Whisky für den Mörder - Melinda Mullet - E-Book
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Melinda Mullet

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Beschreibung

Whisky, Mord und wilde Jahre.

Als die Fotojournalistin Abigail Logan in die Highlands kommt, um nach der Whisky-Brennerei zu sehen, die sie vor Kurzem geerbt hat, findet man bei Erdarbeiten unweit des Pubs eine Leiche. Damit nicht genug. Sie begegnet ihrem Teenyschwarm wieder: Rory, dem früheren Frontmann und größten Herzensbrecher der „Rebels“. Der Drummer seiner Band wurde unter mysteriösen Umständen getötet, und ihr Keyboarder liegt im Koma. Rory fürchtet, das nächste Opfer zu werden ...

»Die Geschichte wird von Leuten bevölkert, die für eine gehörige Prise Humor sorgen. Und die Autorin lässt feinfühlig die schottische Seele in ihren Roman einfließen. Lesenswert.« Münchner Merkur.

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Über Melinda Mullet

Melinda Mullet hat britische Eltern, wurde aber in den USA geboren. Sie hat mehrere Jahre als Juristin gearbeitet, sich in den USA und im Ausland um Kinderrechte gekümmert und ist viel gereist. Sie lebt in der näheren Umgebung von Washington D.C. mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, einem Whisky- Sammler aus Leidenschaft.

Bei Aufbau Taschenbuch ist ebenfalls ihr erster Roman »Whisky mit Mord« lieferbar.

Informationen zum Buch

Whisky, Mord und wilde Jahre.

Als die Fotojournalistin Abigail Logan in die Highlands kommt, um nach der Whisky-Brennerei zu sehen, die sie vor Kurzem geerbt hat, findet man bei Erdarbeiten unweit des Pubs eine Leiche. Damit nicht genug. Sie begegnet ihrem Teenyschwarm wieder: Rory, dem früheren Frontmann und größten Herzensbrecher der »Rebels«. Der Drummer seiner Band wurde unter mysteriösen Umständen getötet, und ihr Keyboarder liegt im Koma. Rory fürchtet, das nächste Opfer zu werden.

»Die Geschichte wird von Leuten bevölkert, die für eine gehörige Prise Humor sorgen. Und die Autorin lässt feinfühlig die schottische Seele in ihren Roman einfließen. Lesenswert.« Münchner Merkur.

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Melinda Mullet

Whisky für den Mörder

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

Inhaltsübersicht

Über Melinda Mullet

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Danksagung

Anmerkungen

Impressum

Für meine Familie. Bleibt so toll!

Kapitel 1

Leicht war es nicht, aber ich tat mein Möglichstes, um einem Wheaten Terrier von fünfzig Pfund Einhalt zu gebieten, der völlig wild darauf war, sich kopfüber in den Graben vor meinen Füßen zu stürzen. Dort wollte er die überaus verlockende Sammlung von Knochen in Augenschein nehmen, die aus der neu aufgewühlten Erde ragten.

»Aus, Liam!«, knurrte ich, zerrte ihn von der Kante weg und band ihn fest an das schmiedeeiserne Geländer, das den Garten unseres Pubs, des Goldenen Hirschs, von dem Fluss Alyn trennte, der gemächlich hier vorüberfloss.

»Wie kommt es bloß, dass Sie kaum in der Stadt zurück sind und ich gleich wieder eine Leiche vor der Nase habe?«, fragte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und sah, wie Balfours Polizeichef Bill Rothes über den schlammigen Rasen auf mich zukam. Er funkelte mich unter seiner ramponierten grünen Jagdmütze wütend an. Seine abgewetzte marineblaue Barbour-Jacke und das Gesicht mit den Hängebacken, das mich immer an einen melancholischen Bluthund erinnerte, hatten sich in den drei Monaten meiner Abwesenheit kein bisschen verändert.

Ich ging vorsichtig über das feuchte Gras zu ihm. »Das hier hat nichts mit mir zu tun«, beharrte ich. »Ich bin erst gestern Abend spät mit dem Flugzeug angekommen und habe außer dem Flughafen von Glasgow und dem Rücksitz meines Taxis nichts gesehen. Außerdem ist das da höchstwahrscheinlich nur ein totes Reh«, fügte ich ohne große Überzeugung hinzu.

»Sie sind Kriegsberichterstatterin, Abigail Logan. Sie haben mehr Leichen gesehen, als ich heiße Mahlzeiten zu mir genommen habe. Sie wissen genau, dass das kein Reh ist«, blaffte Bill.

Er hatte recht, es waren eindeutig menschliche Knochen, aber zumindest waren sie nicht erst vor Kurzem hier vergraben worden. Ich war erleichtert, dass es nicht wieder so losging wie im letzten Frühjahr, als ich gerade neu in Balfour angekommen war. Ursprünglich wollte ich nur vierzehn Tage bleiben. Ich betrauerte den Verlust meines Onkels Ben, der mich aufgezogen hatte und mich mit seinem Tod zur wenig begeisterten Erbin einer nach mir benannten Destillerie für Single Malt Whisky in einem ländlichen Gebiet Schottlands gemacht hatte. Die gesamte örtliche Whisky-Bruderschaft strafte mich, die unerwartete und unerfahrene neue Besitzerin, mit Verachtung. Rasch eskalierte die Situation, als zu dem Besitzerwechsel noch ein wesentlich folgenreicherer Versuch kam, gefälschten Whisky auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Das Ergebnis waren damals zwei Tote, eine Verhaftung und ich lebendig in einer Höhle begraben.

Es war eine Feuertaufe gewesen, aber meine hartnäckige Beharrlichkeit hatte die Mehrzahl der Einwohner auf meine Seite gebracht. Schließlich waren die meisten bereit, mich als Eigentümerin von einundfünfzig Prozent von Abbey Glen zu akzeptieren, solange unser begabter Chefbrenner Grant MacEwen die Produktion steuerte und die anderen neunundvierzig Prozent besaß.

Gott sei Dank hatte ich Grant. Was ich über das Whiskybrennen weiß, würde in ein Schnapsglas passen, mit ziemlich viel Luft nach oben. Sobald sich die Aufregung gelegt hatte, war ich nur zu froh, dem Meister den täglichen Betrieb zu überlassen und mich wieder meiner Arbeit als Bildreporterin zuzuwenden. Doch nachdem ich ein paar Monate in der trockenen Wüstenhitze von Nigeria geschmort und dort eine endlose Kette von Tod und Zerstörung betrachtet hatte, musste ich mir eingestehen, dass meine Arbeit mich erschöpfte. Ich ertappte mich dabei, dass ich von den kühlen, nebelverhangenen Tälern und lavendelfarbenen Hängen meiner neuen schottischen Heimat träumte, und zum ersten Mal in meinem Zigeunerleben verspürte ich einen Anflug von Heimweh.

Es war gut, wieder hier zu sein – trotz der Leiche zu meinen Füßen.

Bill kehrte gerade von seiner oberflächlichen Inspektion des Erdlochs zurück. »Sagen Sie bloß nicht, dass die Neuigkeit bereits über die Buschtrommel im Städtchen die Runde gemacht hat«, jammerte er. »Ich bin doch gerade erst vor Ort angekommen.«

»Überraschen würde es mich nicht«, antwortete ich, »aber ich habe den ganzen Morgen keine Menschenseele gesehen. Wir sind nur spazieren gewesen, und Liam hat mich hergeführt.«

Genau in diesem Augenblick kam Siobhán Morgan, die Besitzerin des Goldenen Hirschs, um die Ecke des Gebäudes. Sie bekreuzigte sich, während sie vorsichtig um den Aushub herumging und Bill mit einem wütenden Leuchten in den Augen entgegentrat. »Es ist ein böses Omen, ja wirklich.« Sie reichte Bill kaum bis zur Schulter, aber sie bot ihm trotzig die Stirn. Ihr Haar schimmerte im Licht in Ebenholz und Silber, während eine schwache Brise ihr die langen Locken aus dem Gesicht wehte. Wäre ich mutiger, so hätte ich angemerkt, sie sähe aus wie eine mächtige keltische Hexe, aber so viel Courage besaß ich nicht. Es war schon vorgekommen, dass ihr ungestümes irisches Temperament einen erwischte wie ein Orkan. Bill und ich sahen keine Fluchtmöglichkeit, machten uns also auf ihren Ansturm gefasst.

»Schlicht und ergreifend ein einziges verdammtes Loch in den Boden graben und mit Beton auffüllen, mehr habe ich nicht verlangt«, schimpfte Siobhán. »Aber nein, die mussten die letzte Ruhestätte von irgendeinem armen Schwein finden und die ganze verdammte Angelegenheit zum Stillstand bringen.« Sie funkelte Bill mit gerunzelter Stirn an. »Solltest du nicht was unternehmen, statt hier rumzulungern und zu tratschen wie 'ne alte Glucke?«

»Ich unternehme was. Ich warte, dass der Typ von der Staatsanwaltschaft auftaucht«, erklärte Bill. »Wenn der sich alles angeschaut hat, sollten wir das klären können.«

Siobhán verdrehte die Augen. »Komm mir nicht mit deinem ›sollten wir das können‹, klär's einfach. Die Jungs hier müssen so bald wie möglich weiterarbeiten.« Sie deutete auf die Bauarbeiter, die, an einen Bagger gelehnt, Sandwiches aus einer Papiertüte aßen. »Ich bezahle sie fürs Arbeiten und nicht fürs Essen.«

»Die Knochen sehen alt aus«, brachte ich vor und schaute von unserer höheren Warte auf die Überreste hinunter. »Aber der Schädel hat an der Seite ein paar ziemlich üble Dellen. Ich denke, wer immer das war, ist nicht an Altersschwäche gestorben.« Ich wollte es nicht laut zugeben, aber solche Fragen beschäftigten mich sehr. Wer war die arme Seele, und welches Unglück war diesem Menschen widerfahren, dass er hier seine letzte Ruhestätte gefunden hatte?

Siobhán kniff die Augen zusammen und schaute mich durchdringend an. »Leute, die keines natürlichen Todes gestorben sind, so was verfolgt Sie, nicht wahr, Mädel?«

Ich hätte gern gegen diese Bemerkung Einspruch erhoben, konnte es aber nicht. Siobhán und ich hatten einander zum ersten Mal bei der Beerdigung meines Onkels gesehen, obwohl die beiden schon einige Zeit ein Paar gewesen waren. Ihre erste Reaktion auf mich war bestenfalls lauwarm. Dass ich später an diesem Tag ihren Sohn Duff tot in meiner Destillerie gefunden hatte, trug nicht gerade zur Verbesserung unserer Beziehung bei. Ich konnte Gott nur danken, dass ich diesmal nichts mit den Problemen zu tun hatte.

Siobhán ließ den Blick über das Chaos schweifen und schüttelte den Kopf. »Selbst schuld, denke ich mal, weil ich mich von ihm zu dieser Sache habe überreden lassen. Eine Fremdenpension in meinem Alter, also ehrlich.«

»Wer hat Sie dazu überredet?«

»Na, Ihr schicker Freund, Patrick Cooke.«

»Patrick?« Patrick war mein ältester und liebster Freund: Londoner Journalist, kreativer Hacker, treuer Trinkkumpan und unendlich umtriebig. Plötzlich beschlich mich die Sorge, dass ich vielleicht doch etwas mit diesem Debakel zu tun hatte. Zögerlich erkundigte ich mich: »Was hat Patrick mit alldem zu tun?«

»Fragen Sie ihn doch selbst«, blaffte Siobhán und deutete auf den hoch aufgeschossenen Mann mit dem braunroten Haar, der gerade vom anderen Ende des Dorfangers auf uns zukam, die gut geschnittene Anzughose in ein Paar Dubarry-Allwetterstiefel gestopft. »Ich muss mich auf den Ansturm zum Lunch vorbereiten. Da wird bestimmt die ganze verdammte Stadt hier auftauchen und rumschnüffeln.« Sie warf Bill einen vernichtenden Blick zu. »Tick-tack, Bill, Zeit ist Geld, und ich hab von beidem nicht gerade viel.«

Bill nahm die Mütze ab und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn, während Siobhán zum Pub zurückging. »Gott steh uns bei, wenn wir diese Knochen hier nicht bald wegkriegen. Sie wird uns ewig damit in den Ohren liegen.« Bill spazierte fort, um zu beaufsichtigen, dass das Absperrband der Polizei richtig um das Loch gespannt wurde. Ich konnte ihn verstehen: Das Allerletzte, was wir in Balfour brauchten, war eine weitere Morduntersuchung. Das Städtchen hatte sich kaum von den vorherigen erholt.

Ich wandte mich von der Szene ab und ging auf Patrick zu, der mit seinem Handy in der Luft herumwedelte und vergeblich versuchte, im Wind ein Signal zu erhaschen.

»Es ist eine Katastrophe«, sagte er.

»Freut mich auch, dich zu sehen«, konterte ich.

Patrick küsste mich zerstreut auf beide Wangen. »Tut mir leid. Willkommen daheim. Ich habe dich am Wochenende erwartet, und es ist erst Mittwoch.« Er streifte meine zerrissene Jeans und mein altes Sweatshirt mit einem säuerlichen Blick, hielt sich aber mit etwaigen Kommentaren über die Eleganz meiner Kleidung weise zurück. Stattdessen entschied er sich für: »Die längeren Haare stehen dir gut. Weniger Punk-Terrorist als Talkshowgastgeberin.«

Patrick gegenüber hätte ich das nie zugegeben, aber ich hatte entschieden, dass es an der Zeit wäre, den pflegeleichten Kurzhaarschnitt aufzugeben, den ich jahrelang bevorzugt hatte, und mit einer eher femininen Version zu experimentieren. Ich hatte mich mit Zähnen und Klauen durch die Presseränge hochgekämpft und mir Respekt und eine recht hohe Stellung verdient. Ich musste nicht mehr wie ein Mann aussehen, um wie einer zu arbeiten.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass du früher zurückkommen würdest?«, fragte Patrick.

»Es sollte eine Überraschung werden. Außerdem hatte ich keine Ahnung, dass du hier und nicht in London sein würdest.«

»Bin nur wegen eines kleinen Geschäfts hier«, antwortete er vage.

»Dieses ›Geschäft‹ hat nicht etwa mit Siobháns plötzlichem Interesse an einer Betätigung als Pensionswirtin zu tun?«, konterte ich.

Patrick legte die Stirn in Falten. »Ich habe ihr nur vorgeschlagen, dass es eine gute Investition wäre, den Hirsch auszubauen und Besuchern eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich auf etwas anderes konzentrieren könnte als den Verlust ihres Sohnes.«

»Und wie meinst du, soll das funktionieren, jetzt, wo sie eine Leiche in ihrem Garten gefunden haben?«

»Knochen, keine Leiche, laut Siobháns Mitteilung«, korrigierte mich Patrick rasch. »Ich bin mir sicher, die liegen schon ewig da. Man weiß doch, dass es in der Geschichte dieser Gegend nur so von Freibeutern und Schmugglern wimmelt. Es würde mich überraschen, wenn man hier irgendwo gräbt und nicht ein, zwei Geheimnisse zutage befördert.«

Patrick hatte wahrscheinlich recht, aber der Morgen war zu wunderbar, um sich mit uralten dunklen Geheimnissen zu beschäftigen, die vielleicht in Balfour verborgen waren. Ich band Liam vom Geländer los und verabschiedete mich, ging im großen Bogen um das Loch. Liam wirkte niedergeschmettert, weil ich ihn an der Ausübung seiner Hundegrundrechte hinderte. Er seufzte dramatisch und warf mir unter seinen buschigen Augenbrauen empörte Blicke zu, als wir aufbrachen. Ich packte Patrick im Vorübergehen beim Ellbogen und führte ihn vom Goldenen Hirsch fort, machte mich entschlossen auf den Weg zur High Street und einer dringend benötigten Tasse Kaffee.

Der Himmel war blau und wolkenlos, und das Städtchen zeigte sich in der ganzen Herrlichkeit seiner spätsommerlichen Farben. Die Unmengen von Wicken, die sich in einer strahlend wilden Mischung aus Farbklecksen in Lila, Rosa, Indigo und Weiß an der Mauer zwischen dem Friedhof und dem Dorfanger hinaufrankten, wirkten wie ein üppig gewebter Teppich. Ich musste kurz stehen bleiben, um ihren betäubenden Duft einzuatmen. Sofort war ich wieder das Kind, das in Chelsea in Bens Garten hinter dem Haus im Fingerhut Kaninchen und Feen jagte.

Patrick fummelte weiter an seinem Mobiltelefon herum, schien das Drama ringsum nicht wahrzunehmen. »Du hast mir immer noch nicht verraten, was du hier machst«, sagte ich schließlich.

»Ich habe einen neuen Job«, verkündete er ohne Vorwarnung.

»Aber du hast deinen Job doch so geliebt.« Patrick war seit über fünf Jahren stellvertretender Chefredakteur beim Wine and Spirit Monthly. Er genoss großen Respekt als Experte für alles, was mit Alkohol zu tun hatte, und mochte seine häufigen Geschäftsreisen an exotische Ziele sehr. »Wieso solltest du kündigen?«

»Ich habe nicht eigentlich gekündigt, wir haben eher beschlossen, getrennte Wege zu gehen.«

»Was ist passiert?«

»Während du fort warst, sind wir von einer amerikanischen Verlagsgruppe gekauft worden«, sagte Patrick in einem Ton, als rede er über eine Abordnung der spanischen Inquisition. »Die neuen Besitzer sind aufgetaucht und haben uns alle, uns analoge Typen, die noch mit Tinte und Feder schreiben, rausgeworfen und durch einen Haufen Generation-X-Youngster ersetzt. Der Plan ist, denke ich, alles in ein rein digitales Format umzuwandeln«, sagte er bitter.

»Aua.« Ich drückte mitfühlend Patricks Hand. Es kam nur selten vor, dass er sich über irgendein Thema ganz ernst äußerte, aber ich konnte sehen, dass dies ein harter Schlag für ihn gewesen war. »Was machst du jetzt?«

»Ich habe einen Job beim Whisky Journal in Edinburgh angenommen. Die haben mir den Posten des Chefredakteurs angeboten.«

»Echt die Treppe raufgefallen. Das ist toll«, erwiderte ich begeistert. »Aber ich kann nicht glauben, dass du London nach all den Jahren den Rücken gekehrt hast.«

»Dieser Chefposten ist eine Herausforderung. Die Hochglanzzeitschriften verkaufen sich nicht mehr so gut wie früher. Ich muss da sehr kreativ sein.«

Patrick tat mir leid, aber irgendwas an seinem Verhalten verursachte mir Unbehagen. Nach all den Jahren merkte ich immer gleich, wenn ich nicht die ganze Geschichte zu hören bekam. »Das stimmt wohl«, gestand ich ihm zu, »aber das erklärt nicht, was du hier in Balfour machst.«

Patrick spielte an seinem Telefon herum und wich meinem Blick aus. »Das Whisky Journal sponsert eine Reihe von Meisterkursen bei der Malt Whisky Society.«

»Was zum Teufel ist ein Meisterkurs?«

»Das ist ein besonderes Programm für Whisky-Liebhaber und Kenner und neue Brennereien. Für einen kleinen Beitrag können sie hier von den schlausten und innovativsten Leuten im Geschäft die Tricks dieses Gewerbes lernen.«

»So wie ich dich kenne, ist das kein kleiner Beitrag«, sagte ich mit einem leisen Lachen. »Aber wieso bist du hier?«

Endlich brachte Patrick den Mumm auf, mir in die Augen zu schauen. »Du musst schon zugeben, dass kaum jemand innovativer ist als Abbey Glen. Ihr seid das Musterbeispiel für handwerkliche Brennerkunst auf höchstem Niveau.«

»Du willst diese Leute nach Abbey Glen bringen?«, platzte ich heraus.

Patrick legte mir einen Arm um die Schultern und schaute mich an. Die goldenen Pünktchen in seinen braunen Augen glitzerten vor Aufregung. »Abbey Glen wäre perfekt – wenn du also mal mit Grant reden könntest …«

»O nein, mein Lieber«, antwortete ich, wand mich aus seiner Umarmung und ging mit raschen Schritten an den letzten kleinen Häuschen vorüber, immer auf ein verräterisches Zucken einer Gardine gefasst. »Mich kriegst du nicht dazu, ihn mit Süßholzraspeln von deinem Plan zu überzeugen. Auf keinen Fall.« Patrick war für mich so was wie ein Bruder, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hätte ich ihm manchmal liebend gern den Hals umgedreht. Er kam mit den verrücktesten Ideen, von denen viele hervorragend waren, aber je mehr ich über den Versuch nachdachte, Grant um den Bart zu gehen, damit er in seiner geliebten Destillerie ein Whiskyspektakel veranstalten würde, desto schrecklicher erschien mir das. Ich wandte mich um und blickte Patrick trotzig an. »Sag der Whisky Society, sie soll sich eine andere Destillerie suchen.«

»Kann ich nicht.« Patrick holte mich oben an der High Street ein und schaute mich mit Leidensmiene an. »Ich habe denen irgendwie schon zugesagt, dass ihr die Gastgeber für das erste Event sein werdet.«

»Was?« Ich trat einen Schritt näher an Patrick heran und starrte ihn an. »Du hast Abbey Glen dazu verdonnert, ohne uns zu fragen?«

»Du warst nicht da, und ich brauchte eine schnelle Antwort.« Patrick duckte sich unter meiner Faust weg, die auf seinen Arm zuschoss. »Außerdem verlange ich ja nicht von dir, dass du Grant verführst, sondern nur, dass du mit ihm sprichst. Ihn überzeugst, dass das genau das Richtige für euch ist.«

»Sprich gefälligst leiser«, zischte ich ihm zu, während ich meine Faust lockerte und die Hand hob, um die Leiterin des Postamts zu grüßen, die uns von der anderen Straßenseite neugierig anschaute. Ich war wieder im Aquarium und musste mich entsprechend verhalten. Ich zwang mir ein Lächeln aufs Gesicht und versuchte, so auszusehen, als hätten mich Patricks Worte nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Keine leichte Aufgabe, denn der Gedanke, dass ich Grant verführen müsste, stellte sich als außerordentlich verwirrend heraus. Ich schüttelte ihn mit Mühe ab und sagte mit leiser Stimme zu Patrick: »Schau mal, ich glaube selbst nicht, dass es das Richtige für uns ist, wie kann ich dann Grant davon überzeugen? Vielleicht können wir irgendwann später einmal so etwas probieren, wenn wir festen Boden unter den Füßen haben, aber jetzt nicht.«

»Es muss aber jetzt sein«, beharrte Patrick. »Die Whisky Society bekommt nächste Woche Samstag offiziellen Besuch von einer Gruppe hochrangiger japanischer Brenner. Diese Jungs genießen in der Szene einen außerordentlich guten Ruf, und sie haben eigens darum gebeten, Abbey Glen zu sehen. Wichtiger noch: Sie haben lächerlich viel Geld, und es wäre für mich eine Supergelegenheit, sie davon zu überzeugen, dass sie in das Whisky Journal investieren. Ich muss sie für mich gewinnen, wenn wir überhaupt eine Chance haben sollen, die digitale Apokalypse zu überleben.«

»Na toll, du bekommst eine Finanzspritze für dein Journal. Die Whisky Society schmiert den Japanern Honig ums Maul und ersäuft sie in Whisky, und ich darf für die Festlichkeiten die Rechnung berappen.«

Patrick sah nun beinahe verzweifelt aus. »Es wäre eine tolle Werbung für euch und eine großartige Gelegenheit, den Ruf von Abbey Glen aufzubessern.«

»Wir müssen unseren Ruf nicht aufbessern«, gab ich zurück. »Wir haben bereits einen hervorragenden Ruf.«

Patrick unterbrach mich, indem er mir eine Hand auf den Arm legte. Einen Augenblick hatten wir die Straße für uns, und ich sah, dass Patrick nach Worten rang. »Als Whisky hat Abbey Glen einen wunderbaren Ruf, aber der Ruf der Besitzerin könnte eine kleine Aufbesserung gut gebrauchen.«

»Komm schon, ich dachte, wir hätten all diesen Unsinn hinter uns«, forderte ich ihn heraus.

Patrick schnitt eine Grimasse. »Nicht ganz. Die Leute sind gern bereit, dir zuzugestehen, dass die Probleme, die es in jüngster Zeit in der Destillerie gegeben hat, sich deiner Kontrolle entzogen. Aber dass man eine Leiche in einem Bottich mit Abbey Glens feinstem Tropfen gefunden hat, ist nicht gerade dein bester Einstieg in die Whiskygemeinde. Dazu kommt noch, dass einige deiner weniger begeisterten Fans die geradezu obszönen Gewinne hinterfragen, die du mit dem Verkauf des uralten Whiskys erzielst, den du auf deinem Gelände entdeckt hast. In der Society munkelt man, dass du dir eine goldene Nase verdienen und dann abhauen willst.«

Ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. Zugegeben, der Whisky, den wir ans Tageslicht befördert hatten, war Millionen wert, aber er gehörte mir, und ich konnte damit tun und lassen, was ich wollte. »Jeder unserer Konkurrenten würde, wenn er nur könnte, genauso handeln«, argumentierte ich und versuchte, nicht laut zu werden. »Außerdem geht der Löwenanteil des Erlöses an wohltätige Einrichtungen.«

»Das weißt du, und ich weiß es, aber andere wissen es nicht. Wenn du den Mund nicht aufmachst, gibst du anderen die Gelegenheit, für dich zu sprechen. Was du brauchst, ist eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, was dich wirklich bewegt, und dafür wäre dieses Event perfekt. Zeig den Leuten, dass Abbey Glen noch immer so geführt wird wie früher, und erkläre ihnen, was die Bennett-Logan-Erinnerungsstiftung mit dem Erlös aus dem Verkauf des Whiskys vorhat.«

»Wieso können sich die Leute nicht einfach um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern?« Aber was sagte ich da! In einem so eng verbrüderten Geschäft, wo jeder jeden kannte, war dergleichen schlicht unmöglich. »Weiß Grant, dass du Siobhán dazu rumgekriegt hast, am Goldenen Hirsch ein paar Gästezimmer anzubauen und so deine langfristigen Ziele zu unterstützen?«

»Es sind nur fünf mickrige Zimmer. Wir machen kein Hilton auf.«

Wir waren vor dem Café Chocolate Bar zum Stehen gekommen, und der Duft von Kaffee und Kakao wehte in verführerischen Wolken zu uns heraus. »Trotzdem«, sagte ich leise, »bringt das große Veränderungen mit sich. Dein Plan könnte dieses vollkommene Eckchen der Welt ruinieren. Ich möchte nicht, dass aus Balfour ein schäbiges Tourismuszentrum mit billigem chinesischem Mist und ach so reizenden Wollgeschäften wird.« Ich schaute voller Zuneigung die Straße hinunter, wie immer begeistert von den überbordenden Blumenkästen auf den Fensterbrettern und den liebevoll gepflegten Geschäften. Alle Läden waren so einzigartig wie die Männer und Frauen, denen sie gehörten.

Patrick legte mir die Hände auf die Ellbogen und drehte mich zu sich herum. »Ich lasse nicht zu, dass die Sache aus dem Ruder läuft«, versprach er mir. »Die Leute, die wir einladen, sind keine Durchschnittstouristen. Sie kommen wegen des Whiskys her.«

»Vielleicht schon«, erwiderte ich. »Aber wenn es einmal bekannt ist, kann ich mir nicht vorstellen, wie du verhindern willst, dass ihnen Busreisen und Starbucks-Filialen auf dem Fuß folgen.«

»Wir können es kleinhalten … und das werden wir. Bitte?«, flehte mich Patrick an.

Es war klar, dass Patrick seinen neuen Job gut machen musste, und er tat sein Bestes, um sich Freunde bei der Whisky Society zu schaffen. Ich bezweifelte nicht, dass er noch ein paar weitere verborgene Beweggründe hatte, aber zu seiner Ehrenrettung musste ich sagen, dass normalerweise einer davon war, sich um mich zu kümmern. In Anbetracht unserer langjährigen Freundschaft merkte ich, wie ich schwach wurde. »Na gut, ich rede mit Grant. Aber ich verspreche nichts.«

Floss Robinson schaute von ihrer Ladenkasse auf, als Patrick und ich die Chocolate Bar betraten. Sie war eine kleine, rundliche Frau in einer geblümten Schürze und kostete sichtlich nur zu gern von den hier angebotenen Waren.

»Sie haben also wieder nach Hause gefunden«, sagte sie mit einem warmen Lächeln.

»Erst gestern Abend«, antwortete ich.

»Ist viel geschehen in Ihrer Abwesenheit«, verkündete Floss, während sie sich, so gut sie eben konnte, bückte, um Liam den Kopf zu tätscheln. »Ihr Patrick ist ein richtiger Stammkunde geworden; der verträgt unsere Schokoladen-Martinis besser als jeder andere hier am Ort.«

»Oh, da gehe ich jede Wette ein«, erwiderte ich, setzte mich an einen Tisch bei der Theke und bestellte mir eine Tasse Kaffee.

»Bisschen früh am Tag für einen Martini, selbst für mich«, meinte Patrick mit einem Grinsen. »Aber ich hätte gern einen von den Ingwer-Zitronen-Scones, wenn Sie noch welche haben, Mrs R.«

Floss wuselte in die Küche, um unsere Bestellung zu holen. Sie hatte das Café am Ort schon jahrelang geführt, ehe sie ihre Jugendliebe Malcom Harold Robinson heiratete. Nach einer entbehrungsreichen Kindheit hatte Harold eine unerfüllte Liebe zu allem, was irgendwie mit Schokolade zu tun hatte. Nach der Hochzeit überredete er Floss, in ihrem Laden ein paar Schokoladenartikel anzubieten, und seine Obsession hatte sich zu dem ausgewachsen, was Floss liebevoll als »verdammten Vorratsschuppen in Willy Wonkas wundersamer Schokoladenfabrik« bezeichnete. Die Glasbehälter, die mit Pralinen jeglicher Art gefüllt waren, nahmen eine ganze Wand ein, und die Auswahl an Schokoladentafeln konnte es mit allem aufnehmen, was ich in der Art je in London gesehen hatte. Die Einrichtung aus naturbelassenem Holz und die Polster in Cadbury-Lila gaben dem Café eine gemütliche, geradezu königliche Atmosphäre.

Floss kehrte mit einem Teller voll warmer Scones und selbst gemachter Marmelade zurück und stellte ihn vor uns auf den Tisch. Harold kam hinter ihr her, nickte uns beiden fröhlich zu und begann, die ohnehin schon übervollen Regale weiter aufzufüllen.

Ich machte es mir für eine Stunde mit guten Klatschgeschichten gemütlich. »Also, was habe ich alles verpasst?«

»Na ja«, sagte Floss mit einem Funkeln in den Augen, »wir haben da anscheinend im Ort einen geheimnisvollen Fremden. Ist den ganzen weiten Weg von Südamerika gekommen, um die Fell Farm oben nördlich von der Stadt zu mieten. Kann man sich so was vorstellen?« Floss kam näher und senkte verschwörerisch die Stimme. »Er soll so eine Art Künstler sein. Hat die Scheune zu einem Atelier umgebaut, was man so hört. Ich vermute mal, bald haben wir hier jede Menge nackte Modelle rumlaufen.«

»Vielleicht ist er ja nicht diese Art von Künstler«, gab Patrick mit dem Hauch eines Lächelns zu bedenken.

»Ja, schon.« Floss wirkte ein wenig enttäuscht, aber nicht so enttäuscht wie Harold.

»Der ist den ganzen Weg von Südamerika hierhergekommen, um sich ein Haus zu mieten?«, fragte ich. »Wieso?«

»Das weiß niemand. Er ist ein echter Einsiedler. Zeigt sich kaum mal im Ort.«

»Hat er Familie hier?«, wollte Patrick wissen.

»Nicht dass ich wüsste«, steuerte Harold aus seiner Ecke bei. »Aber er hat 'nen schicken amerikanischen Schlitten mit so 'nem Dach, das man nach hinten klappen kann. Frank im Heimwerkerladen ist sicher, dass er einer von diesen Drogenbaronen ist, von denen sie immer im Fernsehen berichten. Er meint, der versteckt sich hier, um vor der Mafia sicher zu sein.«

»Was Sie nicht sagen.« Wenn ich jetzt zu Patrick schaute, würde ich es bestimmt nicht mehr lange schaffen, ein ernstes Gesicht zu wahren.

Floss wedelte mit ihrem Geschirrhandtuch in unsere Richtung, eindeutig erpicht darauf, ihren Part des Gesprächs fortzuführen. »Wie gesagt, er kommt kaum je mal in den Ort, aber raten Sie mal …« Sie machte eine kleine Pause, um der besseren Wirkung willen. »Neulich hat er auf einen Kaffee hier reingeschaut und sich nach Ihnen erkundigt«, fuhr sie mit einer eleganten Bewegung fort.

»Nach mir?«, fragte ich und verschluckte mich beinahe an meinem Scone.

»Ja. Er meinte, sie beide hätten einen gemeinsamen Freund.«

Ich ging in Gedanken rasch die Liste meiner fragwürdigen Bekannten durch, aber von denen war niemand in Südamerika zu Hause. »Ich kann mir nicht vorstellen, wer das sein könnte«, sagte ich mit einem Stirnrunzeln. »Oder was er wohl von mir wollen könnte.«

»Ich habe versucht, ihn dazu zu überreden, dass er eine Nachricht für Sie hinterlässt, aber das wollte er nicht. Er meinte, er würde sich schon mit Ihnen in Verbindung setzen, direkt sozusagen«, sagte Floss. »Sie müssen mal hingehen und ihn treffen. Ich meine, es wäre ja unhöflich, wenn Sie's nicht täten, oder?« Nach einer kleinen Denkpause fügte sie noch hinzu: »Aber seien Sie vorsichtig, hören Sie. Nehmen Sie besser Liam mit, für alle Fälle.«

Offensichtlich hatte Floss nichts dagegen, mich zum ortsansässigen Drogenbaron zu schicken, um die Neugier der Klatschtanten in der Stadt zu befriedigen, solange ich den Hund mitnahm – den Hund, der im Augenblick schnarchend zu meinen Füßen lag und auf meine Schuhe sabberte. Zum Glück für Floss hatte sie meine Reporterneugier angestachelt.

»Ich schau mal, was ich rausfinden kann«, versprach ich.

Wieder einmal stellte sich dieses ruhige verschlafene Städtchen als viel weniger ruhig heraus, als es den Anschein hatte. Ein geheimnisvolles Skelett beim Pub, ein Drogenhändler in den nahen Bergen und eine bevorstehende Invasion japanischer Konkurrenten. Wenn ich all das geregelt bekam, hätte ich vielleicht danach ein paar Augenblicke der Entspannung.

Andererseits vielleicht auch nicht.

Kapitel 2

Ich hatte Patrick versprochen, so bald wie möglich mit Grant zu reden, aber ich freute mich nicht darauf. Ich trödelte über den Dorfanger, der friedlich dalag – bis auf die klaffende Wunde im Erdboden gleich neben dem Pub. Ich sah Bill Rothes, der sich mit einem untersetzten, kahlköpfigen Mann in schlammverkrusteten Gummistiefeln und einem hellblauen Laborkittel unterhielt. Der Mann deutete mit Händen, die in Plastikhandschuhen steckten, auf die Knochen zu ihren Füßen.

Ich verrenkte mir so sehr den Hals, um hören zu können, was die beiden sagten, dass ich Liam nicht richtig festhielt. Ehe ich mich versah, hatte er mir die Leine aus den Fingern gerissen und fetzte auf Bill zu, und der Lederstreifen flatterte wie eine Luftschlange hinter ihm her. Sogar Bills Brüllen konnte Liam nicht abbremsen, und so war ich schließlich gezwungen, ins Loch zu schlittern und meinen Hund beim Halsband zu packen. Getreu seiner sturen irischen Rasse reichte eine einfache Aufforderung nicht aus – ich musste ihn mit Gewalt aus dem Grab zerren. In kürzester Zeit waren wir beide von unserer Schlammschlacht völlig verdreckt.

Ich kletterte aus dem Loch und überlegte, dass ich mich lieber erst zu Hause umziehen sollte, ehe ich in Abbey Glen vorbeischaute. Doch das würde bedeuten, dass ich den Weg zweimal gehen musste, und ich wollte dieses unangenehme Gespräch mit Grant hinter mich bringen, ehe mich der Mut verließ. Es würde nicht lange dauern, und schließlich wollte ich ja bei niemandem Eindruck schinden. Also ging ich den Pfad am Fluss entlang, zog Liam hinter mir her und gab mir redlich Mühe, den antrocknenden Schlamm von meinen Jeans zu kratzen. Liams weiches, gewöhnlich sahneweißes Fell war ohnehin schon eine Herausforderung, und nun hatte er vier schwarze Pfoten und vom Wühlen im Dreck einen Schlammring um die Nase. Ich schickte ihn zum Pfotenwaschen in den Fluss, und er kam heraus und schüttelte sich. Er sah jetzt besser aus, aber dafür waren nun mein Gesicht und mein Sweatshirt mit nassen Schlammklecksen übersät. Tolles Timing.

Seit drei Monaten hatte ich Grant nicht gesehen. Ein Teil von mir konnte das Wiedersehen kaum erwarten. Der andere Teil fürchtete sich davor. Es würde nicht leicht sein, ihm Patricks Pläne schmackhaft zu machen. Mir gefiel der Gedanke gar nicht, dass ich vielleicht Zorn in diesen Augen entfachen würde, die so schnell von einem Grünton zum anderen umschlagen konnten und die meine Welt so gekonnt auf den Kopf gestellt hatten. Aber wenn denn schon Funken fliegen mussten, konnte ich zumindest sicher sein, dass ich emotional auf festerem Grund stand als bei meinem letzten Besuch. Diesmal war ich stärker, selbstbewusster und konnte Grant mit Gleichmut entgegentreten. Dieses Mantra betete ich unterwegs immer wieder vor mich hin; ich hoffte, wenn ich es oft genug aufsagte, könnte ich mich vielleicht davon überzeugen.

Als wir uns der Destillerie näherten, hörte ich das ferne Rauschen des Wasserfalls, der über die zerklüfteten Felsen hinter der gerade renovierten Mälzscheune in die Tiefe stürzte. Unten am Fuß des Felsens sammelte sich das klare kalte Wasser zu einem kleinen See und ergoss sich in einen Bach, der über in vielen Jahren glatt polierte Steine plätscherte, dann parallel zur High Street verlief und schließlich in den Alyn und mit ihm weiter zum Meer floss. Als ich über die Holzbrücke ging, die zum Hof der Destillerie führte, war ich wieder beeindruckt, wie idyllisch hier alles aussah.

Die alten Farmgebäude, die man für die Destillerie umgebaut hatte, hatte man seit meinem Abschied mit einem neuen weißen Anstrich versehen. Ein Dutzend ausgesonderte Whiskyfässer waren halb durchgesägt, über den Hof verteilt und mit leuchtend roten kleinen Rosensträuchern bepflanzt worden. Die plötzliche Farbpracht bildete einen zauberhaften Kontrast zu den scharfen, klaren Linien der Gebäude. Die Messingschilder an den Gebäuden waren auf Hochglanz poliert, sodass sie im Sonnenlicht strahlend hell glänzten, genau wie die Messingspitzen oben auf dem neuen pagodenförmigen Rauchabzug auf dem Dach der Darrscheune.

Ich überlegte, ob ich nicht doch erst nach Hause gehen sollte. Doch als ich an der offenen Tür des Brennhauses vorüberkam, rief mir Cameron Lewis, der Manager der Brennerei, einen Gruß zu. Es war zu spät, um jetzt noch vorbeizuschleichen. Cam lächelte von seiner erhöhten Warte auf dem Metallsteg, der rings um den Raum führte, zu uns herunter.

»Höchste Zeit, dass Sie kommen und mal wieder nach unserem alten Mädel Abbey Glen sehen.«

»Ich versuche schon den ganzen Morgen, mich hier sehen zu lassen, aber irgendwas ist mir immer dazwischengekommen.« Ich lächelte dem drahtigen Herrn mit dem verwitterten Gesicht und dem kurz geschnittenen grau-weiß gesprenkelten Haar freundlich zu. Seit meiner Ankunft war Cam eine Art Mentor für mich. Er besaß ein enzyklopädisches Wissen über das Whiskygeschäft und brachte erstaunliche Geduld mit meiner Unwissenheit auf.

»Sieht aus, als hätten Sie ein bisschen beim Goldenen Hirsch rumgeschnüffelt«, meinte er in seinem knorrigen schottischen Tonfall.

Die Buschtrommeln von Balfour funktionierten offenbar prächtig. Es waren kaum zwei Stunden vergangen, und die Nachricht hatte es schon bis Abbey Glen geschafft. »Eher Liam als ich«, antwortete ich.

»Irgendeine Ahnung, wer der arme Teufel ist?«

»Das kann ich nicht mal raten.« Ich seufzte. Warum stellten die Leute mir diese Fragen? Ich war schließlich nicht die ortsansässige Expertin in Sachen Todesfälle. Ich schaute mich nach Liam um und sah, dass er sich an einem warmen Fleckchen neben der Heizung des großen kupfernen Destillierkessels niedergelassen hatte. »Irgendeine Ahnung, wo Grant ist?«

»Im Büro«, antwortete Cam. »Er hat wohl ein paar Sachen mit Ihnen zu besprechen.«

»Kann Liam hier bei Ihnen bleiben?«

»Ja. Ich pass auf, dass er nichts anstellt.«

Ich ging erneut über das Steinpflaster des Hofs und klopfte an, ehe ich das Büro der Destillerie betrat. Grant saß am Schreibtisch und sah gerade einen Stapel Kalkulationstabellen durch. Ich hatte mir einzureden versucht, dass er unmöglich so attraktiv sein konnte, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Denn wenn einen jemand vor dem nahen Tod durch den Angriff eines Mörders rettet, musste das ja einen lebhaften Eindruck hinterlassen. Da würde derjenige einem natürlich überlebensgroß und wesentlich schneidiger vorkommen, als er in Wirklichkeit war. Ich war mir sicher, dass ich jetzt gleich einen ziemlich mürrischen Schotten von durchschnittlichem Aussehen und begrenztem Charisma begrüßen würde.

Grant schaute von seinen Papieren auf, und ich fiel gleich wieder ins Bodenlose. Seine Augen waren genauso faszinierend, wie ich sie in Erinnerung hatte, wechselten die Farbe von einem strahlenden Smaragdgrün, wenn er mit Leidenschaft von seinem Lieblingsthema redete, zum dunklen Graugrün einer stürmischen See, wenn er wütend war. Im Augenblick wirkten sie wie eine tröstliche Waldlichtung inmitten des Chaos, das in seinem Büro herrschte. Er stand auf, und ich streckte den Arm über den Schreibtisch, um ihm die Hand zu schütteln. Eine etwas unangemessene Geste, aber eine Umarmung wäre mir peinlich vorgekommen, und außerdem war ich völlig verdreckt.

»Gut, dass du wieder hier bist«, sagte Grant.

Seiner ausführlichen Musterung meiner Person entgingen die verschmutzte Jeans und das schlammbespritzte Sweatshirt natürlich nicht. Leider hatten meine Bemühungen, Liams Schlammpackung von meinem Gesicht zu wischen, braune Streifen auf Stirn und Kinn hinterlassen.

»Was hast du denn getrieben?«, erkundigte er sich leicht belustigt.

»Ich war drüben beim Goldenen Hirsch und habe mir den neuen Anbau angeschaut. Die Arbeiter haben da heute früh menschliche Überreste ausgegraben. Bill versucht gerade, die Sache zu klären, aber im Augenblick ist alles zum Stillstand gekommen.« Grants Augenbrauen schossen in die Höhe. »Sieht aus, als lägen die Knochen schon einige Zeit da, aber Liam hat sich, wie erwartet, sehr dafür interessiert, und ich musste ihn auf die altmodische Art und Weise, will sagen: mit Gewalt, da wegholen.«

»Die Probleme scheinen dich zu verfolgen, was?«

Ich runzelte die Stirn. »Warum sagen das alle? Siobhán sieht mich auch an, als hätte ich Typhus, und Patrick …«

Grants Augen verdunkelten sich. »Patrick ist wieder hier?«

Verdammt, nicht gerade die subtile Überleitung, die ich geplant hatte.

»Wusstest du, dass er Abbey Glen zu einer Art Schule für ahnungslose Brennmeister machen will?«, knurrte Grant, und seine Augen verdunkelten sich besorgniserregend.

»Ich habe es eben erst erfahren«, antwortete ich und ließ mich auf den Holzstuhl ihm gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches fallen. »Du weißt, dass ich in den letzten drei Monaten keinen Kontakt zu ihm hatte. Ich wusste nicht einmal, dass er einen neuen Arbeitsplatz hat.«

»Und was hältst du von dieser Idee?«, fragte Grant mit gepresster Stimme.

»Erst war ich nicht so begeistert davon.«

»Und jetzt?«

»Bin ich bereit, sie in Erwägung zu ziehen.« Ich sah, wie sich Grants Kiefer anspannte. »Man bittet uns ja im Augenblick nicht darum, uns an den Meisterkursen zu beteiligen. Es geht nur um eine Gruppe sehr angesehener japanischer Brenner, die einen VIP-Rundgang durch Abbey Glen möchten. Das ist eigentlich ziemlich schmeichelhaft, wenn man es recht bedenkt«, erklärte ich.

»Du sagst mir, dass ich eine Gruppe von Männern nach Abbey Glen einladen soll, die auf dem besten Wege sind, meine schärfsten Konkurrenten zu werden, und dass ich denen zeigen soll, wie wir hier arbeiten«, knurrte Grant. »Das ist wirklich allerhand.«

»Wenn du es so siehst, dann ja, aber du hast doch selbst gesagt, dass es die geheimnisvolle Alchemie ist, dieses Zusammenspiel von Gerste und Wasser und den einzigartigen Fertigkeiten des Brenners und Verschneiders, die einen Whisky ausmacht. Deine Arbeit ist eine Kunst, keine Wissenschaft.« Ich dachte, Schmeichelei würde mir vielleicht nicht weiterhelfen, aber Grant mit seinen eigenen Worten zu kommen, das konnte immerhin nicht schaden.

»Er hat dich rumgekriegt«, blaffte Grant. »Ich denke, dann hat es wohl keinen Zweck, mit der Besitzerin zu streiten.«

»Mitbesitzerin«, korrigierte ich ihn. »Und in dieser Beziehung sind wir keine Gegner. Wir wollen beide das Beste für Abbey Glen.«

»Du findest, dass diese Idee das Beste für Abbey Glen ist?«, wollte Grant wissen, sprang auf und ging mit großen Schritten zum Fenster.

Das Gespräch lief in die völlig falsche Richtung. »Ich muss nicht unbedingt wissen, was am besten für Abbey Glen ist, aber ich versuche, für alle das Beste herauszuholen. Einschließlich meiner eigenen Person.«

Grant ließ den Blick weiter über sein Reich schweifen. »Was bringt dich dazu, diese Unternehmung für das Beste für irgendwen hier zu halten?«

»Die Pläne für den Verkauf von Martin Fergusons uraltem Malt laufen gut, ja?«, fragte ich.

Grant drehte sich zu mir um, schien über diesen plötzlichen Themenwechsel verwirrt zu sein. »Ja. Sie erwarten, dass wir bei den Auktionen achttausend pro Flasche erzielen, aber was hat das mit den Japanern zu tun?«

»Laut Patrick munkelt man in der Whisky Society, dass ich Abbey Glen ausnehmen will. Dass ich nur hier bin, um den größten Teil unseres alten Whiskys zu verscherbeln und mich gleich wieder aus dem Staub zu machen.«

»Das ist ja lächerlich.« Grant schüttelte den Kopf. »Du willst doch nicht etwa auf billige Sticheleien wie diese hören.«

»Stimmt.« Ich wollte auf dieses gemeine Geschwätz nicht eingehen, aber ich musste zugeben, dass es mich trotzdem wütend machte und mir unter dem dicken Fell, das ich mir als Journalistin zugelegt hatte, auch wehtat. Ich hatte nicht viel über das Whiskygeschäft gewusst, als ich anfing, aber ich lernte dazu. Und zu meiner Überraschung wollte ich dazulernen. Mir war diese Verbindung zu Ben und dem Teil seines Lebens, an dem ich nicht teilnehmen konnte, sehr kostbar. Ich hatte das Gefühl, zu einer Sache zu gehören, die größer war als ich, und dieses Gefühl ermöglichte es mir, inmitten meines chaotischen Berufslebens festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wenn jemand sagte, ich sei allein wegen des Geldes oder nur für kurze Zeit an Abbey Glen interessiert, so war das unfair, und das konnte ich so nicht stehen lassen. »Es ist vielleicht lächerlich«, sagte ich leise, »aber es tut weh. Und wenn die Leute mir Übles nachsagen, sagen sie damit auch Abbey Glen Übles nach.«

»Der größte Teil des Erlöses geht an wohltätige Einrichtungen«, argumentierte Grant. »Also können sie dir da keine Vorwürfe machen.«

»Nein, aber irgendwie kriegen sie es doch hin.« Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, doch ich unterdrückte sie. Grant musterte mich mit seinem nervenzerrüttend durchdringenden Blick.

»Und du meinst, diese VIP-Tour würde da helfen?«

»Ich bin mir nicht sicher, aber es wäre eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass sich hier nichts geändert hat. Und mir würde es die Chance geben, die Arbeit der Bennett-Logan-Erinnerungsstiftung vorzustellen. Alles offiziell zu machen, sozusagen.« Ich holte tief Luft. »Außerdem hat Patrick uns wohl bereits zu dieser Sache verpflichtet.«

Grant fing an, unruhig im Büro auf und ab zu gehen, versuchte eindeutig, so sein Temperament zu zügeln. »Du und ich, wir beide führen dieses Geschäft, nicht Patrick. Das muss er lernen.«

»Zugegeben, es war auf jeden Fall ziemlich frech«, erwiderte ich. »Aber er ist mein bester Freund, und er unternimmt alle Anstrengungen, um sich hier in Schottland ein neues Leben aufzubauen. Ich weiß, dass er davon profitieren wird, aber er denkt auch an meine Interessen. Das war schon immer so.«

Grant schaute drein, als hätte er mit der ganzen Situation schwer zu kämpfen. »Wie willst du zeigen, was du mit der Stiftung machst? Die ist ja noch nicht mal richtig eingerichtet?«

»Das ist eine der Sachen, die ich vorhabe, während ich hier zu Hause bin«, sagte ich, erleichtert über den Themenwechsel.

»Und wie lange bleibst du zu Hause?«

»Bis ich wieder weggehe«, antwortete ich. In meinem ganzen Erwachsenenleben war ich immer ein ungebundener Geist gewesen, und ich legte gar nicht gern jemand anderem Rechenschaft ab, besonders wenn ich selbst die Antwort nicht wusste. Ich brauchte Zeit, um mich zu entspannen, um wieder einen eigenen Blick auf mein Leben zu bekommen. Ich konnte nicht sagen, wie lange das dauern würde, und ich hätte es selbst dann nicht gesagt, wenn ich es gewusst hätte. »Ich bleibe zumindest so lange hier, bis das Büro für die Stiftung eingerichtet ist. Ich habe mir vorgestellt, einen kleinen Laden in der High Street anzumieten und die Geschäfte von dort zu führen. Das bedeutet auch, dass es ein, zwei Arbeitsplätze für Leute im Ort gibt.«

Grant nickte stumm, war mit den Gedanken ganz woanders. »Meinst du, du könntest ein paar Unterlagen über die Stiftung fertig haben, bis wir dieses VIP-Event veranstalten?«

Ich nickte.

»Und es bleibt fürs Erste bei einer einzigen Tour dieser Art?«

»Ja.«

Grant seufzte tief. »Dann denke ich, wir können es probieren.« Er zog seinen Kalender heraus. »Schauen wir mal, wann es klappen könnte.«

»Es ist nächste Woche Samstag.«

»Nächste Woche Samstag?« Grant starrte wütend auf den Kalender. »Heute ist Mittwoch. Das ist in weniger als zehn Tagen!«

»Es muss in der Zeit sein, wenn die japanischen Brenner hier sind. Und das Datum steht fest.«

»Na großartig!« Grant fuhr sich mit den Händen durch das sandblonde Haar, bis es wie eine struppige Bürste aussah. »Na gut, na gut, bringen wir die Sache hinter uns. Sag Patrick, er soll es schlicht halten. Ein schneller Rundgang und eine Verkostung. Rein, raus. Nichts Aufwendiges.«

»Das sage ich ihm«, versprach ich und hoffte, er würde zuhören.

Liam und ich kehrten zum Abendessen nach Hause zurück und trafen dort meinen ständig anwesenden Handwerker Hunter Mann, der sich in der Küche gerade eine Cottage Pie in der Mikrowelle aufwärmte.

»Sie haben keine HP-Soße mehr«, verkündete er mir statt einer Begrüßung.

Ich schenkte mir ein Glas Wein aus der Flasche auf der Arbeitsfläche ein und setzte mich an den Küchentisch. Hunter hantierte wie immer so, als wäre er hier zu Hause. In den letzten neun Jahren hatte er meinem Onkel geholfen, dieses Haus, das Ben The Haven getauft hatte, zu renovieren und neu auszustatten. Hunters Fertigkeiten bei allen Holzarbeiten waren legendär, genau wie die seines Vaters und Großvaters. Das Kaminsims und die Leisten, die er in der Bibliothek angebracht hatte, waren einfach atemberaubend. Doch ich hegte den Verdacht, dass er, sobald sein letztes Projekt abgeschlossen war, immer wieder eine Stelle finden würde, wo er noch einmal von vorn anfangen konnte. Ein endloser Kreislauf von Ausbauen, Renovieren und Ersetzen.

Er machte jedenfalls keinerlei Anstalten, hier in der nächsten Zeit zu verschwinden. Mit seinem schäbigen Pullover und der farbverspritzten Jeans war er Teil meines Lebens in Balfour geworden, und ich konnte mir einen Tag ohne seinen grauen Bart und sein verschmitztes Grinsen gar nicht vorstellen. Ganz zu schweigen davon, dass ich, wenn es ihn nicht gäbe, jedes Mal in die Chocolate Bar traben müsste, wenn ich etwas vom örtlichen Klatsch und Tratsch mitkriegen wollte.

Während Liam Hunter wie üblich überschwänglich begrüßte, sich wie ein Welpe auf den Rücken warf und auf ein Bauchkraulen wartete, fragte ich: »Was gibt's Neues?«

»Nicht viel. Bin mit den Reparaturen an dem Stück Geländer oben fertig. Oh, und der Typ, der in der Fell Farm wohnt, war da und hat nach Ihnen gefragt. Hendricks heißt der.«

Der geheimnisvolle Fremde. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der ließ ja nichts anbrennen. »Hat er gesagt, warum er mich sehen wollte?«

»Nö, Mädel. Nur gefragt, ob Sie mal bei ihm vorbeikommen.«

»Wann?«

»Sobald Sie können, denke ich. Der schien mir ziemlich scharf drauf zu sein.«

»Gut. Dann gehe ich morgen früh auf einen Sprung hin«, sagte ich und zermarterte mir das Hirn. Hendricks, Hendricks … Ich strengte all meine grauen Zellen an, aber es fiel mir nichts zu dem Namen ein. Auf keinen Fall ein Freund, und ich konnte mich auch an keinen Kollegen dieses Namens erinnern. Es musste wohl jemand sein, über den ich mal eine Reportage gemacht hatte. Harolds Kommentar von vorhin hatte mich dazu angeregt, all die Leute in Gedanken durchzugehen, die ich vor ein paar Jahren in Kolumbien für einen Bericht über Drogenkartelle fotografiert hatte. Eine gewalttätige und unbarmherzige Truppe, vorsichtig ausgedrückt, aber was sollte einer von denen hier wollen? Und was könnte der von mir wollen?

Ich gab den Namen Hendricks in die Suchmaschine auf meinem Computer ein, bekam aber als Ergebnis nur einen Gin, Jimmy und irgendeinen amerikanischen Baseballspieler. Nichts davon war sonderlich hilfreich. Ich fütterte Liam, sagte Hunter Gute Nacht und ging hoch, um mir ein Bad einzulassen. Von Schaum umgeben, lag ich da, schaute zu, wie meine Finger wie Backpflaumen schrumpelten, und dachte über meinen ersten ganzen Tag zu Hause nach. Bisher nicht unbedingt die friedvolle Erholung, die ich mir erhofft hatte. Patricks Kommentare über Freibeuter und Schmuggler ließen mich wieder über die Leiche nachgrübeln, die beim Goldenen Hirsch begraben war, so nah am Friedhof, aber nicht auf dem Friedhof. Wer war das? Ein berüchtigter Verbrecher oder womöglich das Opfer einer schrecklichen Untat? Vielleicht war es nur die Journalistin in mir, aber diese Knochen schienen mir etwas aus der fernen Vergangenheit des Städtchens zuzuflüstern. Sie hatten eine Geschichte zu erzählen, und, ehrlich gesagt, schien mir eine Untersuchung der Vergangenheit wesentlich reizvoller als die Schrecken der Gegenwart, die ich gerade hinter mir gelassen hatte. Wenn der Fremde in der Fell Farm nicht gewesen wäre, so hätten die Knochen beim Goldenen Hirsch meine Phantasie völlig mit Beschlag belegt.

Na ja, vielleicht nicht völlig. Grants markantes Gesicht und seine eindringlichen Augen tauchten auch immer wieder ungebeten in meinen Gedanken auf.

Er war immer noch verdammt attraktiv und noch genauso geheimnisvoll wie an dem Tag, als ich vor drei Monaten aus Schottland geflohen war. Jawohl, geflohen. Ich war in meinem Leben noch nie einer Herausforderung aus dem Weg gegangen, aber ich hatte nach Bens Tod und wegen der Gewalt und des Chaos im Zusammenhang mit meinem Erbe eine wahre Achterbahn der Gefühle durchlebt, fühlte mich verletzlich und war versucht, bei Grant Trost zu suchen. Doch das wäre ein Fehler gewesen. Wir kannten einander kaum, und sosehr ich mich auch anstrengte, ich konnte ihn einfach nicht ergründen. Wegzugehen, das war zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung gewesen. Ich konnte nur hoffen, dass es nicht die falsche Entscheidung gewesen war, so bald wieder hierher zurückzukehren.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen ging ich nach dem Frühstück vor die Tür, um mir das neue Auto anzuschauen, das ich mir rechtzeitig für meine Heimkehr angeschafft hatte. Ich konnte mir nicht jedes Mal, wenn ich irgendwohin fahren musste, von Grant den Wagen von seinem Landgut leihen. Für mich und Liam brauchte ich keine Staatskarosse. In einem Anfall von Übermut hatte ich mir einen marineblauen Mini Cooper mit weißen Seitenstreifen bestellt. Einen kompakten, zuverlässigen kleinen Wagen. Nur hatte man mir ein Cabrio geliefert. Das war der Gipfel des Optimismus' in diesem ewig feuchten Teil der Welt. Ich war versucht gewesen, Hunter zu bitten, er solle den Wagen zurückgeben, aber, ehrlich gesagt, ich wollte das ganze Theater nicht. Ich würde den Wagen ohnehin nicht viel benutzen.

Ich machte die Tür auf, und Liam sprang ohne das geringste Zögern auf den Beifahrersitz und blickte mich erwartungsvoll an. Ich stieg ein und ließ den Motor an. Der Wagen fuhr hervorragend, jetzt brauchte er nur noch einen Namen. Ben und ich gaben unseren Autos immer Namen. Es war ein Ritual, auf das wir uns freuten. Ein neues Leben, ein neues Auto und ein Sonnenverdeck in einem Land, das im Schnitt über zweihundert Regentage im Jahr hat, da schien mir »Hope« die richtige Wahl zu sein.

Ich folgte Hunters Wegbeschreibung durch das Tal zur Fell Farm. Als ich dort in die Einfahrt einbog, sah ich den strahlend blauen Ford Mustang-Cabrio, der Harold so fasziniert hatte. Er war wirklich schick. Daneben wirkte Hope wie ein Spielzeugauto. Der Mustang parkte vor einem alten, aus Stein gemauerten Gebäude mit einem Schieferdach, das eindeutig einmal ein Stall gewesen war. Der gegenwärtige Besitzer hatte den oberen Teil der Stalltüren in verglaste Fenster mit großen, dekorativen Klappläden umgestaltet. Das angrenzende Haus war niedrig, aus demselben Stein, und hatte sichtbares Balkenwerk. Es stand auf einer Anhöhe, die nach Osten einen weiten Blick auf die von Dunst bedeckten Berge auf der anderen Seite des Tals freigab. Im diffusen Licht wirkte alles wie ein Aquarell in gedämpften Lavendel- und Erdtönen. Liam machte eine schnelle Runde durch die Blumenbeete, schnüffelte an dem Teppich aus weißem Phlox und hinterließ seine Visitenkarte, ehe er sich am Windfang vor dem Hauseingang zu mir gesellte.

Auf mein Klopfen öffnete mir ein Mann, der dunkles, schulterlanges, zotteliges Haar hatte mit einer Spur von Silber darin. Ein einige Tage alter Stoppelbart zierte sein Kinn, und er sah aus, als wäre er noch nicht allzu lange auf. Er trug ein Flanellhemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgerollt hatte, und eine abgewetzte Jeans, die eindeutig einmal teuer gewesen war. Seine blassblauen Augen musterten mich vorsichtig durch den schmalen Türspalt, und ich bemerkte auf einer Anrichte gleich hinter der Tür den Kolben eines Revolvers, der unter einer zusammengefalteten Zeitung hervorlugte. Liam drückte sich eng an meine Seite, spürte wohl den Adrenalinstoß in meinem Körper, aber er knurrte nicht. Als ich den Revolver sah, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, ob ich nicht doch besser einen Zeugen hätte mitbringen sollen und nicht nur die Pelzkavallerie. Doch ich konnte mich des Gefühls nicht ganz erwehren, dass ich nicht in die Augen eines völlig Fremden schaute.

»Mr Hendricks? Ich bin Abigail Logan«, sagte ich. »Ich habe gehört, Sie wollen mich sprechen?«

»Ja, tut mir leid.« Er machte einen Schritt zurück und zog die Tür weit auf. »Kommen Sie rein, und lassen Sie das mit dem Mister. Rory reicht.«

Ich zögerte ein wenig, aber Liam war mein Barometer, und der schien mit Hendricks keine Probleme zu haben, war weder hocherfreut noch übervorsichtig. »Kommen Sie mit dem Hund klar?«, fragte ich. Er nickte, und wir folgten unserem Gastgeber ins Haus. Das Innere spiegelte das Äußere wider: unbehandelte Steinböden und sichtbare Deckenbalken, wenn auch der rustikale Hintergrund durch die minimalistischen modernen dänischen Möbel in sattem Pflaumenblau und Kiefernholz betont wurde. Ich war kein Fan von zeitgenössischer Kunst. Mir waren die Details des Realismus lieber, aber ich konnte Qualität erkennen, wenn ich sie sah. Die beiden großen Gemälde im Esszimmer hatten sicher locker sechsstellige Summen gekostet.

Ein aufgeklappter Computer thronte auf dem Küchentisch auf einem Zeitungsstapel von mehreren Tagen, und ein Dutzend Keramikbecher waren neben der Spüle aufgereiht wie Soldaten zu einer Parade. Den größten Teil der Seitenwand nahm ein Weinregal ein, eine Metallskulptur in Form eines Baumes. Es war nur halb gefüllt, zumeist mit Rotweinflaschen, und auf der Kücheninsel stand ein Korb, der vor Korken überquoll.

»Kaffee?«, fragte Rory.

»Ja, bitte.« Ich hockte mich auf die Kante eines Hockers, der neben der Küchentheke stand, und beobachtete Hendricks, wie er die Espressomaschine in Gang setzte. Er schaute auf, und aus irgendeinem Grund errötete ich unter seinem Blick.

»Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht anstarren, aber Sie erinnern mich an … na ja, hat Ihnen mal jemand gesagt, dass Sie Mickey Dawson, dem früheren Frontsänger der Rebels, zum Verwechseln ähnlich sehen?«, platzte ich heraus und fühlte mich sofort lächerlich albern.

Er wandte sich ab und wühlte in einem Schrank nach Kaffee. »Mickey Dawson ist längst tot und begraben. Ich benutze jetzt wieder meinen bürgerlichen Namen.«