Ein, zwei Wolken am Himmel - Dörthe Binkert - E-Book

Ein, zwei Wolken am Himmel E-Book

Dörthe Binkert

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Beschreibung

Was tun, wenn man plötzlich ein Reetdachhaus im hohen Norden erbt und einen Krämerladen dazu, aber weit unten im Süden lebt? Hinfahren natürlich! Auch wenn es das Leben ganz schön durcheinander bringt. Denn Nina Mathis findet in Nordhült nicht nur die glücklichen Sommer und die Unbeschwertheit ihrer Kindheit wieder, sondern auch einen Kater, in den sie sich auf der Stelle verliebt, obwohl ihr Freund keine Katzen und auch Norddeutschland nicht mag. Und dann gibt es da noch jemanden, den sie ganz vergessen hatte. Oder nicht? Als Nina ihr Erbe antritt, ist dies der Auftakt zu zwei ereignisreichen Wochen, in denen sie sich nicht nur entscheiden muss, ob und wie es mit dem Dorfladen weitergeht, ob sie in Nordhült ihre Heimat finden kann oder wie sie mit dem Aufruhr ihrer Gefühle, die Jugendfreund Malte in ihr auslöst, umgehen soll. Sie steht vor einer Lebenswende, in der auch ein Familiengeheimnis, das sie aufdeckt, eine schicksalhafte Rolle spielt. Ein Roman voller Humor und Herzenswärme, dessen anregende Lektüre jede Leserin mit dem Gefühl beenden wird, dass das Glück oft näher liegt, als man denkt. Und dass es Mut und Zuversicht braucht … und vielleicht ein, zwei Wolken am Himmel, um es zu sehen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

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ISBN 978-3-492-96545-3 Oktober 2015 © Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien 2015 © für diese Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München / Berlin 2015 Covergestaltung: Christina Krutz, Biedesheim am Rhein Covermotiv: © plainpicture/Katarzyna Sonnewend Datenkonvertierung: CPI books GbmH, Leck   Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.   In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

1

Jede Entscheidung hat Folgen, das lernt schon jedes Kind – nur welche?

Besser, dass man das nicht immer im Voraus weiß, sonst gäbe es ja die berühmten unerwarteten Wendungen nicht, die das Leben spannend machen. Davon zehren schließlich all die Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

Lebensläufe, in denen alles nach Plan geht, ringen einem vielleicht eine gewisse Bewunderung ab, aber, seien wir ehrlich, auch ein leises Gähnen.

Meine Geschichte fängt mit einer nächtlichen Entscheidung an. Wie sie endet, steht noch in den Sternen. Aber ich bin zuversichtlich.

»Schläfst du schon?«

Stille.

»Ich weiß, dass du noch nicht schläfst. Du hast nur den Atem angehalten. Wenn du schlafen würdest, würde ich dich atmen hören.«

Schweigen.

»Wenn ich jetzt mit dir schlafen wollte, wärst du wach.«

»Ich weiß eben, dass du nicht mit mir schlafen, sondern reden willst«, murmelte Leo.

»Wie willst du das wissen?«

»Weil du mich dann einfach zärtlich berühren würdest, statt mich zu fragen, ob ich wach bin.«

Pause.

»Ja, das stimmt. Du, ich glaube, ich fahre da rauf.«

»Wo rauf?«

»Na, nach Nordhült, dahin wo meine Tante gewohnt hat, die vor kurzem gestorben ist.«

»Musst du das heute Nacht entscheiden? Und muss ich das mitentscheiden?«

»Ja, wenn ich fahre, würde ich vielleicht ein paar Tage bleiben, also vielleicht auch ein, zwei Wochen, wenn ich schon mal wieder nach Norddeutschland komme. Ich war ja ewig nicht mehr da.«

Leo drehte sich auf die andere Seite. »Du weißt doch, dass ich morgen die Besprechung habe, wo der intrigante Kunz wieder alles daransetzen wird, mir ein Bein zu stellen und mein neues Projekt zu torpedieren. Ich brauch jetzt wirklich meinen Schlaf. Dass Frauen immer nachts im Bett besprechen müssen, was ihnen durch den Kopf gegangen ist.«

»Du bist ja erst so spät nach Hause gekommen. Wann soll ich denn reden?«

»Zum Beispiel am Wochenende?« Leo büschelte das Kopfkissen und drückte sein Ohr fest darauf.

Aber am Wochenende, das war mir zu spät. Ich wollte es jetzt entscheiden und wenn, dann gleich morgen fahren. Weil ich hier sowieso nicht weiterarbeiten konnte. Am nächsten Tag wenigstens nicht. Mein Computer stand nämlich Kopf. Ja, buchstäblich. Ich hatte schon meinen Computerfachmann angerufen, aber der meldete sich nicht. Wahrscheinlich hat er nur den Kopf geschüttelt. Aber es ist wirklich wahr, das Bild, die Symbolleiste, der Text, alles stand auf dem Kopf, und ich verrenkte mir den Hals. Lesen Sie mal einen Text, der auf dem Kopf steht. Als Leo endlich heimkam, schon das zweite Mal diese Woche war es nach zehn, zeigte ich ihm den übergeschnappten Bildschirm.

»Da gibt es sicher einen ganz einfachen Befehl, eine Tastenkombination, um das rückgängig zu machen«, sagte Leo sachlich und ohne jedes anteilnehmende Staunen. »Oder die Maschine gibt jetzt tatsächlich ihren Geist auf. Ich hab dir ja schon oft gesagt, du sollst dir endlich mal einen neuen Laptop zulegen.«

»Aber ich bin an den hier gewöhnt! Ich hab ihn schon so lange!«

»Eben!«

Kurz und gut, morgen würde ich nur nervös hier rumsitzen und auf den Rückruf von Cyrus Link warten. Es war Anfang Juli, vielleicht war Link in den Ferien, das war ihm zu gönnen, aber ich würde einen anderen Computer-Support finden müssen. Andererseits konnte auch ich einfach wegfahren und ein paar Tage ausspannen. Andere Leute machen das auch. Vielleicht war die Sache mit dem Computer ein Wink mit dem Zaunpfahl?

»Ich fahre morgen nach Nordhült und nehme den Laptop mit«, sagte ich leise und zufrieden. »Vielleicht regelt sich dann alles von allein und das Bild kommt wieder auf die Füße.«

Aber Leo antwortete nicht. Sein Atem ging jetzt tief und regelmäßig.

Nordhült. Mein Gott. An diesen Ort habe ich Jahre nicht mehr gedacht. Genauso wenig wie an meine Kindheit. Man will ja schleunigst erwachsen werden, und kaum ist es so weit, hat man keine Zeit mehr, sich an die schöne Langeweile zu erinnern, mit der man als Kind vom Erwachsenensein geträumt hat. Als ich noch klein war, fuhren wir einmal im Jahr zu Tante Friederike in die Ferien, nach Nordhült. Bis ich zwölf war. Damals verkrachte sich meine Mutter mit ihrer Schwester, und aus war es mit den Sommerferien nahe dem Meer. Ich weiß nicht, was zu dem Zerwürfnis mit Tante Rike geführt hat, vielleicht habe ich sogar danach gefragt, aber meine Mutter hat sich wohl darüber ausgeschwiegen und Papa auch. Dann kam ich in die Pubertät und wollte sowieso keine Ferien mehr auf dem Land und noch dazu in Deutschland machen, da wollten wir nach Italien und Spanien und wer weiß wohin.

Zwanzig Jahre war ich nicht mehr in Nordhült gewesen. Und gestern ruft mich auf einmal Herr Niebeck an, der Nordhülter Bürgermeister. Meine Tante Friederike sei vor drei Wochen gestorben. Alle im Ort hätten meine Mutter und mich noch gekannt, aber bis man herausgefunden habe, dass meine Mutter nicht mehr lebte, habe es schon eine Zeit gedauert. Meine Tante hatte nichts verfügt, und unter ihren persönlichen Dokumenten war keine Adresse meiner Mutter vermerkt gewesen. Erst über einen weiter entfernten Cousin der beiden im Nachbarort habe man eine Spur auftun können, nur um zu erfahren, dass auch meine Mutter verstorben sei. Gott sei Dank – er entschuldigte sich sofort für diesen Ausdruck – sei ich ja noch nicht verheiratet und trüge noch meinen alten Familiennamen, Mathis. Jedenfalls sei es dann ein Leichtes gewesen, mich zu finden. Und da meine Tante keine Nachkommen habe, ihre Schwester, meine Mutter, als ihre nächste Verwandte aber tot sei, würde ich nun das Haus mit dem Laden erben, an den ich mich, meinte Herr Niebeck, gewiss noch aus meiner Kindheit erinnerte.

»Ja, natürlich erinnere ich mich«, sagte ich, »aber das ist ja schrecklich, so alt war doch die Tante nicht. Woran ist sie denn gestorben?«

Der Bürgermeister schwieg einen Augenblick pietätvoll. »Nein, alt war sie nun wirklich nicht, keine siebenundsechzig, aber das Herz, Frau Mathis – oder darf ich Sie noch Nina nennen? –, das Herz hat nicht mehr mitgemacht. Es tut mir leid, dass ich Ihnen so eine traurige Nachricht telefonisch überbringen muss, aber ich wollte es Ihnen doch gern persönlich sagen und nicht nur einen amtlichen Brief schicken. Wir kennen uns doch schließlich.«

Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht. Ich hatte Tante Rike als Kind geliebt, und ich hatte plötzlich ein rabenschwarzes Gewissen, dass ich mich in den letzten Jahren nicht bei ihr gemeldet hatte. Das letzte Mal hatten wir miteinander gesprochen, als meine Mutter tödlich verunglückt war. Tante Rike war zur Beerdigung gekommen, aber gleich wieder abgereist; sie hatte nicht mal bei meinem Vater übernachten wollen.

Mehr als der ziemlich abwegige Gedanke, als Grafikerin und Buchgestalterin einen winzigen Dorfladen zu erben, trieb mich seit dem Anruf des Bürgermeisters von Nordhült mein Gefühl um, etwas Wesentliches versäumt zu haben. Der Streit meiner Mutter mit ihrer Schwester ging mich nichts an, älter geworden, hätte ich den Kontakt zur Tante aber leicht wieder aufnehmen können. Auf einmal fühlte ich mich, als hätte ich Tante Rike verraten und mich ganz unberechtigterweise auf die Seite meiner Mutter geschlagen. Aber nicht einmal so war es: Ich hatte Nordhült und Tante Rike in den letzten Jahren einfach so gut wie vergessen. Ich war nach Abschluss meiner Ausbildung von Köln in den Süden Deutschlands gezogen und hatte mich, glücklich darüber, einigen Erfolg zu haben, in die Arbeit gestürzt. Mein Beruf war wirklich mein Traumberuf, und ich hatte nach Möglichkeit alle Aufträge angenommen, die man mir anbot. Nach ein paar kürzeren, ziemlich belanglosen Beziehungen hatte ich Leo kennengelernt und war nach einigem Hin und Her mit ihm zusammengezogen. Leo war Vertriebsleiter in dem Verlag, für den ich häufig Buchumschläge entwarf. Auch er arbeitete oft bis spät in den Abend hinein. Ich sah ja selbst, wie es bei ihm im Verlag zuging, mein Gott, diese Sitzungen immer und die Notstandsübungen, weil mehr Umsatz hermusste. Irgendwie stand es immer wackelig um das Haus, und jeder wälzte die Verantwortung für die mickrigen Zahlen auf die anderen ab und verbuchte die Erfolge auf dem eigenen Konto. Und am Ende war ich immer schuld. »Der Umschlag hat eben nicht gestimmt«, hieß es dann, »der hat den Titel doch einfach versenkt.« Immerhin, im Moment waren die Umschlagpräsentationen für das nächste Halbjahr für mich im Großen und Ganzen erst mal gelaufen. Wenn ich Ferien machen konnte, dann jetzt.

Und morgen, dachte ich beim Einschlafen, würde ich mit einem klitzekleinen Koffer und einer unbestimmten Sehnsucht im Leib, die mich selbst überraschte, losfahren: Ich wollte Nordhült wiedersehen.

2

Es war, wie gesagt, Anfang Juli. Ein Bundesland hat immer Ferien um diese Jahreszeit. Daran hatte ich bei meiner nächtlichen Planung nicht gedacht. Ich fuhr mit der Bahn. Der Zug war brechend voll. Auf meinem klitzekleinen Koffer konnte ich nicht besonders gut sitzen, zwischendurch stand ich mir die Beine in den Bauch. Die Fahrt vom Süden Deutschlands in den Norden Deutschlands ist auf diese Weise ziemlich lang. Außerdem hatten wir schon ziemlich bald eine Stunde Verspätung, und die Deutsche Bahn machte immer wieder höfliche Ansagen, dass die Anschlusszüge leider nicht warten konnten.

Mein Platz nahe der Tür war eher ungünstig. Bei jedem Halt riss mich ein Schwall von Menschen mit aus dem Zug und schwemmten mich die neu Zusteigenden wieder hinein, aber mit der Zeit arbeitete ich mich in eine Ecke vor. Zeit für ein Picknick. Die Curry-Ei-Füllung meines Sandwichs quoll an den Seiten heraus und bekleckerte meine Hose, die Computertasche und meinen rechten großen Zeh. Tränen stiegen mir in die Augen. Warum war ich so spontan? Ich hätte ein paar Tage später fahren und einen Platz reservieren sollen! Ich hasse Menschengedränge! Auf dem großen roten Schalenkoffer direkt neben mir hockte ein kleiner Junge mit seinem korpulenten, stark schwitzenden Vater.

»Wann sind wir da?«, quengelte das Kind, das Heuschnupfen oder sonst eine Allergie hatte und ständig in die Gegend nieste.

»Bald«, sagte der Vater, »jetzt geduld’ dich doch ein bisserl.«

»Wann denn bald?«, fragte der Kleine.

»Na, bald eben. Noch drei Stunden ungefähr. Jetzt schau halt dein Bucherl an und such auf dem Wimmelbild das Hasi.«

»Drei Stund’n. So lange dauert des no?«

»Hast jetzt das Hasi g’funden?«

»Naa.«

Der Vater wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Jetzt streng’ di doch amal an, statt immer zu quengeln, wie lang es noch geh’n tut. Such das Hasi! … Hast es jetzt?«

Der Bub strengte sich so an, dass er darüber das Niesen vergaß. Ich fand das Hasi auch nicht, aber ich schielte ja auch nur seitlich auf das Wimmelbild. Der Kleine schüttelte stumm und heftig den Kopf und stülpte die Unterlippe vor, als wolle er gleich anfangen zu heulen.

»Herrgott, jetzt stell’ di doch net so an!«, zischte der Dicke und wischte dem Jungen ungeduldig eins mit der Hand an den Hinterkopf. »Du wirst doch wohl noch das Hasi find’n!«

»Haben Sie das Hasi schon gefunden?«, fragte ich den Vater, um der Sache ein Ende zu machen.

Es traf mich ein vernichtender Blick und stille war’s.

Ich hing wieder meinen eigenen Gedanken nach. Ob Leo mich schon vermisste? Als ich ihm heute Morgen einen Abschiedskuss gab, sagte er nur mit einem Blick auf mein Gepäck: »Da gibt es ja Hoffnung, dass du wiederkommst. Schreib mir eine Mail, wenn du angekommen bist, ja?«

»Wieso eine Mail?«, fragte ich. »Ich ruf dich an.«

»Ich werde sicher lange im Büro bleiben«, antwortete er, »es wartet ja niemand zu Hause auf mich. Nicht, dass du es umsonst versuchst.«

Darauf sagte ich nichts. Vielleicht war er doch gekränkt, dass ich einfach so allein entschieden hatte zu fahren. Oder es war ihm mehr recht, als es mir lieb sein konnte. Tant pis. Besser an was anderes denken. Also, ich finde zum Beispiel, die Leute nehmen immer viel zu viel mit, wenn sie verreisen, als müssten sie auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und jede mögliche Katastrophe überleben, ohne fremde Menschen um Auskunft fragen oder irgendwas nachbesorgen zu müssen. Dabei weiß es jeder: Mindestens die Hälfte von dem ganzen Krempel braucht man sowieso nicht. Ich reise gern mit leichtem Gepäck, obwohl es kein guter Sitzplatz in übervollen Zügen ist. Es gibt mir das Gefühl, jederzeit auf und davon zu können. Die meisten Dinge sind doch ein Klotz am Bein, hinderlich auf dem Weg ins Freie, Neue, Unbekannte. Aber die Menschen sind verschieden. Die einen fühlen sich nur gut, wenn sie ihr Haus auf dem Rücken mittragen, die anderen ziehen mit der Plastiktüte los. Und ich, ich gehöre zu den Plastiktütenreisenden.

In Hamburg musste ich umsteigen. Und wenig später noch einmal. Mit jedem Umsteigen wurden die Reisenden weniger, und das Wetter, ganz gegenläufig zur gängigen Meinung, wurde besser. Und als ich endlich im Zug nach Obersanden saß, so viel Platz hatte, wie ich nur wollte, und in Fahrtrichtung aus dem Fenster guckte, überkam mich ein richtiges Glücksgefühl. Es war schon Abend, und vor mir lagen die hellen Sommernächte des Nordens. Die Wiesen breiteten sich in sattem Grün vor meinen Augen aus, ein paar Rinder rupften die letzten schmackhaften Gräser des Tages in ihr weiches Maul, andere lagen behäbig beisammen, als träfen sie sich nach getaner Arbeit am Stammtisch ihrer Lieblingskneipe. Der Weizen wogte weizenblond, der Roggen stand bläulich stramm, und über allem wölbte sich ein weiter, frischer Himmel. Wie hatte ich all die Jahre diesen hohen, freien Himmel vergessen können, an dem sich jetzt vereinzelte Schönwetterwölkchen rosa färbten.

Mir wurde himmelleicht zumute, ich reckte die Zehen in den Sandalen, vergaß die Flecken auf meinen aufgekrempelten Chinos und dachte daran, wie aufgeregt ich vor Jahren den Ferien entgegen und mit welch traurig-schönem Schmerz ich nach drei Wochen wieder abgefahren war. Inzwischen hatte ich die halbe Welt gesehen, aber die bitzelnde, kribbelnde Aufregung von damals hatte ich schon lange nicht mehr gespürt.

In Nordhült gibt es keinen Bahnhof. Es gefiel mir, dass das bis heute so geblieben war. Wenn man an einen Ort seiner Kindheit zurückkehrt, möchte man, dass alles noch genauso aussieht wie vor Ewigkeiten. Früher holte uns Tante Rike meist mit Piet und Bauer Hansens Pferdewagen an der Station in Obersanden ab. Der vorgespannte Holsteiner stand geduldig mit gesenktem Kopf, gutmütig ließ der Braune sich von meiner Kinderhand den warmen schweren Hals streicheln und blies durch die Nüstern dabei, als wolle er mich begrüßen. Vor dem schweigsamen Piet hatte ich mehr Angst als vor seinem Pferd, weil Piet einen Silberblick hatte. Seit er nicht mehr Pfeife rauchte, kaute er beständig auf einem Stöckchen herum, das er zwischen seinen Zähnen, die denen seines Pferdes nicht unähnlich waren, hin- und herbewegte. Ein Süßholz vielleicht, vielleicht aber auch nur ein Stück von einem Weidenzweig, wie Papa vermutete.

Heute würden nicht Tante Rike, Piet und sein Brauner auf mich warten. Vielleicht gab es auch diese beiden nicht mehr oder Piet fuhr inzwischen einen praktischen Lieferwagen. Stattdessen wollte mich Herr Niebeck, der Bürgermeister, höchstpersönlich mit dem Auto abholen. Ich hatte seinen Vorschlag dankend angenommen, denn Taxis, das bestätigte er mir auf meine Nachfrage, gab es in Obersanden am Bahnhof noch immer keine, »und ehe Sie sich telefonisch eines gerufen haben, sind wir schon halbwegs in Nordhült«.

Als ich als einziger Fahrgast in Obersanden aus dem Zug stieg, blies mir ein leichter Wind entgegen. Er kam vom nahen Meer her und roch so frisch gewaschen und sauber wie ein kühles weißes Laken.

Ich weiß nicht, was ich mir für Vorstellungen von Bürgermeister Niebeck gemacht hatte, eigentlich keine, aber irgendwie erwartete ich doch einen reiferen Herrn mit einem soliden, vertrauenerweckenden Auto. Schließlich hatte ich ihn schon alt gefunden, als ich noch ein Kind war. Doch statt eines rundlichen Herrn mit Halbglatze sah ich nur einen großen jungen Mann mit hellbraunem strubbeligem Haar, der neben einem knallroten Golf stand und telefonierte. Das war verwirrend, denn eine weitere Auswahl gab es nicht. War Herr Niebeck verspätet? Hatte er mich vielleicht vergessen? Seit ich klein bin, habe ich diese Angst, dass die Leute mich ganz schnell und ganz leicht vergessen. Sollte ich den jungen Mann ansprechen? Ich machte ein paar zögerliche Schritte in seine Richtung. Da blickte er auf, lachte, ruderte lebhaft mit dem braungebrannten Arm durch die Luft und rief: »Hallo, willkommen!«

Was war das? Ich stand wie angewurzelt. Wir mussten uns kennen. Und nicht die anderen vergaßen mich, sondern ich vergaß sie.

Der junge Mann sagte in sein Handy: »Ich ruf dich später noch mal an«, klappte das Gerät schwungvoll zu und lächelte mir breit ins Gesicht.

»Nina, lass dich anschauen. Dasselbe schöne Mädchen!«

Der Unbekannte, den ich hätte kennen sollen, griff nach meiner Hand und drehte mich an seinem ausgestreckten Arm mit einer lockeren Bewegung einmal um mich selbst. Seine Augen lachten, der ganze Mann freute sich, mich wiederzusehen.

»Was guckst du mich so an?«, wunderte er sich. »Kennst du deinen Vetter Malte nicht mehr, Kusinchen? Bin ich so schlecht gealtert?« Er gab sich Mühe, beleidigt auszusehen.

Peinlich, peinlich. Ich stand immer noch da wie vom Donner gerührt. Mein Vetter Malte.

»Herr Niebeck hat mich gebeten, dich abzuholen, bei ihm fohlt eine Stute und der Tierarzt ist noch nicht da.«

Ich nickte.

»Du hast Bartstoppeln«, sagte ich langsam, »braun, ein bisschen rötlich.«

Er fuhr sich über die Wangen: »Ich hatte keine Zeit mehr, mich zu rasieren …« Breites Grinsen. »Quatsch, ich denk nicht immer dran.«

»Du hast damals soo darauf gewartet, dass du endlich Bartwuchs kriegst.«

»Und du wolltest mich damals heiraten, und nach dieser bewegenden Ansage bist du nie mehr wiedergekommen.«

Malte. Natürlich, es war Malte. Plötzlich war ich riesig müde.

»Ich bring dich in Tante Rikes Haus. Das Gästezimmer kennst du ja, für den Anfang. Das Haus gehört jetzt dir. Herr Niebeck hat mir die Schlüssel für dich mitgegeben.« Malte ließ den Schlüsselbund in meine Hand gleiten. »Meine Mutter hat mir Bettwäsche für dich eingepackt. Sie meinte, du bräuchtest etwas Zeit, um dich im Haus umzusehen und zu sichten, was sich da alles findet.«

Ich lächelte und nickte und setzte mich in den Golf. Malte legte mein Gepäck auf den Rücksitz, schob das Dach auf und ließ den Wagen an. Im offenen Ausschnitt des Wagendachs sah man blass den ersten Stern. Die Luft roch süß nach Gras und Heu, und mir wäre feierlich zumute gewesen, hätte mich nicht die Müdigkeit zusammengedrückt wie ein unscheinbares kleines Paket. Nie hätte ich gedacht, je eine Hausbesitzerin zu sein.

Als wir in Nordhült ankamen und vor Tante Rikes Haus standen, war es dunkel geworden. Wie ein Schattenriss hob sich das tiefgezogene Reetdach vor dem nachtblauen Himmel ab.

Wir stolperten auf dem unbeleuchteten Gartenweg auf den Eingang zu. »Friederike, du musst hier mal eine Wegbeleuchtung installieren«, hatte Papa jedes Jahr gesagt, wenn wir ankamen, und Tante Rike hatte jedes Mal geantwortet: »Da hast du Recht!«. Malte hatte eine Taschenlampe aus dem Auto mitgenommen, der Lichtkegel suchte die Eingangstür und dann das Schloss. Irrlichternd fuhr der Lichtkreis über Backstein, Fachwerk und Holz und blieb an der zierlichen Messinghand hängen, die schon immer als Türklopfer gedient hatte. Friederike Feddersen stand in zart geschwungener Schrift auf dem Messingschild darunter. Ach, Tante Rike, warum machst du nicht die Tür auf und schließt mich in die Arme wie damals, wenn ich von meinen Streifzügen zurückkam, die Kleider voller Kletten und Grannen, und vor Erzähllust platzte. »Nu komm erst mal rein«, sagtest du, »und wasch dir die Hände und das Gesicht, und vergiss nicht, was du sagen wolltest.« – »Fünf Sachen«, antwortete ich dann aufgeregt (oder sechs oder sieben), »muss ich dir erzählen. Unbedingt!«

Das mache ich heute noch so. Wenn ich einkaufen gehe, merke ich mir nicht was, sondern wie viele Sachen ich besorgen muss. Ich schloss die Tür auf. Ja, richtig, es war ja eine geteilte Tür! War der obere Teil geöffnet, griff man hinein und schob den breiten hölzernen Innenriegel zurück, mit dem der untere Teil der Tür verschlossen wurde. War jemand im Haus, stand die obere Hälfte meist offen. Tante Rike hielt öfter mal einen Schwatz mit einer Nachbarin oder dem Postboten, es sah aus, als lehne sie sich aus einem Fenster, die Arme breit und gemütlich aufgestützt. Diese Tür hat mich immer fasziniert, sie war für Jahre mein Kasperletheater. Die Dorfkinder saßen auf dem Gras vor dem Haus, und ich hockte hinter der Tür und ließ Prinzessin und Hexe, Prinz und Krokodil und vor allem den Teufel oben im geöffneten Teil ihr Unwesen treiben.

»Warte«, sagte Malte und schob mich sacht zur Seite, »ich such das Licht.« Es waren immer noch die alten Schalter aus Porzellan, die man mit leichtem Knack nach rechts und links drehen musste. Aber ich hätte mich auch noch blind zurechtgefunden. Rechts, gleich neben dem Eingang, waren die Garderobenhaken mit Tante Rikes Mützen und Regenhüten, dicken Jacken und wetterfestem Zeug, darunter die Gummistiefel und allerlei Gerät, und dann stand man schon in dem großen Wohnraum mit dem Kaminofen links und dem gewaltigen Esstisch aus Eiche in der Mitte. Er war das Zentrum des Hauses. Alle anderen Räume des Hauses gingen von diesem Raum ab: die kleine niedrige Küche, das Vorratszimmer, das Bad, Tante Rikes Schlafzimmer, das Gästezimmer und die nie genutzte Stube, in der ganz früher die Oma gewohnt hatte.

Ein muffelig fader Geruch, der an gruftiges Mauerwerk erinnerte, hing im Raum, wie er sich in alten Häusern schnell einstellt, wenn länger nicht gelüftet wird. Auf dem Esstisch stand ein Einmachglas mit vertrockneten Wiesenblumen. Das Wasser war schon ganz verdunstet und hatte nur braune Ränder am Glas zurückgelassen. Wer die Blumen wohl hier hingestellt hatte?

Malte drückte mir die Bettwäsche in den Arm. Mich fröstelte ein bisschen.

»Ich lass dich jetzt allein, Nina. Du bist sicher hundemüde und willst nur noch schlafen. Morgen wirst du dich sicher erst mal umsehen. Und irgendwann radelst du vielleicht mal bei meinen Eltern vorbei.«

»Und du«, sagte ich, »wohnst du in der Nähe oder bist du zufällig bei deinen Eltern zu Besuch? Seh ich dich noch?«

»Weiß nicht. Ich war heute zufällig bei meinen Eltern, und als Niebeck meinen Vater anrief und ihn bat, dich abzuholen, sagte ich, ich würde das machen.« Mehr schien er nicht preisgeben zu wollen, und ich war zu müde, um weiter nachzufragen. Die Tür fiel zu, und so plötzlich, wie Malte wieder in mein Leben getreten war, schien er auch wieder daraus verschwunden.

Ich war wirklich zum Umfallen müde, aber seit dem Kleckersandwich hatte ich noch nichts gegessen, und das bohrende Gefühl in meinem Magen ließ mir keine Ruhe. Die Bettwäsche noch immer im Arm, öffnete ich die Türen des lavendelblau lackierten Küchenschranks, fand eine mit einer hölzernen Wäscheklammer ordentlich verschlossene Tüte mit getrockneten Aprikosen und sank auf einen Stuhl.

Da stand Malte plötzlich wieder in der Küche. »Das hab ich ganz vergessen. Meine Mutter hat mir noch ein Stück Kuchen für dich mitgegeben.« Er stellte einen Teller mit Blechkuchen vor mich hin. »Also, dann geh ich mal. Abzuschließen brauchst du hier nicht«, sagte er noch, »aber vielleicht fühlst du dich damit sicherer. Schlaf gut, Kusinchen! War schön, dich wiederzusehen.«

Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und war aus der Tür. Das Motorengeräusch seines Wagens verklang in der Ferne, und um mich war Stille, unglaubliche Stille.