Ein Winter in Wicklow - Georg Grote - E-Book

Ein Winter in Wicklow E-Book

Georg Grote

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Beschreibung

Viel bewegen können wir uns in diesen Tagen nicht, doch wir können uns die Freiheit nehmen, Michael Müller zu begleiten und mit ihm zu erleben, wie es denn war, in den 1990er Jahren nach Irland auszuwandern und mitten in den Wicklow Mountains ein halbverfallenes Haus wieder bewohnbar zu machen. Wie er versucht, sich ein neues Leben auf der Insel zu schaffen und sein altes in Deutschland hinter sich zu lassen. Doch ein dunkler Schatten verfolgte ihn und zwingt ihn, Position zu beziehen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und einer erträumten Zukunft.

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EPUB
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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Georg Grote

Ein Winter in Wicklow

© 2021 Georg Grote

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-24734-5

Hardcover:

978-3-347-24735-2

e-Book:

978-3-347-24736-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog - Sommer

Langsam verschwand die flache Küstenlinie am Horizont, dahinter hing in flammendem Rot die untergehende Sommersonne. Die beiden Schornsteine des Poolbeg Kraftwerks schienen sie für kurze Zeit in der Luft festzuhalten, dann verloren sie sich vor dem Glutball. Die salzige Luft der offenen See strich warm um seinen Kopf, die wenigen Fahrgäste, die das Ablegemanöver verfolgt hatten, wandten sich allmählich von der Reling ab und stiegen die Treppen in die ein Deck höher liegende Bar hinauf. Aus den Lautsprechern schollen Sicherheitshinweise, während sich das Schiff zunehmend schneller aus der Bucht herausdrückte und aufs offene Meer hinaus steuerte. Die zwei großen Turbinen der Stena Explorer schalteten jetzt zu und der Aluminiumriese beschleunigte beinahe mühelos. Ein Stewart kam auf das Achterdeck und winkte die Passagiere in die Kabine hinein.

Michael blickte hinab auf das wild schäumende Wasser - eine gewaltige weiße Spur erstreckte sich bereits zwischen dem Land und dem Hochgeschwindigkeitskatamaran. Als er in die Kühle des klimatisierten Kabineninnern trat, passierten sie bereits das Kish Lighthouse, jenen Leuchtturm, der einsam im Ozean den Vorposten Irlands markierte. Michael fühlte, dass er jetzt auch symbolisch die grüne Insel verlassen hatte. Er stiefelte zur Bar und benutzte sein letztes irisches Geld für ein großes Glas Bier. Der Mann hinter dem Tresen hielt das Glas mit der großen aufgedruckten schräg unter den Zapfhahn und ließ die schwarze Flüssigkeit gekonnt bis zum Rand einlaufen, dann stellt er das Glas vor sich, damit das Bier sich setzten konnte.

Michael beobachtete, wie der weiße Schaum durch das Glas sprudelte und sich allmählich in schwarzes Bier verwandelte. Ein alter Fischer an der Westküste hatte ihm erklärt, dass man das Bier erst dann trinken konnte, wenn die Linie zwischen Bier und Schaum wie mit dem Messer gezogen war. “Sieben Minuten braucht es für ein gutes Pint“, hatte er gesagt. Genau solange wartete Michael, steckte in der Zwischenzeit die letzten Kupfermünzen in das kleine Porzellanschiff der irischen Lebensrettungsgesellschaft auf dem Bartresen und trug sein Bier dann zu dem kleinen Tisch am Fenster, den er sich schon vorher ausgesucht hatte. Er ließ sich auf den am Boden verschraubten Stuhl fallen und stieß mit seinem Knie an dem kleinen Metalltisch an. Diese Sitzgelegenheiten waren eindeutig nicht für große Menschen gemacht. Michael streifte die schweren Stiefel ab, legte seine Beine in der knirschenden Lederhose auf den Sitz gegenüber und nippte an seinem Pint. Um ihn herum türmten sich die Utensilien eines reisenden Motorradfahrers, Helm, Handschuhe, Jacke, Schal und der Tankrucksack. Mit dem Verlassen der Bucht von Dublin wurde sie See rauher, doch er wußte sein Motorrad gut im Laderaum des Schiffes verzurrt und genoß einen weiteren Schluck seines Bieres. Er schloß die Augen und fühlte das Dröhnen der Turbinen tief unter ihm. Alles vibrierte, und er wußte, dass er noch ganze 90 Minuten bis zur walisischen Küste hatte. Dort mußte er sich ein Zimmer für die Nacht suchen, um dann am Morgen durch die Berge von Wales in Richtung London weiterzufahren. Doch das war morgen…

In Gedanken ging er noch einmal über das Land, das ihm nun bald gehören würde. Vor seinem Auge sah er das alte Cottage am unteren Ende des Grundstücks, roch den Geruch des Torffeuers, dessen Rauch sich aus dem Kamin kräuselte, und stellte sich die hohen Fuchsienhecken vor, die das Anwesen zur Straße begrenzten. Etwas weiter rechts stand eine Reihe efeubewachsener Bäume, die das kleine Stück Land auf der östlichen Seit von den Nachbarn trennte, im Westen und Süden waren Felder, und nördlich, hangabwärts, führte ein kleiner asphaltierter Feldweg an 'Glenside' vorbei.

Dieser letzte Besuch in den Wicklow Mountains war erst heute am Morgen gewesen und somit noch keine 12 Stunden her. Die Sonne hatte warm geschienen, und von seinem Aussichtspunkt am hinteren Ende des Gartens hatte sich ihm ein Bild pastoralen Friedens geboten: Die alten Apfelbäume verdeckten beinahe das niedrige Haus mit dem rauchenden Kamin, dahinter neigte sich das Tal, das sich sanft zum Meer erstreckte und in der Ferne, etwas weiter links, die Hügel, an deren Ende die Hauptstadt lag, zu weit entfernt, um des Nachts zu mehr als einem an niedrig hängenden Wolken reflektierenden Lichtschein zu werden. Vom hinteren Ende des Gartens konnte man das Meer erahnen, das im Osten lag - zum Strand waren es nur ein paar Minuten.

Den ganzen Morgen hätte er mit seiner Zigarette und der Tasse süßen Tees dort am Ende des Gartens verbringen können, aber Graham hatte ihm aus der Küche zugewinkt und ihm bedeutet, dass das Frühstück fertig war. Dem Geruch von gebratenen Würstchen, Schinken, Spiegelei und Toast konnte Michael nicht widerstehen und stapfte durch das feuchte Gras zurück zum Haus. Er ließ seine schweren Stiefel an der Türe stehen und trat geduckt in die kleine Küche ein. Graham hatte ihm bereits eine großzügige Portion auf den Teller geschaufelt, Liz, seine Frau, schenkte Tee ein und Daniela, die zehnjährige Tochter, saß mit verschlafenen Augen in ihrem Pyjama auf der Küchenbank, ihren Teddybären fest umklammert. Die Küche war winzig klein, in ihrer Mitte stand ein altmodischer Ofen, der gleichzeitig als Kochgelegenheit und als Wärmequelle diente. Darauf köchelte ein großer schwarzer Wasserkessel vor sich hin.

Von der Küche ging man zwei Stufen hinab in das eigentliche Wohnzimmer, aber der Raum war leer, denn die drei wohnten in einem kleinen Anbau des Cottages, den Graham selbst gebaut hatte. Der alte Teil des Hauses war unbewohnt, das Dach löchrig, einige Fenster fehlten, und es gab kein fließendes Wasser und, abgesehen von einigen halbherzig verlegten elektrischen Leitungen, keinen Strom. Das Haus war in einem miserablen Zustand, das konnte Michael selbst an diesem wunderbaren Sommermorgen nicht abstreiten. Es gab keine anständige Heizung, keine Toilette außer dem Abort in dem kleinen Schuppen im Garten, und auch sonst nichts, was eine Wohnung im 20. Jahrhundert ausmachte. Aber er würde sich des Hauses annehmen und es renovieren, das hatte er sich vorgenommen: gerade gestern hatte er den Kaufvertrag im Beisein eines irischen Rechtsanwaltes unterschrieben und eine erste Anzahlung gemacht. Dadurch war sein Urlaub zwar viel kürzer geworden, als er sich gedacht hatte, aber er hatte dafür ein Ziel bekommen, das es zu erreichen galt.

Zwei Wochen war er bereits mit dem Motorrad durch das Land gefahren, hatte die Westküste besucht, war langsam im großen Gang zwischen grauen Steinmauern entlanggetuckert und hatte halbe Nächte im Pub verbracht, in denen sich die rauhe Landschaft auf seltsame Weise mit dunklem Bier, kehligen Akzenten und traditioneller Musik paarte. Er hatte an einsamen Stränden gezeltet, war mit dem Delphin von Dingle im Atlantik geschwommen, war auf Berge gestiegen, deren rauhe Schönheit ihm fast den Atem nahm und war Menschen begegnet, die so ganz anders waren als die, die er aus seiner norddeutschen Heimat kannte. Er war einer von denjenigen Deutschen geworden, die sich in die grüne Insel verliebt hatten.

Er begann, die Schaufenster von Immobilienhändlern genauer zu studieren und besuchte einige kleine Häuser und Cottages, die zum Verkauf anstanden, anfangs ohne ernsthafte Intention. Doch weder an der Westküste noch in den Midlands konnte er etwas finden, das ihm gefiel, oder wenn es ihm gefiel, war es unerschwinglich. Die Zeiten, in denen man ein altes irisches Haus für den sprichwörtlichen Apfel und ein Ei kaufen konnten, waren auch in Irland schon lange vorbei. Er hätte drei oder vier Jahre früher kommen sollen, so Mitte der 90er Jahre, da seien die wahren Schnäppchen über den Tisch gegangen, sagte man ihm immer wieder, aber jetzt, so kurz vor der Jahrtausendwende, da sei fast alles aufgekauft. Irland war reich geworden im Boom der frühen 90er Jahre, viele Dubliner hatten alte Cottages an der Westküste gekauft und sie zu Ferienhäusern umgebaut. Zwar mußte Michael nicht auf den Pfennig schauen, da er den Großteil seiner Abfindung angelegt hatte, aber Wucherpreise wollte er auch nicht bezahlen. Dann würde es eben kein Haus in Irland werden.

Mit diesem Gefühl im Bauch war er an Irlands Ostküste zurückgekehrt, hatte die langweiligen Midlands hinter sich gelassen und war in die Hügelkette südlich von Dublin, den Wicklow Mountains, gefahren, wo, so hatte man ihm gesagt, der Garten von Irland auf ihn warten würde. Liebliche Täler und mittelhohe Berge, die zum Wandern einluden, das war es, wonach ihm der Sinn stand. Er quartierte sich auf dem Zeltplatz in Glendalough ein und unternahm Touren durch die Berge, zu Fuß und auf dem Motorrad. Und es war an einem dieser Tage gewesen, vor acht Tagen genau, dass er sich verfahren hatte und die Orientierung komplett verlor. Plötzlich begannen alle Hügel gleich auszusehen. Die Straße schlängelte sich beinahe ziellos über Berg und Tal, und die wenigen Kreuzungen waren schilderlos. Er hielt sich ostwärts, denn dort lag das Meer und irgendwann würde er schon darauf stoßen.

So kam es, dass er über die letzte Hügelkette kam und in der Ferne die irische See blinken sehen konnte. Vor ihm erstreckten sich einige flache Hügel. Michael folgte der kleinen, schlecht asphaltierten Straße, wurde an einer winzigen Kreuzung beinahe von einem Traktor überrollt, der mit hoher Geschwindigkeit von rechts kam und mitsamt Anhänger über die Kreuzung schoß. Vor Schreck zog Michael die Bremsen ganz durch und würgte dabei den großen Einzylinder seines Motorrades ab. Er atmete zweimal tief durch, bevor er sich daran machte, das hochbeinige Motorrad wieder anzukicken. Da entdeckte er das kleine, handgemalte Schild am Baum neben der Kreuzung 'Cottage for Sale'. Darunter ein Pfeil, der in Richtung Küste zeigte. Nachdem er das Motorrad wieder in Gang gebracht hatte, rollte er langsam die Straße entlang und hielt nach weiteren Hinweisen auf das Cottage Ausschau. Er fuhr um eine kleine Linkskurve und sah ein Haus auf der linken Seite. Es lag hinter einer mannshohen Fuchsienhecke, und nur der Giebel ragte darüber hinaus, aber an der kleinen Gartenpforte erspähte er den ersehnten Hinweis: 'Cottage for Sale. Enquire inside'. Das klang fast wie eine Einladung.

Michael lehnte das schwerbeladene Motorrad an eine Steinmauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zog sich den Helm vom Kopf. Ein kleines Mädchen steckte den Kopf zur Türe heraus und rief in das Haus hinein: "Daddy, da ist ein Mann auf einem Motorrad."

Ein älterer grauhaariger Mann mit einem Bart erschien in der Eingangstüre. Er trug einen löchrigen grünen Pullover und braune Cordhosen. Sein ärmliches Äußeres stand im Gegensatz zu den blitzenden Augen, mit denen er Michael musterte und dann mit einem Seitenblick auf Michaels Motorrad fragte: "Guten Tag, suchen Sie jemanden? Haben Sie sich verfahren?" - "Das auch", antwortete Michael mit einem Lächeln, "aber eigentlich wollte ich fragen, ob dies das Haus ist, das zum Verkauf angeboten wird?" - "Das ist es, sind Sie denn interessiert?" - "Bin ich."

Das Gesicht des Mannes hellte sich auf und er kam Michael entgegen. Was folgte, war ein überaus angenehmer Nachmittag bei den Greys, wie die Familie hieß. Graham, der Vater, führte ihn über das Grundstück und in das Haus hinein, zeigte ihm Ecken und Winkel, Dinge, die er selbst eingebaut hatte und seine kleine Werkstatt, in der er Gartenmöbel herstellte. Davon lebte er, mehr schlecht als recht, wie er zugab. "Ist das der Grund, warum Sie das Haus verkaufen wollen?" - "Das ist einer der Gründe, der Hauptgrund ist der, dass meine Mutter kürzlich gestorben ist und ich einen Baugrund in Wexford geerbt habe. Mit dem Geld für dieses Cottage können wir uns dort ein neues Haus bauen."

Michael dachte bei sich, dass ein weiterer Grund sicherlich der schlechte Zustand dieses Cottages war. Die Wände erschienen solide, aber die Fenster bedurften der Erneuerung, Fußböden mußten eingezogen werden, die Treppe in die beiden kleinen oberen Schlafzimmer war baufällig, und ein Badezimmer gab es auch nicht. Aber das Haus hatte Potential, das Grundstück war schön, am Hang zur Südseite des Hauses gelegen, und einen großen Schuppen gab es auch, der früher mal als Schweinestall gedient hatte und jetzt Grahams Holzwerkstatt war. Michael hatte das Gefühl, ein altes heruntergekommenes Haus zu besichtigen, das aber von seiner Struktur solide und ehrlich war. Darauf kam es ihm an. Über starkem Tee und viel zu süßem Kuchen berieten sie das Finanzielle. Auch hier fand Michael Graham sehr ehrlich, denn er sagte ihm geradeheraus, warum er das Haus nicht auf dem offiziellen Wege einer Auktion verkaufen wollte und konnte: die Anbauten, die er gemacht hatte und in denen die Familie jetzt wohnte, oder besser hauste, hatten keinerlei Baugenehmigung. Ohne diese würde er das Haus aber nie auf dem freien Markt verkaufen können, und für das Ansuchen um eine Baugenehmigung beim County Council fehlte ihm das Geld. Während er sich also nicht bewegen konnte und auf diesem Haus saß, sah Michael die Chance, an ein günstiges Haus zu kommen, denn der von Graham vorgeschlagene Preis lag um einige Zehntausende niedriger als die Vorstellungen anderer Hausbesitzer mit Häusern in vergleichbaren Erhaltungszuständen. Nach der zweiten Tasse Tee willigte Michael ein. Graham holte eine Flasche Whiskey aus dem Küchenschrank und schenkte beiden ein. Sie nahmen einen Schluck und besiegelten den Kauf mit einem Handschlag. Michael versprach, am nächsten Tag wiederzukommen und eine Anzahlung zu machen und dann innerhalb von zwei Wochen eine substantielle Summe von Deutschland aus zu überweisen. Graham sollte für den nächsten Tag einen glaubwürdigen Zeugen finden, der die Transaktion beglaubigte.

Michael war nicht wenig erstaunt, als er am folgenden Nachmittag erneut an die Türe des alten Hauses klopfte, Graham ihn begrüßte und mit dem örtlichen Pfarrer bekannt machte: "Father O'Reilly ist hier der ehrlichste Mann am Ort." Michael sollte es recht sein, der Beistand der katholischen Kirche konnte in Irland nicht verkehrt sein. Wieder ging er mit Graham durch die Räume und vermaß die Dimensionen des Hauses, die Türhöhen und -breiten, inspizierte die Quelle am hinteren Ende des Gartens und den Zustand des Daches. Er machte sich keine Illusionen: die Restauration des Hauses würde ihn den Großteil des Geldes kosten, das er von der Armee nach seinem Ausscheiden bekommen hatte, selbst wenn er die meisten der anfallenden Arbeiten allein erledigte. Er plante vier Monate für die Grundüberholung ein und kündigte seine Wiederkehr für Oktober an. Das würde ihm knapp drei Monate in Deutschland geben, in denen er alles Organisatorische regeln konnte. Graham lud Michael ein, am Abend vor seiner Abreise in seinem zukünftigen Haus zu übernachten, Räume gebe es ja genug, und jetzt im Sommer, brauche man ja auch noch keine Heizung. Michael willigte ein und bezog am folgenden Abend eines der oberen Schlafzimmer, von denen jedes ein Fenster an der jeweiligen Stirnseite des Hauses aufwies - eines zeigte nach Osten und eines nach Westen, mit einem Blick über die nahen Hügel. Er entschied sich gegen die Morgensonne und für den Blick auf die Berge. Ganz klar konnte er von hier die Straße erkennen, die er kurz zuvor heruntergefahren war, als er das Haus entdeckte. Kaum zwei paar Tage war das her und dennoch schon eine unglaublich lange Zeit, denn in der Zwischenzeit hatte er seiner Zukunft eine neue Richtung gegeben und er hatte, nach Jahren der Arbeitslosigkeit und wenig versprechender Gelegenheitsjobs, wieder ein Projekt, das ihn ausfüllen würde.

Sie schoben sein Motorrad in Grahams Werkstatt, denn es drohte zu regnen. Später aßen sie zu Abend, Liz hatte zur Feier des Tages Irish Stew gekocht und Michael, der gekochtes Fleisch nicht ausstehen konnte, aß artig, denn er brachte es nicht übers Herz, das Essen abzulehnen. Während es draußen immer feuchter und ungemütlicher wurde, saßen sie um den kleinen Ofen in Graham und Liz's Wohnzimmer herum. Daniela sah ihn mit großen Augen an, sie hatte noch nie einen so großen Menschen gesehen, denn mit über zwei Metern war er selbst für deutsche Verhältnisse schon sehr groß – umso mehr fiel er überall in Irland auf, wo die Menschen mindestens einen Kopf kleiner waren als er. Nach Mitternacht verkroch er sich in 'sein' Zimmer, blickte auf die hügelige Landschaft hinaus und konnte es kaum glauben, dass er bald hier in diesem Haus wohnen sollte. Der Regen hatte aufgehört und der milde Abendwind trug den Geruch von feuchtem Gras und duftenden Sommerblumen durch das glaslose Fenster ins Zimmer. Gelegentlich fuhr ein Auto auf dem kleinen Feldweg vor dem Haus vorbei, aber sonst war es still, eine Stille, die beinahe greifbar war und Michael sanft einschlafen ließ. Am nächsten Abend würde er nach Deutschland zurückreisen, aber nicht für lang. Dann würde er wiederkehren in diese friedliche Hügellandschaft und sich selbst eine Heimat schaffen. Wie hatte Graham doch nach dem Abendessen über einem Glas Whiskey vorher noch gesagt: "Home is where the heart is", und Michael fühlte, dass ein großer Teil seines Herzens sehr schnell hier heimisch werden konnte…

Oktober - Die Ankunft

Mitte Oktober kehrte Michael zurück. Irland im Herbst war ein anderes Land, und der Herbst war früh gekommen in diesem Jahr. Die Wolken über den Hügeln Wicklows hingen tief und die kahlen Äste der Bäume troffen vom Regen. Die grauen Steinmauern entlang der Straße in den Norden schienen fast nahtlos in das Grau der Wolken überzugehen, die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos reflektierten schmerzhaft auf dem schwarzen Asphalt. Die Dörfer, durch die er fuhr, erschienen gesichtslos, an der Straße aufgereihte flache kleine Häuschen, aus denen gelegentlich Licht auf die betongrauen Bürgersteige fiel. Am Ende der Dörfer wieder das Eintauchen in das grüne Nichts, das nicht aufzuhören schien und nur vom Himmelsgrau begrenzt wurde. Irgendwann verließ er die Hauptstraße und fuhr den steilen Berg hinauf, geradewegs in die Wolken hinein. Einige Monate war er nicht hier gewesen, er hatte den Weg von der Hauptstraße viel kürzer in Erinnerung. Erst als er an dem kleinen Laden vorbei war, wußte er, dass es nicht mehr weit sein konnte.

Das Haus lag dunkel und verlassen am Hang, die Fenster schauten stumpf in den grauen Tag, der, kaum hatte er angefangen, schon wieder zu Ende zu gehen drohte. Er fuhr die kurze Einfahrt hinauf und stellte den Motor ab. Einen Moment hielt er inne und lauschte. Die Stille wurde nur vom Tropfen des Regens übertönt. Die Haustüre ließ sich nur schwer öffnen, offenbar hatte sie sich seit dem Sommer in ihrem Rahmen verzogen. Er mußte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen sie stemmen, bis sie schließlich aufsprang und den Weg ins Haus freigab.

Feuchter Muff schlug ihm entgegen, ein Rascheln hinter der Garderobe ließ ihn vermuten, dass das Haus in den letzten Monaten nicht ganz unbewohnt geblieben war. Er ging durch die kleinen und niedrigen Räume, schlug sich wie schon im Sommer den Kopf am Aufgang zur Treppe an und schritt durch das Schlafzimmer im Giebel. Das Plexiglas, dass er in der damals leeren Fensterhöhle angebracht hatte, hatte sich an einer Stelle gelöst und Regen auf den Fenstersims strömen lassen, der sich als grünschwarzer Fleck unterhalb des Fensters ausgebreitet hatte. Soviel Regenwasser war hereingelaufen, dass sich sogar der Teppichboden angehoben hatte - die Preßspanplatten des Fußbodens mußten aufgeweicht sein.

Der erste Gang durch das Haus nach Monaten machte ihm überdeutlich, wieviel Arbeit in den nächsten Monaten auf ihn zukommen würde; er entdeckte viele feuchte Stellen an den Wänden, und selbst im Kamin, wo das Regenwasser von oben durch den Schornstein herabgetropft war, stand eine kleine Lache. Im Anbau, wo einige Fenster fehlten, war Regen ins Haus gelaufen, und selbst im Wohnzimmer, in dem die Fensterrahmen im Sommer noch einen sehr soliden Eindruck gemacht hatten, kroch die feuchte Kälte durch rissige Dichtungen ins Haus.

Das Oktobergrau draußen wurde dunkler, doch beim Versuch, das Licht in der Küche einzuschalten, sprang die Sicherung heraus. Den Sicherungskasten, oder was man als solchen bezeichnen konnte, fand er nach langem Suchen hinter einer Klappe über der Eingangstür, die übertapeziert war. Beim Blick auf die altmodischen Sicherungen wurde ihm klar, dass die Arbeit am Haus mit solchen, absolut grundsätzlichen Dingen beginnen mußte…

Da die Sicherung immer wieder heraussprang, wenn er das Küchenlicht einschaltete, konnte er dort für die nächsten Tage nur Kerzen aufstellen. Er ging durch die anderen Räume und probierte alle Lichtquellen - meist alte blinde Glühbirnen, die an vergilbten Kabeln von den Decken hingen - und probierte auch die Steckdosen. Alle Schalter und Dosen, die Kurzschlüsse auslösten, überklebte er mit Klebeband, eine gute Handvoll blieben einstweilen im Haus benutzbar.

Michael legte das Klebeband auf den Küchentisch und die Schere daneben. Es war fast ganz dunkel geworden, und er trat ans Fenster des Wohnzimmers. In der Ferne konnte er erste Lichter aufleuchten sehen – auf dem Hügel jenseits des Tales leuchteten die Lichter von Cottages herüber, ihr gelber Schimmer versprach Wärme und Gemütlichkeit. Mit einem Seufzen drehte er sich um und schaute sich in seinem zukünftigen Wohnzimmer um: die Wände waren gelblich, an einigen Stellen hing noch eine Blümchentapete, von der Decke hing eine einzige funzelige Glühbirne herab, deren Licht leicht flackerte. Die Birne selbst bewegte sich im Luftzug und Michael fröstelte. Drinnen schien es kälter als draußen zu sein. Die Wände dieses Hauses strahlten die Kälte förmlich ab und er fragte sich, ob dies jemals ein gemütliches Haus werden würde, ob es auch nur ansatzweise mit dem vergleichbar sein würde, was er sich vorstellte: ein Haus mit offenen Kaminen, in denen Torffeuer fröhlich vor sich hin brannten und Wärme abstrahlten, in dem er ein Glas Whiskey am Kamin trinken konnte und vollkommen er selber war, in dem sich seine Nachbarn trafen, das von Musik und Gelächter erfüllt war – ein Haus, in dem er glücklich werden würde und zur Ruhe kommen konnte, sich zuhause fühlte und daheim. Er blickte über das dunkler werdende Land, das die Farben des Tages an die Nacht verlor und hoffte, dass er alles richtig gemacht hatte, dass dieser Schritt letztlich der richtige gewesen war und er nicht eines Tages seine Entscheidung, sein Leben in Deutschland hinter sich gelassen zu haben, bereuen würde.

Ein Sprung ins kalte Wasser, das war es, was sein Vater dazu gesagt hatte, ein Weglaufen vor der Realität, doch wenn er sich in diesem feuchten, kalten Raum umsah, so war es ihm, als sei dies die Realität, nach der er immer gesucht hatte. Hier lagen die Probleme, die er zu bewältigen hatte, unmittelbar vor ihm, es waren viele, aber er hatte das Gefühl, sie bewältigen zu können. Die kommenden Monate würden hart werden, vielleicht sogar sehr hart, aber sie würden ihm zeigen, ob er dieser Herausforderung gewachsen war und er diese Bruchbude in etwas Lebenswertes verwandeln konnte. Alles Andere würde dann schon kommen, es lohnte sich nicht, gleich jetzt schon an die Möglichkeit des Versagens zu denken. Die letzten Monate und Jahre waren zu hart gewesen, er weigerte sich einfach, zu glauben, dass dieses Projekt ebenso vom Misserfolg geprägt sein könnte.

Draußen war es dunkel geworden. Nun wurde es Zeit, einige Dinge aus dem Auto zu holen, die er für die Nacht brauchen würde. Er schüttelte sich leicht, denn ihm war kalt geworden. Er griff den Autoschlüssel und stapfte über das nasse Gras im Vorgarten zu seinem Auto, öffnete die Seitentür und griff sich ein paar Dinge, die er brauchen würde, einen Schlafsack, das alte Feldbett, dass er noch aus seiner Zeit bei der Bundeswehr besaß, die große Taschenlampe, eine dicken Pullover und die warme Jacke und eine Rolle Kekse. Das Auto würde er morgen entladen.

Er trug sein Nachtlager ins Wohnzimmer, baute das Feldbett auf und breitete seinen Schlafsack darauf aus. Sein Pullover roch frisch gewaschen, es war der Geruch des Waschmittels, der ihn an seine Wohnung in Deutschland erinnerte, die er erst vor ein paar Tagen verlassen hatte. Wie einfach das Leben dort gewesen war, es gab dort alles, die Waschmaschine, den Wäschetrockner, die Bäckerei um die Ecke und den Supermarkt am Ende der Straße. Und hier? Hier gab es nicht einmal Wärme, die Luft roch feucht und modrig, und aus der Küche raschelte es verdächtig. Dies konnte ein langer Winter werden…

Aber, es machte keinen Sinn, gleich am ersten Tag Trübsal zu blasen; er war gesund und munter hier angekommen, das Haus stand noch, und das mußte gefeiert werden. Vom Sommer her erinnerte er sich noch daran, dass es in der Nähe einen Pub gab, dort war es bestimmt warm und vielleicht gab es dort auch etwas zu essen. Er zog sich einige warme Sachen an, denn die Feuchtigkeit des Hauses war ihm inzwischen durch seine Kleidung gezogen, fuhr das Auto hinters Haus und versuchte, die Haustür hinter ihm zu schließen. diese hatte sich allerdings mittlerweile so sehr in der feuchten Luft ausgedehnt, dass sie gar nicht mehr schließen wollte. Er zog sie so weit wie möglich zu und sicherte sie mit einen Stück Draht. Das würde zwar niemanden davon abhalten, hier einzudringen, aber vielleicht den Mäusen den geregelten Rückzug aus dem Haus ermöglichen, nun, da sie bemerkt haben mußten, dass sie einen neuen Mitbewohner hatten.

Im Pub

Der Weg zum Pub führte die Straße hinunter bis zur Hauptstraße, die Dublin mit dem Südosten verbindet. An der Kreuzung lag der Pub, ein typischer Country Pub, zu dem die meisten Einheimischen mit dem Auto fuhren, und der großangelegte Parkplatz an diesem Samstag Abend war gut gefüllt.

Als er die Türe aufstieß, kamen ihm Wolken von Rauch und der Geruch von vielen Menschen, dunklem Bier und feuchter Kleidung entgegen, die in der abgestandenen Wärme der Kneipe trocknete. In einem großen Kamin brannte ein Torffeuer. Der Pub war voller Menschen, in der Ecke am Fenster spielten zwei junge Musiker, einer zupfte an einer Gitarre und sang dazu, der andere begleitete ihn auf einem Banjo. Er kämpfte sich durch die dichtgedrängte und gutgelaunte Menge bis zur Bar. Zwei ältere Männer ließen ihn schließlich bis an den Tresen heran, doch es dauerte noch immer einige Minuten, bis er endlich sein "a pint please" loswerden konnte. Ob es auch noch etwas zu essen gab, wollte er bei dem Andrang schon gar nicht mehr fragen. Stattdessen wurde er von den beiden gefragt "Where are you from? Ach, Sie sind der, der Grey's Cottage gekauft hat? Heute sind Sie angekommen? Na dann herzlich willkommen in Wicklow, ich bin mir sicher, dass wir uns noch öfter sehen werden, wir trinken immer hier in Lil Doyle's."

Die Beiden sahen aus wie aus dem Bilderbuch, in alte Tweedjacken und Cordhosen gekleidet, mit Schiebermützen auf dem Kopf und Pfeife rauchend, die sie gelegentlich mit ihren bloßen, von harter Arbeit gezeichneten Händen nachstopften. Sie stellten sich als Jack und Jim vor, Bauern aus der Umgebung, die aber gern behilflich sein würden, wenn er ihre Hilfe brauchen sollte.

Er sagte Jim, dass er am dringendsten einen Elektriker bräuchte, und sie verwiesen ihn auf einen Mann am Ende des Tresens, der, puterrot im Gesicht, aus vollem Halse lachte und dann den Inhalt eines halben Pints in sich hineinschüttete. "Geh‘ und frag‘ Billy Breen, er ist the gombeen man, der Mann für alle Fälle hier in der Gegend", gab ihm Jack noch mit auf den Weg, und "see you again." Er kämpfte sich durch die Leute zu Billy durch, immer wieder von Bemerkungen wie, "mein Gott, was für ein großer Kerl" begleitet, die ihm so vertraut waren, denn in Irland waren recht wenige Menschen über zwei Meter groß wie er.

"Sind Sie Mr. Breen?" rief er ihm über den Kopf eines untersetzten Mannes zu. Er schaute zu ihm herüber, nickte und winkte ihn zu sich heran, "Ja, aber hier bin ich für alle nur Billy, was kann ich für dich tun?" Er stellte sich, so gut es bei dieser Atmosphäre eben möglich war, vor und erzählte ihm von seinen Elektriksorgen. "Ah, du bist der, der Witwe Dunne's Haus gekauft hat - ich hatte mich schon gewundert, wann ich dich wohl endlich treffe. Komm, wir trinken erst einmal ein Bier und reden dann weiter."

Er hob seine Hand und signalisierte dem Barmann, dass hier noch zwei Pints gebraucht würden, und dann wandte er sich ihm zu: "Einen Elektriker suchst du? Kein Problem, aber ich glaube, du brauchst noch mehr als nur einen Elektriker, wenn du dein Haus wieder bewohnbar machen willst. Als ich das letzte Mal oben in deinem Haus war, das muß so zwei Jahre her gewesen sein, da gab es dort noch nicht einmal eine Toilette und keine Heizung. Hat sich das inzwischen geändert?"

Es war natürlich alles noch genauso, wenn nicht sogar noch schlimmer, als zu der Zeit, als Billy das letzte Mal in 'Glenside' gewesen war, aber er versuchte ihm zu erklären, dass er ja irgendwo anfangen mußte, und dass die Elektrik schon ziemlich wichtig war, wenn er überhaupt irgendwelche Arbeiten machen wollte. Strom war dabei fast das Wichtigste, mit Sicherheit wichtiger als eine Toilette - gab es doch irgendwo im Schuppen draußen eine Latrine, die für den Anfang erst einmal genügen mußte.

"Also", erzählte Billy weiter, "ich habe den Laden oben am Hügel, Fleming's Shop, du weißt schon, du kommst daran vorbei auf dem Weg zur Kneipe. Dort bekommst du alles, was du brauchst für deine Arbeiten, von Zement über Sand bis zum Torf zum Heizen. Eileen, meine Frau ist im Laden, und du kannst anschreiben lassen, wenn du willst. Und wenn du einen Handwerker brauchst, besorge ich dir den besten und zuverlässigsten - auf Zuverlässigkeit legt ihr Deutschen doch immer Wert, oder?"

Da Billys Pintglas schon fast wieder leer war, versuchte Michael die Aufmerksamkeit der Barkeepers zu erlangen, aber der war zu beschäftigt, und Billy sagte zu ihm: "Laß‘ mal gut sein, ich habe sowieso genug für heute, ich gehe nach hause, und morgen nach der Messe um zehn komme ich vorbei und wir sehen mal nach dem nötigsten in der Elektrik. Einen richtigen Elektriker kann ich dir sowieso nicht vor Dienstag besorgen – also bis dann, wenn's recht ist." Natürlich war es recht, und er ließ ihn ziehen, zufrieden, dass der erste Abend hier sofort zu handfesten Ergebnissen geführt hatte. Da konnte er noch gemütlich ein Pint trinken und die Atmosphäre der Kneipe genießen, bevor er sich wieder in sein feuchtes Haus zurückzog.

Irgendwann, so gegen Mitternacht, war dann auch die "drin-king-up time" vorbei und der Wirt begann ungemütlich zu werden und die Leute zu ermahnen, nun doch endlich nach hause zu gehen. Also machte Michael sich wieder auf den Weg. Draußen nieselte es ungemütlich, und ein naßkalter Wind trieb ihn vor sich den Berg hinauf. Auf halber Höhe hielt ein Auto neben ihm, eine Tür flog auf und jemand rief: "Wenn du der neue Nachbar bist, dann steig ein, wir haben denselben Weg." Er zwängte mich auf den Rücksitz eines nach Bauernhof riechenden Autos, und jemand stellte sich ihm als Pat vor, der ein paar Häuser weiter die Straße herauf lebte, wie er sagte. "Schön, dass jemand das alte Cottage gekauft hat, hast 'ne ganze Menge Arbeit vor dir, aber das Haus verdient es, hat viel mitgemacht in den letzten Jahren, wird Zeit, dass es in gute Hände kommt. Man sieht sich." Und dann waren sie auch schon da, er stieg aus, und der Wagen fuhr weiter in die Regennacht, das eine schwache Rücklicht grüßte einsam zu ihm zurück.

Es war still, nur der Wind zischte leise, der Regen trieb ihm ins Gesicht und ihm war plötzlich bitterkalt nach der Wärme in der Kneipe. Er fummelte seinen Schlüssel aus der Tasche und fingerte seine kleine Taschenlampe hervor, um den Weg ins Haus zu finden. Die Tür war noch immer nur angelehnt, und im Haus war es noch kälter als draußen. Er suchte nach dem Lichtschalter, doch als er ihn drückte, hörte er das Klacken der Sicherung und wußte, dass er für diese Nacht keinen Strom mehr haben würde. Die Türe schloß nicht hinter ihm, also schob er sie zu, soweit es eben ging, und verkeilte sie mit einem Besenstiel, der in der Ecke stand, damit der Wind sie nicht aufdrücken konnte.

Sein Feldbett stand im Wohnzimmer, oder besser gesagt, in dem Raum, der irgendwann einmal ein Wohnzimmer werden sollte. Er rollte seinen Schlafsack aus und legte seine Sachen auf einen alten Stuhl, den er in der Küche gefunden hatte. Das Zähneputzen und andere hygienische Einzelheiten mußten für diesen Abend ausfallen…

Der ‘Gombeen Man‘

Michael schlief wie ein Stein, und wachte auf, als ihm die Sonne ins Gesicht schien. Es war zehn Uhr, und statt des gestrigen Oktobergraus leuchtete der Himmel blau hinter dem blinden Fenster. Als er aufstand und sich seine Kleidungsstücke ansah, die er auf den Stuhl gestapelt hatte, fiel ihm auf, dass er wohl Besucher gehabt haben mußte, ein Hosenbein war angeknabbert, und auf seinem Hemd fanden sich kleine, unmißverständliche Mäusespuren. Das konnte ja noch lustig werden, wenn die kleinen Gesellen so frech waren, sich bis in seine Nähe zu wagen.

Billy hatte sich angekündigt, um mit der Elektrik zu helfen, nach der Messe, wenn er sich recht erinnerte. Er hatte keine Ahnung, wann hier die Messe stattfand und dachte, es sei das Beste, am Haus zu bleiben. Da die Sonne schien, beschloß er, einen Gang über das Anwesen zu unternehmen.

Die Küchentür öffnete sich ohne Probleme und er trat in den Garten hinaus, wenn man dieses wilde Feld überhaupt einen Garten nennen konnte. Gras und alle erdenklichen Unkräuter standen fast hüfthoch, auch wenn einiges schon in den Herbststürmen abgeknickt worden war und braun am Boden lag. Inmitten des hohen Grases lagen gelegentlich alte Reifen, ein alter Autokotflügel, Holz und Glasscheiben. den Garten durchzog auf halber Höhe eine Fuchsienhecke, die wild und hoch unkontrolliert in alle Richtungen wuchs. Am Rande des Grundstückes stand ein alter wellblechgedeckter Schuppen, dessen Steinmauern tiefe Risse aufwiesen. Er öffnete die klapprige Tür, und ein unerträglicher Gestank nach Latrine kam ihm entgegen. Angeekelt schlug er die Holztüre wieder zu; hier konnte er auf gar keinen Fall, nicht einmal für ein paar Wochen, seine Toilette einrichten.

Er ging weiter durch den Garten, der sich noch ein gutes Stück den Hügel hinauf erstreckte. Am hinteren Ende des Gartens war er etwa auf der Höhe des Hausfirstes und konnte über das Haus nach Norden auf die sanften Hügel Wicklows blicken. In der Ferne schimmerte es blau, das mußte die irische See sein, etwas weiter links, unterhalb eines großen Sendemastes, lag Wicklow Town. Dies war ein unglaublich schönes Plätzchen Erde; er erinnerte sich, dass ihn im Sommer dieser Ausblick und die Lage des Hauses zum Kauf entschließen ließen. Ja, es könnte sehr schön werden hier draußen, wenn erst einmal das Haus bewohnbar war und er eine Arbeit gefunden hatte. Dublin war nur eine knappe Autostunde entfernt, sodass er als Stadtmensch auch auf die Annehmlichkeiten der Metropole nicht zu verzichten brauchte, sollte ihm einmal danach sein.

Auf der Straße näherte sich ein kleiner Lastwagen, der seine Fahrt verlangsamte und vor dem Haus stehen blieb. Ein älterer Herr mit einem Kranz von weißen Haaren, die in alle Richtungen abstanden, stieg aus, das konnte nur Billy sein. Er sah Michael und rief ihm zu, "Was für ein wunderbarer Morgen, wie geht es dir, hast du gut geschlafen oder die ganze Nacht Mäuse gejagt?" Er lachte und ging ihm entgegen: "Die Mäuse hatten Glück, dass es Guinness gibt…"

"Du hast einen schönen Garten, mit ein wenig Arbeit wird das hier alles wunderbar werden, du mußt nur schauen, dass die alten Bäume nicht komplett vom Efeu erdrückt werden, und, wenn ich du wäre, würde ich die Hecke herausnehmen. Sie hat früher einmal den Nutzgarten umrahmt, aber das ist lange her. Ohne sie hast du einen richtig großen Garten mit einer großen Wiese."

"Ich glaube, ich sollte erst einmal das Haus bewohnbar machen und mir eine Toilette einrichten, bevor ich an die Gartengestaltung denke," erwiderte er, "schau dir nur mal an, was ich für eine Toilette habe."

Billy blickte angewidert in das Dunkel des Schuppens. "Was du brauchst, ist ein Abwassertank mit Überlauf," sagte er, „dann kannst du dir ein Bad im Haus einbauen und mußt überhaupt nicht mehr in den Garten. Ich schicke dir Jimmy mit dem Bagger, der kann all diese Jobs, inklusive der Hecke, innerhalb von einem Tag erledigen. Sein Bagger macht das alles in Nullkommanichts, und dann kannst du wenigstens vernünftig planen. So kann man doch nicht leben. Hast du denn wenigstens Telefon?" Michael hatte gar nichts, und es war einfacher aufzuzählen, was er nicht brauchte…

Billy machte sich an die Elektrikanalyse. Er öffnete eine übertapezierte, halbhohe Türe in der Küche, und dahinter befanden sich Kabel in allen Farben und in unterschiedlichen Stärken, die zu einem Bündel zusammengebunden und in die Vertiefung gestopft worden waren. Er zog alles hervor, bis die Kabel herausquollen. Dann fing er an, sie nach Farben zu sortieren. Es gab eine ganze Menge loser Enden, denen er zunächst einmal keine Bedeutung beimaß. Die dicksten Kabel waren für ihn die wichtigsten. "Schau mal nach, ob alle Sicherungen aktiviert sind," rief er mir zu, "und dann schalte das Licht in der Küche an." Es tat sich nichts, das Licht blieb aus, Billy aber nahm eines der Kabel, das er zur Lampe gehörend identifiziert hatte, in die linke Hand und griff mit der rechten der Reihe nach die aus der Wand quellenden Kabel ab, bis der Stromstoß ihm die Zusammengehörigkeit der Kabel signalisierte. So ging es eine ganze Stunde weiter, eine elektrische Verbindung nach der anderen wurde auf diese Weise identifiziert, immer wieder zuckte Billy zusammen, wenn er den Stromstoß von 220 Volt spürte, seine dünnen, weißen Haare standen ihm zu Berge und sein Gesicht war nach einer Weile puterrot. Einige wenige Kabel blieben übrig, sie band er mit Klebeband ab und verkündete, sie seien für den Moment nicht wichtig, den Rest könne der Elektriker machen…

Mittlerweile war es Mittag geworden, die Sonne schien noch immer, und Billy verabschiedete sich, um zum Sunday Lunch nach hause zu gehen. "Ich schicke dir die Leute, die du brauchst, so schnell es geht," sagte er noch im Weggehen, dann war Michael wieder allein. Skeptisch beobachtete er die in der Wandvertiefung hängenden Kabel, die auf die ungewöhnlichste Art miteinander verbunden worden waren. In der Tat funktionierte alles recht gut, nur der Kühlschrank, den die Vorbesitzer ihm noch in der Küche hinterlassen hatten, schaltete sich parallel zur Küchenbeleuchtung ab. Aber damit konnte er erst einmal leben.

Den Nachmittag verbrachte er mit dem Ausladen des Busses - als es dunkel wurde, waren alle Habseligkeiten in den zwei Räumen im Erdgeschoß verteilt, die auch einen offenen Kamin hatten, denn er dachte sich, dass diese wohl am leichtesten zu beheizen seien. All sein Werkzeug lagerte er in der Küche, und dann ging er daran, die Haustüre so zu bearbeiten, dass er sie zumindest einmal schließen konnte. Er würde sie die nächsten Monate nicht mehr öffnen, sondern die nach Süden in den Garten weisende Küchentür benutzen.

In der Küche gab es auch den einzigen Wasserhahn im Haus, aus dem ein spärlicher Strahl kam. Dennoch kam er sich wie ein König vor, als er am Abend seinen Campingkocher angezündet und sich eine mitgebrachte Dosenmahlzeit zubereitet hatte. Auch die Sonne hatte ein übriges getan, der Raum war nun etwas wärmer und er bekam das Gefühl, hier so langsam sein Territorium abzustecken.