Eine dunkle Vergangenheit - Bernd von Guseck - E-Book

Eine dunkle Vergangenheit E-Book

Bernd von Guseck

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Beschreibung

In "Eine dunkle Vergangenheit" entfaltet Bernd von Guseck ein fesselndes Drama, das die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Schatten der Vergangenheit auf eindringliche Weise beleuchtet. Der Autor bedient sich einer prägnanten und doch poetischen Sprache, die den Leser in die verworrenen Gedanken und Emotionen der Protagonisten eintauchen lässt. Im literarischen Kontext der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik bietet das Werk tiefgründige Einblicke in Themen wie Schuld, Vergebung und die Suche nach Identität, und reflektiert zugleich die gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte. Bernd von Guseck, ein renommierter deutscher Schriftsteller, bringt in dieses Werk seine weitreichenden Erfahrungen als Historiker und Psychologe ein. Seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Nachkriegszeit und deren psychologischen Auswirkungen auf die Individuen hat ihn nachhaltig geprägt. Diese Themen finden sich wieder in der tiefgründigen Charakterzeichnung und den vielschichtigen Beziehungsdynamiken, die das Buch durchziehen und einen stark autobiografischen Unterton tragen. "Eine dunkle Vergangenheit" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine Einladung zur Reflexion über die eigene Lebensgeschichte. Leser, die sich für psychologische Dramen mit historischen Bezügen interessieren, werden von der Intensität und Emotionalität der Erzählung gefesselt sein. Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der die Tiefe der menschlichen Psyche erkunden möchte.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bernd von Guseck

Eine dunkle Vergangenheit

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547846024

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Eine dunkle Vergangenheit

Inhaltsverzeichnis
Eine dunkle Vergangenheit.
Novelle von Bernd von Guseck.
I.

Es war ein unfreundlicher Herbstabend. Der Wind strich rauh und feucht über die Stoppeln, wo eine Schafheerde, weidend und von dem Hunde zusammengehalten, ihrem langen Hirten heimwärts folgte, der den Strickstrumpf schon eingesteckt und den Pelz, welchen er frühzeitig hervorgeholt, um den hagern Leib geschlagen hatte. Die Berge lagen in grauen Nebel verhüllt, welcher auch die spitzen Schieferthürme der nahen Stadt kaum noch unterscheiden ließ. Dorthin ging aber der Weg des Schäfers nicht, sondern nach einer Gruppe von stattlichen Gebäuden, welche ein umfangreiches Gehöft bildeten, das in einer Senkung, durch sanft aufsteigende Hügel gegen die Nord- und Ostwinde geschützt, lag. Es war ein ehemaliges Kloster, jetzt eine landesherrliche Domäne, deren geräumiges und bequemes Wohnhaus mit den hellen Fenstern, in denen soeben die rothen Lichter der untergehenden Sonne brannten, keinem Menschen mehr die frühe Bestimmung der Stätte ahnen ließ. Nur auf der Höhe, welche das Gehöft überragte, stand noch eine viereckige graue Warte aus unverwüstlichen Quadern gefügt, der Rest der alten Burg, deren Besitzer einst das Kloster gestiftet und beschirmt hatten.

Die Sonne war untergegangen; ferne Abendglocken mischten ihre feierlichen Klänge mit den leisern und unregelmäßigen des Heerdengeläuts, sonst war Alles still auf der Flur, selbst der Wind eine Zeit lang verstummt, als wolle er die Andacht nicht stören. Der Schäfer hatte den Hut abgenommen und sprach sein kurzes Abendgebet mechanisch, ohne sich viel dabei zu denken, vor ihm saß der Hund und sah ihn mit gespitzten Ohren an. Als der hagere Mann sich darauf die grauen Haare mit dem runden Kamme zurückgekämmt und den Hut wieder aufgesetzt hatte, sprang der Hund auf einmal zur Seite und fing mit eingezogenen Schweife an zu knurren. Von der Ebereschen-Allee, deren rothe Beerentrauben jetzt den einzigen Schmuck der farblosen Gegend bildeten, kam ein Reiter querfeldein gesprengt, gerade auf die Schafheerde zu, welche aufgescheucht eiligst in einen gedrängten Knäuel zusammenlief.

Der Schäfer sah zornig dem Reiter entgegen, den der Hund jetzt mit Gebell anfiel; der Alte ließ seinen Pelz auseinander fahren und stützte sich auf seinen langen, mit Eisen beschlagenen Hirtenstab, er war in seinem Recht und, wenn auch ein Schäfer, denen man sonst wegen ihres Umganges mit der sanftmüthigen Kreatur eine gewisse Weichheit, ja Feigheit vorwirft, gehörte er doch zu den echten Söhnen der hiesigen Landschaft, die ein gar hartes und trotziges Geschlecht sind.

„Ruft Euern Hund an!“ rief der Fremde, dessen Pferd vor dem Köter, der ihn hitzig mit gesträubtem Haar umtobte, schon ein Paar gefährliche Seitensprünge gemacht hatte.

„Der Hund thut seine Schuldigkeit,“ versetzte der Schäfer, ohne sich zu rühren.

„So schieße ich die Bestie nieder!“ rief der Fremde und riß, wie der Alte trotz der eingebrochenen Dämmerung deutlich sah, ein Pistol aus der Sattelholster. Ihm klopfte das Herz, denn er liebte den „Lustig“ wie seinen Sohn, aber er konnte es nicht über sich gewinnen, der Gewalt, die ihn bedrohte, nachzugeben. Zum Glück besann sich aber der Fremde eines Bessern, denn er hatte sein Pferd schon gezügelt und vollkommen wieder in seiner Gewalt, ein paar kräftige Spornstöße trieben das scheuende Thier mit Sätzen an dem ausweichenden Hunde vorüber gerade auf den Hirten zu, als wolle er seine Rache gegen diesen kehren und ihn niederreiten. Der Alte mochte wohl auch so etwas denken, denn er hielt dem Reiter seinen langen Stock wie einen gefällten Speer entgegen, aber von seinem Platze wich er darum keinen Fuß breit.

„Du bist ein muthiger Kerl, auf meine Ehre!“ rief der Fremde, indem er laut lachend sein Pferd dicht vor dem Schäfer so heftig parirte, daß es fast mit den Hacken auf die Erde stieß. Der alte Schäfer war ein Verächter der edlen Reitkunst und hätte dem steigenden Roß am liebsten Eins mit seinem Hakenstocke auf die Nase versetzt. „Schade, daß Ihr hier hinter den Schafen herlauft, Ihr müßtet Soldat werden!“ fuhr der Fremde fort.

„Das bin ich schon gewesen und habe Pulver gerochen vor’m Feinde,“ versetzte der Schäfer, von der Rede des jungen Menschen ganz und gar in Harnisch gejagt. Was! Er, der schon die Muskete nach Paris und wieder zurückgeschleppt, ihm wurde gesagt, daß er noch Soldat werden sollte, jetzt, wo er das unbärtige Volk im „Polrocke“, wie er die neue Waffenkleidung nannte, nicht einmal für richtige Soldaten ansah?

„Allen Respekt!“ erwiederte der Fremde und ließ wieder sein helles Gelächter hören, an welchem ihn eben der Schäfer für einen jungen Menschen erkannt hatte. „Seid Ihr von Sanct Pancraz?“

„Ja,“ lautete die Antwort.

„Ist der neue Oberamtmann angekommen?“

„Vor drei Tagen,“ sagte der Schäfer.

„Was ist es für ein Mann?“ fragte der Fremde rasch.

„Ja, was soll ich –? Ein Oberamtmann ist er –“ und was der Schäfer noch in seinen unrasirten Bart, der erst morgen, wie alle Sonntage, fallen sollte, brummend hinzufügte, verstand der Reiter nicht.

„Bleibt er nun hier? Kann man ihn sprechen?“

„Weiß ich nicht! Frau und Tochter hat er mitgebracht und zwei haushohe Wagen mit Schränken und Stühlen, er wird also wohl vor die Erst da bleiben.“

„Ich muß Euch noch etwas fragen, Schäfer. Ihr seid ein alter Soldat und die wechseln den Herrn nicht, wie man einen abgetragenen Handschuh auszieht und fortwirft. Wo ist der Oberamtmann Stargau geblieben?“

Der Schäfer hob den Kopf und sah zu dem Fremden, desse Züge er nicht mehr erkennen konnte, eine Weile schweigend empor. „Wer sind Sie denn?“ fragte er dann.

„Ich bin der Lieutenant von Dießbach.“

„Lieutenant?“ entgegnete der Schäfer mißtrauisch; denn der Fremde trug bürgerliche Kleidung. „Von Dießbach? Etwa von der Rinkenburg?“

„Ja wohl. Ihr werdet meine Mutter doch wohl kennen.“

„O ja!“ versetzte der Schäfer trocken.

„Nun, wo ist Stargau?“

„Mir hat er’s nicht gesagt,“ war die eben nicht freundliche Antwort.

„Ihr seid aber doch zu umkameradschaftlich, Alter!“ rief Dießbach. „Das Wetter ist kalt und schnürt Euch vielleicht die Kehle zu – kann ein Achtgroschenstück sie etwa lösen?“

„Ich danke, Herr Lieutenant. Was ich nicht verdiene, nehme ich nicht.“

Der Offizier steckte das Geldstück wieder ein und schien einen Moment unschlüssig, was er thun solle, denn er wandte sein Pferd zweimal nach verschiedenen Richtungen. „Wie heißt Euer neuer Pachter?“ fragte er dann.

„Sie meinen den Herrn Oberamtmann? Siebling!“

„Und Ihr?“

„Ich?“ entgegnete der Schäfer verwundert. „Ich heiße Klupsch.“

„Glupsch doch wohl!“ rief der Offizier lachen. „Ich habe nie einen passendern Namen gehört!“

Der Schäfer, der schon oft mit dieser nahliegenden Verdrehung seines Namens spaßhaft geschraubt worden war, weil „glupsch“ hier zu Lande etwas verteufelt Arges bezeichnet, lachte nun auch und sagte:

„Glupsch bin ich auch, wenn man mich nicht ungeschoren läßt.“

„Das sehe ich!“ erwiederte der Offizier. „Guten Abend!“

Dießbach trabte durch die wachsende Dunkelheit den Bergen zu. Die Rinkenburg, wie das Besitzthum seiner Familie hieß, lag auf einem der bewaldeten Vorhügel des Gebirges, etwa noch zwei Stunden Weges entfernt, bei hellem Wetter war sie noch um diese Stunde des Tages von weit her zu erkennen, denn das Schloß leuchtete mit seinem weißen Abputz weit über das Land. Heut aber, wo die Sonne nur kurze Momente die Wolkendecke zu durchbrechen vermocht hatte, heut war von der Rinkenburg nichts zu sehen. Indessen hatte Dießbach deshalb keine Besorgnisse, denn er glaubte nun in der Gegend vollkommen orientirt zu sein. Er ritt deshalb mit langen Zügeln im scharfen Trabe durch die ziemlich ebene Feldstrecke, welche noch zwischen ihm und den Bergen lag, und überließ es seinem Pferde, sich den Weg zu suchen. Ein Paar Mal schien es unschlüssig, der Reiter half ihm dann mit den Sporen nach. Jetzt scheute es sich wieder vor einem großen Stein, wie es schien, der einen Kreuzweg bezeichnete. Dießbach zog, ein wenig aus dem Sitz gekommen, die Zügel an und lenkte es rechts, während das Thier sich widersetzte und durchaus den Weg links nehmen wollte.

„O nein, beste Kitty!“ sagte der Reiter. „Sie werden die Gewogenheit haben –“

Er spornte sie in die Richtung, welche nach der Rinkenburg führen mußte, aber so nah er sich dem Ziele schon glaubte, mußte er sich, als er eine halbe Stunde flott weggetrabt war, zu seiner nicht geringen Beschämung gestehen, daß Miß Kitty doch wohl am Kreuzwege Recht gehabt.

„Ein Skandal wäre es,“ sagte er für sich, „wenn ein Husar sich nicht einmal in seiner eignen Heimath zurechtfinden könnte!“

Dort ragten endlich die Berge! Viktoria! Finster hob sich in geringer Entfernung von ihm eine dunkle Masse zum Himmel, gegen welchen sich ihr scharfer Rand deutlich abzeichnete. Wenn er nicht in die Berge hinein, sondern längs derselben hinritt, mußte er ja nach Hause kommen, es war nur die kleine Frage zu entscheiden: rechts oder links?

Herr Guido von Dießbach hielt seine schöne Kitty, das unvergleichliche Halbblut, einen Moment an, und befragte zunächst die goldene Repetiruhr, welche er im vergangenen Jahre als Page bei der Aufwartung einer fremden, überaus freigebigen Prinzessin als Geschenk erhalten hatte. Sie ging in dreizehn Steinen und trug innerhalb eingravirt seinen Namen nebst dem der erlauchten Geberin. Man kann sich denken, wie stolz der Besitzer darauf war und wie oft sie ihr feines Stimmchen hören lassen mußte! Heut verkündigte sie schon ein Viertel nach neun Uhr.