Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein langer, letzter Sommer, bevor der Ernst des Lebens beginnt … Die junge Minna ist noch nicht bereit, ihr sorgloses Leben ohne Verpflichtungen aufzugeben. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Eddy macht sie London unsicher und lernt dabei andere faszinierende Nachtschwärmer kennen: Jay, der Theaterstücke schreiben will, es bisher aber nur zu Postkartensprüchen gebracht hat; Lou Lou mit den dunkelrosa Haaren und der Vorliebe für trockene Martinis; und Casey – ach, Casey, der Abenteurer mit seinen umwerfend grünen Augen ... Alles könnte so leicht und unbeschwert sein, wenn Minna nicht ausgerechnet jetzt ihr Herz verlieren würde … und zwar zu ihrer allergrößten Überraschung an Eddy! Natürlich darf man eine lebenslange Freundschaft nie, nie, nie für so etwas flirrendes wie einen Sommerflirt riskieren. Oder vielleicht doch? So bittersüß wie ein eisgekühltes Glas Campari Orange – für alle Fans der Bestseller von Taylor Jenkins Reid und Emily Henry.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Über dieses Buch:
Die junge Minna ist noch nicht bereit, ihr sorgloses Leben ohne Verpflichtungen aufzugeben. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Eddy macht sie London unsicher und lernt dabei andere faszinierende Nachtschwärmer kennen: Jay, der Theaterstücke schreiben will, es bisher aber nur zu Postkartensprüchen gebracht hat; Lou Lou mit den dunkelrosa Haaren und der Vorliebe für trockene Martinis; und Casey – ach, Casey, der Abenteurer mit seinen umwerfend grünen Augen ... Alles könnte so leicht und unbeschwert sein, wenn Minna nicht ausgerechnet jetzt ihr Herz verlieren würde … und zwar zu ihrer allergrößten Überraschung an Eddy! Natürlich darf man eine lebenslange Freundschaft nie, nie, nie für so etwas flirrendes wie einen Sommerflirt riskieren. Oder vielleicht doch?
Über die Autorin:
Tania Kindersley, Jahrgang 1967, studierte in Oxford Geschichte und lebte lange Zeit in London, bis sie sich aus der hektischen Metropole zurückzog und ihr Glück in Schottland fand. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht und arbeitet heute unter anderem als Schreibcoach.
Mehr Informationen über Tania Kindersley finden Sie auf ihrer Website: taniakindersley.com
Bei dotbooks veröffentlichte Tania Kindersley ihre Romane »Und morgen geht das Leben weiter«, »Als das Glück uns trotzdem fand«, »Ein Rezept zum Glücklichsein«, »Zwei Schwestern von allerbestem Ruf«, »Ein Kuss in aller Unschuld«, »Die Oxford-Freundinnen« und »Eine Sommerliebe in Notting Hill«.
***
eBook-Neuausgabe August 2021, Januar 2025
Dieser Roman erschien 2021 unter dem Titel "Eine englische Sommerliebe" bei dotbooks.
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1992 unter dem Originaltitel »Here for the Season« bei Bantam Press, a divison of Transworld Publishers Ltd., London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Männer gut, alles gut« bei Lübbe.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1992 Tania Kindersley
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1995 Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach
Copyright © der Neuausgabe 2021, 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von Ziyan / Adobe Stock sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96655-616-3
***
dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
***
Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.instagram.com/dotbooks
blog.dotbooks.de/
Tania Kindersley
Our Last Summer
Roman
Aus dem Englischen von Katrine von Hutten
dotbooks.
Alle fuhren sie weg in diesem Sommer. Sie wälzten Atlanten, sagten sämtliche Verpflichtungen ab, und einer nach dem anderen machte sich auf und zog in die Welt, im Gepäck nur ein paar Kleidungsstücke, den Paß und eine unbezähmbare Lust auf Abenteuer. Man jettete durch die Welt, Reisen war in, jeder sprach von nichts anderem, und je exotischer, desto besser. Ecuador, Bali, Nepal, Java, der Indische Ozean, die Elfenbeinküste, möglichst weit weg von den ausgetretenen Pfaden. Exotisches war schwer im Kommen, und jeder, der auf sich hielt, stürzte sich darauf. »Darling«, riefen sie aufgeregt mitten in ihren endlosen Telefonaten, »ich muß jetzt los, nach Ulan Bator, du weißt schon!« Irgend jemand hatte Somerset Maugham gelesen, und plötzlich war der Südpazifik absolut en vogue und in der Vogue: Atolle und Archipele schwirrten einem um die Ohren, Worte, wie Vanuatu und Espíritu Santo, Ile des Pins und Kiribati und Lord Howe Island. Die Unerschrockenen bewaffneten sich mit eselsohrigen Exemplaren von »Silbermond und Kupfermünze«, bestiegen ihr Flugzeug, winkten fröhlich zum Abschied und versprachen, eine Ansichtskarte zu schicken.
Minna blieb allein in Chelsea zurück, ohne ein bestimmtes Reiseziel. Sie hatte noch nie viel übrig gehabt für Reisen, schon gar nicht für solche Abenteuerreisen, mit den schrecklichen Insektenstichen, Wasserabkochen und im Badezimmer Küchenschaben so groß wie Möweneier, die anscheinend jeder so amüsant fand. Sie beharrte darauf, im Grunde ihres Herzens ein altmodisches Mädchen zu sein. Ihre Vorstellung von einem Urlaub war das Hotel du Cap mit Zimmerservice rund um die Uhr und Manhattan bei Sonnenuntergang. Aber offensichtlich hielt das heutzutage jeder für einen alten Hut, daran konnte nur der etwas finden, der zuviel Geld hatte und es nicht anders gewöhnt war. Also schüttelte Minna den Kopf, blieb bei ihrer Meinung und schlug höflich alle Einladungen auf die Weihnachtsinseln ab, mochte man sie auch noch so drängen. »Nur vier Städte auf der ganzen Insel, du kannst dir nicht vorstellen, wie die heißen, Poland, France, London und Banana, der reine Wahnsinn. Ach, komm doch mit.« Minna fand das zwar recht witzig, aber nicht witzig genug, um mitzukommen, und behauptete, sie hätte ihren Paß verloren, was auch beinahe stimmte. Außerdem blieb sie gern in London, das so schön war bei Sonnenschein.
Im Frühling war der Regen gekommen. Heftige Schauer im April und Gewitter im Mai hatten die Straßen herausgeputzt für den Juni, der strahlend und verheißungsvoll begann. Der Verkehr brach fast zusammen, in den Straßen quetschten sich vergnügungssüchtige Autofahrer mit heruntergelassenem Verdeck und aufgedrehter Musik. Die Leute strömten aus ihren Wohnungen, als gäbe es irgendwo eine riesige Party, sie liefen mit beschwingten Schritten durch die Straßen, endlich befreit von der Last der schweren Winterkleidung, und in den Gesichtern lösten sich die starren Züge, mit denen sie der Kälte getrotzt hatten. Ladenbesitzer aus wärmeren Ländern standen in den Türen und genossen die Sonne auf ihrer Haut. Die Mädchen steckten sich die Haare hoch, kürzten die Röcke und störten sich nicht daran, daß man auf ihre Beine starrte. Bei den Restaurants und Cafés wurden Tische nach draußen gestellt, und alle Welt saß herum, trank bitteren Espresso und schaute dem bunten Treiben zu. Es war Sommer, und es tat sich was in der Stadt.
Minna war voller Unruhe. Das war sie immer um diese Jahreszeit. Es passierte alles im Sommer, das war schon immer so gewesen. Aber jetzt waren alle weg, und keiner war da, mit dem sie ihre Unruhe teilen konnte. Wenn sie einen Hund gehabt hätte, wäre sie mit ihm spazierengegangen. Wenn sie einen Hund gehabt hätte, dann hätte sie ihn nach einem der Marx-Brothers nennen und sich darüber lustig machen können. Sie kannte ein paar Mädchen, die ihre reinrassigen Windhunde »Taxi« oder »Halt-den-Dieb« nannten, was im allgemeinen für ziemlich witzig gehalten wurde. Minna war gar nicht so sicher, ob sie das besonders witzig fand. Vielleicht war das ja der Grund, warum sie sich nie einen Hund zugelegt hatte. Also schied diese Möglichkeit aus, und die Unruhe steckte noch immer in ihr. Hätte sie ein Auto gehabt, dann hätte sie das Verdeck abgenommen, wäre durch den Park gefahren und hätte den Jungs nachgeschaut. Aber sie hatte nie Autofahren gelernt.
»Tja, meine Liebe«, sagte sie und musterte sich aufmerksam im Spiegel, »was bist du doch für ein nutzloses Geschöpf.«
Sie wanderte ziellos durch die Wohnung, von einem unordentlichen Zimmer ins nächste, und pfiff dabei eine kleine Melodie, die, soweit sie sich erinnern konnte, aus den sechziger Jahren stammte und »Sophisticated Boom Boom« hieß. »Sophisticated Boom Boom«, sagte sie. »Also wirklich. Was fällt denen wohl noch alles ein?« Dann legte sie Musik auf und tanzte ein bißchen. Irgend jemand hatte ihr einmal gesagt, sie habe anmutige Arme. »Beachten Sie die graziösen Arme«, sagte sie und vollführte eine nicht sehr gelungene Arabeske. Dann begann sie einen Brief an jemanden, der gerade in Rom war. Gelangweilt gab sie mittendrin auf und zerriß ihn.
»Das Schreiben ist nur ein Ersatz fürs Leben«, sagte sie entschlossen zu ihrem Spiegelbild. Es lächelte sie traurig an, mit einer Lebensklugheit, die sein jugendliches Aussehen nicht vermuten ließ. »Jetzt laß dich nicht hängen«, sagte Minna mit noch größerer Entschiedenheit. »Wir gehen jetzt los und suchen uns jemanden, in den wir uns verlieben können.« Also machte sie sich auf die Suche.
Als Minna dort ankam, war es schon Zeit zum Mittagessen. Sie gab dem Taxifahrer ein Riesentrinkgeld und malte sich die Lippen an. »Ah«, rief sie und atmete tief durch, »das ist schon besser.«
Im strahlenden Sonnenschein drängten sich wahre Massen von Menschen. Touristen versuchten sich betont unauffällig mit Hilfe des Stadtplanes zurechtzufinden und gaben ihr Bestes, um einheimisch auszusehen. Offensichtlich hatten sie reichlich Schauermärchen über das widerliche englische Wetter gehört und sich mit Schirmen und Regenmänteln bewaffnet, die besonders Eifrigen trugen sogar Gummistiefel. Sie hatten keine Ahnung, daß gerade ihre Burberies sie mit tödlicher Sicherheit verrieten. Bauarbeiter lehnten sich faul auf ihre Schaufeln, blinzelten in die Sonne, zogen genüßlich an ihren selbstgedrehten Zigaretten und warteten, daß hübsche Mädchen vorbeikamen. Und hübsche Mädchen kamen vorbei, auf dem Weg zu Proben oder Konferenzen oder zum Mittagessen, und sie gaben sich nicht gerade allzu große Mühe, die Pfiffe, die ihnen galten, zu überhören. Typen aus der Medienbranche schlenderten mit wichtiger Miene die Straßen entlang, unverkennbar in ihrer Sommerkluft aus Jeans, weißem T-Shirt und Baseballstiefeln, dicke Stapel der Variety oder der Screen unter den Arm geklemmt. An den Straßenecken standen Spieler in Gruppen zusammen, bereit, in die Wettbüros zu stürzen, den Sportteil der Zeitungen aufgeschlagen vor sich und in ernsthafte Diskussionen über die Aussichten beim Halbvieruhr-Rennen in Newmarket vertieft. Topmodische Gestalten eilten in ihren leichten Zweireihern vorbei, sportliche Alu-Aktenköfferchen in der Hand, die Haare straff zurückgekämmt und auf dem Weg, eine Million zu machen. Vor den Clubs stellten sich Berühmtheiten und solche, die’s gern wären, zur Schau, tauschten Telefonnummern aus, verabredeten sich zum Essen und erörterten die schrecklich wichtige Frage, ob Filofaxe schon passé seien. In den Restaurants und Bars träumten Möchtegern-Künstler davon, entdeckt zu werden. Ein Stück weiter tranken sich die wahren Lebenskünstler wie eh und je in schummrigen Hinterzimmern gemächlich einen an. Minna freute sich und genoß das alles: Soho war ihr tausendmal lieber als die Weihnachtsinseln, und ihr war piepegal, was die anderen davon hielten.
Eddy öffnete die Wohnungstür in Jeans und einem zerknitterten Hemd, das in den Sechzigern als Seide durchgegangen wäre. Manche Dinge ändern sich nie, stellte Minna zufrieden fest.
»Hallo«, sagte er, kein bißchen überrascht.
»Ja, hallo«, flötete Minna und dehnte leicht die letzte Silbe, so daß es etwas anzüglich klang. »Stör ich? Oder hast du grad zu tun?« Sie lächelte ihn scheinheilig an.
»Wofür hältst du mich?« erwiderte er und stieß die Türe auf. »Alle Mann hereinspaziert.«
»Sei nicht albern«, sagte Minna und ging hinter ihm die Treppe hoch. »Ich kam nur grad hier vorbei«, fügte sie beiläufig hinzu, als wär’s das Natürlichste der Welt, eine pure Laune, ein Spiel des Zufalls. »Und da habe ich deine Karte mit der neuen Adresse in meiner Tasche gefunden und dachte, ich schau einfach mal vorbei und guck, was der liebe Eddy so treibt.«
»Ach nee«, sagte Eddy. In seinem ganzen Leben hatte er noch keine Karte mit einer neuen Adresse verschickt. »Ich treibe gar nichts, da muß ich dich leider enttäuschen. Hier hausen Jim und ich, immer noch unzertrennlich nach so vielen Jahren.« Er zeigte auf den Plattenspieler, auf dem die Nadel in der letzten Rille vor sich hin lispelte.
»Stimmt ja«, erinnerte sich Minna. »Jim lebt ja noch. Laß dich nur nicht stören.« Sie starrte demonstrativ auf die Plattensammlung. »Schon klar, im Grunde deines Herzens bist du noch immer der alte Rocker.«
Eddy ignorierte diese Beleidigung, so wie er Minnas Beleidigungen schon immer ignoriert hatte. Früher hatte er darauf gesetzt, daß sie schon von alleine aufgeben würde, wenn er einfach nicht darauf reagierte. Aber offensichtlich war das ein Trugschluß gewesen.
»Bitte«, sagte er, ganz der perfekte Gastgeber. »Hier ist ein Bier, wenn du eins möchtest.«
»Ein Bier wäre wunderbar«, willigte Minna unbekümmert ein. »Schön hast du’s hier«, fügte sie mit gespielter Höflichkeit hinzu und sah sich neugierig um. Das Zimmer war lang und niedrig und leer. In einer Ecke stand ein Empire-Bett von der Sorte, die die Franzosen wohl als Diwan bezeichnet hätten, in der anderen Ecke ein vom ständigen Gebrauch blankpoliertes Saxophon und ein Stereoturm mit supermoderner Technik, alles in mattem Schwarz. Es gab außerdem ein paar von jenen Stühlen mit zierlichen, goldfarbenen Beinen, auf denen Witwen oder Mauerblümchen in Tanzsälen zu hocken pflegten, und einen großen Seemannskoffer, aus dem ungebügelte Hosen und Hemden in allen Farben quollen. Das war alles.
»Hast du deine Möbel eingelagert?« fragte Minna spitz. »Oder sitzt man jetzt auf dem Boden und jammert den verlorenen Sechzigern nach?«
»Minimalismus nennt man das jetzt«, entgegnete Eddy herablassend. »Es heißt, das ist jetzt in.« Dann lachte er plötzlich auf und präsentierte mit einer weit ausholenden Armbewegung sein Zimmer. »Findest du es nicht einfach umwerfend?«
»Klar, absolut umwerfend«, sagte Minna und dachte für einen Moment sehnsüchtig an ihr Haus in Chelsea, das vor Krempel überquoll. Aber Eddy hatte nie Wert darauf gelegt, irgendwelche Dinge zu besitzen. Er sagte immer, er bekäme davon Ausschlag. Solange er ein Bett zum Schlafen, ein paar Klamotten am Leib und sein Saxophon hatte, war er glücklich. So war er, und er sah keinen Grund, sich zu ändern. Früher hatte Minna geglaubt, das sei nichts als Faulheit, später hielt sie es für Affektiertheit, aber offenbar war es wirklich sein Naturell. »Vielen, vielen Dank«, sagte sie, als er ihr eine Flasche Bier reichte und sie auf den Balkon führte, auf dem gerade mal zwei Stühle und ein vertrockneter Rosenstock Platz hatten.
Minna setzte sich, noch immer ein bißchen befangen, und versuchte, irgendwo ihre Beine unterzubringen. Sie nahm ihr Bier, trank einen Schluck und grinste. Eddy verfolgte ihre Bemühungen, es sich bequem zu machen, und fragte sich, warum sie wohl nach so langer Zeit bei ihm aufgekreuzt war. Typisch Minna, ohne Vorwarnung, ohne Anruf einfach zu erscheinen, sich auf seinen Balkon zu setzen, sein Bier zu trinken, ihn anzulachen und weder eine Erklärung abzugeben noch irgendwelche Fragen zu erwarten. Er würde sie sowieso nichts fragen, das war vorbei. Er war der Meinung, über das Alter hinaus zu sein, wo man noch neugierig ist, außerdem erinnerte er sich, daß sie Fragen nicht besonders mochte, und er beschloß, nachsichtig mit ihr zu sein. Also grinste er zurück und wartete ab. Es gab keinen Grund zur Eile.
»Das ist wirklich toll«, sagte sie plötzlich und zusammenhanglos, wie es ihre Art war. Sie blickte auf die Straße hinunter. »Du kannst ja die Schlange vor Ronnie Scott’s sehen, du Glücklicher.«
»Das hat der Immobilienmakler auch gesagt. Mit allem Komfort und ein Zimmer mit Aussicht.«
»Was kann man mehr verlangen?« frage Minna zerstreut. »Und was treibst du, wenn du nicht die Schlange vor Ronnie Scott’s anguckst? Schreibst du immer noch deine Lieder?« Sie fragte sich, welcher masochistische Anflug Eddy dazu gebracht hatte, genau über dem Nachtcafé zu wohnen, das ihm nie die Chance gegeben hatte, dort zu spielen.
»Ich schreib immer noch meine Lieder«, bestätigte Eddy ohne große Begeisterung. Immer noch die gleichen alten Songs, das Drehen im Kreise, in der Hoffnung auf den großen Durchbruch und auf Ruhm und Erfolg - genau wie tausend andere, die hoffen und warten. Und was gab’s sonst an Neuigkeiten? Manchmal hatte er sich gewünscht, er könnte mal etwas anderes sagen, aber dafür war es wohl ein bißchen zu spät. »Sonst gibt’s nichts Neues zu berichten.«
»Nichts Neues zu berichten«, äffte Minna ihn unbarmherzig nach. »Was bist du bloß für ein Schlappsack. Du und dein Seemannskoffer und dein Saxophon. Und ich habe mich darauf verlassen, daß du mir alle scharfen Storys von Soho brühwarm servierst.« Sie rollte das »r« ein wenig zur Steigerung der Dramatik.
Eddy war nicht zu beeindrucken. »Es gibt nichts Neues«, wiederholte er.
»Wie bitte?« fragte Minna und zog ihre Augenbrauen ungläubig in die Höhe. »Keine Skandale? Keine Schlägereien um Frauen? Kein Falschgeld im Umlauf? Keine gebrochenen Herzen und kein ruinierter Ruf? Keine Ehemänner mit der falschen Frau im Bett erwischt? Wie hältst du das bloß aus?« Minnas Vorstellung vom wahren Leben war immer mit einem dicken Ausrufezeichen versehen, das machte es interessanter. Als ungenierte Leserin aller Klatschspalten wußte sie genau, daß hinter verschlossenen Türen schmutzige Geschäfte beschlossen und ruchlose Praktiken ausgeübt wurden und jede Menge unaussprechlicher Dinge vor sich gingen. Eddy hingegen las nur Flugblätter und Musikzeitschriften, was konnte er da schon wissen?
»Ich komm schon klar«, sagte er.
»Du kommst klar?« wiederholte Minna schockiert. »Was heißt das, du kommst klar? Klarkommen. Das hört sich ja furchtbar an. Ich habe total auf dich gezählt. Es ist Juni. Alle sind weg.«
»Alle?« fragte Eddy leicht skeptisch.
»Alle«, behauptete Minna unerschütterlich. »Ich wollte schon alte Schulfreunde anrufen«, fügte sie hinzu. Sie wußte, daß ihn das aus der Ruhe bringen würde. Dabei hatte sie überhaupt keine alten Schulfreunde.
»Ist es so schlimm?« fragte Eddy mit noch größeren Bedenken.
»Ja, so schlimm«, klagte Minna, »was soll man denn machen als Frau? Wie lernt man denn Leute kennen? Du mußt das doch wissen.«
»Keine Ahnung«, meinte Eddy. »Wahrscheinlich habe ich das mal gewußt, aber ich hab’s wieder vergessen. Ist zu lang her.«
»So lang her und so weit weg«, sagte Minna. »Und dann bist du offenbar in Schwermut versunken. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, trübsinnig zu werden. Es ist Sommer, die Sonne scheint.«
»Von Jahreszeiten läßt sich das Alter nicht beeindrucken.«
»Was für ein alter, alter Mann«, sagte Minna und lachte ihn aus. Sie hatte sich schon immer lustig über ihn gemacht, soweit Eddy zurückdenken konnte, seit ihrem zwölften Lebensjahr, als sie mit jugendlicher Unbekümmertheit begriffen hatte, wo’s langgeht. »Soll ich dir zu Weihnachten ein Paar Krücken schenken? Ich kann mir vorstellen, daß du die brauchst, wenn’s kalt wird und dich die Gicht plagt. Oder war’s Arthritis? Ich weiß es nicht mehr so genau.«
»Deinen Spott brauche ich wirklich nicht«, sagte Eddy würdevoll.
»Und ob du ihn brauchst«, sagte Minna aufrichtig. »Die Leute haben dich immer viel zu ernst genommen, solange ich mich erinnern kann. Vielleicht liegt’s an deinem strengen Äußeren oder an deiner Größe oder sonst was. Auf jeden Fall ist das nichts für einen jungen Mann wie dich.«
»Aber ich bin nun mal ein absolut ernsthafter Typ«, sagte Eddy vollkommen überzeugt. Und sogar Minna mußte zugeben, daß er schon immer ein grundehrlicher Mensch gewesen war.
»Quatsch«, sagte sie mit besorgniserregendem Mangel an Höflichkeit. »Lädst du mich zum Essen ein?« fügte sie hinzu und wechselte blitzschnell das Thema. »Ich habe heut Geburtstag.« Wie merkwürdig, es war tatsächlich ihr Geburtstag, aber sie hatte das völlig vergessen. In ihrem Alter konnte sie es sich noch leisten, Geburtstage zu vergessen.
»Ich bin zu alt und zu müde für Geburtstage«, erwiderte Eddy.
Minna schüttelte nur den Kopf, ohne im geringsten beteiligt zu sein. »Da haben wir’s ja«, sagte sie tadelnd. »Jetzt wirst du schon wieder trübsinnig. Sind das die Wechseljahre, oder hast du heute mittag zu scharf gegessen?«
»Es ist ein Scheißjob«, meinte Eddy und gab sich geschlagen, »aber irgendeiner muß ihn halt machen.«
»Ich hatte schon fast vergessen, was für ein Philosoph du doch bist«, gab Minna spöttisch zurück. Der Typ war wirklich ziemlich abgefahren. Sie führte das auf eine Überdosis Nihilismus in der Kindheit zurück. »Sei so nett und zünd mir ’ne Zigarette an.«
Eddy war überrascht. Das stand nicht im Drehbuch. »Was soll das denn?« fragte er. »Machst du jetzt auf Ava Gardner?«
Minna war begeistert, daß er geschaltet hatte. »Das ist wahre Vornehmheit«, sagte sie so blasiert wie möglich. »Nimm es bitte zur Kenntnis. Das ist mein neues Ich, wie findest du es? Man beachte das kleine Schwarze, das ist einfach ein absolutes Muß, siehe Jackie Onassis und Holly Golightly. Oder findest du es ein bißchen übertrieben für tagsüber?« setzte sie mit leisem Zweifel hinzu.
Für Eddy, der in den letzten Jahren nur den Melody Maker, nicht aber die Vogue gelesen hatte, handelte es sich nur um ein schwarzes Kleid, und zwar um ein sehr kurzes.
»Absolut bezaubernd«, sagte er. »Und zu altmodisch für dich.«
»Genau«, sagte Minna begeistert und bewunderte ihre langen, gut geformten Beine. Eddy nahm sie auch zur Kenntnis, ließ sich aber nichts anmerken. »Also gut«, sagte sie und beendete den Versuch, ihn in Cary Grant verwandeln zu wollen. Ohne Groll zündete sie sich ihre Zigarette selbst an. »Gehst du nun mit mir essen?«
Eddy kannte sie zu gut, um noch überrascht zu sein. »So lange im voraus plane ich nie«, lenkte er ein. »Trink noch ein Bier.«
»Mach für mich mal ‘ne Ausnahme«, drängte Minna, die daran gewöhnt war, daß man es für sie tat. »Warum willst du nicht mal was riskieren, es handelt sich doch nur um ein Essen.«
»Es handelt sich niemals nur um ein Essen«, entgegnete Eddy. Er hatte ein komisches Gefühl, wußte aber nicht genau, weshalb. Vielleicht lag es ja an dem schwarzen Zeug, das sie anhatte. Ihm war klar, daß all seine Ausflüchte bei ihr nicht fruchten würden.
Minna sah ihm direkt in die Augen. Das war also ihr neues vornehmes Ich, das Männer in Verlegenheit stürzte.
»Also?« fragte sie unbeugsam nach. Es handelt sich niemals nur um ein Essen.
Die Frage hing schwer im Raum. Eddy zog eine Packung der starken französischen Zigaretten aus der Tasche, die er mit Vorliebe rauchte, fischte eine heraus, zündete sie umständlich an, nahm einen scharfen Zug, kostete den scheußlichen Geschmack und fragte sich, warum er sich eigentlich so anstellte.
»Also was?« fragte er schließlich und runzelte die Stirn.
»Viel zu sehr Jean Paul Belmondo«, sagte Minna und kniff genau wie er die Augen zusammen. »Soll ich jetzt Jean Seberg spielen? Also, Essen«, fügte sie geduldig hinzu, als würde sie ihm die Worte aus dem Griechischen übersetzen.
»Trink noch ein Bier und hör auf, mich zu nerven«, sagte Eddy noch sanfter als zuvor.
»Es ist sowieso nur deine Schuld«, sagte Minna, nicht im entferntesten gekränkt. Sie ging in die Küche, um noch ein Bier zu holen.
»Meine Schuld?« fragte Eddy verdutzt. Jetzt blickte er überhaupt nicht mehr durch. »Wieso? Was hab ich denn gemacht?«
»Deine ewige Bevormundung, als ich noch nicht alt genug war, um durchzublicken. Deine ständige Sorge, daß ich zu lang ausging und in die falschen Lokale und mit den falschen Leuten. Und dann das Theater, wenn ich es mal tat.« Minna hatte damals ein besonderes Talent, sich erwischen zu lassen, und lief, wenn sie morgens um sechs, sieben oder acht im Ausgehfummel nach Hause kam, unvermeidlich Eddy über den Weg, der gerade aufgestanden war. Er kam ihr meist auf der Straße entgegen, oder er tauchte aus irgendeinem Hauseingang auf, oder er sprang von einem Bus, oder er stieg aus einem Taxi, das mit kreischenden Bremsen anhielt, hakte sich bei ihr unter und begleitete sie den Rest des Weges nach Hause, kochte ihr starken Kaffee und hielt ihr einen Vortrag darüber, wie verwerflich es sei, sich die ganze Nacht herumzutreiben, bis sie sich vorkam, als wäre sie gerade mal acht Jahre alt.
»Du hast zu der Zeit nicht gerade die tollsten Freunde gehabt«, sagte Eddy ruhig. »Irgendwer mußte schließlich auf dich aufpassen.« Es war ihm klar, daß nicht ausgerechnet er derjenige sein mußte. Aber das sagte er ihr nicht.
»Ich konnte schon ganz gut auf mich selbst aufpassen«, entgegnete Minna, die fest davon überzeugt war, wie die Katzen sieben Leben zu besitzen. »Ich hatte meine wilde Phase, das war völlig in Ordnung und sowieso zu erwarten gewesen. Ein paar lange Nächte und ein paar langhaarige Jungs. Ich spielte den Bohemien. Und du mußt zugeben, daß ich das verdammt gut konnte.« Sie öffnete den Kühlschrank auf der Suche nach einer Flasche Bier.
»O ja, das hast du wirklich gut gekonnt«, bestätigte Eddy trocken.
Minna kam ins Zimmer zurück. »Wieso hast du ein Paar Handschellen in deinem Kühlschrank liegen?« fragte sie mit großen Augen und gespielter Neugier.
»Das hält meine Perle für witzig«, antwortete Eddy. Seine Putzfrau war eine Wasserstoff-Blondine mit endlos langen Beinen.
»Schläfst du immer noch mit ihr?« fragte Minna und reichte ihm eine Flasche Bier. Sie war sehr darauf bedacht, daß ihre Stimme vollkommen gleichgültig klang, als hätte sie gerade vom Wetter oder dem katastrophalen Zustand der Regierung gesprochen. Schließlich ging sie das ja auch nichts an.
»Ist das eine Fangfrage?«
»Sehr witzig«, erwiderte Minna, setzte sich wieder und sah ihn schräg an.
»Genau das sagt sie auch«, sagte Eddy und ignorierte ihren Blick.
»Bevor sie dich festbindet oder danach?«
»Mittendrin.«
»Na, du bist ja vielleicht gut drauf.«
»Das sagt jeder«, stimmte Eddy zu und trank sein Bier aus.
»Also gut, gehen wir essen«, sagte Minna, die die Sklavennummer für völlig überschätzt hielt und außerdem für ein terrible vieux jeu. Sie bevorzugte sehr viel angenehmere Dinge.
»Später vielleicht. Aber dräng mich jetzt nicht.«
»Das tu ich aber«, entgegnete Minna, die auch schon die Cosmopolitan gelesen hatte. »Wir leben in den Achtzigern!«
»Hör mir auf mit den Achtzigern. Es gibt auch Leute, die noch ihre Grateful-Dead-Alben haben und Klamotten ohne Designer-Schnickschnack.«
»Und einige haben überhaupt keine Klamotten«, sagte Minna und warf einen bezeichnenden Blick auf den Seemannskoffer. »Aber nein«, fügte sie hinzu und amüsierte sich über seinen Gesichtsausdruck. »Es ist einfach himmlisch, ganz Evelyn Waugh, ich finde es toll, das weißt du doch. Von mir aus«, fuhr sie großzügig fort, »können wir jetzt über Woodstock und den Liebessommer am Strand von Venedig und den Niedergang der Hippie-Bewegung und ich weiß nicht was sonst noch reden, und dann frag ich dich noch mal.« Sie lächelte ihn strahlend an.
»Ich glaub, das mußt du wohl.«
»Natürlich muß ich«, sagte Minna mit unwiderstehlicher Logik. »Eine junge Frau muß schließlich was essen.«
»Mit mir?«
»Warum nicht? Du paßt doch genau ins Bild, und ich erwarte ja nicht ein Essen bei Gavroche. Außerdem bist du selbst schuld daran, daß du nicht verreist bist und wie Montgomery Clift aussiehst.« Minna hatte, wie sie es nannte, »etwas übrig« für Montgomery Clift, aber das war ihr Geheimnis.
»Aber du weißt ja, was aus ihm geworden ist?« sagte Eddy, der sich von einer so läppischen Schmeichelei nicht einwickeln ließ. Das war typisch für sie, so was zu bringen, wenn er nicht vorbereitet war.
»Eben. Weil er nicht die Gelegenheit hatte, mit mir essen zu gehen«, sagte Minna voller Überzeugung. »Du weißt gar nicht, was für ein Glück du hast.«
»Ach so, wie dumm von mir.«
»Ziemlich dumm. Ich hab heute eine Geschichte geschrieben«, fügte Minna hinzu. Sie dachte, ein Themenwechsel wäre jetzt angebracht, so daß er sich an den Gedanken gewöhnen könnte, mit ihr zum Essen auszugehen.
»Wirklich? Über was denn?«
»Ach, was schon«, entgegnete Minna mit einer lässigen Handbewegung, die sie hin und wieder gezielt einsetzte, und streute dabei Zigarettenasche über die Rosen – die perfekte Inszenierung von Unbekümmertheit. »Das Übliche eben. Inzest, Koprophilie, Sadomasochismus.«
»Wirklich beeindruckend«, sagte Eddy trocken und ließ sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen. »Ich hab gar nicht gewußt, daß Sado-Maso immer noch in ist.«
»Ist es ja auch nicht«, erwiderte Minna und gab auf. »Ich hab bloß versucht, dich zu schocken.«
»Du solltest mich aber besser kennen.«
Minna schaute ihn über den Rand der Bierflasche hinweg an und wirkte plötzlich geradezu lächerlich jung in ihrem Erwachsenenfummel. »Sollte ich?« fragte sie.
Eddy wich ihrem Blick aus. »Tust du’s nicht?« fragte er.
»Ach, geh zum Teufel, Eddy.« Minna drückte ihre Zigarette aus und stand abrupt auf. »Ich mach jetzt den Abgang.«
»Na gut.«
»Lädst du mich zum Essen ein, wenn ich jetzt geh?«
»Na schön.«
»Also, bis dann.«
»Bis dann.«
Nachdem Minna gegangen war, blieb Eddy noch eine Weile sitzen, rauchte noch eine Zigarette und trank noch eine Flasche Bier, weil ihm sonst nichts Besseres einfiel. Unter ihm lag Soho, so wie es immer dagelegen hatte, es sah schäbig aus in der Sonne, aber das fiel ihm nicht auf. Es war ein Tag wie jeder andere gewesen, er hatte vorgehabt, einen Song zu schreiben, war jetzt aber gestört worden, und seine Inspiration, die ihn sonst nie im Stich ließ, war verschwunden.
Es war wirklich nicht fair von ihr, aus einer Laune heraus einfach bei ihm aufzukreuzen, nach mehr als einem Jahr, und dazu noch so jung und schlank und mit so schönen großen Augen. Es war nicht fair, daß sie ihr Haar nicht mehr zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte und es jetzt weich und golden auf ihre Schultern fiel, und schon gar nicht, daß sie jetzt diese schwarzen Kleider trug, die sich eng an ihren Körper schmiegten. Sie war schon immer gefährlich gewesen, aber jetzt war sie auf dem besten Wege, zum Verhängnis zu werden. Vielleicht ahnte sie das schon, vielleicht würde sie es irgendwann auch begreifen, aber noch war sie arglos in all ihrer Unbekümmertheit, ganz und gar unbefangen, auch wenn sie sich für rasend raffiniert hielt. Aber das machte alles nur noch schlimmer.
Warum hatte er bloß eingewilligt, mit ihr auszugehen? Eddy fluchte laut und beschimpfte sich selbst als absoluten Trottel. Er sollte eigentlich alt genug sein, um es besser zu wissen. Alles, was er wollte, war ein ruhiges Leben, genug Zeit, um seine Songs zu schreiben und Saxophon zu spielen und mit seiner Band in einem Pub ein bißchen zu viel zu trinken. Minna versprach alles andere als Ruhe. Aber schließlich war er auch nur ein Mensch, und sie wollte ein bißchen Gesellschaft, gerade heute an ihrem Geburtstag. Ein bißchen Gesellschaft, nicht unbedingt seine. Machte das die Sache nun besser oder noch schlimmer? Eddy war sich da nicht so sicher. Er wußte nur, daß er etwas verwirrt war und überrascht von dieser Situation und daß er sich irgendwie im Nachteil fühlte, was ihm überhaupt nicht paßte. Ein Hauch ihres Parfüms hing noch immer in der Luft, ein neuer, schwerer Duft, der ihn flüchtig an Pariser Restaurants und an Geliebte anderer Männer denken ließ. Er zündete sich eine weitere Zigarette an, um den Duft zu vertreiben. Er war einfach zu alt für all das, fast schon dreißig und ohne irgendwelche Illusionen.
»Da bin ich wieder.« Sie lachte vor Vergnügen, und eine leichte Röte legte sich über ihr Gesicht. »Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heut nachmittag alles erlebt hab. Ich habe mich nicht umgezogen, macht dir das was aus? Ich dachte, so formell wird’s ja nicht, auch wenn ich Geburtstag hab.«
»Komm rein«, sage Eddy und unterbrach damit ihren Redeschwall.
»Oh, du hast ja Champagner für mich gekauft«, zwitscherte Minna so begeistert, als hätte er ihr gerade die goldenen Schlüssel der Stadt als Geschenk überreicht.
»Nicht der Rede wert«, erwiderte Eddy und knurrte vor sich hin, während er die Flasche öffnete. Er konnte es nicht ausstehen, bei einer Freundlichkeit erwischt zu werden. »Heut ist schließlich dein Geburtstag.«
»Ich verrat dir nicht, wie alt ich werde«, sagte Minna und prostete ihm zu, »weil ich dann nämlich nicht mehr schwindeln kann, wenn ich älter bin. Ich finde, die Frauen sollten alle mit ihrem Alter schwindeln, aus Prinzip, findest du nicht?«
»Absolut«, bestätigte Eddy vollkommen überzeugt. »Das muß in die Verfassung rein.«
»Oder in sonst was«, sagte Minna.
Sie hob ihr Glas und zwinkerte ihm mit leicht spöttischer Miene zu.
»Prost«, rief sie. »Was hab ich nur für ein Schwein, daß ich hier diesen wunderbaren Champagner trinken kann.«
»Das kann man wohl sagen«, antwortete Eddy beschwichtigend.
»Nein, nein, im Ernst«, sagte Minna. »Da wollt mich doch eben so ein Wahnsinniger mit seinem Mercedes über den Haufen fahren.«
»Bestimmt ein Kommando der Mafia«, meinte Eddy.
»Aber keineswegs«, konterte Minna. »Der Mob und ich sind im Moment in bestem Einvernehmen, ehrlich, die reinste Liebe. Das war nur einer von diesen jungen Rasern, und dann hatte er auch noch die Stirn, zu behaupten, es sei meine Schuld, und fing an, auf mich einzuschimpfen. Darauf hab ich ihm eine Tüte Pfirsiche an den Kopf geworfen, und dann tauchte die Polizei auf und meinte, ich würde Unruhe stiften. Sie haben mich einfach weggeschoben.« Ihre Augen funkelten vor Empörung. »Einfach weggeschoben – wie eine Nutte oder eine Stadtstreicherin oder so was in der Art. Seh ich vielleicht aus wie eine Nutte?«
»Nein«, sagte Eddy und verkniff sich das Lachen.
»Na bitte«, stellte Minna fest, ein bißchen beruhigt. »Genau das hab ich den Bullen auch gesagt, aber besonders nett waren die nicht.«
Eddy konnte sich das gut vorstellen. »Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte er.
»Jedenfalls«, fuhr Minna fort und fing an zu lachen, »war es ziemlich absurd. Zum Schluß stand ’ne Menge Leute rum, und ich hätte fast ’nen Hut rumgehen lassen.« Sie lachte. »Ich mußte an die arme Tante Eloise denken. Die hat immer gesagt, es würde noch mal schlimm mit mir enden, und ich würde eines Tages an sie denken.«
»Ich schlage vor, den Schleier des Vergessens darüber zu breiten«, sagte Eddy, der die arme Tante Eloise kannte und sehr genau wußte, wie sie über die Sache denken würde.
»Einverstanden«, meinte Minna. »Das ist sicher das beste. Ich hab auch zu den Presseleuten gesagt: ›Jungs, keine Fotos.‹«
»Wie enttäuschend für deinen Fanclub«, entgegnete Eddy. Er schaute auf die Uhr. »Also«, sagte er, als wär es das Normalste von der Welt, »gehen wir jetzt essen?«
Minna strahlte. »Ach, Eddy, ich liebe dich«, rief sie, unschuldig wie ein sanfter Sommerwind.
Er wünschte, sie hätte das nicht gesagt.
Da er zur Zeit in seiner Pizza-Phase war, ging er mit ihr in seine Stamm-Pizzeria, der, nach einhelliger Meinung, besten von ganz London. Außerdem spielten sie dort guten Jazz.
»Nett ist es hier«, sagte Minna anerkennend und wohlerzogen.
»Ich hoffe, du magst Pizza.«
»Ich sterbe für eine Pizza.«
Sie tranken ein Peroni-Bier und hörten dem Saxophonspieler zu, der gar nicht schlecht war, obwohl Minna abschätzig meinte, daß er längst nicht an Eddy herankäme.
»Noch so ein armes Kerlchen, der glaubt, er sei Dexter Gorden«, sagte sie, während sie kerzengerade auf ihrem Stuhl saß und sich keck umsah. Eddy beobachtete amüsiert, wie sich der Kellner sogleich in sie verliebte.
»Ich sterbe vor Hunger«, stöhnte sie und war bald darauf viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigene und dazu noch das meiste von Eddys Pizza zu vertilgen, um noch groß auf die feinen Manieren ihres neuen Ichs zu achten. ER wußte, daß sie schon immer einen riesigen und nicht gerade wählerischen Appetit gehabt hatte.
»Und«, sagte er, »was machst du jetzt so?«
»Machen?« Sie sah ihn schelmisch an. »Wann hab ich schon jemals was GEMACHT? Ich tauge für rein gar nichts, das weißt du doch. Ich lese Bücher über die Französische Revolution, das mache ich.«
»Beruflich?« Eddy vergaß immer wieder, daß sie ja eine reiche Erbin war, dabei war sie so ganz anders als der Rest ihrer Verwandtschaft. Ihre Familie hatte während der industriellen Revolution ein Riesenvermögen gemacht, mit so merkwürdigen Dingen wie Kupferminen oder Hanfwebereien. Durch eine höchst geschickte Heiratspolitik hatte sich das Vermögen, statt von einer Generation zur nächsten zu schrumpfen, immer weiter vergrößert. Minnas Eltern starben bei einem Verkehrsunfall in der Bucht von Neapel, bevor sie auch nur die Hälfte ihres Vermögens ausgeben konnten, obwohl ihre Mutter, wie Minna immer behauptete, sich mächtig ins Zeug gelegt hatte, um die Kohle loszuwerden.
»Fast beruflich. Frag mich mal irgendwas«, sagte sie.
»Ich weiß nicht mal, was ich dich fragen könnte«, meinte Eddy. »Ich hab für Geschichte noch nie was übrig gehabt.«
»Geschichte ist Humbug«, sagte Minna geistesabwesend, pickte eine Olive aus den Pizzaresten und steckte sie in den Mund. »Wer hat das gesagt? Henry Ford? Glaubst du, er wurde falsch zitiert? Ich hab zu Hause eine Büste von Napoleon, diesem Schätzchen. Tom behauptet, er sieht genauso aus wie Rod Stewart, ist das nicht völlig daneben?«
»Ich find’s beachtlich, jedenfalls für Tom«, entgegnete Eddy. Minnas Bruder Tom und er waren Schulfreunde gewesen, zu einer Zeit, die Eddy nun nur noch seine wilde Jugend nannte, und sie hatten sich damals gemeinsam jede Menge Ärger eingehandelt. Eddy mochte gar nicht mehr daran denken. »Wie geht’s ihm denn so?«
»Ach, weißt du«, sagte Minna in einem resignierten Ton, den sie nur einschaltete, wenn es um ihren Bruder ging. »Wie immer. Er ist in New York, wohnt in einer Suite im Carlisle, klar, was sonst? Er sagte, er sei verliebt.«
»Tatsächlich?«
»Ja, wirklich«, bekräftigte Minna. »Eine von diesen Erbinnen eines argentinischen Rindfleischimperiums, du weißt schon, von Kopf bis Fuß in Balenciaga-Klamotten gehüllt. Sie hat noch mehr Kohle als er. Sie machen sich schwer Konkurrenz, wer den größten Straßenkreuzer fährt und so, du kennst ihn ja.«
»Ein traumhaftes Paar, kann ich mir gut vorstellen«, sagte Eddy, der das wirklich konnte. Seit Tom ziemlich plötzlich der Chef der Familie geworden war, hatte er wahrlich alles getan, um dem Klischee des jungen, steinreichen Lebemanns zu entsprechen. Drogen, Alkohol, schnelle Autos, Pferderennen, Rennboote, aus Flugzeugen springen, die Frauen anderer Männer verführen: Er hatte nichts ausgelassen, was seinen Ruf in dieser Hinsicht untermauern konnte. In einem seiner seltenen lichten Momente hatte er zu Eddy gesagt: »Egal, was ich tue, man wird mich immer für einen Playboy halten, also kann ich genausogut auch so leben. Wäre ja dumm, wenn ich’s nicht täte.«
Seit er vom College in Oxford geflogen war, weil er seinen 1954er Bugatti in den großen Brunnen in der Mitte von Christ Church gesteuert hatte, was er und seine Kumpels für einen besonders gelungenen Scherz hielten, ging es ständig mit ihm bergab.
Eddy sah Tom ein- oder zweimal im Jahr, wenn Tom sich herabließ, bei ihm vorbeizuschauen, gerade von Palm Beach oder von St. Moritz oder von irgend jemandes Yacht in der Ägäis eingetroffen. Sie zogen dann nächtelang durch zwielichtige Bars, tranken Unmengen von Armagnac und schleppten Mädels ab – und jedesmal erwachte Eddy am nächsten Tag und wußte wieder ganz genau, warum er diese Art zu leben schon lange satt hatte.
»Dann bist du jetzt also allein?« fragte er.
»Ja«, sagte Minna zufrieden. »Endlich.«
Eine Riege von altjüngferlichen Tanten und magenkranken Onkeln hatte zunächst alles getan, um Minna bei sich aufzunehmen, nachdem ihre Eltern gestorben waren, schließlich aber doch aufgegeben, nachdem Minna zum vierten Mal ausgerissen und nach London gegangen war. Es hatte zwar erhebliches Gezeter und Kopfschütteln gegeben, aber letzten Endes war man nicht sonderlich überrascht gewesen. Man wußte ja von dem schlechten Blut mütterlicherseits, und eigentlich hatte jeder nur darauf gewartet, daß es einmal zum Durchbruch kommen würde. Seitdem hatte Minna zusammen mit Tom in dem großen weißen Haus gelebt, das er in Chelsea gekauft hatte.
»Das hab ich dem guten Onkel James und seinem wilden Blut zu verdanken«, fuhr sie fort. »Es gibt nur mich und den Butler dort, aber der ist viel zu sehr damit beschäftigt, mit seinen Kumpels Poker zu spielen, um sich um mich zu kümmern. Nein, nein, ich mach nur Spaß«, sagte sie, als sie Eddys Gesicht sah. »Ich bin ganz allein. Ungebunden und vogelfrei. Zu allem bereit. Wie findest du das?«
»Das wird noch bös mit dir enden«, sagte Eddy ernst.
Minna bemühte sich, ihre tiefe Zufriedenheit nicht allzu deutlich zu zeigen. »Das hat die arme Tante Eloise auch immer gesagt. Meinst du, das passiert wirklich? Wär das nicht der totale Hit? Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, daß die tollsten Typen immer böse enden?« Plötzlich legte sie die Stirn in Falten, als hätte sie gerade einen schrecklichen Gedanken gefaßt. »Du fängst doch wohl nicht schon wieder an, mich zu bevormunden?«
»Aber nein«, beschwichtigte sie Eddy, der ja schließlich nichts weiter als ein ruhiges Leben wollte. »Ich bin zu alt und zu müde fürs Bevormunden.«
»Welch ein Segen. Dann kann ich ja tun und lassen, was ich will, ohne daß dich das juckt.«
»Und was passiert, wenn du mit der Französischen Revolution fertig bist?«
»So weit im voraus kann ich nicht denken«, sagte Minna. »Ich könnte mir vorstellen, daß ich mich dann an die Russen mache. Ich hab ja das Glück, daß es so viele Revolutionen gab, und die Bolschewiken waren schon irre Leute, findest du nicht auch?«
Eddy dachte, daß er es sicher nicht so ausgedrückt hätte, aber er hatte einen Augenblick lang vergessen, daß Minnas Betrachtung der Geschichte eher praxisorientiert war.
»Na fein«, sagte er, »ich sehe schon, du hast alles gut im Griff.«
Minna ignorierte den leichten Spott in seiner Stimme. Manche Gewohnheiten lassen sich eben nur schwer abstellen, dachte sie, ganz gleich, was man sagt.
»Ziemlich gut«, bekräftigte sie. »Wenn bloß nicht alle weg wären. Ich hab nicht mal ’nen Hund zum Spazierengehen.«
Minna wachte auf, als es an der Haustür klingelte. Sie schaute auf die Uhr. Es war zehn. Sie konnte sich nicht daran erinnern, daß sie jemanden erwartete, und schon gar nicht um diese Zeit. Selbst wenn die meisten ihrer Bekannten sich jetzt nicht gerade in der Südsee oder an anderen exotischen Orten aufgehalten hätten, wäre keiner auf die Idee verfallen, vor halb zwölf aus dem Haus zu gehen. Sie zog eines von Toms Hemden über und lief die Treppe hinunter.
Das Paar vor der Tür bot einen perfekten Anblick. Gepäck von Gucci, die passende Sonnenbräune, strahlend weiße Manschetten und tadellos sitzende Frisuren. Ein Paar aus dem Gesellschaftsteil einer Illustrierten, das versuchte, die Zeit zwischen zwei Wohltätigkeitsbällen totzuschlagen. Sie waren offensichtlich sehr überrascht über den Anblick von Minna, die höchst ungebührlich gekleidet und ganz offensichtlich gerade erst aufgestanden war.
»Nun«, sagte sie und wußte gar nicht, was sie mit ihnen anfangen sollte. Wer auch immer sie sein mochten, sie sahen aus, als wollten sie länger bleiben. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«
Der Mann räusperte sich. »Sind Sie die Maklerin?« fragte er, was Minna ziemlich unangemessen fand, so früh am Morgen.
»Nicht ganz«, erwiderte sie schlagfertig. »Ich wohne hier.«
Diese harmlose Äußerung brachte die beiden völlig aus der Fassung, so als hätte sie gerade behauptet, als Bestattungsunternehmer für den Leiter der Milch-Vertriebsgesellschaft tätig zu sein. Sie führte das auf den Umstand zurück, daß die beiden offenkundig Amerikaner waren und vermutlich noch unter dem Jet-lag litten.
»Wissen Sie«, entschuldigte sich die Frau, »wir haben nämlich dieses Haus für den Sommer gemietet.«
»Genau so ist es, bestätigte der Mann im Brustton der Überzeugung und wischte damit die zaghaft aufkeimenden Skrupel seiner Frau beiseite. »Wir haben just dieses Haus für den Sommer gemietet«, fügte er mit lauter, klarer Stimme hinzu, wobei er jedes Wort überdeutlich aussprach, als wäre er nicht ganz sicher, ob Minna bereits über die Anfangsgründe des gesprochenen Englisch hinausgekommen war.
»Ich verstehe«, sagte Minna und verstand überhaupt nichts. »Darf man fragen, von wem?«
Als ginge es darum, im Auftrag des Präsidenten ein Kommunique des Weißen Hauses zu verlesen, zog er mit grandioser Geste ein Stück Papier hervor und las den Namen ab.
»Von einem Herrn Thomas Vane«, sagte er triumphierend.
»Wir haben ihn in New York getroffen«, ergänzte die Frau mit einem verklärten Lächeln. »So ein reizender junger Mann. Es war bei der Party von Effie Hampton, sie lädt immer so TOLLE Leute ein, man wird ja doch die immer gleichen Gesichter über, Abend für Abend Feste, Eröffnungen, Premieren, Wohltätigkeitsbälle für die Met...«
»Ist ja gut«, unterbrach sie ihr Mann ungeduldig. Ganz offensichtlich beschäftigten ihn wichtigere Dinge. »Thomas Vane«, wiederholte er zu Minnas Erleichterung. »Ein äußerst amüsanter Mensch, äußerst amüsant.«
Minna war da ganz anderer Meinung. »Mein Bruder«, sagte sie.
»Hier haben wir den Vertrag«, sagte der Mann, nicht im geringsten entmutigt. »Wenn Sie mal einen Blick darauf werfen wollen, Sie werden sehen, es ist alles in Ordnung.«
»Nein, nein, ist schon gut«, erwiderte Minna. Sie wußte genau, wann sie sich geschlagen geben mußte. »Ich bin davon überzeugt, daß alles absolut koscher und hieb- und stichfest ist. Kommen Sie nur rein. Es stört Sie doch hoffentlich nicht, wenn ich nur noch schnell meine Tasche packe? Frühstück ist im Kühlschrank. Ich könnte mir allerdings vorstellen, daß Sie lieber bei Connaught frühstücken wollen.«
»Willst du etwa noch eine Pizza?« fragte Eddy, als er die Tür öffnete.
»Wie wär’s mit einem Bett?« entgegnete Minna forsch. Sie hob ihre Tasche in die Höhe. »Ich hab einen Räumungsbefehl gekriegt. Jetzt bin ich wirklich eine Stadtstreicherin.«
»Wie schön für dich«, sagte Eddy und ging voran die Treppe hoch.
»Tom hat unser Haus vermietet, ohne mir davon ein Wort zu sagen, dieser gemeine Kerl. Kannst du dir so was vorstellen? Vielen Dank«, sagte sie und nahm das Bier, das Eddy ihr reichte. »Obwohl mich eigentlich gar nichts mehr überraschen sollte bei Tom. Du hättest die Amerikaner sehen sollen, die es gemietet haben, die waren garantiert noch nie westlich der Park Avenue. Alles Gucci, ihre Frisuren todschick, und dann wollten sie wissen, ob ich die Immobilienmaklerin bin. Seh ich vielleicht aus wie eine Immobilienmaklerin?«
»Nicht in dem Kleid«, sagte Eddy und lachte. Es war orangefarben und noch kürzer als das von gestern.
»Also wirklich«, sagte Minna empört. »Manche Leute haben absolut null Ahnung. Und was soll ich jetzt machen? Mich auf der Straße rumtreiben?«
»Willst du ein Frühstück zu deinem Bier?« fragte Eddy und konzentrierte sich auf das Wesentliche. »Hier ist Speck.«
»Ja, bitte«, sagte Minna. »Glücklicherweise ist mir eingefallen, daß es dich ja noch gibt, da ist der Tag nicht ganz verloren.«
Sie schenkte ihm ihr schönstes Kleinmädchen-Lächeln. Sie wußte zwar, daß es bei ihm nicht wirkte, aber, optimistisch wie sie nun mal war, probierte sie es immer wieder. »Kann ich nicht eine Zeitlang bei dir bleiben? Würde dich das sehr stören? Ich brauch kaum Platz, und du würdest gar nicht merken, daß ich hier bin.«
»Das glaub ich dir aufs Wort«, erwiderte Eddy. »Aber ich hab kein Extrabett.«
Minnas Blick, den sie ihm zuwarf, sprach Bände. »Eddy, sagte sie entschlossen. »Du bist mein ältester Freund. Zu wem könnt ich sonst gehen? Natürlich«, fügte sie mit einem schuldbewußten Lachen hinzu, »hat das nichts mit der Tatsache zu tun, daß du der einzige Mensch aus meinem Bekanntenkreis bist, der nicht grad in den Anden herumkraxelt.«
»Natürlich hat das nicht das geringste damit zu tun«, sagte Eddy, der sich nicht umsonst als Zyniker bezeichnete. »Na schön«, willigte er schließlich ein. Beide hatten selbstverständlich von Anfang an keinen Zweifel, daß er nachgeben würde. »Im Schrank ist ein Futon. Ich denke, der wird’s tun.«
»Total Spitze«, rief sie aus und strahlte ihn an. »Ich bin überhaupt nicht anspruchsvoll. Ein kleiner Strohsack in der Ecke, eine Kante Brot am Tag und ab und zu mal ein freundliches Wort, das ist alles, was ich brauche.«
»Schon gut, schon gut«, bremste Eddy. »Es ist nicht das Hilton.«
»Aber ein Zuhause«, sagte Minna. »Schon klar. Ich könnt mir jedenfalls nichts Besseres vorstellen. Hast du vielleicht ein bißchen Orangenmarmelade?«
»Zum Speck?« entgegnete Eddy.
Minna sah ihn mit großen Augen an. »Gibt’s denn keinen Toast?« fragte sie ungläubig.
Eddy seufzte und legte zwei Scheiben Brot auf den Bratrost. »Ich bin gespannt, was meine Perle dazu sagt.«
Die Perle hatte eine Menge dazu zu sagen. Sie kam gegen Mittag, nachdem Eddy gegangen war, um mit seiner Band zu üben. Sie war fast einen Meter achtzig groß und klapperdürr, hatte schier unglaublich blondes Haar und trug eine schwere Wildlederjacke mit Fransen und dazu Cowboystiefel.
»Hallo«, sagte Minna leutselig. »Ich bin Minna.« Sie streckte ihre Hand aus und dachte, Angriff sei in diesem Fall die beste Verteidigung.
»Ach ja?« Die Perle schaute von sehr weit oben auf sie herab. »Irene. Wo ist denn Eddy?«
»Er ist weggegangen«, sagte Minna, fest entschlossen, nicht gekränkt zu sein. »Zum Üben. Mit der Band. Sie wissen ja. Bin ich Ihnen im Weg?«
»Im Weg?« fragte Irene nicht gerade sehr höflich. »Warten Sie etwa auf Eddy? Er hat nicht gesagt, daß er Besuch erwartet.«
»Nein, nein«, sagte Minna. »Ich bin kein Besuch. Ich bin Eddys neue Untermieterin. Ich wohn jetzt hier. Ist das nicht der Wahnsinn?« fügte sie hoffnungsvoll hinzu.
»Sie wohnen jetzt hier?« Irene verzog das Gesicht, als würde ihr ein ganz übler Geruch in die Nase steigen.
»Na ja«, sagte Minna und bemühte sich, langsam und deutlich zu sprechen, war sie sich doch nicht ganz sicher, ob Irene auch Worte verstehen würde, die länger als eine Silbe waren. »Ich bleib eine Zeitlang hier, weiß noch nicht genau, wie lang. Man hat mich ausquartiert, also blieb nur noch die Straße oder Eddy. Ich kenne Leute, die finden es romantisch, unter der Waterloo-Brücke oder sonstwo zu pennen, aber das wäre nichts für mich, finden Sie nicht auch?«
»Aber«, sagte Irene und fing vor Aufregung an zu keuchen. Minna hatte noch nie im Leben jemanden auf diese Weise keuchen hören, obwohl es in Trivialromanen jede Menge Leute gab, die es taten. »Aber Sie können doch schlecht, ich meine, wo wollen Sie denn schlafen? Es gibt ja nur ein Bett.«
»Und den Futon«, erklärte Minna hilfsbereit.
»Den Futon«, schnaubte Irene voller Empörung. »Den Futon? Darauf kann man unmöglich schlafen. Und darf ich mal fragen, wie ich da außenrum noch saubermachen soll?«
»Nur keine Panik«, sagte Minna beschwichtigend. »Ich kann ihn ja jeden Tag zusammenrollen. Eddy stört das alles nicht, wirklich nicht. Er ist für mich wie ein Bruder.«
»Vielleicht stört es ihn nicht«, sagte Irene prustend, und es wurde klar, daß es sie dafür sehr störte. »Ihn stört es vielleicht nicht, aber...« Sie brach ab und ließ nur ein wütendes Brummen hören.
