Tim - Winnie Rabenstein - E-Book

Tim E-Book

Winnie Rabenstein

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Beschreibung

Tim Gurtler hält nichts von Monogamie. Natürlich bleiben die Eskapaden des queeren Fuckboys nicht ohne Folgen. Ein Leben, das zwischen Nachwuchs, Drogen und gebrochenen Herzen pendelt und dabei unaufhaltsam auf den Abgrund seiner Vergangenheit zurast. Eine Geschichte von Andersartigkeit. Eine Geschichte von Freiheit. Eine Geschichte von Tim.

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Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Vitus, Mama, Lena, Johanna, Hannah, Cora und all die anderen Supporter – Danke, dass ihr mich an euren Kühlschrank gehängt habt. Und Danke für eure Zeit und Energie. Liebe geht raus.

Alle Orte und Namen sind frei erfunden oder random gewählt. Koschus auch. Leider…

Playlist mit all den Bangern zum Buch

Für all die Schatzis, die nicht so recht wissen, was sie mit so einer Playlist anfangen sollen:

Während des Schreibprozesses, habe ich eine Menge dieser Lieder angehört. Sie sind also ein Teil dieser Geschichte. Sie könnten zum Beispiel die passende Stimmung auslösen, dich vor, nach oder beim Lesen begleiten.

Oder du hörst sie dir einfach so an, denn ich habe einen wirklich guten Musikgeschmack.

Den Code mit der Spotify-App-Kamera scannen. Und für all die Rentner da draußen: Nach der Playlist „Tim – von Winnie Rabenstein“ suchen.

Viel Vergnügen!

Inhaltsverzeichnis

Tim

Vier

Du und ich

Heißer Kaffee, kalte Cola

Zahnlücke

Wenn man verliebt ist...

Fuckboys

Honigbrot

Zusammen zerbrochen

Nur ein Gefallen

After the Rainbow

Mein Vater

Work hard, play hard

Parkour

Kein Vater

Mango-Salat

Zieh an meinem Finger!

Epilog

TIM

„Bist du noch dran, Tim?“

Unentwegt rieb ich über meine Stirn. Ich nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte. Dann brummte ich.

„Was sollen wir jetzt machen? Ich meine…“ Siderie schluchzte leise. „Ich meine, was soll ich jetzt machen?“

Ich verzog mein Gesicht. „Wir“, murmelte ich, gefolgt von einem Seufzen. „Ich lass dich nicht hängen.“

„Du bist ein schlechter Mensch. Warum solltest du für mich da sein?“

„Weil es eben nicht nur um mich geht.“

Sie lachte freudlos. „Tim. Ich meine das ernst. Ich schaffe das nicht allein. Ich weiß nicht, wie.“

„Das musst du auch nicht. Ich lass mir etwas einfallen, okay?“

Sie antwortete mit einer Reihe von Schluchzern.

„Ich muss das jetzt erst mal verdauen.“ Mir war so kotzübel. Mein Gesicht aschfahl. Ich hatte es im Vorbeigehen im Spiegel gesehen. Sidi war schwanger. Schwanger und das bereits im vierten Monat. Fuck.

Zugegebenermaßen hatte ich nie besonders gut verhütet. Ich mochte das Gefühl nicht. Wie ein Plastikgefängnis. Aber Vater werden wollte ich ganz bestimmt nicht. Niemals. „Aber Tim. Was ist mit den Krankheiten?“ Ja. Ich weiß ja, dass das unvernünftig und dumm war.

Jetzt saß ich hier in meinem Loft. Es war komplett durch designet. Alles war in schwarz gehalten. Meine Lieblingsfarbe. Und das hier war mein Lebensstil. Ich hatte nicht vor ihn aufzugeben. Mein Herz raste. Dann übergab ich mich aufs Parkett.

In nur wenigen Monaten hatte ich mit so vielen verschiedenen Menschen geschlafen, dass ich komplett den Überblick verloren hatte. Namen waren wie Schall und Rauch. Gesichter. Hautfarben. Geschlecht. Siderie Nati war einer dieser Personen gewesen.

Ich erinnerte mich auch noch gut an ein paar andere:

„Hey.“

„Ähm…hey?“

„Wie ist dein Name?“

„Alina.“ Sie hatte gelächelt.

„Alina, klingt schön.“

„Ja.“ Ein zurückhaltendes Kichern.

Ich lächelte sanft. „Ich bin Tim.“

Dass ich sie nervös machte, wusste ich. Wie lange es noch dauern würde, bis ich ihr T-Shirt ausziehen würde, wusste ich noch nicht. Erfahrungsgemäß nicht mehr lange.

Später drückte ich sie mit meinem Unterleib gegen die kalte Backsteinmauer im Hinterhof der Bar, in der wir uns kennen gelernt hatten. Unter ihrem T-Shirt gab es keinen BH. Nur ihre blasse Gänsehaut. Während ich sie küsste, zog ich ihren engen Rock über die Hüften. Ein Höschen war nirgends zu entdecken. Alina hatte von diesem Abend wohl schon so etwas Ähnliches erwartet. Ein unterdrücktes Stöhnen erklang, als ich meinen Penis in sie drückte.

Später im Bett lag ich mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und grinste. Ich drückte den toten Joint im Aschenbecher neben meinem Bett aus. Alina war die dritte diese Woche und es war erst Donnerstag. Ich hatte meine Hose hochgezogen, den Knopf geschlossen und war einfach gegangen. Wie Alina das fand, wusste ich nicht. Ich hatte sie nicht gefragt, hatte mich nicht umgedreht, war allein verschwunden.

Man sagte mir nach, mein Herz wäre pechschwarz. Wenn ich so darüber nachdachte - und das tat ich selten – konnte ich eigentlich nur zustimmen. Denn morgen würde ich wieder losziehen.

„Tim also? Wie noch?“, fragte mich die Frau gegenüber. Sie sollte die nächste im Bunde werden. Zumindest war das mein Ziel gewesen. Ihr Haar war kupferrot und reichte ihr bis zu den Hüften. Ich räusperte mich und lächelte. „Gurtler.“

Meine Antwort war knapp. Das Surren zwischen uns beiden sprach hingegen Bände. Ich hatte sie eine ganze Weile beobachtet und umkreist. Hatte streng darauf geachtet, nicht zu auffällig zu handeln. Nichts ist abturnender, als von einem gierigen Menschen bedrängt zu werden. Zumindest war das meine Erfahrung. In meiner Jugend musste ich wegen meiner Ungeduld einige Niederlagen einstecken. Aber nach Jahren der Übung konnte mir kaum einer meiner Auserwählten widerstehen. Egal welches Geschlecht, jung oder alt. Was ich mir in den Kopf gesetzt hatte, fickte ich früher oder später.

„Ach, von dir habe ich schon gehört.“ Die Rothaarige stieß sich von der Tischplatte ab und lehnte sich lasziv in ihrem Stuhl zurück. Sie schnalzte ein paar Mal mit der Zunge und musterte mich. Scheiße. Mein Ruf eilte mir voraus. Die Welt ist ein Dorf. Selbst eine Großstadt wie Orleans schien da keine Ausnahme zu sein. Mein Blick huschte zwischen den grünen Augen hin und her. Diese Frau war keine naive Anfängerin. Ich schätze sie ein paar Jahre älter als mich. Sinnliche Lippen und eine karamellfarbene Haut. Ich fühlte die glatte Tischoberfläche an meinen Fingerspitzen.

„Und wie darf ich dich nennen?“

Sie lächelte schräg und zögerte. In ihren Augen konnte ich einen kleinen Kampf beobachten. Wäre es nicht viel vernünftiger einfach aufzustehen und zu verschwinden?

Ich wartete geduldig, lehnte mich ebenfalls zurück. Das war eine meiner Stärken und immer mein Vorteil.

„Diana Fernández.“ Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie freudig entgegen. Ich lehnte mich nach vorne, gab ihr einen Kuss auf ihre Fingerspitzen, irgendwann einen Kuss an ihren Hals, später einen Kuss zwischen ihre Schenkel.

Dianas Künste im Schlafzimmer waren erstaunlich. Wir trieben es so viel mehr als nur einmal. Und schneller, als ich geil buchstabieren konnte, waren wir ein Paar. Meine Zuneigung ging zwar nicht über das Körperliche hinaus, aber die Zeit mit ihr ließ sich trotzdem gut aushalten. Was zum einen daran lag, dass sie eine sympathische Persönlichkeit hatte. Wir gingen zusammen feiern und sie konnte trinken wie ein Eimer ohne Boden. Wir hatten Spaß.

Zum anderen lernte ich gleich zu Beginn unserer Liaison Nadia kennen. Dianas Zwillingsschwester. Und so kam es, dass ich nicht nur die Gesellschaft der einen genießen konnte. Denn die unähnliche Schwester hatte nichts dagegen, wenn ich nachts, während Diana friedlich träumte, zu ihr ins Bett gekrochen kam.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es auch ewig so weiter gehen können. Doch schließlich wurde ich ein bisschen zu gierig. Dann, als ich die Mutter der beiden involvierte. Katharina war eine umwerfende Frau. Rassig, sinnlich, lüstern. Diana und Nadia kamen gerade rechtzeitig in die Küche, um zu beobachten, wie ich mit geschlossenen Augen genüsslich gegen den Kühlschrank gelehnt den Blowjob ihrer Mutter entgegennahm. Weil beide Schwestern in hysterisches Gekeife verfielen, kam Diana auch gleich noch auf den Trichter, dass ich anscheinend jede Frau im Haus fickte. So endete alles im selben Atemzug. Schade.

Nach vielen durchvögelten Nächten kam dann Siderie. Eine Göttin unter all den einfachen Frauen der Dating-App-Welt. Ziemlich jung mit zwanzig, aber nicht naiv. Ihr war von Anfang an klar, wer ich war. Auch wie unvernünftig es war, mit mir zu tun zu haben. Trotzdem ließ sie es zu, als ich ihr die Jungfräulichkeit in ihrem Kinderzimmer nahm. Sie war kein Kind mehr, doch lebte noch bei ihren Eltern ein ganzes Stück außerhalb Orleans. Diese saßen währenddessen im Garten und tranken Kaffee.

Verliebt hatte sie sich trotz meiner Eigenschaft als wandelnde Redflag. Und wenn irgendetwas bis dahin in meinem Leben diesem Gefühl nahegekommen war, dann mit ihr.

Nur Rosa Carls prächtiger Arsch auf meinem Schoß in einem Club konnte unsere immer enger werdende Beziehung beenden. War eh nur eine Frage der Zeit gewesen.

Auch wenn ich mir nicht viel aus meinen Verflossenen machte. Siderie jetzt zu unterstützen war mir ein echtes Anliegen. Also fuhr ich mit ihr zum Frauenarzt, besorgte haufenweise Babykleidung und was man sonst noch so brauchte. Ich hatte keine Geldsorgen, selbst wenn ich die ganze Stadt leer gekauft hätte. Im Auto saßen wir schweigend nebeneinander. Siderie starrte aus dem Fenster und hatte ihre Hände in den Schoß gelegt. Ein super Schoß. Ich legte meine Hand auf ihr Knie und lächelte sie an. Die Ampel war rot. Während der Fahrt hatte ich sie nur aus dem Augenwinkel beobachten können. Sie zuckte weg, ohne mich dabei anzusehen. Noch zu früh also. Rosa, die Studentin, hatte sie anscheinend noch nicht verdaut. War offensichtlich nicht so leicht, nachdem man seinen Partner voll bei der Sache mit einer anderen erwischt hatte. Und eigentlich war es klar, dass meine Zweitfreundin irgendwann auffallen musste. Beim Vertuschen meiner Affären war ich nie besonders ambitioniert gewesen. So waren Enttäuschungen vorprogrammiert. Gerade genau von diesem Kerl ein Kind zu erwarten, musste ebenfalls enttäuschend sein.

Ich seufzte leise, während ich weiterfuhr. Bei Sidis Elternhaus angekommen trug ich die Einkäufe hinein, gefolgt von den missbilligenden Blicken ihrer Familie.

„Soll ich dir noch aufbauen helfen?“, fragte ich in zuckersüßem Ton, während ich den Karton der Babywiege an die Zimmerwand lehnte.

Mein Versuch, ein wenig künstliche Harmonie zu erzeugen, scheiterte, als Siderie den Kopf schüttelte. „Mein Dad wird das machen.“ Dann biss sie sich auf die Unterlippe. „Du kannst jetzt gehen.“

Ich konnte Schmerz in ihren Augen sehen und das war echt nicht mein Ding. Ich blickte zu Boden und rieb mir über den Nacken. „Okay – dann will ich mal“, gab ich zurück und machte auf dem Absatz kehrt.

„Ähm. Ja und danke für deine Hilfe.“ Ihre Stimme war leise. Ich nickte.

Wenige Momente später saß ich in meinem warmen Wagen. Hitze war auch nicht so mein Ding. Es erinnerte mich an mein vergangenes Leben und den ewigen Sommer, aus dem ich kam. Die Klimaanlage sorgte für Erleichterung.

Der Spaß an bedeutungslosen Sex war mir beim Gedanken an die bevorstehende Geburt irgendwie vergangen. Jedes Mal bekam ich eine Gänsehaut. Den Spagat zwischen meinem aktuellen Leben und den ganzen Babythemen bekam ich mental nicht besonders gut hin. Siderie war voll bei der Sache. Sie wollte sich überraschen lassen, was das Geschlecht anging. Als ob das alles nicht überraschend genug gewesen wäre. Leider war unser Kontakt spärlich, wir sprachen uns nur, wenn es um unseren Abkömmling ging. Ich mochte sie und hätte gerne mehr mit ihr zu tun gehabt.

Ich war allein, saß gerade an der Küchentheke und genoss einen Espresso, als sich der gesamte Boden mit Wasser füllte. Meine Hand begann zu zittern. Die Tasse rutschte aus meinen Fingern und kam scheppernd auf der schwarzen Theke auf. Ich spürte, wie sich meine Kehle zusammenschnürte. Wie lange mein Handy schon vibrierte, hatte ich nicht mitbekommen. Ich starrte auf das Display und entdeckte Katharinas Namen. Dann sah ich wieder auf den Boden. Das Wasser war weg. Hektisch rieb ich über meine schweißnasse Stirn und nahm den Anruf entgegen. Die Mutter der Zwillinge hatte ich zwar nicht vergessen, doch mit einem Anruf hatte ich bestimmt nicht gerechnet.

„Was für eine Überraschung“, begrüßte ich sie mit schwacher Stimme. Ich atmete einmal tief durch und erhob mich von meinem Hocker. Beim Telefonieren mochte ich nicht sitzen und begann durch die Wohnung zu tigern. Das beruhigte mich wieder.

Katharina kicherte verlegen. Dieses Geräusch passte nicht zu ihr. Aus ihrem Hals kam normalerweise lautes kehliges Lachen. Bestimmt kein Kichern und schon gar kein so angespanntes. „Was ist los?“, fragte ich also sofort beunruhigt.

„Wie soll ich sagen?“

„Was sagen?“

„Ich weiß nicht Tim – ich sollte dich eigentlich nicht anrufen.“

„Kein Thema. Du kannst mich immer anrufen.“ Sie war die einzige der Fernández-Frauen mit der ich in Frieden auseinander gegangen war. Aber ihr erneutes Kichern machte mir eine Gänsehaut. Auf die unangenehme Art.

„Kath.“

„Tim, du bist Vater.“

Ich schwieg. Die Spucke, die sich rasend schnell in meinem Mund gesammelt hatte, musste erst einmal geschluckt werden.

„Ich versteh nicht“, raunte ich erstarrt.

„Ich weiß. Aber Diana und Nadia haben in den letzten vier Wochen jeweils ein Kind von dir zur Welt gebracht.“

Ich sah es nicht, aber ich wusste, wie bleich ich gerade geworden war. Ich schüttelte den Kopf. „Das kann nicht…“, stammelte ich.

„Die beiden wollten nicht, dass du es erfährst. Nur ist die Sache die: Ich glaube die Kinder brauchen dringend ihren Vater. So wie es jetzt ist, ist es nicht gut.“

Ich schwieg.

„Tim?“

„Ja. Okay.“

„Heißt das, du kommst?“

Ich nickte. „Ja.“

„Du wirst es verstehen, wenn du hier bist. Ich bin mir sicher.“

Mit wackeligen Beinen stieg ich in mein Auto ein. Katharinas Stimme klang noch lange in meinen Gedanken nach. Auf dem Weg zu dem Ort San Marco, welcher an eine karge Wüstenlandschaft grenzte, klopfte mein Puls unangenehm von unten gegen mein Kinn. Beim Haus angekommen brauchte ich einen Moment meine Angst aus dem Gesicht zu wischen. Nicht die Schwestern machten mir Angst. Die beiden waren mir gelinde gesagt vollkommen egal. Meine Furcht war, dass das ganze kein dummer Scherz, sondern die wirklich echte Wahrheit war. Doch warum sollte Katharina lügen? Das wäre nicht ihr Stil gewesen. Ich seufzte und griff nach der Klinke der Autotür. Wem machte ich hier etwas vor?

Ich ging mit hängenden Schultern die schmalen Fliesen der Treppe am Hauseingang hinauf. Das leise Weinen eines Kindes drang an mein Ohr. Ich drückte meinen Rücken durch und spannte alles an. Im Hausflur sah ich mich besorgt um. Ich folgte dem leidvollen Geräusch und betrat zum ersten Mal seit ziemlich genau neun Monaten das terrakottageflieste Wohnzimmer der Familie.

Zwei schöne Korbwiegen standen neben der mit Samt bezogenen Couch, auf der die Schwestern vor dem laufenden Fernseher fläzten. Keine von den beiden schien sich von dem Wimmern angesprochen zu fühlen. Geradewegs ging ich auf die Wiege zu und griff wie selbstverständlich hinein.

Nadia entdeckte mich zuerst. Wie auf Knopfdruck begann sie zu fluchen: „Du verdammter Hurensohn! Nimm deine Finger weg!“

„Warum lasst ihr das Kind schreien?“

„Was suchst du hier?“ Dianas dunkle Stimme überschlug sich.

„Verpiss dich bloß, du Bastard!“ Nadia war aufgesprungen.

Der veranstaltete Lärm weckte auch das andere Kind. Jämmerlich quäkte es aus seinem Nest. „Ich habe gefragt, warum ihr die Kinder einfach schreien lasst?“

„Was geht dich das an?“ Nadia verschränkte die Arme vor ihrer üppigen Brust.

„Es sind meine. Oder nicht?“

Die Schwestern wechselten Blicke. Diana sah mich an, als wäre ich eine ansteckende Krankheit. „Natürlich. Unsere Mutter konnte ihre dumme Klappe nicht halten. Wie typisch.“ Sie schnalzte mit der Zunge.

„Was willst du hier?“ Nadias Keifen ließ die Wut in meinem Bauch brodeln. Gemischt mit den schreienden Babys begann mein Kopf zu pulsieren. Ich nahm erst das eine Kind in meinen Arm. Feines rötliches Haar bedeckte sein Köpfchen. So rot wie seine runden Bäckchen. Dann hob ich das zweite Baby hoch. Seine dunklen Augen waren mit Tränen gefüllt. „Möchte mir jetzt eine von euch beantworten, warum ihr die Kinder schreien lasst? Warum kümmert sich keiner?“ Ich flüsterte, obwohl ich schreien wollte. Zwei weinende Babys in meinen Armen ließen jedes Wort unangebracht laut erscheinen.

Dianas Antwort ließ mich erschaudern: „Die schreien andauernd.“

„Warum sagst du so etwas Dummes? Hörst du dich selbst reden?“ Ich hatte angefangen, die Kinder vorsichtig und rhythmisch zu wiegen.

„Was soll‘s? Was kümmert es dich? Sind wir dir nicht sowieso egal?“ Nadia wirkte eher wie ein trotziges Kleinkind als wie eine Mutter.

„Ihr schon.“ Der Klang meiner Stimme war kalt.

„Du wagst es so mit uns zu sprechen? In unserem Haus? Verschwinde doch wieder! Kein Mensch hat dich vermisst.“

Ich ignorierte Diana und betrachtete meine Nachkommen. Sie schienen sich langsam zu beruhigen. Auch wenn ich vor Wut kochte und wahrscheinlich nicht besonders viel Wärme ausstrahlte. Ein kleiner Funken war in mir erwacht. Klein, aber heiß. Das da in meinen Armen waren meine Kinder.

Es war offensichtlich und kein Wunder, warum die Frauen mich nicht mehr mochten. Doch warum hatten sie die Schwangerschaft nicht beendet? Waren sie sich nicht im Klaren darüber gewesen, welche Verantwortung nach der Geburt auf sie zukommen würde?

„Wie sind ihre Namen?“

„Was? Willst du jetzt auf fürsorglich und interessiert machen?“, keifte Diana. „Du bist doch sowieso gleich wieder weg, Tim.“

Langsam wurde ich ungeduldig und das passierte für gewöhnlich nicht all zu schnell. „Lion und Nadine“, ertönte Katharinas warme Stimme hinter meinem Rücken. Ich drehte mich zu ihr. Ihre Töchter verließen den Raum augenblicklich. Ich atmete tief ein. Es fühlte sich gleich fünf Grad wärmer an.

Katharina küsste sanft meine Wange und nahm mir eines der beiden Bündel aus dem Arm. „Das hier ist Lion.“ Seine roten Haare ließen auf Dianas Gene schließen. „Er ist als erstes gekommen. Am 23. Dezember um 3.00 Uhr morgens.“ Sie legte den mittlerweile schlafenden Jungen in die Wiege zurück.

„Diese bezaubernde Lady ist Nadine. Sie kam am 12. Januar um 14.30 Uhr zur Welt.“ Der Gesichtsausdruck ihrer Großmutter war sehr sanft und liebevoll. Auch die Kleine war eingeschlafen und Katharina bettete sie neben ihrem Bruder. „Sie sehen dir sehr ähnlich Tim. Zum Glück haben sie wenigstens schöne Eltern.“ Sie seufzte. „Weißt du jetzt, warum ich dich angerufen habe?“

Ich nickte und spürte einen dicken Kloß in meinem Hals, der etwas mit Verantwortung und Vernunft zu tun hatte.

„Ich kümmere mich, so gut ich kann. Meine Töchter sind so verbittert. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Traurig sah sie auf ihre Hände. Schöne Hände. Ältere Hände. Lange schlanke Finger.

Ich nickte. Was sollte ich schon dazu sagen? Dass ich Verständnis hatte? Dass ich es nachvollziehen konnte? Aber was konnten die Kinder für das Verhalten ihres Vaters?

„Ich sollte sie mitnehmen“, raunte ich und sah nachdenklich auf die Korbwiegen.

„Das solltest du.“ Katharina lächelte.

Der in Erdtönen gehaltene Raum kam mir plötzlich viel zu eng vor. Ich konnte sie nicht einfach mitnehmen. Oder? Ich verzog mein Gesicht angestrengt, bis sich meine Brauen fast berührten. Katharina kam langsam ein paar Schritte auf mich zu. Sie bewegte ihren Körper katzenartig.

„Lassen wir die Kleinen schlafen. Ich hätte da eine gute Idee, wie wir deinen Kopf frei bringen könnten.“ Ihre Lippen waren ganz nah an meinem linken Ohr. Ich schloss die Augen beim Klang ihrer Stimme. Raubtierklang.

Ich war eigentlich nicht wirklich in Stimmung, doch diese Lady war ein von Gott geschaffenes Wunderwerk der Natur. Oder so ähnlich. Jedenfalls konnte sie sich bewegen, als wäre das hier ihr tägliches Workout. Ich lehnte mich entspannt zurück, die Hände hinter meinem Kopf verschränkt und beobachtete ihren Körper auf mir beim Schwitzen.

Sex mit der Mutter der Mütter meiner Kinder und dazu auch noch in deren zu Hause machte die Stimmung nicht gerade besser. Ich fuhr auf schnellstem Wege nach Hause. Mit diesem neuen kleinen Funken in meiner Brust, der brannte wie schmelzendes Plastik auf der Fingerkuppe. Abschütteln konnte ich ihn nicht mehr. Er erlaubte mir keine Ruhe und hinterließ ein Gefühl von Enge in mir. Selbst in meinen eigenen, großzügigen vier Wänden. Alles war zu viel. In der Stille gab es massenhaft Raum für kreisende Gedanken. Also nichts wie raus hier. Meinen Kopf mit anderen Dingen füllen als quälenden Schuldgefühlen.

Ich war gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt und sollte wirklich schon der Vater von drei kleinen Bastarden sein? Mit meiner Jacke über dem Arm verließ ich mein Zuhause in Richtung der Innenstadt. Orleans Häuserschluchten, dichter Smog und hektisches Treiben waren jetzt meine Gegend. Ich lebte seit sechs Jahren weg von meiner Heimat. Meine Wurzeln lagen in Togetan. Ein Ort direkt an der Küste mit Lagunen, Sonnenuntergängen und Lagerfeuern. Die Menschen waren braun gebrannt, die Kleidung war leicht. Die Sonne knallte fast jeden Tag erbarmungslos vom Himmel herab. Es gab dort reichlich Kultur und eine traditionsreiche Geschichte. So viele Regeln, Banden und eine große Anzahl an queeren Menschen. Ich hatte gegen nichts davon wirklich etwas. Trotzdem war ich geflohen mit den Taschen voller Geld und einem Lied auf den Lippen.

Im Club traf ich ein paar bekannte Gesichter. Nichts Ernstes. Keine Freunde. Aber feiern ging immer. Zumindest mit den richtigen Substanzen. Kokain half. Die ganze Nacht tanzen. Ich liebte tanzen. Allein oder eng beieinander. Hauptsache im Rhythmus und den Bass in der Magengrube spüren. Ich drehte mich im Kreis und tat so, als hätte ich keinerlei Probleme. Das war eine meiner Spezialitäten. Selbst damals, als ich kurz davor war mein Leben im ewigen Abgrund zu versenken, konnte ich breit grinsend feiern gehen. Konnte ich rummachen und rumhuren und Rum trinken bis zum Sonnenaufgang. Und der war genau jetzt, während ich aufgedreht auf den Plastikstühlen eines Imbisses saß und fettige Frühlingsrollen in mich hineinstopfte.

„Ich pack‘s dann mal“, raunte mein Begleiter. Seinen Namen hatte ich schon wieder vergessen, obwohl ich sicher drei Mal danach gefragt hatte. Wir hatten auf der Toilette ein paar Näschen gezogen, und dann hatte er mir einen geblasen. Den Rest der Nacht hatten wir durchgetanzt, gelabert und gesoffen.

„Was, jetzt schon?“, fragte ich mit aufgerissenen Augen. Ich hatte kein Zeitgefühl. Wäre es nicht gerade hell geworden, hätte ich darauf schwören können, dass vielleicht so dreißig Minuten vergangen waren. Er sah bei genauer Betrachtung nicht mehr so gesund aus. Etwas grün um die Nase. Also ließ ich ihn ziehen und beendete mein halb gegessenes Mahl. Hunger hatte ich eh nicht gehabt. Ich wollte nur auf irgendetwas herum kauen.

Aufgekratzt trottete ich Richtung U-Bahn und lümmelte mich auf eine Eisenbank. Hier waren nur wenige Menschen unterwegs, also gönnte ich mir noch eine kleine Nase. Die Realität hatte versucht in mich einzudringen. Aber nicht mit mir. Ich wusste mir zu helfen. Ha!

In meinem Kingsize Bett konnte ich nicht einschlafen, wand mich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. Der Versuch zu onanieren, scheiterte an meinem kleinen, kalten Penis. Scheiße. Also rappelte ich mich auf und ging ins Bad. Dort spritzte ich mir ein bisschen Wasser ins Gesicht, band meine Dreads auf dem Oberkopf zusammen und fuhr mit den Fingerspitzen über die frisch abrasierten Seiten. Auf meinen Wangen prangte ein Drei-Tage Bart, um meine Lippen etwas mehr. Ich war mir nie sicher, was mir stand bezüglich meiner Gesichtsbehaarung und experimentierte dann und wann. Doch meine Dreads, die mir mittlerweile bis zu den Hüften herabhingen, waren ein fester Bestandteil meiner Erscheinung. Nichts und niemand würde mich je dazu bringen sie abzuschneiden.

Was sollte ich tun? Gerade kam ich mir unbesiegbar vor. Ich war kurz davor einfach loszufahren und meine Kinder zu holen. Doch konnte ich mich wirklich allein um die Beiden kümmern? Der Impuls wurde gerade zu einer handfesten Entscheidung, als mein Smartphone in der Tasche meiner Jogginghose vibrierte. Ich zog es heraus. Die Nummer war mir nicht bekannt.

„Ja. Hallo?“

Stille. Dann ein Schniefen.

„Wer ist da?“, fragte ich nervös.

„Tim?“ Die Stimme war zu leise, zu zittrig, um sie identifizieren zu können.

„Wer spricht da?“, fragte ich erneut.

„Tim, ich…“ Ein Schluchzen.

Rosa. „Rosa?“

„Tim, ich kann nicht mehr. Bitte, hilf mir.“ Ihre Stimme brach.

„Rosa. Was ist passiert?“ Doch Rosa antwortete nicht mehr. Noch einige Sekunden des Schweigens, dann legte sie auf. „FUCK“, schrie ich in mein Badezimmer.

Auch wenn die Wirkung der Drogen langsam nachließ, war ich in vollem Aktionswahn. Dreißig Minuten später stand ich vor ihrem Wohnheim. Das imposante Gebäude der Studentenvereinigung lag im Dunkeln. Scheinbar schliefen die Leute darin noch.

Was war nur passiert? Und was zur Hölle ging mich das an?

Die Studies glaubten nicht an verschlossene Türen, weshalb ich ohne große Probleme eintrat. An Rosas Zimmertür hielt ich jedoch inne. Ging mich das hier wirklich etwas an? Ich legte meine Hand auf die Türklinke und lauschte. Leises Wimmern. Einmal tief durchatmen, dann trat ich ein.

Rosa war völlig zerwühlt, hatte tiefe Augenringe und ein Baby an ihrer Brust. „Tim“, flehte sie verzweifelt. Ihre Unterlippe zitterte. Gleich würden die Tränen laufen. Ich starrte auf ihre Brüste. Besser gesagt auf das Bündel, das daran klebte. Ich stöhnte auf und massierte mit Daumen und Zeigefinger meine Nasenwurzel. Plötzliche stechende Kopfschmerzen. Was war los mit mir? Hatte ich wirklich so viele Kinder im selben Zeitraum gezeugt? Vier? Waren es vier oder sollte ich nochmal nachzählen? Und wie viele meiner Nachkommen waren noch da draußen, ohne dass ich davon wusste?

„Ist das dein Ernst?“ Vielleicht klang ich etwas zu genervt. Rosa begann hemmungslos zu weinen. Eigentlich wollte ich gehen. Eigentlich sollte ich gehen. Aber irgendwie setzte ich mich zu Rosa auf die Bettkante und legte meine Hand auf ihr Bein. Ich ließ sie weinen und starrte dabei vor mich hin. Bis sie sich beruhigt hatte, verging eine ganze Zeit. Das Baby trank seelenruhig oder war bereits eingeschlafen. Ich streckte meine Hände aus, machte ein Zeichen, dass sie es mir geben sollte, und wartete. Vorsichtig nahm ich es entgegen. Rosas Gesichtsausdruck passte nicht zu dem einer liebenden Mutter. Das war Ekel oder Abscheu oder Selbsthass. Liebe war keine dabei. Ich dachte an Siderie und fragte mich, wie hoch wohl die Chance war, dass auch sie meinen Nachwuchs verachten würde. Gut. Diana und Nadia waren dumme Bitches. Rosa hatte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Art von Depression.

„Kann ich kurz duschen gehen?“ Rosa erhob sich bereits aus dem Bett.

Ich betrachtete sie einen Moment. „Wenn du mir den Namen verrätst?“

Sie schaute beschämt zu Boden und nuschelte: „Theresa.“

Ich blickte auf mein zweites Mädchen und lächelte. „Theresa“, wiederholte ich leise. Ich nickte. Rosa verschwand. Und weil ich mir sicher war, dass sie nicht zurückkommen würde, beschloss ich, meine Tochter mit mir zu nehmen. Im Zimmer fand ich eine Kinderwagenschale. Ich bettete das schlafende Kind darin, sah mich noch einmal um und verließ den Raum, das Haus und Rosa.

Es war noch früh am Morgen. Die Geschäfte in Orleans hatten gerade erst geöffnet. Der Mann in grauer Jogginghose und weißem Unterhemd mit der Babyschale ohne dazugehörigen Wagen unter den Arm geklemmt irritierte die meisten Menschen. Wahrscheinlich roch ich auch nicht besonders gut. Die durchzechte Nacht steckte mir in den Knochen und die Kopfschmerzen wurden schlimmer. Jedoch kam mir niemand nah genug, um meinen Zustand erschnüffeln zu können. Ich besorgte mir einen Einkaufswagen und durchforstete die Babyabteilung. Windeln, Milchpulver, Schnuller, Kleidung und was mir sonst noch so unter die Augen kam. Ich packte alles ein. „Wo finde ich Kinderwagen und so‘n Zeug?“, fragte ich eine Mitarbeiterin, welche mich daraufhin skeptisch beäugte.

„Zweiter Stock“, antwortete sie knapp und ging ihrer Wege.

Im Normalfall war meine Kleidung makellos, mein Haar sauber nach oben gebunden und mein Bart akkurat. Mein Gang war aufrecht und mein Lächeln so charmant, dass ihm schwer jemand widerstehen konnte. Heute gab ich Pennervibes und bekam diese auch zurück. Wie sehr wünschte ich mir ein kleines Näschen, um diesen Horrortrip zu überleben.

Theresa wurde unruhig. Wahrscheinlich hatte sie langsam Hunger und sehnte sich nach der Brust ihrer Mutter. „Tja, Kleines“, raunte ich und streichelte über ihre Wange. „Das wird für uns beide eine dicke Lebensumstellung werden.“

Auf der kurzen Fahrt nach Hause saß mein Mädchen in ihrem brandneuen Babysitz und plärrte aus vollem Halse. Ich redete mir und ihr sanft im sich wiederholenden Mantra zu, dass wir das schon irgendwie schaffen würden und sie ganz bald eine frische Windel und ein köstliches Fläschchen bekommen würde. Ich verstand Rosas Tränen jetzt viel besser.

Der Tag war die Hölle gewesen und bis ich endlich kapiert hatte, wie man die Milch anmischte, eine Windel wechselte und ein Bettchen aufbaute, hatte Theresa alle Tränen dieser Erde geweint. Jetzt lagen wir beide nebeneinander im Halbdunkeln des Zimmers auf meinem Bett. Sie schlief tief und fest. Ich beobachtete, wie sich ihre Brust hob und senkte, wie der Schnuller immer wieder schwer genuckelt wurde und sie ihre kleinen Fäuste links und rechts neben ihren Kopf gelegt hatte. Sie war so winzig. Alles an ihr. Ich musste lächeln. Die anderen hole ich auch noch, dachte ich und schlief dann ein.

VIER

Ein nie enden wollender Kater. So fühlten sich meine Tage mit Theresa an. Mein jugendliches vollkommenes Aussehen war dunklen Augenringen gewichen. Mein Drei-Tage-Bart war mittlerweile ein 10-Tage-Bart und meine Waschmaschine spülte ununterbrochen Fäkalien aus Babykleidung, aber auch aus meiner. Ich seufzte lang und tief und schwer. Ich brauchte eine Nanny. Ohne Hilfe würde ich zu gar nichts mehr kommen. Vor allem, weil ich mich auf dem Weg zu meinem Wagen und den Fernández-Schwestern befand, um den Stress in meinem Leben zu verdreifachen. In meiner schwarzen Limousine parkten drei identische Babysitze, von denen bisher nur einer benutzt wurde. Ich setzte Theresas hinein. Ihre Mütze war ihr in die Augen gerutscht und ich tat mein Bestes, sie aus ihrer Misere zu befreien. Die Schreie ihrer Unzufriedenheit erstickte ich mit einem Schnuller. Sobald ich losgefahren war, schlummerte sie friedlich ein. Rosa hatte mir ihre Geburtsurkunde per Post geschickt. Das Sorgerecht würden wir in den nächsten Wochen klären. Wahrscheinlich ohne größere Probleme. Über all das Geschehene, ihren Struggle und solche Dinge hatten wir kein Wort verloren. Es gab nichts zu sagen. Ich fühlte mich verantwortlich und tat das Einzige, was mir einfiel. Ich kümmerte mich. Bei all der Scheiße, die ich in meinem Leben gebaut hatte, all der Verantwortung, die ich nicht übernommen hatte, all den Gefühlen, die ich unterdrückt hatte, bis ich abgestumpft und kalt war. Meine Kinder trafen mich da, wohin es niemand sonst schaffen könnte. Mein Vater hatte mir eine Menge Mist beigebracht. Er hatte sich sehr oft sehr grauenhaft benommen. Aber Kinder, das hatte er auf jeden Fall immer gesagt, waren ein großes Geschenk. Ich hatte außerdem eine Menge Erfahrung mit großen und kleinen Geschwistern gemacht. Mit Cousins und Cousinen und anderen Anverwandten. Es war also an sich normal für mich. Ich würde klar kommen umgeben von lärmenden Abkömmlingen. Lärm war für mich sowieso in Ordnung. Lebendig und laut und wild mochte ich. Das sagte ich sehr oft in meinem Kopf, während ich mein Lenkrad fest umklammert hielt und es nicht schaffte auszusteigen. Das würde keine rein, Babys einpacken und wieder raus Aktion wie bei Rosa werden.

Diesmal klingelte ich, wartete geduldig, bis mir geöffnet wurde. Diana jedoch schmiss die Tür sofort wieder zu, als sie mein Gesicht entdeckte. Ganze zehn Minuten und ein Anruf bei Katharina später betrat ich das Haus mit Theresa. Die Mutter der Frauen bat mich in die Küche, nicht ohne mein Mitbringsel verwundert zu mustern. Nadia hielt Nadine im Arm und sah mich angewidert an. Diana saß auf dem Sofa, scrollte auf ihrem Handybildschirm herum und ignorierte mich. Nicht mehr lange, dachte ich mir und verzog den Mund.

Also erklärte ich den Frauen die Situation und weihte sie in meinen Plan ein, die Sorge für die Kinder allein zu übernehmen. Was sie erst für einen schlechten Scherz hielten, führte zu einem langen nachdenklichen Schweigen. Und wider all meiner Erwartung stimmten Diana und Nadia ohne große Scherereien zu.

„Aber komm dann nicht angekrochen, wenn du müde oder pleite bist“, keifte Diana zum Schluss. Wir hatten die Abmachung, dass sie ihre Kinder zu jeder Zeit sehen konnten. Dass sie nach wie vor über alles mitentscheiden und sich die ganze Sache auch wieder anders überlegen konnten.

Jetzt saßen drei Säuglinge in den Sitzen, nuckelten an ihren Schnullern und beobachteten wach ihre Umgebung. Ich schnaufte einmal tief durch und startete den Wagen.

Adam wurde zwei Wochen später geboren. Am 3. März um 17.01 Uhr. Siderie rief mich an und wenig später stand ich im Krankenhaus an ihrem Bett. Ich betrachtete meinen jüngsten Sohn und streichelte über sein feines schwarzes Haar. Vier Kinder. Und mehr würden es in nächster Zeit hoffentlich auch nicht werden.

Siderie betrachtete ihrerseits den außerirdisch wirkenden Kinderwagen mit den darin enthaltenen Babys. Theresa quengelte, Lion streckte seine Fäustchen von sich und Nadine schlummerte selig. Siderie schüttelte langsam den Kopf. „Eines war nicht genug?“, fragte sie mit ernster Miene. Sie sah etwas zerwühlt aus. Kein Wunder – Sie hatte gerade ein Kind zur Welt gebracht.

Ich sah auf und lächelte schuldbewusst. „Kann eben nicht genug bekommen vom Wunder des Lebens.“ Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Adam. Unglaublich, wie viel kleiner und zarter er im Gegensatz zu seinen Geschwistern war. Dabei war der Älteste doch gerade mal drei Monate länger auf der Welt.

„Wohl eher vom Wunder des Zeugens.“ Sidi schnaubte. „Und du machst das ganz allein?“

Jetzt schnaubte ich. „Never! Ich hab mir nach zwei Tagen eine Nanny angeschafft.“

Sidis Gesicht spannte sich und eine feine Linie bildete sich zwischen ihren Brauen.

„Er heißt Don und ist ungefähr siebzig, glaube ich.“ Das ließ sie schmunzeln.

„Als würde dich das abhalten.“

Ich lachte. „Ich stelle ihn dir gerne mal vor. Dann überdenkst du deine Unterstellungen vielleicht nochmal. Abgesehen davon ist der Mann wirklich Gold wert.“ Theresa wurde lauter und ich klaubte sie aus ihrer Schale. Dann setzte ich mich zu Siderie aufs Bett. „Hast du Hunger, Kleines?“ Theresa schimpfte ungehalten. Ich wiegte sie sanft und küsste ihre Stirn. „Wir haben ein Fläschchen oder einen frischen warmen Busen zur Auswahl.“ Grinsend drehte ich mich zu Sidi, um ihren entgleisenden Gesichtsausdruck zu genießen. Doch sie beachtete mich gar nicht, sondern schenkte meiner Tochter liebevolle Blicke. Endlich eine Frau, die ihr gebrochenes Herz nicht an meinen Kindern ausließ. Ich war erleichtert.

Während ich Theresas Fläschchen holte und mein Blick wieder über Adam strich, überkam mich ein Wunsch. „Schade, dass er nicht auch bei mir aufwachsen kann.“ Ich setzte mich und seufzte.