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Dieses Buch beschreibt die Sinnkrise eines der Musik vollkommen verschriebenen Menschen. Es umfasst Kontinente, bewegende Ereignisse und beglückende Begegnungen mit außergewöhnlichen Künstlern. Manchmal fast unmerklich lösen sich psychische Probleme auf und ebnen einen Raum für unerwartete Denkvorgänge und lebendiges Musizieren. Ein Buch für Musikinteressierte und vielleicht auch für Musiker, die nicht aufhören, über ihr Metier zu staunen.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2017
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FÜR MEINE LIEBEN ALICE UND DAVID
Absturz in Guatemala
Nach Europa
Rotterdam
München
Edwin Fischer
Ernst Fritz Fürbringer
Fortschritte – Rückschläge – Widerstand
Philosophy In A New Key
Nachwort
Ein seltsames Gespräch
Bilder
26. August 1955.
Es war 20:45 Uhr. In einer halben Stunde sollte mein Klaviervortrag beginnen. Meine Eltern hatten den mittelgroßen Saal des Amerikanischen Clubs in Guatemala gemietet, und das Konzert sollte eine Art Generalprobe für mein Abschlussexamen an meiner nordamerikanischen Hochschule, dem Oberlin Conservatory in Ohio, werden. „Eine gute Idee“, dachte ich damals: „Vor Abschluss des Musikstudiums noch einmal alle Eventualitäten durchspielen.“
Es wäre auch eine gute Idee gewesen, hätte sich nicht über Monate fast unmerklich eine entsetzliche Unlust an der Musik eingeschlichen. Jetzt war das Latente zum Ausbruch gekommen. Mein Gefühl beim Musizieren war erlahmt, der noch vorstellbare Ausdruck der Musik war nicht mehr erreichbar.
Ich erlebte eine Blockade meiner emotionalen Musikvorstellungen und kannte die Gründe für diesen Zustand nicht. Damals schien sie mir irreversibel.
In einem kleinen Zimmer neben dem Haupteingang des Amerikanischen Clubs wartete ich auf den Augenblick meines Auftritts und sah durch den Spalt der leicht geöffneten Tür, wie die Besucher meines Konzertes einige Marmortreppen hinaufstiegen, eine hohe dunkle Eingangstür öffneten, um hinter ihr im großen Saal Sitzplätze zu finden.
„Sie gehen dort hinein um dich zu hören“ dachte ich, und mir graute bei dem Gedanken daran. Wie sollte ich diese Menschen mit einer Musik unterhalten, dessen Inhalte mir nicht mehr zur Verfügung standen!
Schließlich wurde es 21.15 Uhr und ich betrat den dicht gefüllten Saal.
Als ich am Klavier stand und mich verbeugte, dachte ich: „Da sind gewiss um die zweihundert Menschen! Was mache ich bloß?“
Am Instrument sitzend ergriff mich der Wunsch zu fliehen. Herunter vom Podium, die Tür öffnen, ins Freie laufen, weit weg – weit weg. Nie wiederkommen!
Aber ich griff in die Tasten und spielte die lange eingeübten Musikabläufe.
Die äußeren Formen des Vortrags waren noch einigermaßen stimmig. Aber das Innere war hohl. Ich wusste es und so etwas bleibt, auch einem Laienpublikum, nicht verborgen.
Am Ende der Tortur verschwand ich so schnell ich konnte und verkroch mich unauffindbar irgendwo, und am nächsten Tag stand in der Zeitung zu lesen: „Für so ein Klavierspiel muss man nicht vier Jahre lang im Ausland studiert haben. So viel oder so wenig können wir in Guatemala auch.“
„Recht hat der Rezensent“, dachte ich und vergrub mich, um nicht gesehen zu werden.
Ein paar Wochen später absolvierte ich mein Konzertexamen in Oberlin. Die Schwächen waren erwartungsgemäß die gleichen geblieben. Lang ausgearbeitete Formen der Musik konnten manuell noch auf einem guten Niveau dargestellt werden, ohne aber von innen her ausgefüllt zu sein. Es waren tote, unbelebte Formen.
Ich fühlte mich dabei so elend, dass ich mir verbat, das ganze Ausmaß meiner Katastrophe wahrzunehmen. Ich funktionierte weiter, obwohl im Hintergrund meines Kopfes die Bilder meiner hochkarätigen Eurhythmielehrerin Inda Howland und meines verehrten Klavierlehrers Jack Radunsky präsent waren. Ich wusste, sie hörten mir zu. Ich schämte mich vor beiden, aber ich hoffte, sie würden mein Desaster verkraften. Es waren ja ausgereifte Persönlichkeiten. Vielleicht wussten sie, wie das Leben spielen kann.
Am Tag nach meinem Auftritt nahm ich mein Gepäck und bestieg den Bus, der mich zum nahe liegenden Flughafen in Cleveland fahren würde, und verschwand unbeachtet und wie auf Zehenspitzen von dem Ort, an dem ich länger als vier Jahre meines Lebens verbracht hatte. Wie heißt es noch in Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“?:
„Hat mir niemand Adé gesagt. Adé ... Adé ...“.
Schon während der Busfahrt, und später am Flughafen, erinnerte ich mich wieder an die letzten zehn Jahre meines Lebens. Ich sah mich erneut mit fünfzehn, mein Körper und mein ganzes Wesen erfüllt von seiner ersten großen Liebe, und deshalb mutiert, von einem desinteressierten Kind zu einem fleißigen, begabten Schüler, und plötzlich war sie da: Die fantastische, atemberaubende Welt der großen Musik. Auf Schallplatten entdeckte ich die ganze Ekstase und verzauberte Natur Beethovens 6. Sinfonie. Ich wurde in diese herrliche Welt katapultiert und fühlte mich in die Höhen der Unendlichkeit getragen. Auch Tschaikowsky erschütterte mich zutiefst. In der „Pathétique“ erlebte ich erhabenste Erinnerungen und zerschmetternde Stürze in desaströse Abgründe. Am Schluss: das Ende des Lebens, der nachlassende Atem. Das Nichts.
Damals, mit fünfzehn Jahren, spürte ich mich selbst wie nie zuvor. Die mich erschütternde Musik hatten zwar andere geschrieben, aber jetzt war sie mein Leben. Musik: Der Spiegel meiner Seele.
Angefangen hatte meine Beziehung zu ihr als ich kaum fünf Jahre alt war. Das Klavierspielen hatte ich mir selbst beigebracht (ohne Notenlesen, versteht sich) und ich spielte weiter Klavier bis in die Pubertät hinein, um am Ende dieser Zeit alle Examina am Guatemala-Konservatorium sehr gut abzulegen.
Der Weg zu einer beruflichen Weiterbildung in den USA war frei und ich wählte das Oberlin Conservatory, weil mir davon vorgeschwärmt worden war. Hier arbeitete ich mit derselben Intensität wie in Guatemala weiter, aber ich stieß an Grenzen.
Unzählige Stunden übte ich am Klavier, doch meine Ausführungen wurden kontinuierlich fehlerhafter.
Immer wieder spielte ich falsche Töne, und ich wusste nicht, warum.
Ratlos und deprimiert saß ich eines Vormittags in einem der zwei Café-Restaurants des kleinen Städtchens Oberlin und grübelte vor mich her.
Plötzlich stand Judy an meiner Seite. Sie war klein, sehr rund und bekannt für ihre engelhafte Güte und Fürsorglichkeit. „Du siehst schrecklich aus“, meinte sie und wollte wissen, was los sei. Ich erzählte ihr von meinem Zustand.
„Du hast den falschen Lehrer“, sagte sie, „Du musst zu Radunsky wechseln“ (ihr Lehrer). „Ich kenne euch beide. Ihr seid euch ähnlich. Ich weiß, er kann dir helfen.“
War dies der Ausweg? Ich suchte Radunksy in seinem Arbeitszimmer auf und er bat mich, vorzuspielen. „Oh my god. It’s horrible“, sagte er. „Please don’t come – I have problems enough.“
“Aber ich brauche Ihre Hilfe.“
„Ich werde keinen Finger rühren, um Dich auf meiner Schülerliste zu sehen.“
Radunskys Äußerungen schmerzten sehr. Aber er hatte ja in seiner Einschätzung recht. Ich fühlte mich eher erkannt als beleidigt, und so marschierte ich zum organisatorischen Leiter des Instituts und bat ihn eindringlich um Unterstützung. Ich wollte unbedingt zu Radunsky und versprach, Oberlin zu verlassen im Falle weiteren Versagens.
Er meinte, es würde schwer werden, meinen Wunsch zu erfüllen, da so viele Studenten zu ihm wollten, aber er versprach, sich über die Ferien für mich einzusetzen.
Drei Monate später, am Anfang des neuen Semesters, fand ich meinen Namen auf der Liste der Radunsky-Schüler. Wie dieses Ergebnis zustande kam, habe ich nie erfahren. Ich hatte auch keine Zeit oder Muße zu fragen! In Radunskys eisernem Griff konnte ich nunmehr nur noch von einem zu dem nächsten Augenblick denken.
Ich saß an seinem Flügel und er legte mir eines der kleinen Bach-Präludien vor (vorher hatte ich schwere Beethoven-Sonaten gespielt!).
„Uber jeden Ton schreibst du einen Fingersatz. Jeder Ton wird immer richtig gespielt, jeder festgelegte Fingersatz wird immer genommen. Du darfst so langsam spielen wie du willst, aber es gibt nie einen Fehler! Wenn du das nicht kannst: dahinten ist die Tür.“
(Er zeigte auf die Tür seines Studios).
Ich verließ den Raum in einem guten Zustand. Angenehm war das ganze ja nicht gewesen, aber ich glaubte zu verstehen, wo er hinsteuerte. Es war deutlich. Der Mann war sich seiner Sache sicher, und bei mir keimte die Hoffnung auf, meinen erbärmlichen Zustand zu überwinden. Ich war fest entschlossen, Radunskys Erwartungen, egal was auf mich zukam, zu erfüllen.
In den nächsten Monaten arbeitete ich am Instrument mit der erwarteten Genauigkeit. Ich hatte diese Art des Übens vorher in Guatemala nicht gekannt. Man hatte mich immer allein gelassen und ich hatte die mir anvertraute Werke alleine ausgearbeitet. Im Nachhinein meine ich, ich hätte eine härtere Hand gebraucht.
Radunsky hörte sich zweimal wöchentlich meine Bemühungen an, und steigerte vorsichtig die technischen und musikalischen Anforderungen.
Nach etwa vier Monaten fragte er:
„Was spielst du heute?“
„Aus dem Bach’schen Wohltemperierten Klavier, Band zwei, Präludium und Fuge in c-moll.“
„Bitte.“ Er setzte sich auf einen Holzstuhl parallel zu mir, aber etwa drei Meter entfernt, und verschwand hinter dem Qualm seiner Zigarette. Er rauchte Kette.
Als ich das Werk gespielt hatte, sagte er knapp:
„Nochmal. Again.“
Ich spielte den Bach noch einmal, und als ich fertig war, sah ich zu ihm hinüber. Er saß noch am selben Platz, umhüllt vom Zigarettenrauch. Dann sagte er: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es ist gut.“
Nach Besprechung eines neu zu erlernenden Werkes durfte ich mich verabschieden. Aber die Stunden nach dieser waren weniger verkrampft. Ich segelte auf ruhigeren Gewässern.
Etwa ein Jahr nach Beginn meiner Arbeit mit Radunsky sollte ich drei Debussy-Préludes aus dem ersten Band bei „Students“ vortragen. „Students“ waren Vortragsabende, an denen alle Musikstudierenden verpflichtet wurden, präsent zu sein, um ihren Kommilitonen zuzuhören. An der Tür bekam man einen kleinen vorgedruckten Zettel, der am Ende des Vortragabends mit eingefügten Namen wieder am Eingang abgegeben werden musste. Natürlich erschienen auch die Lehrer der Studierenden. Ich war damals gut vorbereitet und spielte meine Debussy-Werke unaufgeregt wie sonst auch. Dem einsetzenden Applaus nach zu urteilen hatte ich den Eindruck, gut angekommen zu sein.
