Eine Geschichte von zweien - Winnie Rabenstein - E-Book

Eine Geschichte von zweien E-Book

Winnie Rabenstein

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Beschreibung

Ein Abend im Rausch, Gespräche über Gott, die Welt und Marienkäfer. Frederick und Lola verlieben sich. Ohne zu ahnen, dass ihre Liebe eigentlich nicht möglich ist. Eine Geschichte über Familie, Freundschaft und die kurvige Eckigkeit des Lebens. Eine Geschichte von zweien.

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Seitenzahl: 588

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Mama und Papa

Danke an Hannah, Mari, Susanne, Barbara, Ina, Silvia und Buzz

Winnie Rabenstein, geboren 1989, gelernte Holzbildhauerin, lebt, liebt und schreibt mit ihren beiden Prinzen derzeit in Niederbayern.

Inhalt

Wer übrig bleibt

Abgefahren

Frederick Cole

Abgekommen

Frontal

Samstag

Ein harter Schlag

Flaschendrehen

Fehler, Dramen, kein Empfang

Rückenwind

Ein harter Rückschlag

Brandon der Lügner

Die Wahrheit

So nah. So fern.

Ein Freund, ein guter Freund

Happy New Year

Zurück im Glück

So verliebt

Der Nachtschreck

Schülerin und Lehrer

Zerbrochen

Der letzte Schlag

Lolas Flucht

Fredericks Flucht

Milch und Zucker

Wer übrig bleibt

Der Abend, der Mister Coles Leben zu dem gemacht hatte, das er heute lebte, war ein verregneter Samstagabend im September gewesen. Der Sommer hatte sich in den letzten warmen Tagen verausgabt und der Herbst nahte langsam, doch unaufhaltsam. Die vielen Feste unter freiem Himmel, die von Unbeschwertheit, Lachen und Freude durchzogen gewesen waren, die lauen, nicht enden wollenden Nächte, in denen kaum Stoff nötig gewesen war, um die nackte Haut zu bedecken, die heißen Tage, die man bevorzugt an kühlen Seen und an schattigen Plätzen verbracht hatte, all das war nun vorbei. Um der Kälte und Nässe zu entkommen, die mit jedem Tag mehr die Oberhand gewann, und auch weil es der letzte Tag der großen Sommerferien war, tummelten sich die Menschen im örtlichen Pub. Der Teint ihrer Haut und das glückliche Strahlen ihrer Gesichter zeigten, dass sie noch nicht bereit waren, sich von der schönsten Zeit des Jahres zu verabschieden. Auch wenn sie nur so taten, als wäre der Sommer noch nicht vorbei. Außerhalb der Ferienzeit war der Pub von den üblichen ortsansässigen Trinkern besucht. Sie saßen an der Bar, um ihre Sorgen zu ertränken, oder drückten ungeduldig an den Spielautomaten herum, um vielleicht dieses eine Mal ein kleines Stück vom Glück zu erwischen. Doch an Tagen wie diesen platzte das winzige Lokal aus allen Nähten. Jeder verfügbare Zentimeter war besetzt. Vor allem von Schülern und Studenten. Und auch von solchen, die durch die lärmende Gesellschaft angezogen wurden. Sie wollten teilhaben an der Freude und Geselligkeit, die hier herrschte. Die Luft war getränkt von Rauch, Alkohol und Schweiß, dem Klirren von Glas und dem Gelächter berauschter Menschen.

Während eben dieser Tage war Mister Cole hier ein oft gesehener Gast. Auch heute saß er in seiner üblichen Nische allein an einem kleinen, runden Tisch etwas steif auf dem roten, zerschlissenen Lederpolster. Schwere grüne Glaslampenschirme über den Tischen tauchten alles in ein schummeriges Licht. Es war ein behaglicher Fleck, an dem er all den Lärm um sich herum ausblenden konnte. Bewaffnet mit einem Buch, nahm er die Kulisse nur als ein monotones Summen wahr. Jetzt starrte er in sein Glas, dessen durchsichtige Flüssigkeit den bitteren Geruch von Gin verströmte, und war in Gedanken versunken. Es hätte durchaus stillere Orte zum Lesen gegeben, seine kleine Wohnung zum Beispiel, die nicht weit von hier auf ihn wartete. Hier im Pub, wo man für eine Unterhaltung seinem Sitznachbarn ins Ohr schreien musste, würde es wohl kaum ein anderer schaffen, auch nur eine Zeile zu lesen und das Geschriebene noch zu verstehen. Doch Mister Cole war nicht hier, um zu lesen, und auch nicht wegen der lustigen Gesellschaft. Er liebte seine selbst gewählte Einsamkeit und hielt nicht viel von allzu großer Nähe. Er war ein Mensch, ein Mann, und hatte dann und wann ein Bedürfnis, das jeden von Zeit zu Zeit ereilt. Es war nicht die Liebe. Er war auch nicht darauf aus, eine nette Bekanntschaft zu machen oder eine tiefgründige Unterhaltung zu führen. Nein. Ihn trieb das drängende Bedürfnis nach Sex an diesen Ort. Er wollte sich mit einem anderen Menschen vereinen und den banalen, quälenden Druck loswerden, der sich in ihm aufgebaut hatte. Mister Cole schmiss sich dazu nicht besonders ins Zeug, er baggerte nicht und flirtete nie. Doch manchmal begab es sich, dass am Ende einer durchzechten Nacht die eine oder andere Frau in ihm die Hoffnung sah, Nähe und vielleicht sogar ein wenig Liebe zu bekommen, nach der sie auf der Suche war. Er nannte eine solche Frau bei sich die Übriggebliebene.

Er war nicht unansehnlich. Bei genauerer Betrachtung lag viel Schönes in seinem Äußeren. Sein Haar hing ihm glänzend und schwer in dunklen Strähnen in die Augen. Es hatte so viele Wirbel, dass es kaum zu bändigen war. Was er auch versuchte, nie konnte er es richtig in Form bringen. Er ging selten zum Friseur. So wuchs es ihm über die Ohren und verdeckte seinen Nacken. Die Iris seiner Augen war so dunkel, dass sie fast schwarz wirkte und sich deutlich vom Weiß der Augäpfel abhob. Seine Wangen waren hoch und glatt, seine Nase groß und etwas krumm und seine Lippen hatten einen schönen Schwung. Sein Kinn war unauffällig, sein Hals lang und schlank wie alles an seinem hochgewachsenen Körper. Diesen hüllte er meist in dunkle, förmliche Kleidung. Man hätte sie elegant nennen können oder Vintage oder einfach nur verstaubt. Er sah ein wenig so aus, als käme er aus einem anderen Jahrhundert. Doch alles in allem passte alles an seiner Erscheinung gut zusammen und es gab keinen Grund, ihn nicht einen schönen Mann zu nennen. Wenn nicht diese eine unübersehbare Kleinigkeit gewesen wäre. Er umgab sich mit der Ausstrahlung eines hasserfüllten, traurigen, angewiderten Menschen, dessen Nähe man nicht freiwillig und nur im äußersten Notfall suchen würde. Deshalb hatte er einen Tisch für sich allein in einem Lokal, das kaum noch Platz bot, sich auf der Stelle zu drehen. Er brauchte sich nicht zu fürchten, dass irgendjemand – außer im äußersten Notfall oder nicht klar bei Verstand oder betrunken und verzweifelt bis in die Haarspitzen – ihn belästigen würde. Kein Wunder also, dass sein Herz einen kurzen Aussetzer machte, als wie aus dem Nichts eine junge Frau neben ihm Platz nahm. Gut, Platz nehmen war wohl zu harmlos ausgedrückt. Es geschah nicht mit einer freundlichen Frage wie: »Guten Abend, darf ich mich setzen?« Sie platzte einfach in seine Gedankenwelt, weil sie vom Nachbartisch aus quer über die Polsterbänke kletterte und direkt neben ihm eine aufrechte Sitzposition einnahm. Dass es nicht besonders elegant aussah, schien sie nicht im Geringsten zu stören, geschweige denn zu beschämen. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als wäre heute Weihnachten.

Mister Coles erster Gedanke war: Betrunkene Irre! Er war sich auf der Stelle sicher, dass es sich um einen Scherz handeln musste, und es war ihm unaussprechlich zuwider, Teil irgendeines Scherzes zu sein. Sein zweiter Gedanke war: Verschwinde! Sie sollte gehen. Oder er wollte gehen. Irgendetwas sollte diese absurde Situation beenden, ehe sie noch absurder werden konnte. Er befahl seinen Muskeln sich zu regen. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich im Innern anschrie, beschimpfte, anfeuerte – nichts passierte. Stattdessen starrte er ihr wie gebannt in die dunkelblauen Augen. Sie starrte eine Zeit lang zurück und begann dann zu lächeln.

»Hi!«, sagte sie leichthin. »Ich wurde gerade dazu aufgefordert, im Zuge eines wirklich anregenden Spiels jemanden zum Wetttrinken auszuwählen. Na, und weil du hier so einsam und alleine sitzt, dachte ich mir, du wärst der ideale Spielpartner.«

Sie sah ihm erwartungsvoll entgegen. Als Mister Coles Reaktion ausblieb, fuhr sie fort: »Hör mal, du nippst jetzt seit einer Ewigkeit an deiner Limo herum. Wir starten also beide auf dem gleichen Level. Würde ich gegen einen der Meinigen spielen, wäre das einfach nicht fair!«

Sie deutete mit dem Daumen lässig hinter sich und schüttelte ernst ihren Kopf, wobei die vielen silbernen Ringe, die ihre Ohren durchsiebten, leise klimperten. Mister Cole blickte zu der johlenden und offensichtlich schwer betrunkenen Gruppe.

»Du hast zwar leider keine Wahl, aber was sagst du?«, drängte die Fremde gut gelaunt.

Mister Coles Muskeln ließen sich dazu herab, ihm wieder ein wenig mehr zu gehorchen. Er hob spöttisch die Augenbrauen, senkte wortlos den Blick in sein Glas. Kein Mensch würde ihn zu so einer Lächerlichkeit überreden können, schon gar keine überdrehte, betrunkene Studentin.

»Okay, gut. Ich höre keine Widerworte. Ich werte das mal als: Bin dabei!«, plapperte sie munter weiter, winkte dem Kellner und bestellte: »Zwanzig Kurze und zwei Bier bitte!«

Die Bedienung, die gerade an ihrem Tisch vorbeikam, nickte knapp. Sie ließ sich zufrieden in die Polster zurücksinken und wandte sich erneut Mister Cole zu. Dessen Augen weiteten sich kurz, um sich gleich darauf zu Schlitzen zu verengen. Er räusperte sich und fand endlich zu seiner Stimme, die durch die seltene Benutzung heiser klang.

»Ich bin mir sicher, Sie finden einen anderen Spielkameraden. Und jetzt verschwinden Sie, bitte!«

Er hatte sogar bitte gesagt.

»Sei nicht so feige!«, konterte die junge Frau. »Ein Mann deiner Statur muss sich doch nicht vor einem Wettkampf mit einem Zwerg fürchten! Ich denke, du bist sogar genau der Richtige unter all diesen Gestalten. Alle anderen sehen so aus, als wären sie schwer beschäftigt. Der alte Typ dahinten zum Beispiel«, sie nickte in Richtung der Spielautomaten, »der macht sicher gleich den ganz großen Gewinn! Der hat keine Zeit für mich.«

Mister Cole entgegnete trotzig: »Ich habe auch keine Zeit für Sie! Gehen Sie jetzt, sonst muss ich gehen.«

»Na, na! Wer wird denn gleich? Du hast ganz offensichtlich gerade gar nichts zu tun. Du liest ja nicht einmal in deinem Buch.«

Die Fremde strahlte. Nicht auf diese kindisch naive Art. Es kam aus ihrem Innern. Stolz, klug und unbeugsam. Bei näherer Betrachtung – fiel ihm plötzlich auf – schimmerte ihre Haut fast golden. Er fühlte sich wie hypnotisiert. Sie fragte indessen: »Was hast du schon zu verlieren?«

Was er zu verlieren hatte? Seine Würde, seinen Stolz? Sein Ansehen bei all den Menschen hier? Er hatte wirklich nichts zu verlieren. Keiner der Anwesenden kannte ihn, er wollte niemanden beeindrucken und jetzt, wo sie neben ihm saß, würde sich sowieso keine andere Frau mehr trauen, ihm zu nahe zu kommen. Mister Cole schnaufte resigniert und sie schmunzelte triumphierend. Sie drehte sich zu ihren Kameraden um und redete Dinge mit ihnen, die er nicht verstand. Er musterte sie derweilen verstohlen aus den Augenwinkeln. Sie schien wirklich nicht besonders groß zu sein. Wenn er schätzen müsste, würde sie die 1,65 nicht überschreiten. Dafür besaß sie üppige Kurven. Sie war sexy. Auf ihre Art einfach, aber unübersehbar. Sie trug ein schwarzes Shirt, das sich eng anliegend über ihren Busen spannte. Darüber hingen verschiedene Ketten, die hin und her baumelten, während sie wild gestikulierte. Sie steckte in einer ausgebeulten alten Bluejeans. Das Haar war lang und schwarz. Es war zu einem lockeren Knoten zusammengebunden und einzelne fliegende Strähnen umrahmten ihr zartes Gesicht. Auf ihren Armen prangten Tattoos, welche teils obszön, teils albern waren. Ständig lachte sie, war frech und überdreht. Eigentlich war sie nicht der Typ Mensch, den Mister Cole in seiner Nähe schätzte. Doch im Grunde schätzte er auch sonst niemanden in seiner Nähe. Und doch hatte sie etwas an sich, das ihn so in seinen Bann zog, dass er seinen Blick kaum von ihr lösen konnte. Sie war schön und heiß, und jetzt merkte er, wie er gierig wurde. Erbost vertrieb er diesen Gedanken. Sie nervte. Sie hatte sich ungefragt und aufdringlich neben ihn gesetzt. Doch ganz sicher nicht, um mit ihm zu schlafen. Dafür war sie zu schön. Zu heiß. Sie hatte zu viel von dem, was er nicht war.

Sein Grübeln wurde durch das Klirren der Gläser unterbrochen. Der Kellner stellte schwungvoll ein Tablett auf dem Tisch ab. Er grummelte »Wohl bekomm’s!« und verschwand sofort wieder in der Menge. Mister Cole sah ihm hilfesuchend nach. Seine resolute Tischgenossin begann ohne Umstände, das Bier und den Schnaps zu verteilen. Sie lächelte ihn an und hob auffordernd die Augenbrauen. Mister Cole seufzte. Er konnte nichts mehr sagen, nichts mehr denken und sah sich selbst dabei zu, wie er brav das erste Gläschen hob. Sie nickte ihm zu und kippte in einem Zug die brennende Flüssigkeit hinunter. Er folgte ihrem Beispiel. Das Gesöff brannte in seinem Hals und er hätte sich wohl kurz geschüttelt, wenn er nicht plötzlich das kindische Bedürfnis gehabt hätte, besonders cool und lässig zu wirken. Sie hingegen schien nicht zu befürchten, auch nur ein Quäntchen ihrer Coolness einzubüßen, und begann hemmungslos zu ächzen. Dann stöhnte sie: »Okay! Das wird morgen Kopfweh geben. Das ist nichts für Schlaffis.« Sie zuckte mit den Schultern, dann fügte sie hinzu: »Mein Name ist übrigens Tallulah. Aber die meisten sind wohl zu faul, diesen wirklich komplizierten und langen Namen auszusprechen. Deshalb nennt mich jeder Lola.« Auch wenn sie ironisch klingen wollte, wirkte sie stolz, und Mister Cole fühlte sich fast dazu verleitet zu lächeln. Dann fragte Lola mit aufgesetzt vornehmer Stimme: »Darf ich auch Ihren Namen erfahren, mein werter Herr?« Mister Cole zögerte. Er hatte Angst, auch wenn er nicht wusste wovor. Eigentlich wollte er immer noch gehen, stattdessen antwortete er knapp: »Mister Cole.«

»Cole, ja? Klingt nach einem berühmten Schauspieler oder so.«

Sie lachte. Machte sie sich lustig?

»Ja, total …«, murmelte er. Normalerweise mied er Situationen, die unangenehm werden könnten. Schnell nahm er das nächste Gläschen und schüttete den Inhalt hinunter. Lola hob die Brauen und tat es ihm gleich. Wieder quietschte sie. Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter.

»Ich bin stolz auf dich, berühmter Mister Cole. Du hast doch noch deinen Spieltrieb entdeckt.«

Sie ließ ihre Hand dort ruhen. Angenehme Wärme begann ihn zu durchströmen. Er ließ sich zu einem unbeholfenen Lächeln hinreißen. Dann räusperte er sich angespannt und blickte anschließend extra düster drein. Er würde sich ganz sicher nicht dazu herablassen, an diesem Gelage so etwas wie Spaß zu haben.

Lola war schön. Lola war witzig, interessant und anziehend. Sie saßen nebeneinander, tranken und unterhielten sich. Ihre gute Laune war ansteckend, immer wieder berührte sie ihn. Mister Cole wollte auf Distanz bleiben, doch immer häufiger musste er lächeln, ja sogar lachen. Sie stellte ihm Fragen wie »Hattest du mal einen Hund?« und fügte sogleich eine Auskunft über sich hinzu: »Ich hatte noch nie ein Haustier, ich mag keine Hunde!« Oder sie sagte: »Ich finde, der Kerl da drüben sieht aus wie Ben Stiller. Kennst du Ben Stiller?« Sie fragte so vieles, jedoch nichts Langweiliges, nichts zu Persönliches und vor allem nichts Unangenehmes. Es war fast so, als wären sie beide allein im Pub. Er hatte alle Schutzwälle, Mauern und Sorgen fallen lassen.

Nach einer Weile frage Lola: »Also, erzähl mal, weltberühmter Mister Cole: Was treibt dich in diese verwegene Kneipe? So allein meine ich. Oder wolltest du etwa gar nicht allein bleiben?«

Sie sah ihn herausfordernd an und ließ wieder ihre Brauen tanzen. Das tat sie oft und gerne. Es war fast wie eine Aufforderung, auf jede ihrer Fragen zu antworten. Und das tat Mister Cole inzwischen auch brav. Jetzt räusperte er sich. Er war betrunken. Der Alkohol hatte seine Zunge gelöst.

»Nun ja, wer weiß?«

Er hob sein Bier und nahm einen Schluck.

Lola schnaubte: »Sah nicht so aus, als würdest du dich dafür besonders ins Zeug legen.«

Mister Cole stellte sein Glas ab und betrachtete sie.

»Ich, na ja, ich hab da so ne Masche drauf.« Er lachte und fuhr langsam fort: »Also, ich warte einfach so lange, bis, na ja, bis eben eine Frau zu mir kommt.« Die Unsicherheit kam zurück, doch er redete trotzdem weiter: »Wenn alle guten Kerle weg sind, dann bin ich noch da. Und hat eine Frau die Wahl zwischen Spielautomaten-Jim, dem schlafenden Kerl an der Bar und mir … erklärt sich von selbst, oder?« Er starrte auf seine Hände und schloss: »Ich nenne diese Frauen die Übriggebliebenen.«

Plötzlich schämte er sich, ihr dieses Geheimnis anvertraut zu haben. Lola jedoch empfand Mitleid. Anscheinend hielt er sich selbst für so eine Art Übriggebliebenen, auch wenn er das so krampfhaft zu verbergen versuchte.

»Das hast du doch nicht nötig! Du bist ein schöner Kerl und hast ne Menge zu bieten, da bin ich mir sicher«, sagte sie ernst.

Mister Cole lächelte unsicher, doch wirklich wohl fühlte er sich auf einmal nicht mehr. Er wollte kein Mitleid. Er wollte nicht armselig wirken, schon gar nicht in der Nähe einer so bezaubernden Frau.

»Also, wir sind hier, um unseren Abschied und den Aufbruch in die weite, weite Welt zu feiern. Wir hatten dieses Jahr unseren Abschluss«, schoss Lola los.

Mister Cole, der dankbar war für diesen Themenwechsel, wurde neugierig.

»Ach wirklich, schon fertig? Was habt ihr denn studiert? Ich schätze mal, du siehst jünger aus, als du bist?«

Lola riss ihre Augen weit auf und tat schockiert.

»Also wirklich Mister Cole! Man fragt eine Dame doch nicht nach ihrem Alter!«

Sie lachten.

»Ja, also, ich bin …«, begann Lola wieder, als plötzlich einige ihrer Freunde auftauchten. Sie lärmten fröhlich und waren offensichtlich sturzbetrunken.

»Wie wir sehen, liegt keiner von euch beiden unterm Tisch!«, sagte eine rundliche Frau mit langem, blondem Pferdeschwanz mit schwerer Zunge.

»Kein Wunder, die trinken ja auch gar nichts!«, mischte sich ein Kerl ein, der kaum noch geradeaus schauen konnte.

»Na, wahrscheinlich läuft es nicht auf unter dem Tisch liegen hinaus, sondern eher auf unter dem Typ liegen!«, entgegnete die Blonde, was großes Gelächter zu Folge hatte. Lola lachte mit.

»Na, besser als vor dem Klo liegen, oder?«

Sie johlten und grölten und Mister Cole begann sich unsagbar unwohl zu fühlen.

»Hey Lola! Wir hauen jetzt ab. Lasst euch nicht stören.« Die Blonde blickte streng und erhob ihren Zeigefinger: »Und benehmt euch!«

Lola nickte artig, lachte und stand auf. Sie verteilte Küsse und liebevolle Worte. Es liefen Tränen, und bis jeder und jede Einzelne verabschiedet war, dauerte es eine halbe Ewigkeit. Mister Cole sah, dass der Abschied schwerfiel, und staunte, denn Lola ließ den Abend mit ihren Freunden sausen, um mit ihm, einem widerwilligen und nicht unbedingt angenehmen Gesprächspartner ihre Zeit zu verbringen. Schamesröte stieg ihm ins Gesicht und er blickte verlegen zu Boden.

Nachdem die Freunde das Lokal verlassen hatten, ließ Lola sich mit wehmütigem Gesichtsausdruck und hängenden Schultern neben Mister Cole nieder. Sie sah noch eine Weile zur Tür. Dann fragte sie unvermittelt: »Wo waren wir stehen geblieben?«

Sie hatte Tränen in den Augen.

Mister Cole schluckte und sagte leise: »Wenn du mit ihnen gehen willst, ist das in Ordnung. Ich werde dich nicht aufhalten.«

»Quatsch!«, sagte sie laut und schniefte. »Die Langweiler gehen nach Hause in ihre Betten.« Sie klopfte ihm sanft auf den Rücken. »Was soll ich dort?« Sie nahm zwei der kleinen Gläser, reichte ihm eines davon und prostete ihm zu: »Auf die, die noch nicht daran denken, das Feld zu räumen!«

War es Lolas Schönheit oder das, was dahinter lag? Waren es der Alkohol und das Lachen, was die Endorphine durch seinen Körper jagte? Er wusste es nicht, doch was auch immer es war, dieser Abend entwickelte sich zu einem der besten, den er seit Langem erlebt hatte. Sie diskutierten über Gott und die Welt und leerten nebenbei gemächlich Glas für Glas. Es war weit nach Mitternacht oder eher sehr früh am Morgen, als der Barkeeper die letzte Runde ausrief. Erst buhte Lola ihn aus, doch nach einem prüfenden Blick durch den Pub verkündete sie strahlend: »Ich bin die Letzte!«

Mister Cole war gerade dabei, sein drittes Bier auszutrinken, und prustete schockiert: »Wie bitte?«

»Ich bin die Letzte, die Übriggebliebene!« Sie grinste so breit es ihr möglich war. »Los, lass uns gehen!«

Mit diesen Worten stand sie auf, nahm Mister Coles Hand und zog ihn mit sich. Er konnte gerade noch sein Buch greifen. Dann standen sie draußen in der kühlen, feuchten Nacht. Lola hakte sich glücklich bei ihm ein und sie wankten die Straße entlang.

»Sag, Mister Cole, wohin verschleppst du deine Opfer für gewöhnlich?«

Er war perplex wegen des schnellen Aufbruchs und des Ehrentitels, den Lola sich gerade verpasst hatte. Er konnte es kaum glauben. Zur Sicherheit schaute er zu ihr hinunter. Er musste lächeln. Wie lange hatte er schon nicht mehr so viel gelacht und gegrinst wie an diesem Abend. Er hatte Muskelkater in den Wangen.

»Gleich da vorne ist es!«, sagte er und wies die Straße entlang. Dann fügte er hinzu: »Bist du dir ganz sicher, dass du da hin willst?«

Sie machte sich ein wenig größer und gab fassungslos zurück: »Na hör mal, meine Bude ist meilenweit entfernt, und außerdem hab ich mir den Titel Übriggebliebene hart erkämpft. So viel Schnaps und so viel Gequatsche – das soll alles umsonst gewesen sein?«

Mister Cole lächelte zufrieden. Innerlich war er aufgeregt wie ein kleiner Junge.

Wenig später blieben sie an einer halbhohen, verwitterten Mauer stehen. Er öffnete das Tor. Ein gepflasterter Weg führte zu einem alten Backsteinhaus, das zwischen zwei identischen Gebäuden eingeklemmt zu sein schien. Er bedeutete ihr vorauszugehen. Alles wirkte etwas heruntergekommen, irgendwo bellte ein einsamer Hund und wäre Lola nicht so betrunken gewesen, hätte sie vielleicht Angst bekommen. Er sperrte die Haustür auf. Sie trat ein und stand direkt im dunklen Wohnzimmer. Mister Cole tastete sich an der Wand entlang, bis er den Lichtschalter fand. Lola schaute sich neugierig um. In dem großen Raum, in dem Mister Coles Couch und einige deckenhohe Bücherregale standen, befand sich auch die kleine Küche. Sie war durch eine Theke vom Wohnbereich getrennt. Dort standen zwei Barhocker, und Lola stellte sich vor, wie Mister Cole hier morgens saß und seinen Kaffee trank. Sofort fiel ihr auf, dass sie nicht wusste, ob er Kaffee mochte, und so fragte sie: »Trinkst du eigentlich gerne Kaffee, Mister Cole?«

Er grinste und strich sich durch die wirren Haare.

»Ähm, ja. Sehr gerne. Warum? Soll ich dir einen kochen?«, fragte er und wäre sofort bereit gewesen, sich an den Herd zu stellen. Doch Lola schüttelte den Kopf.

»Nein, nein. Viel lieber hätte ich jetzt ein großes Glas Wasser.«

Hinter der Couch, eingerahmt von zwei großen Holzregalen, stand eine schmale Tür halb offen, hinter der sich, wie es aussah, das Badezimmer befand. Rechts daneben führte eine weiße Treppe ohne Geländer hinauf in ein geheimnisvolles Dunkel. Vielleicht war dort das Schlafzimmer? Lola drehte sich langsam um sich selbst. Ihr wurde schwindelig und so setzte sie sich auf die dunkelrote Couch. Sie schnürte ihre Stiefel auf und entledigte sich ihrer Ringelsocken. Anschließend stellte sie ihre nackten Füße auf den Couchtisch und blickte durch ein Erkerfenster. Mister Cole setzte sich mit zwei Gläsern Wasser neben sie und reichte ihr eines davon.

»Auf die, die jetzt endlich das Feld geräumt haben. Wer hat eigentlich gewonnen?«, fragte er, als ihm plötzlich das Wetttrinken wieder einfiel.

Lola stieß mit ihrem Glas gegen seines, nahm einen ausgiebigen Schluck und antwortete dann: »Ich würde sagen unentschieden. Wir stehen ja noch beide und, na ja, was soll ich sagen, ich wollte eigentlich gar kein Wetttrinken veranstalten. Deswegen gibt es keinen Sieger und keinen Verlierer.« Sie sah ihn schuldbewusst an und gab dann ein wenig kleinlaut zu: »Weißt du, ich hoffe, das schockiert dich jetzt nicht, aber das Wetttrinken war eigentlich nur ein Vorwand, um dir ein bisschen näherzukommen, Mister Cole.«

Er musterte sie ungläubig. Lola wandte den Blick ab. Sie waren beide müde und die Stimmung war verzagt. Sie waren allein, ohne den schützenden Lärm der Kneipe, intim und unbeobachtet. Es fühlte sich so an, als hätten sie den Moment, einfach übereinander herzufallen, irgendwann verpasst. So saßen sie da, taten nichts, sagten nichts, bis schließlich der Morgen graute. Sie sahen dabei zu, wie der Himmel sich in zarten rosa und orangen Tönen färbte und wie dann die Sonne langsam über den Horizont kroch.

Lola spürte plötzlich Mister Coles warmen Atem in ihrem Nacken. Sofort bekam sie eine Gänsehaut. Sein Körper war so nahe an ihrem. Ihr Herz begann wie wahnsinnig zu hämmern und ihre Mundwinkel spannten sich, während ihr ein Schauer über den Rücken lief. Sie drehte sich noch nicht zu ihm. Sie wollte den Moment auskosten. Die Anspannung, das zerreißend schöne Gefühl in ihrer Magengrube, die Stille, die nur durch das Rascheln von Stoff und das Rauschen des Blutes in ihren Ohren unterbrochen wurde. Seine Nasenspitze berührte ganz sacht den Rand ihrer linken Ohrmuschel und er strich vorsichtig mit seinen Fingerspitzen ihren Oberarm hinauf zur Schulter. Langsam drehte sie sich zu ihm. Sie waren sich so nahe, dass ihre Nasenspitzen einander berührten. Sie küssten sich zaghaft. Mister Coles Herz raste. Lola war es, als würde ihre Brust explodieren und in ihrem Körper jagte ein Schauer den nächsten. Mister Cole schloss seine Arme um sie. Sie vergrub ihre Finger in seinem dichten Haar. Er streichelte mit seiner Zunge ihre Unterlippe und sie erwiderte den zarten Kuss der Zunge. Lola seufzte tief, während er begann sie auszuziehen.

Sie liebten sich lange und wild, liebevoll und fest und zaghaft, bis die warme Septembersonne auf ihre nackten, klebrigen Körper schien. Mister Cole strich durch ihr seidiges Haar. Er fühlte sich so schwer, so müde und so unvorstellbar glücklich. Da lag eine Frau in seinen Armen. Sie war nackt und sie war echt. Er spürte ihren schweren Busen. Er spürte ihre Zehen, die sich mit den seinen verkeilten, und ihre warme Hand, die auf seinem Körper ruhte. Sie war zuckend und schreiend zum Ende gekommen und dann nach Luft ringend erschöpft auf seiner Brust eingeschlafen. Sie atmete tief und gleichmäßig, und es fühlte sich so friedlich und vertraut an, als wäre sie schon immer in seinem Leben gewesen. Langsam schliefen seine Pobacken ein, doch er wollte sich nicht einen Millimeter bewegen, um sie nicht zu wecken. Wie kann ein Kerl wie ich nur so viel Glück haben, fragte er sich. Diese Fremde war einfach in sein Leben geplatzt und hatte es geschafft, ihn im Laufe nur eines Abends völlig zu verzaubern. Seine Augen brannten und die Lider wurden schwer. So sehr er versuchte, sie offen zu halten, aus Angst, sie könnte verschwunden sein, wenn er aufwachte, wurde er bald vom Schlaf übermannt.

Als Lola erwachte, klebte ihr Gesicht auf einer haarigen Brust und in ihrem Kopf hämmerte es im Gleichtakt: Zu viel getrunken! Zu viel geraucht! Zu viel getrunken! Zu viel geraucht! Sie hob den Kopf mit einem leisen Schmatzen und betrachtete das Gesicht, das zu der haarigen Brust gehörte. Was für ein Erlebnis! Sie seufzte verzückt, setzte sich auf, rieb ihre Augen und streckte sich. Die Sonne stand schon sehr hoch am Himmel. Es musste bereits Mittag sein. Sie gähnte ausgiebig und sah dann verschlafen auf die kleine bunte Uhr an ihrem Handgelenk. Ihr Magen drehte sich vor Schreck. Wenn ihr Gehirn richtig funktionierte, war es Sonntag 12:30 Uhr. Sie sprang auf und suchte ihre Kleider zusammen. Hose, Höschen und Socken lagen auf dem Boden. Über der Couchlehne hing ihr BH. Ihr Shirt zog sie unter dem schlafenden Mister Cole hervor, was ihn unsanft weckte. Er öffnete seine Augen und beobachtete verschwommen, wie eine Gestalt den Raum verließ. Die Erinnerung und das Bewusstsein kamen schlagartig zurück und er setzte sich auf. Schmerzen stachen durch seinen verkaterten Schädel, er krümmte sich wieder zusammen. Dann massierte er seine Schläfen und krächzte heiser: »Hey! Was passiert denn hier? Willst du etwa schon gehen? Keinen Kaffee mehr?« Seine Stimme klang enttäuschter, als er beabsichtigt hatte, und nun machte sich Unbehagen in ihm breit.

»Entschuldige bitte!«, rief Lola atemlos, »ich würde so gerne Kaffee trinken und wieder zurück auf die Couch, aber ich hab leider total die Zeit übersehen. Ich müsste längst unterwegs sein! Ich bin viel zu spät dran.«

Sie kam zurück ins Zimmer und setzte sich schwungvoll zwischen seine Knie auf den Boden. »Aber hier«, sie packte seinen Arm, nahm sich einen Stift vom Wohnzimmertisch und schrieb etwas darauf. Es pikste, doch er hielt geduldig aus, bis sie ihr Werk vollendet hatte. Sie drehte sich zu ihm, lächelte unsicher und küsste ihn auf die Nase. »Du bist der Wahnsinn und diese Nacht war der Wahnsinn und ich fühle mich ganz wahnsinnig gut, weltberühmter Mister Cole!«

Sie küsste ihn dreimal und stand auf. Noch bevor er etwas hätte sagen können, war sie gegangen. Er hörte die Tür ins Schloss fallen und starrte erschüttert vor sich hin. Er wusste nicht, was er fühlen sollte. Ihm war übel vom Alkohol und dem plötzlichen Stress. Er fühlte sich enttäuscht, weil Lola so schnell verschwunden war. Dann fiel sein Blick auf seinen Arm und sein Herz machte einen Hüpfer. Da stand eine Telefonnummer. Ihre Telefonnummer. Außerdem war da ein krakeliger Satz. Angestrengt zog er die müden Augen zusammen und versuchte die Schrift zu entziffern. Als er verstanden hatte, lächelte er selig. Bei Nichtanrufen zerstört sich diese Nummer selbst! Eine große Wärme breitete sich in ihm aus. Er ließ sich zurück auf die Couch fallen und seufzte glücklich. Er würde nun einen Kaffee trinken, sich duschen und anziehen und dann zurück zu seinem Arbeitsplatz fahren. Noch nie hatte er sich so sehr darauf gefreut wie an diesem Morgen.

Abgefahren

Lola kurbelte die Scheibe ihres Autos herunter. Sie steckte sich eine Zigarette an und drehte die Musik lauter. Sie nahm einen tiefen Zug und hustete daraufhin mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Rauch vermischte sich in ihrem Mund mit dem schalen Geschmack, der von der letzten Nacht übriggeblieben war: Alkohol. Es schmeckte widerlich, doch sie ignorierte stur das würgende Kratzen in ihrem Hals.

Eigentlich war es ein schöner Tag. Draußen war das herrlichste Wetter und die Spätsommersonne schien warm auf ihre nackten Schultern. Das weiche Kunstfell ihrer Leoparden Sitzbezüge saugte gemächlich ihren Schweiß auf. Bäume, deren Laub noch immer in sattem Grün leuchtete, zogen an ihr vorbei. Die kleinen Dörfer und Orte, die sie auf ihrer Fahrt durchquerte, wirkten gemütlich, fast malerisch. Ihr Weg schlängelte sich in endlosen Kurven und Hügeln durch die Landschaft, und die Luft duftete nach warmem Teer. Lola spürte die letzte Nacht in jeder Faser ihres Körpers. Sie hatte kaum geschlafen, und ihr Nacken schmerzte. Sie rieb sich die schweren Augenlider mit der Rückseite ihrer Hand und gähnte herzhaft. Ihre stechenden Kopfschmerzen waren zu einem dumpfen Pochen geworden und ihr Magen knurrte. Sie drückte die halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus, als sie die Auffahrt zur Autobahn erreichte und die Landstraße verließ. Es herrschte dichter Verkehr. Sonntagsfahrer, dachte Lola genervt und überholte einen Caravan. Sie drückte aufs Gas und bat die Götter darum, dass ihr Auto nicht in seine Einzelteile auseinanderbrechen würde. Das tat sie jedes Mal, wenn sie auf der Autobahn fuhr. Doch ihr kleiner grüner Ford hatte sie noch nie im Stich gelassen. Vielleicht gab es ja so etwas wie einen Autogott, und der mochte Fords wahrscheinlich am liebsten. Die Monotonie der Schnellstraße brachte sie zum Grübeln. Während sie ein Fahrzeug nach dem anderen überholte, schweiften ihre Gedanken ab. Vor ein paar Stunden hatte sie Hals über Kopf Mister Coles Wohnung verlassen. Sie hatte sich erst einmal orientieren müssen, doch nach ein paarmal falsch abbiegen fand sie schließlich den Weg in die Innenstadt. Dort hatte sie sich erschöpft auf die Bank an der Bushaltestelle sinken lassen und auf den Bus gewartet, der sie nach Hause bringen sollte. Sie hatte ihre Kopfhörer aus der Tasche gezogen und sich mit lauter Musik beschallt.

Als der Bus endlich vor ihrer Nase Halt machte, stieg sie ein und suchte sich einen Sitzplatz ganz hinten. Lola wollte nichts lieber, als allein zu sein, doch setzte sich eine alte Dame neben sie und begann, ihre riesigen Kopfhörer ignorierend, über vergangene Zeiten und die Leiden des Alters zu referieren. Lola seufzte leise. Ab und zu nickte sie langsam oder ließ ein lang gezogenes »Hmmm« verlauten.

Endlich zu Hause angekommen, stürmte sie die drei Stufen hinauf zur Eingangstür, kramte ihren Schlüssel hervor und sperrte hektisch auf. Ihre Mutter Alice begrüßte sie zeternd: »Kind! Wo warst du nur so lange? Wir haben uns Sorgen gemacht! Du hättest längst hier sein müssen!« Dann musterte sie ihre Tochter ungläubig. »Wie siehst du denn aus? Hast du bei Agnes übernachtet?«

Lola war genervt.

»Mom! Denkst du wirklich, das ist mir nicht klar?«

Doch als sie sah, wie sehr sich Alices Blick verdunkelte, ruderte sie zurück: »Sorry Mom! Ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen macht. Ich habe die Zeit übersehen und jetzt kann ich nicht mal mehr duschen und ich hatte noch keinen Kaffee und ich muss jetzt echt los!«

Mit diesen Worten rannte sie hinauf in ihr Zimmer. Im Flur des Dachgeschosses stockte sie plötzlich, beugte sich zwischen dem Geländer hinunter und rief quer durchs Haus: »Moooom? Kannst du anrufen und Bescheid sagen, dass ich viiiiiel zu spät komme?«

Alice rief zurück: »Ja, natürlich, Honey! Wann wirst du da sein? Was soll ich sagen?«

Lola seufzte ungeduldig.

»Keine Ahnung. Sag einfach: zu spät. Ich mach, so schnell ich kann.«

In ihrem Zimmer stopfte Lola die letzten Sachen in einen Koffer, der schon halb gepackt auf dem Bett stand. Sie zog sich schnell ein frisches T-Shirt an.

Unten reichte Alice ihr eine Tasse Kaffee und sagte mit besorgtem Blick: »Darling, du siehst aus, als hättest du drei Tage Festival hinter dir.«

»Na ja, fast. Aber ich habe jetzt keine Zeit zum Erzählen. Ich rufe dich an, sobald ich da bin, ja?«

Sie küsste Alice auf die Wange und lächelte.

»Ich bin so aufgeregt!«

Alice schloss sie liebevoll in die Arme.

»Wo sind die anderen?«, fragte Lola.

Ihre Mutter schüttelte traurig den Kopf. Lolas Vater August und ihre beiden jüngeren Geschwister Julie und Jonas waren bereits zum gemeinsamen Sonntagsausflug aufgebrochen. Lola seufzte. Sie hätte sich gerne von ihnen verabschiedet und wäre viel lieber mit ihrer Familie unterwegs, als zu einer endlos langen Autofahrt aufzubrechen. Ihre Mutter drückte sie noch einmal fest an sich.

»Wir sehen uns bestimmt bald wieder, Schatz. Die Wochen werden so schnell vergehen, dass du gar keine Zeit haben wirst, uns zu vermissen.«

Lola hatte Alice lächelnd die Tasse in die Hand gedrückt und war hinaus zu ihrem kleinen grünen Wagen gelaufen. Sie hatte ihr Gepäck in den Kofferraum geschmissen und war dann hupend davongefahren.

Nun saß sie hier, ihr Hintern schmerzte und der Blick auf die Uhr versetzte ihr einen Stich. Es war 18:30 Uhr. Laut Aufnahmebestätigung hatte die Begrüßungsfeier um 18 Uhr begonnen. Lola fluchte leise. Sie würde mindestens noch zwei Stunden brauchen. Außerdem musste sie tanken und unbedingt etwas essen. Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu und Lola gähnte. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem warmen Bett. Sie drehte die Musik noch etwas lauter und steckte sich die nächste Zigarette an. Innerlich war sie so unruhig. Ein Internat! Das kannte sie bisher nur aus Filmen und Büchern. Abenteuerlich und aufregend war das. Freundschaften fürs Leben und schlafen im gemeinsamen Stockbett. Sie hatte keinen Schimmer davon, was auf sie zukommen würde. Sie hatte die Schulzeit bisher auf einer alternativen Privatschule nahe ihrer Heimatstadt verbracht. Dank ihrer Hippie-Eltern hatte sie noch nie eine Note bekommen, keine Hausarbeiten machen müssen und der Unterricht hatte häufig in der Natur stattgefunden. Sie war mit ihren Freunden unterwegs gewesen und sie hatten die wahre Freiheit genossen. Freiheit um den Preis, dass ihr Abschluss trotz ihrer umfassenden Bildung nicht anerkannt wurde. Lola wollte unbedingt Kunstgeschichte studieren. Diesen Traum hegte sie schon so lange, dass sie jede Mühe auf sich nahm, damit er in Erfüllung gehen würde. Im Frühling ihres letzten Schuljahres hatte sie sich für ein Stipendium in einer der – wie es hieß – besten Schulen des Landes beworben. Sie hatte die Aufnahmeprüfung mit Bravour bestanden. Mit einem Abschluss an dieser Bildungsstätte würde ihrem Traum nichts mehr im Wege stehen. Lola würde ihre Freunde und ihre Familie schmerzlich vermissen, da war sie sich jetzt schon sicher. Doch der Ort, den sie nun für ein ganzes Jahr ihr Zuhause nennen sollte, war nicht der übelste. Das Internat lag einsam auf einem Hügel, umgeben von Wald und Feldern. Bis zur nächsten Ortschaft waren es einige Kilometer, bis zur nächsten Stadt noch einige mehr. Einst war das riesige Gebäude ein heiliger Ort gewesen, der von Mönchen bewirtschaftet worden war. Doch heutzutage wollten die Menschen ihr Leben nicht mehr im Zölibat fristen, der Klosterbetrieb erstarb und viele Jahre hatte das Gebäude einfach leer gestanden. Vor einigen Jahren wurde es dann schließlich saniert und zu einer Schule umfunktioniert. Bisher hatte Lola nur Bilder gesehen, und auf denen wirkte das Ganze ziemlich elitär.

Sie war eine weitere Stunde gefahren. Andauernd rieb sie jetzt ihre Augen und gähnte in einem fort. Sie brauchte einen Kaffee. Sie brauchte etwas zu essen. Zu ihrem Glück kam die nächste Raststätte schon in Sicht. Der Parkplatz war fast leer. Nur hier und da standen Lkws, deren Vorhänge zugezogen waren, und ein paar vereinzelte Familienkutschen. Lola parkte ihren Wagen schwungvoll und schlenderte dann in die hell erleuchtete Tankstelle. Dort befand sich ein Schnellrestaurant, das den Duft von Frittierfett und Zwiebeln verströmte. Lolas Magen knurrte bedrohlich, doch zuerst musste sie pinkeln. Sie sah hypnotisiert dabei zu, wie sich die Toilette selbst reinigte, wusch sich die Hände und schlenderte anschließend zu der langen Theke des Bistros. Sie setzte sich auf einen der gepolsterten Barhocker. Ein schlecht gelaunter, unförmiger Mann erschien und nickte zur Begrüßung.

»Ähm …« Lola blickte hinauf zu den Neontafeln, wo die Speisen mit dazu passenden Bildern aufgelistet waren. »Ich hätte gerne den Burger des Hauses, eine Sprite und dazu einen großen Kaffee.«

Der Mann zog grunzend davon. Lola sah sich um. An den kleinen Tischen saßen nur wenige Menschen. Ein paar müde Fernfahrer, Geschäftsmänner, die eifrig auf ihren Laptops herumtippten, und hier und da Familien mit quengelnden Kindern.

Der Mann, der unsanft ihre Bestellungen vor ihr abstellte knurrte: »Macht dreizehn siebzig!« Dabei zog er seinen Rotz hoch.

Lola zahlte, lächelte freundlich und sagte: »Danke sehr!«

Er ignorierte ihre Freundlichkeit und schlurfte wieder davon. Lola lief das Wasser im Mund zusammen. Mit großem Appetit nahm sie ihren Burger in beide Hände und steckte ihn sich so weit, wie es ihr möglich war, in den Mund. Als sie fertig gegessen hatte und ihr Bauch sich rund und prall anfühlte, rührte sie Milch und Zucker in ihren Kaffee. Sie nahm einen Schluck und genoss die Wärme, die sich in ihrem Magen ausbreitete. Sie fröstelte, denn nach dieser Mahlzeit kam die Müdigkeit noch erbarmungsloser über sie. Sie zog einen dicken Pulli aus ihrer Tasche und streifte ihn über. Er roch nach dem Waschmittel ihrer Eltern, vertraut nach Zuhause. Sie seufzte. Es machte sie traurig. Traurig darüber, dass sie ihre Liebsten so weit wie noch nie zuvor in ihrem Leben hinter sich gelassen hatte. Gut, sie verließ nicht das Land, und ein Jahr war eine überschaubare Zeit. Lola war ein offener und neugieriger Mensch. Sicher würde sie schnell neue Freunde finden. Und auch mit ihren Lehrern hatte sie sich bisher immer gut verstanden. Aber der Haufen von Althippies, der sie unterrichtet hatte, würde wohl kaum mit den Pädagogen der neuen Schule vergleichbar sein. Aber was zerbrach sie sich den Kopf? Wahrscheinlich waren es nur der Schlafmangel und der Kater, die sie so unsicher machten. So lief das Leben eben. Es würde immer etwas Neues kommen, und im Grunde genommen war es ein Anlass sich zu freuen. Es war ein Abenteuer, endlich ihr Nest zu verlassen. Irgendwann musste dieser Tag kommen.

Der schlecht gelaunte Mann riss sie aus ihrem Gedanken.

»Brauchste noch ’n Kaffee?«

Lola zuckte zusammen.

»Nee, danke! Sonst kann ich heute Nacht echt nicht schlafen!«

»Siehst so aus, als hättste das letzte Nacht schon nich gemacht!«, gab er feixend zurück. »Wild gefeiert, was?«

Lola lachte. Wenn du wüsstest, dachte sie und sah ihm nach, wie er zwischen den Tischen davonschlurfte. Erst jetzt kamen die Bilder der letzten Nacht zurück. Sie hatte ihre Begegnung mit Mister Cole schon fast vergessen. Ein seliges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Er hatte sie angezogen wie ein Magnet. Gleich als sie ihn beim Betreten des Pubs entdeckt hatte, konnte sie ihre Blicke kaum von ihm abwenden. Er war eigentlich nicht der Typ Mann, den Lola so schnell ins Visier nahm. Wahrscheinlich war er Student. Er hatte nicht gerade begeistert gewirkt, als sie sich einfach zu ihm setzte, und es war auch überhaupt nicht ihre Art, dermaßen aufdringlich zu sein. Irgendetwas in ihr hatte sie angetrieben, und sie war froh, dass sie diesem Gefühl gefolgt war. Mit jeder Minute, die sie mit ihm gesprochen hatte, waren sein Gesicht und seine Züge entspannter und feiner geworden. Als er sich dann zum ersten Mal dazu herabgelassen hatte zu lächeln, gab es für Lola keinen Zweifel mehr, dass Mister Cole etwas Besonderes an sich hatte. Und wider aller Erwartungen hatten sie eine wunderschöne Nacht zusammen verbracht. Trotz seiner offensichtlichen Introvertiertheit, war Mister Cole anscheinend ein erfahrener Liebhaber, und Lola lief ein warmer Schauer über den Rücken, als sie jetzt daran dachte, wie er sie mit seinen großen Händen angepackt und dennoch wie eine Porzellanfigur behandelt hatte. Es war so leidenschaftlich, so vertraut, so innig gewesen, als hätten sie schon tausende Male miteinander geschlafen. Seine Küsse schmeckten nach einer Mischung aus Zimt, Kirschen und Alkohol. Sein Geruch lag ihr noch in der Nase. Sie konnte seine Zunge, seine Finger, seinen ganzen Körper noch überall spüren. Würde sie ihn wiedersehen? Ob er nüchtern mutig genug war, sich bei ihr zu melden? Als sie ihm ihre Nummer auf den Arm geschrieben hatte, war ihr der Gedanke nicht in den Sinn gekommen, dass sie ab jetzt viel zu weit weg sein würde, um ihn eben mal spontan zu treffen. Lola wurde wehmütig. Sie war verliebt. Verliebt bis in die Haarspitzen. So verliebt, wie sie es vorher nie gewesen war. Doch der Zeitpunkt hätte kaum ungünstiger sein können. Sie war hier und er war dort. Ob es ihm überhaupt genauso ging? Immerhin war er mit einer Absicht in den Pub gekommen. Er wollte irgendeine verzweifelte Frau aufreißen. Aber Lola war nicht verzweifelt und auch nicht einsam. Doch machte das für ihn einen Unterschied? Sie seufzte tief. Vielleicht war es das Beste, sich ihn aus dem Kopf zu schlagen.

Lola war weder daran gewöhnt noch hatte sie Interesse daran allein zu sein. In ihrer Familie wurde Nähe großgeschrieben. Ihre Eltern hatten ihr immer wieder gesagt, dass sie ihrem Herzen folgen und sich nicht von verstaubten Konventionen und Schuldgefühlen lenken lassen solle.

»Du bist jung, Darling, und frei. Dein Leben ist dazu da herauszufinden, was du wirklich willst. Das kannst du nur, wenn du es ausprobierst, dich hineinstürzt und manchmal auch auf die Nase fällst.«

Lolas Mutter Alice war vieles: Yogalehrerin und Naturheilkundlerin, sie jobbte als Verkäuferin in einem Bioladen, war Hebamme für Mensch und Tier und liebte das Leben in all seinen Facetten. Selbst die spießigste Nachbarin war schon einmal Gast an ihrem Küchentisch gewesen. Dort saß Alice dann in ihre bunten, flatternden Kleider gehüllt, mit Ketten und Ringen geschmückt. Sie war stark und stur und hatte für jede Situation die passende Weisheit in petto. Sie ließ sich nie zu Oberflächlichkeiten hinreißen und redete mit jedem Menschen, den sie länger als nur ein paar Minuten traf, über Liebe, Sexualität und ihre innere Mitte. Themen, die die biedere Nachbarin normalerweise nicht einmal einem Priester anvertraut hätte. Lolas Mutter war sehr klein, hatte ein rundes Gesicht und eine spitze Nase, auf der ihre Brille mit den roten Rändern saß. Ihr Haar war genauso, wie Lola es auf dem Kopf trug: schwarz, lang und flattrig wie Federn.

Lolas Vater August war vor allem anderen und an erster Stelle Gärtner. Biodynamischer Gärtner, verstand sich. All seine Lebensenergie und Freude steckte er in die Erde, goss liebevoll, hegte und pflegte, schnitt hier ein bisschen und stutzte dort ein wenig. Nicht ohne jemals zu vergessen, Mutter Erde für ihre Gaben zu danken. August war ein sehr großer Mann, sehr einfach und genügsam. Er strahlte Ruhe aus. Ein Blick aus seinem freundlichen, von grauen Locken umrahmten Gesicht reichte, und alles wurde friedlich. Er hatte es oft geschafft, Lola und ihren Geschwistern damit den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Lola erschrak. Seit einer geschlagenen Stunde saß sie schon hier und hatte völlig vergessen, dass sie es eilig hatte. »Scheiße!«, murmelte sie leise und packte ihre Sachen zusammen. Sie lief hinaus in die Kälte und sprang in ihren Wagen. Während sie sich eine Zigarette ansteckte, startete sie den Motor und gab Gas. Sie hatte immer noch eine gute Stunde Fahrt vor sich und würde wahrscheinlich gleich an ihrem ersten Tag einen miesen Eindruck hinterlassen.

Der dunkle Abend wandelte sich in eine noch dunklere Nacht. Sterne und Mond waren von dicken Wolken verdeckt, aus denen es leicht zu tröpfeln begann. Lola schaltete den Scheibenwischer an, drehte die Musik voll auf.

Die Minuten verrannen und Lola verließ die Schnellstraße. Anfangs fuhr sie durch ein paar schummrig beleuchtete Dörfer. Hier und da brannten Lichter in den Häusern, und ihr Bedürfnis nach einem weichen Bett wurde immer größer. Nach einiger Zeit verschwanden die Gebäude und wieder säumten nur Bäume und Felder ihren Weg. Der Zustand der Straße wurde zunehmend schlechter. Zu allem Überfluss verfuhr sich Lola zweimal und brauchte jeweils zwanzig Minuten, um wieder auf den richtigen Weg zu finden. Sie fluchte und knirschte mit den Zähnen. Sie kam an einen Schotterweg und hielt den Wagen an. Hatte sie sich etwa schon wieder verfahren? Am Straßenrand erkannte sie undeutlich ein schwarzes Schild mit goldenen Lettern. Sie kniff die Augen zusammen, dann jubelte sie laut auf. Sie war am Ziel. Lola folgte dem steinigen Weg, dessen Steigung zunahm. Am Himmel riss die dichte Wolkendecke auf und das Mondlicht schien wie auf Befehl über die imposante Klosteranlage. Ihr Herz klopfte schneller, als sie langsam die letzten Meter der Auffahrt entlangfuhr.

Sie passierte ein riesiges gusseisernes Tor und kam auf einem kleinen Parkplatz neben einer ihrem Ford ebenbürtig ältlichen Schrottkarre zum Stehen. Sie stieg aus und ging zu ihrem Kofferraum. Während sie ihre Taschen nahm, tätschelte sie ihren Wagen und nickte zu dem alten schwarzen Auto hinüber. »Macht keinen Unsinn ihr beiden. Und wenn er dich ärgert, hup einfach laut. Dann komme ich und trete gegen seine Stoßstange. Okay?« Der Ford antwortete nicht. Wahrscheinlich ist er eingeschlafen, dachte Lola und sah sich neugierig um. Alles wirkte viel mehr wie ein Schloss als wie ein Ort, an dem Menschen demütig ihrem Gott gedient hatten. So weit Lola sehen konnte, war sie von säuberlich angelegten Wegen und Beeten umgeben. Irgendwo plätscherte ein Brunnen und sie konnte das Rauschen der Bäume des nahe gelegenen Waldes hören. Ansonsten war es bis auf ihre auf dem Kies knirschenden Schritte still. Das mächtige hölzerne Eingangstor war mit eindrucksvollen Ornamenten verziert. Sie zögerte einen Moment. Dann schlug sie zweimal fest gegen das Tor. Zu fest. Ihre Hand schmerzte, und während sie sie umklammerte, jammerte sie leise. Gab es hier keine Klingel? Lange Zeit passierte nichts und Lola fürchtete schon, dass sie noch einmal klopfen müsste. Doch dann hörte sie Schritte. Sie kamen näher, wurden lauter, hallten durchs Innere. Direkt vor der Tür erstarb das Geräusch. Nichts geschah. Gab es ein Guckloch, einen Schlitz, durch den man nach draußen spähen konnte? Mussten erst siebzig Schlösser entriegelt oder ein Hosenstall hochgezogen werden?

Lola stutzte und fragte vorsichtig: »Hallo?«

Sie zuckte zusammen, als sich die Tür plötzlich knarrend öffnete. Doch niemand erschien. So trat sie unsicher ein und wurde von gedämpftem Licht und angenehmer Wärme empfangen. Sie sah sich um. Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Die Decken waren gewölbt und an den Rändern mit wunderschönem Stuck verziert. Überall hingen kunstvolle Teppiche und Bilder an den Wänden. Auf der rechten Seite gab es eine Art Empfang. Große Glasscheiben trennten ein kleines Büro vom Rest der Halle. Gleich gegenüber hingen drei Telefone an der Wand. Lola ließ ihren Blick weiter durch den Raum wandern und zuckte noch einmal zusammen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass da ein Mann stand. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil das Licht des Kamins in seinem Rücken schien. Vor lauter Schreck plapperte sie einfach los.

»Oh Mann! Haben Sie mich erschreckt! Ich hab Sie gar nicht gesehen!«

Sie streckte ihre Hand aus, um ihn höflich zu begrüßen. Er rührte sich jedoch nicht, was Lola darauf schließen ließ, dass er reichlich verstimmt über ihre Verspätung sein musste. Sie räusperte sich und lächelte verlegen.

»Mein Name ist Tallulah. Ich bin neu hier und möchte mich entschuldigen. Ich wollte Ihnen keine Umstände machen.«

Sie sprach sehr leise und traute sich kaum, die dunkle Gestalt anzusehen. Langsam wurde sein Schweigen gruselig, und kurz kam ihr der alberne Gedanke, sie rede gerade mit einer Art Pappaufsteller. Doch dann räusperte sich der Mann und trat einen Schritt näher. Der Schein des Kamins flackerte nun auf seinem Gesicht, sodass Lola es erkannte. Die Augen des Mannes wirkten tiefschwarz und eiskalt. Sie starrten sie unverwandt an und zeigten ansonsten keine Regung. Lola hingegen lachte vor Überraschung auf. Sie hielt sich die Hand vor den Mund.

»Heilige Scheiße!«, flüsterte sie fast unhörbar.

Frederick Cole

Mister Frederick Cole hatte gerade die schönste Nacht seines Lebens verbracht. Er fühlte sich wie der Glückspilz des Jahrhunderts und in seinem Gesicht klebte ein sanftes Lächeln. Im echten Leben war er Lehrer an einem Internat für – wie er sagte – reiche Schnöselkinder. Er verabscheute diesen Job, seine Schüler und jeden Tag, an dem er sie unterrichten musste. Jetzt war der Moment gekommen, dass er dorthin zurückkehren musste. Doch im Gegensatz zu all den Malen davor, in denen er sich mit hängenden Schultern aufgemacht hatte, war er heute voller Vorfreude. Er saß noch immer nackt auf seiner Couch, wo sich Lola vor einigen Minuten von ihm verabschiedet hatte. Auf dem Beistelltisch lag ein unordentlicher Haufen aus diversen Papieren, Unterlagen und Krimskrams, in dem er nach seinem kleinen schwarzen Notizbuch suchte. Er wollte ihre Telefonnummer abschreiben und traute sich kaum zu schwitzen aus Angst, die krakelige Schrift auf seiner Haut könnte noch unleserlicher werden, als sie es sowieso schon war. Diese kurzen Zeilen aus Tinte schienen ihm so viel wertvoller als alles, was er bisher gelesen hatte.

Frederick Cole wurde fündig und begann mit zusammengekniffenen Augen zu schreiben. War das eine Neun oder eine Acht? Er legte den Kopf schräg. Als er die Nummer in ordentlicher Schrift zu Papier gebracht und liebevoll ihren Namen daruntergesetzt hatte, las er noch einmal Lolas Spruch auf seinem Arm. Er musste lachen. Normalerweise hätte er wegen so etwas Albernem keine Miene verzogen, doch er sah ihr Gesicht vor sich, ihre Lippen und die wachen Augen. Glückselig strich er sich die Haare aus der Stirn. Er ging ins Badezimmer. Auch wenn er ein sehr reinlicher Mensch war, wollte er den Geruch der letzten Nacht am liebsten behalten. Doch nicht nur Lolas Duft umgab ihn. Schweiß, Alkohol und Rauch musste er wohl oder übel loswerden. Er wusch, rasierte und kämmte sich. Dabei pfiff er unentwegt fröhlich vor sich hin.

Während auf dem Herd das Wasser für seinen Kaffee heiß wurde, schüttete er sich muffige alte Cornflakes in eine Schüssel. Er übergoss sie mit dem Rest der Milch, der in seinem ansonsten leeren Kühlschrank zu finden war. In den letzten Tagen der Ferien hatte er genau darauf geachtet, nichts mehr einzukaufen, was er nicht auch verbrauchen konnte. Doch die genaue Menge Milch zu berechnen, um die Cornflakes ausreichend darin baden zu können, hatte er nicht geschafft. Nur der Boden der Schüssel war bedeckt und Frederick verzog sein Gesicht. Er begann seufzend zu essen, schlürfte seinen heißen Kaffee.

Nur in den Sommerferien und ab und zu auch zwischen Weihnachten und Neujahr war er zu Hause. Er hatte dieses schäbige Haus gekauft, kurz bevor er seine Stelle als Lehrer angetreten hatte. Eigentlich hatte er sich eine Bleibe suchen wollen, die näher an seinem Arbeitsplatz lag, doch irgendetwas hatte ihn all die Jahre davon abgehalten. Vielleicht, so dachte er, war es wegen dieser überirdisch schönen Begegnung letzte Nacht. Er lachte freudlos. Er war weder spirituell, noch glaubte er an das Schicksal. »Wie sehr die Liebe dich doch verblöden lassen kann«, sagte er zu seinem Löffel. Die Liebe! War es wirklich das, was er da durch seinen Körper vibrieren spürte? Sei nicht so kindisch, schalt er sich innerlich selbst und schlug die Zeitung auf.

Später beseitigte er die letzten Spuren seiner Anwesenheit, räumte seine Tasche fertig ein, die er eigentlich kaum ausgepackt hatte, und hievte sie in den Kofferraum seines Wagens. Es war eine alte klapprige Schrottkiste, die, wie es schien, in den letzten Zügen lag, seit er sie besaß. Er hätte sich längst ein neues, schickes Auto mit Klimaanlage kaufen können, er verdiente genug und gab sehr wenig aus. Doch irgendwie hing er an seinem Wagen wie an einem alten Freund. Frederick sprach mit ihm. Es waren Monologe und er bekam nur ab und an eine Antwort in Form einer Fehlzündung.

Die Sonne stand warm am Himmel. Als er die Tür an der Fahrerseite öffnete, kam ihm ein Schwall stickig feuchter Luft entgegen. Er zog sein Jackett aus und schmiss es auf den Beifahrersitz. »So, alte Dame. Wir gehen wieder auf Reisen. Ich hoffe, du enttäuschst mich nicht und bringst mich brav zur Schule!«, sagte er laut und klopfte auf das Armaturenbrett. »Bekommst auch ne ganze Tankfüllung.« Er startete den Motor, legte seine Lieblings-CD ein und setzte seine Sonnenbrille auf die Nase. Er fuhr durch die heruntergekommene Nachbarschaft in Richtung Stadtzentrum. Es war Nachmittag. Auf den Fußgängerwegen und in den Cafés und Restaurants am Straßenrand tummelten sich zahlreiche Menschen. Nach ein paar roten Ampeln und zweimaligem Abbiegen hatte er die Stadt hinter sich gelassen. Währenddessen fragte er sich, wo wohl Lolas Zuhause lag. War sie vielleicht unter all den Menschen gewesen, an denen er gerade vorbeigefahren war? Hatte sie eine schicke Altbauwohnung oder ein Appartement? Oder war sie doch eher ein WG-Typ? Hatte sie nicht gesagt, dass sie nun nach ihrem Abschluss alle in die weite Welt hinausgingen? Und außerdem: Was für ein Abschluss überhaupt? Sie hatten nicht über solche grundlegenden Dinge gesprochen. Er wusste nicht, wo sie lebte, nicht, was sie arbeitete. Er kannte weder ihr Alter noch ihren vollständigen Namen. Eigentlich wusste er gar nichts von ihr. Sie hatten nur darüber gesprochen, warum Marienkäfer verschieden viele Punkte haben, was die Frau am Tisch links wohl gerade dachte und warum der Mensch Wirbel an seinem Haaransatz besaß. So war das die ganze Nacht gegangen und es war nicht eine Sekunde langweilig gewesen.

Frederick runzelte die Stirn. Was war, wenn Lola gar nicht mehr von sich hatte preisgeben wollen, weil sie nie vorhatte, ihn jemals wiederzusehen? Was, wenn sie vergeben war und sich nur ein wenig Spaß mit ihm hatte gönnen wollen? Sie hatte ihn liebevoll gezwungen sich zu öffnen, ihn völlig nackt erlebt. Und jetzt? Sollte es das gewesen sein? War Lola einfach in ihr Leben zurückgekehrt? Mit ihrem hübschen Freund?

Frederick fuhr auf der Schnellstraße geradewegs in Richtung Niemandsland. Er kannte die Strecke so gut, dass er innerlich auf Autopilot schaltete. Warum dachte er so viel über Lola nach? Er hatte eine großartige Nacht erlebt und ein gutes Gefühl. Sie hatte ihm ihre Nummer gegeben. Wenn sie ihn nicht mehr würde wiedersehen wollen, dann hätte sie das wohl nicht getan. Frederick presste nachdenklich die Lippen aufeinander. War es denn überhaupt ihre Nummer? Sollte er sie vielleicht schnell einmal anrufen, um das zu testen? Und was, wenn sie wirklich abnahm? Öhm … Hi. Hier ist Mister Cole. Ich wollte nur mal sehen, ob du mich vielleicht verarscht hast. Aber wie ich höre, du bist es wirklich. Schön. Also dann bis irgendwann einmal. Er schüttelte müde den Kopf. Er, der sonst so eiskalt war, den eine schöne Frau maximal in seiner Hose berührte, kam sich auf einmal so vor wie ein unreifer Schuljunge. Frederick war immer noch verkatert und seine Gedanken fuhren Karussell. Vielleicht wäre es das Beste, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen und bis dahin das Denken einzustellen.

Einige Kilometer später überkam ihn der Hunger auf etwas Fettiges und Salziges. Er brauchte Burger und Fritten. Die übliche Raststätte auf seinem Weg war nicht mehr weit.

Sein Magen zog sich voller Vorfreude schmerzhaft zusammen, als er das Lokal betrat. Zu seinem Missfallen herrschte reger Betrieb. Der letzte Ferientag trieb all die vergnügungssüchtigen Urlauber nach Hause zurück, wo Arbeit, Schule und sonstige Verpflichtungen warteten. Die Enttäuschung darüber stand den Menschen in ihre sonnengebräunten Gesichter geschrieben. Das Stimmengewirr und das Klappern des Geschirrs drangen schrill und unangenehm an seine Ohren. Das, was sich am gestrigen Abend zu einer angenehmen Melodie gefügt hatte, trieb ihn jetzt fast in den Wahnsinn.

Miles, die Bedienung kam herangeschlurft, nickte Frederick knapp zu und zeigte ein fast zahnloses Lächeln.

»Na? Isses wieder so weit?«, fragte er.

Frederick nickte gequält und bestellte. Während er auf sein Essen wartete, beobachtete er die Menschen um sich herum. Kinder gestresster Eltern schrien nach Zucker und Fernsehen. Manche Eltern zischten pädagogisch nicht besonders wertvolle Drohungen, andere ignorierten ihre Nachkommen, während sie sich die Schläfen massierten. Sie sahen müde und angespannt aus. Keiner von ihnen wirkte besonders glücklich.

Familie – er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das wirklich die Erfüllung sein sollte. Kinder, die einem den letzten Nerv raubten und das Geld aus der Tasche zogen. Ein halbes Leben für sie aufgeben – und was blieb davon? Vorwürfe, Schuldgefühle und eine ungesunde Beziehung? Und die Frau dazu? Erst die große Liebe, dann nur noch Gleichgültigkeit? Schulden, Stress und am Ende sterben. Das war nichts, wonach Frederick sich sehnte.

Miles stellte ihm scheppernd seine Bestellung vor die Nase.

»N Gud’n«, nuschelte er. Frederick brummte als Antwort und begann hastig zu schlingen.

Punkt 16 Uhr setzte er sich in sein warmes Auto und gähnte. Seine Laune war auf dem Nullpunkt. Bald würde er ankommen und dann, nach den üblichen Feierlichkeiten, schnell in sein Bett fallen. Er lag gut in der Zeit und fuhr gemütlich dahin. So oft hatte er diesen Weg schon genommen. An der bezaubernden Landschaft, die an ihm vorbeizog, hatte Frederick sich längst sattgesehen.

Gleich nach seinem Studium der Kunstgeschichte hatte er die Stelle im Internat angenommen. Doch bald war seine Faszination am Unterrichten im öden Schulalltag erstickt. Für die meisten Schüler war Kunstgeschichte ein lästiges Wahlfach. Die Alternative wäre Politik und Wirtschaft gewesen. So pressten sie sich widerwillig den Stoff in ihre Hirne, nur um ihn bei den Prüfungen auskotzen und für immer zu vergessen. Als Lehrer hatte er nie besonders viel Motivation besessen und dieses bisschen war nach weniger als sechs Monaten gänzlich verschwunden. Er hatte so hart gearbeitet. Wofür? Um ignoriert zu werden und zerkratzte Tische von Kaugummi zu befreien? Doch selbst die wenigen, die echtes Interesse zeigten und an seinen Lippen hingen wie die Jünger Jesu, konnte er nicht leiden. Schleimscheißer, dachte er und ließ auch sie links liegen. Frederick war gerade einmal 35 Jahre alt. Er war als Kind völlig versoffener Eltern und als irgendein mittlerer von viel zu vielen Brüdern aufgewachsen. Sie lebten in einem Glasscherbenviertel, das dem, wo er heute wohnte, sehr ähnlich war. Zu Hause gab es nichts außer Streit und Schlägen. Sein Vater schlug die Mutter, seine Mutter den Vater, die beiden schlugen die Kinder und die Kinder schlugen sich gegenseitig. Das örtliche Krankenhaus war ihr Spielplatz und die Mitarbeiter des Jugendamts ihr häufigster Besuch. Er musste allein klarkommen. Das Vertrauen in andere Menschen war aus ihm herausgeprügelt worden. Mit 16 Jahren hatte er sein Elternhaus ohne sich umzudrehen verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. Das Studium finanzierte er sich mit Gelegenheitsjobs. Dank seiner Sparsamkeit konnte er sich schließlich sogar das Haus leisten. Es war nicht teuer oder schön gelegen, in der Nachbarschaft verschuldete Alkoholiker mit zu vielen Kindern, Drogensüchtige und Arbeitslose. Die Menschen, für die sich keiner interessierte, interessierten sich selbst für niemanden mehr. Frederick war das nur recht. Er hatte keine Lust auf Nähe, Freunde und gute Nachbarschaft.