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In "Eine Jugend in Deutschland" reflektiert Ernst Toller eindringlich die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Schatten des Ersten Weltkriegs und der politischen Umbrüche, die Deutschland während dieser Zeit prägten. Mit einem prägnanten und emotionalen Stil entwirft Toller ein lebendiges Bild von einem Land im Umbruch, in dem die Widersprüche zwischen Trauer und Hoffnung, zwischen Tradition und Aufbruch deutlich spürbar sind. Das Buch verbindet autobiografische Elemente mit einer scharfen Analyse der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und ist somit nicht nur ein persönlicher Rückblick, sondern auch ein bedeutendes Dokument der deutschen Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Ernst Toller war nicht nur ein bedeutender Schriftsteller, sondern auch ein aktiver politischer Akteur, dessen Leben von den dramatischen Veränderungen seiner Zeit geprägt war. Als Mitglied der expressionistischen Bewegung und später als engagierter Sozialist erlebte Toller die Auswirkungen von Krieg und Revolution persönlich und kreativ. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seiner Literatur wider und verleihen seinen Texten eine besondere Authentizität und Kraft, die den Leser bis heute fesseln. Dieses Werk empfiehlt sich für alle, die sich für die Wechselwirkungen von persönlicher Biografie und gesellschaftlichem Wandel interessieren. Tollers eindringliche Prosa bietet nicht nur einen Einblick in sein Leben, sondern auch in die komplexe Seelenlage einer ganzen Nation. "Eine Jugend in Deutschland" ist somit ein unverzichtbares Werk für Studierende der Literatur wie auch für alle, die die deutsche Geschichte besser verstehen möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen dem ungestümen Drang einer jungen, nach Gerechtigkeit hungernden Seele und der zermalmenden Wucht einer Epoche, die Menschen in Krieg, Ideologien und Entscheidungen von existenzieller Tragweite treibt, spannt Ernst Tollers Eine Jugend in Deutschland seinen Bogen: ein Zeugnis von Selbstprüfung und Erwachen, von der Suche nach einem verlässlichen moralischen Kompass inmitten nationaler Rhetorik, sozialer Härte und politischer Erschütterungen, das die Frage stellt, wie man im Angesicht historischer Zumutungen Mensch bleibt und Verantwortung übernimmt, ohne die eigene Empfindsamkeit zu verleugnen oder in zynischer Erschöpfung den Blick für Würde, Solidarität und Hoffnung zu verlieren, und wie persönliche Erfahrung in kollektiver Geschichte aufragt, ohne im Lärm der Parolen und Pflichten zu verstummen.
Eine Jugend in Deutschland ist ein autobiographisches Erinnerungsbuch, das Tollers Weg vom wilhelminischen Kaiserreich in die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts nachzeichnet. Seine Schauplätze liegen vornehmlich in Deutschland, mit Ausgriffen in akademische Milieus, Kasernen, Versammlungssäle und Räume öffentlicher Debatte, die vom beginnenden Krieg und dessen gesellschaftlicher Dynamik geprägt werden. Erschienen ist das Werk 1933 im Exil, wodurch es zugleich als literarisches Zeugnis einer politischen Zäsur gelesen werden kann. Dieser Publikationskontext verschiebt den Blick: Rückschau und Gegenwartserfahrung verschränken sich, sodass das Individuelle stets auf das Historische verweist, ohne die Unmittelbarkeit einer persönlich gefärbten Erinnerung preiszugeben.
Ausgangspunkt ist die Perspektive eines jungen Mannes, der am Vorabend des großen Bruchs ins Erwachsenenleben eintritt, von Bildungsidealen geformt und von gesellschaftlichen Erwartungen gerahmt. Die Erzählung begleitet seine Schritte von der Schule über das Studium in eine Welt, in der politische Spannungen, sozialer Druck und der Ausbruch des Krieges das Denken verengen und zugleich Fragen nach Sinn und Verantwortung radikalisieren. Tollers Ich-Stimme ist beobachtend und bekennend, zugleich nüchtern und dringlich; sie wechselt zwischen szenischer Verdichtung und reflektierender Selbstbefragung und lädt dazu ein, Erfahrung als Bewegung, nicht als fertige Gewissheit zu lesen.
Stilistisch verbindet das Buch erzählerische Klarheit mit einer inneren Erregung, die an die expressionistische Herkunft des Autors erinnert, jedoch in der Prosa auf Präzision, Rhythmus und Beobachtung zielt. Toller setzt auf anschauliche Situationen, knappe Dialoge und dichte Bilder, die nie ornamental wirken, sondern Erkenntnisarbeit leisten. Der Ton bleibt ernst, bisweilen schmerzlich, doch durchzogen von einer empathischen Aufmerksamkeit für Menschen und ihre Motive. Die rückblickende Haltung schafft Distanz, ohne die Wärme des Erlebten zu kühlen; so entsteht ein Leseerlebnis, das gleichermaßen bewegt, schärft und zur geduldigen Prüfung eigener Urteile auffordert, und Vertrauen in die Genauigkeit von Sprache fordert.
Im Zentrum stehen Gewissen und Verantwortung: Wie wird ein junger Mensch politisch, ohne die Integrität der Person zu opfern? Das Buch verfolgt die Kollision von Idealismus, nationaler Zugehörigkeit und universaler Menschlichkeit, es befragt den Sinn von Tapferkeit und die Grenzen des Gehorsams. Es zeigt, wie Bildung, soziale Herkunft und Sprache Haltungen formen, und wie Gewalt Erfahrungen prägt, die sich dem raschen Urteil entziehen. Ebenso wichtig sind Freundschaft, Solidarität und der Versuch, aus Fehlern lernend handlungsfähig zu bleiben. Aus diesen Spannungen gewinnt der Text seine ethische Energie und seine bleibende argumentative Wärme.
Für Leserinnen und Leser von heute ist das Buch relevant, weil es Mechanismen sichtbar macht, die auch moderne Gesellschaften bewegen: die Verführung durch einfache Antworten, die Zersetzung öffentlicher Rede durch Aggression, die Anziehungskraft von Zugehörigkeit und die Mühen individueller Urteilskraft. Tollers Erfahrung erinnert daran, wie fragil demokratische Kultur ohne wache Beteiligung bleibt, und wie biographische Prägungen politisches Handeln bestimmen. Wer verstehen will, wie sich Radikalisierung aus Enttäuschung speist und wie Empathie zum Gegengewicht werden kann, findet hier ein präzises, erfahrungsgesättigtes Panorama, das weder verharmlost noch den Blick für Handlungsspielräume verstellt.
Als Einleitung gelesen, eröffnet Eine Jugend in Deutschland den Zugang zu einer Lebensgeschichte, die mehr ist als Chronik: Sie ist Einladung zur kritischen Selbstprüfung in Zeiten verdichteter Geschichte. Der Text lässt genug Raum, um eigene Maßstäbe mitzunehmen, und er schenkt zugleich Orientierung durch Haltung und Genauigkeit der Beobachtung. Wer ein konzentriertes, formal klares und ethisch waches Buch sucht, das historische Erfahrung in persönlicher Sprache zugänglich macht, wird hier fündig. Ohne vorzugreifen, bereitet diese Lektüre auf Fragen vor, die weit über die dargestellte Jugend hinausweisen und das Gespräch über Verantwortung und Freiheit schärfen.
Ernst Tollers Eine Jugend in Deutschland ist eine autobiografische Darstellung, in der der Dramatiker seine Entwicklung vom behüteten Schüler zum politisch engagierten Erwachsenen nachzeichnet. Der Bericht setzt bei Kindheit und Schulzeit im Kaiserreich an, führt über Kriegsdienst und Fronterfahrungen bis zu Revolution und Gefangenschaft. Aus der Rückschau verbindet Toller persönliche Episode, Zeitdiagnose und Selbstprüfung zu einer Erzählung über Verführbarkeit, Verantwortung und Gewissensbildung. Form und Ton schwanken zwischen nüchterner Beobachtung und eindringlicher Selbstbefragung. Das Buch zielt darauf, die innere Logik jener Jahre sichtbar zu machen, ohne private Erlebnisse zu verklären, und stellt die Frage, wie eine Generation in Katastrophen hineingewachsen ist.
Die frühen Kapitel schildern Kindheit und Jugend in einer jüdischen, bürgerlich geprägten Familie, deren Erwartungen Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung betonen. Schule und Umfeld vermitteln Unterordnung, Leistungsdruck und patriotische Selbstbilder, die Toller zunächst übernimmt. Zugleich registriert er soziale Gegensätze und Ausgrenzungen, die ihn irritieren: Distanz zwischen wohlhabenden und armen Milieus, subtile Diskriminierung, rigide Geschlechter- und Autoritätsverhältnisse. Erste Lektüren, Theatererfahrungen und Bekanntschaften öffnen einen ästhetischen und ethischen Horizont, der über konventionelle Karrieremuster hinausweist. In dieser Spannung zwischen Anpassung und Zweifel formt sich ein Suchbewegung, die das spätere Handeln vorbereitet, ohne noch klare politische Zugehörigkeiten festzulegen.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs tritt Toller, von Pflichtgefühl und zeittypischer Euphorie getragen, in den Militärdienst ein. Die Erwartungen an Heldentum und raschen Sieg kollidieren an der Front mit Erschöpfung, Chaos und dem massenhaften Sterben. Kameradschaft bietet Halt, doch Befehle und Realität klaffen auseinander; die Grenzen persönlicher Tapferkeit werden sichtbar. Die Darstellung verweilt bei Müdigkeit, Angst und moralischen Ambivalenzen, ohne Voyeurismus. Schrittweise lösen sich patriotische Gewissheiten, und ein pazifistisches Bewusstsein beginnt zu wachsen. Dieser Wandel bildet einen zentralen Wendepunkt: Aus dem Mitläufer wird ein Beobachter, der fragt, welche Verantwortung der Einzelne in einer anonymen Kriegsmaschinerie trägt.
Phasen hinter der Front, Lazarette und Aufenthalte in der Heimat öffnen Räume für Gespräche, Studium und politische Lektüre. Toller begegnet Arbeitern, Studenten und Künstlern, die den Krieg kritisch analysieren und gesellschaftliche Alternativen diskutieren. In diesem Milieu verdichten sich seine Zweifel zur Überzeugung, dass nationale Parolen Leid verdecken und Herrschaft stabilisieren. Das Buch zeichnet diese intellektuelle Annäherung ohne dogmatischen Ton nach: Unsicherheiten, Lernprozesse und Irrtümer werden sichtbar. Aus der Summe von Erfahrung und Reflexion entsteht der Entschluss, nicht nur zu protestieren, sondern aktiv an Veränderungen mitzuwirken. Damit verschiebt sich der Fokus vom individuellen Erleben zu kollektivem Handeln und sozialer Verantwortung.
Nach Kriegsende führt Tollers Weg in die revolutionären Auseinandersetzungen der Jahre 1918/19, insbesondere in München. Räte, Parteien und Gruppierungen ringen um Deutungshoheit und konkrete Organisation des neuen Gemeinwesens. Toller übernimmt Verantwortung, vermittelt zwischen Fraktionen und ringt zugleich mit der Frage, ob Gewalt Ziele beschleunigt oder verrät. Die Darstellung betont die Mischung aus Aufbruch, Improvisation und Überforderung; Hoffnung und Angst liegen dicht beieinander. Ein markanter Wendepunkt ist die Ausrufung der Räterepublik, die für kurze Zeit neue Möglichkeiten eröffnet und ihn exponiert. Ohne Vorgänge zu romantisieren, zeigt das Buch, wie idealistische Entwürfe an Realitäten und Gegnern geprüft werden.
Auf das kurze Experiment folgen militärische Niederschlagung, Verfolgung und Haft. Toller wird festgenommen und vor Gericht gestellt; im Gefängnis wandelt sich politische Existenz zur existenziellen Prüfung. Er arbeitet, liest, schreibt und versucht, die erlebte Gewalt zu verstehen, ohne die eigene Verantwortung auszublenden. Begegnungen mit Mitgefangenen und Bediensteten öffnen weitere Perspektiven auf Schuld, Mitgefühl und Wandelbarkeit. Aus der Distanz zur Außenwelt schärft sich eine humanistische Haltung, die radikale Mittel verwirft und auf Rechte, Dialog und Zivilität setzt. Das Buch verdichtet die Jahre der Einkerkerung zu einem Reflexionsraum, in dem bitter Erfahrenes in Sprache und Haltung überführt wird.
Am Ende steht eine Bilanz, die weniger auf spektakuläre Enthüllungen als auf Orientierung zielt: Eine Jugend in Deutschland versteht sich als Warnung vor Militarismus, Nationalismus und ideologischer Verhärtung. Das Werk zeigt, wie schnell moralische Maßstäbe in Krisen verrutschen, und wie dringend Individuen Gewissen, Empathie und politische Bildung kultivieren müssen. In seiner Verbindung von persönlicher Erfahrung, historischer Nahsicht und ethischer Reflexion wirkt das Buch über seine Zeit hinaus. Es lädt dazu ein, das Verhältnis von Ideal und Realität neu zu prüfen und demokratische Kultur als lernfähigen Prozess zu begreifen, dessen Gelingen nicht garantiert, aber möglich ist.
Ernst Toller wurde 1893 in Samotschin in der preußischen Provinz Posen geboren, damals Teil des Deutschen Kaiserreichs. Aufgewachsen in einer jüdischen Kaufmannsfamilie, durchlief er die strenge Ausbildung des preußischen Gymnasiums, eine Institution, die Disziplin, Nationalbewusstsein und klassische Bildung vermittelte. Vor dem Ersten Weltkrieg studierte er unter anderem in Grenoble, Heidelberg und München, womit er die deutsch-französische akademische Sphäre und die deutsche Universitätskultur kennenlernte. Prägend waren zudem Presse und Vereine des Kaiserreichs sowie das obligatorische Militärsystem, das junge Männer auf den Dienst im Heer vorbereitete. Diese Institutionen bildeten den Rahmen seiner Jugend, die er in seinem Buch rückblickend beschreibt.
Mit der Mobilmachung 1914 meldete sich Toller wie viele Altersgenossen freiwillig zum Kriegsdienst im Heer des Kaiserreichs. Der industrielle Stellungskrieg an der Westfront, Massenverluste, Artilleriefeuer und Gasattacken prägten die Kriegsjahre. Militärische Zensur und Propaganda bestimmten die Öffentlichkeit; zugleich wuchs in Teilen der Intelligenz Skepsis gegenüber dem Krieg. Toller erlitt im Einsatz eine nervliche Erkrankung und wurde als kriegsuntauglich entlassen, ein Schicksal, das bei Frontsoldaten nachweislich häufig vorkam. Die Erfahrung des Massenkriegs, die Organisation des Heeres und die zentrale Rolle der Obersten Heeresleitung bildeten den historischen Hintergrund, vor dem sich Tollers Hinwendung zu pazifistischen Positionen vollzog.
Im Herbst 1918 brach das Kaiserreich unter militärischer und sozialer Belastung zusammen. Matrosenaufstände in Kiel lösten die Novemberrevolution aus; überall entstanden Arbeiter- und Soldatenräte. Kaiser Wilhelm II. dankte ab, und in Bayern endete die Wittelsbacher Monarchie. Kurt Eisner proklamierte am 8. November 1918 den Freistaat Bayern. Toller engagierte sich in München politisch in der linkssozialistischen USPD und im Rätesystem, das als Gegenentwurf zum alten Obrigkeitsstaat verstanden wurde. Der Mord an Eisner im Februar 1919 verschärfte die Lage. Diese Ereignisse bilden den unmittelbaren politischen Kontext, den das Buch als Zeitzeugnis reflektiert, ohne die Komplexität der Rätebewegung zu verschweigen.
Im April 1919 wurde in München die Bayerische Räterepublik ausgerufen. In ihrer frühen Phase spielte Toller eine führende Rolle im Zentralrat; kurze Zeit später gewannen kommunistische Kräfte um Eugen Leviné an Einfluss. Die Räterepublik blieb politisch und militärisch instabil, isoliert vom übrigen Reich und unter Druck der in Bamberg residierenden Regierung Hoffmann. Anfang Mai 1919 schlugen Reichswehr und Freikorps die Räteherrschaft blutig nieder; in München kam es zu standrechtlichen Erschießungen und Massenverhaftungen. Diese Konstellation aus revolutionären Versuchen, Gegenrevolution und paramilitärischer Gewalt spiegelt die Umbruchsituation wider, die Tollers Generation erlebte und die das Buch historisch verankert.
Nach der Niederschlagung der Räterepublik wurde Toller festgenommen, wegen Hochverrats angeklagt und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er verbrachte die Jahre bis 1924 im Gefängnis Niederschönenfeld. Die Justiz der frühen Weimarer Republik verfolgte führende Vertreter der linksrevolutionären Bewegung konsequent; politische Prozesse erhielten große öffentliche Aufmerksamkeit. Inhaftiert verfasste Toller mehrere bedeutende Dramen des expressionistischen Theaters, darunter Werke, die Krieg, soziale Gewalt und individuelle Verantwortung thematisieren. Die Haftbedingungen, die Zensurpraxis und das Gefängnissystem der Zeit bilden einen wesentlichen institutionellen Hintergrund, der in seine autobiographischen Rückblicke einfließt und die politische Kultur der frühen Republik beleuchtet.
Die Jahre nach Tollers Entlassung fielen in eine widersprüchliche Phase der Weimarer Republik: demokratische Verfassung, aber anhaltende politische Gewalt; Hyperinflation 1923 und Ruhrbesetzung; danach eine relative Stabilisierung bis 1929. Gleichzeitig entfaltete sich eine innovative Kultur, in der Expressionismus, politisches Theater und später Neue Sachlichkeit zentrale Strömungen waren. Tollers Stücke wurden unter anderem im Umfeld von Regisseuren wie Erwin Piscator aufgeführt, dessen Inszenierungen politische Aktualität suchten. Pazifistische, sozialreformerische und republikanische Initiativen standen nationalistischen Verbänden und paramilitärischen Formationen gegenüber. Dieses Spannungsfeld lässt sich im Werk als zeitgeschichtliche Kulisse wiedererkennen, ohne dass narrative Details vorweggenommen werden müssen.
1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht; Oppositionelle und jüdische Intellektuelle wurden verfolgt. Bücher von Autoren wie Toller wurden in Deutschland verboten und bei den Bücherverbrennungen im Mai 1933 öffentlich diffamiert. Toller emigrierte und veröffentlichte Eine Jugend in Deutschland noch 1933 im Amsterdamer Exilverlag Querido, der zahlreichen deutschen Schriftstellern ein Publikationsforum bot. Das Werk erschien damit außerhalb der deutschen Zensur und erreichte Leserschaften in der Emigration und im Ausland. Die politischen Rahmenbedingungen seiner Publikation sind dokumentierte Fakten der frühen Exilliteratur und markieren den Übergang von der Weimarer Kultur zur Diktatur, unter deren Bedingungen die Veröffentlichung nur im Exil möglich war.
Als autobiographischer Bericht, der die Jahre vom Kaiserreich über Krieg und Revolution bis in die Weimarer Republik abdeckt, fungiert Eine Jugend in Deutschland als historischer Kommentar seiner Epoche. Es dokumentiert aus der Perspektive eines Beteiligten den Weg vom wilhelminischen Bildungssystem über das Frontgeschehen, die Rätebewegung und die politische Justiz bis zum kulturellen Leben der frühen Republik. Verifizierbare Daten, Institutionen und Ereignisse strukturieren den Text und machen ihn zu einer Quelle für die Sozial- und Mentalitätsgeschichte dieser Generation. In der Exilpublikation von 1933 wird das Buch zugleich zum Zeugnis einer Zäsur, die die demokratische Öffentlichkeit in Deutschland zerstörte.
Biographien erreichen selten die Kompliziertheit individuellen Daseins, viele Konturen des »vollständigen Menschen« bleiben unbelichtet, alle Momente müssen, nach einem Wort Karoline von Günderodes, immer den einen bestimmen und begreiflich machen, insbesondere in einem Buch, das wie dieses den öffentlich wirkenden Menschen zeichnet.
Nicht nur meine Jugend ist hier aufgezeichnet, sondern die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu. Viele Wege ging diese Jugend, falschen Göttern folgte sie und falschen Führern, aber stets bemühte sie sich um Klärung und um die Gebote des Geistes.
Nicht Fehler und Schuld, nicht Versagen und Unzulänglichkeit sollten in diesem Buch beschönigt werden, eigene sowenig wie fremde. Um ehrlich zu sein, muß man wissen. Um tapfer zu sein, muß man verstehen. Um gerecht zu sein, darf man nicht vergessen. Wenn das Joch der Barbarei drückt, muß man kämpfen und darf nicht schweigen. Wer in solcher Zeit schweigt, verrät seine menschliche Sendung.
Am Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland
Friedrich der Große[1] erlaubte meinem Urgroßvater mütterlicherseits als einzigem Juden in Samotschin[2], einer kleinen Stadt im Netzebruch, sich anzusiedeln. Mein Urgroßvater bezahlte eine Summe Geldes, dafür ward ihm der Schutzbrief[3] eingehändigt. Auf diesen Akt war der Urenkel stolz, er sah darin Auszeichnung und adlige Erhöhung und prahlte damit vor den Schulkameraden.
Mein Urgroßvater väterlicherseits, der aus Spanien gekommen sein soll, besaß ein Gut im Westpreußischen. Von diesem Urgroßvater erzählten die Tanten, daß ihm das Essen auf goldenen Schüsseln und Tellern gereicht werden mußte und seine Pferde aus silbernen Krippen fraßen. Die Söhne verkupferten erst die Krippen, dann versilberten sie die Schüsseln und Teller. Vom sagenhaften Reichtum des Urgroßvaters träumte der Knabe: Die Pferde fraßen den alten Mann, und er sieht zu, ohne Abscheu und ohne Mitleid, eher mit einem unerklärlichen Gefühl der Befriedigung.
Auf den Dachböden des Hauses verstaubten riesige vergilbte Folianten. Sie hatte der Großvater bei Tag und oft bei Nacht studiert, während die Großmutter im Geschäft stand, die Käufer bediente, Wirtschaft und Küche versah. Dieses Geschäft übernahm mein Vater, nachdem er als Primaner und Apotheker versagt hatte.
Samotschin war eine deutsche Stadt[2q]. Darauf waren Protestanten und Juden gleich stolz. Sie sprachen mit merklicher Verachtung von jenen Städten der Provinz Posen, in denen die Polen und Katholiken, die man in einen Topf warf, den Ton angaben. Erst bei der zweiten Teilung Polens fiel die Ostmark an Preußen. Aber die Deutschen betrachteten sich als die Ureinwohner und die wahren Herren des Landes und die Polen als geduldet. Deutsche Kolonisten siedelten ringsum in den flachen Dörfern, die wie vorgeschobene Festungen sich zwischen die feindlichen polnischen Bauernhöfe und Güter keilten. Die Deutschen und Polen kämpften zäh um jeden Fußbreit Landes. Ein Deutscher, der einem Polen Land verkaufte, ward als Verräter geächtet.
Wir Kinder sprachen von den Polen als »Polacken« und glaubten, sie seien die Nachkommen Kains, der den Abel erschlug und von Gott dafür gezeichnet wurde.
Bei allen Kämpfen gegen die Polen bildeten Juden und Deutsche eine Front. Die Juden fühlten sich als Pioniere deutscher Kultur[3q]. In den kleinen Städten bildeten jüdische bürgerliche Häuser die geistigen Zentren, deutsche Literatur, Philosophie und Kunst wurden hier mit einem Stolz, der ans Lächerliche grenzte, »gehütet und gepflegt«. Den Polen, deren Kinder in der Schule nicht die Muttersprache sprechen durften, deren Vätern der Staat das Land enteignete, warf man vor, daß sie keine Patrioten seien. Die Juden saßen an Kaisers Geburtstag mit den Reserveoffizieren, dem Kriegerverein und der Schützengilde an einer Tafel, tranken Bier und Schnaps und ließen Kaiser Wilhelm hochleben.
Ich bin am ersten Dezember 1893 geboren[1q].
Suche ich nach Kindheitserinnerungen, werden mir diese Episoden bewußt:
Ich habe ein Kleidchen an. Ich stehe auf dem Hofe unseres Hauses an einem Leiterwagen. Er ist groß, größer als Marie, so groß wie ein Haus. Marie ist das Kindermädchen, sie trägt rote Korallen um den Hals, runde, rote Korallen. Jetzt sitzt Marie auf der Deichsel und schaukelt. Durchs Hoftor kommt Ilse mit ihrem Kindermädchen. Ilse läuft auf mich zu und reicht mir die Hand. Wir stehen eine Weile so und sehen uns neugierig an. Das fremde Kindermädchen unterhält sich mit Marie. Nun ruft sie Ilse: »Bleib da nicht stehen, das ist ein Jude.«
Ilse läßt meine Hand los und läuft fort. Ich begreife den Sinn der Worte nicht, aber ich beginne zu weinen, hemmungslos. Das fremde Mädchen ist längst mit Ilse davongegangen.
Marie spricht auf mich ein, sie nimmt mich auf den Arm, sie zeigt mir die Korallen, ich mag nicht die Korallen, ich zerreiße die Kette.
Der Sohn des Nachtwächters ist mein Freund. Wenn die anderen »Polack« schreien, schreie ich auch »Polack«, er ist trotzdem mein Freund. Die Polacken hassen die Deutschen, ich weiß es von Stanislaus.
Auf dem Marktplatz wird das Pflaster aufgebrochen, Gräben werden geschaufelt. Es ist Feierabend, die Arbeiter haben Spaten und Hacken in einen kleinen Schuppen getan, aus rohen Brettern gezimmert. Sie sind in die Kneipe gegangen, einen heben. Stanislaus und ich sitzen im Graben. Unser Versteck ist ein schmaler Schacht, mit Pfählen verschalt.
Stanislaus zielt und spuckt.
»Heute nacht wird ein Arbeiter sterben«, sagt Stanislaus, »zur Strafe. Sie dürfen hier nicht graben, es ist polnische Erde. Die Deutschen haben sie gestohlen. Aber laß sie nur graben, hier unten, wo sie graben, hundert Meter tief, wartet der polnische König. Im Stall steht sein weißes Pferd, dagegen ist das Pferd vom Herrn Rittmeister ein Ziegenbock. Wenn es soweit ist, setzt sich der König aufs Pferd, reitet nach oben und verjagt euch. Euch alle. Dich auch.«
Ich möchte Stanislaus fragen, wann es »soweit« ist, Stanislaus weiß mehr als ich, sein Vater ist Nachtwächter, aber die Lippen von Stanislaus pressen sich, und sein Mund wird hart und abweisend.
»Spuck jetzt, einen Murmel als Einsatz!«
Ich spucke und verliere. Nachts träume ich, daß Stanislaus auf dem Markt steht und auf dem Horn seines Vaters bläst. Aus unserm Schacht springt im Galopp ein weißes Pferd, auf dem braunen Sattel, rechts und links, oben und unten, sitzen Kaiserbilder. Jetzt ist es »soweit«, denke ich.
Ich sammle Kaiserbilder. Im Geschäft meiner Eltern gibt es viele verlockende Dinge, Bindfaden und Bonbons, Limonaden und Rosinen, große und kleine Nägel, aber am schönsten sind die Kaiserbilder. Wenn auch am schwersten zu stehlen. In jeder Tafel Schokolade liegt eins. Der Schokoladenschrank ist verschlossen, der Schlüssel hängt an einem Bund, den Mutter an ihrer blaugewürfelten Umhängeschürze trägt. Früh, wenn ich aufwache, arbeitet Mutter. Sie arbeitet im Laden, sie arbeitet im Getreidespeicher, sie arbeitet in der Wirtschaft, sie schickt den Armen Essen und lädt die Bettler zum Mittag, und wenn der Knecht aufs Feld geht, den Acker zu pflügen und das Korn zu säen, mißt sie ihm das Korn zu. Abends liest sie bis tief in die Nacht, oft schläft sie ein über einem Buch, und wenn ich sie wecke, bittet sie:
»Laß mich lesen, Kind, es ist meine einzige Freude.«
»Warum arbeitest du immer, Mutter?«
»Weil du essen willst, Kind.«
Wenn Mutter nicht achtgibt, stehle ich erst die Schlüssel, dann aus den Schokoladentafeln die Bilder, Schokolade nur nebenbei. Schön sind die Bilder der alten Germanen, sie tragen Felle und Keulen, auf die sie sich stützen, ihre Weiber kauern auf der Erde und müssen die Schilde scheuern. Stanislaus meint, sie gebrauchten dazu ihre blonden Haare, die aussehen wie um den Kopf gelegte Bettvorhänge aus Stroh. In den meisten Tafeln liegen Bilder von unserem Kaiser, er hat sich einen Mantel von rotem Samt auf seine Schultern gelegt, in der einen Hand hält er eine Kugel, in der anderen einen goldenen Feuerhaken.
Wenn ich morgens in meinem Bett liege und die vielen Kaiserbilder ansehe, frage ich mich: Geht ein Kaiser auch aufs Klo? Die Frage beschäftigt mich sehr, und ich laufe zur Mutter. »Du wirst noch ins Gefängnis kommen«, sagt Mutter. Also geht er nicht aufs Klo.
Vom Marktplatz zu den Kirchhöfen führt die Totenstraße. Die Menschen, die dort wohnen, finden nichts dabei, daß ihre Straße »Totenstraße« heißt, sie stehen vor den Türen und schwatzen, sie schimpfen auf den Bürgermeister, weil das Trottoir, auf das alle Leute in der Stadt stolz sind, mitten in der Straße aufhört. »Wie abrasiert«, sagt Kaufmann Fischer. Ich möchte nicht in der Totenstraße wohnen. Ich habe noch nie einen Toten gesehen, nur Schädel und Knochen, die haben Arbeiter gefunden, als sie neben der Mühle einen Brunnen gruben. Stanislaus und ich spielen Ball mit Schädeln, die Knochen dienen als Abschlaghölzer, Stanislaus gibt den Schädeln Fußtritte.
»Warum tust du das?«
»Großmutter hat gesagt, es sind böse Menschen gewesen, Gute bleiben nicht im Grab, Engel holen sie und fliegen mit ihnen in den Himmel zum lieben Gott.«
»Was tun sie da?«
»Pellkartoffeln fressen sie nicht.«
Ich esse Pellkartoffeln sehr gerne, zu Hause nicht, ich esse sie lieber bei Stanislaus. Seine Großmutter, seine Mutter, sein Vater, drei Schwestern und vier Brüder wohnen in der Dorfstraße, in einem kleinen Haus aus Lehm, oben deckt es ein Strohdach, alle schlafen in einer Stube, und gekocht wird darin auch. In der Dorfstraße fehlt das Trottoir, aber niemand schimpft auf den Bürgermeister. Immer, wenn ich um die Mittagszeit Stanislaus besuche, essen sie Pellkartoffeln und Grützsuppe oder Pellkartoffeln und Hering, ich stehe in einer Ecke, und das Wasser läuft mir im Mund zusammen.
»Lang zu«, sagt endlich Stanislaus' Mutter, »essen elf sich satt, wird es auch für zwölf reichen.«
Stanislaus pufft mich in die Seite:
»Braten und Gebackenes kannst du dir malen.«
»Wir essen auch nicht jeden Tag Braten und Gebackenes,« »Ihr könntet so fressen, wenn ihr wolltet.«
Ich nehme meine Mütze und renne nach Haus.
»Was mußt du dort zu Mittag bleiben«, schilt mich Mutter, »du ißt den armen Leuten ihr bißchen Brot weg.«
»Warum haben sie so wenig?«
»Weil der liebe Gott es so will.«
Die Totenstraße ist sehr lang, ich denke mir, wegen der Toten, sie wollen noch ein bißchen spazierenfahren, ehe sie ins Grab gelegt werden und es sich entscheidet, ob sie darin bleiben oder in den Himmel fliegen.
Neulich ist Onkel M. gestorben. Ob er ein guter Mensch war? Ich stehe an der Friedhofsmauer. Von einer Weide breche ich mir eine Gerte und spitze sie an, ich klettere über die Mauer, laufe zum Grab und bohre, der Friedhofswärter überrascht mich, ich mache mich aus dem Staub.
Auf dem Nachhauseweg denke ich: ›Was ist ein guter Mensch?‹
Draußen krachen Türen. Im Zimmer ist es dunkel. Dort schläft Vater, dort Mutter. Es ist gar nicht dunkel. Und die Betten von Vater und Mutter sind leer. Haben Räuber sie überfallen? Von draußen blinkt es rötlich. Ein Horn bläst, immer den gleichen heulenden Ton. Ich springe aus dem Bett, reiße die Tür auf, renne auf die Straße, drüben, auf der anderen Seite des Marktes, brennt ein Haus, rot und grün und schwarz, Feuerwehrleute mit glänzenden Helmen auf dem Kopf rennen wild umher, und die Menschen stellen sich auf die Zehenspitzen. Jule, unsere Köchin, sieht mich und jagt mich ins Bett zurück.
»Warum brennt es, Jule?«
»Weil Gott strafen will.«
»Warum will Gott strafen?«
»Weil kleine Kinder zuviel fragen.«
Ich fürchte mich, ich kann nicht mehr einschlafen, es riecht nach Rauch, es riecht nach Versengtem, es riecht nach dem lieben Gott. Am andern Morgen stehe ich vor verkohlten Balken und Steinen, sie sind noch heiß.
»Nicht einen Knochen hat man gefunden, die arme Frau ist in ihrem Bett verbrannt.«
Ich drehe mich jäh um, der Mann, der es sagte, ist weitergegangen.
Ich laufe nach Haus, setze mich in eine Ecke, der Stock, mit dem ich in der Asche gestochert habe, klebt in meiner Hand.
Herr Levi kommt. Er lacht.
»Schöne Sachen machst du.«
Ich rühre mich nicht.
»Alle in der Stadt wissen es, du hast Eichstädts Haus angesteckt.«
Herr Levi steckt sich eine Zigarre an und geht davon. Erst meinte Jule, ich sei schuld, nun sagt es Herr Levi.
Ich verkrieche mich auf dem Boden und bleibe dort bis zum Abend.
War es anders gestern? Ich hatte mich ausgezogen, mich gewaschen, ins Bett gelegt und geschlafen, gewaschen habe ich mich nicht, nur Mutter vorgeredet, ich hätte es getan, also gelogen. Darum das Feuer? Darum diese schreckliche Strafe? Ist Gott so streng? Ich denke an die Pellkartoffeln, an die verbrannte Frau Eichstädt.
Im Zimmer ist es dunkel. Ich liege und horche. Rechts von der Tür hängt ein rundes längliches Glasröhrchen, an das zu rühren mir verboten ist, das Stubenmädchen Anna bekreuzigt sich, bevor sie es abstaubt.
»Da wohnt der Juden ihr Gott drin«, brummt sie.
Mein Herz klopft. Noch wage ich es nicht. Wenn »Er« nun aus der Rolle herausspringt und schreit: »Ich bin der liebe Gott! Zur Strafe, daß du gelogen hast...« Ich lasse mir nicht länger Angst einjagen, und vor Pellkartoffeln fürchte ich mich auch nicht, mit einem Satz bin ich an der Tür, klettere auf die Kommode, reiße den »lieben Gott« herunter. Ich zerschlage das Glasröhrchen. »Er« rührt sich nicht. Ich werfe das Röhrchen auf den Boden. »Er« rührt sich nicht. Ich spucke es an, ich nehme meine Schuhe und schlage drauf los. »Er« rührt sich nicht. Vielleicht ist »Er« schon tot. Mir ist leicht zumute. Ich packe Glas- und Papierfetzen, stopfe sie in die Sofafalte zwischen Lehne und Polster, morgen werde ich den »lieben Gott« begraben.
Fröhlich lege ich mich ins Bett, mögen alle wissen, daß ich den »lieben Gott« totgeschlagen habe.
Ich habe geglaubt, alle Jungen und Mädchen gehen zusammen in eine Schule. Ilse und Paul gehen in die »evangelische«, Stanislaus in die »katholische«, ich in die »jüdische«. Dabei lernen sie lesen und schreiben wie ich, und die Schulhäuser sehen eins aus wie das andere.
Der Lehrer heißt Herr Senger. Wenn er morgens die Türe aufreißt, rufen wir: »Guten Morgen, Herr Senger.« Er setzt sich aufs Katheder und legt den Rohrstock neben sich. Wer seine Aufgabe nicht gelernt hat, muß seine Hände vorstrecken, dann schlägt Herr Senger mit dem Rohrstock darauf, »zur Strafe«, sagt er. Wer seine Aufgaben gelernt hat, den nimmt Herr Senger auf die Knie, er muß seine Backe an die Backe von Herrn Senger legen, die ist stachlig, und Herr Senger reibt sich daran, »zur Belohnung«, sagt er.
In der Pause zeigen wir uns die Frühstücksstullen.
»Ich habe Fleisch.«
»Ich habe Käse.«
»Was hast du drauf?«
»Er hat gar nichts drauf.«
Kurt will seine leere Stulle verstecken, wir lassen es nicht zu, wir lachen ihn aus, Kurt ruft: »Ich werde es meiner Mutter erzählen«, wir rufen: »Petzer«, Kurt wirft sein Brot in den Sand und weint.
Wie wir von der Schule nach Haus gehen, sagt Max: »Meine Eltern erlauben nicht, daß ich mit Kurt spiele, seine Mutter wäscht bei uns jede Woche, alle armen Leute sind schmutzig und haben Flöhe.«
Ich spiele mit Stanislaus. Ich habe eine Eisenbahn geschenkt bekommen. Ich bin der Lokomotivführer. Stanislaus ist Weichensteller. Mitten in der Fahrt bremse ich.
»Weiterfahren«, ruft Stanislaus, er steckt zwei Finger in den Mund und pfeift schrill.
»Hast du Flöhe?«
»Fahr weiter.«
»Bist du schmutzig?«
Stanislaus tritt mit seinem Fuß auf die Eisenbahn und zerbiegt das schöne Spielzeug zu einem Haufen Blech.
»Wenn Max doch sagt, daß alle armen Leute schmutzig sind und Flöhe haben. Jetzt hast du meine Eisenbahn kaputt gemacht, und du willst mein Freund sein?«
»Ich bin nicht dein Freund. Ich hasse euch.«
Auf der Straße schreien die Kinder: »Jude, hep, hep!« Ich habe es früher nie gehört. Nur Stanislaus schreit nicht, ich frage Stanislaus, warum die anderen so schreien.
»Die Juden haben in Konitz einen Christenjungen geschlachtet und das Blut in die Mazzen[4] gebacken.«
»Das ist nicht wahr!«
»Daß wir schmutzig sind und Flöhe haben, das ist wohl wahr, wie?«
Lehrer Senger geht über den Marktplatz. Ein Junge läuft hinter ihm her und singt:
»Jiddchen, Jiddchen, schillemachei, reißt dem Juden sein Rock entzwei, der Rock ist zerrissen, der Jud hat geschissen.«
Lehrer Senger geht, ohne sich umzudrehen, weiter. Der Junge ruft: »Konitz, hep, hep! Konitz, hep, hep!«
»Glaubst du wirklich«, fragte ich Stanislaus, »daß die Juden in Konitz einen Christenjungen geschlachtet haben? Ich werde nie mehr Mazzen essen.«
»Quatsch! Gib sie mir.«
»Warum rufen die Jungen Jude, hep, hep?«
»Rufst du nicht auch Polack?«
»Das ist etwas anderes.«
»Ein Dreck! Wenn du's wissen willst, Großmutter sagt, die Juden haben unsern Heiland ans Kreuz geschlagen.«
Ich laufe in die Scheune, verkrieche mich im Stroh und leide bitterlich. Ich kenne den Heiland, er hängt bei Stanislaus in der Stube, aus den Augen rinnen rote Tränen, das Herz trägt er offen auf der Brust, und es blutet. »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, steht darunter. Wenn ich bei Stanislaus bin und niemand aufpaßt, gehe ich zum Heiland und bete.
»Bitte, lieber Heiland, verzeih mir, daß die Juden dich totgeschlagen haben.«
Abends im Bett frage ich Mutter:
»Warum sind wir Juden?«
»Schlaf, Kind, und frag nicht so töricht.«
Ich schlafe nicht. Ich möchte kein Jude sein. Ich möchte nicht, daß die Kinder hinter mir herlaufen und »Jude« rufen.
Auf dem Hof des Tischlers Schmidt steht ein Schuppen. Dort versammeln sich die »Wahren Christen«. Sie blasen Posaune und singen Haleluja, sie knien sich hin und schreien: »Dein Reich ist nahe, o Zion!« Sie umarmen sich und küssen sich und blasen wieder Posaune. Ich will auch ein wahrer Christ werden, darum gehe ich in den Schuppen. Der Herr Vorleser streichelt mich, schenkt mir Zucker und sagt, ich sei »auf dem rechten Wege«.
»Wir werden alle in Liebe und Eintracht das heilige Weihnachtsfest feiern«, sagt er.
»Ja«, sage ich.
»Und du, mein Kind, wirst dieses Weihnachtsgedicht aufsagen.«
Ich bin selig, ich bin kein Jude mehr, ich werde ein Weihnachtsgedicht aufsagen, keiner darf mir mehr »Jude, hep, hep!« nachrufen. Ich nehme meine Trompete und blase wie er die Posaune, dann spreche ich mit lauter, feierlicher Stimme das Weihnachtsgedicht. Am andern Tag sagt mir der Herr Vorleser, es täte ihm leid, aber dem Herrn Heiland sei es angenehmer, wenn Franz das Gedicht aufsage.
Alle Erwachsenen sind schlecht, alle. Sie sind stärker als wir, aber man kann sie überlisten, wenn man schlau ist. Unsere Räuberbande ist schlau. Ich bin der Hauptmann. Jeder Räuber trägt einen kurzen Holzsäbel, nur ich trage einen langen, der alte Hordig hat ihn geschnitzt. »Wie ein Offizier siehst du aus«, sagt er und versteckt die Zigarren, die ich für ihn gestohlen habe.
Wir brechen den Schrank auf, in dem Mutter die eingemachten Früchte verwahrt, wir kosten von jedem Topf, und wenn die Früchte zu sauer sind, gießen wir Essig hinein. Wir schleichen uns abends an die Häuser heran, reißen die Türen auf, die Klingeln schrillen, wir stürzen davon und freuen uns über die schimpfenden Ladenbesitzer. Wir spannen Bindfaden über die Straße und johlen, wenn jemand hinfällt. Wir stehlen Geld, kaufen Zigaretten und rauchen sie, und keiner wird sagen, daß ihm übel ist. Wir haben allen Erwachsenen den Krieg erklärt. Der Streit unter uns ist vergessen, wir haben den großen Indianerschwur getan, daß dieser Krieg nicht enden soll.
Vater schenkt mir einen jungen Hund, er ist kaum zwei Monate alt, braune Tupfen klecksen auf seinem weißen Fell, ein kleines, weiches Pelzbündel, das ich auf den Schoß nehmen, auf der Erde rollen, in die Luft werfen kann. Ich bin Lehrer Senger und nenne den Hund Puck, ich befehle ihm, daß er »schönmacht«, daß er die Pfote gibt und gehorcht, er gehorcht nicht, ich bade ihn in kaltem Wasser, »zur Strafe«, sage ich.
Am andern Morgen ist der Hund tot. Ich lade die anderen Jungen ein, schaufle neben der Eismiete ein Grab für den Hund, feierlich tragen wir den Sarg zu Grabe, ich bin der Pastor, ich rede wie Lehrer Senger, ich sage: »Der Hund brauchte nicht zu sterben, er hat nicht gehorcht, jetzt hat er seine Strafe.«
Vater ruft mich in sein Zimmer.
