Eine weihnachtliche List - Jennie Goutet - E-Book

Eine weihnachtliche List E-Book

Jennie Goutet

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Beschreibung

Nicholas Cranleigh ahnt, dass seine vorwitzige Schwester etwas im Schilde führt, als sie ihn zur gleichen Zeit wie Miss Dresden nach Cothill Manor einlädt. Er ist auf der Hut, doch es ist schwer, einer Frau mit leuchtenden Augen zu widerstehen, die einen Retter benötigt. Lavinia Dresden ist bereit, sich zu opfern, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, und zwar auf die einzige Weise, die einer Frau aus gutem Hause offensteht. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, wieviel ihr Opfer ihr abverlangen würde, bis Lord Cranleigh in ihr Leben trat – ein Mann, von dem sie wusste, dass er ihrem Ideal entsprach. Es sind nur noch fünf Tage bis zum Weihnachtsball, auf dem über das Schicksal von Miss Dresden entschieden wird, und bald erkennt Nicholas, dass die Frage nicht ist, ob er Lavinia retten möchte, sondern ob er dazu imstande ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Bücher von Jennie Goutet

Über den Autor

1

Nicky! hieß es in dem Brief. Du musst kommen. Bereits als sie Kinder waren, hatte seine Schwester es verstanden, ihn zu etwas zu überreden, das er nicht tun wollte. Es war nicht leicht, der einzige Junge unter fünf Schwestern zu sein, die es für ihre Aufgabe hielten, ihm zu sagen, was er zu tun hatte, obgleich er das Familienoberhaupt war. Julia war nur ein Jahr jünger als er und als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen – wobei zumeist sie den Weg für Streiche ebnete. Es war ihm schwergefallen, Nein zu sagen.

Es wird eine kleine Zusammenkunft, fuhr sie in ihrem Brief fort, der biedersten Menschen, die man sich vorstellen kann, denn sie sind alle mit meiner Schwiegermutter befreundet. Aber ich plane, einen Weihnachtsball zu veranstalten und verspreche, dass alle Deine Freunde anwesend sein werden – und ja, es wird ein Kartenzimmer geben. Du weißt, dass Remy mir hierbei meinen Willen lassen wird, insbesondere, da es seinem eigenen Wunsch so genau entspricht! Nicholas konnte den spielerischen Tonfall seiner Schwester hören, während er ihre Worte las, was ihm ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte.

Und, fügte sie hinzu, ehe sie ihren Brief mit den liebevollsten Worten schloss, die keine Weigerung duldeten, Miss Lavinia Dresden – meine Schulfreundin – wird mit ihren Eltern, die mit der Gräfinwitwe verbunden sind, bei uns verweilen. Es gibt keine anderen jungen Menschen unter unseren Gästen, und wir brauchen eine gerade Anzahl. Sage, dass Du kommen wirst.

Dieser letzte Teil hatte ihn nachdenklich gestimmt. Nicholas hatte nichts gegen die Streiche seiner Schwester, wenn sie jemand anderen zum Ziel hatte. Doch er hatte den Verdacht, dass die Ankunft von Miss Lavinia Dresden und die Bitte um seine Anwesenheit kein Zufall waren, selbst wenn ihre Eltern vertraute Freunde der Witwe waren.

Doch er war gekommen. Es war der schlechteste Zeitpunkt für Bagwell sich ausgerechnet nun das Bein zu brechen. Ihr Vorhaben, zur Weihnachtszeit Füchse zu jagen, hatten sie im letzten Frühjahr geplant. Selbst wenn seine eigene Jagdhütte in Leicestershire ebenso gut gelegen wäre wie die von Bagwell, würde Nicholas zu einem solch späten Zeitpunkt niemanden finden, mit dem er reiten könnte. Und so wenig er sich an London – oder der Einsamkeit – störte, es hatte etwas Melancholisches, über Weihnachten allein zu sein.

Der Schnee begann in dicken, großen Flocken zu fallen, während die Hufe seiner Pferde auf dem verschneiten Weg knirschten. Das leichte Schneegestöber passte zu seiner Stimmung, die heiter und ein wenig nostalgisch war – das bewirkten die Feiertage stets bei ihm – und das Wissen, dass ein warmes Feuer und heißer Tee auf ihn warteten, verstärkte seine gute Laune noch. Nachdem er den Wald hinter sich gelassen hatte, sah Nicholas die verschneite Wiese vor sich, die das Ende seiner Reise signalisierte. Der Atem der Pferde dampfte in der frischen Luft, und er wusste, dass auch sie froh sein würden, ihr Ziel zu erreichen. Er trieb seine Stuten an, ihr Tempo zu beschleunigen, und kaum hatte er seinen Phaeton vor die Tür gefahren, kam seine Schwester auch schon herausgerannt, um ihn zu begrüßen.

„Ich habe am Fenster auf deine Ankunft gewartet“, sagte Julia. „Ich wusste, du würdest zum Tee kommen.“

Nicholas gab seinem Leitpferd einen liebevollen Klaps und beugte sich hinunter, um seiner Schwester einen Kuss auf die Wange zu geben. „Meine Schimmel sind gut vorangekommen, wie ich erwartet hatte.“

„Komm herein. Marcus, nimm die Zügel und führe Lord Cranleighs Pferde in die Stallungen. Ich werde Notley mit jemandem für die Truhen schicken.“ Julia zog ihren Bruder vorwärts und hakte sich bei ihm unter. „Der Tee wird gerade im Salon serviert, doch das wird nichts für dich sein. Lass uns in die Bibliothek gehen, wo wir gemütlich plaudern können. Ich kann nicht glauben, dass wir uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen haben. Habe ich mich sehr verändert, was denkst du?“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, ehe sie mit ihm in das Haus marschierte, wohin er ihr mehr oder weniger blindlings folgte. Obgleich Julia einen Mann geheiratet hatte, dessen Anwesen nur zwei Städte von ihrem eigenen Elternhaus entfernt lag, war ihm das Herrenhaus ihres Mannes unbekannt. Aus dem Salon zu seiner Linken drangen Stimmen, und Nicholas war froh, dass Julia nicht darauf bestanden hatte, dass er sich ihnen so bald nach seiner Ankunft anschloss. Er freute sich auf ihr eigenes, privates Gespräch, insbesondere da sie Neuigkeiten über ihre alten Nachbarn haben würde.

Julia trat durch eine Tür, die in einen hallenden, abgelegenen Flur führte, der auf einer Seite von Fenstern flankiert wurde. Durch die winzigen Fensterscheiben erblickte er etwas, das wie ein Rosengarten aussah, wenn er die Form der Schneeklumpen draußen recht abgeschätzt hatte. Im Frühling muss es hier angenehm sein, dachte er, mit der Wiese und den Bäumen dahinter. Vor ihm öffnete Julia die Tür zur Bibliothek.

„O Lavinia, du bist gerade hier“, hörte er seine Schwester zu ihrem Gast sagen.

„Ja, du weißt ja, wie gerne ich nach dem Mittagessen lese.“ Die Stimme, die antwortete, war ruhig und melodisch, und Nicholas konnte das Lächeln in ihrem Tonfall hören, ehe sie zu sehen war.

„Nun, dann erlaube mir, dich meinem Bruder Lord Cranleigh vorzustellen. Nicholas, dies ist Miss Dresden.“ Er betrat den Raum dicht hinter seiner Schwester, während sich die fragliche junge Dame erhob, noch immer ein Buch in den Händen. Es war ein angenehmer Anblick. Die Frau war in ein smaragdgrünes Samtkleid gekleidet, das scheinbar wegen seines festlichen Kontrasts zu den burgunderfarbenen Polsterstühlen und dem knisternden Feuer hinter ihr ausgesucht worden war. Als er seinen Blick hob, sah er Rehaugen mit einem lieben Ausdruck und ein von dunklen Locken umrahmtes Gesicht. Er stellte fest, dass er seinerseits begutachtet wurde.

Miss Dresden senkte nicht verschämt – oder schüchtern – den Blick, wie es junge Frauen manchmal taten, wenn sie ihn kennenlernten, sondern erwiderte seinen, während sie einen Knicks machte. „Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen, Lord Cranleigh.“

Als Miss Dresden ihren Blick von ihm abwandte, stellte Nicholas verärgert fest, dass sein Verdacht richtig gewesen war. Seine Schwester hatte diese Begegnung in ihrer üblichen Eigenmächtigkeit inszeniert. Dennoch, so beschloss er, konnte er nicht den voreiligen Schluss ziehen, dass Miss Dresden eine Mitverschwörerin bei diesem Plan war. Seine Schwester neigte dazu, ihre Intrigen allein durchzuführen. Er verbeugte sich. „Die Freude ist ganz meinerseits, Miss Dresden.“

„Nun“, sagte Julia fröhlich und klatschte in die Hände. „Ich werde dafür sorgen, dass Tee gebracht wird. Ich bin nur eine Minute fort.“ Sie drehte sich in einem Wirbel aus Seide um, und Nicholas’ Mund verzog sich zu einer geraden Linie. Das war zu offensichtlich. Er hoffte, dass Miss Dresden keinen Wert darauf legte.

Die Tür schloss sich hinter Julia, und Miss Dresden nahm wieder Platz. Nicholas hatte keine andere Wahl, als sich ihr gegenüberzusetzen und sich zu unterhalten. „Wie lange werden Sie und Ihre Eltern in Cothill Manor bleiben?“

Miss Dresden antwortete nicht sogleich, sondern hielt ihren Blick auf ihn gerichtet, was ungewöhnlich und ein wenig befremdlich war. Sie schien nicht im Geringsten schüchtern zu sein und betrachtete ihn, als würde sie ihn abschätzen. Es schien weder eine Beurteilung noch eine Billigung zu sein, und er fragte sich, wie sein Halstuch und sein Haar die Reise überstanden hatten. Man konnte ihm nicht nachsagen, solch glänzende Locken zu haben, die derzeit so in Mode waren, für den Stil à la Brutus. Der Wind hatte sein leicht schütter werdendes Haar vermutlich erheblich durcheinandergebracht. Doch er wusste, dass er einen guten Körperbau und eine markante Kieferpartie hatte, ohne die Andeutung eines Doppelkinns ...

Was zum Teufel! Fragte er sich soeben tatsächlich, ob er attraktiv genug war, um ihr zu gefallen?

„Mylord, ich fürchte, Ihre Schwester hat unser Aufeinandertreffen mit einem bestimmten Plan arrangiert.“ Miss Dresden schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, und als er ihre Worte begriff, verstand er plötzlich ihre offene Begutachtung. Sie hatte Angst, dass er beleidigt sein könnte. „Aber ich möchte Ihnen versichern, ich hatte keinen Anteil an ihrem Plan. Tatsächlich werde ich bald verlobt sein.“

Nicholas war sich eines Anfluges von Enttäuschung bewusst, der ihn überraschte. Es war nicht so, als wäre er bereit, sich eine Frau zu nehmen. Auch hatte ihn die Schönheit der Frau nicht von dem Augenblick an, in dem er den Raum betrat, in ihren Bann gezogen, obgleich sie zweifelsohne reizvoll war. Sie hatte eine Beständigkeit an sich, die ihm zusagte. Doch, so rief er sich in Erinnerung, das zu genießen, würde ihrem künftigen Ehemann obliegen.

„Bitte erlauben Sie mir, Ihnen meine Glückwünsche auszusprechen“, sagte Nicholas. „Darf ich fragen, wer der glückliche Gentleman ist?“ Er lehnte sich zurück und merkte, dass der vage Druck, der ihm in den Raum gefolgt war, nachließ.

„Charles Hensley, Mylord.“ Miss Dresden warf ihm einen kurzen Blick zu, dann schaute sie auf ihre Hände.

Seine plötzliche Vorwärtsbewegung verriet seinen Schock. Sir Charles Hensley war in ganz London dafür bekannt, ein höchst boshafter, unehrenhafter und wollüstiger Mann zu sein. Die Matronen trieben junge Frauen von ihm fort. Etablierte Peere machten sich die Mühe, den jüngeren Burschen ein Wort der Warnung ins Ohr zu flüstern, dem Spieltisch, an dem Sir Charles saß, fernzubleiben, damit sie nicht innerhalb einer Nacht ihr gesamtes Vermögen verlören.

Sir Charles hatte nicht einmal die Jugend auf seiner Seite, um eine künftige Braut zu versuchen. Der Mann musste auf die Sechzig zugehen. Er war korpulent und hatte eine widerwärtige Art an sich, und trotzdem ihm sein beträchtliches Einkommen erlaubte, sich nach der neuesten Mode zu kleiden, hatte er nur seinen Reichtum, der für ihn sprach. Als Nicholas diese Nachricht hörte, sank seine Meinung über Miss Dresden augenblicklich. Ihr freundlicher, abwägender Blick wurde zu einem, der den Wert am Reichtum maß, und er war entschlossen, dass sie den seinen nicht messen sollte. Er konnte es kaum erwarten, den Raum zu verlassen.

Dann warf er einen Blick auf Miss Dresden, deren Gesicht blass geworden war. Sie saßen in dem ruhigen Raum, nur das Knacken der brennenden Holzscheite beeinträchtigten die Stille, und sie war es, die sie als Erste durchbrach. „Ihr Schweigen ist nicht beruhigend, Mylord. Ich hörte ... nun, das heißt ... ich habe Sir Charles noch nicht getroffen. Meine Eltern hielten ihn für eine passende Partie für mich, und sie haben die Vorbereitungen getroffen.“

Hierauf änderte sich Nicholas’ Blick auf Miss Dresden erneut und er hatte das Gefühl, dass sich der Boden bewegte und sein Verständnis für die Situation wie das Meer wogte. Sein Mitgefühl für ihre Situation wuchs. „Miss Dresden, ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich Ihnen antworten soll. Wie sind Ihre Eltern mit Sir Charles bekannt?“

Sie holte tief Luft und antwortete. „Ich sollte bei unserer ersten Begegnung nicht derart offen sein, doch Ihre Schwester ist eine gute Freundin, und ich glaube nicht, dass die Gesellschaft lange über unsere Situation im Unklaren bleiben wird. Außerdem ... nun ja ... bevorzuge ich die unverblümte Sprache.“

Miss Dresden hielt inne, ehe sie fortfuhr, als wägte sie ab, ob sie wirklich derart offen sein sollte. „Ich glaube, dass mein Vater in der Schuld von Sir Charles steht. Mein Vater hat ... die unglückliche Angewohnheit, Spielbanken aufzusuchen. Ich fürchte, er ist dem Würfelspiel verfallen. Obgleich sich die Schulden seit Jahren häufen, hat unsere Familie Beziehungen, und es ist uns gelungen, zu verbergen, wie hoch unser Vermögen belastet ist. Ich vermute, er arrangiert diese Hochzeit, um die Gläubiger bis zu seinem nächsten großen Verlust zu vertrösten.“ Miss Dresden sprach mit eintöniger Stimme, als hätte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden.

Nicholas konnte den Blick nicht abwenden, als sie ihm in die Augen sah und hinzufügte: „Was ich jedoch nicht verstehen kann, ist, warum Sir Charles dieser Partie zustimmen sollte. Er hat Vermögen, einen Titel, und ich habe nichts davon. Er hat keinen Bedarf an mir.“

Berührt von ihrer direkten Sprache, die ihm in der Gesellschaft so selten begegnete, wollte Nicholas nicht so tun, als wüsste er den Grund nicht. „Ich werde Ihre freimütige Ansprache mit einer eigenen beantworten“, sagte er. „Ich glaube, Sir Charles hat sein Ansehen in der vornehmen Gesellschaft verloren und ist nicht in der Lage, eine Frau zu finden.“ Er erwiderte ihren Blick fest, die Muskeln in seinem Kiefer waren angespannt. „Ich glaube, er ist entschlossen, eine Frau zu finden, die ihm einen Erben schenkt, koste es, was es wolle.“ Nicholas erzählte ihr nicht, dass er vermutete, der Geizhals würde auch versuchen, der Bezahlung einer Haushälterin zu entgehen, indem er seine junge Braut in diese Rolle zwang. Das sähe ihm ähnlich.

„Vielen Dank, Mylord.“ Miss Dresdens Stimme war schwach. „Ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Julia trat ein, gefolgt von dem Lakaien. „James, stell bitte das Teeservice auf diesen Tisch.“ Sie setzte sich, wobei sich ihr karminroter Rock in weichen Falten um ihren Stuhl legte, und Nicholas – der kein Dandy war – bemerkte, dass selbst ihre Tageskleider von feinster Qualität waren. Seine Schwester hatte gut geheiratet, und im Gegensatz zu ihrer Freundin hatte sie aus Liebe geheiratet.

Julia hob die Teekanne und begann, das wohlduftende Gebräu in eine der Tassen einzuschenken, während sie Nicholas und Miss Dresden verstohlene Blicke zuwarf. Sie war noch nie besonders subtil gewesen. „Nicholas, nun da du hier bist, könnest du uns bei der Planung des Weihnachtsballs helfen, den wir halten werden.“

Er trommelte mit den Fingern auf seinem Knie. „Du hast immer genau das getan, was du wünschtest. Ich bin mir sicher, dass du keinen Beitrag von mir benötigst.“

„Außer zum Kartenzimmer. Du wirst natürlich verlangen, ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Tische und der Auswahl der Spiele zu haben.“ Nachdem sie den Tee serviert hatte, hob Julia die Teetasse an ihren Mund und lächelte sittsam über den Rand.

„Nun, da du es erwähnst, ja, in diesen Angelegenheiten darfst du mich konsultieren.“ Nicholas’ Gedanken rasten noch immer. Wie konnten Miss Dresdens Eltern sie auf solche Weise … verkaufen? Denn eben dies war es. Ein Geschäft, um die Schande ihres Vaters zu beseitigen, und nicht weniger als das.

Julia, die seine Gedankengänge nicht kannte, plapperte weiter. „Ich habe beschlossen, dass getanzt werden soll. Matthew Bertram ist in der Nachbarschaft, ebenso wie Mr. Dawson. Mr. Purcell versicherte mir, dass er zwei Tage vor Weihnachten eintreffen wird und unseren Ball um nichts in der Welt verpassen würde. Ich habe dir ja versprochen, du würdest dich nicht langweilen.“

Mit einem Blick auf Miss Dresden fügte sie hinzu: „Lavinia hilft mir beim Schmücken. Wir haben eben erst angefangen, und sie wird bald beschäftigt sein, wenn ihr ...“

Es gab eine kleine Pause und Nicholas’ Vermutung, was Miss Dresden beschäftigen würde, wurde bestätigt, als Julia ihren Satz beendete. „...wenn Lavinias Zukünftiger ankommt, also habe ich sichergestellt, dass ich ihr bereitwilliges Wesen vollständig ausnutze, solange ich die Gelegenheit dazu habe.“ Julia lachte, doch Nicholas spürte ihre Befangenheit sofort.

Er schaute zu Miss Dresden, die seinen Blick erwiderte. Sie atmete ein und antwortete – wie aus reiner Willenskraft – in einem leichten Ton. „Dein Ball wird herrlich werden, Julia. Ich helfe dir gerne, wo ich nur kann. Und sorge dich nicht darüber, dass die Ankunft von Sir Charles die Dinge sehr verändern wird. Ich erwarte, dir bis zum Ball am Heiligabend behilflich sein zu können.“

Nachdem sie Julia angelächelt hatte, presste Miss Dresden ihre Lippen zusammen und sah aus dem Fenster.

* * *

Nach dem Tee brachte Lavinia den Wunsch zum Ausdruck, noch eine halbe Stunde zu verweilen und zu lesen, ehe sie nach oben gehen wollte, um sich umzukleiden. Nicholas verabschiedete sich und folgte Julia aus dem Raum. Noch ehe sie weit gekommen waren, sagte er leise: „Was für einen Streich hast du nun wieder vor? Miss Dresden wird sich verloben. Daher sehe ich keinen Grund, warum wir uns kennenlernen sollten.“

Ohne aus dem Tritt zu geraten, erwiderte Julia ruhig. „Da sie verlobt ist – oder nahezu –, wie du sagst, dürftest du dir dahingehend keinerlei Gedanken machen. Warum solltest du auch glauben, dass ich irgendwelche Streiche plane?“

„Weil du nicht in der Lage bist, irgendetwas ohne einen Hintergedanken zu tun. An der Tür, die zum marmorierten Eingang führte, schüttelte Nicholas den Kopf. „Ich hätte es bereits durch deinen Brief wissen müssen.“

Julia blieb stehen, sah ihn an und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Nicky, ich verstehe nicht, wie du mehr in die Situation hineininterpretieren kannst, als da ist. Wahrlich, sie ist bislang nicht offiziell verlobt. Doch ihre Eltern sind hier und sie sind recht entschlossen.“

„Was das anbelangt! Was ist in sie gefahren, ihre Tochter in solch eine Ehe zu zwingen? Kennst du den Ruf von Sir Charles? Ich würde nicht fragen, wenn du unverheiratet wärst, doch als verheiratete Frau müsstest du die Gerüchte inzwischen gehört haben.“ Nicholas ging weiter, Zorn trieb ihn an, obgleich er sich nicht erklären konnte, warum er eine Frau beschützen wollen sollte, die er nicht kannte. Vielleicht war es die Müdigkeit nach einer langen Reise.

„Es ist ein zutiefst bedauerliches Arrangement, ich stimme dir zu.“ Die Aufrichtigkeit in Julias Antwort verriet, dass auch ihr die Ungerechtigkeit von Miss Dresdens Situation bewusst war. „Lavinia leidet sehr darunter, und ich ebenfalls. Wie kann ich ein solches Glück haben, während eine derartige Verzweiflung auf meine Freundin wartet? Ich halte diese Verlobung für den Gipfel der Unbilligkeit. Hier entlang. Die Treppe ist dort drüben. Ich begleite dich auf dein Zimmer.

---ENDE DER LESEPROBE---