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Als Juliana Issots Patentante sie einlädt, den Weihnachtsmonat auf einer Hausfeier in Yorkshire zu verbringen, fühlt sich Juliana aus Zuneigung gezwungen, zuzusagen. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie Yorkshire bei der ersten Gelegenheit verlassen hat, um sich in London eine glanzvollere Partie zu sichern, und dass der einzige Heiratskandidat in ihrer Heimat ihr Spielkamerad aus Kindertagen, Willelm, ist. Willelm Armitage ist in Yorkshire geboren und aufgewachsen, und wenn es nach ihm geht, gehört Juliana ebenfalls hierher – an seine Seite. Doch als er es einmal wagte, sie davon überzeugen zu wollen, gab sie ihm rasch einen Korb und ließ ihn daran zweifeln, ob sie wirklich die rechte Wahl für ihn ist. Denn wenn sie nicht erkennt, wie gut sie zueinanderpassen, warum sollte er sie dann vom Gegenteil überzeugen? Eine weihnachtliche Hausfeier mit Spielen, Scharade, Pudding, Reiten und Weihnachtsliedern ist, wie sich herausstellt, genau das Richtige, um Juliana daran zu erinnern, wie sehr sie Yorkshire liebt. Doch wird sie sich eingestehen können, dass Willelm die Sehnsüchte ihres Herzens besser kennt als sie selbst, wenn ihre Nostalgie in Liebe umschlägt?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Copyright © der Originalausgabe 2021 by Jennie Goutet
Copyright © 2024 der deutschen Ausgabe by Jennie Goutet, Paris, France
English Title : A Yorkshire Carol
Übersetzt von Philis Schröer
Bucheinband-Design von Blue Water Books
Kapitel 1
Liebe Temperance
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Liebe Temperance
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Liebe Temperance
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Liebe Temperance
Danksagung
Bücher von Jennie Goutet
Über den Autor
Rod Stormes gewidmet – Du bist fantastisch, und ohne Dich hätte es nie geklappt.
London, den 22. November 1815
„Oohoo!“, rief Mrs. Issot aus und winkte ihrer Tochter mit einem Brief zu, als sie den kanariengelben Salon ihres bescheidenen Londoner Hauses betrat. Juliana saß auf einem Polstersofa und löste geistesabwesend einen Knoten aus dem braunen Fell ihres Terriers, während sie einen seltenen und herrlichen Moment mit einem Roman genoss. So sehr sie in der Londoner Gesellschaftsszene auch aufblühte, ihren Seelenfrieden konnte Juliana nur im Alleinsein finden.
„Deine Patentante hat dir geschrieben und dich eingeladen, Weihnachten in Yorkshire zu verbringen, da sie dieses Jahr nicht in London sein kann. Und ich denke wirklich, dass du ihre Einladung dieses Mal annehmen musst.“
Resigniert über den Verlust ihrer Ruhe, klappte Juliana das kleine, in Leder gebundene Buch zu und legte es auf den Beistelltisch, während ihr Hund ein Ohr anhob und den Eindringling anschielte.
„Denkst du, Mutter?“ Sie wusste, dass ihr Tonfall nicht ermutigend war, doch das ließ sich nicht ändern. Sie liebte ihre Patentante, zog es jedoch vor, ihre Besuche auf London zu beschränken, wo es zumindest etwas Neues zu erleben gab.
„Das tue ich. Dreimal hat sie dich eingeladen, sie vor Beginn der Saison nach Yorkshire zu begleiten, und dreimal hast du sie abgewiesen. Wenn du Mrs. Saviles Einladung nicht annimmst, wird sie schlussendlich ihre Verantwortung für dich ablegen. Außerdem musst du zugeben, dass es nichts Schöneres gibt als Weihnachten in Yorkshire.“
Mrs. Issot, eine füllige und weniger lebhafte Version ihrer rothaarigen Tochter, setzte sich Juliana gegenüber und befühlte die Teekanne auf dem Tisch vor ihr. Ihr Inhalt war kalt, und sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
„Ich möchte meine Patentante nicht kränken, doch vielleicht lässt es sich nicht vermeiden“, erwiderte Juliana, pikiert darüber, gezwungen zu werden. „Wenn sie nur unter der Bedingung zufrieden mit mir ist, dass ich in bitterer Kälte nach Yorkshire reise, könnte man sich fragen, ob es sich lohnt, eine solche vorbehaltliche Zustimmung zu erhalten.“
„Juliana, du weißt, dass du ungerecht bist.“ Mrs. Issot runzelte die Stirn, und Juliana wusste, dass ihre Mutter aus Pflichtgefühl gegenüber der wohlhabenden Nachbarin aus Yorkshire, die sich vor zweiundzwanzig Jahren bereit erklärt hatte, als Patin für Juliana zu fungieren, bestrebt war, absolute Rücksichtnahme zu zeigen. „Mrs. Savile hat dir höchst gnädig ihre Aufmerksamkeit geschenkt … ist eine freundliche und großzügige Patentante. Wenn du ihr im Gegenzug jedes Jahr zu Weihnachten nichts als ein besticktes Taschentuch schenkst …“
„Ich verabscheue die Stickerei und halte den Akt des Stickens für ein ausreichend kostbares Geschenk.“ Juliana erhob die Augen und warf ihrer Mutter einen schelmischen Blick zu.
„Bitte, meine Liebe. Hör auf zu scherzen. Ich weiß, dass du die Hälfte der Dinge, die du sagst, nicht so meinst, doch andere könnten durch ein Verhalten, das sie für zu forsch halten, abgeschreckt werden.“
Juliana meinte die Dinge, die sie sagte, sehr wohl, pochte jedoch nicht darauf. Ihre Mutter war aus einem anderen Holz geschnitzt, und während Juliana verkündete und entschied, schmeichelte und besänftigte ihre Mutter, überredete und verhätschelte.
„Nun gut, Mutter. Doch du musst gestehen, dass du trotz deiner erklärten Liebe zu Yorkshire die vergangenen drei Weihnachten nicht dort warst, um es zu genießen.“
Mrs. Issot sah einen Moment lang entmutigt aus, ehe sie sich sammelte. „Nun, für jemanden in meinem Alter ist es wohl kaum zumutbar, im Winter derart weit zu reisen, aber das trifft auf dich wohl kaum zu. Wenn du bei rauem Wetter darauf bestehst, mit Hazel spazieren zu gehen oder mit deinem Araber auszureiten?“ Das Gesicht ihrer Mutter hellte sich auf. „Ach, das gäbe es auch noch. Du könntest Willelm Armitage auf Lord Darlingtons Fuchsjagd begleiten – oder vielleicht veranstaltet er ja dieses Jahr seine eigene.“
Juliana ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, als ihr die Erinnerung an die letzte Fuchsjagd in Yorkshire in den Sinn kam. Bei dieser Jagd hatte Willelm sie nach ihrem Sprung über eine Steinmauer ob ihrer Tollkühnheit angeschrien und sich anschließend mit ihrem Können gebrüstet, als er dachte, sie könnte es nicht hören. Die Aussicht klang in der Tat verlockend. Seit sie nach London gekommen war, hatte sie an keiner einzigen Jagd teilgenommen – sie hatte nicht einmal mit den anderen Damen eine von einer Kutsche aus verfolgt. Zweimal war sie zu Weihnachten zu Hausfeiern eingeladen worden, doch mit der Meute zu jagen hatte nicht auf der Liste der Vergnügungen gestanden.
Ihre Mutter, die nicht klug genug war, dieses Argument ihre Arbeit vorantreiben zu lassen, fuhr fort. „Ich habe nie verstanden, warum du und Willelm nicht zueinandergefunden habt. Du hattest drei Saisons, meine Liebe, und hast niemanden gefunden, der zu dir passt, warum also nicht ihn? Ihr seid bereits befreundet, also musst du nicht befürchten, dass er ein unangenehmer Ehemann sein könnte. Und Mrs. Savile hat mir versichert, dass er dabei helfen wird, das Fest auszurichten. Vielleicht …“ Sie ließ das Wort in der Luft hängen.
„Meine Patentante muss in einer Traumwelt leben, wenn das ihre Absicht dabei ist …“ Juliana hielt inne, als sie den schockierten Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah. „Es tut mir leid, Mutter. Du brauchst mich nicht zu schelten, denn ich weiß, dass es unrecht von mir war, das zu sagen – aber sie kann nicht glauben, dass wir zusammenpassen. Will und ich sind befreundet, seit ich in den Kinderschuhen steckte, und nicht ein einziges Mal kam uns der Gedanke, einander zu heiraten.“
„Nun, es ist schade, dass das nicht der Fall ist, denn ich glaube, ihr würdet sehr gut zueinanderpassen, abgesehen davon, dass er dir in der Welt voraus ist. Ich würde dich zu gerne gut verheiratet sehen.“ Mrs. Issot drehte sich auf ihrem Stuhl herum, um hinter sich zu schauen. „Soll ich nach mehr heißem Wasser läuten? Nein, ich nehme an, wir werden bald genug zu Abend essen. Aber ich spüre einen Luftzug.“
Juliana schob Hazel vom Sofa auf den Boden und erhob sich. „Ich werde nach heißem Wasser läuten.“ Vielleicht konnte sie ihre Mutter von der unwillkommenen Yorkshire-Mission ablenken. Sie wartete, bis der Lakai kam, gab ihm Anweisungen und nahm dann wieder Platz.
„Ganz gleich, was mit Willelm geschieht, ich glaube, du musst nach Yorkshire reisen, wie ich bereits sagte. Du hast drei ihrer Einladungen abgelehnt, und zwar mit den fadenscheinigsten Ausreden. Mrs. Savile wird noch denken, dass du dir nichts aus ihr machst, und das wäre geradezu grausam, nach allem, was sie getan hat, denn sie wird vielleicht nicht mehr lange auf dieser Welt weilen.“
Juliana zog bei dieser überraschenden Behauptung die Augenrauen zusammen. Ihre Patentante war von viel zu stiller Natur, als dass sie sich beschweren würde, wenn ihr Leiden nicht bedeutend wäre. Und so wenig Juliana auch Gefallen an einem Besuch in Yorkshire fand, sie wollte nicht, dass ihre Patentante erkrankte – oder Schlimmeres.
Mrs. Issot hatte begonnen, den Brief zu überfliegen und deutete auf das Gekritzel in der Mitte der Seite. „Sieh nur, hier steht: ‚Ich kann nicht mehr so gut laufen wie früher und bin tagelang an mein Wohnzimmer gefesselt. Die Welt scheint zeitweilig stillzustehen, als gäbe es nichts mehr, was mich dafür begeistern könnte, in ihr zu leben.‘“
„Nun, wenn dich das nicht überzeugt“, fügte ihre Mutter hinzu und durchbohrte Juliana mit ihrem Blick. „Du hast keine festen Pläne. Zudem glaube ich nicht, dass du in Bezug auf deine Patentante nachlässig zu sein wünschst.“
Juliana schüttelte den Kopf, ernüchtert von der Nachricht. „Natürlich nicht.“
Sie verstummte. Sie hatte nicht wirklich Pläne, obgleich sie gehofft hatte, über Weihnachten auf das Anwesen ihrer Freundin eingeladen zu werden. Caroline Fulham hatte eine Liste mit Vergnügungen für den Fall erstellt, dass ihr älterer Bruder, ein höchst guter Fang, beschließen sollte, eine Weihnachtsfeier auszurichten. Mr. Fulham hatte alles, was eine junge Frau sich nur wünschen konnte – er war humorvoll, beliebt, gut aussehend … solvent. Doch es war keine Einladung eingetroffen, und nun war bereits Mitte November. Julianas Alternative wäre das Kindermädchen für die Mädchen ihrer Schwester Lisbeth zu spielen, welche in kleinen Dosen sehr charmant waren.
Das erinnerte Juliana daran, dass sie bald eine dritte Nichte oder einen dritten Neffen bekommen würde, was sicherlich bedeutete, dass sie allein nach Yorkshire reisen müsste.
„Du wirst mich jedoch nicht begleiten, nicht wahr? Nicht, wenn Lisbeths Niederkunft so kurz bevorsteht.“ Juliana hob eine Augenbraue und schüttelte den Kopf, da sie die Antwort bereits im Gesicht ihrer Mutter lesen konnte. „Und nicht bei dieser Kälte. Und Vater?“
„Dein Vater wird nicht wissen, wie er das Haus in Hutton Conyers ohne mich verwalten soll. Ich fürchte, du wirst mit Betty reisen müssen.“
Juliana seufzte hörbar, auch wenn es sich nicht ziemte. Das Allerletzte, was sie wünschte, war nach Yorkshire zurückzukehren, das sie gemieden hatte, seit sie vor drei Jahren für ihre erste Saison nach London geflohen war. An Yorkshire gab es nichts auszusetzen; es war schlicht nicht sehr aufregend. Und seit ihrer ersten Saison war sie davon überzeugt, dass eine Heirat mit jemandem, der ein geräumiges Haus in London besaß, in einer mondänen Gegend wohnte und Zugang zu den besten gesellschaftlichen Beschäftigungen hatte, ihr höchst gut gefallen würde. Sie hatte kein Interesse an einem Leben als alte Jungfer, welches für sie allmählich zur Realität zu werden drohte. Und auf der Weihnachtsfeier ihrer Patentante würde es vermutlich keine geeigneten Männer geben. Doch wenn es ihrer Patentante tatsächlich schlecht ging und Juliana nicht anderweitig eingeladen war, musste der Besuch stattfinden.
„Nun gut. Ich werde ihr schreiben und meine Zusage geben.“ Das Aussprechen der Worte fühlte sich wie ein Todesurteil an, doch ihre Mutter lächelte nur.
„Ich bin sicher, du tust das Rechte. Du kannst doch wohl kaum den Pudding und die traditionellen Weihnachtsstücke und Spiele vergessen haben … Es ist uns nie gelungen, all diese herrlichen Traditionen einzufangen, wenn wir in London Weihnachten feiern. Und du kannst den wirklich köstlichen Yorkshire-Pie wieder essen!“
Das aufgeregte Geplapper ihrer Mutter trübte Julianas Stimmung nur noch mehr.
„Lies den Brief selbst. Sie hat dich zum Nikolaustag eingeladen, der, ehe du dich versiehst, vor der Tür stehen wird. Ich werde deinem Vater sagen, dass er dir einen Platz in der Postkutsche besorgen soll, und Betty mit dem Packen deiner Truhen beginnen lassen.“
„Bleib und warte auf dein heißes Wasser, Mutter. Ich werde mit Betty sprechen, und du kannst es Vater beim Abendessen sagen, falls du meine Kapitulation nicht vorhergesehen und es bereits getan hast. Ich muss in vierzehn Tagen abreisen, wenn ich zu Nikolaus ankommen soll.“ Juliana freute sich wenig auf die Vorbereitungen, obgleich der Gedanke, dass zumindest ihre Garderobe beneidenswert war, sie ein wenig aufmunterte.
Der Lakai kam mit dem heißen Wasser, und Juliana ließ ihre Mutter allein, damit sie ihren Tee trinken konnte. Sie trat in den Korridor hinaus, Hazel vor sich, und ging die Treppe hinauf, wobei sie ihre Hand über das glatte Mahagonigeländer gleiten ließ. Zum ersten Mal seit vielen Monaten dachte sie an ihren alten Freund, Willelm Armitage. Er war eher in Lisbeths Alter, doch aus irgendeinem Grund hatten sie nie mehr als bloße Höflichkeiten ausgetauscht, während es eine Zeit gegeben hatte, in der er und Juliana unzertrennlich gewesen waren. Sie vermutete, dass es daran lag, dass Lisbeth nicht gerne ritt und nicht gerne lachte. Willelm liebte beides.
Juliana schrieb ihm natürlich nicht, da sie weder blutsverwandt noch verheiratet waren. Sie hielt das allerdings für eine alberne Regel. Sicherlich konnte eine Frau einem männlichen Freund ebenso einfach schreiben wie einer Frau. Doch das Protokoll war ein grausamer Gefängniswärter, und es gab eine Menge Dinge, die eine unverheiratete Frau nicht tun durfte.
Sie betrat ihr Schlafzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und gestattete sich den Luxus, über die bevorstehende Reise zu sinnieren. Wieder Yorkshire! Das letzte Mal, dass sie Willelm gesehen hatte, war, als er vor zwei Jahren zur Saison gekommen war. Wie lächerlich er in London gewirkt hatte und wie deplatziert. Er war praktisch ein Bauer, obgleich er ein Gentleman und nun der Gutsherr von Studley Roger war. Er hatte eine üppige Statur – „schwerfällig“, hatte sie ihn insgeheim beschrieben, wenn ihr lustig zumute gewesen war –, aber sie nahm an, dass er die Art von Mensch war, die man gerne umarmen würde, wenn einem danach war.
Allerdings hatte er nicht in die Londoner Gesellschaft gepasst. Er war fein genug, wenn er Abendkleidung trug, hatte jedoch nichts von der Eleganz oder Trägheit, die man an Londoner Gentlemen bewunderte, und sicher nichts von ihrem Reiz. Sie hatte ihn während seiner Saison ein paar Mal tanzen sehen, und er hatte sie zum Tanzen aufgefordert, bis sie ihm sagte, dass sie nicht nach London gekommen war, um mit ihren Spielkameraden zu tanzen. Danach hatte er sie nie wieder aufgefordert – und er hatte ihr auch keine Mittagsbesuche mehr abgestattet.
Die Feder musste geschnitten werden, und Juliana tat dies, ehe sie ein Blatt Papier aus ihrer Schreibtischschublade nahm. Ehe sie ihre Zusage zu schreiben beginnen konnte, kam Hazel herüber, setzte sich neben Julianas Stuhl und sah zu ihr hoch. Juliana legte ihre Feder beiseite und hob stattdessen ihren Hund hoch. Sie setzte Hazel auf ihren Schoß und kraulte sie genau da am Hals, wo es der Hund am meisten mochte.
„Nun, Hazel. Es scheint, dass uns eine lange Reise in der Kälte erwartet. Was hältst du davon? Hast du den Wunsch, nach Yorkshire zurückzukehren?“ Der Terrier legte den Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen, und Juliana streichelte ihr die Ohren. „Hmm! Ganz meine Meinung.“
Sharow Hall, Freitag, den 26. November 1815
Meine liebe Temperance,
die Weihnachtszeit steht vor der Tür, und ich hoffe – oder vielleicht ist „plane“ das bessere Wort –, in den Genuss eines Besuchs meiner Patentochter Juliana zu kommen. Es ist drei Jahre her, dass sie einen Fuß nach Sharow gesetzt hat.
Ich habe mir zu diesem Thema viele Gedanken gemacht, denn gerade heute habe ich einen Brief von Margarette Fudge erhalten, in dem sie mir mitteilte, dass sie mit Amelie Goodson für Weihnachten Verkupplungspläne ausheckt. Ich muss Amelie unverzüglich schreiben. Hattest Du auch etwas von ihr in der Post?
Wenn nicht, werde ich ihrem Brief zuvorkommen und Dir eine freundschaftliche Wette vorschlagen, da wir uns in diesem Jahr nicht mehr sehen werden und ich dir Deine Schillinge nicht auf die übliche Weise durch ein Whist-Spiel abnehmen werde. Du warst schon immer für Spaß zu haben, und ich weiß, dass Du mir dieses Vergnügen nicht verwehren wirst, auch wenn Du die Trauer noch nicht abgelegt hast. Und Du musst zugeben, dass Dein Mr. Bolingbroke meinen Plan von Herzen gutgeheißen hätte, denn er wird Dir wieder Anlass zum Lächeln geben.
Margarette hat vor, ihren Großneffen, den Baron, zu verkuppeln. Erinnerst Du Dich an ihn? Als wir uns das letzte Mal sahen, sprach sie von Lord Brooks, dem es gelungen war, sich allen ihm unterbreiteten Verlockungen einer Heirat zu entziehen, obgleich er sowohl einen Titel hat als auch angenehm anzusehen ist. Wie sich herausstellt, muss er nun schließlich vor den Altar treten, um seine Kassen zu füllen. Sie hat sich vorgenommen, ihm eine Frau zu finden, die sowohl seine Kasse als auch sein Herz füllen wird, und sie prahlt bereits mit dem erwarteten Erfolg ihres Vorhabens. Ein solches Projekt kann Margarettes Gedanken nur in eine fröhlichere Richtung lenken, denn Winter sind für sie als Witwe nie leicht. Und auch für Dich muss es genau das Richtige sein. Es ist sechs Monate her, dass Du Dich von deinem geliebten Mr. Bolingbroke verabschieden musstest, und es ist nichts Schockierendes daran, ein wenig unschuldigen Spaß mit Deinen alten Freundinnen zu haben.
Amelie wollte Margarette in nichts nachstehen und hat versprochen, eine prächtige Partie für ihre Enkelin Odette zu finden, was, wie ich höre, einen Aufenthalt in London während der Saison erforderlich machen könnte. Nun ja! Ich weigere mich, übergangen zu werden. Erinnerst Du Dich an meine Patentochter? Juliana Issot ist ein charmantes Mädchen aus Yorkshire mit vielen roten Locken, das aus einer vornehmen Familie stammt, die nicht weit von mir in Hutton Conyers wohnte. Nun mieten ihre Eltern eine bescheidene Unterkunft in London, um den Yorkshire-Wintern zu entgehen und in der Nähe ihrer Enkelkinder zu bleiben.
Juliana besitzt genug Stolz und Schönheit, um einen Duke zu erobern. Ich schlage jedoch nicht vor, dass sie einen Duke heiratet. Mir schwebt ein Mann aus Yorkshire für sie vor! Mr. Willelm Armitage ist Gutsherr von Studley Roger und ist nicht nur ein feiner junger Mann, sondern auch höchst geeignet. Raynald hält große Stücke auf ihn, und Du weißt, dass Raynald ein sehr guter Menschenkenner ist. Immerhin hat er mich geheiratet!
Falls Du meine Wette ablehnen möchtest, weil Du denkst, dass die Partie so gut wie gewonnen ist, lass mich Dir versichern, dass sie sich von klein auf kennen. Und obgleich ich mir sicher bin, dass Juliana nie an eine Heirat gedacht hat, ist Willelm da aus anderem Holz geschnitzt. Ich bin mir ebenso sicher, dass er schon für sie schwärmte, ehe sie die Schule verließ. Es ist bedauerlich, dass würdige junge Männer jungen Damen nicht immer in der Gestalt von Helden erscheinen. Und da Willelm nicht nur durchschnittlich groß und nicht überdurchschnittlich gut aussehend ist, sondern auch eine ernste Einstellung hat, ist er da nicht anders. Wenn es eines gibt, das ihm helfen könnte, dann ist es die Tatsache, dass er zwar wenig Sinn für Frivolität hat, doch wenn ihn etwas amüsiert, dann verwandelt sich sein düsterer Gesichtsausdruck in ein Grinsen, und auch seine Augen leuchten auf. Er und Juliana waren einst befreundet, doch ich glaube nicht, dass sie in London mehr als zweimal miteinander getanzt haben oder sich dort viel unterhalten haben.
Ich habe vor, die beiden zu Weihnachten zu meiner Hausfeier einzuladen, ebenso wie Deinen Großneffen und Deine Großnichte, Anthony und Clarissa Weld, die meine Einladung bereits angenommen haben. Denk Dir nur! Als Du mir von ihren Umständen erzähltest und davon, dass ein Monat auf dem Lande genau das Richtige wäre, wusste ich nicht, dass ich sie so königlich unterhalten könnte. Meine Feier wird einen ganzen Monat lang dauern, vom Nikolaustag bis zum Dreikönigstag. Und wenn Juliana und Willelm unter diesen Bedingungen nicht zu einem Arrangement kommen, werde ich mich geschlagen geben.
Meine erste Schwierigkeit wird sein, Juliana dazu zu bewegen, herzukommen, doch ich glaube, der Brief, den ich Anfang der Woche verschickt habe, sollte seinen Zweck erfüllen. Du weißt, wie ungeschickt ich schon immer war. Nun, daran hat sich nichts geändert. Ich bin ausgerutscht und habe mir den Fuß am Rande eines Erdlochs verstaucht, das durch das hohe Gras recht versteckt war, und da es in einem Teil des Grundstücks liegt, den ich nur selten betrete, hatte ich es gänzlich vergessen. Es ist nicht viel geschehen, auch wenn der hiesige Arzt sagt, ich solle den Fuß nicht mehr belasten. Doch möglicherweise habe ich mit der Schwere der Verletzung übertrieben, um einen Besuch von meiner Patentochter zu erhalten. Du siehst also, ich biete Dir die Wette an, ehe ich mir meines Erfolges sicher bin, und so kannst Du nicht behaupten, dass ich einen unlauteren Vorteil hatte.
Nun, meine Liebe. An welche Verlobung glaubst Du? Sag, dass Du mitspielen wirst. Die Erste von uns, die einen Brief von der anderen erhält, in dem eine erfolgreiche Verlobung verkündet wird, soll sich als geschlagen betrachten.
Ich würde Dir gerne mehr über die Hausfeier erzählen, die ich veranstalte, um die Glut der Liebe zu entfachen, doch das Frankieren dieses Briefes wird ohnehin bereits ein Vermögen kosten. Du kannst Dir jedoch vorstellen, welche Festivitäten ich plane, mit Spielen, Köstlichkeiten, Kartenspielen und Bällen, Weihnachtsliedern und allen Arten von Vergnügungen. Und Du musst mir in gleicher Weise von Deinen Plänen berichten. Und natürlich musst Du mir glauben, dass ich
Mit herzlichen Grüßen verbleibe
Deine Euota Savile
„Tain-o-bumfit, eddero-bumfit, peddero bumfit, jiggit“, rief Tom Pickles, während er inmitten der Schafherde von Willelm Armitage lief.
Willelm lehnte sich an das Gatter, das die verschneite Weide umschloss, während sein neu eingestellter Schäfer die lammenden Mutterschafe zählte. Sie schienen alle gesund zu sein, was ihn freute. Als sein Vater Gutsherr war, hatten die Bauern, die sich um die Schafe kümmerten, die Mutterschafe zu wenig gefüttert, um Kosten zu sparen, doch das hatte zu schwächeren Lämmern geführt. Willelm war bereit, Geld auszugeben, damit die Dinge richtig gemacht wurden.
Tom nahm seinen Hut ab und kratzte sich mit der Krempe am Kopf, ehe er Willelm zurief. „Es sind jiggit-yain.“
Sie hatten einundzwanzig Mutterschafe, die Lämmer in sich trugen. Die Zahl war noch immer klein, doch sie wuchs. Nun, da Willelm zusätzliches Ackerland erworben hatte, um die Schafe weiden zu lassen, bemühte er sich mehr um die Vergrößerung seiner Herde. Er hoffte, dass der daraus resultierende Zuwachs an Wolle und Milch zu einer größeren Einnahmequelle führen würde. Er beobachtete die Schafe, die in den schneefreien Gebieten nach kleinen Grasflecken suchten, und der Anblick seiner gepflegten Herde gefiel ihm.
„Das ist eine gute Zahl für dieses Jahr. Bring die Mutterschafe, die lammen, durch bis in die kleinere Scheune, und halte sie getrennt. Und lass mich wissen, wie es Bonnet ergeht“, fügte er hinzu und bezog sich dabei auf eines der Mutterschafe, das nicht trug und krank zu sein schien.
Er verabschiedete sich von Tom und machte sich auf den Heimweg zum Lawrence House. Es gab noch reichlich anderes auf seinem Land zu tun, doch Willelm hatte beschlossen, den Saviles in Sharow einen Besuch abzustatten, wo er seine Zusage für die Weihnachtsfeier von Mrs. Savile persönlich überbringen würde. Er hatte sich geweigert zu sagen, ob er wie eingeladen in Sharow Hall wohnen würde, obwohl Mrs. Savile darauf hingewiesen hatte, dass eine mögliche Überschwemmung durch den Fluss Ure die tägliche Reise zwischen ihren Häusern unmöglich machen würde. Willelm war in letzter Zeit zynisch gestimmt und wollte lieber das Risiko eingehen, dass die Überschwemmungen ihre Urlaubspläne durchkreuzen, und in seinem eigenen Bett schlafen.
Der Stallknecht von Sharow Hall, John Outhwaite, hob grüßend die Hand, als er nach den Zügeln von Willelms Hengst griff. „Guten Tag.“
„Einen guten Tag dir“, erwiderte Willelm. „Ihr werdet zu Weihnachten sehr viele Gäste haben. Kannst du alle Pferde unterbringen?“
„Aye, wir werden zurechtkommen, schätze ich“, antwortete John in seiner grüblerischen Art.
„Ich werde deinen Herrn wissen lassen, dass er mich benachrichtigen soll, wenn er etwas benötigt.“
John nickte, dann führte er das Pferd in einen freien Stall, und Willelm nahm den ausgetretenen Pfad zum Haus. Die Dörfer rund um Ripon waren klein, und die Gesellschaft hielt zusammen. Seit seiner Kindheit kam er zu Besuchen und Feiern zu den Saviles, und er kannte sich in ihren Räumen ebenso gut aus wie in seinen eigenen. Auch war er Juliana hier häufig begegnet, was seinen Erinnerungen einen zusätzlichen Reiz verlieh, selbst wenn er sich in Bezug auf sie keinen Hoffnungen mehr hingab.
Der Butler kündigte ihn an, und Willelm schritt in den Salon und verbeugte sich vor Mr. Savile und seiner Frau.
„Nimm Platz“, sagte Mr. Savile – unwirsch für jene, die ihn nicht besser kannten. Für jene, die ihn besser kannten, diente seine Ruppigkeit als Maske für seine sentimentale Ader und seine Abneigung dagegen, dass sie bekannt wurde.
„Ich bin gekommen, um Ihre Einladung anzunehmen, Ma’am“, sagte Willelm und nahm die nach seinen Wünschen zubereitete Tasse Tee, die Mrs. Savile ihm reichte, sobald er sich niedergelassen hatte. „Danke, dass Sie an mich gedacht haben. Wer wird noch an der Feier teilnehmen?“
Mrs. Savile saß ihm gegenüber, eine Decke über die Beine geworfen, und obgleich er gehört hatte, dass sie erkrankt war, schien ihr nichts zu fehlen. Sie faltete die Hände in ihrem Schoß.
„Was die ansässigen Familien betrifft, so werden wir die Greenwoods, die Taylors und die Clarks haben. Aber ich nehme an, das ist nicht das, was du wirklich wissen willst“, sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns. „Du wirst wissen wollen, welche anderen jungen Leute außer Matthew und Emma die Einladung angenommen haben.“
Ebendies wollte Willelm wissen, doch er würde nicht zulassen, dass seine Gefühle derart leicht zu erkennen waren, und nickte nur.
„Anthony Weld und seine Schwester Clarissa treffen aus London ein. Sie sind die Nichte und der Neffe einer Freundin von mir und wollten Weihnachten außerhalb der Stadt feiern, also habe ich sie eingeladen. Außerdem kommen Thomas Sutcliffe und seine Cousine Margery White aus York zu uns. Du wirst dich sicher an sie erinnern. Und Juliana Issot ist ebenfalls eingeladen.“
Trotz Willelms Vorsatz, gleichgültig zu bleiben, wurde seine Kehle trocken, als er Julianas Namen hörte. Er schluckte. „Haben alle zugesagt?“
„Das haben sie. Ich warte nur darauf, von den Taylors zu hören, doch das wird dich nicht interessieren, da sie niemanden in deinem Alter haben. Nach Stand der Dinge werden wir eine respektable Gruppe von acht jungen Männern und Frauen zusammenbekommen. Und da zwei der Familien kleinere Kinder mitbringen, wird es in Sharow Hall so fröhlich zugehen, wie wir es uns nur wünschen können. Wenn alle zusagen – und ich wüsste nicht, warum sie das nicht tun sollten – wird unser Haus bis zu zwanzig Personen plus deren Dienerschaft beherbergen.“
Juliana kommt. Willelm versuchte noch immer, diese Tatsache zu begreifen, denn seit sie nach London gezogen war, hatte sie bisher alle Einladungen abgelehnt. „Eine Feier wie diese hatten wir in Yorkshire schon lange nicht mehr.“
Mr. Savile stellte seine leere Tasse auf dem Tisch vor sich ab. „Das liegt daran, dass meine Frau bis zu diesem Jahr darauf bestanden hat, Weihnachten in London zu verbringen. Aber ich nehme an, dass unsere Weihnachtsmonate von nun an so aussehen werden, denn wir werden wohl nicht mehr in der Kälte reisen.“
Mrs. Savile begegnete dem Blick ihres Mannes mit einer Mischung aus Zuneigung – und, so dachte Willelm, Nostalgie –, ehe sie sich wieder ihm zuwandte.
„Hast du vor, den Monat über in Sharow Hall zu bleiben?“ Sie legte den Kopf schief und musterte ihn. „Du wirst sagen, dass du zu viel zu tun hast, um ein solches Opfer zu bringen, aber erlaube mir, dich daran zu erinnern, dass es auch von größter Bedeutung ist, eine Frau zu finden. Ich weiß, dass kein junger Mann gerne an derlei erinnert wird, dennoch ist es die Wahrheit.“
Willelm bewegte sich in seinem Sitz und schlug ein Bein über das andere. „Ich, äh …“
„Ich sage nicht, dass du deine Frau unter den vier Frauen finden wirst, die hier wohnen werden, doch möglicherweise führt es zu weiteren Einladungen und anderen jungen Frauen.“
Mrs. Savile nippte an ihrem Tee, und in ihren Augen leuchtete etwas, das er in seiner derzeitigen Stimmung nur als Berechnung bezeichnen konnte.
„Du musst mir gestatten, mich dir gegenüber wie eine Mutter zu verhalten, da deine nicht mehr unter uns weilt. Deine eine Saison in London hat sich nicht als fruchtbar erwiesen, Willelm, und du darfst nicht glauben, dass du nichts weiter zu tun hast. Ehefrauen fallen ihren Männern im Allgemeinen nicht in den Schoß, ohne dass der Mann sich ein wenig bemüht.“
Mr. Savile lachte. „Die meisten Ehefrauen fallen ihren Männern nicht in den Schoß, aber darf ich dich daran erinnern, meine Liebe, dass wir uns genau so kennengelernt haben?“
Mrs. Savile blickte ihren Mann verärgert an, was von einem Erröten begleitet wurde. Willelm hätte nicht gedacht, dass eine Frau in ihrem Alter zu derart noch imstande war.
„Ja, ich war schon immer ungeschickt, und du musst mich nicht daran erinnern, Mr. Savile. Doch die meisten jungen Frauen sind es nicht und müssen hofiert werden.“ Sie drehte sich wieder zu Willelm. „Du musst dich ein wenig anstrengen, wenn du erfolgreich eine Frau finden willst.“
Obgleich Willelm mit allem, was Mrs. Savile sagte, vollkommen übereinstimmte, mochte er es nicht, wenn man ihn zu etwas zwang. Wäre sie jemand, der weniger Respekt verdient hätte, wäre er versucht gewesen, sich zu sträuben und zu erwidern, dass er recht gut selbst in der Lage sei, eine Frau zu finden, vielen Dank auch.
Doch dies Mrs. Savile gegenüber zu tun, wäre nicht nur unhöflich, sondern auch die Unwahrheit. Die Wahrheit war, dass die Wahrscheinlichkeit hier in Yorkshire, wo er stets auf dieselben Familien traf, eine Frau zu finden, die in jeder Hinsicht zu ihm passte, nicht sonderlich groß war. Willelm war erfreut zu hören, dass Mr. Sutcliffe und Miss White sich den Feierlichkeiten anschließen würden, denn er hatte sie seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Und dann war da noch Miss Weld, die sich als vielversprechend erweisen könnte. Was die ansässigen Familien anbelangte, die zu den Gästen gehörten, so war Emma Greenwood ein recht nettes Mädchen, auch wenn sie seine Fantasie nicht entfachte.
Juliana Issot hingegen … sie konnte schlicht nicht in einem Atemzug mit den anderen als Perspektive oder Ablenkung genannt werden. Sie war zu einzigartig und zu besonders für ihn. Sie hatten eine echte Freundschaft geteilt. Tatsächlich hatte sie gerade erst ihre Volljährigkeit erreicht, als er beschlossen hatte, dass sie in jeder Hinsicht zu ihm passte – bis auf die, dass sie ihn nicht wollte.
Als hätte Mrs. Savile seine Gedanken gelesen, fragte sie: „Wie lange ist es her, dass du Juliana gesehen hast?“
Willelm tat so, als würde er nachdenken, obgleich er genau wusste, wie lange es her war. Es war ein paar Monate weniger als zwei Jahre her, dass er sie auf ihrer letzten gemeinsamen Londoner Feier gesehen hatte, und sie hatte kaum mehr als ein Nicken für ihn übriggehabt. Oh, sie war durchaus freundlich gewesen, doch sein Vorhaben, nach London zu reisen, speziell um sie zu umwerben, war nicht eben wie geplant verlaufen.
In ihrer Jugend hatten Juliana und er mit der Meute gejagt, zusammen gespielt, waren vollkommen freundlich miteinander umgegangen – und hatten nie einen Gedanken an Liebe verschwendet. Als Willelm sein vierundzwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte, beschloss er, dass es an der Zeit war, sesshaft zu werden. Und von dem Moment an, als er zu dieser rationalen Schlussfolgerung gekommen war, hatte ihn die langsam dämmernde Erkenntnis getroffen, dass keine andere als Juliana Issot zu ihm passen würde. Sie war fünf Jahre jünger als er, doch das fiel nicht ins Gewicht, da ihre Freundschaft so gleichberechtigt gewesen war. Als Kind war Juliana weniger eine auszubildende, junge Dame gewesen, sondern eher ein Schlingel. Mit der Zeit war sie zu einer attraktiven jungen Frau herangewachsen, und der verspielte, unerschrockene Geist, den sie in ihre Freundschaft einbrachte, hatte ihren Charme nur noch verstärkt.
Also hatte er sich auf die gleiche Weise darangemacht, sie zu hofieren, wie er alles tat. Er schmiedete einen Plan. Er mietete eine Unterkunft in London, wandte sich an einige seiner Freunde aus Cambridge, die sich dort aufhielten, und ließ sich überall dorthin einladen, wo sie sein könnte. Es war ein ausgezeichneter Plan gewesen, und Willelm konnte noch immer nicht glauben, dass er keine Früchte getragen hatte.
Er hatte natürlich erwartet, dass Juliana ihn als Verehrer empfangen, ihm gar einen prominenten Platz einräumen würde, um in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen. Stattdessen hatte sie ihn zurechtgewiesen und ihm zu verstehen gegeben, dass sie keinen behäbigen Mann aus Yorkshire wünschte, sondern vornehme Verehrer, die ein aufregendes Leben führten – und voraussichtlich ein größeres Erbe besaßen. Er war desillusioniert nach Yorkshire zurückgekehrt und fragte sich nun, ob er bei ihrer Ankunft die Juliana aus Yorkshire oder die Miss Issot aus London antreffen würde. Hatte sie noch etwas von seiner alten Freundin an sich?
Willelm ließ von seinen düsteren Gedanken ab, als er bemerkte, dass die beiden Saviles ihn erwartungsvoll ansahen. Er stellte die Beine nebeneinander und setzte sich auf. „Verzeihung, was sagten wir eben?“
„Ich hatte gefragt, wann du Juliana das letzte Mal gesehen hast“, sagte Mrs. Savile mit scharfem Blick.
„Oh.“ Willelm räusperte sich. „Verzeihen Sie, dass ich nicht geantwortet habe. Juliana und ich haben uns in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe … an das Gespräch mit Tom Pickles heute Morgen über den Zustand meiner Herde nachgedacht.“
„Das nennt man wohl Tagträume spinnen, nicht wahr?“, sagte Mr. Savile mit einem Lachen.
Willelm konnte nicht anders als es zu erwidern. „Ganz recht.“
Er musste eine Antwort darauf geben, ob er auf Sharow Hall wohnen würde oder nicht. So sehr er sich auch wünschte, sich von allen Mauscheleien in Bezug auf Heiratspläne fernzuhalten, wusste er doch, dass Mrs. Savile recht hatte. Es war an der Zeit, seine Bemühungen wieder darauf zu konzentrieren, eine Frau zu finden.
„Um eingehender auf Ihre Einladung einzugehen, Mrs. Savile, wäre es mir eine Freude, den Weihnachtsmonat hier zu verbringen. Es ist wahr, dass der Fluss unsere Hausfeier in Gefahr bringt. Ich danke Ihnen für Ihre Einladung.“
„Herrlich!“ Mrs. Savile klatschte in die Hände und warf ihrem Mann einen wissenden Blick zu, bei dem Willelm sich fragte, wie viel Intrigen sie bereits geschmiedet hatte.
Mr. Savile strahlte. „Du wirst zur Fröhlichkeit unserer Feier beitragen.“
„Sicherlich nicht, Sir“, antwortete Willelm und gestattete sich einen schiefen Blick. „Wie Sie wissen, bin ich von zu phlegmatischer Natur, um Derartiges zu tun.“
Mr. Savile gluckste und strich sich über den Bart. „Das sagst du. Doch hinter dieser ernsten Fassade verbirgt sich eine Ader des Humors. Und eines Tages wird ihn jemand hervorlocken. Wenn du deinen Tee ausgetrunken hast, lass uns in den Stall gehen, und ich werde dir die Zuchtstute zeigen, die ich gekauft habe. Ich denke, du wirst beeindruckt sein.“
Das Thema Pferde war immer eines, das Willelm interessierte, und es war sicherer als eine Heirat. „Mit Freuden.“
Juliana unterbrach ihre Reise nach Yorkshire mit vier Übernachtungen in Gasthöfen, wo Betty die Betten mit mitgebrachter Bettwäsche bezog. Sie erlaubte Hazel, in ihrer vorübergehenden Unterkunft herumzuschnüffeln und ihre Unruhe loszuwerden. Nur das fortgeschrittene Alter ihres Hundes hatte Juliana erlaubt, sich eine Kutschenreise in Begleitung von Hazel vorzustellen.
Am fünften Tag fuhren sie in Ripon ein, und die Postkutsche blies laut ins Horn, um ihre Ankunft anzukündigen. Juliana rutschte auf ihrem Sitz hin und her, kalt und steif von der Reise, als die Kutsche ins Stadtzentrum rumpelte und zum Stehen kam. Die Tür der Postkutsche öffnete sich, und sie stieg vorsichtig aus, ihren Hund fest in der einen und ihren Muff in der anderen Hand. Betty folgte ihr.
Die Straßen waren voller Menschen, und zwei Fabrikarbeiter liefen direkt vor Juliana und unterhielten sich angeregt. Einer, dessen Ohren unter seiner Mütze hervorlugten, schlug eine Hand in die andere, während er vor seinen Freunden prahlte: „Ah, ich hab den Idioten erwischt.“ Eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite verkaufte Schweinefleischpasteten an einem Tisch vor ihrem Laden und rief: „Schweinefleischpasteten! Weihnachtspasteten.“ Ein Kutscher zu ihrer Rechten rief: „Hey!“, und Juliana wich einen Schritt zurück, als seine Kutsche sich vorwärtsbewegte und ein Stück eisigen Schlamms auf ihren Mantel beförderte.
Sie beugte sich hinunter und entließ Hazel aus ihrem Griff. Der Terrier streckte seine Vorderbeine nach vorne, blieb aber an der Seite seines Frauchens. Die Straße war dunkel von gefrorenem Schlamm und spärlichen, teilweise geschmolzenen Schneebrocken. Zwischen den Menschenmassen und dem geschäftigen Treiben der Kutschen konnte Juliana keine erkennen, die ihrer Patentante gehörte. Das beunruhigte sie nicht sonderlich. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie vergessen worden war, würden die Leute im Gasthaus am Straßenrand ihr in jeder Hinsicht helfen. Das sind meine Leute – ein Gedanke, der ebenso überraschend wie plötzlich kam.
„Miss, ist das nicht der Gentleman, der Sie in London besucht hat?“ Betty deutete auf eine elegante Kutsche, die sich näherte, mit zwei Männern auf dem Logenplatz, gezogen von Pferden, um die sie jeder Londoner Gentleman beneidet hätte. Juliana war einen Moment lang von der Sonne im Rücken des Fahrers geblendet und konnte nichts anderes sehen als seine Gestalt, die sie an …
„Juliana!“
Willelm Armitage kam in Sicht und trug das seltene, breite Lächeln, an das sich Juliana bei ihrem alten Freund erinnerte. Sie hatte dieses Lächeln nicht ein einziges Mal in seinem Gesicht gesehen, als sie sich in London getroffen hatten. Die Tatsache, dass er sich freute, sie nun zu sehen, rührte sie, und sie erwiderte sein Lächeln, als sie ihm ihr Gesicht entgegenhob. Er war irgendwie gewachsen in den zwei Jahren, seit sie ihn gesehen hatte. Vielleicht nicht an Größe, aber an Format. Sein Mund war fest und entschlossen, und alle Anzeichen von Jungenhaftigkeit waren verschwunden. Die Veränderung stand ihm gut.
„Willelm!“, rief sie und ergriff ihren Pompadour und Muff mit beiden Händen. „Bist du zufällig hier oder hat meine Patentante dich geschickt?“
Er reichte dem Stallknecht, der neben ihm saß, die Zügel und schwang sich zu ihr herunter. Hazel bellte, und Willelm sah zu Boden. „Du bist da, ja?“ Er streckte seine Hand hinunter, und Hazel leckte sie mit sklavischer Verehrung.
„Ich habe nie verstanden, warum sie dich derart verehrt“, sagte Juliana mit einer Mischung aus Neckerei und Zuneigung.
„Hast du nicht?“, erwiderte er an Hazel gewandt. Dann richtete er sich auf und verbeugte sich wie im Nachhinein. „Mrs. Savile hat mich geschickt, aber ich war sehr froh, behilflich sein zu können. Ich hatte gehofft, dass du mich nicht ganz vergessen hast.“
Juliana lachte, so wie er es beabsichtigt hatte, aber sie wurde von Schuldgefühlen geplagt. Sie hatte ihn nicht so freundlich behandelt, wie sie es hätte tun sollen, als sie sich in London begegnet waren. Doch die Saison war dazu da, allen Formen der Fröhlichkeit nachzugehen – natürlich in angemessenem Rahmen – und an allem Neuen teilzuhaben. Sie wollte alles abschütteln, was sie an ihre Heimat erinnerte, und sich unter die schillerndsten Bekannten mischen, die an den schillerndsten Festen teilnahmen. Willelm war zu behäbig und nüchtern gewesen, um mit der glitzernden Londoner Gesellschaft Schritt zu halten, und es war nicht schwer gewesen, eine andere, interessantere Gesellschaft zu wählen.
„Ich könnte einen alten Freund nie vergessen“, sagte sie und schloss den Mund, ehe sie etwas so Dummes aussprechen konnte wie eine Entschuldigung für ihr Verhalten ihm gegenüber in London. Das sollte man besser vergessen, und es schien nicht so, als würde er eine erwarten. Willelm war ein guter Freund, doch sie wollte bei ihm nicht den falschen Eindruck erwecken, dass sie nun auf eine tiefere Verbindung aus war. Obgleich ihr bisweilen der Gedanke kam, dass er das vielleicht war.
„Ausgezeichnet.“ Er holte tief Luft und wies dann auf seine Kutsche. „Ich habe meinen Stallknecht dabei, an den du dich sicher erinnerst.“
Der Stallknecht lüftete seinen Hut. „Guten Tag, Mädchen.“
„Guten Tag, Joseph. Wie geht es dir?“ Juliana grinste den wettergegerbten Yorkshire-Mann an, den sie seit ihrer Geburt kannte. Er hatte sie schon öfter in Schwierigkeiten gesehen und nie mit der Wimper gezuckt.
„Schönes Mittelmaß, ich danke Ihnen.“
Juliana wandte sich an Willelm und sagte: „Nun, wir werden mit Stil reisen. Was für schöne Pferde du hast. Nach fünf Reisetagen in der Postkutsche wird das ein wahrer Genuss sein.“
Willelm musterte sie einen Moment lang, und sie wünschte, sie könnte seinen Gesichtsausdruck lesen. Sie realisierte, dass sie ihn vermisst hatte.
Er wandte sich an seinen Stallknecht und unterbrach den Blickkontakt. „Joseph, gib mir die Zügel und kümmere dich um Miss Issots Truhe.“
Der Stallknecht beeilte sich, zu tun, was man ihm aufgetragen hatte, und Betty murmelte, sie werde dafür sorgen, dass er die richtige habe.
„Wir sollen mehr als zwanzig Personen bei den Saviles werden, glaube ich“, sagte Willelm, als er die Kutschentür öffnete und die Treppe herunterließ. „Hoch mit dir, Hazel.“ Er hob den Hund vorsichtig hoch und setzte ihn auf den Kutschenboden, wo er sich niederließ.
Julianas Augen weiteten sich. „Wir! Wirst du zu den Leuten in Sharow Hall gehören? Oder meintest du möglicherweise lediglich, dass du in Lawrence House bleibst und von Zeit zu Zeit kommen wirst.“
Willelm sah beinahe verlegen aus, als er antwortete. „Ich denke, ich hätte in Lawrence House bleiben können. Aber Mrs. Savile wünschte, dass ich in Sharow wohne und zur Gesellschaft gehöre. Sie befürchtete, dass eine eventuelle Überschwemmung meine Teilnahme verhindern könnte – was sicherlich der Fall gewesen wäre, wenn wir diese Feier letztes Jahr veranstaltet hätten. Sie wollte das Risiko nicht eingehen und ich ebenfalls nicht.“
Julianas Stimmung besserte sich, bei der Vorstellung, einen Monat mit ihrem Freund zu verbringen. Vielleicht würde es nicht gar so lästig werden, in Yorkshire versteckt zu sein, weit weg von London und all dem Trubel, den es dort zu entdecken gab. Es war schade, dass Caroline sie erst zu Weihnachten eingeladen hatte, nachdem Juliana ihrer Patentante ihre Zusage geschickt hatte, doch daran würde sie nicht denken. Es war sicher, dass Willelm und sie ihre Freundschaft dort fortsetzen würden, wo sie aufgehört hatte, und die Saviles würden einige der Weihnachtsspiele und -traditionen bieten, die Juliana in ihrer Kindheit genossen hatte. Ihre Mutter hatte recht gehabt, als sie sagte, dass es nirgendwo ein Weihnachtsfest gab wie das in Yorkshire.
Die Zofe und der Stallknecht kehrten zurück. Joseph trug die Truhe, und Betty brachte ihre eigenen Habseligkeiten und Julianas Portmanteau mit. Sie half dem Stallknecht, die Sachen hinten an der Kutsche zu befestigen.
Willelm hob die Hand, um Juliana in die Kutsche zu helfen, dann assistierte er ihrer Zofe. „Lass uns nicht zaudern, dich nach Sharow Hall zu bringen, wo es ebenso warm wie bequem sein wird. Alle warten sehnsüchtig auf deine Ankunft und werden sich freuen, dich zu sehen.“ Willelm stieg ebenfalls ein und nahm den Platz neben Juliana ein. Er klopfte auf das Dach, und sie fuhren los.
Es waren weniger als zwei Meilen bis zu ihrem Ziel, und als die Kutsche vorwärts rumpelte, wandte sich Juliana an Willelm. „Es tat mir leid, das mit deinem Vater zu hören. Ich wollte dir in einem Brief mein Beileid aussprechen, doch meine Mutter erinnerte mich daran, dass man Gentlemen nicht schreibt, selbst wenn sie alte Freunde sind. Und nun bist du Gutsherr.“
„Nun bin ich Gutsherr“, wiederholte er. Er hielt inne und blickte sie neugierig an. „Wolltest du mir wirklich schreiben?“
„Natürlich.“ Juliana runzelte die Stirn und sah dann auf ihre Handschuhe hinunter. Sie wollte ihn dafür tadeln, dass er an ihrer Freundschaft zweifelte, doch der Gedanke daran, wie sie ihn in London behandelt hatte, genügte, um ihr klarzumachen, dass ihre Empörung kein Gewicht haben würde. Sie wusste, dass Willelm keine leichte Zeit mit seinem Vater gehabt hatte und dass sein Verlust von gemischten Gefühlen sein musste. Umso mehr bedauerte sie, dass sie nicht in der Lage gewesen war, für ihn da zu sein. Der Tod seiner Mutter fünf Jahre zuvor war viel schwerer gewesen, doch zumindest war sie in Yorkshire gewesen.
Juliana holte tief Luft. „Und wer wird dieses Jahr noch an dem Weihnachtsfest teilnehmen?“
Willelm zählte die Gäste auf und fügte hinzu: „Die Greenwoods sind bereits eingetroffen, ebenso die Clarks und die Taylors. Anthony und Clarissa Weld – Bruder und Schwester aus London – werden im Laufe des Tages erwartet. Ich glaube, wir werden Ende der Woche komplett sein, wenn Thomas Sutcliffe und Margery White aus York eintreffen.“
„Das ist ja alles sehr angenehm, aber die Welds? Wie seltsam, dass sie mit meiner Patentante bekannt sind.“
Willelm antwortete nicht, und Juliana musste sich fragen, zu welchem Zweck sie eingeladen worden waren.
Clarissa Weld hatte alles, was Juliana an der Gesellschaft bewunderte, und sie war erstaunt, dass sie einem Aufenthalt in der Wildnis von Yorkshire zustimmen würde. Tatsächlich fiel es Juliana schwer, sich Clarissa irgendwo anders als in London vorzustellen. Sie war zart, ihr Haar war so blond, dass es fast weiß war, und sie hatte das Aussehen eines Engels. Ihre Worte wurden mit Bedacht gewählt, und wenn sie mit ihrer ruhigen Stimme sprach, verstummten Männer und Frauen gleichermaßen, um ihr aufmerksam zuzuhören. Ihr Bruder war so dunkel, wie sie hell war, und auch in seiner Persönlichkeit hatte er mehr Farbe. Hatte man die beiden eingeladen, damit man sie mit einem der Gäste verkuppeln konnte?
Es war eindeutig genug, dass Clarissa Willelm nicht zusagen würde, obgleich es höchste Zeit war, dass er sich niederließ und eine Frau fand. Es lag nicht in Willelms Natur, leichtfertig zu sein. Doch Juliana konnte sich nur schwer vorstellen, dass er ganz gleich welche junge Frau – insbesondere Miss Weld – an seiner Seite haben würde, obwohl es dieser Logik ganz offenkundig an einer Begründung fehlte.
Wenn Julianas Patentante Mr. Weld ihretwegen mit eingeplant hatte, dann konnte sie nur dankbar sein. Er könnte möglicherweise ein begehrenswerter Verehrer sein. Sie war ihm in der Vergangenheit in London begegnet, und er sah nicht unangenehm aus. Seine Familie war hoch angesehen. Sie konnte sich nicht sicher sein, ob er der älteste Sohn war, doch es hieß, ihr Haus in London befand sich in einer begehrten Lage. Julianas Mundwinkel hoben sich bei diesem Gedanken, und sie warf Willelm einen prüfenden Blick zu. Möglicherweise war der Monat doch nicht vergeudet und die Weihnachtsfeier würde schließlich doch lohnend sein.
Die Kutsche kam in der ausladenden Einfahrt von Sharow Hall zum Stehen, und Raynald Savile winkte seinen Butler beiseite und verließ bei ihrer Ankunft das Haus. Willelm half Juliana aus der Kutsche, und sie stand auf dem Kies und atmete ein, während sie zu der Halle hinaufblickte, die sie seit drei Jahren nicht mehr besucht hatte. Es war ein wunderschön proportioniertes Backsteingebäude mit Fenstern in den beiden Hauptflügeln, in denen sich sechzehn Schlafzimmer befanden. Juliana kannte jedes einzelne und freute sich bei dem Gedanken, ihre Truhe in das Zimmer zu stellen, von dem sie wusste, dass es ihres sein würde: das gelbe Zimmer, das noch immer im georgianischen Stil eingerichtet war und dessen Wandbehänge ein orientalisches Muster aufwiesen. Als Kind hatte sie die roten Drachen wunderschön gefunden.
Mr. Savile kam herüber und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Willkommen, willkommen“, sagte er, nahm sie am Arm und führte sie zum Haus. „Du hast Hazel mitgebracht, nicht wahr? Ich habe Euota gesagt, dass du das tun würdest.“
„Und wie geht es meiner Patentante?“, erkundigte sich Juliana, froh, endlich angekommen zu sein. Ihre Zofe rührte sich hinter ihr, um dem Lakaien, der die Treppe herabgestiegen war, um ihr zu helfen, ihre Habseligkeiten zu zeigen.
„Sie ist hocherfreut über die beginnende Ankunft ihrer Gäste, vor allem über deine Ankunft. Sie hat in den letzten zwei Wochen keinerlei Pause eingelegt“, antwortete er und ließ Juliana ratlos zurück.
„Ich hörte, dass es meiner Patentante sehr schlecht geht“, erwiderte sie zögernd.
„Ach, sie hatte einen schmerzenden Fuß und kann nicht so viel umhergehen, wie sie gerne würde. Doch ansonsten ist sie in bester Verfassung.“
Diese Tatsache bestätigte sich für Juliana sofort, als sie den Salon betrat, in dem Mrs. Savile saß. Ihr Teint war rosig, und die Art, wie sie ihre Hände faltete und zu Juliana heraufstrahlte, zeigte, dass sie vor Gesundheit nur so strotzte. Juliana wollte sie zur Rede stellen, weil sie simuliert hatte, doch das wohlwollende Lächeln ihrer Patentante entwaffnete sie.
Die Begrüßung wurde durch ein Knurren neben Juliana unterbrochen, als Hazel Anstoß an der Bulldogge nahm, die vor dem Sofa ihrer Patentante saß.
„Oh, Sie haben einen kleinen Hund“, rief sie über den Lärm der beiden bellenden und knurrenden Hunde hinweg. „Was für ein Schatz er ist.“
„Dieser Schlingel ist Pom“, sagte Mrs. Savile, griff nach unten, um ihren Hund zu streicheln und ihn zum Schweigen zu bringen.
Willelm deutete mit einem scharfen Befehl auf Hazel: „Ruhe!“, und das Bellen des Terriers wurde zu einem Winseln, als er sich zu Julianas Füßen legte.
Juliana stemmte ihre Hand in die Hüfte und wandte sich an Willelm. „Mein Hund gehorcht dir besser als mir, und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern soll.
