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Dezember 1993 bis März 1994. In Serbien herrscht Isolation und Rezession infolge der Sanktionen gegen das Milosevic-Regime. "Ich habe damals hauptsächlich Maisbrei und Sauerkraut gegessen", sagt Srdan Valjarevic. "Im Januar fühlte ich mich ausgezeichnet. Im Februar bekam ich allmählich Magenschmerzen. Aber an sich hatte ich keine größeren Probleme." Obwohl die Zeiten hart sind, streift der Autor täglich durch Belgrad, notiert seine Beobachtungen und was die Leute ihm von sich erzählen. Es entsteht das Tagebuch eines Winters, eine Liebeserklärung an Belgrad.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2025
Srđan Valjarević
Ein Winter in Belgrad
Aus dem Serbischen von Susanne Böhm
Deutsche Erstausgabe
© Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2025
Gustav-Adolf-Str. 152
13086 Berlin
www.schruf-stipetic.de
info@schruf-stipetic.de
Titel der Originalausgabe: Zimski dnevnik (Samizdat B92 1995) © 1994 Srđan Valjarević
ISBN: 978-3-944359-62-2
Covergestaltung: JPC
Das Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch die Nutzung zum Zweck des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG. Jede unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Über das Buch
Dezember
Januar
Februar
März
„Ein Winter in Belgrad” entstand 1993/1994, in einer Zeit von Depression und Hyperinflation. „Ich ernährte mich von Maisbrei und Sauerkraut”, sagt Srđan Valjarević selbst über diese Zeit.
Vier Monate lang streift er durch seine Stadt, jeden Tag hält er drei Beobachtungen fest – mal sind es Assoziationen und Bilder, unkommentiert wie durch den Blick einer Kamera, mal hintergründige Alltagsgeschichten und Alltagsdramen, aber auch gesellschaftliche, politische und philosophische Überlegungen. Daneben lässt er auch andere Belgrader zu Wort kommen. „Dieses Buch hat vierzig Helden und sechs Ehrengäste”, schreibt Valjarević. Die HeldInnen sind vierzig junge Menschen, die er zu ihrem Leben, ihren Ängsten und Träumen befragt und die ihm ihre Geschichte erzählen. Die Ehrengäste sind bekannte KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die uns und dem Autor einen ganz privaten Vortrag schenken.
Valjarević zeichnet ein Panorama der Stadt Belgrad unter dem Milošević-Regime, er schildert den allgemeinen gesellschaftlichen Stillstand und die Perspektivlosigkeit der damaligen Jugend in ihrem ganzen Ausmaß. Valjarevićs Tagebuch zeigt auf lakonische und doch zugewandte Art, wie seine Mitmenschen in dieser Situation ihren Alltag meistern.
Susanne Böhm
1. Dezember – Mittwoch
Um 12:04 Uhr. Im Erdgeschoss der Ulica Proleterskih Brigada 85 lärmen ein paar gut gelaunte Anstreicher. Von der Straße aus kann man durch das geöffnete Fenster weißen Staub und aus Zeitungspapier gefaltete Hüte auf den Köpfen der Anstreicher sehen. Einer von ihnen steht untätig am Fenster und blickt nachdenklich auf die Straße. Autos fahren vorbei und hin und wieder sieht man einen Fußgänger. Für diesen Anstreicher steht das Leben still. Er sieht, dass alles an ihm vorüberzieht, dass er nichts tun kann, während seine Kollegen fröhlich weiterlärmen, in die Hände spucken und die Fensterläden abschmirgeln. Ein Mann geht am Haus vorbei und biegt in die Golsvortijeva ein, wo die Männer nicht mehr zu hören sind. Und auch der nachdenkliche Anstreicher am Fenster existiert hier nicht mehr.
Um 16:10 Uhr. Mit dem rechten Fuß kicke ich eine zusammengeknüllte Zeitungsseite weg. Dann spucke ich einmal ordentlich aus und hinterlasse einen spinatgrünen Fleck auf dem dreckigen Bürgersteig des Bulevar Revolucije, wo man sich die Preise kreuz und quer in Deutscher Mark zuruft. Eigentlich schaue ich Mädchen hinterher, verstecke meine Blicke unter einer schwarzen Wollmütze, die ich genau hier auf dem Bulevar gekauft habe, allerdings schon letztes Jahr, einen Tag vor meiner Reise nach Timi?oara. Ich hatte mich auf die Reise gefreut und wollte eine Woche bleiben, um einen Freund zu treffen; und Rumänien interessierte mich. Dort lebt man. Dort ist das Leben. Hier denkt man, dass es den Leuten dort schlecht geht. Dort denkt man, dass es den Leuten hier schlecht geht. Die drüben sehen die Leute, die von hier über die Grenze kommen, und schließen daraus, dass das Leben hier furchtbar ist. Hier ist es in etwa genauso. Wenn man drüben sagt, woher man kommt, wird man komisch angesehen. Aber ich komme nun mal von hier, da gibt es nichts zu verbergen. Und wenn man hier sagt, wo man eine Woche lang gewesen ist, sehen sie einen genauso komisch an. Aber ich bin dort gewesen, in Timi?oara, habe eine Woche lang im Hotel Banatul geschlafen, mich mit Leuten unterhalten, Kaffee getrunken, bin spazieren gegangen, habe eingekauft, mit meinen Freunden auf dem Zimmer gegessen, habe gepinkelt, mir die Füße im Waschbecken gewaschen. Ich komme zurück, sage, wo ich gewesen bin, und werde komisch angesehen.
Um 21:05 Uhr in der Jovana Rajića. Vor der Kneipe Zum ewigen Bräutigam rangeln zwei Männer. Der eine will hinein, der andere zieht ihn weiter. Sie stehen schwankend da. Sie diskutieren. Das sehe ich. Es ist ein Bild, das man häufig sehen kann. In unterschiedlichen Erscheinungsformen. Die ganze Welt schwankt und diskutiert.
2. Dezember – Donnerstag
Um 14:20 Uhr am Restaurant Ruski Car. Eine Blondine zieht den Kragen ihres schwarzen Pelzmantels fest zusammen. Es bläst ein kalter Wind. Verfroren wie ein Vögelchen stöckelt sie über das Kopfsteinpflaster. Doch wie sie den Pelzkragen an Hals und Brust zusammenhält, wie sie jeden Schritt laut klacken lässt, wie sie sich in diesem Moment fühlt, wie sie sich selbst sieht – das könnte kein Vögelchen je verstehen.
Um 14:50 Uhr in der Ulica Đure Jakšića. Zwischen den Nummern sieben und neun steht ein grüner Zaun, dahinter nichts. Wahrscheinlich stand da mal ein Gebäude oder so, aber das wurde abgerissen. An einer Lücke im Zaun steht ein alter Mann und schaut sich das Dahinter an. Sträucher, alte Fundamente und Müll. Der alte Mann steht mit den Händen in den Manteltaschen da und dieses Bild prägt sich ein. Dann tritt er durch die Lücke im Zaun und pinkelt an einen Strauch.
Um 20:30 Uhr an der Ampel vor dem Parlament. Zwei Roma-Jungen ringen miteinander. Jungs um die sieben, acht Jahre. Ein dritter, der jüngste, geht zu den Autofahrern, die bei Rot vor der Ampel stehen, und fordert mit ausgestreckter Hand Geld. Ganz direkt. Die beiden anderen wälzen sich mit hochroten Wangen und inbrünstig im schmutzigen Schnee als wären sie allein auf weiter Flur, irgendwo im Nirgendwo. Hinter ihnen das Parlamentsgebäude. Es ist für die beiden tatsächlich nur ein Irgendwo. Oder der Hintergrund von Irgendwo. Dann bringt der Jüngste die Knete, die er eingesammelt hat.
3. Dezember – Freitag
Um 8:10 Uhr morgens. Starker Wind in der Bregalnička Ulica. Ein alter Mann geht langsam die Straße entlang. Er hat eine zusammengefaltete leere Stofftasche in der Hand. Sein Gesicht ist bleich und ausdruckslos und seine Tasche ist leer und darum geht es. Das sieht man sogar. Der Mantel ist schwer und alt. Der alte Herr geht weiter die Bregalnička Ulica hinunter.
Um 11:30 Uhr. Ich bin sicher, dass Sehen die größte Kunst ist. Ich blicke die ganze Ulica Radojke Lakić hinunter. Unter den Kronen der Kastanienbäume ist niemand zu sehen, wie in diesem Film, als Tom Waits von seiner Frau hinausgeworfen wird. Schnee auf den Autos. Müll hängt aus dem Container. Ein kleines Mädchen kommt aus einem Geschäft.
Um 15:45 Uhr in der Ulica Save Kovačevića. Ich blättere die Politika vom ersten Dezember durch. Auf der vierten Seite drei große Überschriften: Kinder erschlagen Landstreicher mit Hacken; Hätte man Moro befreit, wäre er verhaftet worden; Eine Stadt, die ihren Dichter nicht liebt. Unter der dritten Überschrift steht: Bild des Dichters im Schatten lokaler Sportgrößen. Es geht um den großen Dichter Dylan Thomas und die Stadt Laugharne im Südwesten von Wales. Als das legendär faule, kleine, schwarze, seltsame Irrenhaus am Meer bezeichnete Dylan Thomas Laugharne. In Thomas’ Lieblingspub Brown’s Hotel in Laugharne steht noch heute unter dem Regal mit dem Fernseher ein Bild des korpulenten Dichters mit dem krausen Haar. Wobei dieses kleine Bild, Öl auf Leinwand, unter all den Fotografien lokaler Sportmannschaften nur schwer zu finden ist …
1.
Ich bin Aleksandra und ich arbeite an einem genialen Plan. Ich sitze im Rhapsodie. Der Ventilator macht Durchzug. Ich liebe Menschen, die lachen. Dafür hasse ich Regenschirme. Ich bin langsam und schlecht darin, Männer anzumachen. Was das Reisen betrifft: Simbabwe hört sich super an.
4. Dezember – Samstag
Um 11:07 Uhr in der Ulica Trajka Stamenkovica. Zwei Tauben auf dem Schornstein eines Hauses. Es ist sonnig und windstill, aber auf den Dächern liegt noch Schnee und das Weiß hellt den Blick aus dem Küchenfenster auf. Die beiden Tauben flattern aufgeregt vor der Schornsteinöffnung.
Um 15:45 Uhr betritt ein Mädchen in türkisfarbenem Kunstpelz die JIK Bank. Das hört sich auf jeden Fall sehr viel schöner an, als wenn das Mädchen einen echten Pelz tragen würde, denn dann müsste ich sagen, welches Tier dran glauben musste. So ist es in Ordnung, der Pelzmantel ist nicht von einem echten Tier, er ist hässlich, türkisblau, künstlich. Aber ich habe mehr auf das Gesicht des Mädchens geachtet als auf den Pelzmantel. Eine fröhliche Stupsnase und ein schöner Mund. Ein Hingucker.
Um 18:40 Uhr in der Ulica Grčića Milenka. Ganz am Ende der Straße, gegenüber der Tankstelle, die Kneipe Cilj. Aus dieser Kneipe hörst du um genau 18:40 Uhr ein Volkslied, in dem es um Nachtigallen und Weizenfelder geht. Das ist es, wohin dein Weg dich geführt hat: das Cilj.
5. Dezember – Sonntag
Um 12:35 Uhr. In der Ulica Vojislava Ilića liegt ein toter schwarzer Hund. Die Schnauze leicht geöffnet, die Beine gekrümmt, im schwarzen Fell kleben Grashalme und Erdklumpen. Auf der anderen Straßenseite Gedränge an der Bushaltestelle.
Um 16:10 Uhr. Ich kaufe ein Brot und mir fällt ein, dass das Brot trocken wird, wenn ich es in der Hand nach Hause trage. Ich knöpfe die Jacke auf, klemme mir den Brotlaib unter den Arm und überquere den Bulevar. Ich passe gut auf das Brot auf, damit es so lange wie möglich knusprig bleibt und unter meinen Fingern nachgibt. Das ist unmöglich. Der Mensch strebt nach dem Unmöglichen. Eigentlich passe ich auch eher auf mich selbst auf. Dabei wurden schon Menschen von Meteoriten erschlagen. Der erste soll übrigens 1680 ein Mitarbeiter des italienischen Physikers Manfredo Settala gewesen sein.
Um 21:15 Uhr in der Gvozdićeva Ulica. Der Kadaver einer überfahrenen Katze in einer Lache geschmolzenen Schnees. Die Katze ist nicht der Auslöser, aber ich habe heute schon einmal festgestellt: Die Menschen sind unglaublich stumpfsinnig. Alle Menschen. Die selbstverliebten Europäer, der Balkan mit seinen Mythen und Kriegen, Ideologien sind stumpfsinnig, Filme mit Robotern, die Bombardierungen sind stumpfsinnig, die allseits beliebten Sänger sind stumpfsinnig, Modeschauen sind stumpfsinnig und große Schriftsteller sind es auch. Aus dem Maul der Katze auf der Gvozdićeva rinnt Blut.
6. Dezember – Montag
Um 8:30 Uhr in der Dušana Dugalića. Auf ein Fensterbrett in der dritten Etage eines Gebäudes tropft Wasser. Der Schnee schmilzt.
Um 18:15 Uhr sind alle Bilder da. Bilder sind immer da. Laut John Cage sind auch Töne immer da. Dass wir sie als Musik hören, geschieht nur gelegentlich. Alles ist da. Der Mensch ist nicht für immer da. Ich habe Ängste, meine Ahnungen quälen mich, ich brauche lauwarmes Wasser, um mein Gesicht zu waschen. Aus einem Haus in der Ulica Karla Lukača treten Hand in Hand ein Mann und ein Kind in den Wind hinaus. Meine Aufgabe ist es zu schweigen, hinzuzuhören und hinzusehen.
Um 21:20 Uhr in der Ulica 14. Decembra. Ein Schritt bringt mich der Ulica Mate Vidakovića bedeutend näher. Das war’s.
2.
Ich heiße Ivan, ich lebe allein im einzigen Zimmer meiner Wohnung mit einem zu großen Bett und einem Schrank. Mein Vater wohnt nebenan, wir gehen über denselben Hof. In meiner Kindheit war ich glücklich, ein richtiger kleiner Mensch. Jetzt erscheint mir alles ziemlich leer. Und es stört mich, dass ich kein Geld habe. Das würde ich gern tun, Geld ausgeben. Manchmal wünsche ich mir auch politische Macht. Im betrunkenen Zustand kann ich so einiges ganz hervorragend. Dafür bin ich aber schlecht in den Teamsportarten. Außerdem leide ich an Schlaflosigkeit. Und an meiner Einsamkeit. Manchmal habe ich Angst davor, dumm dazustehen. Ich habe auch Angst vor einer Zwangsrekrutierung und vor starken Frauen. Aber ich mag schöne Frauen, und ich mag es, wenn schöne Frauen mich mögen. Guter Sex ist für mich Entspannung und meine Absichten sind überwiegend gut.
7. Dezember – Dienstag
Um 8:50 Uhr im Lyon-Viertel. Zwei Frauen klingeln zweimal kurz und einmal lang an der Wohnungstür eines jungen Mannes. Er wacht auf, öffnet benommen, unrasiert und mit offenstehendem Hosenschlitz die Tür. Die Frauen bieten Zeitschriften der Zeugen Jehovas an. Der junge Mann betrachtet die Titelseite. Wurde Jesus im Winter geboren? Die Frauen sagen, dass man die Hefte nicht kaufen kann, dass ausschließlich freiwillige Spenden angenommen werden. Gute Menschen würden etwas geben. Der junge Mann hält einen Geldschein hin und nimmt einige Hefte. Auf einem steht: Erwachet!
Um 13:20 Uhr in der Molerova Nummer 9. Aus dem dritten Stock wird ein Blecheimer an einer Schnur in den Hof herabgelassen. Im Eimer ein Haufen Betonschutt. Ein Arbeiter legt den Kopf in den Nacken und wartet darauf, dass der Eimer seine ausgestreckten Hände erreicht.
Um 15:50 Uhr im Schnellrestaurant Ruski Car. Eine alte Frau sitzt an einem Tisch und isst Brot. Mit den Fingern bricht sie Stück um Stück ab, steckt sich die Brocken in den zahnlosen Mund und kaut. Etwas später steht sie auf und geht zum Nachbartisch, auf dem noch Teller und Speisereste von jemandem stehen, der das Lokal bereits wieder verlassen hat. Sie nimmt eine Gabel und isst den Rest Sauerkraut. Dann kehrt sie an ihren Tisch zurück. Vereinzelte Blicke wandern durch das Restaurant. Die Leute schauen. Besonders auf das, was sie selbst nie tun würden. Aber es bleibt ruhig. Und es ist still.
8. Dezember – Mittwoch
Um 8:20 Uhr in der Küche. Wasser tropft aus dem Wasserhahn in die rote Pfanne im Spülbecken. Mit anderen Worten also: In einer Belgrader Küche tropft es gerade aus dem Wasserhahn in eine rote Pfanne. Mit anderen Worten also: Am liebsten würde ich an diesem achten Dezember im Bett bleiben.
Um 15:20 Uhr in der Ulica 27. Marta. Ein weißer Audi 80 mit Belgrader Kennzeichen spritzt einem Mädchen die Hose nass, als er direkt vor ihr durch eine Pfütze fährt. Das Mädchen sagt nichts.
Um 17:40 Uhr eine typische Straßenszene in der Ulica Save Kovačevića. Eine Katze sitzt neben einem Autoreifen, auf dem Bürgersteig schubsen sich zwei kleine Mädchen, die Straßenbeleuchtung geht an, ein junger Mann mit schwarzer Wollmütze auf dem Kopf trägt eine Plastiktüte mit gelbem, geriebenem Sauerkraut. Was erwarte ich zu sehen, auf der Straße? Muss man denn für alles immer einen Grund haben? Ob der junge Mann genauso gern Sauerkraut isst wie ich?
9. Dezember – Donnerstag
Um 14:10 Uhr in der Njegoševa Ulica. In meinem Mund zerbirst ein gelber Apfel. So kräftig habe ich hineingebissen. Ich habe noch einen in der Jackentasche, der ist auch gelb. Wenn schon alles ist, wie es ist, wenn es auf der Straße ist, wie es sonst auf der Straße ist, dann sind gerade deshalb auch die Äpfel so, wie sie sind.
Um 18:25 Uhr auf dem Bulevar Revolucije. Dohlen und Krähen sitzen in den Wipfeln der Platanen. Unter ihnen Bedeutungslosigkeit. Zum Beispiel strömen Leute aus der Straßenbahn. Welcher Wind weht gerade? Eine Dohle sitzt auf einem Laternenmast.
Um 18:27 Uhr. Eine Dohle sitzt auf einem Laternenmast.
3.
Ich bin Milivoj und seit dem achten Schuljahr zwei Meter groß. Im Moment sind es 203 cm. Von meinem zweiten bis zum sechsten Lebensjahr habe ich in Warschau gelebt. Vom zwölften bis zum fünfzehnten in Moskau. Viele meiner Freunde sind mir abhandengekommen. Janek und Monika, Dragan Rogić, Marija Trkulja, Goran Đurić, Andrej Tarasov, Alek Vardanjan, Goca Srbljanović, Vlada Janjić, Duška Anastasijević.
Ildiko Kadar.
Das ungarische Mädchen, das mit mir in eine Klasse gegangen ist, war meine erste große Liebe. Ich bete Frauen an, ununterbrochen. Und ich liebe Kuchen. Ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass ich einer Freundin einmal nicht aus dem Meer geholfen habe, als ein Sturm losbrach, sodass sie danach grün und blau war. Die Angelegenheit ist geklärt, aber ich kann mir das bis heute nicht verzeihen. Am schwersten fällt es mir, einen persönlichen Misserfolg einzugestehen. Bis zum letzten Moment versuche ich, die Situation zu meinen Gunsten umzudeuten. Ich bin jedes Mal glücklich, wenn es mir gelingt. Und ich beschäftige mich damit, Geld zu scheffeln. Ich bin geschäftstüchtig und mich nerven meine viel zu großen Füße (Schuhgröße 47). Vom Leben erwarte ich Erfolg. Ich hänge nur an meiner Armbanduhr und meinen Wohnungsschlüsseln. Ohne sie gehe ich nirgendwohin. Morgen fahre ich nach Thessaloniki.
10. Dezember – Freitag
Um 11:15 Uhr in der Ulica Branka Krsmanovića. Ein kleiner weißer Hund drückt die Vorderbeine durch. Und geht weg.
Um 15:30 Uhr laufe ich quer über die Rimska Ulica. Ich springe über eine Pfütze, eine Frau stürmt an mir vorbei, um den Bus zu erwischen, und an der Ecke vor dem Gemüseladen kreischen orangefarbene Mandarinen. Das Orange gellt geradezu.
Um 16:40 Uhr an der Kreuzung Ustanička und Vojislava Ilića. Toma der Taxifahrer sitzt in seinem Auto, raucht eine Zigarette und trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad. Er hat nichts zu tun, er wartet auf Kundschaft.
11. Dezember – Samstag
Um 9:45 Uhr in der Pop Stojanov Ulica. Ein Junge steht vor einem Haus und ruft nach seinem Freund Marko. Marko erscheint mit großen Augen am Fenster.
Um 10:20 Uhr auf dem Đeram-Markt. Eine Frau lehnt sich über die Kartoffeln an ihrem Verkaufsstand und raucht eine Zigarette.
Um 21:35 Uhr. Mit Schnee vermischter Regen horizontal über der glitzernden Žička Ulica. Das Licht aus der Bäckerei scheint im Dunkeln gelb. Die Reklame über dem Selbstbedienungsladen leuchtet grün. Hätte ich einen reichen Industriellen als Vater oder ein warmes, luxuriöses Zimmer mit einer Torte im gut gefüllten Kühlschrank und hätte ich ein Radio, das zum Beispiel Prokofjew spielt. Tja, dann könnte meinetwegen auf der Žička Ulica mit Schnee vermischter Regen fallen. Aber so ist es Nacht und ich habe nichts. Oder frei nach Hamvas: Es gibt nichts als die Nacht und es bleibt nichts, als sich in diese Nacht zu stürzen.
12. Dezember – Sonntag
Um 12:15 Uhr auf der Anhöhe, wo die Tršćanska Ulica in den Bulevar Revolucije mündet. Wenn es so klar ist wie heute, und so leer wie wie meist am Sonntag Mittag, dann kann man den halben Bulevar überblicken, bis zur Fakultät für Rechtswissenschaften. Hinter einem liegt das Lyon-Viertel, dahinter der Blumenmarkt, und das Viertel ganz am Ende, das wird Turska genannt, Türkei. Jawohl. Dieser letzte Teil des Bulevars, nach der letzten Straßenbahnhaltestelle, ist im Sommer staubig und im Winter schlammig. Irgendjemand hat ihm diesen Namen gegeben. Das hat mit der wirklichen Türkei nichts zu tun, es hat mit uns zu tun, mit dieser Stadt. Und ganz besonders mit dieser Straße, die dich von der Türkei zur rechtswissenschaftlichen Fakultät und weiter zu McDonald’s bringt. Ein Jahrhundert in einer halben Stunde Fahrt mit der Sieben.
Um 13:50 Uhr in der Makedonska Ulica. Eine Frau geht gebückt und langsam, an die Schaufenster gedrückt, über den Bürgersteig und weint. Ihr Gesicht ist gerötet, unter den Augen hat sie schwarze Ränder. Ihre Hand umklammert ein Taschentuch. Ein Bild wie aus einem russischen Roman.
Um 15:40 Uhr treffe ich auf der Knez Mihailova Ulica das Mädchen wieder, das ich am 4. Dezember in der JIK Bank gesehen habe. Damals trug sie einen türkisfarbenen Kunstpelz, der mir aufgefallen war. Heute fällt mir auf, dass alles klar ist und sauber, und daran werde ich mich erinnern; heute kann ich mir Dinge wieder merken.
4.
Ich bin Biljana, ich mag Elefanten und Bananen und Schnee und Parfum und zur Entspannung trinke ich langsam Kaffee, telefoniere lange und trainiere im Fitnessstudio. Ich finde, dass jeder Moment des Lebens wirklich wichtig ist, und ich gehe überwiegend allein durchs Leben. Aber ich habe nie Klavierspielen gelernt. Und ich habe gelitten, als mich meine große Liebe verlassen hat. Jetzt leide ich nicht mehr, obwohl es mir noch immer zu schaffen macht, dass der Mistkerl mich verlassen hat. Scham? Dabei denke ich immer an Augen und an Kinder.
13. Dezember – Montag
Um 12:20 Uhr in der Dositejeva Ulica. Ein junger Mann, vielleicht ein Student, legt im Gehen den Kopf in den Na-cken, wirft einen Blick in den trüben Himmel und saugt den letzten Schluck Joghurt aus einem Tetrapack. Ein Blick in den trüben Himmel.
