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Anerkennung ist nicht nur für Lernende, sondern auch für Lehrende enorm wichtig. Echte Anerkennung für erbrachte Leistung wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus und fördert nebenbei auch die Motivation, in seinem Streben fortzufahren. Der Tagungsband der diesjährigen Pädagogischen Werktagung mit dem Titel "Einander anerkennen" setzt sich mit dem Phänomen von Lob und Anerkennung auseinander. Namhafte Expertinnen und Experten beleuchten sowohl erziehungswissenschaftliche Zugänge zu diesem Themenspektrum als auch sozialpädagogische und psychologische Perspektiven. Auch wird diskutiert, inwieweit sich Anerkennung in Geschichte und Gegenwart auf die Erziehung ausgewirkt hat und wie in der heutigen Pluralität von Kulturen und Werten Toleranz und Respekt gefördert werden können. Neben einem umfassenden theoretischen Teil bietet die Publikation anschauliche Beispiele für die praktische Umsetzung. Mit Beiträgen von Michael Landau, Sabine Seichter, Hans Thiersch, Adelheid Kastner, Jean-Luc Patry, Marianne Bauer, Barbara Friebertshäuser, Anton A. Bucher
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Anna Maria Kalcher Karin Lauermann (Hg.)
Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg Tagungsband der 64. Tagung 2015
Katholisches Bildungswerk Salzburg F.W.-Raiffeisenstraße 2, 5061 Elsbethen, Österreichwww.bildungskirche.at
Mit freundlicher Unterstützung der Universität Salzburg und der Caritas Österreich.
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2015 Verlag Anton Pustet 5020 Salzburg, Bergstraße 12 Sämtliche Rechte vorbehalten.
Umschlagbild: Mit Genehmigung von shutterstock.com, © Rawpixel 2015
Grafik, Satz und Produktion: Tanja Kühnel Lektorat: Anja Zachhuber
ISBN 978-3-7025-8024-7
www.pustet.at
Michael Landau
Sabine Seichter
Hans Thiersch
Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke
Adelheid Kastner
Jean-Luc Patry
Marianne Bauer
Barbara Friebertshäuser
Anton A. Bucher
Anna Maria Kalcher, Karin Lauermann
Der Begriff »Anerkennung« und pädagogisches Denken und Handeln sind untrennbar miteinander verbunden. Dies zeigt ein Blick in die Geschichte der Pädagogik ebenso wie in den aktuellen pädagogischen Alltag. Auch in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, so der Tenor der 64. Internationalen Pädagogischen Werktagung Salzburg, bilden die Anerkennung der einmaligen Person und ein Verständnis von pädagogischer Beziehung, in der sich erzieherisch professionelles Handeln stets im Spannungsfeld von anerkennender Nähe und Distanz gestaltet, die Grundlage aller förderlichen pädagogischen Überlegungen.
Ausgewiesene Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Genres der Pädagogik und ihrer Bezugswissenschaften sowie aus der Praxis haben sich dem anspruchsvollen und bedeutungsvollen Thema »Einander Anerkennen« gewidmet und sind zum gemeinsamen Appell gelangt: Das pädagogische Geschäft braucht Anerkennung, auch wenn es – mit dem Philosophen Ernst Bloch gesprochen – ein weiter Weg hin zu einer konkreten Utopie sei.
Caritaspräsident Michael LANDAU plädiert für eine Kultur der Anerkennung. Er hebt soziale und politische Zugänge hervor und betont die Notwendigkeit von Akzeptanz, Toleranz und Dialogbereitschaft, um in einer von Vielfalt und unterschiedlichen Voraussetzungen geprägten Welt ein friedliches Miteinander zu erreichen. Seine Ausführungen illustriert er mit Beispielen aus Krisen- und Kriegsgebieten. Diese appellieren ebenso an unsere Geschwisterlichkeit und Hilfsbereitschaft wie Notsituationen in unmittelbarer Nähe und Nachbarschaft.
Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine SEICHTER folgt in ihrem Beitrag den erziehungs- und bildungstheoretisch relevanten Implikationen von »Anerkennung« und sucht die damit verbundenen praktischen Konsequenzen für das erzieherische Handeln aufzuzeigen. Dabei weist sie besonders auf die Verbindung von Nähe und Distanz hin.
Der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Hans THIERSCH verhandelt, ausgehend von der Betrachtung der Historie der verschiedenen, ineinander spielenden Kämpfe um Anerkennung, die Frage der Anerkennung von Kindern und die spezifische Struktur von Anerkennung in pädagogischen Verhältnissen: als Anerkennung der unbedingten Anerkennung der Person, der Anerkennung der Selbsttätigkeit und der Anerkennung von Lern- und Gestaltungsaufgaben in ihren Chancen und Zumutungen.
Die moderne Gesellschaft ist geprägt von der Aufmerksamkeitsökonomie, konstatieren der Medienwissenschaftler Bernhard PÖRKSEN und der Journalist und Sprachwissenschaftler Wolfgang KRISCHKE. Der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit ist Alltag geworden. Immer mehr Menschen bereiten sich mit Raffinesse auf den großen Auftritt und den damit verbundenen Moment des Gesehenwerdens vor: auf der eigenen Homepage, im Reality-TV oder beim Schlagabtausch in einer Talkshow. Die Autoren ziehen den Schluss: In unserer Casting-Gesellschaft ist für immer mehr Menschen eine mediengerechte Selbstdarstellung in der Hoffnung auf eine Karriere wichtiger als wirkliches Talent.
Adelheid KASTNER referiert anhand von Fallbeispielen aus der Gerichtspsychiatrie, welche Auswirkungen fehlende Anerkennung auf junge Menschen haben kann. Sie betont dabei die Bedeutung frühkindlicher Zuwendung und positiver Bindungserfahrungen für das Entwickeln von Selbstwert und verweist auf die Notwendigkeit einer gelungenen Identitätsentwicklung im Jugendalter, um Gewaltbereitschaft vorzubeugen.
Der Erziehungswissenschaftler Jean-Luc PATRY hält mit Nachdruck fest: Es ist nicht jedes Verhalten zu tolerieren. Die Würde des Menschen muss berücksichtigt werden. Was zu tolerieren ist, muss jedoch moralisch begründet werden, wobei die Fähigkeit zur Begründung gefördert werden kann wie beispielsweise durch »Values and Knowledge Education« (VaKE), ein Verfahren für den Unterricht ohne Einschränkungen im Wissenserwerb.
Marianne BAUER plädiert dafür, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wahrzunehmen, ihre Potenziale zu erkennen und zu fördern. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als Kindergartendirektorin und Leiterin eines Südtiroler Kindergartensprengels entwickelte sie einen Ansatz für eine Führungskultur, die die Anerkennung in den Mittelpunkt rückt und Führung als Beziehungsarbeit begreift.
Ausgehend von Theorien, die sich mit der Bedeutung der Anerkennung in pädagogischen Beziehungen beschäftigt haben, fragt Barbara FRIEBERTSHÄUSER aus der Sicht der Erziehungswissenschaft nach konkreten Problemen, die sich in der Praxis offenbaren. Dabei rückt exemplarisch die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund als das Problem des (pädagogischen) Umgangs mit Heterogenität in den Fokus.
Über Generationen wurde »Ehrfurcht« funktionalisiert, um Menschen zu unterwerfen und gefügig zu halten, speziell in den Kirchen. Ehrfurchtspädagogik war (oft) blinde Gehorsamspädagogik, konstatiert der Religionspädagoge Anton BUCHER. Sein Beitrag stellt diesem Konzept Entwürfe aus der Positiven Psychologie entgegen und rückt Ehrfurcht als Herzstück der Montessori-Pädagogik sowie der Kosmischen Erziehung in den Fokus.
Anerkennung, Achtung und Respekt gehören in der pädagogischen Arbeit zu den zentralen Voraussetzungen, wenn Entwicklung und Erziehung, Lernen und Bildung gelingen sollen. Positive Anerkennungserfahrungen in pädagogischen Einrichtungen sind für Kinder, Jugendliche und Erwachsene eine wesentliche Quelle für ein positives Selbstwertgefühl. Die vorliegende Publikation möge ein Beitrag sein, Sie, liebe Leserinnen und Leser, anzuregen, in Ihrem pädagogischen Alltag Anerkennung als selbstverständliche pädagogische Haltung zu leben.
Anmerkungen: Die in diesem Band gesammelten Texte spiegeln die Gedanken und Auffassungen der Autorinnen und Autoren wider. Für die Korrektheit der Zitationen zeichnen allein diese verantwortlich.
Michael Landau
Anerkennung ist die Basis für ein friedliches Zusammenleben. Es geht um die Akzeptanz der Anderen, des Anderen und eine positive Sichtweise gelebter Vielfalt als Chance für Entwicklungen. Anerkennung bedeutet aber auch Respekt vor dem was anderen heilig ist. Eine Kultur der Anerkennung entsteht nicht beiläufig. Sie ist ein hohes Gut sozialer, politischer und religiöser Weitsicht. Anerkennung braucht den Dialog, aber auch das Wissen um die eigenen Standpunkte.
Es gilt das gesprochene Wort!
Unlängst war ich im Südsudan. Die Caritas Österreich ist seit vielen Jahren in diesem jüngsten Staat der Welt tätig. Die derzeitige Situation dort ist dramatisch, der Hunger ist überall im Land präsent, und die Anzahl jener Menschen, die nicht wissen, wie sie sich und ihre Familie ernähren sollen, hat sich allein in den letzten 18 Monaten verfünffacht. 250 000 Kinder sind vom Hungertod bedroht.
Aufgrund der fortlaufenden ethnischen Gräueltaten spricht Jean Ziegler in seinem jüngsten Buch von der »Hölle im Südsudan« (Ziegler, 2015, S. 198). Gut zwei Millionen Menschen haben aufgrund dieses brutalen Konflikts ihre Heimat verloren. Sie sind auf der Flucht, beraubt ihrer Lebensgrundlagen und auf Nothilfe angewiesen. Etwa eineinhalb Millionen davon sind Flüchtlinge im eigenen Land.
Ich denke an die Kinder im Baby Feeding Center bei Juba. An die kleinen Kinder in den Flüchtlingslagern, mit aufgedunsenen Bäuchen und verfärbten Haaren. Eine Mutter hat dort versucht, Ziegenfüße, die Klauen und das Stück darüber, durch Rösten über offenem Feuer doch noch irgendwie genießbar zu machen; sie waren schon ganz schwarz. Ich denke an die Kinder im Waisenhaus, das wir besucht haben, die bange Frage des Leiters, wovon er sie auch nur halbwegs ernähren soll. Seit 2013 herrscht Bürgerkrieg. Ich denke aber auch an die Zeichen der Hoffnung: Die leuchtenden Augen der Kinder in den Schulen, die Ausbildungszentren, vielfach von Orden getragen, die Projekte im Bereich nachhaltiger Landwirtschaft, wo einer der Bauern im Blick auf das Grün gesagt hat: Es ist ein gesegnetes Land. Beides ist da: Verzweiflung und Hoffnung.
All diese Bilder sind in mir noch sehr präsent, und ich bringe sie auch deshalb zur Sprache, weil ich denke, dass in der globalisierten Welt, in der wir leben, die Frage der Anerkennung auch vor dem Hintergrund einer Weltgemeinschaft betrachtet werden muss, wo einmal mehr die Frage, wer ist mein Bruder, wer ist meine Schwester, auch Menschen in diesen Ländern mit einbeziehen muss.
Nach Karl Rahner hört die christliche Brüderlichkeit, heute würden wir wohl sagen Geschwisterlichkeit, nicht bei der nächsten Nachbarin, beim nächsten Nachbarn und auch nicht beim nächsten Gartenzaun auf, weil die konkrete Situation unserer heutigen Geschwisterlichkeit, ob wir wollen oder nicht, weltweit geworden ist (vgl. Rahner, 1981).
Wer Nächstenliebe an den Grenzen enden lässt, hat nicht verstanden, was Botschaft und Beispiel Jesu meinen!
Die Geschwisterlichkeit mit Blick auf Gotteskindschaft – und zwar geschöpflich aller Menschen – erscheint mir vor einem christlichen Hintergrund ein recht taugliches Bild zu sein, um so manche Dimensionen von Anerkennung anzusprechen.
»Bettler sind Gesprächsthema. Sind sie auch Gesprächspartner?«, so heißt es auf einem Plakat an der Pforte der Erzabtei St. Peter. Armut muss Platz haben. Und ich gratuliere Salzburg zu dieser wichtigen und zeichenhaften gemeinsamen Initiative der Kirchen und Religionsgemeinschaften.
An die Caritas wenden sich Menschen in erster Linie, wenn sie sich in einer Notsituation befinden. Sie wissen sich nicht mehr zu helfen. Sie wissen nicht ein noch aus. Viele sind verzweifelt oder ihre Angehörigen sind es.
Und zu einem ganz großen Teil sind das Menschen, die Außenseiterinnen und Außenseiter sind. Wir haben es daher mit dem Gegenteil von Anerkennung zu tun. Die Expertise der Caritas kommt aus der Lebensrealität von nicht oder nicht in ihrer Gesamtheit anerkannten Menschen.
Diese leben an den Rändern der Gesellschaft und des Lebens, sie sehen sich überfordert damit, wie sich unsere Gesellschaft organisiert und darstellt. Sie hatten vielfach schon von Grund auf in ihrem Leben die schlechteren Karten in der Hand. Es sind Menschen, die in ihrer Kindheit oft nie erfahren haben, angenommen zu sein, bedingungslos geliebt zu sein. Menschen, die gedemütigt worden sind, die sich immer als ungenügend wahrnehmen oder es einfach nicht aushalten können, nicht so zu sein, wie die anderen auch.
Und dann gibt es jene, die völlig verarmt sind, nie den Anschluss an das Berufsleben finden konnten oder einfach in einem Land groß geworden sind, das von der Geschichte benachteiligt, ihnen keine Lebensperspektiven gibt. Denken Sie nochmals an die bettelnden Menschen, die zu uns kommen, an die Menschen, die vor Krieg und Gräueltaten nach Europa fliehen und auf diesem Weg alles riskieren.
Oder denken Sie an Menschen, die ihr Obdach verloren haben, zumeist gehen der Verlust von seelischem Obdach und der Wohnung Hand in Hand. Es bleibt ihnen dann nichts übrig, als das harte und erbarmungslose Leben auf der Straße.
Wie begegnen wir ihnen, und wie viele Chancen dürfen sie laut sozialstaatlichem Regelwerk bekommen, wieder im Leben Anschluss zu finden?
Letzthin ist ein Tischler, Herr Hartl aus Oberösterreich, berühmt geworden, weil er einen obdachlosen Menschen einfach als Hilfsarbeiter angestellt hat. Offenbar hatte er den Blick für den Menschen und hat sich von der negativen Erscheinung der Obdachlosigkeit nicht ablenken lassen. Ein tolles Beispiel.
Denken Sie an all jene alt gewordenen Menschen, die merken, wie sehr sie ihr Gedächtnis im Stich lässt, wie sehr sie in eine Welt eintauchen, die von den anderen nicht mehr verstanden wird und die sie auch selbst nicht mehr verstehen.
Wie schaffen wir es als Gesellschaft, demenziell erkrankten Menschen mit Respekt zu begegnen und wertschätzend auf ihre »Verrücktheiten« einzugehen?
Arno Geiger (2011) hat das auf literarische Weise vor dem Hintergrund seines eigenen Engagements für die Pflege des Vaters geschafft. »Der alte König in seinem Exil«, ein wirklich lesenswertes Buch. Und eine Anfrage an unsere Gesellschaft: Wie gehen wir um mit hochbetagten Menschen, mit dem Thema Demenz, mit der Sorge und Entlastung für die pflegenden Angehörigen? Denn kaum eine andere Erkrankung ist so fordernd wie eine Demenz, gerade auch für diese Gruppe der Angehörigen.
Oder ein anderes Beispiel aus der Praxis: Wir haben einen Workshop mit Menschen mit Lernbehinderung durchgeführt. Es ging um das Thema Beschäftigung am regulären Arbeitsmarkt und in der Werkstätte. Ein Teilnehmer meldete sich zu Wort, er sprach davon, dass er grundsätzlich schon sehr gerne draußen, also am regulären Arbeitsmarkt arbeiten würde, aber da bekomme er immer zu hören: »Du bist keiner von uns.« Und man würde ihm immer darlegen, was er alles nicht könne und dass er eben nicht ganz dicht sei.
Er freue sich dann immer, auch in der Werkstätte arbeiten zu können, so setzt er fort, weil dort wisse man, wer er ist, was er kann und »dass er a Mensch ist«. Er fühlt sich angenommen, so wie er ist.
Das ist ein großes Lob für die Mitarbeiterin, es ehrt uns als Caritas. Aber es erschreckt zugleich, weil hier Verletzungen passieren, weil jemand eine Behinderung hat, anders ist. Immer noch geht es um den Abbau von Barrieren – in den Köpfen und ganz handfest in der Gesellschaft. »Behindert ist, wer behindert wird«, so haben wir es einmal versucht in eine Kurzformel zu bringen. »Es ist normal, verschieden zu sein.«
Und Caritasdirektor Johannes Dines (bei dem ich letzthin ganz beeindruckende Projekte etwa für Jugendliche besuchen konnte, die den Einstieg in den Erwerbsarbeitsprozess nicht geschafft haben und jetzt Begleitung und Förderung finden) wird hier noch viele weitere Beispiele aus der Praxis erzählen können.
Oder in einer anderen Dimension vertieft: In einem Mutter-Kind-Haus der Caritas – neun sind es österreichweit – klopfte vor rund zwei Jahren eine hochschwangere Frau an. Sie wurde aufgenommen. Dem Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stand sie sehr skeptisch gegenüber, hat den Kontakt eher gescheut. Viele Angebote hat sie abgelehnt oder konnte sie einfach nicht annehmen. Einladungen hat sie ausgeschlagen und ein Mitmachen verweigert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich sehr um sie bemüht, waren in Sorge, weil sie stark unter dem Einfluss ihres alkoholkranken Freundes und Vaters des Kindes stand.
Dann hat ihr Freund eine Wohnung organisiert und sie zog aus. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben deutlich ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, was dies für sie und ihr Kind bedeuten könnte. Gleichzeitig haben sie ihre Entscheidung voll respektiert.
Vor einem halben Jahr ist diese Frau ins Mutter-Kind-Haus zurückgekehrt. Sie hätte auch andere Optionen gehabt. Nein, sie wollte unbedingt zurück ins Mutter-Kind-Haus. Ich denke mir, das hätte sie nicht getan, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätte, dort ganz angenommen und ganz ernst genommen zu sein.
Dabei wird es eine große Rolle gespielt haben, dass es gelungen ist, den Respekt vor ihrer Entscheidung mit der Kommunikation der großen Sorge, die mit dieser Entscheidung verbunden ist, zu kombinieren. Es ist beeindruckend zu hören, wie viel Entwicklung seit der Rückkehr ins Mutter-Kind-Haus in den letzten Monaten gelang.
In einer zunehmend vielfältiger werdenden Gesellschaft ist es erst recht gut, sich dem Thema der Anerkennung aktiv zu stellen. Menschen kommen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern, mit den jeweils eigenen politischen Systemen, leben in fremden Kulturen und sind in verschiedenen Religionen beheimatet. Im Kontext von Migration und Interkulturalität hat der Anspruch also nochmals mehr an Bedeutung gewonnen.
Erinnern wir uns daran, dass Vielfalt überhaupt erst ermöglicht hat, was wir heute als Selbstverständlichkeit ansehen: Eine Gesellschaft ohne Impulse von außen, das wäre eine Gesellschaft, die zum Stillstand verdammt wäre, die sich nicht weiterentwickeln würde, die irgendwann versteinern würde. Erst die Vielfalt ermöglicht uns Weiterentwicklung, sie bereichert uns und zwingt uns unsere eigenen Vorstellungen, Werte, und Wünsche zu hinterfragen beziehungsweise uns auch bewusster wieder mit der eigenen Kultur, den eigenen Werten, die ja von Kindheit an gewachsen sind, den eigenen Tugenden und Grundhaltungen auseinanderzusetzen. Man kann also getrost sagen, dass Vielfalt uns auch zu besseren Menschen macht; zumindest der Möglichkeit nach, denn die Reflexion unseres Handelns und Denkens macht dies erst möglich.
Natürlich ist das weder einfach, noch macht es immer Spaß. Das ist auch manchmal ganz schön beängstigend, wenn man sich selbst so infrage stellt, stellen muss und gestellt sieht.
Aber trotzdem führt kein Weg an dieser Anerkennung vorbei, wenn wir uns als Menschen und in unserer Menschlichkeit weiterentwickeln wollen.
Die Angst vor Zuwanderung ist ernst zu nehmen, genauso wie allfällige Überforderungen von einzelnen Gemeinden. Gleichzeitig aber fehlt uns eine Willkommenskultur. Wir sind ein hochentwickeltes Land. Da muss es möglich sein, ausreichend Deutschkurse anzubieten, Patinnen und Paten zu finden, Wohnplätze zu schaffen und eine Begleitung vorzusehen, um diesen Menschen eine Perspektive zu geben.
Jeder Tag, wo unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nicht jugendgerecht untergebracht und betreut sind, wo junge Menschen und Kinder nicht in die Schule gehen, ist ein verlorener. Jede Woche, wo die Frauen und Mütter, Männer und Väter nicht über das Leben und die rechtlich-demokratischen, sozialen sowie ökonomischen wie ökologischen Zusammenhänge in Österreich aufgeklärt und informiert werden, ist eine verlorene. Wir müssen konkrete Lösungen suchen!
Ich übersehe nicht die große Herausforderung, vor der wir stehen; es ist von Dimensionen einer Völkerwanderung die Rede. Aber mit Blick in die Geschichte bin ich überzeugt: Wir können das meistern und schaffen. Die Hilfe vor Ort, in den Ländern selbst, ist wichtig. Keine Frage. Dafür stehen wir. Mehr Europa, mehr europäische Solidarität ist ein Gebot der Stunde. Aber eben auch ein strategisches Gesamtkonzept, das Miteinander von Bund, Ländern und Gemeinden. Es ist eine Frage des Wollens, nicht des Könnens! Ich sage das auch mit einem großen Danke an alle, die sich heute schon in diesem Bereich engagieren. Und die Kirchen leisten hier selbstverständlich ihren Beitrag.
Doch zurück zum Kern: In der Debatte um migrantische Kinder und Jugendliche wird sehr oft festgestellt, dass diese Kinder unter einem mangelnden Selbstwertgefühl leiden. Wir sind dabei, diese jungen Menschen zu verlieren!
Das ist nicht nur schlecht, und bezogen auf das Individuum eine Katastrophe, sondern auch gesamtgesellschaftlich ein enormer Fehler. Dieser Tage ist eine Studie der OECD erschienen, wieder einmal muss man fast sagen: Jeder vierte junge Mensch in Österreich mit Migrationshintergrund hat weder einen Job noch eine Ausbildung. Man spricht von sogenannten NEET-Jugendlichen – not in employment, education or training. Der Unterschied zu den einheimischen Jugendlichen ist fast nirgendwo in der OECD größer. Nur Belgien schneidet hier noch schlechter ab als wir (vgl. OECD/European Union, 2015). Beachtet man, dass der Erfolg der zweiten Generation als das entscheidende Indiz gewertet werden muss, wie gut Integration gelingt, dann zeigt sich hier großer Handlungsbedarf. Den können wir nicht mehr weiter vor uns her schieben.
Während migrantische Kinder und junge Menschen, deren Eltern höchste Bildungsabschlüsse und Erfolgskarrieren haben, vom Flair des Weltbürgertums umgeben sind, können diese Jugendlichen auf wenig oder keinerlei ökonomische Absicherung oder Bildungsressourcen vom eigenen Elternhaus aufbauen. Sie wachsen in prekären sozialen Lebenslagen auf. Sie starten sozusagen 100 Meter hinter der Startlinie; ein Rückstand, den sie vielfach nie wieder aufholen können.
Für Kinder aus benachteiligenden Lebenssituationen hat die Caritas in allen Bundesländern Lerncafés aufgebaut. Das ist als ein vorübergehendes Angebot gedacht, weil wir immer noch sehr davon ausgehen, dass eine echte und ambitionierte Schulreform kommen wird.
Entstanden ist die Idee vor dem Hintergrund, dass die Eltern ihren Kindern bei den schulischen Aufgaben nicht helfen können und auch keine Mittel haben, eine Nachhilfe zu bezahlen. Ein Grundproblem dieser Kinder ist zu einem großen Teil mangelnde gesellschaftliche Anerkennung, aus der ein mangelndes Selbstwertgefühl resultiert. Sie bekommen oft zu hören, dass sie es eh zu nichts bringen würden, dass sie Versagerinnen bzw. Versager seien, und die »self fulfilling prophecy« nimmt ihren Lauf.
Für eine Kultur der Anerkennung im Schulalltag wird hier in diesem Raum eine geballte Kompetenz vorhanden sein. Erlauben Sie mir dennoch, ein sehr simples Beispiel aus einem Lerncafé anzuführen, weil es einfach trägt: In einem unserer Lerncafés – diese leben vom Engagement vieler freiwilliger Helferinnen und Helfer – wurde die Idee einer »Erfolgswolke« umgesetzt. Die Kinder werden motiviert, positive Schulerlebnisse oder Lernerfolge auf die Wolke zu pinnen. Sei es ein Referat, sei es eine Ansage, sei es ein Sportwettbewerb oder eine künstlerische Aktivität. Das Visualisieren der Erfolge schärft den Blick für diese und macht damit nochmals deutlich, wie sehr Veränderung und Entwicklung des persönlichen Lernerfolgs möglich sind. Es entstand eine positive Gruppendynamik, und die Kinder bestärken sich gegenseitig. Die Kinder können, dürfen und sollen stolz sein auf das, was sie geschafft haben.
Annette Scheunpflug, Professorin für allgemeine Pädagogik an der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, referiert viele Anregungen für eine Didaktik der Anerkennung. Diese reichen von einer Wahl der Unterrichtsthemen, die auch multikulturelle Fragestellungen aufnimmt bis hin zu einer Schularchitektur, in der von sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und -möglichkeiten ausgegangen wird. Wichtig ist ihr auch eine anerkennende Elternarbeit, die nicht die familiären Defizite in den Mittelpunkt stellt, sondern von den vorhandenen Ressourcen ausgeht und diese würdigt (vgl. Scheunpflug, 2013, S. 51ff.). In unseren Lerncafés wird die Elternarbeit ganz groß geschrieben.
Im Kontext des Tuns von caritas heißt Anerkennung auch:
• unsichtbare Gesichter sichtbar machen;
• Leute, die nicht mehr weinen oder lachen können, zum Weinen und zum Lachen bringen;
• achten und ehren statt verachten und demütigen
• und Leid, das nicht abschaffbar ist, in würdiger und guter Weise mitzutragen, wie es Leopold Ungar einmal formuliert hat.
Erlauben Sie mir den Versuch eines kurzen Exkurses zur Debatte, warum so viele Menschen in Europa vom IS fasziniert sind und in den Dschihad ziehen, beim grausamen Morden mitmachen, Frauen und Mädchen systematisch entführen und vergewaltigen, Dörfer niederbrennen und sich in den sozialen Medien als Kämpfer gegen die Ungläubigen damit brüsten.
Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster, ist gefragt worden, was denn die beste Fundamentalismusprävention wäre. Seine Antwort: »Bildung und Anerkennung«. Viele Jugendliche, die sich von fundamentalistischen Milieus rekrutieren lassen, sehen sich als soziale Verliererinnen und Verlierer, auch mit guten Abschlüssen fänden sie keine Anerkennung, sagt er (vgl. Der Standard, 24. Juni 2015).
Die Ideologie, die Menschen zu grausamen Gewaltakten verführt und inspiriert, ist oft zweitrangig. Erstrangig ist eine mangelnde Anerkennung, die in den Biografien der Täterinnen und Täter offensichtlich ist. Auf der Suche nach der eigenen Identität und nach Anerkennung landen sie bei gewaltbereiten Organisationen. »Sie werden von mir reden« ist dann oft der einzige Hinweis auf die Motive dieser Gewaltakte.
Islamische Jugendliche erzählen, dass sie Demütigung in unserer Gesellschaft erleben – Demütigung, aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion. Demütigung ist Futter für Radikalisierung.
Zulange waren Demütigungen anerkannte Erziehungsmethoden – und man findet sie immer noch zur Genüge. Es fehlt Demut als Haltung, um Demütigungen zu vermeiden. Kein Kind, kein Mensch darf gedemütigt werden!
Arno Gruen, ein bekannter Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker, der mit seiner Familie als Jude 1936 Berlin verlassen musste und vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen ist, hat sich in seinem Buch »Der Kampf um Demokratie« (2002) mit den Anschlägen vom 11. September beschäftigt. Seine Grundthese lautet:
»Menschen, die sich zu gewalttätigen Ideologien gleich welcher Couleur hingezogen fühlen, sind als Kinder entweder vernachlässigt oder aber systematisch gedemütigt, heruntergemacht, misshandelt worden. Weil solche Menschen keine liebenden Beziehungen erlebten, sind sie beherrscht vom Gedanken, nicht unterzugehen in einer Welt, die für sie von Feinden besiedelt ist. Sie sind aus diesen Gründen ohne echte Bindung an andere Menschen, suchen aber einen Sinn in ihrem Leben indem sie sich Autoritäten unterwerfen, die ihnen versprechen, sie aus ihren Ohnmachtsgefühlen durch Gewalt zu retten.« (Gruen zit. in Ö1 im Kontext am 19.6.2015).
Als »Gegenmittel zum Unmenschlichen« bezeichnet Gruen die Empathie. Sie ist für das Zusammenleben in einer Gesellschaft unerlässlich und ist der einzig wirksame Schutz gegen Gräueltaten (vgl. Gruen, 2002).
Unsere Gesellschaft wirkt machtlos, ratlos, und die Politik, lassen sie mich es pointiert formulieren, bestellt Hubschrauber gegen diese neue Gefahr, anstatt dass sie in die Jugendarbeit und Pädagogik investiert.
Wir müssen den Übeln der modernen Welt an der Wurzel auf die Spur kommen und dürfen nicht nur in der Symptombekämpfung verweilen!
Der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth hat seine drei Formen der Anerkennung, welche im pädagogischen Diskurs eine wichtige Rolle spielen, zunächst negativ aus Erfahrungen der Missachtung und Demütigung und Unterwerfung von Menschen abgeleitet: Liebe, Respekt und soziale Wertschätzung sind für ihn entscheidend (vgl. Honneth, 1992).
Ich denke, wir können sehr viel für eine Kultur der Anerkennung aus jenen Erfahrungswelten lernen, bei denen es darum geht, Menschen am Rande des Lebens wieder in die Mitte zu holen, Außenseiter zu »Innenseitern« zu machen, wie es einmal ein Caritasverantwortlicher ausgedrückt hat.
Die Wurzel von dem, was wir als Caritas tun, besteht ja genau darin, Menschen das ehrliche Gefühl zu vermitteln, dass sie angenommen sind. In jedem Menschen leuchtet der Funke, um es kirchlich auszudrücken, ein Gott gewollter Mensch zu sein.
Für eine Kultur der Anerkennung gibt es weitreichend humanistische Begründungen. Und im Rechtlichen sind die Menschrechte wohl die erste und umfassendste Antwort auf das Zusammenleben der Menschen in all ihrer Vielfältigkeit und die Beziehung zu staatlichen Autoritäten. »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren«, so lautet der Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diese sind Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Diese gleiche, unverlierbare Würde steht den Menschen zu, unabhängig von einer Leistung oder gar Fehlleistung und auch unabhängig von Leistungserwartung, wenn etwa aufgrund schwerer Lernbehinderungen eine solche fehl am Platz ist. »Doch selbst die tätige Missachtung der Menschenwürde – der eigenen Würde oder der Würde der anderen – derer ein Mensch sich schuldig machen kann, bedeutet nicht den Verlust derselben«, wie es die Deutsche Kommission Justitia et Pax in ihrer sehr lesenswerten Schriftenreihe zur Menschenwürde festhält (Memorandum der AG Menschenwürde und Menschenrechte der Deutschen Kommission Justitia et Pax, 2013, S. 17f.). »Im Horizont der Menschenwürde sind Gleichheit und Besonderheit nicht nur keine unüberwindlichen Gegensätze, wie dies oft behauptet wurde, sondern setzen einander wechselseitig voraus« (ebd.).
Die Menschenrechte sind unverrückbar und unverzichtbar. Sie sind nicht verhandelbar, sie sind nicht aufweichbar, und sie sind nicht relativierbar, weder mit Blick auf die Geschlechter noch mit Blick auf das Alter, die Herkunft, sexuelle Orientierung oder religiöse Zugehörigkeit. Sie sind die Grundlage des Zusammenlebens unterschiedlichster Kulturen, Völker oder Überzeugungen. Auf ihrer Basis erst kann gerade auch die Vielfalt einer Gesellschaft wachsen und sich entfalten und zu einer großen Chance für eine positive Entwicklung werden.
Es zählt zu unseren größten Herausforderungen, den würdelosen Zuständen Menschlichkeit und Haltung entgegen zu stellen.
Im Christentum tritt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Die Beziehung zu einem personalen und liebenden und barmherzigen Gott kann die Anerkennung geradezu beflügeln. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder, eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Mt 25,40). Diese Antwort Jesu auf die Frage, wer denn am ewigen Leben Anteil haben könne, ist wohl eine starke Motivation, ein klarer Auftrag. Und es gibt noch eine zweite Seite. Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Anerkennung, zu der wir in einem ersten Schritt jedenfalls bereit sein müssen, aber auch in einem zweiten, dritten und vierten und noch mehr Schritten, wir dürfen darauf vertrauen, dass daraus eine wechselseitige Anerkennung wächst, oder erwachsen kann. Viel Geduld ist gefragt. Keine Frage. Aber es ist dies der einzige Weg, den zu gehen sich lohnt.
Barmherzigkeit ist dabei ein Einfallstor für die Anerkennung: Barmherzigkeit meint das Offensein für die Nöte und Sorgen von Menschen, Mitgefühl. Das barmherzige Tun hat zum Ziel, den in Not geratenen bzw. in Not lebenden Menschen aus dieser Not zu befreien. Empathie, Einfühlungsvermögen in die Situation des Notleidenden hilft mit, eine Brücke der Mitmenschlichkeit zu bauen. Und vielleicht sind auch wir selbst hier mitgemeint: Im Vertrauen darauf, dass Gott etwas mit unseren Wegen und Umwegen anzufangen weiß, mit unseren Siegen und mit unseren Niederlagen, unseren Stärken und unseren Schwächen.
»Caritas« bedeutet Nächstenliebe. Es ist kein theoretisches Konstrukt, sondern ein sehr handfester praktischer Anspruch. Unmittelbar mit dieser Nächstenliebe ist auch der Anspruch verbunden zu helfen, wenn Menschen der Lebensmut verlässt. Helfen ist aber eine sehr komplexe Angelegenheit, manchmal eine Wissenschaft, wie mein Vorgänger Franz Küberl einmal gesagt hat. Hierbei denke ich jetzt – im Hinblick auf das uns gestellte Thema – nicht an Strukturen, Finanzierungs- und Rechtsfragen. Ich möchte mich auf die Frage der Beziehungsebene konzentrieren. Und im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils wäre hier natürlich unverzüglich zu ergänzen, dass stets auch das Bemühen um Gerechtigkeit gefordert ist: Man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist. Man muss die Ursachen der Übel bekämpfen und nicht nur die Symptome, so heißt es im Apostolicam actuositatem, dem Dekret über Laienapostolat.
Caritas will Hilfe von Angesicht zu Angesicht leisten, von Mensch zu Mensch. Das ist Caritas-Spiritualität. Auf Augenhöhe und nicht vom Subjekt zum Objekt.
Das sagt sich zwar leicht, ist aber in der Umsetzung in der Routine einer Dienstleistungsorganisation eine herausfordernde Angelegenheit. Die Hilfe von Angesicht zu Angesicht setzt eine Bereitschaft voraus, sich auf das Leben der Anderen, des Anderen einzulassen. Nicht irgendeine Anerkennung ist gemeint, sondern jene sozusagen auf höchstem Niveau.
Menschen sind nur in der Lage Hilfe anzunehmen, wenn sie spüren, dass sie geschätzt werden. Was tut Jesus in der Konfrontation mit leidenden, ausgegrenzten Menschen: Er holt sie in die Mitte, er stellt sie in die Mitte. »Steh auf und stelle Dich in die Mitte«, sagt Jesu etwa zu dem Mann mit der verdorrten Hand, den er heilt (Lk 6,8).
Der hilfsbedürftige Mensch, der mir gegenüber steht, sitzt oder liegt, ist ein ebenbürtiger Mensch. Einer, der mir gleich ist, einer, der vor Gott gleich ist. Ich habe als Helfende oder Helfender nicht das Recht, mich über sie oder ihn zu stellen oder sie oder ihn gar zu verurteilen. Als man zu Jesus die Ehebrecherin bringt, die nach damaligen Recht zu steinigen wäre, was heute nach wie vor in vielen Ländern gang und gäbe ist, konfrontiert er die aufgebrachte Menge mit der Aufforderung: »Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein …« (Joh. 8,1-11). Alle gehen nach und nach weg, so überliefert Johannes. Und dann sagt Jesus zur Frau: »Auch ich verurteile Dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (ebd.).
