«, sagt Eric. »Aber du musst mit mir reden.«
»Ich muss …«, wiederhole ich.
»Ja«, sagt Eric.
»Wieso eigentlich?« Ich bemerke meinen patzigen Unterton, aber ich komme mir wirklich kindisch vor.
»Weil ich dein Ehemann bin«, sagt er. »Hey. Ich bin’s. Deshalb bin ich auch hier. Darum geht es. Ich kann helfen.«
Auf einmal überkommt mich ein plötzlicher und doch vertrauter Ärger, und in Fettdruck steigen ein paar Worte in mir auf: Unglücklicherweise kannst du das nicht.
Dreißig Jahre lang hat meine Bindung an den besten Menschen, den ich kannte, gewährt, die beste Mutter, die beste Freundin, die beste Ehefrau – eben die Beste. Diese Beste, das war meine Beste, und jetzt ist sie nicht mehr da. Das Band, das uns verknüpfte, ist gekappt worden, und mich überwältigt, wie wenig mir geblieben ist, und wie zweitrangig alles andere in meinem Leben ist.
Ich nicke, weil mir nichts Besseres einfällt. Eric reicht mir einen Stapel Umschläge.
»Den obendrauf solltest du dir anschauen«, sagt er.
Ich blicke darauf. Der Absender ist United Airlines. Ich zucke zusammen.
»Danke.«
»Willst du, dass ich gehe?«, fragt Eric. »Ich kann uns ein paar Sandwiches besorgen, oder …«
Ich schaue ihn an, wie er in seinem Oxford-Hemd und der Khakihose vor mir steht. Er tritt von einem Fuß auf den anderen. Sein braunes Haar ist im Nacken einen Tick zu lang; an den Koteletten auch. Er braucht dringend einen Haarschnitt. Er trägt seine Brille. Sonderbarer Vogel, hat meine Mutter gesagt, als sie ihn zum ersten Mal sah. Aber er sieht gut aus.
»Nein«, sage ich. »Passt schon.«
Er spricht meine Eltern mit Vornamen an. Er zieht an der Haustür seine Schuhe aus und legt die bestrumpften Füße manchmal auf dem Wohnzimmertisch ab. Er bedient sich am Kühlschrank und füllt den Seifenspender nach, wenn er leer ist. Es ist auch sein Zuhause.
»Ich lege mich jetzt hin«, sage ich.
Ich wende mich zum Gehen, aber Eric greift nach meiner Hand. Ich spüre seine Fingerspitzen, die sich kühl an meine Haut pressen. Es ist, als würden sie ein einziges Wort morsen: Bitte.
»Später«, sage ich. »Okay?«
Es lässt mich los.
Ich steige die Treppe hoch, gehe den holzgetäfelten Flur entlang, vorbei an meinem früheren Zimmer, das meine Mutter und ich neu gestrichen haben, als ich das zweite Jahr am College war, und dann wieder, als ich siebenundzwanzig wurde. Es hat eine gestreifte Tapete, weiße Polster und einen Schrank voller Sweatshirts und Sommerkleider. Meine gesammelten Toilettenartikel stehen, längst abgelaufen, im Kosmetikschränkchen.
»Du hast hier alles, was du brauchst«, sagte meine Mutter immer. Sie fand es toll, dass ich jederzeit bei ihnen übernachten konnte und noch nicht mal eine Zahnbürste einpacken musste.
Ich bleibe an der Tür zu ihrem Zimmer stehen.
Wie lange dauert es, bis der Duft eines Menschen verfliegt? Als sie am Ende hier war. Als die Schwestern des Hospizes wie Gespenster kamen und gingen, es überall nach Krankheit roch, wie in einem Spital, nach Plastik und Gemüsebrühe und nach sauer gewordener Milch. Doch jetzt, wo alle Spuren ihres Leidens verschwunden sind, riecht es wieder nach ihr, und es ist der Duft einer Blüte im Frühling. Er hängt in den Decken, dem Teppich, den Vorhängen. Wenn ich die Tür ihres Schrankes aufmache, ist es fast so, als wäre sie immer noch da und hätte sich darin versteckt.
Ich schalte das Licht an und setze mich hin, inmitten ihrer Kleider und Blazer, der gebügelten Jeans, gefaltet oder aufgehängt. Ich atme sie ein. Und dann richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Umschläge in meiner Hand. Ich lasse sie einen nach dem anderen zu Boden gleiten, bis nur der obere übrig ist. Ich stecke den kleinen Finger unter die Klebekante und reiße sie vorsichtig auf. Sie gibt leicht nach.
Drinnen stecken, wie erwartet, zwei Flugtickets. Carol Almea Silver war keine Frau, die ein Ticket auf ihrem Handy hat und es dem Bodenpersonal zum Scannen reicht. Sie war eine Frau, die zu einer richtigen Reise ein richtiges Ticket wollte.
Positano. 5. Juni. Heute in sechs Tagen. Der Mutter-Tochter-Trip, von dem wir seit Jahren geredet haben: Hier ist er, schwarz auf weiß.
Italien war für meine Mutter immer etwas Besonderes. In dem Sommer, bevor sie meinen Vater kennenlernte, war sie an der Amalfiküste gewesen. Sie liebte es, Positano, den winzigen Ort am Meer, als »den Himmel auf Erden« zu beschreiben, den Ort, an dem Gott zu Hause ist. Sie liebte die Klamotten und das Essen und das Licht. »Und das Eis allein ist eine ganze Mahlzeit«, sagte sie.
Eric und ich hatten überlegt, ob wir in den Flitterwochen dorthin fahren sollten – bis Rom fliegen und auf der Zugfahrt noch einen Abstecher nach Capri machen –, aber damals waren wir noch jung, sparten für ein Haus, und das Ganze kam uns zu extravagant vor. Am Ende schnappten wir uns einen günstigen Flug nach Hawaii und verbrachten drei Nächte im Grand Wailea Maui.
Ich schaue mir die Tickets an.
Meine Mutter hatte immer davon gesprochen, einmal nach Positano zurückzukehren. Zuerst mit meinem Vater, doch irgendwann schlug sie vor, wir beide könnten hinfahren. Und sie war hartnäckig – sie wollte mir unbedingt diesen Ort zeigen, der ihr so sehr im Gedächtnis geblieben war. Diese Art Mekka, das sie besucht hatte, bevor sie Ehefrau und Mutter wurde.
»Es ist der spektakulärste Ort der Welt«, erzählte sie mir oft. »Als ich dort war, haben wir bis Mittag geschlafen und nahmen dann ein Boot und sind aufs Wasser rausgefahren. Da gab es dieses tolle kleine Restaurant, Chez Black, in der Marina. Wir aßen Pasta und Muscheln und hatten Sand an den Füßen. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.«
Und so beschlossen wir zu fahren. Wir bestellten uns Sommerpullis in Cremefarben und Weiß. Sonnenhüte mit großen, breiten Krempen. Wir planten alles durch, von Anfang bis Ende. Bis zu der Woche, bevor sie starb, redeten wir immer noch von der italienischen Sonne. Und jetzt steht der Abreisetag kurz bevor, und sie ist nicht da.
Ich lehne mich mit dem Rücken an die Seite des Schrankes. Ein Mantel reibt an meiner Schulter. Ich denke an meinen Mann und meinen Vater unten im Erdgeschoss. Sie hat beide immer aufgemuntert, angespornt. Sie ermutigte Eric, den Job bei Disney anzunehmen, um eine Gehaltserhöhung zu bitten, das Auto zu kaufen, das er wirklich wollte, in einen guten Anzug zu investieren. »Das Geld kommt schon irgendwie wieder rein«, pflegte sie zu sagen. »Diese Erfahrung wirst du nie bereuen.«
Auch meinen Vater unterstützte sie, als er seinen ersten Klamottenladen aufmachte. Sie glaubte, er könne ein eigenes Label kreieren, und war der Überzeugung, er sei auch dazu in der Lage, die Kleidung selbst zu produzieren. Sie war seine Qualitätskontrolle. Ein gutes Garn erkannte sie auf den ersten Blick, und sie sorgte auch sonst dafür, dass alles, was Dad in seinem Laden verkaufte, Topqualität hatte. Oft arbeitete sie an seiner Ladentheke, nahm Anrufe und Bestellungen entgegen. Jede Person, die jemals bei ihm arbeitete, stellte sie höchstpersönlich an und bildete sie aus, brachte den Leuten bei, wie man einen unsichtbaren Stich machte und was der Unterschied zwischen Falten und Rüschen war. Sie plante die Geburtstagspartys und die Taufen der Angestellten ihrer Kinder. Jeden Freitag buk sie.
Carol wusste genau, wie man sich unverzichtbar machte.
Und jetzt stehe ich hier, sie ist nicht mehr da, und ich verstecke mich in ihrem Schrank. Wie kann das sein, dass ich rein gar nichts von ihren Fähigkeiten geerbt habe? Der einzige Mensch, der wüsste, wie man mit ihrem Tod umgehen kann, ist nicht mehr da.
Ich spüre, wie das Papier in meinen Händen zerknittert. Ich mache eine Faust.
Ich kann es nicht. Auf gar keinen Fall. Ich habe einen Job. Und einen trauernden Vater. Und einen Mann.
Unten klappern Pfannen und Töpfe. Es klingt so, als wäre jemand mit den Geräten und Schränken, mit der Choreografie der Küche, nicht sehr vertraut.
Wir haben unseren Mittelpunkt verloren.
Was ich weiß: Sie ist nicht in diesem Haus, wo sie gestorben ist. Sie ist nicht unten, in der Küche, die sie liebte. Sie ist auch nicht im Wohnzimmer, faltet die Decken und hängt die Hochzeitsfotos um. Sie ist nicht im Garten und schneidet mit behandschuhten Händen die Tomatensträucher. Und auch hier in diesem Schrank, der immer noch nach ihr riecht, ist sie nicht.
Sie ist nicht hier, und folglich kann ich auch nicht hier sein.
Flug 363.
Ich möchte sehen, was sie gesehen hat, was sie liebte, bevor sie mich liebte. Ich möchte sehen, wie der Ort ist, an den sie immer zurückkehren wollte, dieser magische Ort, der so fest mit ihrer Erinnerung verwachsen ist.
Ich ziehe die Knie an meine Brust, lege den Kopf darauf ab. Ich spüre etwas in der Tasche meiner Jeans. Ich ziehe es heraus, und die Zigarette, die warm und zerdrückt ist, zerbröselt in meinen Händen.
Bitte, bitte, sage ich laut und warte auf sie, warte darauf, dass dieser Schrank, voll mit Klamotten von ihr, mir sagt, was ich als Nächstes tun soll.
»Bist du dir sicher, dass ich dich nicht fahren soll?«, fragt Eric.
Ich stehe im Eingang unseres Hauses wie ein artiges Kind mit dem Gepäck neben mir. Das Haus, von dem ich keine Ahnung habe, ob ich jemals hierher zurückkehren werde.
Eric trägt ein lachsfarbenes Poloshirt und Jeans, und seine Haare sind an den Seiten immer noch zu lang. Ich habe nichts dazu gesagt, und er auch nicht. Ich frage mich, ob er es bemerkt, ob auch er weiß, dass er mal wieder zum Friseur muss. Ich habe diese Termine immer für ihn gemacht. Auf einmal kommt mir seine Unfähigkeit, sich um seine Haare zu kümmern, wie ein Affront vor, wie ein unbewusster Angriff.
»Nein, das Uber ist schon auf dem Weg.« Ich halte mein Handy hoch. »Schau, in drei Minuten ist es da.«
Eric lächelt, aber es ist ein kümmerliches, trauriges Lächeln. »Okay.«
Als ich Eric erzählt habe, ich wolle nach Italien fahren und die Mutter-Tochter-Reise allein antreten, hat er gesagt, das sei eine tolle Idee. Er fand, ich brauchte eine Auszeit – schließlich hätte ich mich rund um die Uhr um meine Mutter gekümmert. Vor ein paar Monaten habe ich dafür meinen Job als Texterin bei einer Werbeagentur in Santa Monica aufgegeben. Ich habe damit aufgehört, als sie damals für die Behandlung nach Hause entlassen wurde, und ich wusste nicht, ob und wann ich wieder zurückwollte. Nicht dass jemand danach gefragt hätte. Momentan bin ich mir nicht einmal sicher, ob der Job immer noch auf mich wartet.
»Das hier wird dir guttun«, sagte Eric. »Wenn du zurückkommst, wird es dir viel besser gehen.«
Wir saßen bei dem Gespräch an unserem Küchentresen, eine Schachtel mit Pizza zwischen uns. Ich hatte mir nicht mal die Mühe gemacht, Teller und Besteck rauszuholen. Nur ein Stapel Servietten lag neben der Box. Es war uns alles egal.
»Das ist kein Urlaub«, sagte ich.
Mir gefiel der Gedanke nicht, dass es lediglich ein paar sonnenselige Wochen an der italienischen Küste brauchen würde, um mir einen Neuanfang im Leben zu bescheren.
»Das habe ich auch nicht gesagt.«
Ich spürte deutlich seine Frustration und seinen Wunsch, sie unter Kontrolle zu bringen. Ein Hauch Mitgefühl für ihn durchströmte mich.
»Ich weiß.«
»Wir haben immer noch nicht über uns gesprochen.«
»Ich weiß«, sagte ich noch einmal.
Ein paar Tage vorher war ich nach Hause gekommen. Wir schliefen im selben Bett, machten uns morgens Kaffee, spülten das Geschirr und räumten es weg. Eric ging dann in die Arbeit, und ich stellte Listen mit Leuten auf, die ich zu kontaktieren hatte – Dankesbriefe, die geschrieben werden mussten, manche musste ich zurückrufen, bei der Reinigung meines Vaters war etwas abzuholen.
Doch es sah nur so aus, als wäre alles so wie früher. Wir schlichen umeinander herum wie Fremde in einem Restaurant, ab und zu trafen wir zufällig aufeinander und schauten uns ratlos an.
»Du bist nach Hause gekommen. Heißt das, dass du bleibst?«
Auf dem College hat Eric vor einer großen Prüfung immer ein Sandwich aus dem Deli mitgebracht, das Three Pickles hieß. Darauf waren Schweizer Käse, Rucola und Himbeermarmelade, und es war köstlich. Bei einem unserer ersten Dates hatte er mich dorthin eingeladen und darauf bestanden, für mich zu bestellen. Wir nahmen die Brote mit nach draußen, setzten uns an den Straßenrand und wickelten sie aus. Bei meinem war der Käse zerlaufen, eine weiche, gelbe Schicht, und die Duftmischung, zusammen mit dem würzigen Grünzeug und der herben Süße der Himbeeren, war göttlich.
»Du kannst mir vertrauen«, hatte Eric damals gesagt.
Ich wusste, dass das stimmte.
Ich vertraute ihm bei unserem Umzug nach New York, als wir unsere erste Wohnung kauften. Ich vertraute ihm sogar, als meine Mutter ihre Chemo bekam. Eric hatte mitbestimmt, was gemacht wurde, wo sie am besten behandelt wurde, welche Medikamente sie bekam, welche Untersuchungen anstanden.
Aber jetzt. Wie konnte ich denn jetzt noch jemandem vertrauen? Wir hatten meine Mutter sterben lassen.
»Ich bin mir nicht sicher«, sagte ich. »Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich noch mit dir verheiratet sein kann.«
Eric stieß den Atem aus, als hätte ich ihm einen Schlag in den Magen versetzt. Und das hatte ich ja auch. Es war unfreundlich und barsch gewesen, wie ich das gesagt hatte, und ich hätte besser geschwiegen. Aber er hatte mir auch eine Frage gestellt, die unmöglich war. Er fragte mich nach einer Zukunft, die für mich nicht mehr greifbar war.
»Das ist brutal«, sagte er.
Eric nahm ein Stück Pizza und ließ es auf eine Serviette plumpsen. Es kam mir lächerlich vor, jetzt etwas zu essen. Überhaupt mit dem Essen zu beginnen.
»Ich weiß. Tut mir leid.«
Dass ich mich entschuldigte, schien ihm neuen Mut zu geben. »Wir können das gemeinsam durchstehen«, sagte er. »Du weißt, dass wir das können. Wir haben schon so viel zusammen durchgestanden, Katy.«
Ich nahm mir auch ein Stück Pizza. Es kam mir vor wie ein fremdes Objekt. Ich war mir nicht sicher, ob ich es essen oder draußen im Garten verbuddeln wollte.
Natürlich war das Problem, dass wir eigentlich noch gar nichts zusammen durchgestanden hatten, weil es nichts zum Durchstehen gegeben hatte. Nicht bis jetzt. Unser Leben hatte sich vor uns ausgebreitet wie eine endlos lange, offene Straße. Es gab keine Abzweigungen, keine Schlaglöcher, nur einen langen Weg in den Sonnenuntergang. In vielerlei Hinsicht waren wir immer noch die Leute, die sich mit zweiundzwanzig kennengelernt hatten. Wir lebten mittlerweile woanders, aber sonst war alles gleich. Was hatten wir in den vergangenen acht Jahren denn überhaupt gelernt? Welche Fähigkeiten hatten wir uns angeeignet, um das alles durchzustehen?
»Es ist einfach alles zu viel«, sagte ich.
»Lass mich bitte einfach nur ein Teil davon sein.« Er schaute mich mit großen, runden braunen Augen an.
Bevor Eric und ich uns verlobten, hatte er meine Eltern um Erlaubnis gebeten. Natürlich war ich nicht dabei, aber Eric berichtete, dass er eines Abends nach der Arbeit zu ihnen gefahren war. Meine Eltern waren zu Hause und machten Abendessen. Daran war nichts weiter ungewöhnlich. Eric und ich schneiten – getrennt oder zusammen – öfters bei ihnen vorbei. An diesem ganz besonderen Abend jedoch bat er sie um ein Gespräch im Wohnzimmer.
Wir waren damals gerade erst nach Culver City gezogen. Ich war fünfundzwanzig, wir waren seit drei Jahren zusammen, zwei davon hatten wir in New York verbracht, ich weit weg von meinen Eltern. Jetzt jedoch waren wir zu Hause und bereit, uns ein Leben aufzubauen, ganz in der Nähe von ihnen.
»Ich liebe eure Tochter«, sagte Eric, als sie sich gesetzt hatten. »Ich denke, ich kann sie glücklich machen. Und euch beide liebe ich auch. Ich finde es wunderbar, ein Teil eurer Familie zu sein. Ich möchte Katy um ihre Hand bitten.«
Mein Vater war begeistert. Er fand Eric toll. Eric hatte sich auf eine Weise in unsere Familie integriert, die meinem Vater dennoch erlaubte, der Boss zu bleiben. Wenn es nach den beiden ging, musste die Struktur nicht verändert werden.
Es war meine Mutter, die ganz still war.
»Carol«, hatte mein Vater gesagt. »Was meinst du?«
Meine Mutter sah Eric an. »Seid ihr zwei denn bereit dafür?«
Über ihre Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit hinaus war meine Mutter auch für ihre Unverblümtheit bekannt, für die man sie ebenso schätzte, wie man sie ein wenig fürchtete. Carol nahm kein Blatt vor den Mund.
»Ich weiß, dass ich sie liebe«, sagte Eric.
»Liebe ist schön«, erwiderte meine Mutter. »Wer weiß das besser als ich? Aber ihr seid beide noch so jung. Wollt ihr das Leben nicht erst noch ein bisschen genießen, bevor ihr euch festlegt? Es ist noch so viel zu tun, und um verheiratet zu sein, ist noch genug Zeit.«
»Ich möchte mein Leben mit ihr verbringen«, hatte Eric versichert. »Ich weiß, wir haben noch jede Menge Erfahrungen zu machen, und ich möchte, dass wir das zusammen tun.«
Da lächelte meine Mutter. »Na gut«, hatte sie gesagt. »Dann ist es wohl angebracht zu gratulieren.«
Als ich nun Eric über den Tisch hinweg ansah, die Pizza zwischen uns, dachte ich, dass sie mit ihrem Zögern zu Beginn recht gehabt hatte. Dass wir mehr hätten leben sollen. Dass wir den Eid, den wir ablegten, nicht wirklich verstanden hatten. In guten wie in schlechten Zeiten. Denn da sitzen wir nun, das Leben hat uns kräftig zugesetzt, hat uns zerbrochen. Es hat mich zerbrochen.
»Ich werde nach Italien fahren«, sagte ich zu ihm. »Ich werde diese Reise machen. Und ich denke, solange ich weg bin, sollten wir Abstand voneinander nehmen.«
»Na ja, du bist ja in Italien«, sagte er. »Das scheint mir reichlich Abstand zu sein.« Er versuchte sich an einem Lächeln.
»Nein, ich meine eine Auszeit«, sagte ich.
Ich wusste, dass wir beide in diesem Moment an eine Episode aus Friends dachten, an die lächerliche und unmögliche Idee, dass eine Trennung eine Art Schwebezustand ist, nicht wie ein Auto, das mit Karacho die Stadt verlässt. Fast musste ich lachen. Was würde es mich schon kosten, ihn an der Hand zu nehmen, den Fernseher einzuschalten und es sich zusammen gemütlich zu machen? Und einfach so zu tun, als würde das, was gerade geschieht, nicht geschehen.
»Du denkst also an eine Trennung?«
Mir wurde kalt. Eine Kälte, die mir durch und durch ging. »Vielleicht«, sagte ich. »Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, Eric.«
Auf einmal wirkte seine Miene verschlossen, wie aus Stein. Es war ein Ausdruck, den ich noch nie an ihm gesehen hatte. »Wenn du das willst«, sagte er kurz angebunden.
»Ich weiß nicht genau, was ich will, nur hier sein will ich nicht. Natürlich steht es dir frei, selbst Entscheidungen zu treffen.«
»Was soll das bedeuten?«
»Es bedeutet, was auch immer du willst, dass es bedeutet. Es bedeutet, dass ich im Moment nicht für dich verantwortlich sein will.«
»Du bist nicht verantwortlich für mich; du bist mit mir verheiratet.«
Ich starrte ihn an, und er starrte zurück. Ich stand auf, füllte die Spülmaschine und ging dann nach oben. Eine Stunde später kam Eric auch ins Bett. Ich schlief nicht, doch es war dunkel, und ich tat so, ahmte ein leichtes Schnarchen nach. Er kroch ins Bett, und ich spürte seinen Körper neben meinem. Er versuchte nicht, mich zu berühren, aber damit rechnete ich auch nicht. Doch ich spürte das Gewicht des Raumes zwischen uns, und wie schwer und angespannt diese paar Zentimeter zwischen uns sein konnten.
Und jetzt ist das Uber da.
Auf meinem Handy blinkt eine Nummer auf, die ich nicht kenne. Es ist der Fahrer. Ich gehe dran.
»Ich bin gleich draußen«, sage ich zu ihm.
Eric atmet ein, atmet aus.
»Ich ruf dich vom Flughafen aus an«, sage ich.
»Komm, ich helf dir.«
Der Fahrer steigt nicht aus. Eric trägt mein Gepäck zum Auto, lädt es in den offenen Kofferraum.
Die Koffer sind voll mit den Kleidern und Schuhen und den Hüten, die meine Mutter und ich ausgesucht haben. Jedes Mal, wenn ich für eine Reise packte, kam sie rüber zu mir, und wenn es nur um ein Wochenende ging. Sie wusste, wie man zehn Outfits in einen Trolley bekommt, der ins Handgepäck passt – »Der Trick ist, alles zu rollen, Katy« –, und wie man eine ganze Woche lang mit einer Jeans auskommt. Sie war die Königin der Accessoires – einen Seidengürtel konnte man sich um den Kopf binden, und eine prägnante Halskette machte aus einem schlichten weißen T-Shirt ein Abendoutfit.
Als Eric fertig ist, stehen wir voreinander. Es ist für L. A. ein ungewöhnlich kühler Tag. Ich trage Jeans, ein T-Shirt, einen Hoodie. In meiner Tasche ist auch noch ein voluminöser Kaschmirschal, weil mir meine Mutter beigebracht hat, dass man auf Reisen immer einen braucht. »Damit kannst du dich an jede Fensterbank kuscheln«, pflegte sie zu sagen.
»Dann gute Reise«, sagt Eric zu mir. Er war noch nie gut im Überspielen seiner Gefühle. Da bin ich besser. Der Ernst unseres Gespräches steht immer noch im Raum. Er führt dazu, dass der unmittelbare Charakter dessen, was vor uns liegt – eine Trennung, eine Scheidung? –, in direktem Gegensatz zu dem steht, was auf der Hand liegt: dass wir vielleicht jetzt schon Fremde sind. Dass wir bereits jetzt auf verschiedenen Seiten stehen. Kurz denke ich: Natürlich lassen sich die Leute auch in einem Krieg scheiden. Wenn alles um einen herum ausgelöscht ist, wieso soll man sich dann noch mit so alltäglichen Dingen aufhalten wie Wäschewaschen?
Ich sehe den Schmerz in Erics Gesicht und weiß, dass er sich wünscht, ich würde ihn beruhigen, ihn aufmuntern. Er will, dass ich ihm sage, dass ich ihn liebe und dass wir das schon hinkriegen werden. Dass ich zu ihm gehöre. Er will, dass ich sage: Deine Frau kommt wieder zurück. Und dein Leben kommt auch wieder zurück.
Aber das kann ich nicht. Weil ich weder weiß, wo diese Frau ist, noch was mit seinem Leben los ist.
»Ja, danke.«
Er macht eine Bewegung, als wollte er mich umarmen, und ich zucke reflexartig vor ihm zurück. In diesen Wochen muss es jede Menge Leute gegeben haben, die mich umarmten. All die Leute, die kondolierten, müssen die Arme um mich gelegt haben, ihre Gesichter an meinen Hals gedrückt. Aber ich kann mich nicht daran erinnern. Es fühlt sich so an, als wäre ich schon seit Monaten nicht mehr berührt worden.
»Aber Katy, meinst du das ernst?« Eric fährt sich mit den Händen ins Gesicht, reibt die Haut seiner Schläfen. »Ich habe sie auch geliebt, das weißt du.«
Er legt den Kopf in die Hände. Er hat geweint diese Woche. Er hat bei ihrer Trauerfeier geweint und am ersten Tag ihrer Schiv’a. Er hat geweint, als seine Mutter und Schwester ankamen, um meiner Familie zu kondolieren, und als sie wieder fuhren. Er weinte, als er meinen Vater umarmte, und die besten Freunde meiner Eltern, Hank und Sarah. Ich weiß nicht, wie ich mit seiner Trauer umgehen soll. Ich weiß, dass sie real ist, dass sie auf seiner Verbindung zu ihr basiert, und doch kommt sie mir unpassend vor. Es fühlt sich an, als würde er etwas herauslassen, das eigentlich weggesperrt gehört. Ich wünschte, er würde damit aufhören.
Seine Unterlippe zittert, er versucht, die Fassung zu bewahren, aber er kann es nicht. Dieses Gefühl, es ist größer als er, und jetzt bricht es über ihm zusammen wie eine Welle.
Ich lege ihm die Hand auf die Schulter, fühle aber nicht das, was ich eigentlich fühlen sollte. Ich will ihn nicht beschützen, er tut mir nicht leid. Ich empfinde kein Mitgefühl, und es kommt auch keine Rührung in mir auf. Ich habe zu viel Angst. Wenn ich es zulasse, dass ich seinen Schmerz sehe, was sagt das dann über meinen eigenen Kummer aus? Seit sie gestorben ist, habe ich nicht geweint. Ich kann es nicht zulassen, nicht jetzt, wo ich einen Flieger kriegen muss.
»Ich muss jetzt los«, sage ich zu ihm. »Tut mir leid, Eric.«
Eric sagt, ich nenne ihn nur Eric, wenn ich sauer auf ihn bin. Nie sage ich: »Eric, komm, drück mich.« Nur: »Eric, der Müll muss raus.« Oder: »Eric, die Spülmaschine ist voll.« Aber ich bin mir nicht sicher, dass das stimmt. Früher hatte ich viele Kosenamen für ihn. Baby und Hase und Tiger. Aber Eric war meine allerliebste Anrede für ihn. Ich liebte es, seinen Namen zu sagen. Ich liebte die Besonderheit dieses Namens. Diesen einen Namen. Eric.
Ich bin keine Romantikerin, und ich glaube nicht, dass ich eine besonders sentimentale Person bin – ich bin die Tochter von Carol, einer Frau, die viel von der Bedeutung gedeckter Farben und eines ebensolchen Charakters verstand. Eric jedoch schon. Er hebt alles auf – Quittungen, Kinokarten, Konzertabrisse. All das lagern wir in Schuhschachteln in der Garage. Er ist ein Mann, der beim Anschauen von Forrester – Gefunden! Rotz und Wasser heult und die Modern-Love-Kolumne der New York Times liest.
Ich ziehe meine Hand zurück. Er reibt sich das Gesicht. Er atmet aus. Dann beginnt er, ganz regelmäßig zu atmen, ein und aus.
