Kurze Geschichte von der ewigen Liebe - Szilárd Rubin - E-Book

Kurze Geschichte von der ewigen Liebe E-Book

Szilárd Rubin

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Beschreibung

Attila und Orsolya können voneinander nicht lassen. Sie lieben und sie hassen sich. Und trennen sich schon vor der Hochzeit und dann wieder in der Hochzeitsnacht, um schließlich ihr Leben lang getrennt vereint zu sein. Dieser Roman, der 1963 in Ungarn das erste Mal erschien und nach seiner kürzlichen Wiederentdeckung für Furore sorgte, erzählt auf so amüsante wie dramatische Weise von einer Amour fou, einer Liebe, die durch die Verhältnisse ruiniert wird. Mädchen aus gutem Hause verliebt sich in armen Poeten – und umgekehrt. Aber das ist ganz und gar keine alltagstaugliche Liebe. Wenn er sie nicht gerade küsst und herzt, quält und demütigt Attila seine Orsolya, diese wiederum rächt sich mit subtilen Bosheiten auf das fürchterlichste. Dass Orsolya im sozialistischen Regime wider Erwarten Fuß fassen kann, während Attila trotz Staatsschreiberei kein Bein auf den Boden bekommt, macht die Sache für den so ehrgeizigen wie überreizten jungen Mann nicht einfacher ... Eine obsessive Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der untergehenden bürgerlichen Welt, meisterhaft erzählt.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Szilárd Rubin

Kurze Geschichte von der ewigen Liebe

Roman

Übersetzt von Andrea Ikker

ICH BLIEB MITTEN auf der kleinen Straße im Mondschein stehen, in der Gegend der Kliniken, hinter mir die rote Backsteinmauer des Pécser Hullám-Bads. Von dort strömte kühle Luft in die Nacht, ich roch den Duft der frisch gefüllten Becken. Keine Menschenseele war unterwegs.

Ich lehnte mich gegen einen Baumstamm und blickte die schlafende Straße entlang. Große Stille umgab mich. Auf dem Asphalt phosphoreszierte die sandige Spur von Fahrradreifen, und ich betrachtete fasziniert die glitzernden Quarzkristalle. Vom Baden fühlte sich meine Haut kühl und frisch an, mein ganzer Körper war rein wie ein Reagenzglas. Mit der Wachsamkeit eines Landstreichers linste ich in die Nacht und erblickte am Ende der Straße hoch oben eine elektrische Uhr, auf deren heiter leuchtendem Zifferblatt ich selbst die kleinen Minutenstriche genau erkennen konnte. Es war schon Viertel nach eins.

Der Schlüssel zur Wohnung meines Freundes steckte in meiner Tasche, doch ich mochte nicht schlafen gehen. Ich war auf der Durchreise und überließ mich gänzlich dem seligen Schwebezustand sommerlichen Vagabundierens, und während meine Seele noch auf den Wellen des Plattensees schaukelte, sehnte ich mich schon nach der Donau. An der Mauer des Hullám-Bads stand eine Bank. Ich setzte mich und steckte mir eine Zigarette an.

Von hier nach Mohács waren es kaum vierzig Kilometer – eine Entfernung, die ich notfalls auch zu Fuß würde zurücklegen können, falls mir das Geld ausgehen sollte. Zudem führte der Weg durch lauter Ortschaften, die ich kannte, oder über Pfade, die sich an vertrauten Weinkellern entlang durch die Weinberge schlängelten. In diesem Wissen verweilte ich auf meiner Bank und blies den Rauch der Zigarette in die Nacht.

Orsolya und ich waren gegen zehn hergekommen, um in dem Freiluftlokal auf dem Gelände des Bades zu tanzen, doch Orsolya hatte es nicht lange auf der Tanzfläche gehalten – trotz ihrer Mutter, die nebst einer hier ansässigen Tante an einem der Tische saß, die eine mit Lorgnette, die andere mit einem Opernglas bewaffnet, und trotz ihres weißen Batistkleides, das zwischen den Bäumen hindurchschimmern würde. Ich merkte, was in ihr vorging: Ihr unschuldiges, verschlossenes Antlitz, das gut in die Morgendämmerung eines Klostergangs gepasst hätte, war vor Aufregung gerötet, und ihre Blicke suchten immer wieder die im Schatten gelegenen Teile des Parks. In einem unbewachten Moment entschlüpften wir dem Kreis der tanzenden Paare und verschwanden in der Dunkelheit.

«Mir ist heiß», flüsterte sie, «lass uns baden!»

Zwischen den Büschen streiften wir unsere Kleider ab und glitten langsam, jedes Geräusch vermeidend, ins Becken. Orsolyas weiße, von der Sonne unberührte Brüste schimmerten in dem dunklen Blau. Wir streckten uns auf dem Wasser aus, schwebten eine Weile so dahin, streiften und berührten einander sanft wie Fische. Zwischen den Bäumen hindurch schallte die Tanzmusik zu uns her, und wir sahen dem Gewirbel der bunten Kleider zu.

Zurück am Tisch ihrer Mutter, tupften wir uns die Wassertropfen von Stirn und Ohren und lösten unsere am Rücken klebenden Kleider, als wären wir verschwitzt. Orsolya nahm sogar den Fächer ihrer Tante, um sich Luft zuzuwedeln.

Ich schenkte der alten Dame, die sich gerade über die vor langer Zeit verlorenen Weinberge ihrer Familie ausließ, aus reiner Höflichkeit einige Aufmerksamkeit.

«Die Reblaus hat alles zerfressen», erzählte sie. «Aber einige der wagemutigeren Winzer haben sich in die Wüste aufgemacht und auf dem Treibsand neue Weinstöcke angepflanzt.»

«Von welcher Wüste sprechen Sie, Tante Anna?», erkundigte sich Orsolya.

«Von den Sandheiden bei Deliblat, mein Kind.»

Die alte Dame stammte – wie Orsolyas ganze Familie – aus dem Banat; unter ihrem Dutt hütete sie die Geschichten der Wachtposten im ehemaligen Grenzgebiet. Sie war immer noch schön, wie auf jener Fotografie im Familienalbum der Carletters, auf der sie als junges Mädchen neben einem Ulan stand, zu ihren Füßen eine aus Haynau importierte Klappfalle der Marke Triumf, in der sich eine Wildkatze duckte. Auf diesem Bild trug sie eine museale Pelerine und eine silberne Halskette mit einem Amulett des heiligen Jerzy, des Schutzheiligen der leichten Kavallerie. Und ganz blass erstand vor meinem Auge auch das Bild ihres damaligen Reiteroffiziers, wie er auf dem Gipfel des Plutz steht und seinen Blick über die Wanderdünen schweifen lässt – oder wie er zwischen den Barchanen auf die Sümpfe um Alibunar zureitet, das Herz erfüllt von der Einsamkeit und der Melancholie der Kolonialsoldaten–, bis ihn die sandene Sintflut schließlich verschluckt. Die Nachfahrin dieser beiden liebte ich also! Und lebte nicht in der Seele meiner großbürgerlich erzogenen Orsolya neben der für ihre Landsleute typischen Genusssucht auch die Rauheit von Kolonisten? Paarte sich der Wagemut, mit dem sie ihren guten Ruf aufs Spiel setzte, in ihrem Herzen nicht mit Unzugänglichkeit und Hochmut?

Mit meiner braunen Haut und meiner Adlernase nahm ich mich im Kreise der drei Damen mit den fayenceblauen Augen aus wie ein junger türkischer Sklave im Gefolge einer alten vornehmen Familie.

«Natürlich», warf ich ein, «der Wüstenwein ist nicht schlecht. Doch in Oberungarn habe ich besseren getrunken!»

«Was denn?»

«Auf einem Schloss…»

Orsolya lächelte ungläubig, worauf ich verlegen innehielt und froh war, dass die Rede auf etwas anderes kam.

«Wie geht’s dem armen Herczeg?», fragte Tante Anna gefühlvoll.

Die stark erodierte Dame hielt ihren Landsmann Ferenc Herczeg für den größten lebenden Schriftsteller. Mit ihm verband sie Erinnerungen an ihre Jugend, an die Yacht-Clubs der Adria, an Sommer in Dalmatien. Wie sie mich gehasst hätte, hätte ihr Orsolya reinen Wein eingeschenkt! Denn sooft diese von der Budapester Villa kam, wo sie dem einsamen Greis im Auftrag ihrer Familie Päckchen überbrachte, empfing ich sie, als käme sie von einem Stelldichein – schmollend und eifersüchtig.

Hier auf meiner nächtlichen Bank konnte ich darüber nur lachen. Carletters malten sich den Schriftsteller als Geheimrat und Mitglied des Hochadels aus. Statt in Spielberg ein Leben «Auf den Flügeln des Windes», statt in Szárszó im «Gotischen Haus»! War es da weiter verwunderlich, dass Orsolya in ihren Träumen von unserer Zukunft auf Onkel Franz’ Yacht dahinglitt?

Tante Annas Wohnung kam mir in den Sinn und die mit dem Geruch der Gerebencer und Dunadombóer Zimmer vollgesogenen Kissen, die die hochgewachsene, aber stramme Frau Orsolya zuliebe heute frisch aufgeschüttelt haben wird. Wovon mochte sie darin wohl träumen? Wessen Häuser, wessen Gesichter mochten ihren Schlaf bevölkern?

Jäh geschah etwas mit mir – genauer gesagt, es geschah etwas, was ich seit Kindertagen kannte, nur dass es in dieser Nacht so vollkommen unerwartet kam: Ohne einen erkennbaren äußeren Anlass breitete sich in mir eine eisige Leere aus, ich begann zu schlottern und starrte wie ein verschrecktes Waisenkind vor mich hin. Innerhalb eines einzigen Wimpernschlags war mir meine ganze Welt abhandengekommen. Vergeblich wiederholte ich mir: Orsolya liebt mich. Orsolya liebt mich. Es klang wie das Glaubensbekenntnis eines Papageis.

«Du müsstest rasch an etwas sehr, sehr Schönes denken!», hatte Orsolya gesagt, als ich ihr einmal dieses Gefühl grenzenloser Verlorenheit beschrieb. Diesmal war der See meine Arznei – der Balaton, nach dem ich mich schon so lange gesehnt hatte.

Wir waren erst spät am Nachmittag in Keszthely angekommen. Dennoch hatte ich am Schlosstor den Pförtner herausgeklingelt, welcher gegen ein stattliches Trinkgeld bereit gewesen war, uns durch die Helikon-Bibliothek zu führen. Diese gegen alle Regeln verstoßende Besichtigung war meine Idee gewesen, und Tante Helga – wie ich Orsolyas Mutter nannte – hatte sich erst nach langem Zögern einverstanden erklärt.

«Nun ja», murmelte sie, «dieser Attila weiß einfach, dass sich gewisse Leute heutzutage alles erlauben dürfen!» Dabei lagen die Dinge in Wahrheit ganz anders. Ich hatte lediglich vor dem Hintergrund des Balaton mit dem altehrwürdigen Ungarn glänzen und der Familie Carletter die glanzvolle Vergangenheit, den überbordenden Reichtum des ungarischen Adels vor Augen führen wollen. Mit der Legitimität des heimkehrenden Königssohns hatte ich die Glocke geläutet.

Tante Helga schlug den Baedeker auf und begann vorzulesen:

«Der Park, einst in französischem Stil angelegt, präsentiert sich heute in der Gestalt eines Englischen Gartens…»

Aufflammenden Feuerzeugen gleich fielen schwefelgelbe Raupen von den Zierstauden in die nach Urin stinkenden Becken toter Springbrunnen, und die Schwäne straften den künstlich angelegten See, in dessen abgestandenem Wasser sich verstümmelte Meeresgötter spiegelten, schon seit langem mit Verachtung. Aber das Schloss war noch da, und das Innere war sogar weitgehend renoviert worden.

Als erfahrene Touristin hatte Tante Helga den Pförtner um Pantoffeln gebeten, aber nur einen resignierten Blick geerntet. Also forderte sie Orsolya und mich auf, unsere Sandalen auszuziehen und in die Hand zu nehmen. Sie hatte keine Vorstellung, was sie da verlangte! Zu ihrem Nibelungenantlitz hatte tatsächlich nur noch gefehlt, dass sie barfuß ging! Sie war eine Dame mit dem Äußeren einer Heldin, einer aus germanischen Sagen entsprungenen Edelfrau, wie das nur eine Deutsche mit halb slawischem Blut sein konnte. Sogar die Kleider, die sie trug, dürften von den manierierten Wandmalereien des Historismus inspiriert gewesen sein. Mit ihrer imposanten Statur bewegte sie sich etwas unsicher, aber gemessenen Schrittes durch die schweigsamen Salons. Orsolya und ich traten uns insgeheim unentwegt auf die Füße, ihre nackten Sohlen wirkten auf mich nicht minder erregend als die dunklen Konterfeis der Fürsten auf Tante Helga. In der Bibliothek griff ich aufs Geratewohl ein Buch aus dem Regal: Es war Eichendorffs «Aus dem Leben eines Taugenichts». Dieser Zufall brachte mich auf den Gedanken, der Held der Novelle – ein nichtsnutziger Gärtnerjunge, der die Herzen von Gräfinnen erobert – sei möglicherweise mein geistiger Urahn. Doch Tante Helgas vorwurfsvoller Blick befehligte das Buch augenblicklich wieder an seinen Platz, und ich begab mich erneut auf die Lauer, um Orsolya bei Gelegenheit unerwartet und verstohlen auf den Fuß zu treten…

Später setzten wir uns am Seeufer in ein Café, um dort auf die Abfahrt des Schiffes nach Fonyód zu warten. Es war ein hübsches Gartenlokal mit schneeweißen Korbstühlen auf ockergelbem Kies. Tante Helga bedachte ihre Umgebung dennoch mit einem geringschätzigen Blick:

«Wie anders das Publikum hier geworden ist! Vor dem Krieg…»

Orsolya fiel ihr ins Wort:

«Ich sitze aber jetzt hier!»

Sie sog ihren Strohhalm voll mit Himbeerlimonade und spritzte eine Fontäne in die Luft.

«Haha!», rief sie mit roten Tropfen im Gesicht. «So benimmt sich der Gast von heute!»

Ich dachte, man würde sie sogleich vierteilen, doch im Gegenteil, ihre Mutter lachte nur, und Orsolya wechselte rasch den Tonfall.

«Red doch nicht immer von der Vergangenheit!», sagte sie friedfertig. «Hätten wir früher gelebt, hätte Till nicht die geringsten Zukunftsaussichten gehabt.»

«Und heute hast du keine!», entgegnete Frau Carletter und fügte auf Deutsch hinzu: «Dummkopf!»

Orsolya erwiderte nichts, doch in dem Lächeln, mit dem sie mich bedachte, schwang die Gewissheit mit, dass meine Zukunft auch die ihre sichern würde.

Um meine Verlegenheit zu kaschieren, griff ich nach der Zeitung, die jemand auf einem der Stühle hatte liegenlassen. Vor kurzem war ein Schauer niedergegangen, die Zeitung war nass, und als ich sie auseinanderfaltete, riss sie in der Mitte ein. Als Sichtschutz taugte sie so nicht. Aber hätte ich sie nicht aufgeschlagen, ich hätte in meinem Herzen wohl nie das alte Gefühl wiederentdeckt, wie es gewesen ist, als ich noch aufrichtig an eine Zukunft glaubte. Schon der Geruch des nassen, aufgeweichten Papiers und der mit Wasser und Druckerschwärze vollgesogenen Seiten reichte aus, um die alten Empfindungen wiederaufleben zu lassen – diese Zeitung roch genauso wie die erste, die ich nach Kriegsende gekauft hatte. Der Duft war unbeständig und trügerisch, er schlug mir kurz entgegen und verflüchtigte sich sofort wieder, aber ich wusste, man durfte sich niemals damit abfinden, ihn verloren zu haben.

Und das Schicksal – war es nicht ebenso unbeständig und trügerisch? War nicht aus dem jungen Kerl, der in der Schule als Schandfleck seiner Klasse ewig vom Sitzenbleiben bedroht gewesen und an keiner Nachprüfung vorbeigekommen war, ein «junges Talent» geworden? War er nicht gar – ohne Herkunft und Familie, erzogen von seiner Großmutter, dem Marktweib – bei vornehmen Herrschaften zu Soireen und für die Ferien invitiert?

Ich spähte zu Orsolya hinüber. Sie saß burschikos breitbeinig auf ihrem Stuhl, den Blick ihrer vom Schwimmen unter Wasser immer noch glasigen Augen mit einem kindlich leeren Ausdruck in die Ferne gerichtet, und schlürfte schläfrig ihre Limonade. ‹Sie ist meine Geliebte!›, dachte ich jubilierend, ‹das kann mir niemand mehr nehmen!› Und großherzig und mit einer Bescheidenheit, die sich für den Sieger ziemte, wandte ich mich an Frau Carletter:

«Stimmt es, dass es früher auch am Plattensee Pferderennen gegeben hat? Sie wissen da sicher Bescheid, Tante Helga…»

Und ob sie Bescheid wusste! Als ihre eigene Großmutter schien sie jetzt zwischen den Turnüre tragenden Damen zu sitzen, deren Hinterteile der damaligen Mode gemäß mit Kissen aus Pferdehaar gepolstert waren. Man feierte die Besitzerin des siegreichen Pferdes, eine Gräfin, die – hier hob Tante Helga den Zeigefinger – «ihren Jockey aus Osaka hatte kommen lassen». Ich bemühte mich, meinem Gesicht einen möglichst einnehmenden Ausdruck zu verleihen, ähnlich wie es der Importboy aus Japan getan haben wird, als er mit erschöpfter Raubkatzenmiene sein Pferd an der applaudierenden Tribüne vorbeiführte. Ich nickte beifällig, fühlte mich dennoch irgendwie fremd – wie auch er, der gut behandelte, aber bezahlte Günstling der Magnatenfamilie, sich fremd gefühlt haben musste…

In der Stille der Pécser Nacht fuhr in der Ferne eine Straßenbahn die Királystraße entlang und rumpelte gemächlich durch meine Keszthelyer Reminiszenzen. Mir kam es vor, als wäre ich auf der richtigen Fährte, als könnte ich mit Hilfe dieser Erinnerungen meine rätselhafte Gleichgültigkeit und Leere auflösen. Ich fing an, bewusst nach Unstimmigkeiten zwischen mir und Orsolyas Familie zu suchen.

Am Vormittag unseres Ausflugs hatten wir Frau Carletters Onkel in Boglár besucht. Onkel Felix war einer der Hauptwürdenträger der Nationalgarde gewesen, hatte aber nach dem zweiten Königsputsch seinen Abschied nehmen müssen. Man hatte mir erzählt, er sei gelähmt und könne ohne Hilfe nicht einmal Nahrung zu sich nehmen. Seine unverheiratet gebliebene Schwester kümmere sich um ihn und helfe ihm zwischen Bett und Rollstuhl hin und her. Trotzdem war ich geknickt, als er sich weigerte, mich zu empfangen. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie einen General gesehen! Er erregte meine Neugier wie eine seltene Briefmarke oder ein verblichenes Bild aus einer uralten Zeitung.

Einsam war ich durch den Garten geschlendert, dessen Atmosphäre trotz aller Gepflegtheit bedrückend war. Aus irgendeinem mir unersichtlichen Grund hingen wie in einem ausgeraubten Vogelgeschäft überall leere, verschlossene Käfige. Aber im Haus schien man Themen zu besprechen, die nicht für meine Ohren bestimmt waren und von denen ich vermutete, dass es Geldangelegenheiten waren. Erst beim Abschied hatte die energische alte Jungfer den entscheidenden Satz fallenlassen:

«Überlege dir das gut, Orsi! Wir leben in einer Zeit, wo ein anständiger Mensch auch in den eigenen vier Wänden nur flüstern darf…!»

Frau Carletter war erblasst.

«Ach, meine liebe Tonka! Es ist zwecklos…»

Bis dato war lediglich in der Sorsunk und in der Újhold je eines meiner Gedichte erschienen, doch für das alte Fräulein war das schon zu viel. Ein Poet, der heutzutage publizieren durfte! Nur Orsolya konnte wissen, dass beide Gedichte an sie gerichtet waren.

Mir schien, als wäre in meiner Umgebung eine Veränderung eingetreten. Doch was? Etwas Sichtbares, Hörbares? Ja, etwas war geschehen: Der Zeiger der hellen elektrischen Uhr war auf den nächsten Minutenstrich geschnellt.

Ich musste recht lange so gesessen haben. Gespannt erwartete ich nun den Sonnenaufgang und versuchte zu berechnen, wie weit Tante Annas Wohnung von meiner Bank entfernt sein mochte, in wie vielen Minuten ich den Weg dorthin wohl zurücklegen könnte. Die Angst, Orsolya zu verlieren, drängte alle Leere und Gleichgültigkeit aus meinem Herzen. Ich hatte das Gefühl, schwerer zu werden, als würde ich bis zum Überfließen mit guten Empfindungen befüllt. Der kühle Duft der Wasserbecken war schon ausreichend, damit mich erneut Freude durchströmte. Nun wusste ich wieder: Ich war glücklich. Wusste: Dies war die schönste Nacht meines bislang besten Sommers.

Und sogleich sandte mir der glückliche Zufall seinen Gruß.

Ich vernahm den Tritt von Sandalen und erkannte in dem gedrungenen Burschen, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite näherte, Ignác Csajtay, einen meiner liebsten Kumpane. Er hatte zwei Mädchen im Schlepptau.

Die Hoffnung, meine Freunde seien, rastlos wie ich, in der schlafenden Stadt noch auf Streife, hatte mich also nicht getrogen!

Csajtay warf sich in die dramatische Pose eines italienischen Tenors:

«Na so was!», rief er und überquerte rasch die Fahrbahn. «Wo kommst du denn her?»

«Ich bin auf der Durchreise.»

Wir brachen in grundloses Gelächter aus.

«O die kleinen europäischen Bahnhöfe…!», setzte Ignác an, ein bekanntes Gedicht zu deklamieren, sagte dann aber verdrießlich: «Warum hast du mir nicht geschrieben, du treulose Tomate?»

«Hast du mir meine Saint-Simon schon zurückgegeben?!»

«Ich bringe sie dir im Herbst nach Budapest! Mit der Saint-Simon unter dem Arm werde ich in der Mensa erscheinen…»

Wir maßen uns gegenseitig mit einer Mischung aus Verachtung und Begeisterung und legten das ohnehin aussichtslose Aufrechnen bei. Stattdessen teilten wir uns im Telegrammstil die wichtigsten Fakten mit: dass ich erst heute in Pécs angekommen war und er morgen früh an den Plattensee zu fahren gedachte. Doch für diese Nacht hatte er zwei Mädchen aufgegabelt, die allerdings nur zu zweit mitzukommen bereit gewesen waren, sodass unser Zusammentreffen als ein Zeichen des Himmels betrachtet werden musste.

Wir gingen zu den Mädchen hinüber, die auf der anderen Straßenseite warteten. Eine der beiden war eine zwergenhafte Zigeunerin, deren Bauch sich schon wölbte. Sie war kaum älter als siebzehn, hatte liebenswert strahlende Augen, aber fast keine Zähne im Mund. Ihr krummer Wuchs ließ darauf schließen, dass sie hinkte. Ich entschied mich spontan für die andere: eine Kreatur mit spärlichen blonden Haaren und Pferdegesicht, die einen Arm in Gips trug.

«Ich bin gleich wieder da», sagte Ignác. «Ihr könnt in der Zwischenzeit überlegen, wo wir hingehen.» Ich nahm an, dass ihn menschliche Nöte plagten, denn er eilte davon und ließ mich mit den beiden Frauen allein.

«Ihr Freund ist ein Spinner», verkündete die mit dem Gips.

«Halt die Klappe, Lizi!», wies die schwangere Zwergin sie zurecht, worauf Lizi ihren lädierten Arm in meine Richtung hob:

«Schon seit Mitternacht dackeln wir hinter dem her! Dabei haben wir ihm klipp und klar gesagt, dass wir wegen Manyikas Bein nicht zu Fuß in den Mecsek hinauf können. Er wollte versuchen, jemanden zu finden, der ein Taxi mietet und uns hinaufbringt…»

«Haben Sie Geld?», wandte sich die Zigeunerin an mich. Wie das immer so ist, war sie es, der ich zu gefallen schien.

«Ich habe leider nur meine Busfahrkarte nach Hause.»

«Die könnten wir doch verkaufen, am Bahnhof findet sich bestimmt ein Interessent!», schlug der soeben zurückkehrende Ignác vor. «Morgen bekommst du sowieso wieder etwas geliehen.»

«Ich bin müde», schwindelte ich. «Hadlers Wohnung ist nur einen Katzensprung von hier entfernt. Ich gehe schlafen.»

«Sei doch nicht blöd, du wirst es bereuen!»

Ich zuckte mit den Schultern und verabschiedete mich von den Mädchen. Ignác folgte mir ein kurzes Stück und versuchte, mir das Schlafengehen auszureden.

«Wimmle sie ab!», raunte ich ihm zu.

«Nein!», erwiderte er mit Bestimmtheit. «Ich brauche eine Frau! Ich gehe zum Széchényi-Platz, wo Czakó im Nádor Karten spielt. Falls er gewonnen hat, leiht er mir sicher einen Zehner.»

Wir verabschiedeten uns, und ihnen nachblickend sah ich, wie sich die drei nach kurzer Beratung auf den Weg machten. Unter den Akazien trug Ignác sein unaufhaltsam sprießendes Jungmännerbäuchlein und seine schier unerträgliche Erregung mit viriler Entschlossenheit und erhobenen Hauptes vor sich her. Er hatte sich bei der Blonden mit dem Gipsarm eingehakt, während ihnen die Zigeunerin emsig hinterherhinkte. Allmählich verhallten ihre Schritte in der Nacht, und undurchdringliche Stille breitete sich wieder aus.

Hadler wohnte in einer nahe gelegenen Seitenstraße in einem ländlichen Einfamilienhaus, von dem kleinen Vorgarten aus schielten Weidensträucher in die Zimmer. Ich brauchte keine Lampe anzuknipsen, das Schlüsselloch fand ich auch ohne Licht, das ohnehin nur die Zimmerwirtin geweckt hätte, die dann wieder mit ihrem in einer Blechbüchse aufbewahrten Nierenstein oder ihren Fragen über das Harkányer Heilwasser angekommen wäre. Im Bedarfsfall hätte ich auf jede Menge Taschenlampen zurückgreifen können, denn mein Freund besaß – aus gleichsam dunklen Gründen – einen ganzen Vorrat an kleinen und großen, runden und eckigen Modellen. Doch ich brauchte kein Licht, die Einrichtung des Hauses war mir vollkommen vertraut, inklusive der großen Trommel mit dem Becken obendrauf, die ein früherer Kostgänger zur Tilgung seiner Mietschuld hinterlassen hatte. Vom Erlös dieser Trommel wollte die verwitwete Vermieterin einen Grabstein für ihren verstorbenen Mann setzen lassen.

Der Mond warf sein helles Licht in Hadlers Studentenzimmer und beleuchtete in einem Regal einen Schädel, dessen Augenhöhlen meinem Freund zur Aufbewahrung von Stift und Zirkel dienten. Außerdem war dieser Schädel ein Requisit, das zu einem Medizinstudenten so gut passte wie zu einem Poeten. Gut zu erkennen waren auch die drei welken Äpfel auf der Anrichte, ein in einem Rokokorahmen über dem Bett hängender Öldruck der ‹Dreizehn Märtyrer von Arad› und die Horn spielenden Engel des Wandteppichs. Die Umrisse der barocken Bauernmöbel wirkten wie mit Tusche auf den Boden gemalt. Ich entledigte mich meiner Kleider, zog die Fensterläden zu und schlief, kaum dass mein Kopf auf dem Kissen lag, augenblicklich ein.

Im Traum gab ich mich der Betrachtung der Märtyrer hin. Verblüfft stellte ich fest, dass ihnen die Bärte fehlten und sie allesamt Zivil trugen. Und doch hatte ich lauter vertraute Gesichter vor mir! Ich setzte mich auf, um die Porträts einzeln und aus der Nähe in Augenschein nehmen zu können. ‹Bist du es, Gida Bodza?›, fragte ich ungläubig das pickelige Antlitz eines Jungen mit großen Ohren. Obwohl ich mich an weitere Namen nicht erinnern konnte, wusste ich doch, dass ich ein Gruppenbild meiner Klassenkameraden aus der Pesterzsébeter Grundschule vor mir hatte. Jungen, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht hatte und deren Namen und Gesichter die Zeit längst aus meinem Gedächtnis gespült hatte. ‹Gida›, flüsterte ich entsetzt, ‹seid ihr alle hingerichtet worden? Dabei seid ihr gerade fünfzehn, und hängen darf man erst Zwanzigjährige!›

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch, stieß den Fensterladen einen Spalt auf und erkannte beim hereinströmenden Mondlicht die stattlichen, bärtigen Männer in Uniform. Warum hatte ich soeben dreizehn namenlose Halbwüchsige an ihre Stelle geträumt?

Draußen auf der Straße war das Surren von Speichen und Gummireifen zu hören und das Knarzen der beim Bremsen belasteten Sattelfederung. Ein Fahrrad hielt vor dem Tor. Kurz darauf vernahm ich leises Schlüsselgerassel, Reifen rollten über den feuchten Kies, und das flackernde Licht einer Fahrradlampe blitzte in den Hausflur. Hadler kehrte aus Kisasszonyfa, aus Gyümölcsény oder aus Mecsér heim, um einige Stunden in seiner städtischen Studentenbude zu verbringen, das eine oder andere seiner Bücher herauszusuchen, für seine Kodak-Kamera Filme zu kaufen oder seinen Tennisschläger zu holen. Ob er den Abend bei Ági, bei Vilma oder gar einem neuen, mir bislang unbekannten Mädchen verbracht hatte? Seit zwei Jahren war er mein bester Freund, jetzt aber war mir nicht danach, für ein paar im Halbschlaf ausgetauschte Sätze den Traum mit meinen ehemaligen Kameraden herzugeben, und ich zog mir die Decke über den Kopf.

Bodza und die anderen konnte ich jedoch nicht noch einmal heraufbeschwören und schlief bald wieder ein.

Den zweiten Traum hatte ich gegen Morgengrauen. Der feine Anzug, den ich am Tag getragen hatte, hing verlottert an mir herunter, als ich in den abendlichen Straßen einer fremden Stadt Richtung Apotheke hastete. Ich war krank, hatte Schüttelfrost und stellte mir in meiner fiebrigen Benommenheit die Apotheke, in der mich Orsolya inmitten von tausend Arzneien, glitzernden und funkelnden Tiegeln und Fläschchen empfangen würde, umso strahlender vor. Als wären sie und das Zellophanfunkeln in den Apotheken von Anfang an ein und dasselbe gewesen. Ich spähte durch das fremde Fenster und hoffte, dahinter vertrautes Inventar zu erblicken. Beklommen schaute ich in die Gesichter der vor dem Haus auf und ab flanierenden Burschen. Warteten sie etwa auf Orsolya? Hatten sie möglicherweise ein Stelldichein mit ihr?!

Ich trat durch die Tür der winzigen Apotheke. Orsolya stand in dem weißen Kittel, den sie an der Uni zu tragen pflegte, hinter ihrem Pult und blickte mich erstaunt und missmutig an.

«Warum bist du mir gefolgt?», fragte sie verächtlich. «Versuchst du mich auf frischer Tat zu ertappen?»

«Hör doch erst mal zu!», sagte ich beschwichtigend.

«Ich habe keine Zeit. Ich muss den Laden schließen.»

«Lass mich hierbleiben! Ich bin unterwegs krank geworden und habe hohes Fieber!»

«Das ist bedauerlich, geh besser zum Arzt.»

«Gib du mir eine Medizin!»

Sie maß mich mit einem angewiderten Blick.

«Ich bin doch keine Quacksalberin! Und das hier ist keine Hexenküche!»

Kaum hatte sie das gesagt, verschwand sie plötzlich, und der Raum war leer.

Ich blickte mich erschrocken um.

Zu beiden Seiten standen vier Schränke mit Schubladenreihen unten, Regalen oben und einer Tür in der Mitte, die sich nicht öffnen ließ.

«Orsolya!», rief ich, «Orsolya, wo bist du?»

«Ich bin wütend», erwiderte sie.

Ich wandte mich in die Richtung, aus der die Stimme kam: einem Schrank mit einer römischenIV.

Ganz oben standen Holztiegel, darunter Fayencegefäße. Und noch weiter unten… Jetzt hatte ich sie entdeckt! Sie spiegelte sich glitzernd auf einem geschliffenen Gläschen, war nicht größer als ein Medaillon, dabei furchterregend wie eine Gorgo. Voller Hass zischte sie mich an:

«Du weißt genau, dass ich dich nicht liebe!»

Ich sank vor ihr auf die Knie. «Ich flehe dich an, hilf mir!»

«Was willst du denn von dem Gläschen?», höhnte sie. Ihre Stimme erklang jetzt hinter meinem Rücken.

Sie stand wieder in voller Größe hinter dem Pult, und ich stürzte zu ihr hin.

«Warum hältst du mich zum Narren?»

«Soll ich vielleicht Himbeertränen weinen? Ich bin längst fertig mit dir!»

Diese Worte machten mich stumm, und in der qualvollen Stille vernahm ich das Gezwitscher eines Vogels. Ein Rotkehlchen, ich erkannte es sofort. Sein Lied erweckte in mir einen beglückenden Verdacht. Sang es denn wirklich? Nachts, im Dunkeln? Nein, Rotkehlchen sangen nachts nicht! Hörte ich es dennoch, dann war all das hier nur ein Traum!

Ich lächelte hoffnungsvoll und ergeben, und auch Orsolya schien jetzt nur noch Komödie zu spielen:

«O Attila, Attila, bring mich doch nicht ins Grab!», deklamierte sie und prustete gleich darauf los.

«Du Gnom!», rief ich, «dafür wirst du büßen!»

Ich lehnte mich über die Theke und versuchte sie bei der Taille zu packen, doch sie stieß mich grob von sich.

«Wie lange willst du dich noch an mir festklammern?», zischte sie gehässig. «Soll ich mich in eine alte Jungfer verwandeln oder mir Salzsäure ins Gesicht schütten, damit du mich in Ruhe lässt? Wann begreifst du endlich, dass es aus ist?», tobte sie. «Wann? Wann?!»

Ich brach in Tränen aus und wandte mich ab. Und als ich die fremde Apotheke, in der mir das schlimmste Leid meines Lebens zuteilgeworden war, verließ und in die dunkle Verlassenheit der namenlosen Stadt hinaustrat, zwitscherte das Rotkehlchen immer lauter und fröhlicher, bis ich schließlich die Augen öffnete.

Durch die Holzlatten der Fensterläden fiel das Licht der Morgensonne in leuchtenden Streifen aufs Bett. Ich setzte mich auf, über mein junges, glattes Gesicht rannen Tränen. Wie ich so verwirrt vor mich hin starrte, durchfuhr mich der Gedanke, ich könnte krank sein. Doch mein Körper fühlte sich frisch an, mein Atem ging leicht und ruhig, und ich kam rasch zu der Überzeugung, dass auf meinen Wangen Tränen nichts zu suchen hatten. Freude durchströmte mich in immer wilderen Wogen, und ich sprang aus dem Bett.

Mein kleiner Retter saß auf einem Ast vor dem Fenster und zwitscherte. Als er mich bemerkte, gewährte er mir einen kurzen Blick auf seine rote Weste, tat ein, zwei fröhliche Hüpfer und flog schließlich davon. Mir hingegen hing mein Traum noch nach.

Mit welch einer entsetzlichen Kälte sie zu mir gesprochen hatte! Wie hasserfüllt ihre Augen gewesen waren! Und hatte sie nicht, wenn auch nur im Traum, gesagt: Du weißt, dass ich dich nicht liebe! Warum verfolgst du mich? Ich bin längst fertig mit dir! Wenn das möglich war, dann stand mir dieser schöne Sommertag ganz und gar vergeblich bevor. Umsonst auch all die kommenden Jahre der Treue, denn irgendwann würde doch alles zu unerträglicher Qual, die umso peinvoller sein würde, je vollkommener jetzt die Freude war.

Ich musste ihr meinen Traum unverzüglich erzählen! Ich musste ihr vor Augen führen, welches Leid sie mir zugefügt hatte, und sie vor den furchtbaren Dingen warnen, die auf uns lauerten. Doch gewiss würde sie mich auslachen und dann mit mir schimpfen. Sie würde behaupten, ich liebte sie nicht genug und hätte deswegen Gewissensbisse. Ganz im Gegensatz zu ihr, die immer nur Schönes von mir träumte! Was sonst sollte sie auch sagen? Schließlich war die Zukunft, die ich in meinem Traum vorausgesehen hatte, nur für mich schrecklich!

Hadler schlief tief und fest, einen Ausdruck gesunder Selbstzufriedenheit auf dem vollen Gesicht. Ich beobachtete, wie sich sein athletischer Brustkorb hob und senkte und die Decke mit dem Schriftzug irgendeines Spitals wölbte. Wenn es überhaupt jemanden gab, der mich nie im Stich lassen würde, so war er es! In seinem Herzen gehörten Orsolya und ich ebenso fest zusammen wie in meinem eigenen.

Ich blickte auf das Regal mit Hadlers Habseligkeiten. Die Bücher standen dort an ihrem gewohnten Platz, die «Säulen Siriats» neben den «Automaten der Antike», «Kempelens Schachmaschine» neben Freuds «Die Traumdeutung». Der Titel versetzte mir einen Stich.

‹Denn jeder Traum ist ein Wunschtraum!›, dachte ich. Demzufolge war ich derjenige, der auf sein eigenes Verderben aus war und an dessen tiefstem Seelengrund – wie oft hatte ich das schon erkennen müssen! – der Dämon der Selbstzerstörung sich duckte. Ich wollte mich selbst bestrafen. Doch wofür und weshalb? Zu greifbar nah war das Glück, als dass ich mich mit kritischer Selbstbetrachtung hätte abgeben mögen. Einem Totenhemd gleich warf ich meinen Schlafanzug ab und begann meine Morgengymnastik.

Am Waschkrug summte schon eine erste durstige Hummel, als ich mich in der mit Purpurwinden verzierten Blechschüssel wusch. An meiner Schulter schälte sich die sonnenverbrannte Haut, meine vom Rudern schwieligen Hände schmerzten. Mit verschlafenem, eingeseiftem Gesicht überflog ich den in gotischer Schrift gedruckten Spruch des Wandkalenders:

Was heut müde gehet unter,

Hebt sich morgen neugeboren.

Manches bleibt in Nacht verloren.

Hüte dich, bleib wach und munter!

Der Vers schien wie für mich verfasst. Und während mich das frische Handtuch mit einem Guten Morgen aus blauer Stickerei begrüßte, überließ ich mich allmählich ganz meiner guten Laune. Bis ich in meinen sommerlich leichten Kleidern dastand, hatte ich meinen Traum schon ganz vergessen.

«Wir erwarten dich am Sonntag an der Mole in Mohács.

Ruf nur herüber, dann schicken wir dir das Boot.

Till!»

Das Stück Papier, das ich in aller Eile aus einer Schreibmappe gezogen hatte, um meine Nachricht draufzukritzeln, war eine Quittung der Medizinischen Fakultät, auf der die Entgegennahme eines Pudels im Wert von fünfundzwanzig Forint bestätigt wurde. Ich rollte es zusammen und steckte es dem Schädel ins Nasenloch. Dann schnappte ich mir meinen Koffer und huschte zur Tür hinaus.

Der Duft des Gartens, der Sonnenschein und die fröhliche Sopranstimme vereinigten sich zu einer einzigen Verzückung.

«Dass du endlich fertig bist, du Schlafmütze!»