Ein Whisky auf den Tod - Melinda Mullet - E-Book
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Ein Whisky auf den Tod E-Book

Melinda Mullet

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Beschreibung

Die verschwundene Frau von Edinburgh.

Abigail Logan, die Besitzerin einer preisgekrönten Destillerie, besucht ein Whisky-Seminar in Edinburgh. Dort freundet sie sich mit Amanda an, die ein Frauenhaus leitet. Als kurz darauf eine der Frauen tot aufgefunden wird, bittet Amanda Abigail um Hilfe. Dann verschwindet eine weitere Frau spurlos, und eine Lösegeldforderung erreicht das Frauenhaus. Während Abigail sich um die Tochter der Entführten kümmert, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln – denn sie hat einen schrecklichen Verdacht ...

Ein atmosphärischer Krimi aus den Highlands mit einer ungewöhnlichen Heldin und viel schottischem Flair.

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Seitenzahl: 450

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Über das Buch

Abigail Logan, stolze Besitzerin einer Destillerie, hat Angst, dass Grant, ihr Partner und Master Blender des preisgekrönten Whiskys, nach dem letzten gemeinsamen Abenteuer seinen Geruchs- und Geschmackssinn verloren hat. Außerdem ist die schöne Irin Brenna jetzt ständig in seiner Nähe und verkündet sogar ihre Verlobung mit Grant. Als Abigail in den Stiftungsrat eines Frauenhauses in Edinburgh eintritt, hat sie jedoch bald andere Sorgen: Eine der Frauen wird tot aufgefunden, eine zweite entführt. Abigail ermittelt mal wieder auf eigene Faust. Aber als es lebensgefährlich wird, ist Grant an ihrer Seite.

Über Melinda Mullet

Melinda Mullet hat britische Eltern, wurde aber in den USA geboren. Sie hat mehrere Jahre als Juristin gearbeitet, sich in den USA und im Ausland um Kinderrechte gekümmert und ist viel gereist. Sie lebt in der näheren Umgebung von Washington D.C. mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, einem Whisky-Sammler aus Leidenschaft. Im Aufbau Taschenbuch sind ebenfalls ihre Romane „Whisky mit Mord“, „Whisky für den Mörder“ und „Whisky mit Schuss“ lieferbar.

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Melinda Mullet

Ein Whisky auf den Tod

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Seeberger

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Erläuterungen

Impressum

Wer von diesem Kriminalroman begeistert ist, liest auch ...

Kapitel 1

Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch, wie geschaffen für einen Spaziergang. Liam trottete glücklich neben mir die lange Einfahrt zu The Larches hinauf, dem Familienanwesen der MacEwans und Zuhause meines Geschäftspartners Grant MacEwan. Die Sonne strahlte hell, in Schottland in der ersten Märzwoche ein seltener und willkommener Anblick. Die struppigen Lärchen, die dem Haus seinen Namen gegeben hatten, warfen vor uns scharfe Schatten auf den Weg. Früher einmal hatte man aus dem Lärchenholz die Fässer hergestellt, in denen die Familie MacEwan ihren Whisky reifen ließ, doch heute bildeten die Bäume nur ein prächtiges Tor zu dem ziemlich in die Jahre gekommenen Haus im schottischen Baroniestil.

Als wir beinahe bei der Tür angekommen waren, legte Liam einen Sprint ein und rannte voraus, um unsere Freundin Louisa zu begrüßen, die Haushälterin und Köchin in The Larches. Der alte Feinschmecker hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wo seine nächste Mahlzeit herkommen würde, und er wusste auch, dass sie jede Mühe wert war. Louisa stand auf den Stufen vor der Haustür, ihre langen braunen Locken oben auf dem Kopf zu einem losen Knoten zusammengefasst, eine knallgelbe Schütze vor Jeans und T-Shirt gebunden. Sie redete mit einem hoch aufgeschossenen Inder, der neben ihr stand und eine große Ledertasche umgehängt hatte.

Als ich näher kam, deutete Louisa lächelnd auf ihren Gesprächspartner.

»Abi, ich weiß nicht, ob du unseren neuen Doktor bereits kennengelernt hast. Er ist erst eine Woche hier, der Ärmste, und schon halten wir ihn mächtig auf Trab. Dr Arya, das ist Abigail Logan, unsere prominente Journalistin.«

Dr Arya wandte sich mir zu und begrüßte mich. Sein Händedruck war fest, und er musterte mich mit einem offenen, sehr aufmerksamen Blick. »Es ist mir ein Vergnügen«, sagte ich. Seit beinahe einem Jahr, als unsere letzte Ärztin ins Gefängnis gewandert war, hatten wir keinen im Städtchen ansässigen Arzt mehr, und alle waren wirklich begeistert, dass wir endlich einen ständigen Ersatz hatten.

»Wie geht es dem Patienten?«, erkundigte ich mich und deutete mit dem Kopf auf das Haus. Durch den Flur wehte aus dem Obergeschoss der Klang erhobener Stimmen, vom Knallen einer schweren Tür unterstrichen, zu uns heraus.

»So ein Heilungsprozess ist immer eine langwierige Sache«, sagte Dr Arya milde. »Mr MacEwan ist noch auf dem Weg.«

»Sie meinen, er ist ein miesepetriger alter Mistkerl«, übersetzte Louisa diese Aussage.

Dr Arya lächelte leise. »Zögern Sie nicht, mir eine SMS zu schicken, wenn Sie sich Sorgen machen«, sagte er und wandte sich zum Gehen. »Ansonsten komme ich in ein, zwei Tagen wieder nach ihm schauen.«

Wir sahen ihm hinterher, als er in sein Auto stieg, die Einfahrt hinunterfuhr und dabei eine kleine Staubwolke aufwirbelte.

»Mach, dass du reinkommst«, sagte Louisa mit Nachdruck. »Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee.«

Ich folgte ihr nur zu gern ins Erdgeschoss und in die riesige Küche mit dem schönen Steinboden und nahm an dem großen, auf Hochglanz polierten Eichentisch Platz. Louisa schaltete die Kaffeemaschine an und kam mit einem Teller voller Buttergebäck mit Himbeermarmelade und einem großen Hundekauknochen herüber. Liam saß erwartungsvoll bei Fuß, bis er belohnt wurde, und zog sich dann auf den Kaminvorleger zurück, um an seiner Beute herumzunagen.

»Also, was ist mit dem Herrn und Meister los?«, fragte ich, sobald wir uns alle niedergelassen hatten. Ich war neugierig geworden. Sogar in einem so kleinen Ort wie diesem war ein ärztlicher Hausbesuch an einem Sonntagmorgen eher ungewöhnlich.

Louisa hielt mir den Keksteller hin und seufzte tief, ehe sie antwortete. »Die Lage ist wirklich gar nicht gut. Ich mache mir echt Sorgen. Weitere Komplikationen nach der Gehirnerschütterung. Mir war klar, dass was nicht stimmte, aber du kennst ihn ja. Er behält alles für sich, als dächte er, dass das vielleicht wie durch Zauber wieder verschwindet. Jedenfalls hat er endlich Dr Arya gebeichtet, dass er seit dem Unfall nichts mehr riechen oder richtig schmecken kann.«

Ich hielt mitten im Kauen inne. »Was hat der Arzt dazu gesagt?«

»Er hat uns erklärt, es käme durchaus vor, dass eine Gehirnerschütterung solche Nebenwirkungen hat. Und er meinte, das sollte sich mit der Zeit geben, aber wann das ist, könne er nicht sagen, genauso wenig könne er sicher sein, dass es wieder ganz in Ordnung kommen würde.«

Louisa stand auf, um uns Kaffee einzuschenken. Ich saß wie vom Donner gerührt da. Seinen Geruchs- und Geschmackssinn zu verlieren, das ist schon für einen normalen Menschen ziemlich schlimm, aber Grant ist das, was wir in unserem Geschäft »eine Nase« nennen. Bei Abbey Glen, der Destillerie, die uns gemeinsam gehört und die wir als Zweierteam führen, war er der Master Blender. Der Mann, der mit seinen ausgeprägten Sinnen das unendlich fein nuancierte Geschmacksprofil geschaffen und vervollkommnet hatte, das unseren Craft Whisky zu einem der gefragtesten in der Branche gemacht hat. Wenn er diese Sinne verlor oder sie auch nur ein wenig beeinträchtigt waren, wäre das für ihn eine berufliche Katastrophe. Ein Desaster, das seine Laufbahn beenden würde.

»Wann kann man denn Genaueres sagen?«, fragte ich, während ich noch versuchte, die Nachricht zu verdauen.

»Der Doktor hat gemeint, Grant müsse geduldig sein.«

Louisa und ich verdrehten einmütig die Augen. »Daher also das Türenknallen«, sagte ich. »Ist Brenna bei ihm?«

»Ja, die großartige Ms B. kriegt im Augenblick das meiste ab. Ich gönne es ihr von ganzem Herzen.«

Ich trank hastig einen Schluck von meinem Kaffee und verbrannte mir dabei die Zunge. Meine Beziehung zu Grant war von Anfang an kompliziert gewesen. Der frühe Tod meines Onkels Ben, der mir seine vor Ort als The Glen bekannte Single Malt Destillerie vererbt hatte, war der Anlass für unsere erste Begegnung gewesen. Damals hatte ich mit aller Macht gegen eine heftige und tiefe Anziehung angekämpft, die dieser Schotte mit den sandfarbenen Haaren und den gefährlich grünen Augen auf mich ausübte. Ich wusste, dass es ein schwerer Fehler wäre, mich mit einem Geschäftspartner einzulassen. Es würde nicht nur mein in diesem idyllischen Fleckchen Erde neu gefundenes Gefühl von Frieden und Sicherheit gefährden, es würde auch meine Glaubwürdigkeit in der ohnehin frauenfeindlichen und speziell mir nicht gerade freundlich gesonnenen Branche untergraben. Dann wäre ich in den Augen der anderen Brenner nichts als »Grants Kleine«.

Die logische Antwort war, Abstand zu halten, und ich war mir sicher, dass ich das im Griff hatte, insbesondere nachdem Grants alte Flamme Brenna Quinn vor sechs Wochen bei den Golden Quaich Awards aufgetaucht war, und zwar mit der Absicht, ihre frühere Beziehung wieder aufzuwärmen. Solange Brenna da war, war Grant vom Markt, und ich würde nicht in Versuchung kommen. Problem gelöst. Das dachte ich zumindest, bis dann jemand einen Anschlag auf Grant verübte und der eine schwere Kopfverletzung davontrug und in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht wurde.

Angesichts der Möglichkeit, ihn zu verlieren, wurde mir plötzlich klar, dass ich ihn weit lieber mochte, als ich es mir bis dahin hatte eingestehen wollen. Schade, dass ich das nicht rausgefunden hatte, ehe Brenna auf der Bühne erschien und ihre Ansprüche anmeldete, aber Timing war noch nie meine Stärke.

Nachdem Grant aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatten wir alle den Eindruck, dass er sich nur allmählich, aber letztlich doch vollständig von seiner Gehirnerschütterung erholen würde. Die Ärzte empfahlen mindestens zwei Monate absolute Ruhe, und zum allgemeinen großen Ärgernis bestand Brenna darauf, sich in der Destillerie ihrer Familie in Wales Urlaub zu nehmen und hier genau zu überwachen, dass Grant machte, was man ihm gesagt hatte. Und da waren wir also alle miteinander sechs Wochen später: ein schlecht gelaunter Patient, eine ständig überall im Weg herumstehende Freundin und ich, die ich mir größte Mühe gab, mich halbwegs wieder in einem Leben als Zuschauerin zurechtzufinden.

Ich merkte, dass Louisa mich sehr genau musterte. »Gehst du zu ihm rauf?«, fragte sie.

»Ich hatte es eigentlich vor«, antwortete ich. »Aber vielleicht warte ich noch ein bisschen ab. Du weißt ja, wie er ist, wenn er wütend ist. Da kann man nicht mit ihm reden.«

Louisa beugte sich über den Tisch zu mir hin. »Du Feigling. Aber du hast wohl recht, zumindest im Augenblick. Doch ewig kannst du es nicht rausschieben. Als Brenna sich wieder in Grants Leben gemogelt hat, hast du mir gesagt, du wolltest um den da oben kämpfen«, sagte Louisa und deutete mit dem Kopf in Richtung Zimmerdecke. »Und jetzt hast du dich in den letzten paar Wochen so rar gemacht. Was ist los mit dir?«

Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich vorgehen sollte. Louisa und ich hatten uns seit meiner Ankunft in Schottland recht gut angefreundet. Sie hielt treu und fest zu Grant und ließ keinerlei Zweifel an ihrer Meinung aufkommen, dass sie eine Beziehung zwischen ihrem Arbeitgeber und mir befürwortete. Ich entgegnete ihr: »Erstens weißt du, dass ich Grant sehr mag. So sehr, dass ich mich nicht zwischen Brenna und ihn drängen würde, wenn er wirklich in sie verliebt wäre.«

Louisa schnaubte laut vor Empörung. »Der? Verliebt? Auf keinen Fall. Sie passt überhaupt nicht zu ihm. Betütert ihn von morgens bis abends. Versucht, ihm alles abzunehmen. Ich sehe förmlich, wie sein Blutdruck in die Höhe schnellt. Die erstickt ihn völlig.«

Ich gab mir redlich Mühe, das Lächeln zu unterdrücken, das sich bei Louisas freimütiger Auskunft auf meine Lippen stahl. »Es überrascht mich nicht, dass sie ihn beinahe erdrückt«, gab ich zu. »Sie ist der Typ Frau, die immer die Zügel in der Hand haben muss. Aber ich kenne Grant, der ist nicht so blöd, dass er aus missverstandener Dankbarkeit oder schlechtem Gewissen eine dauerhafte Beziehung mit einer Frau eingeht, die ihn in den Wahnsinn treibt.«

»Männer haben schon viel blödere Sachen gemacht«, erwiderte Louisa grimmig.

Dieses Argument quittierte ich mit einem Nicken. »Stimmt schon, aber hinter meiner Abwesenheit steckt mehr.« Ich vertraute auf Louisas Diskretion, und ich schätzte ihre aufrichtigen Ratschläge. Also fuhr ich fort und äußerte meine Zweifel. »Ich bin eher ein sehr auf Wettbewerb eingestellter Mensch«, fing ich an.

Louisa lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und musterte mich. »Erzähl mir was, das ich noch nicht weiß.«

»Na ja, als Grant verletzt wurde, war er ohnehin völlig erschöpft und stand unter großem Stress. Und dann war da Brenna und hatte sich Grant an den Hals geworfen und …«

»Spuck’s aus.«

»Okay, okay. Ich überlege, ob ich mich vielleicht jetzt nur deswegen mehr zu Grant hingezogen fühle, weil ich Konkurrenz bekommen habe.«

»Das ist doch Blödsinn.«

»Wirklich? Blöd bin ich nicht, aber ehrgeizig schon. In meiner Arbeit bin ich immer hinter dem Hauptgewinn her. Ich will die heiße Story, das aufrüttelnde Bild, die Antwort auf die Frage, die niemand außer mir findet. Geht es mir jetzt mit Grant genauso? Hetze ich hinter dem Mann her, den ich nicht haben kann?«

»Du denkst zu viel«, meinte Louisa mit Nachdruck. »Sag mir, was du für Grant empfindest. Schnell, ohne groß zu überlegen. Das Erste, was dir einfällt, analysiere nicht alles zu Tode.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich empfinde Freundschaft, Respekt, Verlangen. Alles schön und gut, aber ist das Liebe?«

»Die einzige Sorte Liebe, die Bestand hat«, bekräftigte Louisa. »Mein Ehemann und ich, wir haben nur eins von den dreien geschafft, und es ist alles in die Brüche gegangen, als wir mehr brauchten als nur die körperliche Seite. Schließlich war das einzige Gute, das ich davon zurückbehalten habe, Luke. Du und Grant, ihr habt das komplette Paket. Red dir das nicht aus, nur weil du Angst kriegst.«

»Ich habe keine Angst«, feuerte ich zurück. Ich nahm mir noch ein weiteres Butterplätzchen und kaute genüsslich darauf herum, während ich in Gedanken Louisas Worte hin- und herwälzte. Was sollte ich wirklich von ihrer Bewertung der Lage halten? Ich war für meine eigenen Schwächen keineswegs blind. »Ich bin nur realistisch«, brachte ich vor. »Brenna ist wunderschön und gescheit. Und zudem weiß sie unendlich viel mehr über das Whiskygeschäft als ich. Sie hat es sich sogar erkämpft, dass die Barley Boys ihr Respekt zollen, wenn auch widerwillig.«

»Du bist auch wunderschön und gescheit«, kam Louisas Echo. »Und das Whiskywissen holst du im Nu auf. Bei Abbey Glen bist du doch gleich mittenrein geworfen worden, und, ehrlich, du kommst weit besser klar, als es die meisten geschafft hätten.«

»Ich tu mein Bestes, aber manchmal reicht das eben nicht.« Ich hatte mich nie vor harter Arbeit gescheut, aber schon nach sehr kurzer Zeit hatte ich begriffen, dass mehr als nur harte Arbeit nötig ist, um im Whiskygeschäft erfolgreich zu sein. Man braucht zudem ein tiefes Verständnis für die Wissenschaft des Destillierens und die komplexe Kunst des Blending. Ein bisschen Geschäftssinn und Gespür für Marketing schaden auch nicht. Die meisten meiner neuen Berufskollegen sind im Whiskygeschäft und dessen Umfeld aufgewachsen. Sie besitzen ein instinktives Gespür für diese Dinge, und seit meiner Ankunft hechelte ich atemlos hinter ihnen her. »Ich habe das noch niemandem sonst verraten«, gestand ich Louisa, »aber ich habe mich an der Edinburgh University für einen Kurs eingeschrieben, der sich mit den naturwissenschaftlichen und insbesondere chemischen Grundlagen der Whiskyherstellung befasst.«

Louisa nahm die Kaffeekanne und schenkte uns beiden nach. »Deswegen bist du also so oft in die Stadt gefahren. Ich weiß, dass es weniger als eine Stunde Autofahrt ist, aber viermal in der Woche, das schien mir doch ein bisschen viel. Ich hab schon vermutet, dass du da in der Stadt irgendeinen Typen hast, mit dem du dich triffst.«

»Den hab ich auch«, sagte ich mit einem Grinsen. »Es ist ein vierundsiebzigjähriger Professor, der seit beinahe sechzig Jahren im Whiskygeschäft ist. Mit seiner Hilfe gewinne ich so langsam mehr Selbstbewusstsein und bekomme allmählich das Gefühl, dass ich in der Branche tatsächlich eine gewisse Glaubwürdigkeit haben könnte. Dass ich mit meinen Berufskollegen mithalten kann.« Und mich besser mit Brenna messen kann, sagte die beharrliche Stimme in meinem Kopf, ob ich wollte oder nicht.

»Was hast du also in Sachen Ms B. vor?«

»In Sachen Brenna kann ich gar nichts machen. Ich kann nur ich selbst sein.«

»Du bemutterst ihn nicht, du behandelst ihn nicht wie ein Kleinkind, und du versuchst nicht, sein Leben zu kontrollieren. Der Kontrast sollte deutlich genug sein, um ihm zu zeigen, wohin sein Herz gehört. Aber drauf verlassen kannst du dich nicht, dass ein Mann sieht, was er direkt vor der Nase hat. Überleg mal, ob du nicht bei diesem Spiel deinen Einsatz erhöhen solltest.«

Ich trank meinen Kaffee aus. »Die Liebe ist kein Spiel, und im Augenblick haben wir wahrhaftig größere Probleme zu bewältigen. Diese neue Entwicklung mit Grants Geruchssinn macht mir echt Sorgen. Wenn er sich davon nicht vollständig erholt, ist er am Boden zerstört. Und auch in der Destillerie würde das große Veränderungen nach sich ziehen. Veränderungen, die vielleicht unsere Konkurrenz auszunutzen versucht.«

»Das weiß Grant sehr wohl. Aber wenn wir uns jetzt darüber Sorgen machen, hilft ihm das auch nicht, schneller gesund zu werden«, merkte Louisa an.

»Stimmt. Er braucht eine Beschäftigung.«

»Aber nicht so viel, dass alles wieder schlimmer wird«, mahnte Louisa.

»Genau. Das ist ein heikles Gleichgewicht. Er muss unbedingt wieder in die Brennerei, aber im Moment nicht in seiner gewohnten Funktion.« Ich überlegte einen Augenblick. »Ich hab da ein paar Ideen, muss mich aber erst mit Cam und Patrick besprechen. Wir warten ab, bis Grant sich ein bisschen beruhigt hat. Ich komm später noch mal vorbei.«

Liam und ich rollten in meinem Mini-Cabrio auf den steingepflasterten Hof von Abbey Glen. Liam saß wie immer auf dem Beifahrersitz, die Ohren mit den braunen Spitzen flatterten im Fahrtwind, und die Zunge hing ihm in hündischer Begeisterung aus dem Maul.

Für mich waren die um den alten Hof angeordneten, weiß getünchten Steingebäude inzwischen ein tröstlicher und vertrauter Anblick. Mithilfe meines Whisky-Gurus an der Universität bekam der mühevolle Vorgang, den wir bei der Herstellung unseres Whiskys gewissenhaft durchlaufen, für mich inzwischen sehr viel mehr Sinn. Endlich hatte ich das Gefühl, zu dieser Welt aus Gerste, Wasser, Kupfer und Holz zu gehören, die das Herzstück der Destillerie bildete, die meinen Namen trug.

Ich spazierte ins Büro und traf dort unseren Destillerie-Manager Cam Lewis und meinen besten Freund Patrick Cooke an, die gerade über den Veranstaltungskalender redeten. Die beiden waren ein höchst merkwürdiges Duo: Patrick, der junge, elegante Städter, und Cam, jenseits der besten Jahre, rau und geerdet. Doch wenn es um den Whisky ging, den sie beide liebten, waren sie Seelenverwandte.

Cam war in zweiter Generation Brennmeister, ein vertrauenswürdiger Manager und wirklich ein Geschenk des Himmels, gerade jetzt, da Grant ausfiel. Was er nicht über Whisky wusste, das war nicht der Rede wert. Ich hegte heimlich den Verdacht, dass aus seinen Adern, wenn man ihn schnitt, wohl ein Single Malt in satten Farbtönen herausbluten würde.

»Hab dich ja tagelang nicht zu Gesicht bekommen, Mädel«, sagte er. »Wo warst du denn?«

»Ich hatte geschäftlich einiges in der Stadt zu erledigen«, antwortete ich ausweichend.

»Und da hast du mich nicht besucht?«, fragte Patrick mit gerunzelter Stirn.

Patrick und ich waren seit unserer Uni-Zeit beste Freunde. Er war genau wie ich Journalist und gegenwärtig Chefredakteur des Whisky Journal, einer in der Whiskybranche hochangesehenen Zeitschrift mit Hauptsitz in Edinburgh. Seit einem Jahr, seit ich mich plötzlich und unerwartet in diesem seltsamen neuen Geschäftsfeld wiedergefunden hatte, war er mir oft emotionale Stütze und ein zuverlässiger Berater gewesen.

»Tut mir leid. Zu viel zu tun«, antwortete ich, überspielte den eigentlichen Grund für meine Besuche in Edinburgh und kam rasch zu den wichtigen Neuigkeiten. »Ich war gerade oben in The Larches.«

»Und wie geht’s Grant?«, erkundigte sich Patrick.

»Na ja«, antwortete ich zögerlich, worauf beide Männer mich interessiert anschauten. »Verratet bloß Grant nicht, dass ich es euch erzählt habe. Er soll euch das selbst sagen.«

In Cams strahlenden Augen spiegelte sich Besorgnis. »Was soll er uns sagen?«

»Anscheinend gibt es nach der Gehirnerschütterung noch einige Komplikationen. Unerwartete.« Ich legte eine kleine Pause ein, aber mir fiel keine sanftere Art ein, ihnen die Wahrheit zu sagen. »Grant hat neulich dem Doktor gestanden, dass er seinen Geruchssinn und damit einen großen Teil seines Geschmackssinns verloren hat.«

Die beiden starrten mich in benommenem Schweigen an. Keinem war die volle Bedeutung dieser Nachricht entgangen.

»Ist das ein bleibender Schaden?«, fragte Patrick.

»Hoffentlich nicht.«

Cam schaute mich immer noch ungläubig an. Sein wettergegerbtes Gesicht sah aus, als wäre er vor meinen Augen soeben um Jahre gealtert. »Hoffentlich nicht?«, keuchte er. »Was zum Teufel soll das denn heißen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es gut für ihn ausgeht? Und wenn er den Geruchssinn zurückbekommt, wird dann alles so sein wie zuvor?«

Ich legte Cam eine Hand auf den Arm. Grant war für ihn wie ein Sohn, das wusste ich. Und ich begriff, dass ihn diese Neuigkeit bis ins Mark getroffen hatte. »Der Arzt meint, wir müssten uns in Geduld üben. Es dauert seine Zeit, bis sich alles wieder normalisiert hat. Es gibt keinen Grund, warum es das nicht tun sollte, aber es wäre immerhin möglich. Und mit dieser Möglichkeit muss sich Grant anfreunden, nur für alle Fälle.«

Patrick fuhr sich mit den Händen durchs Haar und blickte grimmig drein. »Er muss völlig am Boden zerstört sein.«

Ich nickte stumm.

»Wie können wir ihm helfen?«, wollte Patrick wissen.

»Wir müssen versuchen, die Ruhe zu bewahren«, antwortete ich. »Geduld ist nicht gerade seine Stärke, wie wir alle wissen.«

»Der muss was zu tun bekommen, nicht nur den ganzen Tag im Haus rumhängen«, sagte Cam ärgerlich. »Ich weiß schon, dass er sich ausruhen soll, aber diese Frau hält ihn an einer ziemlich kurzen Leine.«

»Er ist nicht der Typ, der lange von der Arbeit wegbleiben kann«, ergänzte Patrick. »Ich nehme an, er macht einen großen Bogen um Abbey Glen, weil er hofft, dass sich die Sache bald bessert.«

»Ich vermute, da hast du recht, aber beim Whisky geht’s ja um mehr als nur um Blending. Der Arzt hat gemeint, er sollte keine wichtigen Geschäftsentscheidungen treffen, aber das heißt doch nicht, dass er sonst nichts machen kann«, sagte ich. »Wir müssen ein Projekt für ihn finden. Irgendwas, womit er sich beschäftigen kann und das ihm ein bisschen Spielraum verschafft.«

»Im Sommer ist die Destillerie ohnehin ein paar Wochen wegen Wartungsarbeiten geschlossen«, meinte Cam. »Patrick und ich haben darüber gesprochen, ob wir in dieser Zeit ein paar zusätzliche Meisterkurse anbieten sollen. Vielleicht könnte er uns dabei helfen.«

Ich nickte. »Falls du Grant dazu überreden kannst, ein, zwei Vorträge zu halten, wäre das wirklich gut. Aber im Augenblick ist er ja nicht gerade ein Ausbund an Liebenswürdigkeit. Außerdem würden all die schlauen jungen Leute, die herkommen, um von uns die Kunst des Brennens zu erlernen, ihn vielleicht nur wieder daran erinnern, was für ihn auf dem Spiel steht.«

»Das stimmt wohl«, gestand mir Patrick zu.

»Da ist noch eine andere Idee, die ich euch mal vorstellen wollte«, meldete ich mich zu Wort. Mein Selbstbewusstsein in Sachen Whisky-Branche war noch ein bisschen wackelig, und ich machte mich auf eine mögliche Ablehnung gefasst. »Wie wäre es, wenn Abbey Glen eine Abfüllung mit Single-Cask-Whisky machen würde? Da braucht man kein Blending, stimmt’s? Direkt aus dem Fass in die Flasche. Ich glaube, so was würden die ernsthaften Sammler lieben, und das Allerbeste daran wäre, dass es Grant Zeit verschaffen könnte, sich ein bisschen zu berappeln, ehe er wieder mit dem komplizierten Geschäft des Blending anfängt.«

Ich sah, wie sich ein Lächeln über Cams Gesicht ausbreitete. Sogar seine Augen strahlten mit. »Du hast wirklich Riesenfortschritte gemacht, Mädel«, sagte er. »Vor einem Jahr hättest du einen Islay-Whisky nicht von einem Speiseeis unterscheiden können, und jetzt schau dich einer an.«

Patrick rutschte mit glänzenden Augen auf seinem Stuhl vor. »Das ist gar keine schlechte Idee. Abbey Glen hat noch nie einen Single-Cask-Whisky angeboten. Ich glaube, das würde gut ankommen, und es wäre ein Anreiz für die Cask-Strength-Puristen.«

»Ganz zu schweigen davon, dass wir Höchstpreise verlangen könnten«, fügte ich hinzu und lehnte mich mit einem lächerlichen Gefühl des Triumphs zurück.

Patrick lachte leise. »Du wirst echt gut. Wenn man bedenkt, dass ich Angst hatte, du würdest niemals im Leben Geschmack dran finden.«

»Ja, das Gefühl fürs Marketing, das dein Onkel hatte, das hast du ganz bestimmt geerbt, da gibt’s keinen Zweifel«, stimmte ihm Cam zu.

»Ich versuche es«, gestand ich ihnen ein. Durch meinen anfänglichen Erfolg ermutigt, zog ich eine Whiskyflasche aus Keramik aus meiner Tasche. Es war eine von mehreren dieser Art, die ich in Onkel Bens Sammlung gefunden hatte. »Was könnt ihr mir über das Ding hier sagen?«

Cam nahm die Flasche in die Hand und drehte sie in den Händen. »Spätes neunzehntes Jahrhundert. Damals gab’s keine Glasflaschen«, erklärte er. »Der bessere Whisky wurde in Krügen wie diesem aufbewahrt und an Pubs und reiche Kunden verkauft. Diese Keramikflaschen wurden immer wieder benutzt, bis schließlich die aus Glas die Norm wurden.«

Ich nickte nachdenklich. »Ich habe schon gesehen, dass Destillerien in schicke Kristallflaschen abfüllen und dafür ein Vermögen verlangen. Was meint ihr, wie würden Sammler auf so eine Keramikflasche ansprechen?«

»Eine interessante Mischung aus Alt und Neu«, sagte Patrick langsam. »Hattest du was Spezielles im Sinn?«

Wo ich einmal so schön im Schwung war, würde ich gleich auch noch mit dem zweiten Plan rausrücken, den ich im Kopf gewälzt hatte. »Wie wäre es, wenn wir bei Rory ganz besondere Keramikflaschen in Auftrag geben?« Rory Hendricks war unser ortsansässiger Promi und Einsiedler. Der einstmals wild rockende, wild saufende Frontmann der Rebels, einer Band aus den achtziger Jahren, hatte sich auf einen Bauernhof am Nordende unseres Tales zurückgezogen und dort als Hobbytöpfer angefangen.

»Der hat zumindest im Laufe der Jahre ordentlich Whisky die Gurgel runtergejagt«, erklärte ich, »und unser Produkt liebt er ganz besonders. Ich vermute mal, alles, worauf sein Name steht, würden uns Fans und Whiskykenner gleichermaßen aus den Händen reißen.«

Cam stellte die Flasche hin, stand auf und schenkte sich aus einer Thermoskanne eine weitere Tasse Kaffee ein. Er hob fragend einen leeren Henkelbecher in meine Richtung. Ich schüttelte den Kopf.

»Ich glaube auch, dass das eine gute Idee sein könnte«, sagte er schließlich. »Selbst ein alter Knacker wie ich kennt die Rebels, und Rorys Keramik ist ganz was Besonderes. Was besonders Gutes, meine ich. Meinst du, Grant würde sich drauf einlassen?«

»Fragen kostet nichts.« Ich wandte mich wieder an Patrick. »Was meinst du?«

»Ich versuche, mich aus deinen geschäftlichen Entscheidungen rauszuhalten«, antwortete er und hob die Hände in die Luft. »Es ist nicht meine Destillerie, ich habe eigentlich nur mit den Meisterkursen zu tun, aber als Whiskyliebhaber und Zeitungsmann finde ich, dass es eine hervorragende Idee ist.«

»Soll ich gleich mit Grant sprechen, wenn ich ihn heute Nachmittag besuche?«, fragte Cam.

»Im Augenblick ist er ziemlich reizbar«, erwiderte ich. »Vielleicht lässt du erst mal mich einen Versuch starten.«

»Gut.« Cam wirkte erleichtert. »Dann überlasse ich das dir.«

»Eigentlich glaube ich, ich sollte versuchen, Grant zu überreden, dass er selbst hinfährt und mit Rory redet. Da kommt er ein bisschen aus dem Haus.«

»Wenn sie ihn gehen lässt«, grummelte Cam. »Du solltest wissen, dass Brenna gestern hier war.«

»Was wollte sie denn?«, fragte ich.

»Sie hat uns während Grants Abwesenheit ihre Hilfe angeboten.«

Ich spürte, wie die Hitze in mir aufwallte. »Weil wir anderen alle ja völlig inkompetent sind?«, knurrte ich. »Die hat vielleicht Nerven.«

»Ich glaube nicht, dass sie unverschämt sein wollte«, merkte Cam an. Er war in der Vergangenheit immer ein Brenna-Fan gewesen, doch ich spürte, dass auch seine Begeisterung in letzter Zeit ein wenig nachgelassen hatte. »Ich denke mal, Grant wird es nicht allzu lange aushalten, dass sie ihn bevormundet, und sie bald rausschmeißen. Da muss sie sich dann einen anderen Zeitvertreib suchen.«

»Wenn sie sich nur die Zeit vertreiben will, soll sie sich um ihren eigenen Kram kümmern«, schimpfte ich. »Was hast du ihr geantwortet?«

»Ich habe ihr gesagt, wir kämen schon klar.«

Wir kommen sogar hervorragend klar, verdammt noch mal, dachte ich. Ich hatte heute zwei prächtige Ideen vorgebracht. Machbare Ideen. Möglicherweise lukrative Ideen. Mit Patricks und Cams Hilfe würden wir Pläne schmieden, die Abbey Glen und Grant nutzten. Brenna brauchten wir dabei ganz sicher nicht.

Als ich das Büro verließ, war ich sehr zufrieden mit mir. Aber ich hätte es besser wissen müssen. Nichts im Leben verläuft je reibungslos. Zumindest nicht in meinem Leben. Schon bald wieder sollte ich auf dem Weg an einen dunklen Ort sein. An einen Ort der Verzweiflung, der Zerstörung und des Todes. So schien es bei mir immer zu sein.

Kapitel 2

Ich überließ Cam und Patrick ihren Plänen und spazierte über den Hof der Destillerie, dann über die kleine Brücke zu der hölzernen Umzäunung eines Feldes, das ich kürzlich erst erworben hatte. Irgendwie war die Zahl meiner Schafe in den letzten paar Monaten von einem halben Dutzend auf neunzehn angestiegen. Jetzt hatte ich tatsächlich eine Herde und brauchte den zusätzlichen Platz. Alle meine Schützlinge hatte ich vor dem Abdecker gerettet, und nun lebten sie hier als Senioren in meinem Heim für alternde Wollproduzenten. Lächerlich, ich weiß, aber mir machen ihre ruhigen wiederkäuenden Gesichter und ihre plumpen kleinen Körper Freude. Wahrscheinlich findet jeder Mensch sein eigenes Zen. Meines hat eben vier Hufe und blökt.

Und, Gott weiß, im Augenblick konnte ich ein bisschen Zen ganz gut gebrauchen. Der ständige Adrenalinausstoß, den mein Leben als Kriegsberichterstatterin mit sich brachte, hatte meine Nerven völlig zerrüttet. Doch die längst überfälligen Veränderungen in meinem Leben waren zwar willkommen, zugegebenermaßen aber auch riskant. Mir war völlig klar, dass es für mich fatal wäre, einfach nur hier im ländlichen Schottland herumzusitzen und nichts zu tun. Also hatte ich mich mit voller Absicht darauf gestürzt, mich bei Abbey Glen im Management einzubringen, die gemeinnützige Stiftung zu leiten, die ich in Onkel Bens Namen eingerichtet hatte, mich ab und zu als Schafhirtin zu betätigen und an vier Tagen in der Woche morgens heimlich zu meinem Whisky-Kurs nach Edinburgh zu fahren. Es ist wirklich gut, wenn man viel zu tun hat, doch ab und zu ist es auch schön, einfach mal eine Pause einzulegen und die Schafe zu beobachten.

Ich drehte mich um, als ich ein Auto näher kommen hörte. Katherine MacRae hielt mit ihrem Tierarztwagen neben mir an. Zu meiner Überraschung saß auf dem Beifahrersitz der Ortspfarrer Craig Anderson.

»Wir waren gerade auf dem Weg zu deinem Haus, um dich zu besuchen«, sagte Katherine.

Sie war mir inzwischen eine gute Freundin geworden, und als Tierärztin besuchte sie mich häufig zu Hause. Noch dazu war sie meine Rettung in allen Fragen, die Schafe oder Hunde betrafen. Normalerweise hatte sie aber keinen Geistlichen im Schlepptau.

»Was ist los? Ist was mit der Hochzeit?« Unser junger neuer Pfarrer, den alle nur Rev Craig nannten, war mit Fiona Harper, der Bibliothekarin am Ort, verlobt. In zwei Wochen sollte ihr großer Tag sein, die Feier, die bereits den gesamten Ort in Aufruhr versetzt hatte und die einer königlichen Hochzeit alle Ehre gemacht hätte. Katherine war eine der Brautjungfern. Ich zum Glück nicht.

Rev Craig lächelte. »Heute sind wir wegen deiner Schäfchen hier, nicht wegen meiner.«

»Schau dir die Ärmsten nur an«, sagte Katherine und deutete auf den Pferch. »Hast du schon dafür gesorgt, dass jemand kommt und sie schert?«

»Ich bin dabei«, antwortete ich schuldbewusst.

»Die sind überfällig. Sie fühlen sich so nicht wohl, und das ist wirklich lieblos«, schimpfte Katherine.

Katherine hatte recht. Die Schafe standen wie riesige Bäusche Zuckerwatte auf dem grünen Gras. »Ich weiß, dass das gemacht werden muss«, erwiderte ich. »Aber mir gefällt der Gedanke gar nicht, dass wir die Vliese einfach wegwerfen sollen. Das kommt mir wie eine Riesenverschwendung vor.«

»Deswegen sind wir ja hier. Wir haben eine Lösung gefunden«, sagte Katherine triumphierend. »Rev Craig kennt eine Organisation, an die du sie spenden kannst.«

»Man kann Vliese spenden?«

»Es gibt da eine Frau namens Amanda Forrester«, sagte Rev Craig. »Sie stellt in Handarbeit herrliche Stricksachen aus Wolle her, die sie aus der Umgegend bezieht, und verkauft die in ihrem Laden in der Stadt. Die Hälfte des Gewinns aus dieser Boutique fließt einem Frauenhaus in Edinburgh zu. Wenn nötig, kauft Amanda auch Wolle, aber Spenden liebt sie besonders.«

»Klingt perfekt«, antwortete ich. »Wie hast du denn das rausgefunden?«

»Eines meiner ehemaligen Gemeindemitglieder hat The Shepherd’s Rest gegründet, und ich bin der inoffizielle geistliche Beistand für die Frauen, die dort Schutz suchen. Amanda kümmert sich um das Tagesgeschäft des Frauenhauses und führt außerdem einen eigenen Laden. Ich glaube, ihr beide würdet euch sehr gut verstehen. Ihr habt eine Menge gemeinsam.«

»Du meinst, ich habe Geld, und sie braucht welches«, scherzte ich.

»Ja, aber mehr als das. Ihr habt beide eine Schwäche für die Unterdrückten und Misshandelten. Ich mache mir schon seit einiger Zeit Sorgen um Amanda und die Damen im Shepherd’s Rest«, gestand mir Rev Craig. »Amanda hat wirklich zu kämpfen bei ihrem Engagement für diese Gruppe von Frauen, die von den Männern in ihrem Leben misshandelt wurden. Zu allem Überfluss macht ihnen nun auch noch der Vermieter arge Probleme. Ich glaube, du könntest ihnen wirklich sehr helfen. Du hast dich doch in deinem Berufsleben immer für die Unterlegenen eingesetzt. Jetzt hättest du eine Gelegenheit, wieder einmal das zu tun, was du so gut kannst, nur diesmal nicht so weit weg von zu Hause.«

Ich hielt bereits eine ganze Weile Ausschau nach guten Einsatzmöglichkeiten für die Finanzmittel, die ich der Bennett-Logan-Gedächtnis-Stiftung überschrieben hatte, und das hier klang ganz so, als wäre es unterstützenswert. Rev Craig zog sein Handy heraus und ging die Kontaktliste durch. »Ich schicke dir ihre Nummer, dann kannst du dich selbst mit ihr in Verbindung setzen.«

»Gut, das hätten wir also erledigt«, sagte Katherine. »Ruf sie gleich morgen an, und schieb’s nicht auf die lange Bank.«

»Aye, aye«, erwiderte ich mit einem knappen militärischen Salut. »Danke für den Tipp.« Ich holte tief Luft und wandte mich wieder Rev Craig zu. Hochzeiten waren so gar nicht meine Sache, aber ich fühlte mich doch verpflichtet, meine Hilfe anzubieten. »Was braucht ihr noch für die Hochzeit? Vielleicht einen ganz besonderen Whisky für den Empfang, wenn der Quaich die Runde macht?«

»Das wäre wunderbar. Ich möchte wirklich nicht aufdringlich erscheinen, aber Fiona hat mir aufgetragen, dich um einen ganz besonderen Gefallen zu bitten. Wir dachten, da du ja Hunde so magst …« Craig zögerte. »Nun also, Fiona möchte, dass Sampson an der Hochzeit teilnimmt. Meinst du, du könntest ihn unter deine Fittiche nehmen?«

Ich strahlte vor Erleichterung übers ganze Gesicht. »Ich wäre entzückt, ihn an diesem Abend als meinen Begleiter zu haben.« Gott weiß, einen anderen hätte ich ohnehin nicht. Sampson war Fionas Deutsch-Kurzhaar. Eine liebenswürdige Seele von einem Hund, der, bevor Craig auf der Bildfläche erschien, schon viele Jahre ihr getreuer Gefährte gewesen war. Endlich mal eine Aufgabe bei einer Hochzeit, die genau meine Kragenweite war. »Überlasst das nur mir«, sagte ich. »Er wird dabei sein und großartig aussehen.«

Sobald Katherine und der Pfarrer fort waren, kehrte ich zu meinem Auto zurück und bugsierte meinen eigenen aufgeregten vierbeinigen Begleiter Liam auf den Vordersitz, nicht ohne vorher kurz mit ihm um den Fahrersitz zu kämpfen. Nachdem wir das Dach geöffnet und die Chauffeurfrage geklärt hatten, machten wir uns erneut auf den Weg nach The Larches. Ich konnte immer noch an einer Hand abzählen, an wie vielen Tagen ich mit meinem Mini Cooper mit offenem Verdeck gefahren war, seit ich das Auto vor neun Monaten gekauft hatte. Als der Wagen in der von mir nicht bestellten Cabrio-Version eintraf, hatte ich ihn sofort auf den Namen Hope getauft. Denn mir war klar, dass ich in diesem Teil der Welt nicht den Schimmer einer Hoffnung hatte, oft mit offenem Verdeck zu fahren. Aber Liam liebte das sehr. Seine Ohren flatterten dann im Fahrtwind, und er bot ein Bild des ungetrübten Glücks.

Louisa hatte mir in einer SMS mitgeteilt, Brenna habe das Haus verlassen. Also ging ich, als wir in The Larches eintrafen, direkt zur Vordertür, die uns der Hausherr höchstpersönlich öffnete. Er zog die schwere Eichentür auf und bat uns mit einer freundlichen Geste ins Haus. Liam flitzte an ihm vorbei in Richtung Küche zu seiner Freundin Louisa. Ich folgte Grant an den Porträts seiner finster dreinblickenden Vorfahren vorüber in die Bibliothek. Dies war sonst Grants ganz privater Rückzugsraum. Aber heute lud er mich dorthin ein, deutete auf einen Sessel am Kamin und kehrte wenig später mit einer Flasche Abbey Glen und einem zweiten Glas zurück. Obwohl es noch recht früh am Tag war, hatte er sich bereits einen Whisky gegönnt, doch in der Flasche, aus der er sich nachschenkte, war ein Blended Whisky. Nicht dass an Blended Whisky etwas auszusetzen wäre, aber das war ganz entschieden sonst nicht Grants Geschmack.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich und hob in schweigendem Gruß mein Glas.

»Ich schmecke nicht, was ich trinke, kann es nicht riechen. Wieso also einen erstklassigen Malt an mich verschwenden?«

»Dann trinkst du also nur um des Trinkens willen«, merkte ich an.

Grant blickte finster drein, und seine grünen Augen hatten die Farbe der See an einem stürmischen Tag. »Fang du bloß nicht auch noch an«, blaffte er.

Andere hatten es offensichtlich schon für ihre Pflicht gehalten, ihn wegen seiner Verfehlungen zu tadeln. Da wollte ich mich nicht auch noch in diesen griechischen Chor einreihen, dessen Vorsängerin höchstwahrscheinlich Brenna war. Ich zuckte nur mit den Achseln. »Wie du willst. Du bist ein erwachsener Mann.« Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und genoss die sanfte Wärme, die sich in meinem Inneren ausbreitete. »Ich habe heute den neuen Doktor kennengelernt«, sagte ich und wechselte das Thema. »Der scheint nett zu sein.«

»Ich bin sicher, für Erkältungen und Grippe ist er prima, aber bei mir fällt ihm außer ›sollte bald besser werden‹ nichts ein«, äffte ihn Grant nach. »Das bringt mir verdammt wenig.«

»Na ja, er hat wohl recht. Entweder wird es besser oder eben nicht«, sagte ich knapp. »Ich glaube nicht, dass du der Typ bist, der lange rumhängt und sich in Selbstmitleid ergeht. Komplizierte Sachen lassen sie dich in der Destillerie vielleicht noch nicht machen, aber bis du wieder so weit bist, gibt es jede Menge anderes zu tun. Cam könnte deine Hilfe gewiss gebrauchen.«

»Was schlägst du denn vor? Soll ich etwa mit dem Blending für die nächste Abfüllung anfangen? Ich könnte ein bisschen Blinde Kuh spielen, mich an dem Rezept versuchen, an dem wir so sehr lange herumgetüftelt haben.«

»Das wäre töricht«, erwiderte ich betont ruhig. Ich schaute Grant geradewegs in die Augen, bis er den Blick abwandte. »Ich würde meinen, dass jetzt eine kreativere Lösung angesagt ist.«

Grant lehnte sich im Sessel zurück und nahm noch einen großen Schluck. »Aha, das ist also deine Expertenmeinung«, sagte er spitz und zog eine Augenbraue in die Höhe.

Ich ging über diese Beleidigung hinweg. Meine Aufgabe war es, Grant wieder in die normale Welt zurückzuzerren. Louisa würde sich bestimmt freuen, wenn ich dabei das genaue Gegenteil von Brennas ständigem Bemuttern versuchen würde. »Ich habe darüber nachgedacht, dass wir noch nie eine Single-Cask-Version von Abbey Glen angeboten haben. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, das mal auszuprobieren.«

Grant wirkte ein wenig erstaunt. »Wer ist denn auf die Idee gekommen? Cam?«

Ich biss mir auf die Zunge. »Es war meine Idee. Single Casks sind heutzutage sehr beliebt, und ich finde, wir sollte es einmal probieren. Wir haben einen wunderbaren Whisky. Ganz sicher ist die Qualität gut genug, und wir können ihn in Cask-Stärke auf den Markt bringen. Der Preis wäre um einiges höher als für unseren üblichen 15 Jahre alten Whisky.« Ich betonte nicht, dass Grant dann auch noch ein paar Monate länger darum herumkäme, seinen Geruchs- und Geschmackssinn einzusetzen.

Grant starrte stumm und missmutig ins Feuer. »Ja, schon«, sagte er widerwillig und stürzte den Rest seines Whiskys herunter. »Aber wir können das nicht ewig so weitermachen.«

»Das müssen wir auch nicht«, betonte ich. »Cam wird sich bestimmt freuen, wenn du ihm dabei hilfst, das in die Wege zu leiten, wenn du morgen deinen Hintern nach Abbey Glen bemühen könntest.«

»Ihr braucht mich doch gar nicht, wenn ihr direkt aus dem Fass auf Flaschen zieht«, erklärte Grant. »Eigentlich braucht ihr mich überhaupt nicht mehr, so wie die Sache im Augenblick läuft. Du scheinst ja auf alles eine Antwort zu haben.«

Grant war verflixt bockig. Er war von Natur aus nicht gerade überschwänglich, jedoch immer pragmatisch gewesen. Und er hatte eine tiefe, beständige Leidenschaft für seine Arbeit und für die Menschen, die ihm wichtig waren. Diese Leidenschaft verlieh ihm eine beinahe elektrisierende Lebendigkeit. Im Augenblick fehlte ihm die, was ihn ein wenig hohl wirken ließ.

»Ich habe nicht auf alles eine Antwort«, erwiderte ich beharrlich. »Aber zumindest stelle ich Ideen in den Raum.« Ich ging zu einem Regal in der Ecke und nahm eine Keramikflasche heraus, auf der der Hirsch von Glenlivet prangte. »Sammelst du die?«, fragte ich.

»Das ist nur eine alte Flasche von meinem Vater«, erwiderte Grant.

»Die muss aber einen gewissen historischen Wert haben, sonst hättest du sie nicht aufbewahrt«, meinte ich. Wenn das Gespräch auf Grants Vater kam, begaben wir uns stets auf dünnes Eis. Das Verhältnis der beiden war, milde ausgedrückt, angespannt gewesen. Grant hatte seinen Vater sehr enttäuscht, als er sich weigerte, in das Abfüllgeschäft der Familie einzusteigen, und sich stattdessen lieber in einer Destillerie als Blender engagiert hatte. MacEwan senior hatte seinen Unmut selbst nach dem Tod noch deutlich zum Ausdruck gebracht: Er vermachte Grants jüngerem Bruder das profitable Glasunternehmen in Edinburgh, während er Grant das schwer verschuldete Anwesen auf dem Lande vererbte.

Grant zuckte mit den Achseln. »Mein Vater war immer nur sentimental, wenn es um Sachen ging, bei Menschen nie. Er hat auch einige ältere Flaschen aus den Zeiten aufgehoben, als noch viel schwarzgebrannt wurde. Ich bezweifle aber, dass die viel wert sind.«

Ich ignorierte diesen bitteren Kommentar, drehte stattdessen die Flasche in den Händen und beobachtete, wie sich der Feuerschein auf der blauen Glasur widerspiegelte. »Ich denke, mit der richtigen Flasche würden die Sammler vielleicht einen noch höheren Preis für den neuen Abbey Glen aus dem Madeira-Fass zahlen.«

»Es reicht dir nicht, mich als Blender aus dem Betrieb zu drängen, jetzt bringst du unsere Firma noch um das Abfüllgeschäft.« Während seiner Zeit auf der Universität in England hatte Grant seinen schottischen Akzent beinahe abgelegt, doch wenn er emotional wurde, verstärkte er sich wieder.

»Sei nicht albern«, erwiderte ich ungeduldig. »MacEwan Glass füllt von Anfang an für Abbey Glen ab, und niemand sagt, dass ihr jetzt damit aufhören sollt. Das hier wäre nur eine kleine Spezialabfüllung. Unser handwerklich hergestellter Malt in einer handwerklich hergestellten Flasche in begrenzter Auflage. Zwei handwerklich hochwertige Produkte in einem.«

Grant reagierte nicht, doch ich sah, dass ich sein Interesse geweckt hatte.

Ich hielt Grant die Flasche mit dem groß abgebildeten Hirsch hin. »Stell dir unseren besten Whisky in einer Flasche von Rory Hendricks vor, in limitierter Auflage. Das spricht die richtige Käufergruppe an; alternde Rockfans haben das nötige Kleingeld. Ich glaube, das könnte ein Megaseller werden.«

»Meinst du, Rory hätte Interesse daran, so was zu machen?«, fragte Grant. Ich entdeckte schon einen Funken der alten Begeisterung hinter seiner Maske aus Schmerz und bemühter Gleichgültigkeit.

»Ich weiß es nicht, aber ich bin überzeugt, eine Frage wäre es wert. Warum gehst du nicht mal hin und schlägst es ihm vor?«

Grant schenkte sich einen weiteren Whisky ein, hatte die Flasche gleich neben seinen Sessel gestellt. Ich war in Versuchung, sie ihm wegzunehmen, aber das würde ihn nur noch gereizter machen, als er ohnehin schon war. »Ich denke mal, der würde lieber dich sehen«, knurrte Grant. »Dich kennt er besser.«

»Er mag dich«, erklärte ich ihm, »und er liebt unseren Abbey Glen. Ich rufe ihn an und mache einen Termin für dich aus.«

»Was soll ich ihm denn sagen, was wir wollen?«

»Nimm ein paar von den alten Flaschen deines Dads mit, erzähl ihm, was uns so vorschwebt, und dann schauen wir mal, was ihm dazu einfällt. Er ist der Künstler und noch dazu ein Whiskyliebhaber wie du. Ich bin sicher, das wird ihn inspirieren. Frag ihn auch, wie viele Exemplare er zu machen bereit ist und wie lange er dafür brauchen würde«, sagte ich und hatte zunehmend Mühe, meine wachsende Ungeduld zu verbergen.

»Schon gut, schon gut. Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass du die bessere Botschafterin für Abbey Glen wärst.«

»Ich habe zufällig im Augenblick sehr viel um die Ohren, und es ist höchste Zeit, dass du aufhörst, hier rumzuhängen und dir leid zu tun.«

»Vielleicht sollte ich Brenna mitnehmen«, sagte Grant nachdenklich.

»Brenna brauchst du nicht«, antwortete ich mit Nachdruck. Da hatte ich mich vielleicht ein bisschen verraten. »Du bist durchaus in der Lage, dich um dein eigenes Unternehmen zu kümmern.« Ich senkte die Stimme ein wenig. »Es sei denn, sie lässt dich nicht allein gehen.«

»Ob sie mich lässt, darum geht’s hier nicht«, blaffte Grant. Er hielt einen Augenblick inne, als müsse er nach den richtigen Worten suchen. »Sie sorgt sich um mich. Es waren harte Wochen für sie, und sie hat ihr Leben auf Sparflamme gestellt, um sich um mich zu kümmern. Es wäre unrecht, ihr undankbar zu sein«, erklärte er.

Aber du bist undankbar, dachte ich glücklich, und es macht dir zu schaffen. Grant war ein guter Mensch. Ehrenwert und freundlich, aber es sah ganz so aus, als beruhte seine gegenwärtige Beziehung zu Brenna zumindest teilweise auf Schuldgefühlen und Dankbarkeit. Gegen wahre Liebe konnte ich nicht ankämpfen, aber Schuldgefühle – mit Schuldgefühlen konnte ich schon eher etwas anfangen.

»Versteh mich bitte nicht falsch«, sagte ich, »Brenna war dir in den letzten Wochen eine Riesenhilfe. Sie war so aufmerksam. Und sie hat dir zur Seite gestanden und dir jede Kleinigkeit abgenommen.« Ich sah, dass Grant bei dieser Einschätzung ein wenig zusammenzuckte. »Aber du kannst dich nicht ewig in diesem gemütlichen Kokon verkriechen. Du musst raus und was unternehmen. Geh in die Destillerie zurück. Die vermissen dich da.«

»Schauen wir mal.«

Grant wirkte müde, aber ich hatte das Gefühl, ihn schon ein Stück aus seiner Selbstmitleidstour rausgezerrt zu haben. Wenn ich ihn noch ein Stückchen weiter aus Brennas alles erstickender Gegenwart herausbekäme, könnten wir wirklich Fortschritte machen.

Kapitel 3

Nach drei vollgepackten Stunden mit Unmengen von Informationen in der University of Edinburgh brauchte ich dringend einen starken Kaffee und etwas zu essen. Ich verließ den Campus zu Fuß und verkroch mich in einem der unzähligen Buchläden, die sich im Umfeld der Uni angesiedelt hatten. Das Book Cellar hatte eine atemberaubende Sammlung von neuen und gebrauchten Büchern, einen verlockenden Duft nach Staub und Geschichte, aber am wichtigsten war mir im Augenblick, dass es hier eine italienische Espressomaschine gab, die in Sachen Koffeinversorgung wahre Wunder leistete. Mit einem großen Cappuccino und einem Haferkeks mit Pflaumenmarmelade machte ich es mir in einem leeren Armsessel bequem und zog die Adresse von Rev Craigs Freundin Amanda Forrester heraus. Ihr Laden hieß Woolies und lag ein paar Meilen entfernt auf der anderen Seite der Meadows. Ein angenehmer Spaziergang, wenn das Wetter mitmachte. Laut seiner Website verkaufte das Woolies handgestrickte Kleidung und dazu alle möglichen Artikel für den Strickbedarf und bot Kurse an, für Anfänger bis hin zu Fortgeschrittenen.

Als ich mich in Richtung Südwesten aufmachte, spazierte ich zunächst durch eine Gegend, in der es jede Menge Schnellimbisse gab. Allmählich erreichte ich eine ältere Wohngegend namens Morningside; das war keineswegs eine Nobelgegend, aber sauber, sicher und gepflegt.

Das Woolies nahm das Souterrain und Hochparterre in einer Häuserreihe in der Nähe des Parks ein. Unten waren die Räume für Kurse und Gruppen, oben der Laden. Ich entschied mich für oben. Eine kleine Glocke bimmelte, als ich eintrat. Zwei große Erkerfenster zu beiden Seiten der Tür ließen viel Licht in den Laden. Auf dem Fenstersitz rechts von mir lagen ein vergessenes Wollknäuel und Stricknadeln. Als ich weiter in den Laden hineinging, erblickte ich auf den Tischen und in den alten Schränken, die das vordere Drittel des Raums einnahmen, einen Stapel von wunderschönen Pullovern und Schals nach dem anderen. Ich strich ehrfürchtig über die zauberhaften Muster. Weiter hinten standen wabenartige Regale an den Wänden, in denen eine unglaubliche Vielfalt von Wolle zu sehen war: Mohair, Alpaka, Merino, Baumwolle und Seide in einem schwindelerregenden Regenbogen von Farben. Ich hatte keine Begabung für Handarbeiten und noch nie Stricknadeln auch nur in der Hand gehalten, doch jetzt, da ich fasziniert auf all diese Farben schaute, verspürte ich plötzlich die Versuchung, es einmal zu probieren.

»Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, fragte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und sah in einer Ecke eine rothaarige junge Frau sitzen, die an einem altmodischen Spinnrad einen unregelmäßigen Wollbausch zu einem langen Faden zwirbelte. Ich beobachtete fasziniert, wie ihre Finger geschickt das sahneweiße Material verarbeiteten.

»Ich suche Amanda Forrester.«

»Sie haben sie gefunden«, erwiderte die junge Frau lächelnd. Sie legte ihre Arbeit sorgfältig in einen Korb zu ihren Füßen, erhob sich von ihrem Spinnrad und bürstete sich Fusseln von ihrem schwarzen ärmellosen Top und den verschossenen Jeans. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Sie betrachtete mich mit warmen, ernsten Augen von einem samtigen Haselnussbraun. Ich hatte sofort das Gefühl, dass diese Frage zutiefst aufrichtig gemeint war.

»Ich bin eine Freundin von Reverend Craig Anderson«, antwortete ich.

»Dann musst du Abi sein.« Amanda lächelte und streckte mir die Hand hin. »Craig hat angerufen und gesagt, du würdest vielleicht vorbeikommen.« Sie deutete auf ein Sofa mit verschossenem Blumenmuster, das zwischen großen Körben mit Woll-Sonderangeboten und einem Regal mit Stricknadeln in allen möglichen Stärken stand. Sie scheuchte zwei Katzen fort, um Platz für uns zu machen, und wir setzten uns. »Ich habe mir sagen lassen, du hast ein paar Schafe.«

»Ja, ich habe mir das angetan und bin nun verantwortlich für neunzehn verirrte Schäfchen, die alle diese Woche geschoren werden sollen. Mir missfällt der Gedanke, die Wolle einfach wegzuwerfen. Rev Craig hat gemeint, ihr hättet hier vielleicht Verwendung dafür.«

»Wolle können wir immer brauchen. Was für Schafe hast du denn?«, fragte Amanda.

»Hauptsächlich Cheviots«, erwiderte ich, »Aber mehr weiß ich nicht. Ich bin keine Bäuerin, überhaupt nicht, nur ein Weichei aus der Stadt, und ich konnte es einfach nicht mit ansehen, dass diese Kerlchen mit ihren traurigen kleinen Gesichtern zum Abdecker gekarrt werden. Die ersten habe ich vor etwa sieben Monaten übernommen, als mein Nachbar gestorben ist. Die anderen sind zu mir gekommen, nachdem sich die Sache mit meinem Altersheim für Schafe rumgesprochen hatte.«

Amanda schüttelte den Kopf und lachte leise. »Das ist großartig. Ich würde dir die Wolle jederzeit abnehmen, kann dir aber leider nichts dafür bezahlen. Wäre das für dich ein Problem? Ich bin nicht sicher, wie viel Rev Craig dir von unserem Unternehmen hier erzählt hat.«

»Ein bisschen was, aber ich würde gern mehr erfahren.«

Amanda deutete auf den vorderen Teil des Ladens. »Alle diese Strickwaren werden hier in Schottland hergestellt. Fünfzig Prozent des Gewinns aus den Verkäufen im Laden geht als Unterstützung an das Shepherd’s Rest, ein Heim für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind.«

»Wie viele Bewohnerinnen habt ihr?«

»Das ist unterschiedlich. Im Augenblick haben wir sechs Frauen und ein Kind.«

»Das ist beeindruckend. Rev Craig hat eure Arbeit in den höchsten Tönen gelobt.«

Amanda nahm einen Strang Wolle zur Hand, der auf der Armlehne des Sofas gelegen hatte, und begann, ihn zu einem ordentlichen Knäuel aufzuwickeln. »Craig war ein guter Freund von Moureen Templeton, der Frau, die unser Heim gegründet hat. Sie stammte aus einer reichen Familie, hatte aber trotzdem viele Jahre mit Gewalt in ihrer Ehe zu kämpfen. Nachdem ihr Ehemann gestorben war, hat sie es zu ihrer Mission gemacht, die Menschen über derlei aufzuklären. Sie wollte, dass die Leute verstehen, dass häusliche Gewalt nicht auf ein bestimmtes Alter oder Geschlecht oder irgendwelche finanziellen Verhältnisse beschränkt ist. Das kann jedem und jeder überall passieren.«

»Wie ist es zu deiner Mitwirkung im Frauenhaus gekommen?«

Amanda lächelte. »Vor etwa vier Jahren ist Moureen zu Woolies gekommen und hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, im Rahmen des Betreuungs- und Beratungsprogramms im Shepherd’s Rest ein paar Strickkurse abzuhalten. Sie meinte, das Stricken wäre eine praktische Aktivität und sehr beruhigend. So bin ich zu dieser speziellen Herde gestoßen, und ich bin immer noch dabei.«

»Aber wie bist du von den Strickkursen zur Leitung des Heims gekommen?«, fragte ich.

Amanda lachte. »Ehrlich, keine Ahnung. Es ging alles ungeheuer schnell. Im einen Augenblick habe ich den Vorschlag gemacht, mit einem Teil der Einkünfte meines Wollgeschäfts zum Unterhalt des Heims beizutragen, und im nächsten hat man mich bereits dafür angelernt, die Leitung zu übernehmen. Die Sache wurde dadurch beschleunigt, dass Moureen nach ihrer Krebsdiagnose klar wurde, dass sie nicht mehr sehr lange bei uns sein würde. Sie hat mir einen Platz im Vorstand angeboten und angefangen, mich auszubilden.«

»Ist das Frauenhaus weit weg von hier?«

»Nein, nur drei Blocks entfernt. Wir versuchen, so wenig aufzufallen wie möglich. Keine Schilder an der Tür, keine Hochglanzbroschüren. Es geht alles über Empfehlungen von Ämtern.« Amanda schaute auf die Uhr. »Ich hatte ohnehin vor, in meiner Teepause rüberzugehen. Möchtest du mitkommen?«

»Wenn du sicher bist, dass ich nicht störe.« Es wäre schön, mir mal anzusehen, was ich mit meinen Vliesen unterstützen würde. Und wenn Rev Craig wollte, dass ich diesen Frauen half, musste ich mich schlau machen, worauf ich mich da einließ.

»Natürlich störst du nicht«, sagte Amanda. »Ich muss nur immer wieder mal hingehen, um sicher zu sein, dass nichts …« Ein Schatten huschte über Amandas Gesicht, und einen Augenblick lang sah sie aus, als hätte sie es sich noch einmal anders überlegt. »Ich muss sicher sein, dass alles in Ordnung ist.«

Als wir den Laden verließen, zog sich Amanda einen wunderschönen Pullover über, der mich mit seinen vielen Grünschattierungen an das gesprenkelte Licht in einem sommerlichen Wald erinnerte. Er war wirklich atemberaubend schön, und sie sagte mir, sie hätte ihn selbst gestrickt. Kein Zweifel, sie war eine Künstlerin.

Ich folgte Amanda die Treppe zur Straße hinunter, und wir gingen am Park entlang. Ich kam mir neben ihr ein bisschen schäbig vor. Ihr Haar war zu einem schicken Bob geschnitten und schwang beim Gehen mit; dabei schimmerten in dem gedeckten Rot goldene Glanzlichter auf. Jede Vermutung, sie könne vielleicht nicht von Natur aus rothaarig sein, wurde sofort durch ihren bemerkenswert blassen Teint widerlegt. Sie war leger gekleidet, aber der phantastische Pullover zusammen mit der trendigen Ray Ban sorgten dafür, dass sie eher wie ein Filmstar wirkte, der – vergeblich – versuchte, nicht aufzufallen.