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Fanny Knudsen lässt ihr bisheriges Leben hinter sich und beginnt noch mal ganz von vorn. Als Rezeptionistin im Landhaus Janssen auf Sylt beginnt sie eine neue Reise mit einer Menge Altlasten im Gepäck. So hat sie es noch immer nicht geschafft, über den Tennisstar Alex von Zastrow, ihre erste große Liebe, hinwegzukommen. Als dieser plötzlich mit seiner Verlobten im Schlepptau bei ihr eincheckt, gerät Fanny in Erklärungsnot. Schließlich hat sie ihm gegenüber steif und fest behauptet, längst verheiratet zu sein. Ein Fake-Ehemann muss her. Aus Ermangelung an Alternativen fällt Fannys Wahl dabei ausgerechnet auf Marten Carlsen. Dabei findet sie den Hotelmanager unausstehlich und ist in der Vergangenheit schon des Öfteren mit ihm aneinandergeraten. Doch warum verspürt Fanny dieses Kribbeln in ihrem Bauch, als er sie das erste Mal berührt?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Nele Blohm
Ein Syltsommer zum Verlieben
Über das Buch:
Fanny Knudsen lässt ihr bisheriges Leben hinter sich und beginnt noch mal ganz von vorn. Als Rezeptionistin im Landhaus Janssen auf Sylt beginnt sie eine neue Reise mit einer Menge Altlasten im Gepäck. So hat sie es noch immer nicht geschafft, über den Tennisstar Alex von Zastrow, ihre erste große Liebe, hinwegzukommen. Als dieser plötzlich mit seiner Verlobten im Schlepptau bei ihr eincheckt, gerät Fanny in Erklärungsnot. Schließlich hat sie ihm gegenüber steif und fest behauptet, längst verheiratet zu sein. Ein Fake-Ehemann muss her. Aus Ermangelung an Alternativen fällt Fannys Wahl dabei ausgerechnet auf Marten Carlsen. Dabei findet sie den Hotelmanager unausstehlich und ist in der Vergangenheit schon des Öfteren mit ihm aneinandergeraten. Doch warum verspürt Fanny dieses Kribbeln in ihrem Bauch, als er sie das erste Mal berührt?
Über die Autorin:
Hinter Nele Blohm steht die erfolgreiche Bestsellerautorin und Selfpublisherin Mila Summers. Sie wurde 1984 in Würzburg geboren. Als Kulturwissenschaftlerin arbeitete sie lange für eine Onlinedruckerei, bevor sie in der Elternzeit zum Schreiben fand, dem sie sich nun ganz widmet. Sie liebt das Meer und Liebesgeschichten mit Happy End, die uns an wunderschöne Orte entführen. Mit Mann, Kindern und ihrem übermütigen Jack Russell Lizzy lebt sie in ihrer Heimatstadt.
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Bisher von der Autorin erschienen:
Wie das Leuchten von Bernstein
Dein Flüstern im Meereswind
Weihnachten auf Hiddensee
Die Liebe will Meer
Alles auf Sommer
Weihnachtszauber auf Föhr
Weihnachtsglanz
Meer Zeit für die Liebe
Lass den Sommer in dein Herz
Weihnachtswunder auf Sylt
NELE
BLOHM
Ein Syltsommer zum Verlieben
Roman
Deutsche Erstauflage Juli 2025
Copyright © Nele Blohm
Korrektorat Plus: Lektorat BuchAuszeit
Covergestaltung: Nadine Kapp
Covermotiv: Shutterstock ©Daria Ustiugova, ©Iya Balushkina
Depositphotos: ©cheusova_art, sumbajimartinus
Impressum: D. Hartung
Frankfurter Str. 22
97082 Würzburg
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Danksagung
Weitere Bücher der Autorin
»Frau Knudsen, vielleicht habe ich mich bei unserem letzten Gespräch nicht richtig ausgedrückt«, hob der Hotelmanager des Landhaus Janssen aka mein Vorgesetzter an, kaum dass die Gäste, die zuvor bei mir eingecheckt hatten, die Lobby in Richtung ihres Zimmers verlassen hatten.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich freundlich nach, auch wenn ich Marten Carlsen gegenüber viel lieber ganz andere Töne angeschlagen hätte.
Seit ich vor knapp drei Wochen meinen Fuß über die Schwelle des Hotels gesetzt hatte, um hier als Rezeptionistin zu arbeiten, hatte der Kerl mich auf dem Kieker. Egal, was ich tat, sagte oder schriftlich fixierte, alles war in seinen Augen vollkommener Mist.
Inzwischen war ich selbst fast so weit zu glauben, mich könnte die Tätigkeit überfordern. Da ich zuvor allerdings einige Jahre in einem äußerst renommierten Fünf-Sterne-Hotel in Hamburg gearbeitet hatte, in dem es um einiges hektischer und stressiger zugegangen war als in dem Landhaus auf Sylt, verwarf ich den Gedanken schnell wieder.
Vielmehr ging ich seit einiger Zeit davon aus, dass Carlsen mich einfach nicht leiden konnte. Keine Ahnung, wie es dazu gekommen war. Fakt war jedoch, dass ich bei jeder Gelegenheit mit ihm aneinandergeriet.
Es machte fast den Anschein, als könnte er mich auf den Tod nicht ausstehen. Was das anbelangte, waren wir beide uns sogar mal einig, denn ich hatte auch nicht besonders viel für ihn übrig. Aber auch nur in dieser Angelegenheit. Ansonsten gab es absolut keine Überschneidungspunkte zwischen uns.
»Frau Knudsen, ich bin mir ja im Klaren darüber, dass Sie noch neu in unserem Haus sind.«
So oder so ähnlich begannen all seine Zurechtweisungen. Und am Anfang fand ich tatsächlich, dass er so etwas wie Mitgefühl für mich zeigte. Aber vermutlich war das eine völlige Fehleinschätzung meinerseits.
Innerlich wappnete ich mich bereits für alles, was gleich kommen würde, während ich inständig hoffte, die Zeit möge schnell vergehen. Schließlich hatte ich in knapp einer halben Stunde Feierabend.
Dann würde ich mir auf dem Weg zum Strand ein Krabbenbrötchen bei Salatkogge in Westerland kaufen, mich am Weststrand in den Sand setzen, aufs Meer hinausblicken, dem Wellenrauschen zuhören und all das, was mir Carlsen in den kommenden Minuten an den Kopf werfen würde, einfach wieder vergessen.
Zumindest nahm ich es mir fest vor.
In der Realität machte ich mir nämlich vielmehr Gedanken darüber, was Carlsens Predigten längerfristig für Auswirkungen auf mich hatten. Schließlich war ich gern hier auf Sylt, auch wenn ich bisher noch nicht so viel Zeit hatte, Land und Leute kennenzulernen.
Pünktlich zum Beginn der Hauptsaison war ich auf die Insel gekommen und hatte gleich am nächsten Tag im Landhaus Janssen meine Stelle angetreten. Seither hatte ich mich an den Tagen, die ich frei hatte, meiner kleinen Wohnung gewidmet.
Da ich es vor meinem Einzug nicht geschafft hatte, die Wände zu streichen und mich häuslich einzurichten, war ich damit nun jede freie Minute beschäftigt.
Dabei wusste ich nicht mal, ob ich die dreimonatige Probezeit im Hotel überstehen würde. Wenn ich nur daran dachte, dass Carlsen mir schon wieder eine Standpauke angedeihen ließ, konnte ich alle weiteren Verschönerungsversuche meiner winzigen Wohnung auch gleich bleiben lassen.
»Zum wiederholten Male ist mir aufgefallen, dass Sie unsere Buchungen nicht so vornehmen, wie das für gewöhnlich bei uns der Fall ist. So, wie Sie Ihre letzte Reservierung vorgenommen haben, kann es im täglichen Ablauf schnell zu einer Doppelbuchung kommen.«
Daher wehte der Wind! Dabei war ich mir ganz sicher, dass meine kleinen Eigenheiten mitunter wohl nicht zu Problemen führen würden. Aber ins Gesicht sagen konnte ich es Carlsen schließlich auch nicht. Nicht, wenn ich dabei riskierte, meinen Job schneller zu verlieren, als ich Sylt sagen konnte.
»Es tut mir leid. Es kommt nicht wieder vor«, antwortete ich artig, während sich auf Carlsens Stirn eine kleine Denkerfalte bildete.
Erst nach einigen Sekunden bemerkte ich, dass ich den Hotelmanager anstarrte. Wenn Carlsen mir gegenüber nicht so schrecklich voreingenommen und miesepetrig wäre, hätte ich durchaus Gefallen an ihm finden können.
So war er ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß, hatte dunkles, leicht gewelltes Haar, dunkleblaue Augen und einen Body, der meine Gedanken erneut auf Wanderschaft schickte.
Allerdings war der Mann vor mir nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch ziemlich gemein zu mir, sodass ich schnell wieder vergaß, wie gut er aussah und mich wieder auf das Wesentliche konzentrierte: unseren Disput. Der jedoch nur in meinem Kopf stattfand.
Da ich auf diesen Job angewiesen war und ich gern auf der Insel lebte, war es nicht sonderlich ratsam, mich mit meinem Vorgesetzten anzulegen. Zumindest nicht mit Worten, die meinen Mund zuvor verlassen hatten.
In meinen Gehirnwindungen warf ich ihm Verwünschungen und Schimpfwörter an den Kopf, die ihresgleichen suchten. Wenn meine Mutter je mitbekommen sollte, dass ich diese Wörter kannte, würde sie mir vermutlich den Mund mit Seife auswaschen.
Und das, obwohl ich schon fünfundzwanzig Jahre alt war.
Aber mein Vater war evangelischer Pfarrer und meine Mutter der Ansicht, dass ich als tugendhaftes Beispiel für den Rest der Gemeinde fungieren musste. Ob ich wollte oder nicht. Und ich wollte ganz sicher nicht.
Leider hatte meine Mutter mir nie eine Wahl gelassen, obwohl es meinem Vater herzlich egal war, wie ich mich in der Öffentlichkeit verhielt. Trotz seiner Nähe zu Gott, oder gerade wegen dieser, bemühte er sich, meine Mutter in ihre Schranken zu weisen, was meine Erziehung anbelangte.
Eine Erziehung, wohlgemerkt, die nach fünfundzwanzig Jahren abgeschlossen sein sollte, wie ich fand. Nur leider wollte meine Mutter nichts davon hören. Und da ich zu allem Übel auch noch ihr einziges Kind war, lastete der ganze Druck auf meinen zarten Schultern, wie Oma Rosie nicht müde wurde, mir zu erklären.
Wie war ich denn jetzt bei Oma Rosie gelandet?
Himmel, wenn mir mein Chef gegenüberstand, dann hatten meine Gedanken nicht so abzudriften. Warum konnte ich mich in seiner Gegenwart nur so schlecht konzentrieren? Das war doch für gewöhnlich nicht der Fall.
Nie zuvor hatte ich von meinem Vorgesetzten einen Tadel erhalten. Meinen Job in Hamburg hatte ich gekündigt, weil ich etwas Neues erleben wollte. Und weil ich nicht länger Gefahr laufen wollte, meiner Jugendliebe zu begegnen.
»Das wäre äußerst wünschenswert, Frau Knudsen. Gerade im Hinblick auf Ihre Probezeit muss ich Ihnen sagen, dass mir sehr daran gelegen ist, in nächster Zeit nicht auf ein weiteres Malheur Ihrerseits zu stoßen.«
Gott, hörte sich der Kerl ab und zu mal selbst zu? So gestelzt sprach seit Schiller und Goethe niemand mehr. Und die beiden waren seit rund zweihundert Jahren tot.
»Ich werde mein Bestes geben«, erwiderte ich weit weniger schwülstig.
Als er auf dem Absatz kehrt machte und zurück in Richtung seines Büros stolzierte, atmete ich bereits erleichtert auf. Zu früh, wie sich sogleich herausstellte, denn Carlsen wandte sich schon im nächsten Moment zu mir um.
»Kann es sein, dass der Matjes Hausfrauenart im Personalkühlschrank Ihnen gehört?«, fragte er mich plötzlich vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen.
»Nicht, dass ich wüsste«, log ich, da mir Übles schwante.
»Falls Sie die Person kennen, wäre es sehr nett, wenn Sie ihr mitteilen könnten, dass der Fisch kurz davorsteht, Füße zu bekommen.«
Ein Fisch hat gar keine Füße, wollte ich einem ersten Impuls nach erwidern.
Doch dann besann ich mich eines Besseren und hielt mich zurück.
Vermutlich war das eine Redewendung dafür, dass das Gericht seine besten Zeiten schon weit hinter sich gelassen hatte und dringend entsorgt gehörte. Sobald ich eine freie Minute hier an der Rezeption haben würde, wollte ich in die kleine Personalstube gehen, in der besagter Kühlschrank stand, und mich der Sache annehmen.
»Das mache ich sehr gern.«
Lächelnd blickte ich zum Hotelmanager, während ich das Telefon inständig dafür verwünschte, dass es zwar den ganzen Vormittag unablässig geklingelt hatte, im entscheidenden Moment jedoch keinen Mucks mehr von sich gab. Wo war das doofe Klingeln, wenn man es mal brauchte?
»Danke, Frau Knudsen.«
Anstatt seinen Weg fortzusetzen, stand Carlsen nach wie vor mitten in der Lobby und blickte zu mir, als wartete er nur darauf, dass ich einknickte, auf die Knie fiel und ihm unter Tränen gestand, der Matjes gehöre zu mir.
Doch ich würde die Fassung bewahren und keine Silbe über meine Eigentümerschaft an besagtem Matjes verlieren. Schließlich wollte ich mir am heutigen Tag nicht schon die zweite Rüge von meinem Chef einfangen.
»Sehr gern«, erwiderte ich dienstbeflissen.
Es hatte nicht viel gefehlt und ich hätte vor dem Mann salutiert. Warum auch immer. Aber Carlsen weckte da eine Seite in mir, von der ich nicht mal wusste, dass sie existierte.
»Ich meine, die Tupperdose wäre beschriftet«, warf Carlsen wie beiläufig ein, während ich spüren konnte, wie die Hitze in meinem Körper sekundenschnell in meinen Kopf schoss und meine Wangen tomatenrot färbten.
»Dann sollte sich ziemlich einfach klären lassen, wem sie gehört«, fand ich die Kraft zu sagen, obwohl ich längst überführt war.
Wie hatte ich das nur vergessen können? So ein Mist aber auch!
Randnotiz an mich: Nie wieder meine eigenen Schüsseln mit auf die Arbeit nehmen.
»Das denke ich auch«, meinte Carlsen und fixierte mich nach wie vor.
Sicher wusste er ganz genau, dass der Matjes mir gehörte. Warum sagte er es mir dann nicht? Was für ein Spiel trieb er mit mir? Und warum sah er mich dabei so durchdringend an, dass meine Beine zu zittern begannen?
Unsere Blicke verfingen sich ineinander. Ein zaghaftes Stimmlein tief in mir drin riet mir dazu, endlich reinen Tisch zu machen und für die Matjes-Affäre geradezustehen. Eine wesentlich dominantere und lautere Stimme in meinem Inneren schrie mir regelrecht entgegen, genau das auf keinen Fall zu tun, wenn ich meinen Job auch zukünftig noch behalten wollte.
»Herr Carlsen, haben Sie einen Moment für mich?«, fragte Frau Janssen, die Inhaberin des Hotels.
Dankbar lächelte ich sie an. Schließlich war sie genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Nach und nach erreichte mein Körper auch wieder Normaltemperatur.
Als die beiden schließlich um die nächste Ecke bogen, atmete ich erleichtert auf.
»Oje, war Carlsen gerade bei dir?«, fragte Svea mich, die Event-Managerin des Hotels, kaum dass die beiden verschwunden waren.
»Wieso? Sieht man mir das etwa an?«
Svea lachte.
»Irgendwie schon.«
Seufzend blickte ich abermals in die Richtung, in die Carlsen mit Frau Janssen soeben verschwunden war. Bei meinem Chef konnte man nie wissen. Manchmal stand er wie aus heiterem Himmel neben mir, während ich seelenruhig etwas in den Computer eingab.
»Er hat mir mal wieder aufgezeigt, wie unfähig ich in meinem Job bin. Ach, und für das Matjes-Malheur im Personalkühlschrank bin ich verantwortlich. Aber darum kümmere ich mich gleich, wenn meine Ablöse kommt.«
»Du kennst Carlsen. Er ist ein Stinkstiefel. Manchmal hab ich das Gefühl, dass er nur gut drauf ist, wenn er andere Menschen zur Schnecke machen kann. Du kennst solche Menschen doch auch«, bemühte Svea sich, die Sache herunterzureden und schob sich dabei die Brille auf der Nase zurecht.
Wofür ich ihr auch sehr dankbar war.
Ohnehin war Svea seit dem ersten Tag hier im Landhaus Janssen eine von denjenigen gewesen, die mich mit offenen Armen willkommen geheißen hatte. Wir beide verstanden uns prächtig und hatten auch schon mal einen Mädelsabend zusammen verbracht. Auch hatten wir einen verblüffend ähnlichen Humor.
»Ja, leider. Bisher war aber noch keiner davon mein Boss«, erklärte ich.
»Hast du morgen Abend schon was vor? Ich würde dir gern meine beiden Freundinnen Nora und Ida vorstellen. Sie wohnen drüben in Keitum und haben sich dort selbstständig gemacht. Nora weiß alles über Trockenblumen und bietet rund ums Thema DIY-Kurse an. Und Ida ist eine Koryphäe an der Nähmaschine. Sie schneidert sogar Kinder- und Brautkleider.«
Svea lächelte freudig, während sie über ihre Freundinnen sprach.
»Aber das sind doch deine Freundinnen«, rutschte es mir ein wenig voreilig heraus.
Besser wäre es gewesen, ich hätte einen Vorwand gefunden, um nicht zu dem Treffen zu gehen. Allerdings sah man mir leider jede Lüge an, wie sich unlängst erst vor wenigen Minuten gezeigt hatte.
Svea grinste.
»Es könnten auch deine Freundinnen werden. Gerade im Hinblick darauf, dass du neu auf der Insel bist und heute schon wieder einen Rüffel von Carlsen erhalten hast, finde ich es superwichtig, dass du uns morgen begleitest. Die Einheimischen hier auf Sylt kümmern sich um ihre Leute. Und da du nun eine von uns bist, führt da wohl kein Weg dran vorbei.«
Nun lachte auch ich.
Einerseits war ich ihr sehr dankbar, dass sie dafür sorgte, dass ich Anschluss auf der Insel fand. Besonders viele Kontakte hatte ich bis auf die hier im Hotel noch keine geknüpft.
Andererseits war ich die letzten Tage und Wochen so müde gewesen, dass ich abends mit sicherer Regelmäßigkeit auf der Couch eingeschlafen war. Und das noch vor einundzwanzig Uhr.
»Dann freue ich mich, dass ihr mich in eurer Runde dabeihaben wollt«, bedankte ich mich artig, da ich Svea nur ungern vor den Kopf stoßen wollte.
Und wer wusste schon, wozu so ein Abend gut war.
So oder so würde er dafür sorgen, dass ich auf andere Gedanken kam und nicht länger über eine ganz bestimmte Person nachdachte, die mir das Leben auf Sylt zur Hölle machte.
Als wir an der Alten Friesenstube, dem ältesten Restaurant auf Sylt in Westerland, ankamen, strahlte die Sonne über uns am Himmel so hell und leuchtend wie ein ganzes Willkommenskomitee.
»Wow! Das sieht sehr beeindruckend aus«, sagte ich, als Svea und ich davor zum Stehen kamen, um noch auf Ida und Nora zu warten.
»Das reetgedeckte Haus wurde 1648 erbaut. Es ist das älteste noch erhaltende Haus auf Sylt.«
Während Svea sprach, sah ich mir das Haus näher an. Es sah typisch für die Insel mit seinen roten Backsteinen, den blauen Türen und dem wuchtigen Reet auf dem Dach aus. Besonders passend waren dazu die weißen Sprossenfenster. Davor wurde das Grundstück von einer Steinmauer aus Kieselsteinen von der Straße abgegrenzt.
»Warte nur darauf, bis du den Garten siehst. Er ist ein Träumchen. Dort wachsen die schönsten Rosen auf ganz Sylt. Ihr Duft ist betörend.«
Svea kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.
Neugierig auf das, was mich im Inneren des Hauses erwartete, bemerkte ich gar nicht, dass Sveas Freundinnen sich uns näherten, bis Svea mich darauf aufmerksam machte.
»Hallo, ihr beiden! Das ist Fanny, meine neue Kollegin«, stellte Svea mich vor.
»Hallo, Fanny! Ich bin Ida. Svea hat schon viel von dir erzählt«, sagte eine junge Frau mit langen blonden Haaren und freundlichen braunen Augen.
»Hallo, Ida. Schön, dich kennenzulernen«, erwiderte ich lächelnd, während wir uns die Hände schüttelten.
»Und ich bin Nora.«
Mit ihren leicht gewellten braunen Haaren und den grünen Augen erinnerte sie mich ganz entfernt an die Schauspielerin Milla Jovovich.
»Freut mich«, sagte ich und reichte ihr die Hand.
»Lasst uns reingehen! Ich hab einen Bärenhunger«, meinte Svea und lächelte auffordernd in die Runde.
Prompt begann mein Magen verräterisch zu knurren.
Wir vier lachten und schienen uns vom Fleck weg gut zu verstehen.
Ein warmes Gefühl flutete mein Inneres. Seit Marie, meine beste Freundin, für ein Jahr nach England gegangen war, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und dort geblieben war, weil sie sich unsterblich verliebt hatte, fehlte mir genau dieses Gefühl der Verbundenheit.
In der Schule galt ich wegen des Jobs meines Vaters lange als Außenseiterin. Viele machten sich lustig über mich oder wollten nichts mit mir zu tun haben. Nur Marie war das immer egal gewesen.
Seit der ersten Klasse waren wir unzertrennlich gewesen. Wir hatten so viel Witziges, Erfüllendes, aber auch Trauriges und Niederschmetterndes erlebt. Der Tiefpunkt war sicher gewesen, als Maries Mutter starb. Wenig später trennte ich mich von meinem Ex und glaubte, nie wieder glücklich werden zu können.
Dieser Abend fühlte sich ganz so an, als könnte er genau das werden: glücklich.
»Ich hoffe, es war in Ordnung, dass ich einen Tisch im Garten reserviert habe«, meinte Ida und sah dabei ein wenig verunsichert in unsere Runde.
»Eine perfekte Wahl!«, meinte Nora und lächelte ihr aufmunternd zu.
»Dann lasst uns nur kurz noch einen Blick ins Innere des Hauses werfen, damit Fanny ein Bild davon hat«, schlug Svea vor.
Mir war ihre Fürsorge fast ein wenig peinlich, da damit die Aufmerksamkeit aller drei Frauen voll und ganz auf mir lag.
»Aber sehr gern. Das musst du gesehen haben«, erklärte Nora und nahm mich an der Hand, um mich mit sich ins Innere des Hauses zu ziehen.
Schon beim Betreten spürte ich, dass die Alte Friesenstube ein Haus mit Geschichte war. Jeder Balken, jede Steinfliese auf dem Boden und jede Kachel an der Wand, die üppig verziert war, gab Auskunft darüber.
»Svea hat dir sicher schon gesagt, dass das hier das älteste Haus auf Sylt ist«, warf Ida ein.
Ich nickte zustimmend.
»Na, ihr Lieben, hattet ihr nicht draußen reserviert?«, fragte eine hochgewachsene Frau, Mitte Ende fünfzig, mit üppiger roter Lockenpracht und warmherzigen blauen Augen.
»Ja, haben wir, Trude. Wir wollen Fanny nur das Innere der Alten Friesenstube zeigen. Sie ist neu auf Sylt«, erklärte Svea.
»Wie schön! Herzlich willkommen auf der Insel. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns.«
Ein unglaubliches Gefühl der Zugehörigkeit flutete meine Blutbahnen.
In Hamburg hatte ich in knapp fünf Jahren kaum jemanden kennengelernt. Und hier auf Sylt schien man mich nach drei Wochen schon zu einer der Ihren zu zählen. Das war ein tolles Gefühl.
»Vielen Dank! Ich bin sehr glücklich, hier auf Sylt leben und arbeiten zu dürfen. Früher war ich mit meinen Eltern das ein oder andere Mal im Urlaub hier. Irgendwann habe ich dann entschieden, dass ich auch gern auf der Insel leben möchte. Und tja, jetzt bin ich da.«
Trude lachte und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.
»Da hast du eine sehr gute Wahl getroffen.« Dann wandte sie sich an Nora, Ida und Svea. »Oder was meint ihr?«
»Absolut!«, verkündeten die drei einstimmig.
»Na, dann zeige ich euch mal euren Tisch draußen im Garten.«
Schon im nächsten Moment ging Trude vor uns in Richtung Ausgang.
Svea hatte recht behalten. Der Garten mit seinen wunderschönen und vor allem intensiv duftenden Rosen war ein wahres Gedicht. Einladend warteten an einzelnen Tischen sogar grün-weiß gestreifte Strandkörbe, in die man sich setzen und essen konnte.
Glücklicherweise erhielten wir genau so einen Tisch mit zwei Stühlen und einem Strandkorb daran.
»Magst du in den Strandkorb?«, fragte Svea mit diesem wissenden Ausdruck in ihrem Gesicht.
»Sieht man mir etwa an, dass ich ein Strandkorb-Mädchen bin?«, fragte ich grinsend, während die anderen lachten.
»Sind wir das nicht alle?«, erwiderte Nora und zwinkerte mir dabei verschwörerisch zu.
»Ich möchte mich aber nicht vordrängeln«, beeilte ich mich zu sagen, da ich mich wirklich nicht in den Vordergrund spielen wollte.
»Das geht vollkommen in Ordnung«, bekräftigte mich Ida, den einen Platz im Strandkorb anzusteuern.
Svea setzte sich neben mich, während Ida zu meiner Rechten und Nora zu Sveas Linken saß.
»So, ihr Lieben! Hier habt ihr die Karte. Schaut euch alles in Ruhe an. Ich komme in ein paar Minuten wieder und nehme dann eure Bestellung auf.«
Mit diesen Worten verließ uns Trude, die zurück ins Innere des Hauses eilte.
Bis jetzt waren noch zwei weitere Tische besetzt. Die nächsten Minuten würde sich der Garten sicher noch vollständig füllen. Das Wetter war einfach zu herrlich und in der Hochsaison herrschte überall reger Betrieb.
Ida reichte mir eine der Karten, die ich augenblicklich aufschlug, während sich mein Magen ein weiteres Mal knurrend zu Wort meldete.
Das Mittagessen hatte ich heute mehr oder weniger ausfallen lassen müssen, da Carlsen mal wieder einen Vorwand gefunden hatte, mir das Leben schwer zu machen. Diesmal hatte ich in seinen Augen bei der Abwicklung eines Telefonats versagt, da ich den Gästen, die unbedingt in der kommenden Woche anreisen wollten, absagen musste und sie nicht davon überzeugen konnte, einen Ausweichtermin im Herbst zu wählen.
Aber wenn ich jetzt verreisen wollte, dann ließ ich mich nur schwerlich auf einen Termin in zwei, drei Monaten vertrösten. Zwar war es ein wenig blauäugig von den Gästen zu glauben, sie würden so kurzfristig noch ein Zimmer im Landhaus Janssen erhalten. Allerdings war das eine ganz andere Sache.
Auf Plattdeutsch stand in meiner Karte geschrieben: Moin! Nu gift dat wat to eeten!
Fragend blickte ich zu Svea hinüber.
»Oh, du kannst sicher kein Platt. Oder? Soll ich es dir übersetzen?«
»Das wäre sehr nett«, erwiderte ich, nachdem ich bemerkte, dass auch die übrige Karte auf Plattdeutsch formuliert war und ich Mühe hatte zu verstehen, was dort geschrieben stand.
»Also Moin! Nu gift dat wat to eeten! heißt so viel wie Moin! Jetzt gibt es etwas zu essen«, erklärte sie mir lächelnd.
»Das passt. Ich habe nämlich schrecklichen Kohldampf«, sprudelte es augenblicklich aus mir heraus.
Nora und Ida grinsten wissend, während mein Magen ein ohrenbetäubendes Knurrkonzert anstimmte.
»Matjes, as wenn dat vun de Hauusfruu maakt is dorto lecker Braadkantüffeln«, las Svea von der Hauptspeisenseite vor, da wir alle gern direkt in medias res gehen und nicht erst mit einer winzigen Vorspeise kostbare Zeit verlieren wollten.
Zumindest behaupteten das die anderen drei. Vermutlich taten sie es nur mir zuliebe, weil mein Magen einfach keine Ruhe geben wollte. So oder so war ich ihnen sehr dankbar dafür, da ich bereits am Nachbartisch die recht überschaubaren Vorspeisenportionen gesehen hatte.
Die Alte Friesenstube war ein renommiertes Restaurant, das sich auf die friesische Küche spezialisiert hatte. Gekonnt setzte es die einzelnen Komponenten in Szene und feierte die Einfachheit der Gerichte mit der nordfriesischen Leichtigkeit, einem Gefühl, das in mir noch wachsen musste.
Vor allem im Hinblick auf meine beinahe täglich stattfindenden Auseinandersetzungen mit meinem Vorgesetzten war die friesische Leichtigkeit in weite Ferne gerückt.
»Hier habe ich erst mal eine Runde Sanddorn-Spritz für euch, ihr Lieben. Die gehen natürlich aufs Haus. Ich hoffe, ihr habt einen schönen Abend bei uns«, meinte Trude mit einem Tablett in der Hand, auf dem vier bauchige, hohe Weingläser mit einer apricotfarbenen Flüssigkeit standen.
Dankend nahmen wir den Willkommensdrink entgegen, während ich an meine Mutter denken musste, die mir, solange ich unter ihrem Dach gewohnt hatte, keinen Alkohol erlaubt hatte, da er des Teufels war. Oder so ähnlich.
»Cheers!«, rief Svea.
»Auf einen schönen Abend!«, erwiderte Ida.
»Auf Fanny, die Vierte in unserem Bunde«, erklärte Nora.
»Auf euch und danke, dass ihr mich so herzlich in eurer Runde aufgenommen habt.«
Unsere vier Gläser stießen aneinander, ehe wir schließlich einen ersten Schluck nahmen.
Die prickelnde Flüssigkeit rann verheißungsvoll meine Kehle hinunter und machte Lust auf mehr. Schon hatte ich das Gefühl, dass mich das Getränk auf die dunkle Seite ziehen würde, so wie es mir meine Mutter immer prognostiziert hatte.
Alkohol hatte ich auch seit meinem Auszug zu Hause nicht sonderlich viel getrunken. Dementsprechend schlecht vertrug ich ihn. Dennoch genoss ich den Sanddorn-Spritz in vollen Zügen, da ich mir einbildete, die Leichtigkeit, die Sylt ausmachte, dabei ganz deutlich spüren zu können.
Und noch ehe ich wusste, wie mir geschah, war das Glas auch bereits geleert. Und das auf nüchternen Magen. Jetzt hieß es, ganz dringend etwas zu essen zu bestellen, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, vollkommen betrunken am Tisch zu sitzen und einen schlechten Eindruck auf Ida, Nora und Svea zu machen.
»Was war das noch gleich mit dem Matjes?«, hakte ich bei Svea nach.
»Oh, das Matjes nach Hausfrauenart mit Bratkartoffeln«, erklärte sie mir bereitwillig.
Schlagartig erinnerte ich mich wieder an meine vergessene Tupperdose im Personalkühlschrank des Landhaus Janssen, die Unterhaltung, die ich mit Carlsen darüber geführt hatte und entschied mich postwendend gegen den Fisch.
»Was ich dir ganz besonders empfehlen kann, ist der Braaden Aant,een Holstiener Spezialität freesch ut’n Backofen mit lecker Schü, Rotkruut un Kantüffelklüten vun uns selben maakt.«
Als Svea meinen fragenden Blick auffing, lachte sie entschuldigend.
»Das ist ein Entenbraten aus dem Backofen mit leckerer Soße, Rotkraut und Kartoffelknödeln. Eine holsteinische Spezialität und sehr beliebt. Ich werde mir das auch bestellen. Trotz der warmen Temperaturen. Ich liebe es einfach.«
»Das klingt nach einem Wohlfühlgericht. Das nehme ich auch«, erklärte ich verschwörerisch grinsend, während Ida sich für Wolfsbarsch und Nora sich für Roulade vuun Rind entschied.
Und ehe ich mich versah, hatten wir einen Riesling vom Gut Hermannsberg in Niederhausen auf dem Tisch stehen, weil es den nur flaschenweise gab und Nora der Meinung war, dass der perfekt zu unserem Essen passen würde.
Schon im nächsten Moment stand ein gefülltes Weinglas vor mir. Ich nippte nur ein-, zweimal daran, während wir auf das Essen warteten, hatte allerdings schon das Gefühl, dass der Sanddorn-Spritz ganze Arbeit geleistet hatte und mich ein wenig beschwipst gemacht hatte.
Hicks!
»Svea meinte, du kommst aus Hamburg. Bist du dort auch aufgewachsen?«, fragte Ida interessiert nach, während ich das Gefühl hatte, in meinem Kopf hätte sich ein Karussell in Gang gesetzt, das zunehmend an Fahrt aufnahm.
