Eine heiße Affäre - Viola Maybach - E-Book

Eine heiße Affäre E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Moritz Baumgart trat einen Schritt zurück, um sein neuestes Werk zu betrachten. Es war ein Esstisch, aus Walnussholz. Quadratisch, auf eher schmalen dreieckigen Beinen, die Platte an den Kanten leicht abgerundet. Worauf er aber besonders stolz war, denn daran hatte er lange getüftelt, war die Möglichkeit, den Tisch zu vergrößern, ohne dass man es ihm auf den ersten Blick ansah. Sein Freund und Geschäftspartner Elvis Rückert kam herein und blieb neben ihm stehen. »Perfekt«, sagte er nach einigen Sekunden des Schweigens. »Ja, oder?« »Ja!« Elvis sagte es mit Nachdruck. »Wir nehmen ihn sofort in den Katalog auf, ich wette mit dir, er wird ein Erfolg.« Moritz war Schreiner, entwarf seit einiger Zeit aber auch Möbel. Es war Elvis gewesen, der sich das eine Zeit lang angesehen hatte und dann eines Tages mit der Idee angekommen war, sich geschäftlich zusammenzutun. Elvis hatte Betriebswirtschaft studiert, in seinem Angestelltenjob aber das erhoffte Glück nicht finden können. Es ernährte ihn, mehr nicht, und das war ihm nicht genug. Genauso hatte er das auch zu Moritz gesagt. »Ich will selbstständig arbeiten, du hast bereits deine kleine Schreinerei. Warum tun wir uns nicht zusammen und gründen zusätzlich eine Möbelmanufaktur, mit wenigen Möbeln, die du entwirfst? Ich kümmere mich ums Geschäftliche, du bist der kreative Kopf, am Ende verdienen wir genug zum Leben und sind glücklich. Was hältst du davon?«

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 74 –Eine heiße Affäre

Aber Moritz will mehr

Viola Maybach

Moritz Baumgart trat einen Schritt zurück, um sein neuestes Werk zu betrachten. Es war ein Esstisch, aus Walnussholz. Quadratisch, auf eher schmalen dreieckigen Beinen, die Platte an den Kanten leicht abgerundet. Worauf er aber besonders stolz war, denn daran hatte er lange getüftelt, war die Möglichkeit, den Tisch zu vergrößern, ohne dass man es ihm auf den ersten Blick ansah.

Sein Freund und Geschäftspartner Elvis Rückert kam herein und blieb neben ihm stehen. »Perfekt«, sagte er nach einigen Sekunden des Schweigens.

»Ja, oder?«

»Ja!« Elvis sagte es mit Nachdruck. »Wir nehmen ihn sofort in den Katalog auf, ich wette mit dir, er wird ein Erfolg.«

Moritz war Schreiner, entwarf seit einiger Zeit aber auch Möbel. Es war Elvis gewesen, der sich das eine Zeit lang angesehen hatte und dann eines Tages mit der Idee angekommen war, sich geschäftlich zusammenzutun. Elvis hatte Betriebswirtschaft studiert, in seinem Angestelltenjob aber das erhoffte Glück nicht finden können. Es ernährte ihn, mehr nicht, und das war ihm nicht genug. Genauso hatte er das auch zu Moritz gesagt.

»Ich will selbstständig arbeiten, du hast bereits deine kleine Schreinerei. Warum tun wir uns nicht zusammen und gründen zusätzlich eine Möbelmanufaktur, mit wenigen Möbeln, die du entwirfst? Ich kümmere mich ums Geschäftliche, du bist der kreative Kopf, am Ende verdienen wir genug zum Leben und sind glücklich. Was hältst du davon?«

Die Idee hatte Moritz gleich gefallen, und sie hatten sie auch in die Tat umgesetzt, allerdings anders als geplant: Elvis hatte noch immer seinen Angestelltenjob, denn es war nicht absehbar, wann sie beide von den Möbeln, die Moritz entwarf und die Elvis unter die Leute zu bringen versuchte, würden leben können. Also erledigten sie die zusätzliche Arbeit bislang ›ehrenamtlich‹ in ihrer Freizeit. Aber noch war die Belastung nicht so hoch, dass sie darüber nachdachten, ihren schönen Plan zu begraben und sich mit dem zu begnügen, was sie hatten.

Der ›Katalog‹, wie Elvis beharrlich sagte, umfasste bisher erst wenige Möbelstücke: zwei Stuhlmodelle, ein Sofagestell nach skandinavischem Vorbild – klar, sachlich, formschön – und dazu die passenden Sessel, ein Sideboard, einen Kleiderschrank, ein Regalsystem, einen Beistelltisch. Jetzt kam endlich der Esstisch hinzu.

Moritz fuhr sich mit der Hand durch die ohnehin verstrubbelten dunklen Haare. Er war ein kräftiger Mann mit breiten Schultern, den man ansah, dass er körperlich arbeitete und sich außerdem gerne draußen an der frischen Luft bewegte. Tatsächlich trieb er auch Sport, er brauchte einen Ausgleich zu den immer gleichen, manchmal ermüdenden Bewegungsabläufen bei der Arbeit. Er sah sympathisch aus mit seiner etwas schiefen Nase, dem großen Mund und den schönen dunklen Augen, die von winzigen Falten umrahmt wurden, denn er lachte gern.

Elvis wirkte neben ihm noch dünner, als er war. ›Halbes Hemd‹ sagte Moritz manchmal zu ihm, und tatsächlich kam er sich neben seinem schmalen Freund geradezu wie ein Kraftprotz vor. Dabei konnte Elvis ungeheure Mengen an Essen vertilgen, aber er nahm nie auch nur ein Gramm zu. An ihm war alles dünn: der Körper, die Arme, die Beine. Hände und Füßen waren lang und schmal, sein Kopf war es ebenfalls. Er kaufte sich, um etwas fülliger zu wirken, stets zu große Kleidung, doch die Wirkung war nicht wie erhofft: Er wirkte darin eher wie ein Kind, das sich als Erwachsener verkleidet hat, denn die weiten Hemden, Jacken und Pullover schlackerten so lose um ihn herum, dass man sich fragen konnte, wo denn darunter eigentlich der Körper versteckt war. Nur eine Ausnahme gab es: Er hatte dichte blonde Haare.

Elvis hatte sich mit seiner Statur weitgehend ausgesöhnt, nachdem auch die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio keine Besserung gebracht hatte: Der versprochene Muskelaufbau, der ihm mehr Masse hätte bringen sollen, war ausgeblieben. Er hatte dann wieder gekündigt. Nur in einem Punkt haderte er weiterhin mit seiner Figur: Frauen mochten überschlanke Männer offenbar nicht so gern, denn in der Liebe war er über ein paar mehr oder weniger kurze Beziehungen nicht hinausgekommen. Aber da er kein Mensch war, der sich leicht entmutigen ließ, gab er die Hoffnung nicht auf.

Dieses Problem hatte Moritz nicht, aber zurzeit war auch er solo. Seine letzte Beziehung war anstrengend gewesen, er brauchte eine Pause und kam gut damit zurecht. Er steckte seine ganze Kraft in die Arbeit, und der Lohn dafür stand ja jetzt vor ihnen.

»Er wird ein Erfolg«, sagte Elvis. »Hundertprozentig.«

»Hast du das nicht auch bei den anderen Möbeln gesagt?«, fragte Moritz.

»Die verkaufen sich ja auch, nur noch nicht in großen Mengen. Wir müssen bekannter werden, das ist alles. Dann kann es richtig losgehen.«

Moritz nickte. Er war noch immer nicht ganz sicher, ob er sich einen großen Erfolg wünschen sollte. Noch konnten er und seine paar Angestellten die Arbeit allein bewältigen, aber wenn ein Auftrag für eine größere Stückzahl kam, würde das nicht mehr möglich sein. Immerhin, es gab ein größeres Unternehmen, mit dem er sich eine Zusammenarbeit vorstellen konnte. Wenn es mit denen klappte …

Aber das war Zukunftsmusik. Bisher wurden seine Möbel von ein paar Fans gekauft, auch für den Esstisch hatte er schon drei Vorbestellungen. Aber er war wählerisch, wenn er sich das Holz aussuchte, mit dem er arbeiten wollte. Auch das kostete Zeit und Geld.

Er wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab und warf einen Blick auf die Uhr. »Ich muss los«, sagte er, »ich habe dem Kunden versprochen, bis spätestens mittags bei ihm zu sein. Er ist an unserem Regalsystem interessiert, ich soll alles ausmessen und ihm einen Kostenvoranschlag machen. Er scheint ein Riesenhaus zu haben, er braucht also viele Regalmeter.«

»Und ich kümmere mich um deinen Tisch«, sagte Elvis voller Vorfreude. Er hatte gerade zwei Wochen Urlaub genommen, die er überwiegend in der Schreinerei verbrachte. Tatsächlich hatte er neue Fotos gemacht und den ›Katalog‹ aufgehübscht. Moritz musste zugeben, dass er jetzt sehr viel ansprechender aussah als zuvor. Der Tisch musste noch hinzugefügt werden, dann konnte er in Druck gehen und verteilt werden. Sie hatten immerhin zwei namhafte Möbelhäuser als Interessenten gewonnen.

»Mach das«, sagte Moritz. »Wir sehen uns spätestens morgen.«

»Wie spät willst du denn zurückkommen?«, fragte Elvis erstaunt. An diesem Tag sah er besonders verrückt aus, denn er trug einen Pullover, der ihm mindestens zwei Nummern zu groß war und dazu ausnahmsweise eine enge Hose, die seine dünnen Beine noch hervorhob.

»Weiß ich noch nicht«, sagte Moritz. »Der Kunde hörte sich so an, als könnte es mit ihm länger dauern.«

Elvis grinste nur. Moritz konnte Kunden nach einem Telefongespräch oft überraschend gut einschätzen. »Dann wünsche ich viel Erfolg«, sagte er und verschwand.

Moritz warf einen letzten Blick auf den Tisch, sein bisheriges Lieblingsstück, ohne Zweifel. Er hatte auch an allen anderen selbst entworfenen Möbeln lange getüftelt und gearbeitet, aber an keinem anderen so lange wie an diesem Esstisch. Er würde es niemandem verraten, aber er war ziemlich stolz darauf.

*

Annabelle Leineweber tat, was sie immer tat, wenn sie Auto fuhr: Sie schaltete ab. Sie hörte Musik, betrachtete die Landschaft, genoss es, mal nicht am Schreibtisch zu sitzen und sich mit Zahlen zu beschäftigen. Außerdem liebte sie ihr Auto, und sie fuhr gern. Für sie war das wie ein kleiner Urlaub, vorausgesetzt natürlich, sie stand nicht im Stau oder musste sich über eine endlose Baustelle ärgern. Aber von beidem konnte an diesem Tag keine Rede sein, denn sie befand sich nicht auf einer Autobahn, sondern sie fuhr über Land.

Annabelle arbeitete an verantwortlicher Stelle in einer großen Bank, als jüngste Führungskraft. Schon als Schülerin hatte sie ihren Mathematiklehrer – und nicht nur diesen – durch ihre schnelle Auffassungsgabe und ihren Sinn für mathematische und logische Zusammenhänge verblüfft. Sie hatte tatsächlich eine Zeit lang mit der Idee geliebäugelt, eine wissenschaftliche Karriere an einer Universität anzustreben, aber letzten Endes war ihr die Praxis doch lieber gewesen. Sie hatte in Rekordzeit ein Volkswirtschafts- und Mathematikstudium durchgezogen und anschließend zur Verblüffung ihrer Eltern eine Banklehre gemacht. Die war ihr dann stark verkürzt worden, man hatte sie schnell eingestellt, und sie hatte, wiederum in Rekordzeit, eine steile Karriere hingelegt.

Jetzt kam sie von einer mehrtägigen anstrengenden Tagung zurück, und in München erwartete sie jede Menge Arbeit. Ihre Kollegen – sie war die einzige Frau auf der Veranstaltung gewesen – hatten Flüge oder die Bahn gebucht, sie fuhr mit dem Auto, weil sie das Fahren genoss. Sie wusste, dass andere das schrullig fanden, es war ihr gleichgültig. Für sie war die Zeit am Steuer so etwas wie eine Auszeit. Sie telefonierte nicht, wenn sie fuhr, obwohl sie selbstverständlich eine Freisprechanlage hatte. Sie dachte auch nicht über anstehende Probleme nach. Sie ließ ihre Gedanken schweifen, freute sich über die Musik – und manchmal, wenn sie etwas Interessantes am Wegrand entdeckte – hielt sie an und machte eine Pause, um der Entdeckung auf den Grund zu gehen. Wenn sie in München ankam, würde sie sich erholt und erfrischt fühlen.

Sie fuhr durch eine hügelige Landschaft, rechts und links auf den Weiden standen Kühe. Unwillkürlich ging sie vom Gas. Ihre frühe Kindheit hatte sie auf dem Land verbracht, ihre Eltern waren mit ihr erst später nach München gezogen. Sie erinnerte sich noch gut an den Kulturschock, den sie damals erlitten hatte. Die Großstadt war ihr unheimlich gewesen, sie hatte die Wiesen, Felder und Wälder vermisst, die vertrauten Nachbarn, die nächtliche Stille, die nur von den Geräuschen der Tiere unterbrochen worden war.

In München dagegen war es laut gewesen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und alles, so war es ihr vorgekommen, musste schnell gehen, niemand schien Zeit zu haben. Sie hatte viel geweint in ihrem ersten München-Jahr, das wusste sie noch, und es war kein Tag vergangen, an dem sie sich nicht nach ihren Großeltern gesehnt hatte, die auf dem Dorf geblieben waren. Dort lebten sie noch immer, und noch immer fand Annabelle ihr kleines, enges Haus gemütlich und anheimelnd, auch wenn sie sich nicht mehr dorthin zurücksehnte.

Ein ungewohntes röhrendes Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, sie fuhr noch langsamer, gleich darauf fing der Motor an zu stottern. Vor sich sah Annabelle einen Feldweg abzweigen, diese Abzweigung steuerte sie an. Sie versuchte, noch einmal etwas Gas zu geben, daraufhin röhrte der Motor noch einmal, dann gab er den Geist auf. Mit dem letzten Schwung rollte der Wagen auf den Feldweg und blieb stehen.

Sie stieg aus, öffnete die Motorhaube und wich zurück, als ihr heißer Dampf entgegenquoll. Sie fuhr gern Auto, aber von Motoren verstand sie nichts. Also vergeudete sie keine weitere Zeit mit unnützen Betrachtungen des Motorblocks, denn sie würde nichts ausrichten können. Sie brauchte Hilfe, und so griff sie zu ihrem Telefon.

*

»So, das hätten wir«, sagte Simon Daume, nachdem er mithilfe von Konstantin und Kevin Laurin den Esszimmertisch vom Wohnzimmer zurück an seinen angestammten Platz getragen hatte. Das Esszimmer war ein paar Wochen lang von Kaja bewohnt worden, Konstantins Zwillingsschwester, die nach einem bösen Unfall nicht hatte laufen können. Ihr gebrochenes Bein war noch immer nicht wieder voll beweglich, aber sie machte beharrlich ihre Übungen und hatte selbst darauf gedrungen, in ihr Zimmer im ersten Stock des Hauses zurückzukehren. Sie hatte sich auch einen Arm gebrochen, dem ging es bereits deutlich besser als dem Bein, aber er hatte leider dafür gesorgt, dass sie sich auch nicht an Krücken hatte fortbewegen können.

Die Jüngste im Hause Laurin war Kyra mit ihren elf Jahren. Sie trug nun die Stühle zum Tisch. Kajas Sachen hatten die beiden Jungen und Simon bereits vorher wieder nach oben gebracht. Es war kein großer Aufwand gewesen, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

»Mama und Papa werden staunen, wenn sie nach Hause kommen«, sagte Kyra.

»Oder schimpfen«, fürchtete Simon. »Ich weiß nicht, ob sie es gut finden werden, dass wir das hier hinter ihrem Rücken gemacht haben. Eure Eltern haben ja Angst, dass Kaja sich überanstrengt, und das kann ich gut nachvollziehen.«

Simon war bei Familie Laurin als ›Haushaltsmanager‹ angestellt. Er hielt Haus und Garten in Ordnung, kaufte ein und kochte jeweils das Abendessen vor, weil es die einzige Mahlzeit war, die die Familie gemeinsam einnahm. Er war ein sehr begabter Koch – und außerdem erst zweiundzwanzig Jahre alt, also nur sechs Jahre älter als die Zwillinge. Simon musste Geld verdienen, weil seine beiden jüngeren Schwestern und er keine Eltern mehr hatten. Die Anstellung bei Laurins war ein Glücksfall für die drei gewesen, doch sobald seine Schwestern sich selbst versorgen konnten, würde Simon eine Ausbildung zum Koch machen – obwohl ihm, wie Laurins fanden, niemand mehr etwas beibringen konnte. Er selbst sah das jedoch anders.

»Ich überanstrenge mich nicht!«, rief Kaja von oben. »Darauf könnt ihr euch verlassen, und Mama und Papa auch.«

»Jetzt ist es sowieso zu spät«, meinte Kevin unbekümmert. »Und auch wenn wir uns dran gewöhnt haben, im Wohnzimmer zu essen: Ich bin froh, dass jetzt alles so ist wie früher.«

»Es ist praktischer«, musste auch Simon zugeben. Sie hatten nämlich, da der Zugang von der Küche zum Esszimmer versperrt gewesen war, um Kaja nicht ständig zu stören, über den Flur gehen müssen, wenn es galt, den Tisch zu decken oder abzuräumen.

»Und gemütlicher«, setzte Kyra hinzu, »weil man jetzt wieder, wenn man will, in die Küche gucken kann. Und mehr Platz haben wir auch.«

Kaja kam langsam die Treppe hinunter. Sie hatte noch immer Schmerzen, vor allem im Sprunggelenk, aber sie beklagte sich nicht, und sie wollte auf gar keinen Fall bemitleidet werden. Als sie unten angelangt war, standen Schweißperlen auf ihrer Stirn, und sie musste sich einen Moment am Treppengeländer festhalten.

Sie wechselte einen kurzen Blick mit Konstantin, der sie stirnrunzelnd und durchaus besorgt beobachtet hatte, aber kein Wort sagte. Kaja hatte einen sehr starken Willen, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Aber ihm schien, als würde sie zumindest in nächster Zeit so wenig wie möglich zwischen ihrem Zimmer und dem Erdgeschoss wechseln.

»Ich bin froh«, sagte sie, als sie wieder ruhig atmen konnte, »dass jetzt alles wieder so ist wie vorher.«

»Alles nicht«, bemerkte Kyra. »Du bist noch nicht ganz wieder so wie vorher.«