Eine beinahe alltägliche Geschichte - Szilárd Rubin - E-Book

Eine beinahe alltägliche Geschichte E-Book

Szilárd Rubin

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Beschreibung

Um sich von den Strapazen seiner Liaison mit Piroska zu erholen, flüchtet der Schriftsteller Levente Rostás in ein Sanatorium. Da hockt er nun und blickt wehmütig und selbstironisch auf bewegte Jahre in Budapester Künstlerzirkeln zurück, auf frühere Erfolge und auf seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Doch schon nach wenigen Tagen zeigt sich: Weder die Stille noch die Heilbäder können Rostás' Herz kurieren – immer wieder kreisen seine Gedanken um Piroska. Als er ebenso verzweifelt wie amüsiert allmählich einsieht, dass er mit dieser Frau nicht leben kann, doch ohne sie noch viel weniger, erreicht ihn ein Telegramm mit der Nachricht, dass sie auf dem Weg zu ihm sei ... Wie Rostás in den Bann von Piroska, so gerät der Leser unaufhaltsam in den Sog einer elektrisierenden und zugleich ins Absurde gesteigerten Liebesgeschichte. Ein virtuos erzählter Roman voller bezaubernder Bilder.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Szilárd Rubin

Eine beinahe alltägliche Geschichte

Roman

Aus dem Ungarischen von Andrea Ikker

1

Es war fünf Uhr am Morgen, ich lag in meinem Krankenbett und konnte nicht schlafen, da fiel mir das Inserat ein, das Ali Baksay für mich aufgeben wollte:

Alternder, geistesgestörter Junggeselle, väterlicherseits jüdisch-galizischer Abstammung, mieses Einkommen, schwere Wirbelverkalkung und chronisches Hautleiden, sucht zwecks Heirat junges, knabenhaftes Mädchen, Typ Nymphe, vorzugsweise aus alter Offiziersfamilie, mit überdurchschnittlich gutem Verdienst. Zuschriften unter der Chiffre: ‹Gern auch Mädchen aus der Provinz›.

Ali hatte mir den Text am Telefon vorgelesen, an einem Samstagnachmittag um halb drei.

«Und, gefällt dir die Anzeige?»

«Nun ja…»

«Aber treffend ist sie doch?!»

«Hm.»

«Und wie geht’s dir sonst?»

«Ich liege im Bett und lese einen Krimi.»

«Ist er spannend?»

«Nein.»

«Gehst du heute noch irgendwohin?»

«Wo soll ich denn hingehen?»

«Stimmt auch wieder. Also, mach’s gut.»

Das Rauschen der freien Leitung war längst verstummt, ein Besetztzeichen tutete mir ins Ohr, doch ich legte nicht auf.

Bevor die Zentrale die Leitung getrennt hatte, konnte ich im Hintergrund noch das leise Lachen von Miki Czakó hören. Spöttisch klang es aber nicht, eher mitfühlend.

Wenn ich ihn anriefe, um ihm zu sagen, dass ich da einen tollen Stoff hätte…

Vor vielen Jahren, als ihm meine Freundschaft noch etwas wert gewesen war, hatte er mich oft gefragt, ob ich nicht ein Drehbuch für ihn schreiben möchte. Das war, bevor ich ihm so übel mitspielte und die Geschichte, zu der er schon ein Szenario erstellt hatte, einem gerade angesagten Regisseur zuschanzte. Czakó hätte damals wahnsinnig gern einen Film gedreht, man ließ ihn nur nicht. Alle hielten ihn für einen Dilettanten, ich übrigens auch. Er war mir außerdem vollkommen gleichgültig. Ich selbst war in der Szene so etwas wie ein großer Unbekannter, ich galt als Außenseiter, auf den man dennoch setzen konnte, und hatte bereits vier oder fünf Verträge für Romane, Filme und Hörspiele in der Tasche.

Damals, Ende der Fünfziger, wohnte Czakó über dem Café Emke zur Untermiete. Um zu seinem Zimmer zu gelangen, musste man an diversen Wohnräumen vorbei, zwischen denen mal eine kleine Duschkabine, mal eine Vorratskammer und mal eine Toilette eingeklemmt war. Auf dem Fußboden seines Zimmers lag eine Matratze, die mit einem Schafsfell bedeckt war, darauf stand eine schöne Schale aus Koronder Porzellan, und in der Schale lagen Orangen. Über eine Leselampe zum Festklemmen verfügte er auch, doch meist brannte nur eine Kerze. Exakt zwanzig Sekunden lang saß man im Halbdunkel, dann erstrahlte das Zimmer im Schein der Leuchtreklame, die an dem Mietpalast auf der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße montiert war. Czakós Kleidung hing an Nägeln an der Wand. Und obwohl es nicht viele waren, wirkten die verschlissenen Sachen – die unter Haarausfall leidende Pelzmütze und der mit zahllosen Flicken ausgebesserte Pelzmantel – in diesem unwirklichen Licht wie Exponate in einem Museum.

Auf dem Schafsfell saß der ehemalige Adjutant des letzten ungarischen Stadtkommandanten von Klausenburg – die Siebenbürger Vergangenheit hinter sich, die Orangen als Vorboten künftigen Ruhmes noch vor sich. Später, als sich dieser Ruhm nur noch mit Bartók’schen Maßstäben messen ließ, fühlte er sich in Italien am wohlsten. Ich malte mir aus, wie Czakó gutmütig über mich und die Sache mit der Anzeige lachte, und sah plötzlich sein Gesicht mit den tiefen, wie von Krähen ausgehackten Augenhöhlen vor mir: Dieses Gesicht hätte schön aussehen können, im Tode sogar siegesgewiss. Das Lebendige darin störte hingegen nur. Dafür hatte die Natur Czakó mit einem vollkommenen Körper beschenkt: Drehte er an heißen Sommertagen in der Puszta, mit nichts als einer lendenschurzartigen Badehose bekleidet, sah er aus, als würde er gleich eine Husarenjacke mit goldenen Knöpfen überziehen und nicht etwa einen abgetragenen Pullover. Nun hatte er aber – fast muss man sagen bedauerlicherweise – diese Augen. Jeder gute Bildhauer hätte auf den ersten Blick erkannt, dass dieses Gesicht von Gott selbst dazu erschaffen worden war, die Augen ausgestochen, ausgeschossen oder ausgehackt zu bekommen, um dem Betrachter als Büste mit leeren Augenhöhlen entgegenzustarren. Es war das Antlitz eines blinden Helden. Czakó jedoch wurde Filmregisseur und hatte einen außergewöhnlich scharfen Blick, dem ich schon damals, als er auf dem Schafsfell in der Ecke kauerte und noch nichts zuwege gebracht hatte, kaum standhalten konnte, egal, wie geschickt er ihn zu verbergen versuchte – wusste er doch selbst am besten, dass er vom Schicksal mit einem Augenpaar bedacht worden war, das ihm in der Kunst sehr nützlich, für den Privatgebrauch dagegen völlig ungeeignet war.

Der Gedanke an diesen beklemmenden Blick bewirkte nun endlich, wofür meine Selbstachtung nicht ausgereicht hatte: Ich legte den Hörer auf. Dann widmete ich mich wieder meinem Krimi, mit dem ich den verbleibenden Nachmittag totzuschlagen gedachte.

«Er ist vergiftet worden», vermeldete der medizinische Sachverständige. «Und zwar mit einem leicht zu beschaffenden Gift.»

Der Inspektor nickte. «Ein Medikament?»

«Oh, viel einfacher. Werfen Sie doch mal einen Blick aus dem Fenster. Was sehen Sie?»

«Einen Goldregenstrauch.»

Obwohl schon März war, fiel der Schnee, der bei Alis Anruf zu rieseln begonnen hatte, mittlerweile in dicken Flocken. Mit dem Auto fuhr bei diesem Wetter kaum jemand nach Budapest. Und schon gar nicht, um mich zu besuchen.

Dennoch klingelte um drei erneut das Telefon. «Hier ist Piroska Benkő», sagte eine junge Stimme, glockenhell und zugleich irgendwie seltsam. Als hätte ein kleiner Wolf seinen Kopf aus dem Wald gesteckt, das Glöckchen des in der Herde vermissten Lämmchens um den Hals.

Nachdem jetzt ein ganzes Jahr verstrichen war, seit wir uns zum ersten Mal begegnet waren, hob ich den Blick zu der Fotografie, die über meinem Bett hing. ‹Häng mich bloß hier ab!›, schienen die stechend schwarzen Augen, die winzige, spitze Nase und das kleine, scharfe Kinn voller Zorn zu sagen.

Bereits seit zwei Wochen residierte ich in der Kurklinik von Harkány, ganz allein in einer engen Zelle im ersten Stock des alten Gebäudes. Ich erwachte jeden Morgen um Punkt fünf, und immer sah mich Piroska zornig an.

Ich setzte mich auf, um in die spätwinterliche Nacht zu spähen. Noch hatte es nicht zu dämmern begonnen. Durch das bullaugengroße Fenster meines Zimmers konnte ich die Laternen an der verschneiten, im Zwielicht schimmernden Promenade sehen. Zu dieser Stunde bin ich einst geboren worden, und noch bevor die Lichter erlöschen würden, wäre ich vierundvierzig Jahre alt.

Piroska war keine siebenundzwanzig…

Ich kramte nach dem Telegramm, das ich in meinem Nachtschränkchen verwahrte. Es war dunkel, doch auch bei Licht hätte ich nicht mehr gesehen als diese vierundzwanzig Worte, die ich ohnehin auswendig kannte.

+++ Betreffende hat heute Morgen angerufen zu deinem Geburtstag schreibt sie oder kommt dich besuchen bitte keine Dummheiten Sache kommt vielleicht noch in Ordnung Ali +++

Der Klinikpförtner hatte mir die Nachricht, die ihm vom Postamt telefonisch übermittelt worden war, gleich bei meiner Ankunft in Harkány ausgehändigt. Doch was, wenn er etwas falsch notiert hatte?

Vor dem Haupteingang wartete das einzige Taxi des Ortes. Ich ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und sprang zwei Minuten später vor dem Postamt wieder aus dem Wagen.

Mit Ministrantenhaarschnitt und einer Visage, die aussah wie ein zur Rattenfratze mutiertes Schülergesicht, mochte ein erwachsener Mann auf den ersten Blick sonderbar wirken; doch etwas anderes als das Original des Telegramms wollte ich ja gar nicht. Dennoch widerfuhr mir nahezu das Gleiche wie in meiner Jugend, als ich von meinem Klassenlehrer einmal beim Spaziergang mit einem Mädchen erwischt wurde: Am nächsten Tag erteilte er mir im Lehrerzimmer eine Rüge. Die Damen auf dem Postamt warfen sich Blicke zu, als enthielte das Schriftstück lauter obszöne Ausdrücke. Erst dann war eine von ihnen so freundlich, es herauszusuchen, und eine andere schob es mit vorwurfsvoller Miene unter der Glasscheibe hindurch. Dieses Benehmen war nichts Neues für mich, und ich kannte jemanden, dem es in solchen Situationen ähnlich erging: Martinszky. Wie oft hatten wir uns gegenseitig gefragt: ‹Wie kommt das bloß? Verstehst du das? Was ist so skandalös daran, wenn einer von uns mit einem Mädchen…? Warum benehmen sich sogar Wildfremde plötzlich so feindselig?›

Begriffen hatte ich das nie, mit dem Telegramm in der Hand war es mir allerdings auch egal. Beschwingt trat ich aus dem Postamt.

Erst jetzt bemerkte ich die Sonne. Die Sonne schien! Und zwar in ganz Harkány! Sowohl auf der linken als auch auf der rechten Straßenseite! ‹Baš je lepo – die hat Kraft!›, dachte ich gutgelaunt und verfiel unwillkürlich in die Sprache der serbischen Wassermüller, schwäbischen Fischverkäuferinnen und schokatzischen Töpfer. Ich war wieder daheim.

Ein paar Schritte weiter fiel mein Blick auf das große Tor eines alten Gebäudes, das unserem in Mohács zum Verwechseln ähnlich sah. Sowohl die riesige Kupferklinke als auch das mit bunten Bleiglasfenstern verzierte Innentor dahinter funkelten mir aus meiner Kindheit entgegen. Warum hatte ich beim Blick in die lila und gelb schimmernden Einfahrten trotzdem ein Gefühl von Leere? Vielleicht weil die Häuser in Harkány für mich verschlossen blieben, während sich unser Mohácser Tor weit aufgetan hatte, und weil ich in dem erbsengrünen Licht das zweisitzige Automobil des jungen Marineoffiziers sah, der in unserem Haus einquartiert gewesen war. Wenn ich ihm das Tor öffnete, durfte ich in dem winzigen Steyr Cabriolet, dessen schwarzes Stoffdach gerade mal so groß war wie der geöffnete Regenschirm meiner Großmutter, immer neben ihm Platz nehmen. In meiner gesamten Kindheit habe ich keine Reise unternommen, die länger war als die paar Meter zwischen dem Gehweg und dem Drehradbrunnen in unserem Hof, doch jene Autofahrt war für mich ein einziger Rausch. In diesen Rausch verfiel ich erneut, sobald ich bei meinem ersten Zusammentreffen mit Piroska den Zündschlüssel in ihrer Hand erblickte. Und später, als ich in ihrem Wartburg saß, zog er mich mit hundertfacher Gewalt in seinen Bann.

Obwohl ich die Volksschule in Mohács und das Abitur in Pécs absolviert hatte, kannte ich Harkány vom Hörensagen und aus den Erzählungen meiner Großeltern mütterlicherseits ganz gut. Diese hatten Jahr für Jahr ein paar Wochen hier verbracht, um sich vom Rheuma zu kurieren, das sie sich auf der Donau zugezogen hatten; waren in den ersten Jahren ihrer Ehe doch zugige Ladeflächen von Schleppkähnen, später dann Kapitänskajüten von Dampfschleppern ihr zweites Zuhause. Auf dem Schiff hatten sie sich den «Hund» geholt, dort hatte sich ihnen das Rheuma in Knochen und Gelenke gefressen. Verständlich also, dass sie ihre Ferien, wenn sie schon einer Badekur zum Opfer fielen, in größtmöglichem Komfort verbringen wollten und sich daher jedes Jahr dieselbe geräumige und vertraut gewordene Badekabine mieteten. Großvater konnte nach seiner in der Wanne verbrachten Stunde, wenn er im Weidenflechtkorb saß, genüsslich seine Zigarre rauchen, während Großmutter am liebsten auf dem Sofa lag und über die zerrüttete Ehe meiner Eltern sinnierte – und über den täppischen Jungen, der ich war.

Von dem, was mit Worten ausgedrückt wurde, begriff ich als Kind so gut wie gar nichts. Als Großvater mich einmal bat, ihm etwas Wasser zu bringen, da geschah es, dass er hinter seiner Zeitung hervorblickte, und ich stand vor ihm, die zu einer Muschel geformten Hände bis zum Überlaufen mit Wasser gefüllt. Erschrocken sah ich, wie er erblasste, aber auf die Idee, ich hätte zwischen mich und das Wasser noch etwas anderes fügen sollen, ein Glas oder eine Tasse, war ich von alleine nicht gekommen.

Das allergrößte Rätsel jedoch war und blieb Mutters Frage.

Die Terrasse unseres Häuschens auf dem Weinberg war an Sommerabenden von Faltern und Stechmücken bevölkert. Also wurden die Kerzen gleich nach dem Abendessen gelöscht, und die Erwachsenen unterhielten sich leise im Dunkeln. Für gewöhnlich fragte Mutter irgendwann: «Warten wir das Schiff ab?»

Die Frage verblüffte mich jedes Mal. Wie sollte ein Schiff den Weinberg heraufkommen, wenn selbst die Droschke uns bloß bis zum Fuß des Berges brachte! Nur zu gern wäre ich wach geblieben, um dieses Wunder mitzuerleben, aber immer schlief ich kurze Zeit später ein.

Gegen Mitternacht schreckte ich dann hoch. Sogar mit geschlossenen Augen spürte ich das Licht auf meinem Gesicht, das die Terrasse flutete. Es streifte über die mit Efeuranken bewachsene Hausmauer, brachte die Weingläser zum Glühen und beleuchtete die Gesichter.

«Es ist da…», sagte jemand.

Doch wie sehr ich auch Ausschau hielt: Das Schiff erschien nur den anderen.

Ich war zu klein, um meine Fantasie von Geisterschiffen kreuzen zu lassen – ich wäre unweigerlich zu der Überzeugung gekommen, dass ich meine Kindheit inmitten einer Familie verlebte, die bei einer Schiffskatastrophe den Verstand verloren hat und nun Nacht für Nacht den Dampfer zu sehen glaubte, auf dem sie Schiffbruch erlitten hatte.

Aber noch konnte ich nicht einmal lesen, geschweige denn von der banalen Tatsache wissen, dass es bloß um das Linienschiff der MEFTER ging, das in Budapest abgelegt hatte und fahrplanmäßig in Mohács eingetroffen war. Seine Scheinwerfer waren es, die am Flussufer entlangstrichen und ihr Licht quer durchs Tal auf unseren Weinberg warfen, sobald das Schiff die Flussbiegung erreichte.

Dann wurde es rasch wieder dunkel, der Lichtkegel flog weiter und entflammte am Berghang immer neue Terrassen, bevor er ganz verschwand.

Im Krieg waren viele Schiffer ums Leben gekommen, am Ende musste sogar mein längst pensionierter Großvater als Kommandant des Schleppdampfers Hungária wieder in den Dienst treten. Da er nur noch selten zu Hause sein würde, nahm er bei einer seiner Fahrten gleich mehrere Familienmitglieder mit aufs Schiff. Zustieg war in Mohács, Ausstieg in Dunaszekcső. Allerdings ging es Großmutter gesundheitlich nicht gut, und Tante Panni erwartete ein Kind, daher blieben sie zu Hause. Großvater war der Meinung, auf dem Dorf seien sie ohnehin besser aufgehoben als in der Stadt, weil dort keine Bomben gelegt wurden und es mehr zu essen gab.

Eines der Häuschen der Wasserwacht lag etwa auf halber Strecke zwischen Mohács und Dunaszekcső und wurde aus irgendeinem Grund Dobre genannt. Auf Höhe dieses Häuschens lief die Hungária eines Abends gegen halb zehn auf eine Mine. Da die Frachtkähne erst in der Stadt Paks angekoppelt werden sollten, fuhr der Schubschlepper allein über den Fluss. Das Wrack ging innerhalb von Minuten unter, und der Mann von der Wasserwacht, der die Explosion gesehen hatte, ruderte vergeblich zum Ort des Geschehens. Bis er die Flussmitte erreichen konnte, hatten die dunklen Wassertiefen selbst die Toten verschluckt – an der Oberfläche war von der Tragödie nicht die geringste Spur zu sehen.

Damals warfen britische Bomber häufig Seeminen ab, das war allgemein bekannt, ganz besonders unter den Donauschiffern. Passagiere auf dem Wasserweg zu befördern, war purer Leichtsinn, auch wenn es den Vorteil hatte, dass an Deck eines Schubschleppers nicht nur Koffer und Körbe Platz fanden wie im Linienbus, sondern auch Kleiderschränke, Kinderwagen und Bienenstöcke. Andererseits war es von Mohács bis Dunaszekcső nicht sehr weit, eine Haltestelle mit dem Personenschiff und nicht einmal eine Stunde Fahrzeit. Vielleicht hatte Großvater darauf vertraut, womöglich hatte er aber auch bedauert, dass die Fahrt so kurz war, da er von seiner Familie ohnehin so oft getrennt war und sie auf dem Schiff zumindest für eine Weile um sich hatte.

Sie alle sind bodenständige, kinderliebe und mir gegenüber besonders nachsichtige Menschen gewesen. Nie verhängten sie eine Strafe über mich, nie taten sie mir Unrecht oder erschreckten mich – ausgenommen an jenen Sommerabenden, da sie auf der Terrasse des Weinberghäuschens saßen, die Gesichter plötzlich hell erleuchtet, und die magischen Worte sprachen: «Es ist da…» Mit welcher Ruhe sie das auch taten, stets hatte ich das Gefühl, in der Dunkelheit säßen Menschen, die ein furchtbares Geheimnis hüteten.

Von all dem gehörten jetzt nur noch das Haustor in Harkány und der nahe dem Kurort in die Höhe ragende Weinberg der Wirklichkeit an. Das mochte der Grund dafür sein, dass mich dieses Bild mit solch einer Macht in meine Kindheit zurückversetzte, und das nicht nur am ersten Tag. Im Gegenteil: Ich war schon wieder auf der Promenade vor dem Krankenhaus angelangt, als die Angst erneut wie eine Woge über mir zusammenschlug. Was, wenn Piroskas Anruf bei Ali nur eine Falle war, ein Hinterhalt?

Verlassen hatte sie mich ebenfalls ohne jede Vorwarnung. Abends waren wir noch zusammen im Kino, und am nächsten Morgen teilte sie mir am Telefon mit, sie wolle mich nie wieder sehen. Und an diesen Vorsatz hat sie sich gehalten: Versuchte ich, sie fortan auf dem dunklen Hof der ORION-Fabrik abzufangen, der noch in Dunst gehüllt lag, wenn sie zu ihrer frühen Sprechstunde fuhr, blickte sie einfach durch mich hindurch. Mein gequältes Murmeln, sie möge mich doch anhören, ignorierte sie stumm. Auch wenn ich sie abends zu Hause anrief, würdigte sie mich keiner Antwort, sondern legte einfach auf.

Und jetzt das Telegramm. Es schien mir wie ein Wunschtraum, den ich mir selbst ersonnen hatte; ganz ohne jene unergründliche List, mit der das Schicksal, wenn es so will, dem verloren geglaubten Spiel eine neue Wendung gibt.