Bis zur Neige - Georg Grote - E-Book

Bis zur Neige E-Book

Georg Grote

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Beschreibung

Was tun, wenn die Diagnose negativ ist und der Doktor nur noch mit dem Kopf schüttelt? Sich dennoch in Therapie begeben, sich der Obhut der Fachärzte anvertrauen und weiter hoffen, dass es doch noch weitergeht? Oder aber einmal noch das Leben umarmen und auskosten? Das Motorrad satteln und eine Reise über den ganzen Kontinent, vom Osten Irlands bis nach Zentralanatolien unternehmen. Regen und Sonne auf der Haut spüren, Salzwasser schmecken, andere Menschen in ihren Lebenswelten antreffen und jeden Meter der Strasse mit der Neugier eines Kindes erfahren. Plätze wiedersehen, die ihm immer viel bedeutet haben und sich von ihnen zu verabschieden. Das war Carls Plan. Und dann trifft er auf der Strasse nach Piräus eine jungen Frau, und als sie auf das Motorrad steigt, offenbart sich ihm eine grosse Liebe. Ihre gemeinsame Reise über die griechischen Inseln und durch Kleinasien lässt ihn eine Zeitlang alles vergessen, was vor ihm liegt. Es ist dieses Glas voll des erfüllten Lebens, dass er bis zur Neige leert, komme was wolle... Eine packende Liebesgeschichte mit tiefen Einblicken in die Lebenskulturen Irlands, Südtirols, Griechenlands und der Türkei, die den Leser auf eine Reise durch das Europa der frühen 1990er Jahre mitnimmt und ihn mit detaillierten Beobachtungen und einer facettenhaften Sprache fesselt.

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EPUB
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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Georg Grote

Bis zur Neige

Eine Reise

© 2018 Georg Grote

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-4021-2

Hardcover:

978-3-7469-4022-9

e-Book:

978-3-7469-4023-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Idir Eatarthu, Ende Dezember 1995

Einige Tage nach diesen Ereignissen fuhr ich nach Irland; das dritte oder vierte Mal, glaube ich. Wir hatten beschlossen, das Haus zu verkaufen und recht bald einen Käufer dafür gefunden. Die Entscheidung war uns schwergefallen, aber unter den Umständen schien dies das Beste zu sein. Ich sollte nun den Verkauf vollziehen, einige persönliche Dinge meines Bruders zurück nach Deutschland bringen und den Rest, das Inventar, die Bücher, seine Motorräder und das Auto versteigern.

Ich hatte nie so recht verstanden, was ihn in diese abgelegene Ecke Europas gezogen hatte; für ihn, der so gerne durch Europa gereist war, war Irland die ungünstigste Ausgangsposition. Er mußte in Irland auch jenes mediterrane Flair vermißt haben, das er im Süden so geliebt hatte. Irische Sommer waren feucht, die Winter naßkalt und zugig, und er hatte mir oft erzählt, daß er seine Freunde in Deutschland und auf dem Kontinent vermißte.

Als ich an diesem feuchtkalten Morgen in den letzten Dezembertagen vom Flughafen zurückkehrte, die Eltern sicher auf dem Weg nach Deutschland wußte und das Auto in der Einfahrt abstellte, ging ich die wenigen Schritte zum Haus hinauf und empfand die Stille als gewaltig. Es war überwältigend ruhig hier, ein Ort, nicht von Motorlärm und schriller Hektik verunreinigt. Keine Hupe und kein dröhnender Lastwagen, keine Sirene störte die Ruhe im blassen Sonnenschein. Die kahlen Eichen bewegten sich leise knarrend, das Pampasgras raschelte und die langen spitzen Blätter der Palme am Tor zischelten über die Hauswand. Er hatte das Haus idir eatarthu genannt, ich glaube, das war gälisch und bedeutete ’zwischen den Welten’ – ganz passend für ihn, der sich nirgends so richtig zugehörig gefühlt hatte. An der Haustüre wurde ich von der kleinen Katze begrüßt. Sie muß sich sehr allein gefühlt haben, denn sie sprang an meinen Beinen hoch und bettelte darum, gestreichelt zu werden. Im Haus war es kalt, doch nachdem ich den Ofen in der Küche und den Kamin mit Torf gefüllt und angezündet hatte, verbreitete sich schnell eine wohlige Wärme.

Es war schwierig, wenn nicht unmöglich, aus diesem Haus, das angefüllt war mit Dingen, die mein Bruder von seinen Reisen mitgebracht hatte, den Mengen an Photographien an den Wänden, den alten Kameras, die er früher einmal gesammelt hatte, und den Büchern, die über das ganze Haus verteilt waren, irgendetwas besonderes herauszusuchen und mit nach Deutschland zu nehmen. Das ganze kleine Cottage war irgendwie so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, oder ein umfassendes persönliches Statement, das man nicht guten Gewissens sezieren konnte. Ich wußte auch nicht, wo die Grenze war zwischen Dingen, die ihn ausmachten und anderen, die er mitgebracht hatte und mit denen er sich in seiner kleinen Welt umgeben hatte. Idir eatarthu passte auch zum Sammelsurium von Reisemitbringseln. Um zu spüren, dass man sich in Irland befand, musste man schon aus dem Fenster sehen.

Am Nachmittag klingelte Frank an der Haustüre, und da es ein sonniger Tag war, fuhren wir hinauf in die Berge. Irgendwo in Glencree ließen wir den Wagen stehen und wanderten über den Grat in ein kleines, eher unscheinbares Tal. Es lag still in der fahlen Sonne eines irischen Wintertages. Ein kleiner Fluß rann durch die Senke, ansonsten gab es nicht viel, kein Haus, keine Straße, nur einen kleinen Pfad und ein paar niedere Bäume, die aus den verblühten Farnen hinausragten. Dieses flache Tal, so erklärte mir Frank, sei einer der Lieblingsplätze meines Bruders gewesen. In der Mitte dieses Tales, unter einem Schlehenbusch, waren einige der Natursteine derart dick mit weichem Moos überwuchert, daß sie einen bequemen Sitzplatz bildeten. Hier habe er oft gesessen und Frank vermutete, daß, wenn es einen Ort gegeben hat, an dem mein Bruder sich zuhause gefühlt hatte, es diese Stelle in den Bergen Wicklows gewesen war.

Frank schenkte mir eine Tasse heißen Tee aus seiner Thermoskanne ein und schlug vor, einige Minuten an dieser Stelle zu bleiben. Als ich unter diesem Schlehenbusch saß, den kleinen Fluß ein paar Meter weiter murmeln hören konnte und auf die karge, bräunliche Winterlandschaft mit den gelegentlichen hellen Stellen, die von dünnem Schnee zeugten, blickte, spürte ich den Frieden, der von diesen Bergen ausging. Nur wenige Kilometer von der Straße entfernt, aber weitab von der Zivilisation gab es hier nur noch die Natur, ein paar Tiere und den Wind, der jetzt von Osten in das Tal hineinpfiff und mich frösteln machte. Es war unwirtlich hier, so mitten im Winter, doch konnte ich die Liebe meines Bruders für diesen Flecken nachvollziehen, denn es war still in dieser Gegend, und nicht nur das, es war friedlich.

Wir fuhren zurück zum Cottage und tranken Wein. Er hatte diese Weinbauern in den Dolomiten gut gekannt, und hatte eigentlich immer einige Flaschen ihres Rotweines im Haus. Ich weiß nicht, wie er sie immer nach Irland transportierte, denn meistens war er mit dem Motorrad dort gewesen, und selten allein. Wir tranken viel Wein in dieser Nacht am lodernden Torffeuer. Wir redeten und verdrängten; Frank versuchte, den traurigen Ereignissen etwas Positives abzugewinnen, erzählte, wie erfüllt das Leben meines Bruders doch gewesen war, und wie glücklich, wiewohl natürlich viel zu kurz. Er hatte Recht, letztlich weinten wir um uns, nicht um ihn, doch man verliert nun mal nicht allzu oft einen Bruder. Nachdem Frank gegangen war, wurde die Stille wieder allgegenwärtig. Es gab kein Telefon mehr, - und was war dies für eine Erholung für mich, der ich ständig mit meinem Mobiltelefon umherrannte um in Kontakt mit meinen Kunden zu sein - und selbst der im Kamin verbrennende Torf brannte lautlos. Ich begann langsam zu verstehen...

Am nächsten Morgen verdrückte ich ein kurzes Frühstück in einer winterlich-kalten Küche, denn ich hatte vergessen, den Ofen für die Nacht zu füllen. Mit einer Tasse heißen Tees in der Hand trat ich hinaus in den Sonnenschein und öffnete die blauen Holztore des kleinen weißen Schuppens. Die fahle Morgensonne schien auf die beiden alten, schwarzen Motorräder. An eines war ein großer, altertümlicher Seitenwagen mit einem Reserverad am Heck angeschlossen. Wicklows Spinnen hatten bereits Besitz von den Maschinen genommen und begonnen, ihre Netze von den Lenkern zu den Schutzblechen und hinunter zu den Zylindern zu spinnen. Die alten BMWs waren schön, und ich erinnerte mich, wieviel Arbeit ihn die Aufarbeitung der Maschinen gekostet hatte. Ich hatte mir nie viel aus Motorrädern gemacht; selten einmal hatte ich auf einem gesessen, wußte nur, daß sie eigentlich viel zu gefährlich für den heutigen Verkehr sind.

Das Gespann sah aus, als sei es gerade erst aus dem Süden zurückgekehrt; daß der gelbliche Staub auf den Schutzblechen, der Lampe und dem Beiboot konnte nicht von den Straßen Irlands stammen. Der Zündschlüssel steckte in der Lampe und auch der Tankrucksack war noch auf dem Tank festgezurrt, und als ich ihn öffnete, fand ich darin ein paar Schraubenschlüssel, Klebeband und einige zerlesene Bücher, Plays, Poems and Prose by John Millington Synge, A Time of Gifts und Travelling with Chatwin, englischsprachige Bücher, die mir nichts sagten und deren Autoren ich nicht kannte. Die Kartentasche war aufschlußreicher, sie war angefüllt mit Straßenkarten Italiens, Griechenlands und der Türkei. Über alle Karten spann sich ein schmaler, schwarzer Strich, der nur selten einmal über eine Autobahn oder eine Nationalstraße lief, sondern sich meist über kleine und kleinste Nebenstrecken zog und schlängelte. Das muß seine Tour im Sommer gewesen sein; er hatte mir bei unserem letzten Treffen davon erzählt.

Unwillkürlich mußte ich lachen; als Junge schon hatte er die alten Straßenkarten, die unser Vater nicht mehr brauchte, genommen und darauf imaginäre Reisen unternommen. Mit einem Filzstift fuhr er so von München bis nach Indien und von Casablanca bis nach Kapstadt. Eine seiner Reisen auf einer alten Karte, die ihm unser Großvater gegeben hatte, führte vom Niederrhein bis nach Königsberg, und ich erinnere mich noch lebhaft an sein Unverständnis widerspiegelndes Gesicht, als unser Vater ihm erklärte, daß er wohl nie über Land bis nach Königsberg reisen könne, denn dazwischen seien Grenzen, die unüberwindlich seien. Das muß irgendwann in den siebziger Jahren gewesen sein, ich war vielleicht erst fünf oder sechs, doch gehört diese Episode zu den ersten Erinnerungen, die ich mit ihm verbinde.

Und jetzt stand ich hier, an einem kalten Dezembermorgen, im Schuppen und las in den Straßenkarten der Türkei die Spuren unserer Kindheit. Entlang der schwarzen Linie gab es gelegentlich kleine Eintragungen, zwischen Athen und Piräus etwa steht 'Nadine', - wer ist Nadine? - südlich von Pisa in der Nähe des Flughafensymbols stehen zwei Daten '3.7.' und '18.7.' und ein Name, 'Lisa'; das war einfacher, denn er war schließlich mit ihr in Italien gewesen. Ich habe sie nie kennengelernt, seine irische Freundin, von der er sich, so sagt Frank, direkt nach seiner Rückkehr nach Irland getrennt hatte, doch Frank beschreibt sie als 'nice girl', rothaarig, klein und sehr unscheinbar, aber wohl eine lustige Person, lustig auch ihr gemeinsames Auftreten - sie knapp über 1,50 m und er stattliche 2 m groß.

Die Türkeikarte trägt viele Vermerke, und nicht alle sind von ihm. Die andere Schrift ist größer, die Buchstaben steiler und nach rechts geneigt. Im Beiwagen liegen ein paar Muscheln und ein großer Metallkanister mit Olivenöl.

Es muß letzten Endes alles noch wesentlich schneller gegangen sein als der Arzt andeutete, denn überall sieht es nach einem unterbrochenen Leben aus: die Übrigbleibsel der Reise hier in diesem Beiboot, die unkorrigierten Hausarbeiten einiger Studenten auf dem Wohnzimmertisch, die Berge von ungeordneten Photos auf seinem Schreibtisch. Sogar der Ofen war bei unserer Ankunft noch voller Asche gewesen.

Auf dem Schreibtisch lag auch die Post, die sich in den letzten Wochen im Briefkasten angesammelt hatte: Post von der Telefongesellschaft, die, da die Rechnung nicht bezahlt wurde, das Telefon abgeklemmt hatte, Postkarten von Freunden aus Deutschland, die auf irgendwelchen Skihütten ihre Wintertage verbrachten und zwei Briefe mit derselben steilen Handschrift, die ich schon auf der Landkarte gesehen hatte.

Er hatte niemandem etwas gesagt, selbst den besten Freunden nicht, auch uns, der Familie hatte er keine Zeile gegönnt, uns keine Chance gegeben, ihn zu trösten und ihn in den letzten Wochen zu begleiten. Dabei hatte er es schon länger wissen müssen; eine schleichende Krankheit kommt nicht so einfach über Nacht. Ja, ich bin sogar überzeugt, daß er, als wir uns das letzte Mal in Deutschland trafen, an einem späten Augustnachmittag zum Geburtstag unserer Eltern und er, braungebrannt und wie üblich im Mittelpunkt der Gesellschaft von Verwandten und Freunden der Eltern stehend, ganz genau gewußt hat, daß es das letzte Mal für ihn sein würde. Er scherzte mit allen und stritt mit unserem Onkel, dessen Ansichten er nie teilte, egal über was sie redeten - manchmal dachte ich, die beiden machten sich einen Sport aus ihren Meinungsverschiedenheiten -, er grillte ganze Berge von Würstchen auf dem offenen Grill hinten im Garten, um die große Gesellschaft satt zu bekommen und balgte mit Janosch, meinem kleinen Sohn, herum, den er fast wie sein eigenes Kind behandelte.

Das war im Sommer gewesen, und unter den Photos auf seinem Schreibtisch fand ich einige, die von diesem mir als unbeschwert und fröhlich in Gedächtnis haftengebliebenen Tag in unserem Elternhaus am Niederrhein erzählten. Ein schönes Bild, dieser Riese mit dem winzigen Eineinhalbjährigen auf den Schultern...

Andere Photos sprachen von südlicher Sonne, den Alpen und Kleinasien, toskanischen Häuserfronten, einem Motorradgespann vor dem Petersdom in Rom, einer kleinen, rothaarigen Irin - ich tippe auf Lisa - über einer Tasse Cappuccino, einem Weingut in den Dolomiten, lachenden Menschen (die ich nicht kannte) an einem Bergsee, einer Fronleichnamsprozession in Polen, tuffsteinernen Kegeln in Kappadozien, Bergen von Melonen und silbernen Fischen in einem Hafen etc., - gesammeltes Strandgut eines Urlaubs eben.

Ich fand auch mehrere vollgeschriebene Notizbücher, offenbar Reisetagebücher, und fing an, in ihnen zu blättern. Sie gaben den ganzen Bildern plötzlich Sinn, bildeten gleichsam den Pfad durch die Hügel der Photos vor mir. Nachdem ich die Notizbücher gelesen hatte, beantworteten sich meine Fragen wie von selbst, ich erfuhr, wer die Menschen auf diesen Bildern waren, und welche Rolle sie in den letzten Kapiteln des Lebens meines Bruders gespielt hatten. Und mehr noch; sie gaben mir Einblicke in sein Denken und sein Fühlen und haben ihn mir nähergebracht als wir in den letzten Jahren je gewesen waren.

Ich weiß, daß sie nicht dazu bestimmt waren, von mir gelesen zu werden, doch welchen Unterschied macht das jetzt noch? Wer würde sie lesen, wenn nicht ich? Nachdem ich sie gelesen hatte, öffnete ich auch die beiden Briefe, denn ich wußte nun, wer sich dahinter verbarg - Nadine -, und ich glaube, daß sie um die Geschehnisse wissen sollte. Ihre Briefe fragten, warum er sich zu Weihnachten nicht gemeldet habe und ob sie sich, wie verabredet, denn in ihren Semesterferien in Irland treffen würden, und ob denn das Telefon kaputt sei...?

Warum tat er mir das an? Er hätte doch zumindest ihr ein paar Zeilen zukommen lassen können, irgend etwas, mir irgendwie die Verantwortung abnehmen müssen. Dies ist der einzige Punkt, den ich nicht verstehe, der mir absolut unverständlich bleibt, nachdem ich seine Notizen gelesen hatte.

Dennoch: Ich habe mir die Mühe gemacht, seine handschriftlichen Notizen mit der Schreibmaschine zu tippen. Es war eine ganze Menge Arbeit, und der Verkauf des Hauses verzögerte sich um einige Wochen. Meine Frau hatte wenig Verständnis dafür, daß ich noch einige Zeit hier in Irland brauchte, um alles zu einem Abschluß zu bringen, und ich kann es ihr auch nicht verübeln immerhin steht sie mit dem Geschäft im Moment alleine da. Doch ich wollte hier einen Schlußpunkt setzen, in diesem Haus in den Hügeln, das er allein wieder renoviert und bewohnbar gemacht hatte in jenem Winter vor zwei Jahren. Ich weiß noch nicht einmal, ob sich irgendjemand für die Geschichten meines Bruders interessieren wird, so voller Brüche, wie ich sie hier vorfinde und aufschreibe. Er hat wenig Korrekturen angebracht; während der Reise durch Italien spricht er oft von 'wir' und hat dies später durch ein 'ich' ersetzt - er war nicht allein auf dieser Reise, Lisa war mit ihm, doch wollte er wohl den Eindruck vermitteln, daß er allein reiste. Warum, weiß ich nicht.

Er hat viel zurückgelassen, eine Unmenge Gedichte, von denen nur ganz wenige jemals die Kritik eines Verlegers überlebten und in Zeitungen gedruckt wurde. Doch diese drei Notizbücher, die ich im Folgenden so wiedergebe, wie ich sie hier vor Augen habe, möchte ich bewahren, denn ich fand unter dem Berg von Photos, die auf dieser Fahrt durch den Süden entstanden, eines, das ihn und eine junge Frau zeigt. Offenbar ein Photo, das mit dem Selbstauslöser aufgenommen wurde: Man sieht ihre Schultern und ihre Gesichter, dahinter das blaue Meer und ein wenig Küste mit weißen Häusern. Und sie lachen, beide lachen sie in die Kamera hinein, sie sind schön und ich weiß, daß sie glücklich sind in diesem Augenblick; ihre schwarzen Haare umgeben ihr fremdländisches, dunkelhäutiges Gesicht wie eine Wolke und scheinen wie bewegt in einer leichten Brise vom Meer. Er hat diese Lachfalten um die Augen, die ich nur in jenen seltenen Momenten an ihm bemerkte, wenn er gelöst und befreit von allen Gedanken war.

Dieser Moment des Glücks, den ich an ihm in den letzten Jahren so selten gesehen hatte, ist mir die ganze Mühe des Schreibens wert, und wann immer ich in diesen Wochen, die mich das Tippen auf der alten Schreibmaschine gekostet hat, an meiner Mission zweifelte, sah ich auf und in dieses Photo hinein und wußte, daß es richtig war, diesen oft unzusammenhängenden Gedanken und den Erlebnissen der Reise meine Aufmerksamkeit zu widmen - das vielleicht Einzige und Letzte, das ich für meinen Bruder tun kann, um ihn vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Es wäre schön, wenn auch Janosch einen Eindruck von ihm bekommen könnte...

I. Toskanische Hügelstädte

Irland im Juni zu verlassen, ist eigentlich keine besonders gute Idee, noch dazu, wenn man erst vor recht kurzer Zeit dem Drang nach Natur und Menschlichkeit gefolgt ist und dorthin übergesiedelt ist. Kaum sind die Monate vergangen, in denen man ein altes Haus wieder bewohnbar gemacht hat, kaum der erste Sommer auf dem Lande vorbei, der zweite Winter in genießerischer Einsamkeit, da zieht es einen wieder hinaus in die Welt. Man ist wieder neugierig auf den Kontinent, das Leben in anderen Ländern und dann ist da noch der Reiz des Südens, die Wärme abendlicher Steinmauern, die farbliche Intensität frischer Salate, kurze Schatten unter Olivenbäumen, verdorrtes Gras und türkisfarbenes Wasser.

An einem Morgen in den ersten Junitagen früh um fünf Uhr ist es dann soweit, man steht einmal mit der Sonne auf - ich habe sogar Glück, daß sie scheint - und realisiert, was man sich so oft vorgenommen hatte und ebenso oft nicht in die Tat umgesetzt hat: die Natur zu jeder Jahreszeit und auch zu jeder Tageszeit zu erleben. Man steht auf und weiß, daß man wieder reisen wird, wochenlang unterwegs sein wird. In diesem Bewußtsein geht man durch die gewohnten Räume, füttert die kleine Katze, packt einige letzte Dinge in den Tankrucksack, genießt den süßen, dampfenden Tee mit viel Milch, legt die Reisekleidung an und geht hinaus. Das Leder ist noch kühl auf der Haut, die Schlüssel bekommen für die nächsten Wochen ihren Platz in den Taschen der Jacke, ebenso die Brieftasche. Die Handgriffe sind mechanisch, ebenso das Anlegen des Halstuches - zweimal um den Hals, der Knoten vorn, das Tuch unter den Kinnriemen des Helmes - dann das Tupfen des Startvergasers, bis das Benzin aus dem Überlauf auf den Schalthebel tropft, ein beherzter Tritt und ein dumpfes Grollen verkündet den Beginn der Reise. Ein Winken zurück zum leeren Haus und der Katze auf der Steinmauer, dann geht es hinaus in den Morgen, auf die Straße, erst etwas nach Osten in die Sonne und dann Richtung Süden...

Irland um halb sechs in der Frühe ist selbst im Sommer ein Land ohne Einwohner. Grün rauscht die Landschaft vorbei, der Morgentau liegt wie ein weicher Schleier in der Luft. Die Luft ist sanft und so sauber, daß man die Brille noch nicht über die Augen schiebt. Die Siedlungen ziehen an den Augenwinkeln vorbei, überall würde man sie Dörfer nennen, hier heißen sie Städte, Arklow, Gorey, Wexford... Wenn man keine persönlichen Erinnerungen an sie hat, bedeuten sie nichts. Die wenigsten irischen Städte haben ein Gesicht, eine Persönlichkeit, visuelle Signifikanz. Menschen versammeln sich in ihnen, um hier zu leben, wir befinden uns nur einen Schritt diesseits der Subsistenzwirtschaft, noch dazu in einem armen Land, in dem Prachtbauten allenfalls ein koloniales Gesicht tragen. Irische Kultur manifestiert sich nicht in der Architektur, sondern in Sagen, Gedichten, Märchen, Musik und Tanz.

In Wexford denke ich an die Nacht im Theatre Royal, die Musik auf der Bühne, die 'Chips' an einer mitternächtlichen Imbißbude mit viel Salz und wenig Essig - und den Regen auf der dunklen Landstraße auf dem Weg nach Hause.

Jetzt, am frühen Morgen, scheint die Sonne in die Gassen; das Brummen der Maschine hallt von den Häuserwänden wider, und ich bin schnell wieder inmitten des hügeligen Grüns. Von Wexford nach Rosslare ist es nur ein Katzensprung, dann, nachdem man einige Plakate mit bunten Schiffen auf blauem Hintergrund passiert hat, kommt man über eine Kuppe und sieht eben jenes Blau verheißungsvoll in der Morgensonne glitzern. Rosslare scheint nicht viel mehr als ein Schiffsanleger zu sein, die Straße windet sich hinab und man merkt plötzlich, daß es auch noch andere Reisende gibt; sie warten bereits in der Schlange vor dem großen Lademaul des Schiffes.

Ich stelle mich - behaglich fröstelnd - dazu, warte auf meinen Moment und rolle in das schwarze Loch.

Es ist noch Zeit bis zur Abfahrt, Zeit, die Küste zu beobachten: die flache Linie bis zum nördlichen Horizont, die Hügel in der Entfernung, einige kleine Rauchwölkchen aus den niedrigen Häusern unweit des Hafens. Die Luft riecht nach Torf und nach Schiffsdiesel - je nachdem, in welche Richtung ich meine Nase halte. Die Schiffsluke unter mir scheint alle diese Fahrzeuge unbeeindruckt zu schlucken, Reisebusse, Lastwagen mit Containern und Pferden, Schafen und Schweinen, Personenwagen mit und ohne Anhänger und die Gruppe von Pfadfindern, die vorhin schon kindlich aufgeregt und staunend um mein altes Motorrad herumgestanden sind. Der Decksausgang speit sie jetzt alle wieder aus, in Gruppen, von ihren Leitern nur mühsam zusammengehalten, rennen sie über das Deck und an die Reling, um den Moment des Ablegens nur ja nicht zu verpassen.

Später, auf See, sitze ich noch immer in der wärmenden Morgensonne, esse mein mitgebrachtes Frühstück und beobachte die Leute, wie sie mit ihren Kameras die verschwindende Küste festhalten, wie sie geschäftig herumlaufen, obwohl es hier doch garnichts zu tun gibt bis, in einigen Stunden, die Leinen auf der anderen Seite wieder ausgeworfen werden. Sie bewegen sich hier genauso schnell und zielstrebig wie in der Stadt, laufen von der Reling zu ihrer Bank und wieder zurück zur Reling, Väter mit Söhnen, ein älteres Ehepaar und wieder die Pfadfinder. Die Formen scheinen sich zu verselbständigen, man geht schnell und bestimmt, weil man es gewohnt ist, schnell und bestimmt zu gehen - die Maske wird zur Identität.

Ich lese Max Frisch und mich stört nichts; ich bin froh, wieder unterwegs zu sein, mit dem Inhalt meiner beiden Koffer wochenlang ungebunden zu sein.

Eine Fahrt an einem sonnig-warmen Tag durch Essex, Sussex, Somerset und Devon ist ein wunderbares Vergnügen. Sobald man die großen Straßen verläßt, betritt man ein England, wie man es aus den Reisebeschreibungen früherer Jahre kennt, die Konturen der Landschaften sind weich und mild, die Straßen verspielt und kurvig, einige Landsitze scheinen den Süden vorwegzunehmen. Über Meilen folge ich einem alten Wolseley, wiewohl ich viel schneller sein könnte und sehe die Gegend wie in einem Film, von hinten sieht der Fahrer beinahe aus wie Anthony Hopkins auf seinem Weg in das 'west country' in der Verfilmung von Ishiguros Remains of the Day. Bath bietet eine Idee von städtischer Kultur, beschwört die römische Antike mit seinen warmen Bädern; weiter südöstlich dann Southampton und Brighton und andere kleinere Seebäder, deren kilometerlange Uferpromenaden von unendlichen Spielhallen entstellt sind.

Irgendwo dort übernachte ich. Die Wirtsfrau will wissen, woher aus Irland ich denn komme und wie weit das denn von Belfast entfernt ist. Ihr Sohn sei dort stationiert, doch seit dem Waffenstillstand im vergangenen Sommer könne er sich endlich mehr seinem Hobby, dem Golfspielen widmen, und dafür sei Irland ja doch so bekannt, oder?