Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Was passiert, wenn Theologie Lust ernst nimmt - nicht als Gefahr, sondern als Kraftquelle von Liebe, Würde und Glauben? Lust am Göttlichen begleitet in dreimal sieben Tagen durch eine christologische und sensitive Theologie und ihre kirchenpraktischen Konsequenzen - vom biblischen Neu-Lesen über Kultur und Liturgie bis zu spannenden Diskussionsthemen wie Frauenordination, "Ehe für alle vor dem Altar" und Gewissensfreiheit. Die Reihe baut die Kluft zwischen offizieller Lehre und gelebter Realität ab und plädiert für eine Sexualethik, die dem Evangelium treu bleibt und die Lebenswirklichkeit achtet: menschenzentriert, lustfreundlich und lebensbejahend. Der erste Teil legt die Grundlagen einer Lust am Göttlichen; die folgenden Teile zeigen, wie der Frame von "Schöpfungsordnung" zu Schöpfungsvielfalt kippt und welche Folgen das für Sakramente, Sprache, Seelsorge und Kirchenrecht hat. Das Buch lädt zu einem sachlichen, deutlichen und wirksamen Dialog ein - mit Respekt vor der Tradition und klaren Worten für eine Kirche, die Vielfalt als Gabe versteht und Inkarnation leiblich respektiert. Dieser Band mit den Tagen 8-14 wendet die theologischen Grundlagen systematisch an: Er zeigt, wie sich der kirchliche Deutungsrahmen von einer fixen Schöpfungsordnung hin zu einer Schöpfungsvielfalt verändert - theologisch, biblisch und machtkritisch. Paulus wird als Befreier aus normierenden Kategorien gelesen ("Gnade vor Gesetz") und daraus sind pastorale Konsequenzen zu ziehen. Analytisch wird der Zwiespalt der Kirche mit Lust herausgearbeitet - von der Geschichte der Lustfeindlichkeit über heutige Doppelmoral bis zu Wegen aus der Angst. Zugleich wird gefragt, wie vorehelicher Sex als möglicher Ort der Gnade und "heiligen Intimität" gedeutet werden kann - mit der markanten These: Nicht die Ehe heiligt Sexualität, sondern gelebte Sexualität kann Ehe ebenso heiligen, denn Gnade lässt sich nicht monopolisieren. Das Naturrechtsargument ("Naturordnung") wird bibel-, bio- und erfahrungsbezogen hinterfragt, und anstelle von Kommunionssperren soll für die Eucharistie vielmehr eine Einladung ausgesprochen werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Eureka Circe ist Herausgeberin und Curatorin verschiedener Buch-Reihen zur Theologie (wie „Haus des Theologischen Gewissens“ oder „Deus Ex Machina“ sowie „Ich, Circe“) und zur Naturheilkunde. Ebenso sind erschienen die frauenpolitischen Bände „MAIDEN’S MANIFESTO – Die Feuer-Fackel: Päpstinnen der Theologie auf dem Heiligen Römischen Stuhl“, „Alice und der Wunderglaube – Wo und warum der Feminismus in der katholischen Kirche versagt“ sowie „Dignitas Omnium – Die Würde aller“.
Ihre These: “Künstliche Intelligenz (KI) stellt eine tiefgreifende Zäsur dar, weil sie das Verhältnis von Mensch, Wissen und Weltzugang fundamental verändert - nicht nur technisch, sondern auch kulturell, erkenntnistheoretisch und gesellschaftlich. Sie eröffnet einen neuen Zugang zum Wissen und führt zu dessen Vervielfachung und Demokratisierung: KI-Systeme machen Informationen niedrigschwellig verfügbar - oft ohne klassisches Lesen oder vertieftes Vorwissen. Das verändert grundlegend, wie wir denken, lernen und verstehen, und fördert zugleich eine neue Form der Individualisierung des Denkens - was sich exemplarisch auch für den spirituellen Glauben darstellen lässt. Mehr noch: Maschinen erzeugen heute Sinn - Texte, Bilder, Argumente -, wo früher ausschließlich menschliche Expertise gefragt war. Das hat langfristig Folgen für Bildung, Wissenschaft, Politik und Religion”.
Wovon soll’n wir träumen?
So wie wir sind, so wie wir sind, so wie wir sind
Woran könn′n wir glauben? Wo führt das hin?
Was kommt und bleibt? So wie wir sind
Wir lassen uns treiben durch die Clubs der Stadt
Durch fremde Hände und wir werden nicht satt
Wir wachen dann auf bei immer andern Geliebten
Von den’n wir dachten, dass wir sie nie verlassen
Wir könn′n nicht mehr atmen und vergessen zu essen
Wir trinken zu viel, es bleibt ‘n Spiel ohne Ziel
Wann hört das auf? Wann komm′n wir hier raus?
Wovon soll’n wir träumen? Wo sind wir zu Haus?
Wo sind wir zu Haus? (Wo sind wir zu Haus?)
Frida Gold / Andreas Ceylan.
Band: Eine Frage der Lust am Göttlichen
Vorwort und Einleitung: Eine Frage der Lust am Göttlichen - Wie hält das Christentum es mit der Lust?
Tag 1: Warum queere Christologie? Thema, Relevanz, Forschungsstand
1.1 Begriffsklärung
1.2 Wer in Liebe Lust teilt, lebt ein Abbild des göttlichen Überflusses.
1.3 Historische Entwicklung
1.4 Konkrete Themenstellungen
1.5 Relevanz heute
1.6 Forschungsstand
1.7 Zwischenfazit: Chancen und Herausforderungen
1.8 Textlabor: „Alle eins in Christus“ – Gal 3,28 neu gelesen
1.9 Praxisfenster: „Segen verweigert?“ – Konflikt um gleichgeschlechtliche Paare in der Gemeinde
1.10 Diskussionsfragen
1.11 Zentrale Werke
Tag 2: Grundlagen der Queer-Theorie in der Theologie
2.1 Begriffsklärung: „Queer“ – Theorie, Praxis, Haltung
2.2 Schlüsselkonzepte
2.3 Methodik queer-theologischer Textarbeit
2.4 Anwendung: Beispiel „Lazarus“ (Johannes 11)
2.5. Anwendung: Beispiel Paulus
2.6 Reflexion: Grenzen, Kritik, Anschlussfähigkeit
2.7 Textlabor: „Jesus liebte Lazarus“ – Freundschaft, Familie, Wahlverwandtschaft
2.8 Praxisfenster: „Queer-Modul Bibelauslegung“ – Lerneinheit Lazarus
2.9 Diskussionsfragen
2.10 Zentrale Werke
Tag 3: Von queerer Theologie zu queerer Christologie
3.1 Übergänge zur Christologie
3.2 Queere Theologie im Gespräch mit anderen Befreiungstheologien
3.3 Spezifische Fragestellungen queerer Christologie
3.4 Chancen und Spannungen: Differenzierungen und intersektionale Herausforderungen
3.5 Queere Theologie fragt: War Jesus schwul? – Eine queer-theologische Analyse
3.6 Queere Theologie fragt: Wie kann die Sakramentale Trauung von Gleichgeschlechtlichen Paaren vor dem Altar umgesetzt werden?
3.7 Queere Theologie fragt: Sind Geistliche schwul?
3.8 Textlabor: „Wo zwei oder drei versammelt sind“ – Basisgemeinde statt Hierarchie
3.9 Praxisfenster: „OutInChurch und Tonstad“ – Queere Theologie zwischen Praxis und Akademie
3.10 Diskussionsfragen
3.11 Zentrale Werke
Tag 4: Praxis, Kultur und Öffentlichkeit
4.1 Bilderwelten – Ikonographie, Kunst & Popkultur
4.2 Liturgie & Seelsorge (inkl. Trauma-Sensibilität)
4.3 Ethik, Recht, Politik
4.4 Intersektionalität & globale Perspektiven
4.5 Interreligiöse Resonanzen (Praxisdialoge zur Durchbrechung von heteropatriarchalen Systemen)
4.6 Textlabor: „Gesetz und Gnade“ – Freiheit jenseits der Norm
4.7 Praxisfenster: „Paulus im Klassenzimmer“ – Religionsunterricht und Vielfalt
4.8 Diskussionsfragen
4.9 Zentrale Werke
Tag 5: Kritik, Grenzen, Zukunft
5.1 Grenzen und blinde Flecken
5.2 Offene Fragen & Einladung zum Dialog
5.3 Textlabor: „Das queere Evangelium der Gnade“ – Einheit als Bewegung
5.4 Praxisfenster: „Queer-Ikonen“ – Jugendgottesdienst zur Woche der Vielfalt
5.5 Diskussionsfragen
5.6 Zentrale Werke
Tag 6: Vom Menschensohn zum Gottesbild – Geschlecht und Göttliches
6.1 „Gott ist queer?“ – Kontroverse und Deutungsangebote
6.2 Queere und feministische Gottesbilder
6.3 Trinität und Gender
6.4 Judentum, Islam und andere Religionen – Lehrperspektiven
6.5 Textlabor: „Gott der Vielfalt“ – Sprachlabor zu inklusiver Gottesrede
6.6 Praxisfenster: „Gesprächsabend Kirche und Geschlecht“ – Pfarrgemeinde im Dialog
6.7 Diskussionsfragen
6.8 Zentrale Werke
Tag 7: Zukünfte der queeren Christologie
7.1 Forschungsagenda
7.2 Pastorale Innovationen
7.3 Bildungs-Curricula
7.4 Digitale Räume
7.5 Offene Fragen & Einladung zum Dialog
7.6 Textlabor: „Texte umschreiben, Bilder öffnen“ – Entwicklung neuer Lesarten als Lernpraxis
7.7 Praxisfenster: „Regenbogen im Unterricht“ – Pfarrer fördert Empathie und Inklusion
7.8 Diskussionsfragen
7.9 Zentrale Werke
Anhang
Abbildungsverzeichnis
Glossar
Literatur
Band: Eine Antwort der Lust am Göttlichen (I)
Vorwort und Einleitung (Band I): Eine Antwort der Lust am Göttlichen – Zur Kluft zwischen offizieller Lehre und gelebter Realität
Tag 8: Von Schöpfungsordnung zu Schöpfungsvielfalt – Wie ein zentraler Lehramts-Frame kippt
Ein alter Rahmen gerät ins Wanken
Der Lehramts-Frame: „Schöpfungsordnung“ als starres Konzept
Dogmatische Binarität: Ein theologischer Kategorienfehler
Pervertierung des Evangeliums: Wenn Ordnung zur Drohbotschaft wird
Biblische Neu-Lektüre: Vielfalt statt Fixierung in der Heiligen Schrift
Von der Gabe zur Kontrolle: Wie „Ordnung“ zum Machtinstrument wurde
Schöpfungsvielfalt: Die theologische Gegenfigur
Anthropologie und Leiblichkeit: Der Mensch im Bild des vielfältigen Gottes
Erfahrung und Befreiung: Theologie von unten nach oben
Kirche als Raum der Pluralität: Ekklesiologie einer bunten Gemeinschaft
Fazit: Umgekehrter Frame – Verheißung einer erneuerten Kirche
Tag 9: Freiheit jenseits der Norm: Paulus, Gesetz und Gnade queer lesen - Warum Paulus heute?
Historischer Kontext: Gesetz, Gnade und Konflikte der frühen Kirche
Queere Leseweise: Gnade als Überwindung normierender Kategorien
Hermeneutische Verantwortung: Zwischen Kontexttreue und Aktualisierung
Diskussionspotenzial: Kritik, Missverständnisse und Einwände
Praktische Konsequenzen: Für Sexualmoral, Seelsorge und kirchliche Praxis
Drei Praxisvignetten
Der Beginn: Freiheit zur Liebe – 7 Kernsätze für eine Kirche der Gnade
Tag 10: Lust, Liebe und die katholische Kirche – Ein Zwiespalt um Sexualität, Doppelmoral und Erneuerung in der katholischen Kirche
Historische Wurzeln der Lustfeindlichkeit: Von Augustinus zur Todsünde
Sexualmoral heute: Offizielle Lehre versus Lebenswirklichkeit
„Predigt Wasser, trinkt Wein“ – Die Doppelmoral und ihr Preis
Queere und feministische Perspektiven: Wider die heilige Sexualangst
Wege aus der Angst: Lust als schöpfungsgemäßer Ausdruck von Liebe
Aktion Jetzt: „Steht auf und liebt!“
Tag 11: Heilige Intimität statt sexuelle Enthaltsamkeit - Vorehelicher Sex als Sakrament der Liebe
Der offizielle Topos: Keuschheit vor der Ehe als Ideal
Qualität der Liebe statt Trauschein: Argumente für eine neue Sicht
Theologische Perspektive: Gottesnähe in der liebenden Begegnung
Ethische Neuorientierung: Verantwortung, Konsens und Fürsorge als Maßstab.
Liturgische und pastorale Konsequenzen: Von der Trauung bis zur Segnung
Fazit: Nicht die Ehe heiligt die Sexualität, sondern die Sexualität kann die Ehe heiligen
Tag 12: Die Lüge von der “Naturordnung” – warum Naturrecht an der Liebe scheitert
Natur als Norm? Die Fassade des Naturrechts bröckelt
Die Bibel erzählt Vielfalt, keine starre Ordnung
Vielfalt ist natürlich – Biologie, Körper und Wirklichkeit
Wenn aus Frohbotschaft Drohbotschaft wird – die verletzte Liebe
Schöpfungsvielfalt als Maßstab – ein neuer Weg der Ethik
Tag 13: Kommunionsperren und ihre theologische Zumutung: Wer darf an den Tisch? – Umkämpfte Sperren in der Kirche
Was heißt eigentlich Kommunionsperre?
Theologie und Konflikt: Warum wird ausgeschlossen?
Stimmen aus der Praxis: Erfahrungen der Betroffenen
Eucharistie als Einladung – nicht als Belohnung
Was wäre eine andere Logik?
Fazit: Wer darf kommen – und wer bestimmt das?
Tag 14: Relativierungen der kirchenrechtlichen Bindung des Ehesakraments
Der theologische und kirchenrechtliche Normkern: Was nicht relativiert werden kann
Relativierungen im Zustandekommen der Ehe
Queertheologische Perspektive auf die Sakramentalität: Körperlichkeit, gelebte Liebe und existenzielle Sakramentalität
Systematische Einordnung: Grenzen, Spielräume, Spannungen
Synthese und Ausblick
Anhang
Motu proprio (Entwurfsplan): Ehe für Alle vor dem Altar
Abbildungsverzeichnis
Literatur
Glossar
Band: Eine Antwort der Lust am Göttlichen (II)
Vorwort und Einleitung (Band II): Eine Antwort der Lust am Göttlichen – Zur Kluft zwischen offizieller Lehre und gelebter Realität
Tag 15: Kirchliche Verbote: Theologie oder Politik? - Was kirchliche Verbotspraxis als nicht theologisch ausweist
Dogmatische, disziplinarische und administrative Verbote
Kriterien zur Unterscheidung theologischer und nicht-theologischer Verbote
Sakramentale Liebe vs. kirchliches Nein: Ein Fallbeispiel
Unterscheiden, um dem Evangelium treu zu bleiben
Tag 16: Die schwindende Deutungshoheit der Amtskirche über das Heil
Traditionelle Monopolansprüche der Kirche und ihr Wandel
Theologische Neuorientierungen:
Gnade jenseits institutioneller Monopolisierung
Queer-theologische und befreiungstheologische Perspektiven
Gesellschaftlicher Wandel: Pluralisierung, Individualisierung
und Vertrauensverlust
Digitalisierung und mediale Diversifizierung religiöser Autorität
Kirchenpolitische Faktoren: innerkirchliche Spannung und Reformdruck
Fazit: Das Ende der Monopolstellung – Heil in polyzentrischer Deutung
Tag 17: Zwischen Fassade und Wahrheit- Institutionelle und persönliche Doppelmoral im Klerus und in Priesterseminaren
Einstieg: Szene und Begriffsklärung
Strukturhintergründe der katholischen Ausbildung
Mechanismen der Doppelmoral: Fassade, Schweigen und Karrieredruck
Konkrete Brennpunkte der Doppelmoral
Stimmen aus der Praxis
Folgen der Doppelmoral: Vertrauensverlust und innerer Zynismus
Differenzierungen: Integrität, Widerstand und hoffnungsvolle Ansätze
Reformpfade auf vier Ebenen: Normen, Kontrolle, Kultur, Ausbildung
Perspektive: Wahrheit statt Image – ein neuer Anfang
Tag 18: Was die Amtsvermittlungs-Exklusivität der Sakramente in Frage stellt
Systematische Linien
Sakramentenspezifische Differenzierungen
Rechtliche Rahmenbedingungen
Konkrete Kontexte
Theologische Bewertung
Tag 19: Frauenordination als Heilung kirchlicher Menschenrechtsverletzungen - Theologie und Gleichberechtigung in der katholischen Kirche
Menschenrechte: Gleichbehandlung und Zugang zu Ämtern
Theologie: Inklusives Gottesbild und Würde der Berufung
Kirchenrecht und Machtstrukturen: Von der Exklusion zur Teilhabe
Pastoral-psychologische Perspektive:
Heilung verletzter Berufungen und Entfremdung
Symbolik und Liturgie: Gleichheit vor Gott – performativ gelebt
Mehr als eine Personalie – ein grundlegender Heilungsprozess
Tag 20: Keine Biologie über Gott: Im Namen des Vaters… – eine heikle Eröffnung
Zwischen Tradition und Aufbruch – warum Sprache verändern?
Queere Theologie als Impulsgeber und Hoffnung
Den Gehalt bewahren, die Bilder pluralisieren
Liturgische Sprache neu (er)finden – mit Fingerspitzengefühl
Mut zur Erneuerung, Treue zum Geheimnis
Tag 21: Gehorsam und Gewissen: Wer blind gehorcht, sündigt womöglich an der Gnade – Gehorsamskrise um die „Ehe für Alle“ vor dem Altar
Das römische Lehramt im Spiegel queerer Theologie
Sakramentale Ehe für alle: Eine zentrale Forderung der Queer-Theologie
Roms Weigerung und der sensus fidelium:
Wenn das Lehramt die Ohren verschließt Theologische und spirituelle Dimension: Gnade lässt sich nicht einsperren
Pastorale Dimension: Seelsorge im Zwiespalt
zwischen Verbot und Barmherzigkeit
Rechtliche Dimension: Kirchenrecht versus Gewissen – ein unlösbarer Konflikt?
Zeichen des Wandels: Queere Liturgie und gelebter Ungehorsam
„Gnade kann nicht monopolisiert werden: Ehe-Trauungen durch die Gemeindeleitung
Fazit: Gehorsam auf dem Prüfstand – Unterscheidung der Geister statt stummes Nicken
Anhang
Wonderful Life.
Abbildungsverzeichnis
Glossar
Literatur
Viele Gläubige empfinden einen kaum mehr zu überbrückenden Abstand zwischen der kirchlichen Sexuallehre und ihren eigenen Erfahrungen. Diese Kluft – zwischen offizieller Lehre und gelebter Realität – wirft Fragen auf: Woran liegt es, dass die katholische Sexualmoral für so viele Menschen nicht (mehr) greifbar ist? Kann eine jahrhundertealte Lehre den heutigen Erkenntnissen über Sexualität und den vielfältigen Lebensrealitäten der Menschen gerecht werden? Dieser Band möchte einladen, genau darüber nachzudenken. Mit theologischer Argumentation und mit Impulsen soll zum Reflektieren anregt werden und der Boden bereitet werden für eine mögliche Erneuerung der Sexualethik der katholischen Kirche.
Ein zentrales Stichwort dabei ist Schöpfungsvielfalt. Die traditionelle Theologie sprach lange von einer Schöpfungsordnung, in der Gott die Welt – und den Menschen als Mann und Frau – in klarer Zweiteilung erschaffen habe. Aus dieser Sicht erschien alles, was nicht in dieses binäre Schema passt, als Abweichung vom göttlichen Plan. Doch ist Gottes Schöpfung wirklich so eindeutig binär geordnet? Oder zeigt sich nicht an unzähligen Phänomenen der Natur und des Menschseins eine erstaunliche Vielfalt? Einige theologische Stimmen wagen die Kritik, dass die starre Berufung auf eine binäre Schöpfungsordnung einem Dogma gleichkommt, das Gottes tatsächlicher Schöpfungswirklichkeit nicht gerecht wird. Schöpfungsvielfalt meint: Von Anfang an hat der Schöpfer eine bunte und unterschiedliche Welt gewollt – voller Farben, Formen und Lebensentwürfe. Wie ein Autor bildhaft schreibt, entfaltet Gott sein Licht „in die bunte, grenzenlose Vielfalt seiner Schöpfung“. In dieser Vielfalt, so die Idee, können wir Gottes Schöpferwillen neu entdecken. Was wäre, wenn wir diese Vielfalt nicht als Bedrohung der Ordnung sähen, sondern als Ausdruck von Gottes kreativem Reichtum, der uns einlädt, unsere ethischen Überzeugungen zu überdenken?
Dabei ist wichtig zu betonen: Vielfalt bedeutet nicht Beliebigkeit. Eine zeitgemäße Sexualethik, die der Vielfalt Raum gibt, verwirft nicht alle Werte – im Gegenteil, sie sucht nach Kriterien, die wirklich am Wohl der Menschen orientiert sind. Nicht alles ist automatisch gut, nur weil es „bunt“ ist. Aber das Bekenntnis zu einer schöpfungsgemäßen Vielfalt ermöglicht es, den Diskurs über moralisches Handeln „mit gegenseitigem Respekt, Lernbereitschaft und Mut zur persönlichen Veränderung“ zu führen. Eine menschenzentrierte Sexualethik stellt den Menschen mit seiner unveräußerlichen Würde in den Mittelpunkt: Sie fragt, welche Handlungen Liebe, Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördern. Nicht abstrakte Verbote, sondern gelebte Werte sollen Orientierung geben. Es geht darum, zuzuhören – der Wissenschaft, der Lebenserfahrung, dem Gewissen – und daraus eine Ethik zu formen, die dem Menschen dient und ihn nicht einengt.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum das nötig ist. Lust und körperliche Liebe galten in der kirchlichen Tradition lange als gefährliche Kräfte. Sexualität wurde hauptsächlich unter Sünde- und Verbotsaspekten betrachtet, bestenfalls als etwas geduldetes innerhalb der Ehe. Heute jedoch wächst das Verständnis, dass Sexualität von Gott gut geschaffen ist – ein integraler Bestandteil des Menschseins und der Schöpfung. „Sexualität ist Teil der guten Schöpfung und nicht von vornherein negativ zu bewerten“, erinnert uns ein moderner Moraltheologe. Doch zugleich räumt er ein, die Kirche habe historisch tatsächlich mit einer „lust- und sexualfeindlichen“ Haltung zu kämpfen gehabt – da gibt es nichts schönzureden. Diese ehrliche Feststellung tut weh, eröffnet aber auch Raum für Wandel. Wenn etwas in der Lehre nicht lebensdienlich war, darf – ja muss – man es korrigieren. Schließlich vermittelt die Bibel uns bereits in ihrer poetischen Weisheit (etwa im Hohelied der Liebe), dass körperliche Liebe etwas Wertvolles und Heiliges sein kann.
Was heißt das konkret für heute? Inzwischen betonen selbst kirchliche Stimmen, dass Lust kein Tabu mehr sein darf. Sexualität soll nicht länger als steter Gefahrenherd gesehen werden, sondern als Quelle von Lebensfreude, Bindung und sogar spiritueller Erfahrung – sofern sie von Liebe und Verantwortungsbewusstsein getragen ist. Gläubige, Theologen und Wissenschaftler sowie insbesondere Moral-Theologen fordern eine „neue Ethik statt alter Verbote“. Damit ist ein Paradigmenwechsel gemeint: weg vom ängstlichen Regulieren jedes Details des Intimlebens, hin zu einem Vertrauen auf persönliche Gewissensbildung und reife Beziehungsfähigkeit. Konkret heißt das, die Kirche stellt Werte wie Vertrauen, Treue, Achtsamkeit und Gerechtigkeit in den Vordergrund, statt primär über Verbote und Sündenregister zu sprechen. Viele plädieren für eine Weiterentwicklung der Lehre hin zu einer Tugend- und Beziehungsethik, die stärker auf persönliche Verantwortung und die Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen setzt statt auf detaillierte Vorschriften und ‘Du sollst’. Normen behalten ihren Platz – nämlich dort, wo die Würde und Freiheit von Menschen geschützt werden müssen – doch innerhalb dieses Rahmens darf der Freude am Leiblichen, der Vielfalt der Lebensentwürfe und der Gewissensentscheidung des Einzelnen wesentlich mehr Vertrauen entgegengebracht werden.
Dies alles mag nach großer Veränderung klingen – und das ist es auch. Veränderung kann verunsichern. Vielleicht fragen Sie sich: Führt ein lustfreundlicher, diversitätsoffener Ansatz nicht zu Beliebigkeit? Wird die Kirche dadurch nicht ihrer Prinzipien beraubt? Solche Fragen sind verständlich. Doch dieser Band wird zeigen, dass es möglich ist, klar in den Werten und zugleich barmherzig in der Anwendung zu sein. Jesus selbst hat strenge Prinzipien (wie die bedingungslose Nächstenliebe) verkündet und dennoch jeden Menschen in seiner konkreten Situation mit Liebe angeschaut. In ähnlicher Weise dürfen wir und ist eine Sexualethik (zu) entwickeln, die dem Evangelium treu bleibt und trotzdem die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst nimmt. Eine Ethik, die den Namen verdient, weil sie vom Menschen her denkt: menschenzentriert. Und eine Ethik, die die positive Kraft der Sexualität anerkennt: lustfreundlich und lebensbejahend.
So ist Interesse zu wecken und vielleicht ein wenig gemeinsam zu reflektieren. Es sind Fragen zu stellen und es ist zum Mit-Denken einzuladen. Die folgenden Kapitel bieten Gelegenheit, all das zu vertiefen. Theologische Reflexionen sind zu finden, ebenso kritische Auseinandersetzungen mit der Tradition und sicherlich auch hoffnungsvolle Ausblicke auf das, was eine erneuerte Sexualethik bedeuten kann. Alles geschieht in dem Bewusstsein, dass Respekt vor der Tradition und der Personen oberstes Gebot bleibt – aber Respekt schließt deutliche Worte nicht aus. Im Gegenteil: Aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen gilt es, drängende Themen und Fragen ehrlich zu benennen. Gemeinsam ist ein respektvoller, aber deutlicher Impuls in Richtung einer zeitgemäßen, lustfreundlichen und menschenzentrierten Sexualethik zu finden und zu besprechen.
Möglicherweise werden über diesen Band hinaus weitere Dialoge nötig sein, um neue Antworten zu finden, die sowohl der überlieferten Botschaft als auch den heutigen Erfahrungen gerecht werden.
Die Konzeption der vorliegenden Buch-Reihe besteht daher auch aus dreimal 7 Tagen, in denen über diese Themen, Fragen und Antworten mit einem Artikel reflektiert werden kann:
Der erste Band ist
„Ein Frage der Lust am Göttlichen“
(mit Tag 1 bis Tag 7) zum Thema der
Queeren Christologie,
in der weiteren Ausgabe ist
„Eine Antwort der Lust am Göttlichen“
verfasst in zwei Bänden, einmal der Band mit den Tagen 7 bis 14 sowie einem weiteren Band mit den Tagen 15 bis 21, in der es um die
Roten Tücher der päpstlichen Queer-Sensibilität
geht.
Und: der weiterer Band
„Ein Dialog zur Lust am Göttlichen“
rundet die Reihe mit einem
FAQ, häufig gestellten Fragen, zur Queeren Theologie
ab.
Künstliche Intelligenz bereichert diesen Dialog, denn der vorliegende Band ist in Gliederung, Struktur, Kapitelführung sowie in der Auswahl und Gestaltung von Themen, Abbildungen und Illustrationen vollständig durch eine Künstliche Intelligenz entwickelt und verfasst worden (mittels Deep-Research-Strategien, gesteuertem Reasoning, umfassenden Prompting und Methoden des Fragens).
Es ist ein Kunstwerk der Algorithmen des Digitalen Denkens und zeigt, wie KI die Verkündigung und Tradierung von Sachverhalten und Themenstellungen analysieren und interpretieren sowie damit zum transdisziplinären Lernen von Individuen und Institutionen anregen kann.
Sicher ist: Nur wenn wir bereit sind, liebgewonnene Denkmuster zu hinterfragen, können wir im Verhältnis von Körper, Lust, Glaube und kirchlicher Lehre neue, lebensbejahende Perspektiven entdecken.
In diesem Sinne versteht sich der vorliegende Band als Ergänzung zu einem Gespräch – sachlich im Ton, und deutlich in der Sache. Er lädt ein, über das Verhältnis von Körper und Geist, von Lust und Göttlichem neu und erweitert nachzudenken – und vielleicht selbst Lust am Fragen und am Entdecken göttlicher Gegenwart in unerwarteten Bereichen zu entwickeln.
Lassen wir uns also nicht entmutigen, um vertraute Denkmuster zu hinterfragen. Fühlen wir uns eingeladen, die eigene Haltung in Ruhe zu überdenken und neue Perspektiven zuzulassen. Eine buntere, menschlichere Sicht auf Sexualität bedeutet nicht Verlust von Werten, sondern Gewinn an Verständnis und Lebensfreude.
Möge die Lektüre zum Nachdenken inspirieren – und vielleicht sogar dazu, Teil eines Wandels zu sein, der längst überfällig scheint. Denn eine Kirche, die die Schöpfungsvielfalt feiert und den Menschen in den Mittelpunkt stellt, kann im 21. Jahrhundert glaubwürdig Zeugnis geben von dem Gott, der Liebe ist. In diesem Sinne: Viel Freude beim Lesen, Vertiefen und Austausch der Erkenntnisse wünscht:
Eureka Circe,
im Oktober 2025.
These: Dogmatische Binarität ist theologisch ein Kategorienfehler; verbindlich ist die Schöpfungsvielfalt – biographisch, biologisch, biblisch. Wer Gott biologisiert, predigt am Ende einen homosexuellen Himmel – oder keinen Gott, der größer ist als unsere Schubladen.
Die katholische Kirche hielt lange an einem scheinbar unverrückbaren Konzept fest: der „Schöpfungsordnung“. Bewahrt das Evangelium Menschen—oder Normen? Wenn die Antwort ‚Menschen‘ heißt, muss die Binarität weichen: In lehramtlichen Texten wurde betont, Gott habe die Menschen als Mann und Frau geschaffen, und daran seien Geschlecht und Sexualmoral ein für alle Mal auszurichten. Aus dieser binären Weltsicht folgte eine strikte Norm: Alle Beziehungen und Lebensentwürfe sollten der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit entsprechen – Abweichungen wurden als widernatürlich oder sündhaft gebrandmarkt. Dieses starre Deutungsmuster – ein Frame im Denken des Lehramts – prägt(e) die kirchliche Lehre über Ehe, Familie, Sexualität und Geschlechterrollen zutiefst. Es galt als gottgegebenes Fundament, auf das man moralische Verbote stützen könne (etwa das Verbot homosexueller Handlungen oder nichtbinärer Identitäten).
Doch seit vielen Jahren gerät dieser alte Rahmen ins Wanken. Eine feministische und queertheologische Kritik wächst heran, die genau diese dogmatische Fixierung auf Binarität hinterfragt. Queere Theolog:innen und viele und insbesondere weibliche Gläubige spüren: Hier stimmt etwas nicht – weder mit Blick auf die Bibel noch auf die Wirklichkeit der Schöpfung. Sie fragen: War die vermeintliche Ordnung der Schöpfung vielleicht von Anfang an ein Missverständnis?Was kehrt einen solchenzentralen Lehramts-Frame um? Die Antwort zeichnet sich ab: Ein Perspektivenwechsel hin zu Schöpfungsvielfalt – dem Feiern der bunten, dynamischen Fülle von Geschlecht und Leben, die Gott tatsächlich geschaffen hat.
Es geht um mehr als die Feststellung, dass ein kirchliches Dogma fällt. Es ist nachvollziehen, wie die Umkehrung theologisch geschieht und welche Chancen in ihr liegen. Denn es steht einiges auf dem Spiel: Geht es im christlichen Glauben um die Bewahrung einer angeblich natürlichen Ordnung – oder um Befreiung, Heilung und radikale Gute Nachricht für alle?
Zunächst ein Blick auf den bisherigen Frame: Was meint die Kirche überhaupt mit Schöpfungsordnung? Vereinfacht gesagt die Vorstellung, Gott habe von Beginn an eine natürliche Ordnung in die Schöpfung „eingeschrieben“. Alles habe seinen von Gott gewollten Platz und Zweck – besonders in Bezug auf Mann und Frau. Die klassischen Rollen (männlich vs. weiblich, Vater vs. Mutter) und die heterosexuelle Ehe zur Fortpflanzung gelten als Kern dieser Ordnung. Das Lehramt leitet daraus ab, dass jede Sexualität, die nicht in diese heteronormative Zweierstruktur passt, gegen Gottes Willen verstößt. So heißt es z.B. im Jugend-Katechismus Youcat ausdrücklich, homosexuelle Handlungen „entsprechen nicht der Schöpfungsordnung“. Auch Transidentitäten oder nichtbinäre Geschlechtsformen haben in diesem Denkrahmen keinen Platz – man hält sie für „ideologische Konstrukte“ oder bedauernswerte Anomalien, weil es angeblich nur zwei von Gott geschaffene Geschlechter gäbe. Doch das ist nicht wahr und damit mehr als falsch.
Historisch diente der Verweis auf die göttliche Schöpfungsordnung der Kirche nicht nur zur Morallehre, sondern auch zur Disziplinierung. Wie ein katholischer Kommentar analysiert, verschaffte die behauptete Deutungshoheit über Sexualität „im Namen der göttlichen Schöpfungsordnung“ der Kirche ein effektives Instrument der Sozialkontrolle. Indem man bestimmte Familienmodelle und Verhaltensweisen zur einzigen gottgewollten Norm erklärte, stabilisierte man gesellschaftliche Strukturen – allerdings um den Preis, alle „Abweichler“ zu sündigen Außenseitern zu machen. Kurzum: Der Frame „Schöpfungsordnung“ war mit erheblicher Macht unterlegt. Er lieferte Autorität, Menschen aufgrund von Geschlecht oder Sexualität zu bewerten und ggf. auszuschließen.
Die Karikatur „Amtliche Ordnungskontrolle im Garten Eden“ zeigt mit feinem, humorvollem Strich eine theologisch-satirische Szene. Im Zentrum sitzt ein älterer Kardinal in rotem Talar an einem schweren Holzschreibtisch. Er trägt eine runde Brille, hält eine Lupe in der Hand und blickt skeptisch auf zwei nackte Männer, die sich zärtlich an den Händen halten – offenbar Adam und Adam. Auf dem Tisch liegt ein dicker Stapel Papier mit der Aufschrift „Naturordnung – geprüft und gesiegelt“, daneben ein Namensschild: „Abteilung Schöpfungsordnung – Genehmigungen nur Mo–Fr 9–12 Uhr“. Neben dem Kardinal steht ein Engel mit einer goldenen Haarlocke, der in der Hand einen Stempel hält, auf dem „UNGÜLTIG“ steht. Er wirkt verunsichert, fast zögernd, als wolle er den Auftrag nicht ausführen. Über der Szene schwebt eine sanfte Lichtaura aus drei sich überschneidenden Kreisen – eine abstrahierte Trinität, die still das ganze Büro in warmes Licht taucht. Unten im Vordergrund läuft eine kleine Schildkröte mit einem Kreuzanhänger vorbei und sagt in einer Sprechblase: „Und Gott sah, dass es sehr gut war.“ Die Zeichnung kritisiert charmant die kirchliche Bürokratisierung göttlicher Schöpfung: Während der Kardinal Normen kontrolliert, geschehen im Hintergrund Leben, Vielfalt und Gnade – ein stilles und dennoch ausdrucksstarkes Plädoyer dafür, dass Liebe keiner Genehmigung bedarf.
Abbildung 26: Himmlische Bürokratie im Paradies.
Für viele gläubige Menschen von heute tut sich hier jedoch ein tiefer Zwiespalt auf. Denn die Lebenswirklichkeit sieht längst anders aus: Es gibt vielfältige sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten, die sich nicht in ein einfaches Schema pressen lassen und lassen wollen. Zudem hat die Wissenschaft (Medizin, Psychologie, Biologie) Erkenntnisse gebracht, die die einfache Dichotomie „männlich vs. weiblich“ relativieren. Und vor allem melden sich die Betroffenen selbst zu Wort – etwa intersexuelle, trans* und queere Christ:innen –, die sagen: Auch wir sind Gottes gute Schöpfung!
Die Kluft zwischen der traditionellen Lehre und der gelebten Realität wird immer offensichtlicher. Sogar Bischöfe und Theologen in der Kirche merken an, dass hier etwas nicht stimmt. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz konstatiert etwa, es gebe „eine wachsende Kluft zwischen der Theologie als Wissenschaft und dem kirchlichen Lehramt“ – Letzteres habe sich lange geweigert, neue Erkenntnisse an sich heranzulassen, und sich damit „mehr und mehr von der Wirklichkeit abgeschottet“. Er promovierte mit der Arbeit „Moraltheologie unter Modernisierungsdruck. Interdisziplinarität und Modernisierung als Provokationen theologischer Ethik – im Dialog mit der Soziologie Franz-Xaver Kaufmann“ im Bereich Theologie & Moraltheologie. Für diese Dissertation erhielt er 2000 den Wissenschaftspreis des Katholisch-Sozialen Instituts der Erzdiözese Köln. Seit 2010 ist Stephan Goertz Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er zählt zu den bekannteren Stimmen, die sich kritisch mit der kirchlichen Sexualmoral auseinandersetzen, besonders in Bezug auf Homosexualität, Geschlechterverhältnisse und Reformbedarf. Zum Beispiel war er Herausgeber des Bandes „Who Am I to Judge? Homosexuality and the Catholic Church“. Ein weiteres Werk: Vom Vorrang der Liebe. Zeitenwende für die katholische Sexualmoral, gemeinsam mit Christof Breitsameter. Goertz weist auf die Gefahr hin, dass die Kirche zu sehr auf Kontrolle und Bewahrung setzt und dadurch theologisch und pastoral ins Abseits gerät. Mit dem oben genannten gibt er einen harten Vorwurf, der aber die Situation treffend beschreibt: Der alte Frame „Schöpfungsordnung“ droht realitätsblind zu werden.
An diesem Punkt setzt die queertheologische Kritik an. Sie hält der Kirche einen Spiegel vor: Was, wenn euer vertrauter Frame gar kein göttliches Dogma ist, sondern ein Irrtum? Was, wenn die Fixierung auf Binarität nicht Ausdruck von Gottes Willen, sondern Ergebnis menschlicher Kultur und Machterhaltung ist? Diese Fragen führen zu grundsätzlicher theologischer Kritik – bis hin zur These, die starre Geschlechterordnung sei „ein Kategorienfehler“ und sogar eine „Pervertierung desEvangeliums“. Im Folgenden wollen wir diese Ausgangsfolien genauer betrachten.
Beginnen wir mit dem Vorwurf des Kategorienfehlers. Damit ist gemeint, dass die Kirche biblische und theologische Aussagen falsch einordnet – in eine Kategorie, in die sie nicht gehören. Konkret: Aus poetischen Schöpfungserzählungen der Bibel wurde im Nachhinein ein biologischnormativer Code gemacht. Man nahm einen religiösen Text und behandelte ihn wie einen naturwissenschaftlichen Bericht über Chromosomen und Anatomie. Das aber, so die Kritik, ist ein Missverständnis der Gattung dieser Texte – ein Kategorienfehler.
Tatsächlich kennen die biblischen Texte keine moderne Genetik oder Zweigeschlechter-Statistik. Wenn im Buch Genesis steht „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27), ist das keine naturwissenschaftliche Beschreibung, sondern ein Bekenntnis: Jeder Mensch – egal welchen Geschlechts – ist gewollt und Abbild Gottes. Die Formulierung „als Mann und Frau“ ist im Hebräischen ein sprachliches Mittel, ein Paar von Gegensätzen, das eine Gesamtheit ausdrückt – ähnlich wie „Himmel und Erde“ alles Geschaffene umfasst. Mit anderen Worten: Der Text sagt nicht „Gott schuf genau zwei Sorten Menschen und nur die“, sondern „Gott schuf den Menschen in seiner ganzen Fülle“. Das wird deutlich, sobald man näher hinschaut:
In Genesis 2 wird der erste Mensch zunächst nicht als „Mann“ bezeichnet, sondern als adam – ein Wort, das „Mensch“ oder sogar „Erdling“ bedeutet, abgeleitet von adama (Erde). Dieses Urwesen ist zunächst ungeschlechtlich, ein neutrales Menschenwesen, geformt aus Erde und göttlichem Odem. Erst im Verlauf der Erzählung entsteht durch Gottes Eingreifen die Zweiheit von ish (Mann) und ishah (Frau). Geschlechtlichkeit kommt also narrativ ins Spiel, sie ist etwas Dynamisches, das aus dem Beziehungsgeschehen heraus entsteht. Dieser Erzählverlauf ist wichtig: Er zeigt, dass Geschlecht nicht die ursprüngliche Essenz des Menschseins ist, sondern eine spätere Differenzierung. Der Theologe in mir möchte sagen: Das ist eine theologische Aussage der Bibel, kein biologischer Befund. Die Grundaussage der Adam-und-Eva-Erzählung ist: Der Mensch ist von Gott gewollt und gesegnet – als beziehungsfähiges Wesen. Die Unterscheidung in Mann und Frau ist ein Teil dieser poetischen Erzählung, aber nicht ihr Endzweck.
Wenn nun die kirchliche Lehre hergeht und aus diesen Versen eine strikte, unveränderliche Zweigeschlechter-Ordnung ableitet, begeht sie genau den genannten Kategorienfehler. Sie behandelt den Text wie eine naturgegebene Checkliste – dabei handelt es sich um einen Mythos voller Wahrheit, aber eben in symbolischer Form. Die Folge: Man verfehlt sowohl den biblischen Sinn als auch den wissenschaftlichen Befund, wie die queeren Theolog:innen betonen. Biblisch gesehen übersieht man die Dynamik und Metaphorik der Erzählung; wissenschaftlich gesehen ignoriert man, dass selbst die Biologie längst kein striktes Zweigeschlechter-Modell kennt. Die starre dogmatische Binarität passt also weder zur Bibel noch zur Biologie – sie hängt quasi in der Luft, gestützt nur von Tradition und Macht, aber nicht von Wahrheit.
Deshalb: Dogmatische Binarität ist theologisch ein Kategorienfehler. Die Kirche hat hier eine Kategorie („natürliche Ordnung“) absolut gesetzt, die der biblischen Botschaft gar nicht angemessen ist. Die Bibel kennt eine solche fixe Geschlechtsordnung nämlich nicht – sie erzählt vielmehr von einer Vielfalt an Beziehungen und Identitäten. Wer trotzdem starr darauf beharrt, tut der Bibel Gewalt an.
Ein treffendes Beispiel für dieses Missverstehen von Kategorien liefert auch der Apostel Paulus. In Galater 3,28 schreibt er: „Da ist nicht mehr Mann noch Frau; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.“ Diese berühmte Taufaussage sprengt eigentlich alle menschlichen Unterscheidungen in der neuen Gemeinschaft in Christus. Trotzdem wurde sie lange nicht auf Geschlechterrollen angewandt („in Christus gibt es keine Male und Female“ – was heißt das konkret?). Einige Traditionalisten argumentierten sogar, Paulus meine das nur im „Himmlischen“, während hier auf Erden sehr wohl Mann und Frau streng zu unterscheiden seien. Man sieht: Selbst klare biblische Aussagen für Vielfalt wurden vom bestehenden Frame so umgebogen, dass sie bloß geistlich zu verstehen seien, ohne praktische Folgen. Aus queerer Sicht steckt aber gerade in Gal 3,28 ein revolutionärer Funke: Paulus dekretiert hier die Vorläufigkeit aller Identitäts- und Rollenentwürfe. „Nicht mehr Mann und Frau“ – das kann man lesen als Aufhebung der binären Geschlechterordnung. Der Vers drückt einen Akt der Neuschöpfung aus, der vermeintliche Natürlichkeiten dekonstruiert und den Blick öffnet für die tatsächliche Vielfalt des Lebens. Viele queere Theolog:innen feiern diesen Vers als Vision einer radikal inklusiven Gemeinschaft jenseits aller Zuschreibungen. Mit anderen Worten: DieBibel selbst enthält den Sprengstoff, der die statische „Ordnung“ sprengen könnte – wenn man sie nicht mit falscher Kategorie liest.
Zusammengefasst: Die „Schöpfungsordnung“ als zweigeschlechtliches Dogma ruht auf sehr wackligem Grund. Sie basiert auf einem Kategorienfehler im theologischen Denken. Statt die Bibel kontextgemäß als symbolisch-poetische Theologie zu lesen, wurde sie biologistisch fehlgedeutet. Und statt die Erkenntnisse der Wissenschaft über geschlechtliche Vielfalt wahrzunehmen, beharrte man auf einer vorgestellten Naturkonstante. Die Kritik an dieser Borniertheit der Theologie deckt diesen Fehler auf – ein entscheidender Schritt, um den Frame zum Kippen zu bringen.
Warum diese theologische Präzision?
Reductio (Widerspruchstest):
Wer Gott geschlechtlich festlegt und die Trinität biologistisch deutet, landet logisch bei „gleichgeschlechtlicher“ Gottesliebe – damit
zerfällt
die binäre Ableitung; die Formel zeigt die Unhaltbarkeit des Ordnungsschlusses.
Apophatisches Argument (Schutz der Gottesrede):
Die Zuspitzung sagt
nicht
, was Gott
ist
, sondern markiert, was Gott
nicht
ist: weder hetero noch homo noch binär – sie wehrt Projektionen ab und schützt Gottes Transzendenz.
Hermeneutik & Symbolkritik:
„Vater/Sohn/Braut“-Sprache ist
analog
, nicht anatomisch; die Zuspitzung trennt
Symbol
von
Biologie
und entzieht der binären „Schöpfungsordnung“ die scheinbar wörtliche Basis.
Ethisch-pastorale Konsequenz:
Wenn Gott keiner Sexualkategorie unterliegt, kann Moral nicht an
Formen
, sondern an
Früchten
geprüft werden (Treue, Gerechtigkeit, Zärtlichkeit) – das öffnet den Weg zu inklusiver Sakramentalität statt Exklusionsmoral.
Noch deutlicher wird die Kritik, wenn sie den moralischen und spirituellen Schaden des alten Frames beleuchtet. Die These lautet: Die Fixierung auf eine angeblich natürliche Geschlechtsordnung ist nicht nur ein Denkfehler, sondern eine Verkehrung der christlichen Botschaft selbst – mit klaren Worten, eine Pervertierung des Evangeliums. Was heißt das?
Das Evangelium, die Gute Nachricht Jesu Christi, zielt im Kern auf Befreiung und Heil für alle Menschen. Jesus verkündete Gottes Reich als Raum der Versöhnung, Inklusion und Gnade – besonders für jene am Rand. Er kritisierte religiöse Eliten, die Menschen mit Gesetzesvorschriften belasteten, und stellte stattdessen die Liebe und Barmherzigkeit in den Mittelpunkt. Wenn nun ausgerechnet die Kirche im Namen des Evangeliums Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität ausschließt, dann läuft etwas komplett verkehrt. Aus der Frohbotschaft wird eine Drohbotschaft. Aus der Einladung ins Reich Gottes wird ein System von Regeln, das vielen zuruft: Du gehörst nicht dazu!
Die Bedeutung von „Schöpfungsvielfalt“ wird so direkt deutlich: Die starre Geschlechtsbinarität, auf der die katholische Moral beharrt, trennt Menschen von der frohen Botschaft, statt sie einzuschließen. Damit verkehrt sie den befreienden Kern des Evangeliums ins Gegenteil. Das ist ein hartes Argument, und lässt sich gut nachvollziehen. Denn was passiert denn, wenn man die Schöpfungsordnung über alles stellt? Man nimmt einen Teil der Schöpfung – die Zweigeschlechtlichkeit – und erhebt ihn zum Maßstab des Heils. Plötzlich wird das Evangelium nicht mehr an der Person Jesu und seinem Handeln der Liebe gemessen, sondern an der Frage, ob jemand ins Schema passt: Ein Schema des gewollten oder ein Schema der Biologie und ein Schema, das über Gott gestellt wird, der nicht in dieses Schema passt. Aus Gnade wird Gegebenheit: Nur wer innerhalb der natürlichen Ordnung bleibt, darf mit voller Anerkennung rechnen. Die übrigen hören implizit (oder explizit): Für dich gilt die Liebe Gottes nur „ja, aber...“ – an Bedingungen geknüpft.
So etwas ist tatsächlich eine Verdrehung. Jesus selbst hat gerade nicht die vermeintlich „Natürlich-Normalen“ bevorzugt. Im Gegenteil, er hat beständig Grenzen überschritten: Er aß mit Ausgestoßenen, er ließ Frauen in seinen Jüngerkreis, er berührte Unreine. Er stellte sogar die heilige Ordnung der patriarchalen Familie in Frage, indem er sagte: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,35) – also eine neue Familie jenseits von Blutsbande und Geschlecht. Jesus dekonstruiert hier die Kleinfamilie als exklusiven Heilsort und eröffnet (stattdessen) Gemeinschaft auf Basis des Glaubens, offen für alle. Genau deshalb sagt die queere Theologie: Das Evangelium sprengt die engen Ordnungen, es überschreitet soziale und religiöse Grenzen. Die Kirche aber hat historisch oft das Gegenteil getan – Grenzen verstärkt und Normen zementiert. Im Falle der Sexualmoral kulminiert das in einem paradoxen Befund: Eine Botschaft, die eigentlich „gute Nachricht für alle“ ist, wurde von der Kirche in ein System verwandelt, „das Vielfalt verbietet“.
Diese Diagnose – Perversion des Evangeliums – mag zunächst polemisch klingen, ist aber theologisch durchdacht. Sie benennt nämlich die Machtkomponente hinter dem Gerede von natürlicher Ordnung. Wenn eine Kirche dauernd betont „XY oder XXY ist nicht der Schöpfungsordnung entsprechend“, schwingt darin ja eine Drohung mit: Wenn du dich so verhältst oder so bist, stellst du dich gegen Gott.
