Eine Ehe in Wien - David Vogel - E-Book

Eine Ehe in Wien E-Book

David Vogel

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Beschreibung

In den Fängen einer dunklen Liebe In seinem Meisterwerk beschreibt David Vogel in sensibler wie schonungslos offener Sprache die Liebesqualen eines angehenden Schriftstellers und erzählt dabei von nichts Geringerem als vom Kern des Daseins: Rudolf Gordweil ist im Wien der zwanziger Jahre einer Femme fatale verfallen. Von Woche zu Woche mehr gedemütigt und erniedrigt, braucht er die Kraft des Verzweifelten, um endlich zum Befreiungsschlag auszuholen. »Eine Ehe in Wien zählt zu den sechs, sieben besten Büchern, die mir je untergekommen sind.« Maxim Biller

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EPUB

Seitenzahl: 806

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Über David Vogel

David Vogel wurde 1891 in Satanow, Podolien, geboren und schrieb Lyrik und Prosa in hebräischer Sprache. Von 1912 bis 1925 lebte er in Wien, später zog es ihn nach Zwischenaufenthalten in Berlin und Palästina nach Paris. Nach der Besetzung Frankreichs wurde Vogel von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er 1944 ums Leben kam. Sein Werk umfasst expressionistische Gedichte, mehrere Novellen und Romane. Auf deutsch liegt sein Prosawerk bereits in drei Bänden vor, darunter sind die Novelle »An der See« sowie der Roman »Eine Ehe in Wien« am bekanntesten. Die israelische Schriftstellerin Lilach Nethanel leitete Mitte der 1950er Jahr die (Wieder)Entdeckung Vogels ein. Heute gilt Vogel als großer Erneuerer der hebräischen Literatur.

Ruth Achlama, geboren 1945, lebt seit 1974 in Israel und übersetzt seit Anfang der 1980er Jahre hebräische Literatur, darunter Werke von Amos Oz, Meir Shalev, Yoram Kaniuk und Ayelet Gundar-Goshen. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem deutsch-israelischen Übersetzerpreis (2015) ausgezeichnet.

Informationen zum Buch

In den Fängen einer dunklen Liebe

In seinem Meisterwerk beschreibt David Vogel in sensibler wie schonungslos offener Sprache die Liebesqualen eines angehenden Schriftstellers und erzählt dabei von nichts Geringerem als vom Kern des Daseins: Rudolf Gordweil ist im Wien der zwanziger Jahre einer Femme fatale verfallen. Von Woche zu Woche mehr gedemütigt und erniedrigt, braucht er die Kraft des Verzweifelten, um endlich zum Befreiungsschlag auszuholen.

»Eine Ehe in Wien zählt zu den sechs, sieben besten Büchern, die mir je untergekommen sind.« Maxim Biller

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David Vogel

Eine Ehe in Wien

Roman

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

Mit einem Nachwort von Maxim Biller

Inhaltsübersicht

Über David Vogel

Informationen zum Buch

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I. Teil – Die Begegnung

II. Teil – Der Anfang

III. Teil – Drinnen und draußen

IV. Teil – Das Baby

V. Teil – Das Ende

Anhang – David Vogel: Wo Menschen sind, kann es kein Paradies geben

Impressum

I. Teil

Die Begegnung

1.

Auf dem Gang erwachte rumorend der Wasserhahn. Sofort erfüllte der Lärm die gesamte Umgebung, drang in die noch morgendlich dämmrigen Zimmer und sickerte durch den Schlummerschleier auch in Rudolf Gordweils Körper ein.

Möglicherweise hatte das Lärmen des Hahns bei ihm, Gordweil, eine Minute vor dem Aufwachen einen unangenehmen Kurztraum ausgelöst, denn die erste Regung, die sich mit Wiedergewinnung seiner geistigen Klarheit bemerkbar machte, war Unwille: vermutlich eben infolge jenes Traums, der wohl dort, auf der anderen Bewusstseinsseite, in seinem Innern verharrte.

Einen Augenblick blieb Gordweil mit geschlossenen Augen liegen und horchte. Aber inzwischen war wieder Ruhe eingekehrt, und er hörte nur noch das Zuschnappen einer Tür, die auf dem Gang geschlossen wurde, er erfasste dieses Geräusch jedoch verspätet, gewissermaßen abstrakt, nachdem es schon verklungen und erstorben war.

Nun drehte er sich den Fenstern zu und schlug die Augen auf. Sah, dass sich die Scheiben im Licht des nahenden Morgens bereits hell abzeichneten, was sofort seinen Drang zum Weiterschlafen verstärkte. Und als flüchte er vor Gefahr, drehte er sich panikartig auf die rechte Seite zurück und zog das Federbett über den Kopf.

Unten in der Kleinen Stadtgutgasse rumpelte im selben Moment erbarmungslos quietschend ein schweres Fuhrwerk heran, das die Scheiben wie ein Erdbeben erschütterte. Ein Kohlenwagen vom Nordbahnhof, vermutete Gordweil. Nun konnte er überhaupt nicht mehr einschlafen. Das Quietschen verknappte sich in seinem dämmrigen Hirn auf zwei, drei entnervend monotone Töne, die sich mit stupider Hartnäckigkeit wiederholten, obwohl das Fuhrwerk schon recht weit weg war, bis es ihm schien, sie kämen nicht von außen, sondern aus irgendeinem Winkel seiner eigenen Seele. Erschrocken fuhr er im Bett hoch, ließ den Blick durch das nicht besonders große Zimmer schweifen, betrachtete auf dem Sofa zu seiner Rechten seinen Freund Ulrich, der mit dem Gesicht zur Wand schlief. Beim Anblick des Schlummernden wurde er plötzlich vollends wach. Und sofort drängte sich ihm die bedrückende Aussicht auf den heute fälligen Weg ins Bewusstsein. Ah, man muss trotzdem hingehen! Es gibt keine andere Wahl!, sagte er sich resigniert. Vorerst war aber noch Zeit, und so legte er sich wieder hin in der Hoffnung, ein wenig weiterschlafen zu können. Aber seine Gedanken kreisten unwillkürlich und ihm zum Trotz um dieselbe unangenehme Sache, wobei er ihnen keinen Einhalt gebieten konnte.

Das Zimmer füllte sich zusehends mit dem klaren Morgen eines ersten Frühlingstags. Ulrich stand auf und zog sich träge an. Gordweil stellte sich schlafend. Er hatte jetzt keine Lust, mit jemandem zu sprechen. Durch die halbgeschlossenen Lider verfolgte er ein Weilchen die schlappen, mechanischen Bewegungen seines Freundes beim Anziehen, die ihm irgendwie lächerlich, verkrampft und unkoordiniert erschienen. Ein lächerliches Geschöpf ist der Mensch, folgerte er, und seine Lächerlichkeit tritt erst recht hervor, wenn er mit sich allein ist …

Zum Schluss fiel es ihm schwer, liegen zu bleiben. Er stellte sich die Großstadt von erster Frühlingssonne überflutet vor und wollte draußen sein. Ungeduldig wartete er darauf, dass Ulrich zur Arbeit aufbrach. Aber der brauchte ausgerechnet an diesem Morgen länger als gewöhnlich – ging ein paarmal auf den Gang hinaus, nahm einen Kragen aus dem Kleiderschrank, legte ihn aus irgendeinem Grund wieder weg, wählte einen anderen und bürstete wohl eine halbe Stunde lang seinen Anzug aus.

Gegen acht Uhr ging Ulrich endlich. Gordweil sprang sofort aus dem Bett und trat ans Fenster. Beim Anblick des strahlend blauen Morgens, der sich durch die kleine Gasse zwängte, überkam ihn Hochstimmung. Es war gut leben, regen und atmen an einem solchen Tag Anfang April. Gordweils Sorgen verloren momentan ihren Stachel: Alles erschien leichter. Er kehrte zu dem Stuhl neben dem Bett zurück, auf dem seine Kleidung lag, und zog sich rasch an.

Eine halbe Stunde später war Gordweil fertig und ging forsch vom dritten Stock hinunter. Draußen hüllte ihn ein lauer Morgen mit einem besonderen, unbestimmten Duft ein, der entfernt an schöne, noch unreife Mädchen erinnerte. Alles schien wie neu. Das Pflaster war bereits gesprengt, die winzigen Pfützen in den Ritzen verdunsteten langsam und machten die Luft noch frischer. Die Fiaker, die Automobile, die Trambahnen, die Etagenhäuser und auch die Menschen – alles glänzte im Schein einer jungen Sonne, verbreitete Heiterkeit. Auf wunderbare Weise wirkten alle vorbeigehenden Frauen hübsch und sahen aus, als trügen sie neue Kleider. Die Bonnen mit Spitzenhäubchen und gestärkten weißen Schürzen schoben die Kinderwagen mit solch ruhigem Stolz vor sich her, als entstammten die schönen, lachenden Babys ihrem eigenen Schoß. Gordweil spazierte die Nordbahnstraße entlang und bog dann in die Praterstraße ein. Die Schaufenster übten eine beharrliche Anziehungskraft auf ihn aus, weckten das dringende Verlangen, jedes Geschäft zu betreten, allerlei nötige und unnötige Dinge einzukaufen, mit sämtlichen Inhabern und Angestellten ein Gespräch anzuknüpfen und unbeschwert mit ihnen zu witzeln. Und noch ein Wunsch stieg in ihm auf: sich in aller Öffentlichkeit hinzustellen und Münzen, etliche Handvoll Goldund Silbermünzen, unter die Straßenkinder zu werfen und sich mit ihnen zu freuen. Doch all das überstieg sein Vermögen: Er hatte nur einen Schilling und ein paar Groschen in der Tasche. Also schlenderte Gordweil die breite, verkehrsreiche Praterstraße entlang, blickte den Passanten überfreundlich in die Augen, als wolle er jedem eine gute Botschaft überbringen, und gelangte unterdessen an die Schwedenbrücke. Dort trat er an eine Menschenmenge heran, die am Brückengeländer zusammengelaufen war, sich drängelte und hinunterblickte.

»Ein junges Mädchen«, sagte ein plumper, glatt rasierter Mann den Umstehenden, »nicht älter als achtzehn Jahre. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie man sie herausgezogen hat.« Er sprach in einem derart selbstgefälligen Ton, als behaupte er, mit eigenen Augen den Kaiser von Japan gesehen zu haben.

»Lebendig?«, fragte eine dünne Stimme.

»Die nicht! Tot wie ein Stein.«

»Unsere heutige Generation!«, fiel eine Frau mittleren Alters mit einem verschossenen Hut auf dem Kopf und einer Tasche in der Hand ein. »Alle stehen sie auf dem Sprungbrett. Alles ist ihnen egal. Entweder bringen sie andere um oder sich selbst. Erst gestern hat ein Nachbar in unserem Haus seine Frau erstochen. Mitten am helllichten Tag! Im Handumdrehen war sie tot, die Ärmste. Hat nicht einen Mucks von sich gegeben.«

Gordweil zwängte sich zum Geländer vor, um auf den Kai hinabzublicken, auf dem zwei Polizisten über die schwarz abgedeckte Ertrunkene am Boden wachten und den Kreis der schaulustigen Menge auf Distanz hielten.Trotz der jähen Mattigkeit, die Gordweil mit einem Mal überwallte, ging er hinunter und drängte sich bis nahe zu der Toten vor. Unter dem schwarzen Tuch, das nicht ausreichte, den ganzen Körper zu verhüllen, sah kastanienbraunes, verfilztes, lebloses Kopfhaar über dem Rand einer bläulich fahlen Stirn hervor, die hart wie Granit wirkte, und – am andern Ende – die Spitze eines nassen, schlammigen braunen Schuhs, dem man ansah, dass er lange im Wasser gelegen hatte. Das Volumen unter dem Tuch schien so groß wie von zwei Leichen, und der Boden ringsum war mit Wasser getränkt. Gordweil brachte nicht die Kraft auf, die Augen von dem schwarz bedeckten Klumpen loszureißen. Das Herz pochte ihm mit Macht.

Inzwischen war der Leichenwagen eingetroffen und drängte die Neugierigen zur Seite. Beim Aufheben wurde einen Moment der ganze Kopf der Ertrunkenen sichtbar. Man sah ein aufgedunsenes Gesicht, wie aus Gips, mit geschlossenen Augen. Die linke Wange hatte eine Schramme am Knochen, aber das aufgesprungene Fleisch unterschied sich farblich nicht vom Rest des Gesichts. Die Nase erschien Gordweil überlang. So lang braucht die Nase gar nicht zu sein, schoss es ihm nebenbei durch den Kopf, eine Nase muss immer … In diesem Augenblick ruckte der Wagen an, und einer der Umstehenden stieß ihm den Ellbogen in die Rippen und fügte ihm einen kurzen, dumpfen Schmerz zu. Gordweil schreckte auf und erinnerte sich wieder, dass er es eilig hatte, warf noch einen Blick auf den feuchten Boden und auf das glatte Donauwasser, in dem sich der blaue Himmel mit weißlichen Wolkenfetzen spiegelte, und erklomm im Strom der sich zerstreuenden Menge die Stufen. Er fühlte sich auf einmal sehr müde, wie nach körperlicher Schwerarbeit.

»Es ist nicht gut, junger Herr, nicht gut, an einem solchen Frühlingstag tot zu sein«, bemerkte eine alte, gebeugte Frau, die zufällig neben ihm ging. Worauf sie gleich hinzufügte, als sei dies ein bewährtes Mittel gegen den Tod: »Ah, ich muss rasch nach Hause das Mittagessen für meine Söhne kochen.«

Aber der Frühlingstag hatte für Gordweil bereits an Schönheit eingebüßt. Die Augen zu Boden gesenkt und die Hände in die Taschen seines offenen Mantels vergraben, setzte er trübsinnig seinen Weg auf dem Asphaltpfad neben dem Kanal fort. Nach wenigen Minuten erreichte er die Rotenturmstraße und bog in sie ein. Vor einer nahen Buchhandlung blieb er stehen, las unlustig die Titel einiger Neuerscheinungen im Schaufenster, blickte dann auf die Uhr, die Viertel nach zehn zeigte, und betrat entschlossen den Laden.

»Was wünschen Sie, mein Herr?«, fragte ihn ein rothaariger Jüngling mit schwarzer Hornbrille.

Gordweil wünschte Dr. Kreindl zu sprechen.

Der Bursche verschwand in einem Gang gegenüber der Eingangstür und kam sofort zurück.

»Herr Dr. Kreindl ist momentan beschäftigt. Wenn Sie so gut sein möchten, ein wenig zu warten. Hier, bitte.« Der junge Mann wies ihm einen Stuhl an.

Die Warterei war gar nicht nach Gordweils Geschmack. Er hasste es geradezu, warten zu müssen. Aber er wollte die Sache loswerden und setzte sich in der festen Absicht, keinesfalls länger als eine Viertelstunde auszuharren.

In der Buchhandlung befand sich unterdessen kein Kunde. Der Rotschopf kletterte von Zeit zu Zeit eine Leiter empor, stöberte beflissen in den Buchreihen auf den Regalen, holte einen Stapel Bände herunter und legte sie auf den Tischen aus. Im Kassenschalter am Eingang saß eine junge Kassiererin und las, ohne dem nicht weit von ihr sitzenden Gordweil irgendwelche Beachtung zu schenken. Zum Zeitvertreib versuchte er angestrengt, die Titel der Bände hinter dem langen, mit Büchern vollbepackten Tisch vor sich zu entziffern, was ihm nur unter großen Mühen gelang. Von draußen drang gedämpft das Rauschen des Großstadtverkehrs herein. Ohne jeden erkennbaren Zusammenhang kam Gordweil plötzlich das feuchte Stück Boden am Donauufer in den Sinn, wie er es nach dem Aufheben der Ertrunkenen gesehen hatte, und das Herz schnürte sich ihm zusammen. Sein Herumsitzen hier wurde mit einem Schlag überflüssig, sinnlos. Er legte seinen braunen, zerknautschten Hut auf den Schoß und begann seine Taschen nach einer Zigarette abzusuchen, fand jedoch keine. Unwillkürlich wandte er den Blick der jungen Kassiererin zu. Die ist ganz und gar ins Buch versunken, sagte er sich. Ob man sie wohl mit konzentriertem Hinstarren verwirren und von ihrer Lektüre abbringen könnte? Damit heftete er seine Augen angestrengt auf einen Punkt ihrer Wange nahe dem Ohr. Eine Minute später wurde die Kassiererin tatsächlich unruhig, strich sich mit der Hand über den dunkelblonden Bubikopf, befühlte ihr Ohr, wandte Gordweil schließlich das Gesicht zu und sah ihn geistesabwesend an. Ihre Züge nahmen einen Moment lang den Ausdruck eines Menschen an, der sich etwas Vergessenes ins Gedächtnis zu rufen versucht. Dann vertiefte sie sich wieder in ihre Lektüre. Zufrieden über sein Experiment, stand Gordweil mit neuem Mut auf und verkündete dem Ladendiener, er habe keine Zeit, länger zu warten.

Der Gehilfe führte ihn daraufhin durch einen schmalen, elektrisch beleuchteten Gang, zu dessen beiden Seiten sich Kisten bis zur Decke stapelten, und ließ ihn nach kurzem Anklopfen ins Büro des Geschäftsinhabers eintreten. Dr. Kreindl, der an einem großen Schreibtisch saß, das Gesicht dem Eingang zugewandt, sprang bei ihrem Eintreten wie von der Tarantel gestochen auf.

»Ich habe Sie doch x-mal gebeten, mich nicht zu stören, wenn ich arbeite!«

»Der Herr wartet schon geraume Zeit«, entschuldigte sich der Gehilfe und deutete auf Gordweil.

Erst jetzt schien Dr. Kreindl Gordweils Anwesenheit wahrzunehmen. Mit rascher Gebärde entließ er den Verkäufer, musterte Gordweil kurz und fragte ihn nach seinem Begehren, wobei in seiner Stimme noch etwas von dem vorherigen Ärger mitschwang.

»Mein Name ist Gordweil«, stellte er sich trocken vor, »Dr. Mark Astel hat Ihnen sicher schon von mir erzählt.«

»Ach ja, gewiss!«, sagte er sofort verbindlich, wobei er zwei goldene Vorderzähne entblößte. »Dr. Astel, ich entsinne mich gut. Nehmen Sie bitte Platz.« Er deutete auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch. »Sie möchten also in meiner Buchhandlung arbeiten. Sehr gut! Wie sagt doch Goethe: Die Liebe zum Buch ist ein klares Zeichen – und so weiter. Sie schreiben doch auch selber, wie mir scheint?«

»Nein«, erwiderte Gordweil kurz angebunden. »Ich schreibe nicht!«

»Nein? Man hat mir gesagt … Nun, das macht natürlich gar nichts. Im Gegenteil, noch besser … Viel besser … Kleist sagt: Die Schriftsteller sind immer – und so weiter. Sie kennen sicher das Ende des Zitats.«

Gordweil saß da und betrachtete Dr. Kreindls feistes Gesicht, dem nur schwer anzusehen war, ob er im Ernst oder im Scherz sprach. Die kleinen, scharfen Augen, die unter der niedrigen Stirn lauerten, waren ihm höchst unangenehm. Ein bedrückendes Gefühl beschlich ihn bei dem Gedanken, dass er mit diesem Mann acht Stunden ununterbrochen unter einem Dach würde verbringen müssen, und zwar tagtäglich ein halbes Jahr, ein volles Jahr oder noch länger. In seinem Innern erwachte das jähe Verlangen, auf die ganze Sache zu spucken und augenblicklich wegzulaufen. Aber er blieb auf seinem Platz. Seit einem halben Jahr war er ohne Anstellung; die Kreditquellen versiegten langsam. Ihm fehlte der Mut, von sich aus eine Arbeitsmöglichkeit abzuweisen.

Dr. Kreindl fuhr fort: »Sie studieren gewiss Philosophie. Ein sehr interessantes Fach. Ich liebe die Philosophie … Habe selbst drei Semester absolviert … Und wenn ich mich nicht schämte, würde ich eingestehen, dass ich sogar einmal ein Buch über die Beziehung zwischen Kant und Spinoza verbrochen habe  … Erschrecken Sie nicht, das Buch ist nie erschienen. Nur eine Jugendsünde natürlich, ohne schädliche Auswirkungen … Jedenfalls bin ich der Philosophie bis heute treu geblieben. Mein Lager umfasst ja im Wesentlichen philosophische Werke. Sie werden bei mir eine reiche Sammlung in dieser Disziplin vorfinden, der Sie sich beliebig bedienen können.«

Gordweil wurde plötzlich ohne klaren Grund von nagender Melancholie befallen. Ungeduldig wandte er sich dem Fenster rechter Hand zu, das auf einen ausgedehnten Hof, eine leere Schubkarre und eine blinde Wand, deren obere Hälfte von der Sonne gelb beschienen war, hinausging. In diesem Augenblick war es ihm schon unwichtig, ob er die Stelle bekam oder nicht. Er wollte nur weit weg von hier sein, zumindest fern von diesem Zimmer, das alt und modrig roch, als sei es viele Jahre nicht mehr gelüftet worden, und fern von diesem seltsamen Kauz, der ihm da was vorschwatzte und erfundene Zitate zum Besten gab, während er ihm bereits deutliche Abscheu entgegenbrachte, als kenne er ihn seit eh und je. Plötzlich entschlossen, die Sache auf der Stelle zu beenden, wandte er seinem Gesprächspartner das Gesicht zu. Und da passierte Gordweil etwas höchst Eigenartiges: Statt Dr. Kreindls Zügen sah er das Gipsgesicht des ertrunkenen Mädchens vom Kanalufer, sah es völlig klar, einschließlich der Schramme auf der Wange und des verfilzten kastanienbraunen Haars. Ein Schauder überlief ihn. Er stand auf und setzte sich wieder. Betrachtete noch einmal genauestens Dr. Kreindls Gesicht und fand es nun, wie es war, mit der langen, spitzen Nase und dem stumpfen, fleischigen Kinn.

Ah, Nervenstreiche, sagte er sich, es sind bloß die Nerven.

Diese erfundenen Zitate, dachte er kurz darauf, wobei ihm ein unmerkliches Lächeln übers Gesicht huschte, man muss ihm auch so einen Spruch offerieren. Und er sagte ernsthaft: »Ja, ja, der Buchhandel ist ein erhabenes Unterfangen  … Mitzelsberg sagt: Die Schätze des menschlichen Geistes finden ihre Erlösung – und so weiter.«

»Hihi, wer, sagen Sie, Mitzelsberg? Schön gesagt, Herr Gordweil. Das heißt, schön gesagt von Mitzelsberg … Ja also«, er kam plötzlich zur Sache, »zur Stunde ist noch nichts entschieden. Ich meine hinsichtlich der Anstellung, die Sie in meiner Buchhandlung suchen. Es will erst reiflich überlegt sein, ob eine weitere Kraft gebraucht wird. Wenn Sie bitte in ein paar Tagen wieder vorbeischauen möchten, in vierzehn Tagen, sagen wir, am Vormittag, werde ich Ihnen klare Auskunft geben.«

Gordweil verabschiedete sich und ging. Er wollte sich seine Freude über den negativen Ausgang nicht eingestehen. Wie immer in solchen Fällen fühlte er sich wie jemand, der zu einer Haftstrafe verurteilt werden sollte und davor bewahrt geblieben ist. Er brauchte eine Anstellung und tat also seine Pflicht. Was konnte man machen, wenn der Himmel einem Hindernisse in den Weg legte? Ah, wenn nur dieser verfluchte Magen nicht wäre!

Es war nach zwölf. Gordweil spürte eine unangenehm schale Trockenheit im Mund, die vermutlich von seinem leeren Magen herrührte. Außerdem hatte er ein riesiges Verlangen zu rauchen. Er überquerte die Rotenturmstraße und zweigte in eine Seitengasse ab. Dort blieb er stehen, holte die wenigen Münzen aus der Tasche, die ihm vom Vortag verblieben waren, und zählte sie noch einmal, obwohl er sehr wohl wusste, wie viel er hatte. Nun, ein Schilling würde für eine einfache Mahlzeit reichen  – und der Rest für Zigaretten! Er ging Zigaretten kaufen und zündete sich eine an. Einen kurzen Augenblick erwog er, nach Hause zu gehen, um zu arbeiten, beschloss aber sofort, im Freien zu bleiben. Es wäre schade gewesen, etwas von einem derart schönen Tag zu versäumen. So durchquerte er einen kleinen Park, setzte sich lässig zurückgelehnt auf eine Bank und legte den Hut neben sich.

In seiner Nachbarschaft saß ein abgerissener alter Mann mit schütterem weißem Bart und mühte sich, aus den gelbfleckigen Kippen, die er auf eine zerfledderte Zeitung auf seinem Schoß gelegt hatte, eine Zigarette zu drehen. Er verrichtete seine Arbeit gesenkten Hauptes mit Ausdauer und Hingabe, ohne zu bemerken, dass Gordweil ihn beobachtete.

Wer weiß, dachte Gordweil beim Anblick des Alten, wer weiß, ob ich nicht auch einmal so dasitzen werde … Na, eigentlich ist es ja egal!

Er zog eine Zigarette hervor, hielt sie dem alten Mann hin und sagte mit ausgesuchter Höflichkeit: »Darf ich Ihnen eine anbieten, mein Herr?«

Im ersten Augenblick schien der alte Mann zu zögern, dann streckte er die Hand danach aus, prüfte sie mit sichtlichem Vergnügen von allen Seiten, steckte sie zwischen die Lippen, zog sie wieder heraus, betrachtete sie ein zweites Mal, riss dann ein Stück Zeitungspapier ab, wickelte sie behutsam ein und schob sie in die Tasche seiner geflickten Joppe.

»Vielen Dank, junger Herr! Gott vergelt’s Ihnen! Ich werde sie mir für den Abend, vorm Schlafengehen, aufheben. Abends, wenn ich mich niederlege, schmeckt sie mir am besten.«

»Würden Sie glauben«, fuhr er einen Augenblick später fort, »ich bin mal beim Arzt gewesen, im Krankenhaus in Neuhaus, lang ist’s her, zehn oder zwölf Jahre, und der hat mir doch das Rauchen verboten. Eine Todesdroge sei das für den Menschen, hat er gesagt. Ein kluger Arzt war das. Bei jedem Raucheinziehen, sagte er, bleibt drinnen ein schwarzer Teerfleck von der Größe eines Daumennagels … Er hat mir den Fleck auf einem weißen Taschentuch gezeigt. Wirklich, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Aber das Rauchen aufzugeben, habe ich nicht fertiggebracht. Einen halben Tag hab ich’s geschafft, mehr konnte ich nicht.« Und er fuhr fort, eine Zigarette zu drehen.

Von der Straße schallte das ferne Rattern der Trambahnen und Fiaker herüber. Auf dem kleinen Platz in der Mitte der Anlage warfen ein paar Jungen einen riesigen braunen Fußball. Gegenüber, hinter den Bäumen, lehnte sich eine Frau aus einem Fenster im obersten Stockwerk und schüttelte ein weißes Laken auf die Straße aus, worauf sie hierhin und dorthin blickte, ob es auch kein Polizist gesehen hätte. Die alten Kastanien waren plötzlich voll winziger Knospen.

Gordweil fühlte sich tausend Meilen weit von den Großstadtsorgen entfernt und genoss dieses müßige Herumsitzen außerordentlich. Ja, er hätte unbegrenzt so weitersitzen können, nur begann der Hunger ihm zuzusetzen. Deshalb stand er auf, um die Gastwirtschaft des nahen Metropol-Hotels aufzusuchen und etwas zu essen.

2.

Am Nachmittag desselben Tages, gegen drei, schlenderte Gordweil zu seinem Stammcafé, wo er ein Opfer, das heißt einen Bekannten, von dem er Geld borgen konnte, zu finden hoffte. Falls er einen Kredit auftrieb, würde er aus der Stadt hinausfahren, zum Kahlenberg etwa oder zum Prater.

Im schmalen, schattigen Tiefen Graben, einer ruhigen Innenstadtstraße mit zahlreichen Leder- und Textillagern für den Großhandel, luden Arbeiter in Hemdsärmeln riesige Kisten auf breite Wagen. Die schweren Gäule, denen sommers wie winters Haarbüschel über den Hufen wuchsen, fraßen währenddessen aus den umgehängten Futtersäcken, mahlten hingebungsvoll und trübsinnig vor sich hin. Ein Wächter in Holzpantinen, dem eine lange Pfeife von den Lippen baumelte, sprengte den Gehsteig mit einem rostigen Schlauch. In einem Tor stand eine junge Bedienerin mit weißer Schürze und rief eins ums andere Mal mit gedehnter Stimme: »Flooo---ckiii, kommst du heeer!« Aber das braune Hündchen mit dem langen Rücken und den kurzen krummen Beinen rannte in großem Bogen einer im Wind wirbelnden Zigarettenkippe nach und dachte gar nicht daran, umzukehren. Ein kräftiger Arbeiter neckte sie von der anderen Straßenseite her: »Schönes Miezerl, kommst heut Nacht mit mir schlafen?« Danach brauste lärmend ein schwerer Lastwagen vorbei und drängte Flocki zur Seite.

Ein angenehm scharfer Geruch nach gegerbtem Leder und frischen Textilfarben wehte aus den offenen Lagern. Ringsum spürte man verborgene, angestrengte Betriebsamkeit, die bei Gordweil das Verlangen weckte, den Arbeitern beim Verladen der Kisten beizuspringen, Hand und Schulter anzubieten, um die Widerstandskraft der Last zu überwinden. Gleichzeitig betrachtete er sich als Außenseiter, ausgeschlossen aus der Allgemeinheit derer, die die Welt in Gang halten halfen. Wie alle, die mangels entsprechender Körperkraft nicht zur Schwerarbeit taugen, erblickte er gerade in ihr den Weg zur völligen Selbsterfüllung des Menschen. Gordweil blieb in einiger Entfernung stehen und sah den Arbeitern neidisch zu. Nein, mit denen konnte er sich wahrlich nicht messen! Verächtlich blickte er an seinem mageren kleinen Körper hinunter, der ihm nur aus Nerven und Hirn zu bestehen schien, und löste sich von der Stelle. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, meinte er seinen Namen zu hören, drehte sich um, entdeckte aber niemand Bekanntes. Nach einigen weiteren Metern fühlte er einen Schlag auf der Schulter.

»Servus, Gordweil!«, rief Dr. Astel überschwänglich hinter ihm. »Wie geht’s dir? Warst du heute Morgen dort?«

»War ich.«

»Und was ist dabei herausgekommen?«, erkundigte sich Dr. Astel und beugte seinen schmalen, langen Körper zu Gordweil herab.

»Gar nichts.«

»Wieso?«

»Er hat gesagt, ich soll in vierzehn Tagen wiederkommen. Inzwischen werde er sich die Sache überlegen.«

»Nun, soll er sich zum Teufel scheren! Dieser miese Heuchler!«

Erst jetzt bemerkte Gordweil Lotte Bodenheim, die ein paar Schritte entfernt wartete. Während er auf das Mädchen zuging, gelang es ihm gerade noch, Dr. Astel leise zu fragen, ob er Geld habe, und die positive Antwort zu hören.

»Wohin bist du unterwegs?«, fragte Lotte.

»Ich bin nur so durch die Straßen geschlendert«, log er ohne besonderen Grund.

»Dann kannst du ja mitkommen. Wir fahren zum Prater.«

»Gewiss, gewiss«, pflichtete Dr. Astel hastig bei, obwohl ihm die Sache offenbar nicht ganz gelegen kam. »Wir fahren alle drei, uns an der Herrlichkeit der Natur zu erfreuen.«

Damit gingen sie zum Franz-Josefs-Kai, um von dort mit der Tram zu fahren.

Dr. Astel gehörte zu der Sorte Menschen, die stets den Eindruck erwecken, als hätten sie keine Minute Zeit, und allem, was sie sagen oder tun, eine sonderbar aufgeregte Geschäftigkeit beilegen, als sei es die wichtigste Sache der Welt. In diesem Augenblick begann er angeregt und unter fahrigen Gesten von einem gewissen Zuckerberg zu sprechen (Gordweil hörte diesen Namen zum ersten Mal), der seine Frau in Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Café entdeckt, sie in aller Öffentlichkeit geohrfeigt und, nach Hause zurückgekehrt, sich selbst eine Kugel zu geben versucht hatte. Lotte interessierte sich sehr für den Vorfall, ja wollte jede Einzelheit erfahren, als betreffe es sie irgendwie. Dann stiegen sie in die Tram und fuhren bis zur letzten Haltestelle bei der Hauptallee, nicht weit vom dritten Kaffeehaus.

Die Luft hier war frisch und etwas feucht, die Wiesen zu beiden Seiten zeigten schon einen leichten Grünschimmer, und die lange gerade Allee lag fast leer vor ihnen. Nur von Zeit zu Zeit fuhr leise ein Auto oder ein schmucker Fiaker vorbei, gezogen von stolzen Pferden, die im Gleichtakt über den Asphalt trabten. Gelegentlich kam auch ein Reiter auf dem seitlichen Reitweg vorüber, in dessen lockerem Erdreich die Pferdehufe dumpf einsanken.

Lotte hängte sich bei den zwei Männern ein, während sie den Tiefen des Parks zustrebten. Eine Weile gingen sie schweigend. Dann sagte Lotte, die grauen Augen von der Seite auf Gordweil gerichtet: »Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, Gordweil.« Worauf sie sofort, halb ernsthaft, halb im Scherz, hinzufügte: »Ich hab direkt schon Sehnsucht nach dir bekommen.«

»Na, ich vermute, die Sehnsucht wird nicht so groß gewesen sein«, sagte Gordweil lachend.

»Kann man nicht wissen. Kann man nie wissen  …« Und in einem Ausbruch von Entzücken: »Ach, wie wunderbar doch alles ist, Kinder! So wunderbar, dass man plötzlich gar nicht mehr weiß, wo man sich befindet … Dass es einem scheint, als habe man erst jetzt das Licht der Welt erblickt und sähe dies alles zum ersten Mal. In solchen Momenten ist der Mensch leicht zu ungewöhnlichen Taten bereit. Zu einem Akt seelischer Hingabe oder auch zu dessen Gegenteil: irgendeiner Schandtat, zu Mord beispielsweise …«

»Mal langsam, mein Liebes«, rief Dr. Astel schmunzelnd. »Hoffentlich bin ich nicht derjenige, den du zu ermorden gedenkst.«

»Nein, nein, du hast nichts zu befürchten«, sagte Lotte mit einer Spur Verachtung in der Stimme. Plötzlich löste sie sich aus den Armen der beiden, machte einen Satz und küsste Gordweil auf den Mund. »Ihn, Gordweil, nicht dich!«

»Dann ermorde aber bitte auch mich, Lotte, Lotterl«, flehte Dr. Astel und schnitt eine Grimasse.

»Zu spät, mein Lieber. Du bist ein Hasenherz!«

Gordweil nahm Lottes Hand und legte sie in Dr. Astels. »Jetzt vertragt euch, Kinder, und lebt von nun an in Ruhe und Frieden.«

»Was schert’s dich, Gordweil?«, brauste Lotte ohne ersichtlichen Grund auf und zog heftig die Hand zurück. »Das geht dich überhaupt nichts an. So eine Ungezogenheit! Mischt sich in anderer Leute Angelegenheiten ein.« Und nur zu Dr. Astel gewandt: »Komm, ich bin durstig … Gehn wir ins Café …«

»Wir werden Gordweil hier doch nicht stehenlassen«, beschwichtigte Dr. Astel schmunzelnd.

»Ist mir gleich. Er kann mit uns gehen oder sonst wohin …«

Gordweil lächelte und erwiderte nichts. Man darf ’s nicht genau nehmen, sinnierte er, Frauen sind halt mal so.

Nachdem sie ein paar Schritte zurückgegangen waren, blieb Lotte stehen und verkündete: »Eigentlich kann ich auch warten … Ich bin doch nicht so durstig … Besser gehen wir noch ein wenig spazieren und dann ins Café – was meint ihr?«

Also machten sie erneut kehrt. Sie bat Dr. Astel um eine Zigarette, zündete sie an und blies lange Rauchzungen vor sich hin. Ihre vollen Lippen rundeten sich dabei zu einem kleinen Ring, was ihrem hübschen frischen Gesicht besonderen Reiz verlieh. Sie hatte die Zigarette gekonnt zwischen Ring- und kleinem Finger stecken und sog fast ununterbrochen daran. Plötzlich war sie es leid und schleuderte sie weg. Dann lächelte sie Gordweil zu ihrer Rechten an.

»Du bist doch nicht wütend auf mich, Gordweil? Ich meine wegen vorhin. Bitte, sei nicht zornig, lass uns wieder gut sein. Bitte, bitte« – sie patschte die Hände zusammen wie ein Kind – »bitte sei nicht böse. Sag ihm bitte, Astel, er soll nicht böse sein.«

»Wer sagt denn, dass ich böse bin?«, sagte Gordweil lachend. »Ganz und gar nicht.«

»Wirklich nicht? Umso besser. Wisst ihr was, Kinder, vielleicht gehen wir in den Wurstelprater?«

Da sie ihnen ansah, dass sie nicht einverstanden waren, ließ sie den Gedanken sofort wieder fallen, und sie setzten ihren Weg fort. Schließlich ließen sie sich auf einer Bank nieder.

Über die Brücke, die die Allee an einer von hier aus nicht sichtbaren Stelle kreuzte, ratterte – schwer keuchend wie ein ganzer Chor Asthmatiker – ein ebenfalls unsichtbarer Zug. Er hinterließ eine nahezu fühlbare Stille. Hinter den noch kahlen Bäumen zeigte sich von Zeit zu Zeit ein knallrotes, entkräftetes Sonnenrad. Auch ein unsichtbarer Spatz fand sich ein, tschilpte ein paarmal und hörte auf. Eine leichte Abendkühle war bereits spürbar.

Die drei saßen schweigend da. Dr. Astel war heute irgendwie schlechter Laune, sprach entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nur wenig. Lotte lehnte den Kopf an seine Schulter und spielte mit ihrer rauen Schlangenledertasche. Schließlich sprang sie auf: »Was habt ihr heute bloß? Ihr seid unausstehlich langweilig!«

Der Tag dunkelte bereits. Es war kühl. Sie standen auf und machten sich auf den Rückweg. Gordweil bereute ein wenig, mitgekommen zu sein. Er spürte schon im Voraus den faden Nachgeschmack, der ihm sicher bleiben würde – wie immer, wenn er einige Stunden in Gesellschaft anderer verbracht hatte. Schade, dass er den Spaziergang nicht allein unternommen hatte. An der Straßenbahnhaltestelle würde er sich sofort verabschieden.

Doch als sie dort angekommen waren, ließ er sich verleiten, »nur einen Augenblick« ins dritte Kaffeehaus mitzugehen, und ärgerte sich eine Minute später über seine eigene Schwäche. Sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, und die Mundfalten vertieften sich.

Sie saßen auf der offenen, leicht erhöhten Terrasse, die fast leer war. Gordweil nippte mechanisch an seinem Kaffee, der ihm fade vorkam. Plötzlich wuchs sein Bedürfnis, um jeden Preis allein zu sein. Er blickte auf die Uhr und schrak zurück: Ah, er habe völlig vergessen, dass er um sieben eine Verabredung habe, die er auf keinen Fall versäumen dürfe …

»Wart einen Augenblick«, sagte Lotte, »wir gehen doch alle.« Und mit ehrlichem Bedauern: »Schade, dass du jetzt keine Zeit hast. Ich wollte euch gerade zum Tee bei mir einladen.«

»Du kannst ja später kommen, wenn du wieder frei bist«, schlug Dr. Astel vor.

Nein, er könne nichts versprechen. Es sei nicht abzusehen, wie lange sich die Sache hinziehen werde …

Gordweil fuhr bis zum Franz-Josefs-Kai mit, wo er ausstieg, nachdem er sich etwas Geld von Dr. Astel geborgt hatte.

Die Stadt war schon vom fahlen orangefarbenen Licht der elektrischen und der Gaslaternen überflutet. Die Straßen wimmelten von Menschen, die in Strömen aus den Geschäftshäusern quollen und nach Hause eilten. Rollläden fielen mit ohrenbetäubendem Lärm herunter. An den Tramhaltestellen riefen Zeitungsverkäufer lautstark die Abendblätter aus, jagten jeder anfahrenden Tram nach und reichten die Ausgaben durchs Fenster. Hier und da sah man eine Bedienerin mit einem Tablett voller Biergläser aus dem nächsten Wirtshaus die Straße überqueren.

Die Hast befiel auch Gordweil, zusammen mit all den Menschen, die gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten. Obwohl er kein bestimmtes Ziel hatte, drängte er mit der Menge, um einen Platz in einer der überfüllten Straßenbahnen zu ergattern. Außen an einer Tram sich festhaltend, einen Fuß auf dem Trittbrett, den anderen in der Luft, während ein breiter, penetrant nach Schweiß riechender Rücken wie eine Wand vor seinen Augen aufragte, erreichte er das Schottentor. Hier sprang er ab. Eine Weile ging er vor dem Gebäude des Wiener Bankvereins auf und ab, ohne zu wissen, was er jetzt tun sollte. Schließlich stieg er in eine andere Tram und fuhr denselben Weg zurück bis nach Hause.

3.

»Eine Flasche Bier, Johann, und die Abendzeitungen.«

Der semmelblonde Kellner, der unweit mit dem Rücken zu ihm stand, eine schmutzige Serviette unter dem Arm, eilte, das Gewünschte zu holen.

Es war neun Uhr abends. In dem kleinen Kaffeehaus nahe der Universität versammelten sich nach und nach die Stammgäste: Studenten und kleine Beamte, die ihre Stammplätze einnahmen und wie jeden Abend nach dem Nachtmahl einen Mokka bestellten. Diese Gäste waren fester Bestandteil des Cafés, verliehen ihm eine besondere Note, ebenso wie die abgewetzten, durchgesessenen Plüschdiwane rings an den Wänden und die dunklen, schmutzigen Marmortische. Ein »Fremder« verlief sich nur selten hierher.

Übereifrig schnitt Perczik den weißlichen, von einem glasig gelben Fettrand umgebenen Kalbsbraten, der in einer dunkelbraunen Soße schwamm, säbelte mit dem stumpfen Messer daran herum und kaute begeistert einen Bissen nach dem anderen. Seine kurzen Wurstfinger verrichteten zuverlässig ihre Arbeit, die jetzt geröteten Lippen glänzten vor Fett, und von Zeit zu Zeit trank er einen Schluck schäumendes Bier. Vergnügter Stimmung war er und weltbewegenden Dingen aufgeschlossen wie immer bei einer fetten Mahlzeit; ja, das Herz wurde ihm weich, und er redete unablässig während des genüsslichen Kauens. Unter den buschigen, in der Mitte zusammengewachsenen Brauen blickten seine Augen mal hierhin, mal dorthin.

»Völlig überflüssig, sage ich euch … und das wird euch jeder vernünftige Mensch sagen, wenn er kein Lügner ist. Was nützt sie zum Beispiel einem Menschen mit Zahnschmerzen, ha? Oder einem, der schon zwei Tage nichts gegessen hat? Würdet ihr dem Madame Bovary zu lesen geben? Ihm Rembrandtgemälde zeigen? In Wirklichkeit ist die Kunst nur etwas für reiche Leute, die Snobs, die ihr Haus damit schmücken wie mit überflüssigem Mobiliar … Die anderen haben keinerlei Bedarf daran.« Perczik stach zum weiteren Beweis seine Gabel in die Luft.

Gordweil saß gesenkten Hauptes da und malte mit dem Bleistift mechanisch Blumenranken auf die Tischplatte, wischte sie von Zeit zu Zeit mit dem Finger ab und zeichnete von neuem. Percziks Kalbsbraten interessierte ihn nicht im Geringsten; er hatte heute schon zwei volle – und im Vergleich zu anderen Tagen könnte man sogar sagen: fette – Mahlzeiten zu sich genommen. Aber die gute Laune des anderen und seine Sorge um das Los der Kunst und die menschlichen Leiden reizten ihn, ihm eins auszuwischen.

»Warum faselst du so viel, Perczik? Du brauchst dich darum nicht zu sorgen … Wer Zahnweh hat, soll zum Zahnarzt gehen. Und die Kunst wird ebenfalls ohne dich auskommen. Gib mir lieber eine Zigarette.«

»Eine Zigarette?« Percziks Stimme sackte merklich ab. »Sofort.«

Er zog das Lederetui aus der Tasche, klappte es auf und hielt es Gordweil hin. Es enthielt nur eine einzige, zur Hälfte hohle Zigarette.

»Hier, das ist meine letzte«, sagte er, als flehe er um sein Leben.

»Nein«, winkte Gordweil ab, »die rauch du nur. Ruf dem Kellner, er soll gute bringen.«

Es blieb ihm keine Wahl. Braten und Bier verloren mit einem Schlag ihren Geschmack. So ist es immer, wenn man mit diesen Habenichtsen zusammenhockt, sinnierte Perczik verbittert. Man muss sie meiden wie die Pest.

Der Kellner öffnete eine volle Packung: »Zehn Khedives gefällig?«

»Nein, nein!«, wehrte Perczik ab, als habe man ihn aufs Schafott führen wollen. »Haben Sie Memphis? Ich mag Memphis … eine leichte, angenehme Zigarette … Geben Sie mir drei!«

Perczik bot Gordweil eine an und wollte das Etui einstecken.

»Und ich?«, fragte Ulrich lachend. »Ich rauche auch!«

»Seit wann rauchst denn du? Hast du doch sonst nicht getan …«

»Jetzt tu’ ich’s.«

»Nun, wenn du … Dann natürlich … mit Vergnügen …«

»Feuer, Perczik!«, forderte Gordweil.

»Ich habe keine Streichhölzer«, log Perczik rachelustig.

Ulrich strich ein Hölzchen an und gab Gordweil Feuer.

»Memphis!«, mokierte sich Gordweil. »Wer raucht denn heute noch Memphis?  … Es wird Zeit, Perczik, dass du Khedives rauchst. Bei hundert Dollar im Monat!«

»Wieso hundert Dollar?«, verteidigte sich Perczik. »Wer verdient hundert Dollar pro Monat? Ich bin froh, wenn ich auf dreißig komme. Alles Lug und Trug. Glaubt ihr, es ist so einfach, hundert Dollar im Monat zu verdienen?«

»Und trotzdem wirst du mir doch zwei Schilling borgen«, sagte Gordweil lächelnd, während er ihm gerade in die Augen blickte. Er wusste, dass seine Mühen vergeblich waren, wollte ihn aber zappeln sehen.

»Zwei Schilling?« Perczik hielt mitten im Kauen inne, wie vom Blitz getroffen. »Hab ich nicht. Ehrenwort, dass ich’s nicht habe. Es reicht gerade eben, den Kellner zu bezahlen  … Mir bleibt nicht einmal was, um es meiner Frau morgen für den Haushalt zu geben … Ich bin heute zu spät zur Bank gekommen … Muss morgen früh losrennen, die letzten fünf Dollar einwechseln …«

»Dann gib mir einen Schilling«, beharrte Gordweil.

Perczik ließ den Rest des Bratens auf dem Teller, schob ihn weg und schüttete ein volles Glas Bier in sich hinein. Die lassen einen nicht in Ruhe essen, diese  … diese  …, dachte er wütend. Er steckte die Hand in die Hosentasche, fingerte die großen Scheine aus dem Portemonnaie, ließ sie in der Tasche und förderte den Geldbeutel zutage, in dem nur noch eine klägliche Summe war.

»Zahlen, Johann!«, rief er aufgebracht.

Nachdem er die Rechnung beglichen hatte, blieb ihm wenig mehr als ein Schilling.

»Hier ist mein ganzes Geld.« Er zeigte Gordweil das Geld.

»Fein, fein! Leih mir den Schilling und behalt das Kleingeld für dich. Damit ist sowieso nichts anzufangen.«

»Brauchst du den Schilling denn unbedingt?«, versuchte Perczik sein Geld zu retten. »Oder kannst du bis morgen warten? Du wirst doch zugeben, dass ich nicht ohne einen Groschen nach Hause kommen kann. Morgen Abend, wenn du hier bist, bring ich dir den Schilling herzensgern … Ich brauche auch ein bisschen Geld für den Kleinen, der frühmorgens zur Schule geht. Ich kann das Kind unmöglich ohne alles wegschicken«, flehte Perczik. »Bis zum Mittag ohne einen Groschen!«

»Sei nicht stur, Perczik. Um dich brauch ich mir keine Sorgen zu machen. Du wirst morgen schon eine geschickte Lösung finden … Rück den Schilling raus!«

Gordweil nahm die Münze und betrachtete sie aufmerksam von beiden Seiten: »Man muss nachschauen, ob sie nicht gefälscht ist … Es sind jetzt viele falsche Schillinge in der Stadt in Umlauf …«

Perczik zündete sich eine Zigarette an und rauchte eine Weile schweigend, bemüht, seinen Zorn zu verbergen, was ihm nur halb gelang. Schließlich sagte er mit gekünstelter Freundlichkeit: »Weißt du, Gordweil, ich bin natürlich kein Ratgeber. Ich bin auf einem ganz anderen Gebiet Experte, wie du weißt.Trotzdem sehe ich mich verpflichtet, dir offen zu sagen, dass du auf all diese Dinge spucken solltest. Die Zeit der Hirngespinste ist vorbei … Wir sind doch keine achtzehnjährigen Jünglinge mehr, zum Teufel! Ich bin ja auch mal ein Müßiggänger gewesen, das weißt du gut, aber alles hat einmal ein Ende. Ein Jahr, zwei, fünf  – und fertig. Wie lange kann man Hunger leiden? Und vor allem: wozu? Kannst du mir das erklären, wozu? Lohnt sich nicht, sag ich dir. Erst muss der Magen zu seinem Recht kommen und danach alles Übrige. Meines Erachtens musst du dir irgendeine Stelle suchen. Das ist meine ehrliche Meinung. Man kann doch nicht ewig hungern … Was tun denn all die jungen Schriftsteller? Der eine dies und der andere das. Mir hat das Glück eine Stelle bei der Zeitung zugespielt – soll’s halt bei der Zeitung sein. Sie bezahlen nicht gut – aber besser als gar nichts … Und dabei kann der Mensch auch für sich selber arbeiten. Ich arbeite auch für mich selbst. Vor einer Woche erst habe ich eine große Erzählung abgeschlossen. Man kann arbeiten und wie!«

Gordweil hörte Percziks Worte, als säße dieser im Nebenraum. Seine Aufmerksamkeit war anderweitig abgelenkt. Gegenüber, drei Tische entfernt, hatte vor ein paar Minuten ein fremdes Mädchen Platz genommen. Sie legte zwei schwarze Leinenbände auf die Tischplatte, Bibliotheksbücher offenbar, bestellte Kaffee und ließ den Blick über die umsitzenden Gäste schweifen. Gordweil vermochte die Augen nicht von ihr zu lösen, spürte plötzlich eine vage Beklommenheit, wie man sie vor einem nahenden Unheil empfindet. Die äußere Erscheinung des Mädchens hatte allerdings nichts Fremdes an sich. Sie war weder besonders hübsch noch besonders hässlich: eine jener strohblonden, sommersprossigen jungen Wienerinnen, die man nach Arbeitsschluss zu Tausenden auf den Straßen und in den kleinen Cafés antraf. Aber auf Gordweil machte sie irgendwie einen besonderen Eindruck. Und als sie ihn mit ihren durchdringenden stahlblauen Augen fixierte, musste er den Blick abwenden.

Inzwischen hatte sich Perczik erhoben und verabschiedet.

Als er weg war, flüsterte Gordweil Ulrich zu: »Siehst du das Mädchen dort, am dritten Tisch links?«

»Seh ich. Und was ist mit ihr?«

»Was ist sie deines Erachtens?«

»Nichts. Ein Mädchen wie alle anderen.«

»Nein. Sie hat so was an sich, du merkst es nur nicht. So eine Wiener Tradition. Biedermeierzeit. Sieh mal den herrischen Zug in der unteren Gesichtshälfte. Ich würde sie zu gern kennenlernen.« Und einen Moment später fügte er zögernd hinzu: »Könntest du versuchen, dich ihr vorzustellen?«

»Nichts einfacher als das, du wirst gleich sehen.«

Das Mädchen spürte offenbar, dass man über sie sprach, denn sie blinzelte beim Kaffeetrinken von Zeit zu Zeit zu den beiden hinüber.

Ulrich stand auf, schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch, tat so, als gehe er woandershin, und stand mit einem Schlag vor ihr. Er verbeugte sich und sammelte alle ihm zu Gebote stehende Höflichkeit in seiner Stimme, als er sagte: »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, dass ich störe. Mein Freund würde gern Ihre Bekanntschaft machen. Wenn Sie gestatten, möchte ich ihn Ihnen vorstellen.«

Das Mädchen musterte erst Ulrich, dann den etwas entfernt sitzenden Gordweil. Die sachliche Direktheit gefiel ihr. Ihre bestimmten, strengen Gesichtszüge erweichten sich zum Anflug eines Lächelns, und sie sagte nur: »Gut.«

Auf den Wink seines Freundes kam Gordweil heran. Er bemühte sich um Selbstsicherheit, verlor jedoch gerade durch diese Anstrengung völlig das innere Gleichgewicht, so dass sein Auftreten etwas Lächerliches, Unnatürliches bekam.

Ulrich stellte vor: »Herr Gordweil und Fräulein –«

»Baronin Thea von Tako.«

Die jungen Männer baten um Erlaubnis und setzten sich zu ihr an den Tisch. Gordweil empfand sofort einen Druck im Innern. Man musste etwas sagen, nur wollte ihm momentan partout nichts einfallen. Mit einem Mal war er so verlegen wie ein Redner, dem plötzlich der Anfang seiner Rede entfallen ist. Auch Ulrich sagte komischerweise kein Wort. Das Schweigen wurde beklemmend, unangenehm. Schließlich raffte sich Gordweil auf. »Sie besuchen dieses Café nicht sehr häufig, nicht wahr?« Beim Sprechen schien es ihm, als klinge seine Stimme leiser als gewöhnlich, fast flüsternd, was ihn auf sich selbst wütend machte.

»Nein. Ich bin zufällig hereingekommen. En passant.«

Wieder entstand eine Pause.

Das Zappeln ihres neuen Bekannten blieb den Augen der Baronin nicht verborgen, und sie fand ein sonderbares, grausames Vergnügen daran. Doch Gordweils Hirn rang um Gesprächsstoff, lief auf Hochtouren, bis er etwas gefunden hatte. Er würde sie fragen, ob sie Studentin sei.

»Vielleicht möchten Sie noch einen Kaffee trinken, mein Fräulein?«, hörte er sich, tief erschrocken über diese merkwürdige Frage, selber sagen.

Zu seinem Glück lehnte die Baronin ab.

Pass doch auf, du Idiot!, beschimpfte er sich im Stillen. Du kannst ja nicht mal bezahlen.

Grundlose Traurigkeit wallte plötzlich in ihm auf, wodurch seine äußere Not etwas nachließ. Auf einmal meinte er die Baronin schon lange zu kennen.

»Wissen Sie, mein Fräulein«, sagte er und blickte ihr gerade ins Gesicht, »manchmal begegnet man einem Menschen und spürt sofort, dass einen schon eine feste, dauerhafte Beziehung mit ihm verbindet, gut oder schlecht, aber jedenfalls der Art, wie sie gewöhnlich erst nach vielen Jahren des Zusammenlebens entsteht. Der erste Teil ist in diesen Fällen schon vorher im Verborgenen vorübergegangen. Haben Sie das auch schon einmal erlebt? Zum Beispiel lernt man einen Menschen kennen und weiß auf Anhieb, dass man sich aus irgendeinem Grund an ihm rächen muss, oder man hat umgekehrt das Gefühl, diesem fremden Menschen, den man gerade zum ersten Mal im Leben gesehen hat, Dank zu schulden. Merkwürdig, nicht wahr?«

Die Baronin lauschte schweigend. In Gordweils Worten – nicht im Inhalt, sondern im Tonfall  – schwang eine unterdrückte Trauer mit, die unwissentlich von der Zuhörerin erkannt wurde. Diese völlige Ernsthaftigkeit führte einen Schritt auf das Wesen der Dinge zu, offenbarte eine Handbreit ihres Geheimnisses.

Gordweil wurde von einer verborgenen Kraft zum Reden angetrieben: »Und zuweilen trifft man erstmals auf einen Menschen, bei dem man instinktiv spürt, dass einem das bisschen Trauer, das die Seele zum Dasein braucht, allezeit von ihm über versteckte Kanäle zugeflossen ist, bis es ankam und aufgesogen wurde … Und diesem Menschen ist man dann untrennbar wie ein Schatten verbunden …«

Möglich, dass dem so sei, meinte die Baronin, während ihre Finger mechanisch in den Büchern blätterten. Solcherlei Dingen könne man nicht wirklich auf den Grund gehen. Aber bezüglich seines Ausspruchs, dass der Mensch Trauer zum Dasein brauche, sei sie nun völlig anderer Ansicht. Das sei eine individuelle Angelegenheit. Ja, offensichtlich brauche der Mensch noch nötiger ein wenig Freude. Allein die Freude erhalte ihn aufrecht. Sie selbst zumindest, lächelte die Baronin unter Entblößung starker Zähne, lebe nur von der Freude und für die Freude.

»Gewiss, gewiss«, pflichtete Gordweil eifrig bei, »das gilt natürlich nicht für alle Seelen gleichermaßen.«

Die Baronin sah auf ihre Armbanduhr. Sie schlug vor, noch ein wenig spazieren zu gehen. Also zahlten sie und gingen. Draußen verabschiedete sich Ulrich sofort. Er sei leider müde und müsse auch früh aufstehen.

Als sie allein waren, fragte die Baronin, wo Gordweil lebe. Sie selbst wohnte in der entgegengesetzten Richtung, in Währing, hinterm Gürtel.

Die Frühlingsluft war lau. Vom dunklen, gesprenkelten Himmel strömte sanfte, erfrischende Stille herab. Die sich zu dieser Stunde bereits leerenden Straßen sahen sauber gefegt aus. Die Großstadt schlummerte im orangefarbenen Licht der elektrischen Straßenlaternen ein. Ab und zu, in größeren Abständen, jagten noch Straßenbahnen vorbei wie jähes, alptraumhaftes Erwachen. Ein ferner Zug pfiff lange und dumpf. In der Phantasie blitzten für einen Augenblick weite Reisen durch eine lautlos atmende Nacht und fremde Millionenstädte auf.

Gordweil schritt klein und mager neben der ihn um Kopfeslänge überragenden Frau dahin. Sie gingen durch die Währinger Straße. Gordweil warf ab und zu einen Blick auf seine Begleiterin und dachte: Aufrecht und schön ist sie, aber sicher hart. Vermutlich wird sie den ihr Nahestehenden häufig wehtun. Er war in einen zugleich wunderbar angenehmen wie erschreckend unruhigen Seelenzustand eingetaucht. Das Mädchen strahlte etwas undefinierbar Bedrohliches auf ihn aus. Das war eine eigenartige neue Stimmung für Gordweil, obwohl er sicher war, schon einmal in einer ähnlichen Verfassung gewesen zu sein, womöglich in frühester Kindheit. Es spukten unterhalb seiner Gedächtnisschwelle sogar ein paar mit dieser Stimmung verbundene Ereignisse herum. Fast hätte er sie zu fassen gekriegt, aber sie versanken sofort wieder in den Tiefen seiner Seele, wie ein Fisch, der gelegentlich aus dem Wasser springt, aber augenblicklich wieder darin verschwindet, bevor man ihn noch richtig gesehen hat.

Er nahm den Hut ab, wobei er eine wild wachsende Tolle und eine gewölbte weiße Stirn freilegte.

»Als kleines Kind«, sagte er, als spräche er zu sich selbst, »habe ich mir die Welt als einen unendlich großen, aber löchrigen Sack vorgestellt, in dem die menschlichen Wesen sich abmühen, aufeinandertreten, sich ineinander verkeilen wie Krebse und trotzdem durch die Löcher irgendwohin fallen … Dieses Schauspiel hat mir oftmals in erschreckender Klarheit vor Augen gestanden. Dann ist mir sehr angst geworden. Eigenartigerweise habe ich mich gerade nachts, und vor allem in dunklen Nächten, beruhigt. Dann konnte ich mich in der Dunkelheit verstecken und fühlte mich völlig geschützt … Auch jetzt noch sind mir die finsteren, mondlosen Nächte lieber.«

»Man müsste einmal prüfen, ob Sie etwa mondsüchtig sind«, sagte die Baronin unter lautem, unerklärlichem Kichern. Ihr Lachen klang hohl, wie aus einem leeren Fass; Gordweil war ein bisschen gekränkt darüber.

»Nein«, erwiderte er sachlich, »ich bin nicht mondsüchtig.«

An den Gassenecken schlenderten die Huren, gemächlich mit den Handtaschen schlenkernd, die eine hierhin, die andere dorthin, und fixierten jeden männlichen Einzelgänger. Die Baronin warf ihnen einen flüchtig musternden Blick zu und machte eine unbestimmte Handbewegung. Sobald sie sich ein wenig von ihnen entfernt hatten, sagte sie plötzlich erregt: »Die hasse ich! Ich könnte sie umbringen! Ich vermag mir gar nicht vorzustellen, wie ein Mann mit denen in Berührung kommen kann. Solche Kerle sind zweifellos minderwertig …«

Das ist ein verdächtiger Hass, überlegte Gordweil, sagte aber nichts.

Inzwischen hatten sie die Volksoper erreicht, die schon geschlossen war und in Stille gehüllt dastand. Von hier war es nicht mehr weit bis zur Wohnung der Baronin. Sie gingen langsam mitten auf der Straße.

Gordweils Mund entfuhr zu seiner größten Verwunderung plötzlich der Satz: »Wissen Sie, mein Fräulein, ich spüre, dass wir zwei ein gutes Paar sind …«

»Möglich«, antwortete die Baronin lachend. »Ich habe nichts dagegen. Sie gefallen mir.«

Sie war stehengeblieben und schaute ihn nun von oben bis unten an, als sei er ein kleines Kind, das etwas Schlaues gesagt hat. Dann fuhr sie ihm mit der Hand durch den wirren Schopf: »Schönes Haar haben Sie, Herr Gordweil.«

Eine Hitzewelle überrollte sein Herz. Der Hut entglitt seinen Händen und fiel aufs Pflaster. Er beugte sich hinab, um ihn aufzuheben, ergriff dabei die Hand des Mädchens und küsste sie leidenschaftlich. Die Geküsste protestierte nicht. In diesem Augenblick schreckte eine Autohupe die beiden auf und verjagte sie auf den Gehsteig. Sie setzten ihren Weg fort. Das Überraschende an der Sache brachte Gordweil völlig um den Verstand. Er hätte mitten auf der Straße tanzen mögen. Jetzt würde er die ganze Nacht so mit ihr bummeln, überlegte er jubilierenden Herzens: Ab und zu setzen wir uns auf eine Bank, sie legt mir den Kopf auf die Schulter – sie ist hübsch, sehr hübsch! Und ich werde sie umarmen …

»Da sind wir«, sagte die Baronin und blieb vor einem fünfstöckigen Haus stehen. »Es ist spät. Morgen muss ich ins Büro gehen.«

Sie verabredeten sich für den folgenden Abend in einem anderen Café und verabschiedeten sich. Als von drinnen die schlurfenden Schritte und das Schlüsselgeklimper des Hausbesorgers zu hören waren, beugte die Baronin sich über Gordweil, küsste ihn hastig auf den Mund und entschwand im schwarzen Schlund des Toreingangs.

Gordweil verharrte wie angenagelt. Alles erschien ihm unwirklich. Seine Lippen brannten wie wund, und sein Hirn war völlig blockiert, bot keinen Platz mehr für den leisesten Gedanken. Das Herz klopfte wie ein Schmiedehammer in seinem Innern, pochte ihm in den Händen, in den Beinen, im Kopf, als habe es sich von seinem angestammten Platz gelöst. Vor einer Minute war etwas geschehen, etwas Wunderbares, Unglaubliches, nur vielleicht nicht ihm, sondern einem anderen außerhalb seiner selbst. Gordweil stand da, das Gesicht dem verschlossenen Tor zugewandt, ganz auf das Innere des Hauses ausgerichtet, in dem die Baronin verschwunden war. Er meinte ihre Schritte auf der Treppe zu hören. Lauschte lange und hörte sie beständig. Starrte nach oben und glaubte zu sehen, wie ein Licht in einem Zimmer des zweiten Stocks anging. Ja, das war gewiss ihr Zimmerfenster … Schließlich rührte er sich von der Stelle. Blieb aber nach wenigen Schritten erneut stehen. Blickte angestrengt zur nächsten Straße hinüber, als suche er etwas. Auf dem Schild, das an einer Mauer an der Ecke angebracht und von einer nahen Laterne beleuchtet war, las er unwillkürlich den Namen der Straße, las ihn ein-, zwei-, dreimal, ohne ihn zu registrieren. Ihm gegenüber stand ein Mann mit dem Rücken an die Mauer gelehnt. Der ist gewiss hungrig, schoss es ihm durch den Kopf.

Schließlich setzte er langsam und leicht schwankend seinen Weg fort und gelangte unmerklich in die Nußdorfer Straße. Aha, erinnerte er sich mit einem Schlag, das Währinger Viertel! Er war vorher durchs Währinger Viertel gelaufen! Es stand ja ausdrücklich auf dem Schild! Und sie, sie wohnte in der Schulgasse Nummer  12. Die Ba-ro-nin The-a von Ta-ko, Schulgasse 12. Nicht elf und nicht dreizehn, sondern haargenau zwölf. Sechs und sechs, fünf und sieben, acht und vier – immer zwölf. Thea von Tako, Rudolf von Tako, nein – von Gordweil … Baron Rudolf von Gordweil! Hahaha! Gordweil brach in schallendes Gelächter aus, wobei sein Geist etwas klarer wurde. Jetzt begann ein neuer Abschnitt, das spürte er. Dieser Abend war ein Wegzeichen. Eintausendfünfhundert Meilen bis hier. Haltepunkt. Und von da weiter. In seinem Innern erwachte der mächtige Drang, etwas zu  unternehmen, einen unbekannten Ort aufzusuchen, mit Menschen zu debattieren und sie zu besiegen, ihnen zu beweisen, dass alles gut und richtig war, ohne Fehl und Tadel, dass man sich von ganzer Seele freuen, freudig für jeden Atemzug danken musste und auch für die unermessliche Gabe, die dem ihrer gar nicht würdigen Menschen geschenkt worden war. Er wollte seinen Nächsten etwas von der überschäumenden Lebensfreude abgeben, die zu dieser Stunde sein gesamtes Wesen durchströmte.

Gordweil suchte seine Kleidung nach Zigaretten ab, förderte aber nichts zutage. Listig, diese Zigaretten, grinste er bei sich, manchmal spielen sie Verstecken mit einem. Stattdessen fand er  in einer seiner Jackentaschen den Schilling, dessen Vorhandensein er völlig vergessen hatte. Damit betrat er eine kleine Wirtschaft in der Währinger Straße und kaufte dem Kellner fünf Zigaretten ab. Es stellte sich jedoch heraus, dass seine Kehle vom Durst so trocken wie ein wohlangefachter Schmelzofen war und der Zigarettenrauch ihm daher höchst bitter schmeckte. Er bestellte also einen Krug Bier und setzte sich an einen Tisch.

Zu dieser späten Stunde waren nur noch wenige Gäste im Lokal. An einem Ecktisch saßen ein Mann und eine Frau, beide mit grauen Rucksäcken auf dem Rücken, die sie nicht erst abgenommen hatten. Sie tranken abwechselnd aus einem Glas, sehr ernst und ohne ein Wort zu sagen. Sie sind ehemüde, entschied Gordweil, haben das Reden schon aufgegeben. An seinem Tisch, in der Mitte der nicht sehr großen Gaststube, saßen zwei Männer jeder für sich vor wuchtigen Biergläsern. Der eine, Gordweil gegenüber, hockte wie versteinert da, den Kopf tief über das Glas vor sich gebeugt. Als Gordweil Platz nahm, hatte er ihn flüchtig angeblickt und die Augen gleich wieder auf sein Glas gerichtet, als sehe er darin ein wunderbares Schauspiel. In längeren Abständen nahm er wütend einen ordentlichen Schluck und senkte dann wieder den Kopf, ohne sich den Schaum von seinem wild sprießenden Schnauzbart zu wischen.

Das ist sicher ein armer Mensch, der aus Verzweiflung säuft, überlegte Gordweil mitfühlend. Er hatte Lust, ein Gespräch mit diesem Fremden anzufangen, ihm gut zuzureden und ihm das schwere Herz zu erleichtern. Seine eigene große Freude verstaute er in einem Winkel seiner Seele für später, wenn er wieder allein sein würde, wie ein kleines Kind, das Süßigkeiten aufspart und sich vorerst an ihrem Vorhandensein freut. Dann wieder wünschte Gordweil, der andere möge aufwachen, sich erregen, vom Stuhl aufspringen und ihn beschimpfen, wie man ein niedriges Wesen schmäht. Er war bereit, für die Wohltat zu zahlen, die ihm zuteil geworden und der er gewiss nicht würdig war. Er hob den Krug und setzte ihn absichtlich mit hartem Knall wieder ab. Sein Gegenüber regte sich nicht. Einige Sekunden verrannen auf der Pendeluhr an der Wand vor ihm. Es war vierzig Minuten nach Mitternacht. Der Mann und die Frau mit den Rucksäcken standen auf und gingen. Gordweil trank aus und schickte sich ebenfalls zum Gehen an. Doch nun sagte sein Gegenüber mit gleichgültiger, etwas heiserer Stimme, ohne den Kopf zu heben: »Sie, junger Herr, sind Sie schon verheiratet? Nein? Na, das hätte ich Ihnen gleich sagen können. Das erkenne ich auf den ersten Blick.« Er schwieg einen Moment und fuhr dann fort: »Nehmen Sie keine Frau, junger Herr … Das rate ich Ihnen. Solange die Frauen sich eines Mannes nicht sicher sind, sind sie nett und gefügig, man kann sie um den Finger wickeln. Hat man ihnen erst mal einen Ehering aufgesteckt, ist es vorbei. Augenblicklich schlagen sie mit den Hinterbeinen aus … und man ist ihnen gegenüber hilflos. Das ist ein Naturgesetz, junger Mann. Da hilft einem kein Verstand und kein gar nichts. Habe ich nicht recht?!«

»Es sind doch nicht alle Frauen gleich«, versuchte Gordweil einzuwerfen.

»Meinen Sie das wirklich? Nein, sage ich Ihnen, eine wie die andere.« Er genehmigte sich einen Schluck und versicherte: »Nein. Keinerlei Unterschied.«

»Schauen Sie mich doch an«, fügte er eine Minute später hinzu und deutete auf sein graues, aufgedunsenes Gesicht. »Nein, schauen Sie gut hin, aufmerksam. Nicht wahr, man kann doch unmöglich sagen, ich sei ein hässlicher Mann. Das würde Ihnen kein Mensch abnehmen. Und was ist mir passiert? Die erste, die selige Fritzl, war bloß die eine Hälfte. Da war ich noch das Schwein. Ein großes Schwein war ich, das sage ich Ihnen ganz offen. Aber auch sie, die Fritzl, hätte man keinem Hund verfüttert – das können Sie mir glauben. Sie hat zwei gehabt, Herrn Menzl von der Eisenbahn und den Spengler Poldi – zwei Liebhaber sind nicht viel. Wirklich nicht. Und dann komme ich achtzehn vom Italienfeldzug zurück, und sie ist schon tot. Eine gute Seele war sie, die Fritzl, aber auch ein großes Luder. Da kann man nichts sagen. Friede ihrer Asche. Na schön. Ich habe mir also Gustl genommen. – Trinken Sie noch eins, Herr Doktor, das geht auf meine Rechnung. Nein, Sie müssen noch eins trinken. Schurl, bringen Sie dem Herrn Doktor noch eins.  – Und nun kommt also Gustl. ›Gustl‹, sag ich zu ihr, ›jetzt aber fertig, aus! Punktum! Hier hast du’s mit mir zu tun. Lass dir das gesagt sein. Ich kenn mich aus … Männer existieren von nun an für dich nicht mehr – Schluss! Kein einziger! Denn wenn man mit einem anfängt, werden’s doch gleich zwei, drei, fünf – und die Sache nimmt kein Ende. Also Schluss damit!‹ So hab ich zu ihr gesagt, nicht wahr? Und was glauben Sie, Herr Doktor? Ich will ein Lump sein, wenns was gefruchtet hat.«

Gordweil war müde geworden. Er hatte noch einen weiten Heimweg. Aber sein Gesprächspartner interessierte ihn irgendwie.

Der redete weiter und fixierte Gordweil mit seinen schon stumpfen, glasigen Augen: »Sehen Sie, Herr Doktor, Sie sind doch ein kluger Mensch – das habe ich sofort erkannt. Dem Heidelberger Franzl macht man kein X für ein U vor. Ich sage Ihnen also, Sie werden mich doch verstehen: Eine Frau, die erst mal herumgefummelt hat, ist bei mir erledigt. Ein oder zwei Abreibungen richten da nichts aus. Und wenn der Heidelberger Franzl seinen Stempel hinterlässt, spürt man das einen Monat und zehn Tage – das können Sie mir glauben! Aber Skandale in der Öffentlichkeit – das nicht. Der Heidelberger Franzl kommt nicht in die Zeitung, lassen Sie sich das gesagt sein! Der Mensch ist kein Schwein, und Ordnung muss sein.«

Die Gäste hatten sich bereits einer nach dem anderen davongemacht. Der Kellner erschien mit einem Besen und stellte die Stühle mit den Beinen nach oben auf die Tische. Jemand gähnte lauthals. Die öde Stille nach dem Schließen begann bereits den Saal zu erobern. Gordweil erhob sich.

»Ich sehe, Sie haben keine Muße«, sagte der Heidelberger Franzl, »warten Sie, ich gehe mit.«

Draußen fuhr er fort: »Sie wohnen doch auch in Haus Nummer siebzehn in der Liechtensteinstraße, nicht? Ich habe Sie dort mehrmals gesehen.«

Nein, er suche nur gelegentlich den Schuhmacher Rubicek auf.

»Ach so! Aber Sie sind doch Student, Herr Doktor. Das habe ich gleich erkannt. Ich habe ein Auge dafür. Na, ich sehe, Sie haben’s eilig – es war mir eine Ehre, Herr Doktor. Hat mich sehr gefreut. Ich unterhalte mich herzensgern mit einem klugen Mann. Wenn Sie mal bei Rubicek sind, springen Sie zu mir rauf. Heidelberger Franzl ist Ihr Bruder.«

Gordweil ging in Richtung Schottentor davon. Er schleppte sich langsam des Weges, war müde. Der vergangene Tag erschien ihm so lang wie eine ganze Woche. Doch unter seiner enormen Müdigkeit flackerte große Freude. Er wagte nicht, sich Einzelheiten des beglückenden Ereignisses zurückzurufen  – jetzt, da seine Sinne vor Müdigkeit und Trunk stumpf waren. Als er nach zwei Uhr heimkam, sank er wie ein Toter aufs Bett und schlief augenblicklich ein.

4.

Am nächsten Morgen wachte Gordweil um zehn Uhr auf, und sogleich wusch ihm eine Welle des Wohlbefindens das Gesicht. Er hatte gut geschlafen, fühlte sich frisch und beschwingt.