Vier Erzählungen - Juan Levy - E-Book

Vier Erzählungen E-Book

Juan Levy

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Beschreibung

All das Erzählte ist jetzt schon lange Vergangenheit. Am Ende bleibt ein Staunen um dieses vulkanisch bewegte Dasein. Und vielleicht sollte man das Staunen als Konstante im Leben einrichten, in Anbetracht des Wunders unserer Existenz inmitten der unfassbaren Ewigkeit. "Vier Erzählungen" umrahmt das erste Buch von Juan Levy "Ein verschütteter Weg", und erzählt über Anfang und Ende eines bewegten Lebens. Ergänzend bringt der Autor zwei kurze Erzählungen, leicht, skurril, und lustig, welche diese Teilautobiografie glücklich abrunden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

IVERTREIBUNG

a) Flucht aus Deutschland

b) Die Cordillera

c) Leben in Guatemala

d) Pubertät und Adoleszenz

II„COCTEL MEXICANO“

IIIEL IMPARCIAL

IVHERBSTSTURM

VORWORT

Ein Vorwort zu diesem Buch ist nötig, weil es wie eine Reihe von zusammengewürfelten Kapiteln anmutet. Das Produkt sieht wie eine Ansammlung unzusammenhängender Episoden aus und es entsteht die berechtigte Frage, ob die gewählte Ausdrucksform nicht einer Besseren hätte weichen können.

Die Antwort ist: Dieses mein zweites Buch war ursprünglich nicht geplant und entstand nur deshalb, weil es zu meinen ersten Äußerungen Stimmen gab, die einen Mangel an Hintergrundinformation empfanden.

Damit hatte ich nicht gerechnet, weil ich mit „Ein verschütteter Weg“ hauptsächlich den Zustand eines Musikproblems und seine allmähliche Überwindung darstellen wollte.

Erst allmählich sah ich ein, dass meine Erzählungen auch Autobiographie waren und dazu Anlass gaben, etwas weiter auszuholen.

Eine vollständige Autobiographie wollte ich aber keinesfalls von mir geben. Ich musste mir doch die Frage stellen, wer sich denn, und weshalb wohl auch, soviel von mir wissen wolle… und wohl auch solle.

Außerdem: Es gibt so viel Banales, so viel Hässliches und Langweiliges! Keinesfalls sollte der Tagesabfall Ausbreitung finden. Auch nicht in meinen Erinnerungen.

Ich beschränke mich in Buch 2 also darauf, die Anfänge meiner Lebenszeit schriftlich einzufangen (so gut so etwas im Alter möglich ist), in zwei darauffolgenden Intermezzi, die dem Heiteren und auch Skurrilen etwas Raum geben, und beende meine Ausführungen mit der Erinnerung einer Lebenszeit, die so übervoll bewegender Ereignisse war, dass es unbefriedigend gewesen wäre, sie auszusparen.

So entstand also dieses, nach Sammelsurium anmutende Büchlein, mit dem, wie ich hoffe, treffenden Titel „Vier Erzählungen“. Der Zusammenhang: Ein Leben!

Es hat mir Freude bereitet, es zu schreiben, aber auch Schmerz, und ich hoffe, es unterhält meine Leserinnen und Leser ein wenig.

EINS

VERTREIBUNG

A) FLUCHT AUS DEUTSCHLAND

Hinter einem breiten dunkelbraunen Holzschreibtisch sitzt Direktor Erich Levy. Er hat die Tages- und überregionalen Zeitungen überflogen und zur Seite gelegt. Jetzt will er die verbleibenden Gegebenheiten seiner Filiale eines mittelgroßen Warenhauses überprüfen: die gestrigen Verkäufe, Listen für Neuanschaffungen, Personalangelegenheiten etc.

Erich Levy ist klein. 160 cm, aber seine kurze Statur wird durch eine starke Ausstrahlung überlagert. Er hat ein feines Gesicht: schmale gerade Nase, ebenmäßige Lippen, strahlende tiefblaue Augen, schwarzes, zurückgekämmtes Haar, die Kleidung sehr korrekt und unauffällig. Er ist 36 Jahre alt.

Es klopft an der Tür. Frau Hirschmann, die Sekretärin:

„Herr Direktor, zwei Herren von der Polizei“. Zwei Männer mit Hakenkreuzabzeichen am Arm treten ins Zimmer ein:

„Wir suchen den Levy“.

Antwort Erich Levy: „Das bin ich“.

Polizisten: „Nein, wir suchen Gerhard1 Levy“.

Erich Levy: „Das ist der Leiter der Frauenbekleidungsabteilung“.

Polizisten: „Er soll hier sein“.

Erich Levy: „Hier bin ich“.

Die Polizisten schauen sich misstrauisch um und gehen dann wieder hinaus.

Erich Levy nimmt seine Arbeit wieder auf.

Eine viertel Stunde später geht er zur Tür und sagt zu Frau Hirschmann:

„Sind sie weg?“

„Ja, Herr Levy“.

Dann ruft er den Pförtner an.

„Herr Marx, hier Levy. Ist die Polizei aus dem Haus?“

„Ja, Herr Direktor. Vor etwa zehn Minuten. Zwei Männer.“

„Danke“.

Erich Levy holt einen kleinen Schlüssel aus der rechten Hosentasche und öffnet den großen Kleiderschrank an der Wand. Gerhard Levy zwängt sich heraus.

Erich Levy: „Sie müssen fliehen. Sofort. Am besten weit, weit weg. Keine Widerrede!! Es geht um Ihr Leben.“

Gerhard Levy zittert am ganzen Körper. „Ja“.

Erich Levy: „Passen Sie auf beim Verlassen des Hauses. Auch auf der Straße. Alles Gute.“

Gerhard Levy verlässt stolpernd den Raum.

Erich Levy sitzt wieder am Schreibtisch vor seinen Akten, aber er kann sich nicht mehr konzentrieren. Was er eben dem Arbeitskollegen riet, gilt auch für ihn selbst, für Paula und das eigene Kind. Erich hatte ja mehrere Morddrohungen per Telefon bekommen und der schon immer präsente Antisemitismus war seit der Regierungsübernahme Hitlers sehr viel offener und aggressiver geworden. Die antijüdische Stimmung in der Bevölkerung wuchs, wohl auch gespeist durch die von der Regierung gelenkte Propaganda, und fast täglich las man in Zeitungen von Vergehen an jüdischen Mitbürgern.

Schon Monate zuvor hatte Erich Levy die schmerzhafte, aber notwendige Konsequenz gezogen: Er musste seinen Traumberuf aufgeben und mit Frau und Kind das Land verlassen. Noch einmal woanders. Ganz von vorne anfangen! Das würde schwer werden, aber er fühlte sich gesundheitlich gut. Mit 36 dachte er, gelingt ein Neuanfang. Und es gab keine Option. Bleiben, hieße sich Menschen auszuliefern, die einen ablehnten. Der Ausgang einer solchen Lage konnte nicht gut werden.

Erich Levy ging zu Königs Reisebüro und erkundigte sich nach Schiffsreisen. Frankreich – Guatemala – Mexiko. Er hatte sich für diese Ziele entschieden, weil Mexiko ein Reisevisum anbot, und weil Ruth Rosenbaum – eine vertraute Cousine von Paula, seiner Frau – seit kurzem in Guatemala lebte und positiv über die Region berichtet hatte. (Guatemala grenzt an Mexiko).

Zuerst Guatemala, dann Mexiko. „Ja“, sagte der Angestellte bei Königs. „Es gibt einen französischen Frachter mit acht schönen Personenkabinen, der auf Passagiere eingerichtet ist, und Guatemala und Mexiko ansteuert: ‚Die Cordillera’, Abfahrt 4. März aus Le Havre, Frankreich.“*

Erich Levy buchte für drei Personen, dann nahm er die Vorbereitung für die Reise in Angriff. Das gesparte Geld, plus das Geld des verkauften Besitzes (sein geliebter neuer Peugeot) wurde zusammengelegt und in Frankreich durch einen geübten Schmuggler in einer Bank deponiert (knapp 7.000 Dollar). Das war nicht sehr viel, aber es würde für den Anfang ausreichen müssen.

Für den 3. März 1936 reservierte Familie Levy drei Plätze im Zug Köln – Amsterdam, Abfahrt 11.30 Uhr, Ankunft 16.20 Uhr2. Es ist nicht so weit von Wuppertal nach Köln, aber der Zug fährt so entsetzlich langsam!!

Erich und Paula sind nervös. Das Kind Hans-Gerd ist ruhig. Hans-Gerd wird bald vier Jahre alt. Er ist ziemlich pflegeleicht, wie man so sagt.

Paula Levy ist Ende zwanzig. Eine kleine, sehr gut aussehende Frau, immer geschmackvoll angezogen. Sie hat ein hübsches Gesicht, welches von wallendem braunem Haar umrahmt wird. Dunkle, freundliche Augen, eine gerade Nase mit kleinem Hubbel, volle schöne Lippen. Sie strahlt Wärme und Herzlichkeit aus, besitzt aber auch Attribute wie Sachlichkeit, und die Fähigkeit, Wesentliches von Anderem zu trennen. Ohne viel Wissen und Kultur glänzt sie gesellschaftlich. Sie erkennt ihr Gegenüber und beherrscht die Kunst des Bezauberns.

In Köln geht Erich zur Auskunftsstelle. Der Zug nach Amsterdam fährt planmäßig um 11.30 Uhr, Gleis 6 – keine Verspätung. Familie Levy steigt in den stehenden Zug ein, das Gepäck wird ins Abteil gestellt. Hans-Gerd sitzt am Fenster, Paula neben ihm. Erich gegenüber, ein Koffer auf der Sitzbank liegend. Der andere davor, stehend. „So weit geschafft“, denkt Erich. Bis zur Abfahrt sind es noch zehn Minuten. Wo bleiben Erna und Ilse? Sie sind die Einzigen, die über alle Hintergründe der Reise wissen. Erna ist Erichs Schwägerin. Der Bruder kann nicht zur Bahn kommen. Ein Lungenschuss aus dem Ersten Weltkrieg macht größere Wege unmöglich für ihn.

Ilse, ihr Kind, ist jetzt neun Jahre alt. Sie ist hübsch mit ihren großen dunklen Augen und dem langen ernsten Gesicht. „Da kommen Ilse und Tante Erna“, ruft Hans-Gerd und fängt an zu winken. Erich zieht das Fenster hinab. Paula ruft: „Hu-u, hu-u. Hier!!“ Dann stehen Erna und Ilse Levy vor dem Fenster.

„Wie geht’s Euch?“

„Na ja“.

„Schreibt, lasst von Euch hören“.

„Natürlich – aber es wird dauern. Etwa einen Monat.“

„Passt auf Euch auf.“

„Grüßt meinen Bruder“.

Der Zug macht einen Ruck und bewegt sich. Hans-Gerd winkt noch mal und verliert dabei seinen weißen Handschuh.

Erich denkt: „Ein guter Grund, irgendwann zurückzukommen, um ihn zu holen.“ (Ein kurzes Lächeln.)

Die Landschaft verändert sich. Bald keine Häuser mehr. Bäume, Wiesen, das Land ist noch grau vom Winter.

Die rote Farbe von Erich Levys Wangen weicht einer ungewohnten Bleichheit. Paula bemerkt die Veränderung.

„Fehlt Dir was?“

„Nein, die Kontrolle kommt bald.“

Dann geht die Tür auf: „Die Fahrkarten und Pässe bitte“.

Erich Levy holt das geordnete Kuvert aus seiner rechten inneren Jackentasche. Der Bahnbeamte ist fix, sieht die Papiere schnell durch. Dann sagt er: „Amsterdam, dann Pension Bernstein am Meer. Zurück Amsterdam Köln am 3. April“.

Erich Levy: „Ja“.

Der Schaffner sammelt die Ausweise und Fahrkarten ein und gibt alles samt Kuvert zurück.

Erich Levy schiebt die Dokumente in die Hülle von Königs Reisebüro und steckt das Kuvert wieder in seine innere rechte Jackentasche.

„Gute Fahrt“.

Der Kontrolleur verlässt das Abteil.

Erich Levy: „Das war der erste Streich. Doch der zweite …“.

Paula holt den Struwwelpeter aus ihrer großen Tasche und beginnt, Hans-Gerd vorzulesen.

Stunden vergehen. Erich Levy sieht noch blasser aus. Er weiß, die Grenzkontrolle steht bevor, und mit Pech könnte es das Ende aller Pläne sein.

Der Zug hält an. Draußen einige frisch grau gestrichene Holzbaracken – DEUTSCHE GRENZE. Zwei Beamte mit Hakenkreuzzeichen am Uniform-Ärmel betreten das Abteil.

„Papiere“.

„Name?“

„Levy“.

„Wohin fahren Sie?“

„Nach Holland“.

„Zweck?“

„Kurzurlaub an der See.“

„In dieser Kälte?“

„Arztanweisung, wegen der Meeresluft“.

Der Beamte ist umständlich mit den Dokumenten. Erich Levy erlebt die Ungeschicklichkeit als endlos. Ungeordnet reicht der Uniformierte endlich alle Papiere zurück.

„Na, dann frieren Sie schön“.

Der zweite Beamte: „Ja, viel Vergnügen am Meer, und gute Fahrt.“ (Beide grinsen beim Weitergehen.)

Erich Levy sortiert die Reisepapiere. Das Kuvert kommt wieder in die rechte Jackentasche. Dann fällt er ein wenig in seinen Sitz zurück. Der Zug fährt bereits wieder. Draußen ein großes Schild NIEDERLANDE. Erich Levy denkt, wir könnten aufatmen, aber es klappt noch nicht so. Dem Kind wird es langweilig. Paula denkt an die Mundharmonika, die ja letzthin oft ausprobiert wurde, entscheidet sich aber fürs Vorlesen. Dabei schläft Hans-Gerd ein.

In Amsterdam ist man am Bahnhof gut organisiert. Die Gepäckträger warten schon bei der Ankunft auf Kundschaft.

„Wohin?“

„Le Havre, Frankreich“.

„Ja“, sagt der Mann mit der Mütze. „18.20 Uhr, Gleis 8. Kommen Sie. – Welcher Waggon?“

„Nummero 3, Abteil 7“.

Der Gepäckträger räumt die zwei Koffer in das Abteil ein und nimmt sein Geld. Jetzt sitzt Familie Levy in einem holländischen Zug. AMSTERDAM – LE HAVRE – PARIS. Das Abteil ist groß und hat zwei Betten übereinander. Familie Levy fährt die Nacht durch. – Die Spannung lässt endlich nach.

Erich: „Wir könnten essen gehen“.

Paula: „Ja“.

Hans-Gerd freut sich. Im Speisewagen ist es schön. Saubere kleine Tische, freundliche Bedienung.