Eine Liebe in Langford - Harriet Evans - E-Book
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Eine Liebe in Langford E-Book

Harriet Evans

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Beschreibung

Eine neue Chance auf das Glück: Das Romantik-Highlight »Eine Liebe in Langford« von Harriet Evans jetzt als eBook bei dotbooks. Jahrelang hat Tess ihrem Heimatort Langford den Rücken gekehrt, zu schmerzhaft war die Erinnerung an die Geschehnisse, die sie damals von dort vertrieben. Als sie nun zurückkehrt, scheint alles noch wie damals: Die schiefen, alten Steinhäuschen, das holvertäfelte Pub an der Ecke … und natürlich Adam, Tess' bester Freund aus Kindheitstagen, der sie mit offenen Armen aufnimmt. Eine Zeit lang glaubt sie, dass in Langford wieder alles so wie früher werden kann – bis ein einziger betrunkener Kuss all die Gefühle an die Oberfläche spült, die sie so lange verdrängt hat. Fluchtartig reist Tess ab, doch insgeheim weiß sie, dass sie nicht länger vor der Vergangenheit davonlaufen kann – und vor ihrem Herzen … »Eine bewegende und lebendige Geschichte über Liebe, Freundschaft und die Suche nach sich selbst.« Closer Magazine Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der berührende Liebesroman »Eine Liebe in Langford« von Harriet Evans wird alle Fans der Bestseller von Clare Empson und Cecilia Ahern begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Jahrelang hat Tess ihrem Heimatort Langford den Rücken gekehrt, zu schmerzhaft war die Erinnerung an die Geschehnisse, die sie damals von dort vertrieben. Als sie nun zurückkehrt, scheint alles noch wie damals: Die schiefen, alten Steinhäuschen, das holvertäfelte Pub an der Ecke … und natürlich Adam, Tess‘ bester Freund aus Kindheitstagen, der sie mit offenen Armen aufnimmt. Eine Zeit lang glaubt sie, dass in Langford wieder alles so wie früher werden kann – bis ein einziger betrunkener Kuss all die Gefühle an die Oberfläche spült, die sie so lange verdrängt hat. Fluchtartig reist Tess ab, doch insgeheim weiß sie, dass sie nicht länger vor der Vergangenheit davonlaufen kann – und vor ihrem Herzen …

Über die Autorin:

Harriet Evans wurde in London geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Lektorin in Buchverlagen, bis sie beschloss, lieber selbst Romane zu schreiben. Heute ist Harriet Evans erfolgreiche Autorin zahlreicher Liebesromane, mit denen sie immer wieder u.a. auf der Sunday-Times-Bestsellerliste steht.

Die Website der Autorin: harriet-evans.com/

Die Autorin bei Facebook: facebook.com/harrietevansbooks/

Die Autorin auf Instagram: instagram.com/harrietevansauthor/

Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Liebesromane »Die Sterne über Keeper House«, »Eine Liebe in Langford«, Der Himmel über Chartley Hall« und »Ein halbes Leben zwischen uns«.

Außerdem erschienen bei dotbooks ihre Familiengeheimnisromane »Summercove House – Das Buch der verborgenen Wünsche« und »Winterfold Manor – Der Garten der verbotenen Träume«.

***

eBook-Neuausgabe März 2024

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2009 unter dem Originaltitel »I Remember You« bei HarperCollins, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Das Glück in deinen Augen« bei Knaur Taschenbuch, München.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2009 by Harriet Evans

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009, bei Knaur Taschenbuch, ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG.

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (FE)

ISBN 978-3-98690-935-2

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Besuchen Sie uns im Internet:

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blog.dotbooks.de/

Harriet Evans

Eine Liebe in Langford

Roman

Aus dem Englischen von Tina Thesenvitz

dotbooks.

Widmung

Für den Don,

meinen wundervollen Dad,

mit all meiner Liebe

»When my life is through,

And the angels ask me to recall

The thrill of it all.

Then I will tell them I remember you.«

»I REMEMBER YOU«,

Text von Johnny Merc

Prolog

Der Frühling war in diesem Jahr früh nach Langford gekommen. Ein Teppich aus Glockenblumen säumte die Wege, und gelbe Narzissen mit stolz aufgerichteten Köpfchen wippten in der leichten Brise, die von den Hügeln hinter der kleinen Stadt herabwehte. Als Tess Tennant von der Bushaltestelle den Hügel hinaufrannte, sah sie ihre Mutter und deren Freundin Philippa lachend vor dem Haus der Tennants im hellen Sonnenschein stehen.

»Hallo, Tess, Schatz!«, rief Emily Tennant ihrer Tochter zu, als diese keuchend vor ihr zum Stehen kam. »Ich habe Philippa gerade von dir erzählt.«

»Du hast es aber Adam noch nicht erzählt, oder?«, fragte Tess atemlos. Sie schob sich ihre Schultasche von der Schulter und versuchte, lässig und erwachsen zu wirken, schließlich war sie fast achtzehn. Als Kleopatra achtzehn gewesen war, hatte sie bereits mit ihrem Bruder über Ägypten geherrscht. Mit zweiundzwanzig war sie besagten Bruder losgeworden, hatte Cäsar verführt und von ihm ein Baby bekommen. Natürlich war sie schon mit neununddreißig gestorben und hatte Ägypten in einen verheerenden Bürgerkrieg geführt, weshalb man sie vielleicht nicht mit sklavischer Begeisterung nachahmen sollte – aber sie war in Rom gewesen, hatte Marcus Antonius gevögelt und den unglaublichsten Goldschmuck getragen. Außerdem hatte sie jede Menge Macht besessen, und das war auch nicht gerade schlecht.

»Nein, natürlich nicht«, antwortete Philippa und strich sich das wirre schwarze Haar aus der Stirn, während sie Tess anlächelte. »Gut gemacht, Süße. Das ist wundervoll. Er wird sich ja so für dich freuen.«

»Er hat ein Stipendium für Cambridge bekommen«, erklärte Tess und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. »Bestimmt wird er sich in ein paar Monaten nicht mehr daran erinnern, wer wir sind, weil er zu wichtig geworden ist und lieber zu todschicken Abendveranstaltungen mit E.V. Rieu, Oliver Taplin und solchen Leuten geht.«

»E.V. Rieu ist 1972 gestorben«, wandte eine Stimme hinter ihr ein. »Es würde mich außerordentlich überraschen, wenn er zum Essen auftauchte.« Tess drehte sich um und erblickte Adam, ihren besten und ältesten Freund, der sie erwartungsvoll ansah.

»Ich bin aufgenommen worden«, erzählte sie strahlend. »Ich kann auf die UCL gehen, wenn ich drei Zweien schaffe.«

»O mein Gott«, erwiderte Adam mit einem breiten Grinsen. Er umarmte sie. »Das ist phantastisch. Du bist verdammt phantastisch.«

»Kommt rein und trinkt Tee«, rief Tess’ Mutter ihnen zu, während Philippa ihnen lächelnd zusah, als sie sich fest umarmten.

»Nein danke, aber später vielleicht«, antwortete Tess. Adam legte ihr einen Arm um die Schultern und drückte sie an sich. »Hurra«, seufzte sie glücklich. »Die Wiesen?«

»Ja.« Er nickte.

»Oh«, meinte Philippa erfreut. »Tschüs, ihr beiden! Amüsiert euch! Bring mir auf dem Heimweg etwas Knoblauch mit, Adam, ja? Amüsiert euch – ähm, ja. Tschüs ! «

Als sie zusammen den Weg entlanggingen, verdrehte Adam die Augen. Sie wussten beide, dass ihre Mütter sie beobachteten.

»Für jemanden, der die Konventionen der Ehe vehement ablehnt, ist deine Mum erstaunlich bürgerlich«, bemerkte Tess (die einen Leistungskurs in Politik belegte).

»Seltsam, nicht wahr?«, gab Adam zurück, der auf einem Grasstengel kaute. »So geheimnisvoll und bohemehaft, und doch hat sie nichts dagegen, wenn ihr Sohn mit der Nachbarstochter loszieht.«

Keiner wusste, woher Philippa Smith gekommen war, als sie vor neunzehn Jahren an einem windigen Tag zu Frühlingsanfang wie Mary Poppins in der Stadt aufgetaucht und in das Cottage gegenüber der Tennants gezogen war. Frank Tennant war Arzt, er und Emily hatten ein Kind, Stephanie, die fast zwei war, und erwarteten ihr zweites. Philippa war fast im achten Monat schwanger, während man bei Emily kaum etwas sah.

Sie habe in Dublin unterrichtet, erzählte sie ihnen, und der Vater des Babys sei Ire, ein Kollege vom College, wo sie gearbeitet hatte. Sie sprach von ihm ohne Groll, würde ihn jedoch nicht wiedersehen. Abgesehen davon offenbarte Philippa nicht mehr von sich. Offenbar hatte sie keine Familie oder Freunde. Sie kam gerade so über die Runden, indem sie Abschlussprüfungen benotete und Lehrbücher über frühe englische Geschichte verfasste. Einige Bürger von Langford fanden ihr Erscheinen skandalös, doch Emily, die ein kleines Kind hatte und mit Frank aus London hergezogen war, um in dieser kleinen, seltsamen Stadt zu leben, schloss sie auf der Stelle in ihr Herz. Philippa akzeptierte die Freundschaft ihrer Nachbarn bis zu einem gewissen Punkt – die Einladungen zum Essen, ihre beiläufigen Erkundigungen, ob es ihr gutgehe -, und dann zog sie sich wieder in ihr zugiges Cottage zu ihren Büchern zurück. Für jemanden, der so gut wie nichts hatte – keine Familie, keine anderen Freunde, keinen Hintergrund -, war sie seltsam gebieterisch.

Philippa bekam ihren Sohn Adam sechs Wochen nachdem sie nach Langford gezogen war. Tessa (das war ihr voller Name) wurde ein paar Monate später geboren, und es war von vornherein klar, dass die beiden Babys eng miteinander aufwachsen würden. Der Anblick des blonden, großen Adam und seiner willensstarken blauäugigen Begleiterin mit dem schwarzen Haar, das ihr wie ein Heiligenschein vom Kopf abstand, war unwiderstehlich, wenn sie Hand in Hand zum Laden an der Ecke gingen. Viele konnten dann nicht anders, als zu lächeln, den Kopf schiefzulegen und zu sagen: »Ach ... sind sie nicht süß?« Mit dreizehn war Adam immer noch groß, nun von einem dunkleren Blond und dank einer Kombination aus einem Stipendium und privater Förderung Internatsschüler, während Tess noch immer klein, stämmig und willensstark war. Beide waren schüchterner geworden, und so war es ziemlich anrührend mitanzusehen, wie sie die Kinderzeit hinter sich ließen und etwas verlegen miteinander umgingen. Die Leute fragten sich nicht mehr, woher Philippa kam, sondern lächelten freundlich, wenn ihr gutmütiger, schüchterner Sohn irgendwo mit Franks und Emilys Tochter auftauchte.

»Ich glaube, da ist jemand verliebt ...«, raunte dann eine wohlmeinende Seele entzückt, wenn Tess auf einer Party lässig zu Adam hinüberschlenderte, um ihn schüchtern zu begrüßen.

»Es ist wirklich offensichtlich, dass er sie schrecklich gern mag«, erwiderte dann jemand anderes. »Schaut sie euch nur beide an!«

Tess und Adam hatten schon lange akzeptiert, dass sie nichts daran ändern konnten. Es waren nicht bloß ihre Eltern. Es war die ganze verdammte Stadt: Mrs. Sayers, die Sekretärin der Grundschule, Mrs. Tey, die Frau des Anwalts, die Dame am Zeitungskiosk – sogar Mick, der Langfords besten Pub führte, hatte man sagen hören: »Ein süßes Pärchen, nicht wahr?«

Das war einer der Gründe, warum Tess unbedingt wegwollte.

Die Wasserwiesen waren im Winter überschwemmt, doch wenn der Frühling kam und das Wasser zurückging, begannen sie auszutrocknen, so dass das Gras selbst in der größten Sommerhitze immer sattgrün war, die zahlreichen Schmetterlinge bunt und die Honigbienen stets beschäftigt. An diesem sonnigen Apriltag saßen sie auf dem Baum am Fluss, ließen die Beine über dem wirbelnden Wasser baumeln und tranken das Bier, das Adam in einem Astloch aufbewahrte. Sie rauchten verbotene Zigaretten, deren Kippen sie stets sorgfältig einsammelten, bevor sie wieder gingen. Nicht nur, um ihr Versteck zu schützen, sondern auch, weil sie Landkinder waren, und ebenso wenig, wie sie jemals ein Gatter offen ließen, würden sie eine Kippe auf dem Feld herumliegen lassen. Vor allem auf den Wasserwiesen. Diese waren bereits in einem Merchant-Ivory-Film vorgekommen, und der Prince of Wales hatte sie letztes Jahr besucht. Alle in Langford waren stolz darauf.

Adam zog an seiner Zigarette. »Du willst also wirklich nach London gehen«, stellte er fest.

»Ja.« Tess ließ fröhlich die Beine baumeln. »Ich kann es noch gar nicht glauben. Du musst mich mal besuchen kommen.«

»Ich werde dich besuchen, aber ich bin nicht so scharf auf London.«

Sie stieß ihn an. »Sei nicht albern. Du kennst es doch nicht mal!«

»Ich kenne es gut genug, um zu wissen, dass ich es nicht mag.«

Tess starrte ihn an und versuchte, nicht ungeduldig zu wirken. Adam war neuen Dingen gegenüber nicht besonders aufgeschlossen, und das ärgerte sie, auch wenn sie hoffte, dass sich das auf der Uni ändern würde. Sie wollte die Welt bei den Hörnern packen und das Leben in vollen Zügen auskosten. Er war zufrieden damit, die Welt vor seinem Fenster an sich vorüberziehen zu sehen, während er arbeitete.

»Ich meine es ernst«, sagte er nun. »Cambridge ist in Ordnung – auch wenn es dort ziemlich flach ist, zumindest ist die Umgebung ländlich. London ...« Er zuckte mit den Schultern. »Zu laut. Zu verrückt. Zu viele Leute! Keine Grünflächen, nichts. Ich glaube, du wirst es vermissen.«

Tess starrte ihn an. »Hast du den Verstand verloren?«, fragte sie, halb im Ernst. »Ich bin achtzehn, mein Lieber! Und du auch! Nur weil wir Latein und Griechisch studieren, heißt das nicht, dass wir uns in alte Männer mit buschigen Bärten und Ellbogenschonern verwandeln müssen, die ständig von der guten alten Zeit reden.«

»Nun«, erwiderte Adam, »ich möchte dich gern mal mit einem großen buschigen Bart sehen, Tee.« Er verpasste ihr einen kleinen Seitenstoß, doch sie funkelte ihn an. »Okay, dann besuche ich dich eben«, gab er nach.

»Das solltest du auch«, sagte sie entschieden. »Wir werden Partys feiern. Als Kleopatra Cäsar kennenlernte, sagte sie ...«

»Ach, hör mir bloß mit Kleopatra auf«, gab Adam zurück, den Tess’ Kleopatra-Besessenheit nervte. »Ihre Eltern waren Geschwister, kein Wunder, dass sie verrückt war.«

»Adam!« Tess war empört.

Adam verdrehte die Augen. »Ist ja schon gut.« Er tätschelte ihr den Rücken. »Du kannst es wirklich nicht erwarten, hier rauszukommen, oder?«

Sie sah ihn an und rutschte plötzlich ein wenig unbehaglich auf dem breiten Ast herum. »Das ist es nicht allein. Ich will einfach etwas anderes machen, verstehst du? Ich habe das Gefühl, dass noch so vieles auf mich wartet, und ich bin die immer selben alten Gesichter leid, dieselben blöden Touristen, die dieselben langweiligen Sachen bestaunen.«

»Ja«, antwortete Adam langsam. »Ich weiß. Trotzdem ... ich werde es vermissen.« Er sah sich um und blickte auf die Wiesen, die sich vor ihnen erstreckten, das grelle Grün der aufblühenden Bäume, den blauen Himmel, die Felder, die sich am Horizont verloren. »Es ist ein schönes Leben hier, mehr will ich nicht sagen.«

»Natürlich ist es ein schönes Leben für dich«, meinte Tess. »Du bist Adam Smith. Die reichste Frau der Stadt hat für deine Ausbildung gezahlt. Du bist groß. Du bist superintelligent. Du hast ein cooles Rad. Und alle Mädels in meiner Schule haben ein Auge auf dich geworfen. Du könntest mit jeder knutschen, die du willst. Du bist ein Superstar.«

»Tess!« Adam lachte, und die Verlegenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er errötete. »Das ist Blödsinn.«

»Ist es nicht«, gab sie zurück. »Warum solltest du von hier Weggehen wollen? Du hast doch das perfekte Leben.« Sie stand auf, als sich ein Stück Rinde schmerzhaft in ihren Po bohrte. »Ich hingegen will weg. Ich will in London leben. Ich will nicht vor meiner Zeit zu einer alten Jungfer werden.«

»Aber du wirst doch zurückkommen«, meinte Adam, der immer noch auf dem Ast saß. »Oder?«

Tess war plötzlich traurig und wusste nicht, warum. Sie drehte sich zu ihm um und stellte sich zwischen seine Beine. »Rechne nicht zu fest damit. Ich kann mir nicht vorstellen, hier zu leben.«

»Ich weiß, was du meinst, aber omnia mutantur. Die Zeiten ändern sich.«

»Ja, das stimmt«, gab Tess zu. »Aber wir verändern uns mit ihnen, so geht das Zitat nämlich weiter.« Sie schwiegen einen Moment und tranken beide einen Schluck Bier. »Trotzdem«, fuhr Tess fort, »es dauert noch ewig, bis wir uns verabschieden müssen. Wir haben noch den ganzen Sommer vor uns. Und dann ...« – sie hob ihre Bierflasche an und stieß damit gegen seine – »den Rest unseres Lebens.«

Natürlich hatte sie recht. Die Dinge veränderten sich, aber keiner von ihnen hätte voraussehen können, auf welche Weise. Weil schon ein Teil von Tess’ und Adams Zukunft in Stein gemeißelt gewesen war, lange bevor sie geboren wurden.

Teil Eins

Ich erzähle dir von einer winzigen Republik,

die dir bewundernswerte Dinge zeigt –

großherzige Führer, eine ganze Nation,

deren Werk geplant ist, ihre Moral, ihre Gruppen,

ihre Verteidigung – ich werde es euch

in angemessener Reihenfolge erzählen.

Vergil, GEORGICA

Langford College

Tutor für klassische Altertumskunde gesucht

Für Abschlusskurse, Semesterkurse und Seminare

Beginn vorzugsweise sofort

Das Langford College ist landesweit eine der wichtigsten und angesehensten Einrichtungen für Erwachsenenbildung. Das private College für Weiterbildung befindet sich in einem viktorianischen Gutshaus, dem früheren Sitz der Familie Mortmain, umgeben von acht Hektar Grund in der Nähe des historischen Marktfleckens Langford.

Durch unvorhergesehene Umstände ist die Position eines Tutors für klassische Altertumskunde frei geworden. Wir suchen dringend einen Ersatz für Februar zur Vorbereitung auf das Sommersemester. Der Bewerber muss mindestens einen Magisterabschluss in Latein und Griechisch haben. Drei Jahre Unterrichts- oder Lehrerfahrung sind erforderlich. Der Bewerber muss bereit sein, seine bzw. ihre Studenten einmal im Jahr auf eine Studienreise zu begleiten.

Bewerbungen ab sofort per Post, inklusive Lebenslauf mit zwei Empfehlungen, an Miss Andrea Marsh, c/o Langford College, Langford, -shire. Bitte keine Anfragen per E-Mail.

»Per Artem Lumen«

Kapitel 1

Die alte Frau saß wie immer am Fenster – beobachtete und wartete. Es war Mittag in Langford, und wenn es irgendeine Aktivität auf der Hauptstraße geben sollte (die als »eine der schönsten Straßen Englands« im Rough Guide und als »spießig« im Lonely Planet beschrieben wurde), dann um diese Zeit.

Vielleicht würden ein paar Damen zum Mittagessen in den Teesalon gehen. Oder ein paar Wochenendbesucher würden aus dem Knick-Knacks kommen, einem der vielen Geschenkeläden, die Notizbücher, Kissen und »antike« Spiegel verkauften. Oder vielleicht würde eine Gruppe amerikanischer Touristen, die um diese Jahreszeit seltener und deshalb umso störender waren, das Haus besichtigt haben, in dem Jane Austen mehrere Monate bei einem alten Freund gewohnt hatte.

Vielleicht würde sie auch einen Bus entdecken, der nach Langford Regis fuhr, zu der berühmten römischen Villa der Umgebung (Heimat einiger der schönsten Mosaiken des römischen Britanniens und eines neuen archäologischen Lernpfads, gut geeignet für einen gelungenen Familienausflug). Vielleicht sogar ein Filmteam – sie kamen derzeit immer öfter nach Langford. Was immer es auch war, Leonora Mortmain würde es in der einen oder anderen Form schon mal gesehen haben. Denn wie sie ihrer Haushälterin Jean gern erzählte, hatte sie das meiste in der Stadt gesehen. Und nichts konnte sie mehr überraschen.

Sie sah sie mit müder Verachtung vorbeiziehen: die Touristen, die einen Tag lang aus London oder Bath hergelockt worden waren, selbst an diesem kalten Januarmorgen. Sie umklammerten ihre Reiseführer und lasen einander laut daraus vor. Und da war ihr alter Gegner Mick Hopkins, der Wirt des Feathers, der gerade ein Schild hinaus auf die Straße stellte – was stand darauf? Leonora konnte die helle Kreideschrift nicht entziffern, und ihre Brille lag am anderen Ende des Zimmers auf dem Schreibtisch. Etwas Lästiges zweifellos – möglicherweise ein Rätselabend, was bedeuten würde, dass sich alle auf beschämende Weise betrinken, auf die Straße hinauswanken, fluchen und Krach machen würden, was sie wiederum nur allzu leicht aus einem ruhelosen Schlaf riss. Leonora Mortmain seufzte, und ihre langen Finger krallten sich kurz in den Stoff ihres Rocks. Manchmal fragte sie sich buchstäblich, was aus der Welt geworden war. Die Stadt, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte, veränderte sich. Und das gefiel ihr nicht.

Es gab ein Bild im Rathaus (das in den achtziger Jahren in Bürgerzentrum umgetauft, nun aber Gott sei Dank wieder umbenannt worden war). Leonora besaß ebenfalls eine Kopie davon. Es zeigte das Langford Parish Council am Ostertag 1904 vor der Kirche St. Mary hinter der Hauptstraße. Männer in Gehröcken, Zylindern und Handschuhen und mit Spazierstöcken. Die sepiafarbenen Gesichter ernst und honorig, ihre Frauen gehorsam am Arm, ausdruckslos und schlank in gerüschten Kleidern. Alles korrekt, alles achtbar. Die Anschlagtafel der Kirche im Hintergrund war frisch gestrichen. Selbst der Bengel, der im Vordergrund auf der Straße spielte, ungesehen von den Personen auf dem Foto – selbst er wirkte sauber und ordentlich! Am Vortag hatte Leonora voller Verblüffung und Entsetzen zugesehen, wie eine Mutter – sie nahm an, dass es sich dabei um selbige handelte – mit einer Hand ihr Kind in einer Karre die Hauptstraße entlangschob. Die Frau war fett, hatte ein rotes Gesicht und schwitzte. Sie hielt eine Zigarette in der Hand, mit der sie die Karre lenkte, während sie mit der anderen eine Pastete aß, die jeglicher Beschreibung spottete. Die Frau trug eine pinkfarbene Jogginghose. Das Kind war dreckig, und sie schrie es im Gehen an. »Halt deine Sch***-Klappe, Tiffany!«, hatte sie gebrüllt, als das Kind zurückgebrüllt hatte. Und später am selben Tag, als es Abend wurde, kam eine Gruppe Mädchen, nicht älter als Teenager, zur Bushaltestelle geschlendert, in Jeans, Turnschuhen und Oberteilen, die mehr als genug von ihrem Dekolleté enthüllten, während sie rauchten und aus Dosen tranken. Eine von ihnen – nicht älter als vierzehn, Leonoras Einschätzung zufolge – blieb stehen und küsste auf höchst unziemliche Weise einen jungen Mann gleichen Alters, dessen Hände so rasch über ihren Körper wanderten wie – wie sich Öl in einer Pfanne ausbreitete. Und unter ihre Kleider! Leonora hatte alles ganz genau vom Fenster aus beobachtet.

Außerordentlich! Unglaublich! Dass es mit der Stadt so weit gekommen war, Leonora wusste immer häufiger keinen Rat mehr. Otempora, o mores, hatte ihr Vater gern gesagt (auch wenn er Cicero in vielfacher Hinsicht missbilligte). Nun, was Sir Charles Mortmain heute von seiner geliebten Stadt gehalten hätte – es schauderte sie bei dem Gedanken daran. Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen. Leonora rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, und ihre Hand strich ruhelos über die Glocke, die ständig neben ihr lag.

Der Schatten ihres Vaters war lang: Er, ein leidenschaftlicher Anhänger der Klassiker, Autor von Die Römische Gesellschaft, der die Tugenden des kaiserlichen Roms erläuterte – seine Organisation, seine Regeln, seine Gnadenlosigkeit – und dabei die interessanteren Laster wie Vomitorien, Vergiftungen und Sklavenjungen unerwähnt ließ. Leonora hatte ihre Jugend (ja, sie war tatsächlich einmal jung gewesen!) in Angst vor ihm verbracht und nach seiner Zuwendung gelechzt. Er war 1952 gestorben. Sie fragte sich oft, wie er die Dinge heute gesehen hätte.

Die Tatsache, dass seine eigene Tochter wegen der Erbschaftssteuer gezwungen gewesen war, Langford Hall, das viktorianische Gutshaus am Stadtrand, zu verkaufen, war etwas, das sie nach fast vierzig Jahren immer noch innehalten ließ. Langford Hall war heute Langford College, eine private Einrichtung, die zumindest respektable Dinge wie Kunstgeschichte, Französisch, natürlich klassische Altertumskunde und so weiter lehrte. Doch wie respektabel es auch sein mochte, sie wusste, dass es Vater nicht gefallen hätte.

Leonora Mortmain atmete tief ein. Der Gedanke an ihren Vater brachte schmerzliche Erinnerungen zurück. Sie hatte sich in letzter Zeit oft älter gefühlt, und sie dachte immer öfter an die alten Zeiten zurück. In ihrem Kopf hatte ein Plan Gestalt angenommen, von dem sie wusste, dass er richtig war, doch der sogar sie manchmal bei dem Gedanken erbeben ließ, was sie da im Begriff war zu tun ...

Etwas stach ihr ins Auge, und Leonora lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück. Ein großgewachsener, dunkelblonder Junge – nun, vermutlich war er mittlerweile ein Mann geworden. Er tauchte vor dem Pub auf und begann mit Mick Hopkins zu plaudern. Er schlug dem älteren Mann auf den Rücken, während sie über etwas lachten, und sein breites, ungezwungenes Lächeln wirkte ansteckend.

Leonora kannte beide. Mick Hopkins war nun seit mehr als dreißig Jahren Wirt im Feathers. Man sagte, er sei ein guter Wirt – Leonora war noch nie in dem Pub gewesen, auch wenn sie seit vierzig Jahren gegenüber wohnte. Sie nahm an, dass er auf seine Weise ein harmloser Mann war, verglichen mit manchen Leuten, die sie zwangsläufig regelmäßig beobachtete, doch sie mochte ihn nicht. Er war für so viel von dem schlechten Benehmen verantwortlich, das sie vor ihrem Fenster erblickte, und immer wenn sie sich beschwerte, wischte er ihre Einwände höflich beiseite, doch sie erkannte, dass er sie auslachte ... Und das hasste sie zutiefst.

Ihr Blick fiel fast gierig auf den Mann, der bei ihm war. Es war Adam Smith, Philippa Smith’ Sohn. Leonora beobachtete ihn genau, sie wusste, dass sie ihn gerade bespitzelte, doch ausnahmsweise gewann ihre Neugier die Oberhand.

Mit elf Jahren hatte Adam den ersten Preis der Grundschule Langford Primary für außergewöhnliche Leistungen gewonnen. Leonora hatte angeboten, für seine Schulgebühren aufzukommen. Es war richtig gewesen. Er war ein außerordentlich intelligenter Junge gewesen, ihm war ein Teilstipendium fürs Internat angeboten worden, seine Mutter hätte es sich sonst nicht leisten können. Leonora war eingesprungen und hatte das etwas überraschte, wenn auch zustimmende Gemurmel genossen, das die Ankündigung, sie würde für seine Ausbildung aufkommen, begrüßte. Sie würde es jedes Jahr tun, hatte sie verkündet, würde den klügsten Schüler der Schule bis zu seinem Abschluss fördern, zur Erinnerung an ihren Vater.

Doch zu Leonoras ungeheurem Missfallen war Adam gescheitert. Seine Mutter war plötzlich gestorben, als er achtzehn war, war einfach nach einem Gehirnschlag tot auf der Straße zusammengebrochen. Eine schreckliche Sache und ein Schock für alle, aber Adam war daran zerbrochen. Kurz nach dem Tod seiner Mutter hatte er nicht mehr die Noten erbracht, die er für Cambridge brauchte, und war seither immer wieder gescheitert. Ihn schien sein wacher Geist nach dem Vorfall nicht mehr zu kümmern, lieber lungerte er auf der Straße herum wie ein gewöhnlicher Narr, nicht wie der Gentleman, der er sein sollte. Sie hatte solch große Hoffnungen in ihn gesetzt, hatte es als ihre Chance gesehen, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, und es war schiefgegangen ... Leonora Mortmain blinzelte, als sie merkte, dass sie gebannt den jungen Mann vor ihrem Fenster anstarrte.

Wütend läutete sie die Glocke und schüttelte den Kopf. Es war zu anstrengend, jetzt über all das nachzudenken.

»Mrs. Mortmain?« Jean Forbes kam eilfertig ins Zimmer. »Geht es Ihnen gut, Mrs. Mortmain?« Das »Mrs.« war eine Höflichkeit – keiner wusste genau, warum und wann es angefangen hatte, aber keiner wagte sie von da an mehr »Miss« zu nennen – und noch weniger »Ms.«.

»Mir geht es gut«, entgegnete Leonora und sammelte sich wieder. Sie sah zum Fenster hinaus, und ihr Blick fiel auf eine junge Frau in Jeans und einem hellblauen Top, die langsam die Straße entlangging und auf Adam Smith und Mick zusteuerte. »Sagen Sie mir, wer ist das?«

Die Einwohner von Langford glaubten, dass Jean Forbes einiges mitmachen musste. Leonora Mortmain zahlte nicht gut, und sie war eine äußerst schwierige Frau, die sich regelrecht anstrengte, unfreundlich zu sein. Arme Jean, sagten die Leute, diese furchtbare alte Schreckschraube – man stelle sich nur vor, mit ihr leben zu müssen! Hast du gehört, sie hat Ron Thaxton mit ihrem Spazierstock zum Stolpern gebracht, weil er ihr im Weg war! Und zu Jan Allingham hat sie gesagt, dass Wohltätigkeit ihrer Meinung bereits in den eigenen vier Wänden und nirgendwo sonst beginnen solle, als sie bei ihr vorbeikam, um für die Krebsforschung zu sammeln. Die Liste nahm kein Ende.

Jean wusste, dass sie so sprachen – an manchen Tagen konnte sie es ihnen nicht verübeln. Doch zum Glück für Leonora verfügte Jean über ein gutmütiges und freundliches Naturell und war vor allem sehr geduldig. »Sie haben sehr laut geläutet. Ich dachte, Sie seien ...«, setzte sie an.

»Was?«, bellte Leonora. »Ich habe Sie gefragt, wer das ...«, sie stieß mit einem langen, magentafarben lackierten Finger, an dem ein dicker Granatring steckte, gegen das Fenster, »... ist.«

Jean sah aus, als wollte sie etwas sagen, würde sich jedoch eines Besseren besinnen, und beugte sich aus dem Fenster. Das Mädchen und Adam hatten sich erkannt und umarmten sich herzlich. Er tätschelte ihr den Rücken und hob sie hoch, so dass ihre Füße über dem Boden schwebten, während Mick hineinging und sie ihrem fröhlichen Geplauder überließ. Jean kniff die Augen zusammen.

»Ach, du meine Güte«, sagte sie nach einer Weile. »Ist das nicht Franks und Emilys Tochter?«

»Und wer soll das bitte schön sein?«, fragte Leonora Mortmain.

»Tess«, antwortete Jean. »Ich bin sicher, dass das Tess Tennant ist. Ach! So ein liebes Mädchen! Die Arzttochter. Dr. Tennant – er kam, als Sie Probleme mit Ihrem Fuß hatten. Sie mochten sie doch immer, erinnern Sie sich nicht, sie ist weggegangen, um Lateinlehrerin zu werden. Sie und Adam waren dicke Freunde. Sieht so aus, als hätte sie ihn eine Weile nicht gesehen.« Sie klatschte in die Hände. »Natürlich! Hat Carolyn Tey mir nicht erzählt, dass sie in ein paar Wochen ans Langford College kommt? Sie ist die neue Tutorin für klassische Altertumskunde.«

»Ach ja?«

Jean blinzelte. »Natürlich, ja. Erinnern Sie sich, dieser Derek Wie-hieß-er-noch-gleich musste vor Weihnachten gehen, weil er Gürtelrose bekam. Seitdem haben sie verzweifelt jemand Neuen gesucht.« Sie sah ihre Arbeitgeberin an, erkannte, dass sie ins Plappern verfallen war, und seufzte. »Carolyn hat sich für einen Kurs angemeldet, Mrs. Mortmain! Sie fahren im Mai nach Rom!« Jean seufzte. »Ach ja, ich würde so gern auch einmal nach Rom fahren.«

Rom. Rom im Mai. Als Leonora noch jung war, hatte Rom einen großen Platz in ihren Plänen eingenommen. Es würde bedeuten, dass sie ins Haus zurückkehren konnte, noch einmal und ganz legal, als Studentin und nicht als junges Mädchen, das dort lebte. Nur einmal noch, bevor sie starb. Leonora tat, als beachtete sie Jean nicht, und beugte sich erneut zum Fenster vor und beobachtete Tess, die Adam etwas erklärte. Er stand da und lauschte ihr gebannt, die Arme verschränkt, die Hände unter die Achseln gesteckt. Tess fuhr sich mit den Händen durch ihr schwarzes Haar, so dass es ihr ein wenig vom Kopf abstand. Rom. Rom.

»Hm«, machte Leonora. »Nun, ich kann mich nicht an sie erinnern.« Sie runzelte die Stirn, als suchte sie nach einer Erinnerung.

»Natürlich erinnern Sie sich, Mrs. Mortmain«, widersprach Jean. »Sie hat doch immer mit Adam gespielt – Adam Smith. Sie waren beste Freunde, als sie noch klein waren. Es ist schön, sie wiederzusehen«, meinte sie nachdenklich. »Schön, dass ein junges Gesicht zurück in die Stadt zieht, nicht wahr?«

»Jaa«, erwiderte Leonora gedehnt, obwohl sie ihr eigentlich gerade nicht zuhörte. Ihr Blick glitt von dem Mädchen zu dem Plakat, das sie nun las und das auffällig auf dem alten geschwärzten Holz im Torbogen klebte. »Jean – ach, was steht da auf dem Plakat?«, fragte sie.

»›Kein Einkaufszentrum vor der Stadt‹«, las Jean vor. »›Schande über die Mortmains! Rettet Langford!‹ Oh«, sagte sie, als ihr klarwurde, was sie da ausgesprochen hatte, »oh, Mrs. Mortmain, ich bin sicher, das heißt nicht ...«

Leonora stand auf und musste sich dabei schwer auf das Fenstersims lehnen. Sie zitterte und beugte sich vor, um besser lesen zu können:

Kein Einkaufszentrum vor der Stadt!

Schande über die Mortmains!

Rettet Langford!

Rettet die Wasserwiesen!

Wenn SIE Leonora Mortmain davon abhalten wollen, UNSERE Stadt mit 2 Megamärkten, einem Baumarkt und 4 weiteren Filialen verschiedener Handelsketten zu verschandeln, die auf den historischen Wasserwiesen von Langford gebaut werden sollen, was Leonora Mortmain reich machen und DIE STADT UND UNSERE SCHÖNEN WASSERWIESEN vernichten wird, dann kommen Sie am 15. März ins Feathers zu einer Generalversammlung. Rufen Sie Andrea Marsh, Ronald Thaxton oder Jon Suggs für weitere Informationen an! Ihre Stimme ist gefragt!

»Ach, du meine Güte«, sagte Jean, während ihre Arbeitgeberin keuchend auf den seidenbezogenen Sessel niedersank. »Ich wollte nicht, dass Sie das sehen ...«

»Seien Sie nicht albern«, blaffte Leonora. Ihre Gedanken rasten fast so schnell wie ihr Herz. »Das musste ja früher oder später mal passieren. Und je schneller ihnen klar wird, dass es unser Land ist, mit dem wir machen können, was wir wollen, desto besser. Die Pläne sind im Prinzip bereits bewilligt worden.« Sie sah sich in ihrem gemütlichen Wohnzimmer um und blickte dann wieder auf die Straße zu dem Plakat, während Tess und Adam weggingen, noch immer ins Gespräch vertieft. Adam sah zum Haus herüber. Leonora wich hinter die Vorhänge zurück. Sie wollte nicht, dass er sie sah.

»Es geht also los«, sagte sie und hielt inne. »Alle müssen es begreifen. Es ist das Beste.«

Jean Forbes sagte nichts, während Leonora Mortmain sich wieder dem Fenster zuwandte und auf die Straße hinausstarrte.

Kapitel 2

»Wann ist der Zug angekommen?«

»Ungefähr vor einer Stunde. Ich habe meine Sachen im Pub vorbeigebracht, und du bist der Erste, den ich treffe.«

»Du wohnst da?«

»Ich muss schnell etwas zur Miete finden«, erwiderte Tess grimmig. »Das Feathers ist teuer – was ist hier los?«

»Ich kann nicht glauben, dass du wieder da bist«, sagte Adam, der seine älteste Freundin anlächelte, während sie die Hauptstraße entlanggingen. Er wollte einen Arm um sie legen.

»Aua!«

»Oh, tut mir leid«, sagte er und rieb ihre Schulter, wo er sie versehentlich gestoßen hatte.

»Schon gut.« Tess ging schneller. Sie war klein und er groß, und sie erinnerte sich, dass sie nie gut nebeneinander hergehen konnten, da sie stets aus dem Takt gerieten. Sie schwiegen verlegen.

»Du bist es wirklich! Wahnsinn!« Adam schüttelte den Kopf. »Es ist lange her, Tess. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich dich das letzte Mal gesehen habe.«

Sie sah zu ihm auf. »Ich weiß.« Ihre Augen blickten suchend in sein Gesicht. »Dein Haar ist dunkler geworden«, sagte sie schließlich.

Er zupfte daran. »Oh, eigentlich nicht.«

»Du warst immer so blond«, meinte sie. »Vor allem im Sommer.«

»Schon seit Jahren nicht mehr. Nur als Junge war das so.«

»Erinnerst du dich, dass deine Mutter dich immer das Kind aus der Milkybar-Werbung nannte und du immer so sauer wurdest?« Sie lächelte, doch bei der Erwähnung von Philippas Namen huschte ein Schatten über Adams Gesicht, und sie bereute ihre Worte sofort. Konnte er nach all der Zeit immer noch nicht über seine Mutter reden?

»Ich hatte es vergessen«, sagte er, obwohl sie wusste, dass er log. »Du hast mich einfach schon länger nicht mehr gesehen. Du bist herzlos.«

Tess schüttelte entschieden den Kopf, froh, das Thema wechseln zu können. »Du bist so selten nach London gekommen, das ist das Problem.«

»He.« Er verzog das Gesicht. »Du bist so selten nach Hause gekommen, das ist das Problem.«

»Blödsinn.« Tess vermied es, ihn anzusehen, und versuchte, nicht allzu defensiv zu klingen. »Egal, Mum und Dad wohnen nicht mehr hier, warum sollte ich es also tun?«

»Typisch« meinte Adam. »Ein Bruder. Ich war wie ein Bruder für dich in all den Jahren, und dir ist das egal.«

»Ein Bruder?« Tess lachte und verdrehte die Augen. »Genau.«

Adam schien sie nicht zu hören. Er sah auf die Uhr. »Und – wie geht es Stephanie?«

»Super. Sie und Mike sind nach Cheltenham gezogen – aber das weißt du ja.«

»Stimmt.« Adam blieb stehen, um eine winzige alte Dame mit einem grünen Einkaufsnetz vorbeizulassen. »Sie hat mir eine Weihnachtskarte geschickt. – Morgen, Miss Store! Wie geht es Ihnen?«

»Guten Morgen, lieber Adam«, ertönte eine muntere Stimme. »Mir geht es sehr gut, danke. Ich habe schönen Rhabarber, wenn du möchtest. Wolltest du nicht ohnehin später vorbeikommen?«

»Ja, das wäre toll«, entgegnete Adam lächelnd, und sie gingen weiter. Tess kicherte.

»Was ist so lustig?«, fragte Adam. »Sie ist eine sehr nette Dame.«

»Okay, okay! Wohin gehen wir noch?«

»Ich erkläre es dir gleich. Ich hoffe, du wirst dich freuen.«

Tess löste ihren Pferdeschwanz und rieb sich über den Kopf, während ihr das Haar bis auf die Schultern fiel. Wieder sah sie sich um und runzelte die Stirn. »Tja, ich bin wieder da.«

Sie musste sich vergegenwärtigen, wie es vor Weihnachten in Balham gewesen war – sitzengelassen und arbeitslos -, der Job im Langford College war ihr im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Wunder erschienen. Es war nicht nur ein Job, was in diesen Zeiten allein schon eine Seltenheit war, vor allem da sie Latein- und Griechischlehrerin war und nicht jemand, der ein unentbehrliches Fach unterrichtete, sondern es war auch ein Ausweg, ein Neubeginn, eine Möglichkeit, das Elend hinter sich zu lassen, das sie empfunden hatte. Doch nun, da sie hier war ... kam sie sich vor wie jemand, der durch sein neues Haus geht und sich fragt, ob er einen schrecklichen Irrtum begangen hat, und die Stadt wieder mit neuen – und ziemlich bekümmerten – Augen sieht.

Da war zum Beispiel die Hauptstraße. Es war, als ginge man durch eine Spielzeugstadt. Die Läden sahen kleiner aus, und die Kirche St. Mary am Ende war winzig. Selbst das Seitentor, der Eingang zu einem mittelalterlichen Gässchen, das sich um die Stadt schlängelte, kam ihr so winzig vor, dass sogar ein Kind leicht hätte darüberklettern können. Verglichen mit London, mit ihrer alten Straße in Balham, die dreimal so lang war wie diese Hauptstraße, war es lächerlich. Sie hatte, als sie das erste Mal nach London gekommen war, vergessen, wie riesig alles aussah, auch wenn sie es doch eigentlich wusste. Und sie war ein ganzes Schuljahr in Bloomsbury umhergewandert, bis sie sich an die Größe der Plätze, die großen klassischen Säulen der Universitätsgebäude, die Höhe der Häuser, sogar an die Größe der Theater gewöhnt hatte. Als sie einmal von einem Freund von der Universität ins Ballett mitgenommen worden war, war ihr Covent Garden so groß wie ein Fußballstadion erschienen.

Und Langfords Läden! Alles hier war entweder ein Antiquitätenladen, ein Geschenkeshop oder ein Teesalon oder aber ein scheußliches Lebensmittelgeschäft, das nur tiefgefrorene Pfannkuchen und fertige Yorkshire-Puddings zu verkaufen schien. Sie betrachtete das Schaufenster eines Ladens namens Jen’s Deli und bemerkte mit Erleichterung, dass es zumindest ein Geschäft gab, in dem man Parmesan und italienischen Schinken erstehen konnte. Sie mochte in Balham gelebt haben, doch selbst dort hatte es ein breiteres Sortiment gegeben.

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte Adams Stimme hinter ihr.

»Was?« Tess geriet kurzzeitig aus der Fassung. Sie sah auf und erblickte sein Spiegelbild im Schaufenster. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. Ich habe gerade gedacht, wie froh ich bin, dass es zumindest einen einigermaßen anständigen Laden hier gibt, in dem man frischen Parmesan kaufen kann. Wie ekelhaft. »Oh, nichts Besonderes«, sagte sie munter. »Also – wie läuft’s denn so? Was gibt’s Neues?«

Seit einer Weile schon war Tess nicht mehr klar, wie sie am besten herausfand, was in Adam vorging, doch sie wusste, dass es ihn zur Weißglut trieb, wenn man um den heißen Brei herumredete. Nachdem Philippa gestorben war, hatten die Leute das andauernd getan und ihn nur zögerlich gefragt, was er denn vorhabe. »Du gehst also – nicht nach Cambridge? Aha! Was wirst du stattdessen tun? Ein Job im Pub? Klingt gut, Adam, hält dich hinter der Bar statt davor, ha ha!« – »Ach, du arbeitest jetzt also auch im Museum? Nun, nichts geht über Jane Austen! Wenn es das ist, was du ... Also, wie lange, glaubst du, wirst du – ach, du weißt es noch nicht, nun, natürlich, das ist absolut richtig, nicht wahr? Ganz richtig.«

Tess’ Vater Frank, der Adam ein paar Monate nach dem Tod seiner Mutter direkt gefragt hatte, warum er nicht nach Cambridge ging, warum er sein Vorhaben nicht wenigstens für ein Jahr aufschob, um dann hinzugehen, hatte Adam einfach geantwortet: »Die Dinge haben sich verändert, tut mir leid. Ich werde nicht gehen.«

»Ich glaube, Philippa hätte gewollt, dass du gehst«, hatte Tess’ Vater gemeint. Tess hatte erschrocken zugehört.

Adam hatte gleichmütig erwidert: »Sie hätte verstanden, warum ich nicht gehe. Ich habe meine Gründe, glauben Sie mir. Aber danke.«

»Wofür?«, hatte Dr. Tennant verblüfft gefragt.

»Dafür, dass Sie mich so direkt gefragt haben.« Adam hatte das so höflich gesagt, das Tess ihn fast verzweifelt angesehen und dann zu ihrer Mutter geblickt hatte, deren Hand an ihre Brust flog, als wollte sie ihr Herz voll Schmerz umklammern. Es brach einem in der Tat das Herz, ihn zu sehen, diesen jungen Mann, der ganz allein auf der Welt und bereit war, die beste Chance seines Lebens wegzuwerfen. Aber was konnten sie tun? Sie konnten ihn nicht fesseln, in den Kofferraum ihres Autos werfen, um dann mit ihm Richtung Osten zu fahren und ihn vor den Toren des Colleges abzuliefern. Und es gab niemanden sonst, mit dem sie reden konnten. Alles, was Tess – oder Frank oder Emily – über Adams Vater, den irischen Professor, wussten, war, dass er vor vielen Jahren nach Amerika gegangen war. Es gab keine Informationen über ihn, Adam kannte nicht einmal seinen Nachnamen.

Er war erst achtzehn, und er war allein auf der Welt. Es gab wirklich nichts, was die Tennants jetzt tun konnten, außer sich um ihn zu kümmern und ihm zu helfen, so gut sie konnten, während sie zusahen, wie der Liebling aller seine Jahre als Twen in dem kleinen Cottage verbrachte, in dem er mit Philippa aufgewachsen war, niemals ihre Habseligkeiten ausräumte und zwischen seinen Jobs an der Bar des Feathers und dem Jane-Austen-Museum wechselte, wo er zweieinhalb Tage in der Woche am Empfang arbeitete. Er sprach nie über seine Mutter oder davon, was hätte sein können. Niemals.

Als Tess Adam jetzt ansah, wusste sie, dass sie keine Antwort von ihm bekommen würde.

»Es ist alles wie immer.«

»Arbeitest du noch im Feathers? Ich kannte den Barkeeper nicht, als ich meine Sachen dort ließ.«

»Ja«, antwortete Adam. »Suggs arbeitet dort ein paar Abende in der Woche.«

Suggs war Adams bester Freund und wohnte mit ihm zusammen im Cottage.

»Wie läuft es im Jane-Austen-Museum?«

»Ach, du weißt schon. Ziemlich voll. Anstrengend.«

»Wirklich?«

»Ha, wir werden bald ihren Handschuh neu drapieren müssen, und es heißt, die Möbel im Schreibzimmer müssten mal umgeräumt werden. Puh.« Er sah ihren Gesichtsausdruck. »War nur ein Witz.« Er stieß sie sanft an. »Da herrscht totale Flaute. Vor allem um diese Jahreszeit. Zwar kommen Touristen vorbei, aber im besten Fall sind es zehn am Tag. Selbst ich schaffe es, zehn Tickets abzureißen.«

Tess versuchte, ihre Verlegenheit zu überspielen. »Ah, verstehe. Klingt, als hättest du zu tun!« Er warf ihr einen seltsamen Blick zu. »Ähm, lass uns hier mal reinschauen,

ja?«, schlug sie fast panisch vor und stieß die Tür des Delikatessenladens auf, bevor Adam sie davon abhalten konnte.

»Nein – äh – Tess ... «, rief er ihr nach, doch sie beachtete ihn nicht.

»Hi«, grüßte eine freundlich aussehende junge Frau hinter der Theke und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. »Kann ich Ihnen helfen?«

Sie strahlte sie so verheißungsvoll an, dass Tess, die erst vor zwei Stunden mit dem Zug aus London gekommen war, sofort misstrauisch wurde. »Ich schaue mich nur um, danke«, erwiderte Tess knapp und wandte sich den Regalen zu.

»Sie haben ein paar gute Sachen hier«, raunte ihr Adam zu. Er drehte sich so um, dass sie nun beide mit dem Gesicht vor den Regalen standen. »Gute Pasta, und das Gemüse ist frisch. Sie bekommen es von der George Farm, eine gute Sache.«

»Ich koche schrecklich gern.« Tess seufzte vor Freude.

»Wie lange willst du im Pub wohnen?«, fragte Adam sie.

»Bis ich etwas anderes finde.«

»Du hättest bei mir einziehen sollen«, meinte Adam. »Es ist lächerlich, dass du dort dafür zahlst.«

»Ich ...«, setzte Tess an und verstummte dann. »Das ist süß von dir.« Sie berührte seinen Arm, gerührt und dankbar für seine Gegenwart, und schüttelte dann den Kopf.

»Ist schon okay«, erwiderte Adam immer noch leise.

»Warum redest du eigentlich so leise?«, fragte Tess und wandte sich wieder zur Theke um. »Vielleicht sollte ich ...«

»Adam?«, meinte das freundliche junge Mädchen eifrig, und ihr blasses Gesicht strahlte. »Dachte ich es mir doch. Hi – hallo!«

»Hi, Liz«, grüßte Adam lahm. »Wie geht’s denn so?«

Das meinte er eigentlich nicht als Frage, sondern eher aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu sagen. Tess lauschte dem Wortwechsel, und langsam dämmerte ihr etwas.

Wieder wischte sich Liz die Hände am Handtuch ab und strahlte vor Freude. »Schön, dich zu sehen! Wo hast du denn gesteckt?«

»Ahm – also.« Adam trat einen Schritt zurück, und Tess grinste schief und sah auf ihre Füße. Genau wie früher, nichts hatte sich verändert. Sie wusste, was als Nächstes passieren würde.

Und so kam es auch. »Das ist Tess«, sagte Adam und legte den Arm um Tess’ Schultern, bevor er sie auf den Scheitel küsste. »Tess, das ist Liz. Sie ist auch aus London.«

»Eigentlich komme ich aus Nantwich«, korrigierte Liz. »Aber ich lebe jetzt hier. Bin letztes Jahr hergezogen.« Sie streckte tapfer die Hand aus und lächelte ein wenig zu begeistert. »Toll, dich kennenzulernen, Tess!«

»Ja.« Tess schüttelte ihr die Hand. »Gleichfalls.« Sie räusperte sich. »Ich bin gerade wieder hergezogen, und es ist toll, von Adam das Neueste zu erfahren«, meinte sie hölzern. »Weil er mein ältester Freund ist. Und wie ein Bruder für mich.«

»Ach so, verstehe«, sagte Liz, doch es gelang ihr nicht, ihre Freude über diese Neuigkeit zu verbergen. Sie starrte Tess mit so etwas wie Bewunderung an, während Adam seine älteste Freundin wütend anfunkelte.

»Also ...«, fuhr Tess boshaft fort, »wie schön, dich kennenzulernen. Seid ihr beiden ...«

»Das war nicht fair«, klagte Adam ein paar Minuten später, als er Tess aus dem Laden hinauskomplimentierte, nachdem er aus lauter schlechtem Gewissen viel zu viele Sachen gekauft hatte und Liz ihnen fröhlich lächelnd hinterhersah.

»Es war nicht fair von dir, mir das anzutun, schon wieder diese alte Nummer«, gab Tess bestimmt zurück. »Oder diesem netten Mädchen gegenüber. Ich weiß schließlich, wie du drauf bist, Adam. Aber die arme Liz kennt dich nicht.«

»Und wie bin ich drauf?«, fragte Adam gereizt.

»Du arbeitest hauptsächlich im Feathers, damit du dort Frauen aufgabeln kannst. Und du solltest als bekannte Sehenswürdigkeit im Touristenführer stehen.«

»Ich habe nur ein paar Mal mit ihr geschlafen«, sagte Adam und ignorierte Tess’ Worte.

Tess schlug ihn auf dem Arm. »›Ich habe nur ein paar Mal mit ihr geschlafen‹«, ahmte sie ihn nach. »Gott, Männer! Ihr glaubt alle, das hätte noch lange nichts zu bedeuten! Ihr seid hoffnungslose Fälle. Sie ist verrückt nach dir! Sie hat darauf gewartet, dass du sie anrufst!«

»Nun ja ... Ich wette, das stimmt nicht. Ich meine, ich mag sie, aber ...«

»Ach, ich weiß, du willst einfach nicht mit ihr reden, nachdem du sie gevögelt hast.« Es klang wütender, als Tess es eigentlich meinte.

»Reg dich doch nicht so auf!«

»Es ist nicht lustig«, sagte Tess. Sie gingen zum Pub, und nach einer Pause brach es aus ihr heraus. »Gott, manchmal hasse ich Männer echt.«

Adam blickte sie rasch an und schwieg kurz, bevor er antwortete: »Hast du, äh – hast du von Will gehört?« Er tätschelte ihren Arm. »Jetzt schlag mich nicht gleich wieder. Ich meine es ernst. Es tut mir leid wegen euch beiden, ich dachte, alles liefe gut.«

»Das dachte ich auch. Offenbar habe ich mich geirrt.«

»Weißt du, warum ...«, setzte Adam an und ließ den Satz unbeendet.

»Ja. Er hat eine andere.« Adam nickte. »Sie heißt Ticky«, meinte Tess.

»Keine Ahnung, wofür das steht.«

Tess blickte hinauf in den dichten weißen Januarhimmel. »Ich auch nicht. Nur, dass ich sie hasse.«

»Typisch Frau«, sagte Adam. »Du solltest ihn hassen, er hat dir weh getan.«

»Du klingst wie Mae West«, gab Tess zurück und versuchte, nicht erbärmlich zu klingen.

»Ich meine es so. Ich habe nie geglaubt, dass er ...« Wieder ließ er den Satz unbeendet. Tess nickte und hob ihre Hand in einer »Ich weiß schon«-Geste in die Luft. Adam hatte Will ein paar Mal getroffen, und sie hatte akzeptieren müssen, dass es Leute gab, mit denen Will sich einfach nicht verstand. Adam gehörte dazu. Er war humorvoll und ließ keine Gelegenheit aus, Tess zu veräppeln. Vielleicht kannten sie sich zu gut, als dass Will ewig das fünfte Rad am Wagen sein wollte.

Will war kein Witzbold gewesen. Tatsächlich war das eines der Dinge, die Tess ursprünglich an ihm gemocht hatte. Sie, die ärmliche Lehrerin, die ihre Jahre als Twen in den Pubs Südlondons verbracht hatte, zu kurze Röcke tragend und Pernod und Black trinkend, während ihr einziger Anspruch an kulturelle Überlegenheit darin bestand, dass sie klassische Altertumskunde lehrte – auch wenn sie wusste, dass es nicht gerade die höchste Stufe akademischer Erfüllung bedeutete, gelangweilte Vierzehnjährige mit einer blutrünstigen Beschreibung des brutalen Mordes, den Kaiser Nero an seiner Mutter Agrippina verübt hatte, aus ihrer Lethargie reißen zu wollen. Ihr gemeinsamer Freund Henry, den Tess von der Uni und Will aus der Schule kannte, hatte sie einander bei einem Geburtstagsfest vorgestellt. Es war ein heißer Sommertag gewesen, und Tess hatte ein Hemdblusenkleid getragen, das ihre Kurven betonte. Ihre Augen funkelten, ihr dichtes dunkles Haar glänzte, und sie war gebräunt, da sie gerade von einem zweiwöchigen Griechenlandurlaub mit Fiona, einer weiteren Freundin von der Uni, zurückgekehrt war.

Will war beeindruckt gewesen von diesem schlauen, hübschen Mädchen, und da Größe bei ihm ein sensibles Thema war, weil er mit Schuhen weniger als einen Meter siebzig maß, mochte er es besonders, wie ihr gebräuntes Gesicht zu ihm aufblickte und ihre blau-grauen Augen ihn anlächelten, als sie von ihrem Urlaub erzählte. Er hatte ihr dabei kaum zugehört und daher nicht mitbekommen, dass sie in einer All-Inclusive-Anlage gewohnt hatten. Außerdem entging ihm die Antwort auf seine Frage: »Warst du auch in Mykene?«, die da lautete: »Nun, wir waren in einer Karaoke-Bar, die Mykene Mike hieß.« Er lächelte bloß, während sie plauderte, und fragte sich, wie leicht das vielversprechende Kleid, das gerade genug von ihren Brüsten enthüllte, wohl auszuziehen war.

Nach drei Verabredungen wusste er es. Inzwischen hatte sich Tess, die anfangs seinetwegen unsicher gewesen war, da er in vieler Hinsicht so anders war als sie, in seine versierten Schmeicheleien verliebt, und Weihnachten war sie bis über beide Ohren in ihn verknallt. Im ersten Jahr war alles wundervoll gelaufen. Will gefiel es, dass sie ein bisschen anders war als seine üblichen Freundinnen (groß, dünn, blond, schick), und Tess wiederum gefiel es, dass er ein bisschen anders war als ihre üblichen Freunde (jung, welpenhaft). Ihre Unterschiede zeichneten sie in ihren Augen aus. Sie waren beide nicht der Typ des jeweils anderen, sagte sie sich und jedem, der es hören wollte, darunter Adam. Deshalb funktionierte es ja auch so gut – zunächst.

»Ich habe mich gefragt, ob ich es wusste, als es schiefging«, sagte Tess. Sie waren auf dem Weg zu der alten Stadtmauer. Es war mitten am Nachmittag, doch der Himmel wurde dunkler, fast als näherte sich schon der Abend.

»Und zu welchen Schlussfolgerungen bist du gekommen?«, fragte Adam.

Sie sah ihn von der Seite an und schob sich das Haar aus dem Gesicht, während sie die windige Straße entlanggingen. Hier, am Stadtrand, war der Wind oft am stärksten und pfiff durch die Gassen wie ein Derwisch. Tess wünschte, sie könnte ihm die Wahrheit sagen. Aber ausgerechnet er war jemand, mit dem sie nicht darüber reden wollte.

»Er ...«, sie zuckte mit den Schultern, »er hat sich einfach entliebt, nehme ich an. Ich war nicht die Richtige für ihn.«

»Nun, er war auch nicht der Richtige für dich«, entgegnete Adam, doch Tess war nicht bereit, das zu hören. Sie erinnerte sich immer noch an den Will, der aufstand, wenn sie das Zimmer betrat, der immer pünktlich war, der ihr regelmäßig Blumen schickte, der sie auf eine belustigte, ziemlich verzweifelte Weise herumkommandierte, wodurch sie sich wie ein böses Schulmädchen vorkam und nicht wie eine matronenhafte Lehrerin, in die sie sich zu verwandeln drohte.

»Das war er nicht«, sagte sie langsam. »Aber ... ich habe es geglaubt.«

»Was war mit dem Dealbreaker?«, fragte Adam.

»Dem was?«

»Komm schon!« Adam lächelte sie an. »Du erinnerst dich doch noch an den Dealbreaker?«

»Mein Gott, immer noch diese alte Leier?«

Der Dealbreaker war in Adams Augen der entscheidende Punkt, der Moment, in dem man, wie er sagte, oft bloß durch eine Winzigkeit wusste, dass die betreffende Frau niemals die Richtige für einen war – und er bestand darauf, dass auch Tess bei Männern darauf achtete. Er hatte Cathy in die Wüste geschickt (stopfte ihr Essen in sich rein), genauso wie Laura (hatte dürre Zehen wie eine Taube), Alison (hatte noch nie von Pol Pot gehört) und Belinda (angeblich Haare auf der Brust). Tess schüttelte den Kopf und wunderte sich über ihn. Zwölf Jahre, seit sie zum Studieren weggegangen war, neun Jahre, seit sie für immer nach London gezogen war, und Adam arbeitete immer noch auf derselben Stelle und benutzte dieselben Ausdrücke. Aber wer war sie, dass sie darüber urteilte? Sie war schließlich auch wieder hergezogen und hatte keine Ahnung mehr, wer sie war. Er schien es zumindest zu wissen.

»Sicher tue ich das«, sagte er. »Der klappt, ich sage es dir. Es gibt immer einen Dealbreaker. In jeder Beziehung, bis die Richtige kommt.«

»Es gibt immer etwas zu bemängeln, wenn du danach suchst, Ad. Was war denn bei Liz der Dealbreaker?«

»Das sage ich dir nicht. Obwohl es ziemlich schlimm ist.«

Sie starrte ihn neugierig an. »Ach, komm schon.«

»Nein.« Und sie wusste, er meinte es so. »Was war der Dealbreaker bei Will? Komm, es muss doch einen gegeben haben.«

»Es gab keinen ...« Sie schüttelte den Kopf.

»Blödsinn, Tess. Willst du mir ernsthaft erzählen, dass es keinen gab? Ich weiß es doch.«

»Lieber Himmel, ja«, meinte sie schließlich.

»Also?«

Tess lachte ihn an, und ihre Augen blitzten. »Ich erzähl’s dir auch nicht.« Er lächelte. »Es ist nämlich ... es ist ...« Sie schüttelte wieder den Kopf. »Zu peinlich. Du musst mich erst betrunken mache, bevor ich es dir erzähle.«

»Versprochen«, antwortete Adam. Dann wechselte er das Thema. »Was willst du als Nächstes tun?«

»Eine Wohnung finden. Keine Ahnung, wo ich damit loslegen soll. Ich werde wahrscheinlich auch einen Mitbewohner brauchen.«

»Wann fängt dein Job an?«

»In vier Wochen. Aber mein Mietvertrag war abgelaufen, und ich wollte London einfach verlassen«, berichtete Tess, die jetzt lief, um mit ihm Schritt zu halten. »Außerdem wollten sie mich für die Vorbereitung auf das Sommersemester früh hier haben.«

»Und wann ging dein alter Job zu Ende?«

»Letzte Woche. Sie haben meine Klassen mit denen von Mr. Collins zusammengelegt – er ist der Fachbereichsleiter für klassische Altertumskunde.«

»Zwei Leute, die Latein und Altgriechisch an einer Oberschule in Südlondon lehren«, meinte Adam. »Wow.«

»Genau, wow, und deshalb bin ich es, die entlassen wurde.« Tess klang ein wenig bedrückt.

»Tut mir leid«, sagte Adam und legte erneut den Arm um sie. »Jetzt bist du wieder da. Du hast außerdem einen Haufen Zeit, um dich einzugewöhnen.«

»Genau. Ich dachte, ich nutze meine Arbeitslosigkeit, um herzukommen und den Ort ein bisschen auszukundschaften, bevor ich am College anfange.« Sie schüttelte den Kopf. »Komisch, oder? So schick, von Fair View her zu wechseln.«

Sie hatten das Ende der Stadt erreicht und standen in der letzten Gasse, die die mittelalterliche Stadtmauer überblickte. Es war noch immer seltsam dunkel für nachmittags. Tess spähte über das Tal hinweg zu den gegenüberliegenden Hügeln. »He«, sagte sie leise, »die Wasserwiesen.«

»Ja. Wusstest du, dass sie ...«, begann er, verstummte dann jedoch abrupt und streckte die Hand aus. »Es regnet.«

»Was wolltest du gerade sagen?«

»Egal – es ist toll, dich wieder zu Hause zu haben.«

»Erst brauche ich eine Wohnung«, meinte sie besorgt. »Dann kann ich anfangen, mich wie zu Hause zu fühlen.«

»Gut.« Adam klatschte in die Hände. »Lass uns zu Miss Store gehen.«

»Wer? Ach, die alte Dame mit der Tasche – warum wollen wir zu ihr?«

»Weil«, Adam sah selbstzufrieden aus, »Miss Stores Nachbarin gerade ausgezogen ist, und zwar aus einem Cottage, das von der Kirche vermietet wird und das du ganz sicher lieben wirst.«

Sie starrte ihn an. »Adam, das ist – wow!«

»Ich hab’s dir doch gesagt. Ich kriege alles in dieser dummen kleinen Stadt mit, und ich bringe alles in Ordnung.« Sie lachte. »Und ich will, dass meine älteste Freundin nun, da sie wieder da ist, glücklich ist. Sollen wir?«

»Heißt es etwa Ye Olde Cottage oder so ähnlich?«

»Es heißt Easter Cottage. Und es liegt in der Lord’s Lane.«

»Natürlich«, meinte Tess. »Du bist wundervoll.«

»Lass uns gehen«, schlug er vor, und sie wandten sich von den Wasserwiesen ab.

»Herrje«, brach es aus Tess hervor. Sie blieb stehen und umarmte ihn. Ihre Stimme wurde von seiner Jacke gedämpft. »Ach, Adam. Ich habe dich vermisst, Mann. Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.«

»Ist schon in Ordnung.« Er drückte sie fest an sich. »Ich habe dich auch vermisst, Tee. Aber jetzt bist du ja wieder da. Da, wo du hingehörst. Und das ist toll.«

Kapitel 3

Einige Wochen später saß Tess auf dem Sofa im Wohnzimmer des Easter Cottage und ließ die Füße baumeln. Sie schlugen in der Stille des Zimmers in einem beständigen, widerhallenden Rhythmus gegen die abgenutzte geblümte Seide des Sofas, während sie gedankenverloren aus dem Fenster blickte. Es war Spätnachmittag. Aus Richtung der Hauptstraße drangen Geräusche kleinstädtischen Lebens zu ihr heran – und es kam ihr vor, als ob jedes einzelne sie an die Welt gemahnte, in der sie nun lebte, und ihr auch die Welt vergegenwärtigte, die sie hinter sich gelassen hatte. Die Stimmen von Freunden, die sich in den Gassen trafen. Das Läuten der Ladenglocke des Langford Geschenkeshops. Ein bellender Hund. Der Abend näherte sich rasch, ein weiterer Abend allein in diesem immer noch fremden Cottage. Sie lebte in einem Cottage, um Himmels willen. Sie zitterte. Tess fühlte sich unbehaglich. Sogar unglücklich.

Sie erinnerte sich wie schon so oft an das Gespräch mit ihrer Mutter, am Abend bevor sie wieder nach Langford gezogen war.

»Du wirst es sicherlich genießen, wieder dort zu sein«, hatte Emily Tennant zu ihrer Tochter gesagt. »Pass nur auf, dass du dich nicht in eine alte Jungfer verwandelst.«

»Eine alte Jungfer?«, hatte Tess amüsiert geantwortet. Vor drei Jahren, es war die Woche nach Stephanies Hochzeit gewesen, hatte ihr Vater Frank seine Arztpraxis verkauft, und ihre Eltern waren für ihren Ruhestand an die Küste gezogen. Tess hatte sie für verrückt erklärt, das tat sie immer noch, vor allem jetzt, da sie kurz davor stand, wieder zurückzuziehen. »Ich verstehe immer noch nicht, warum ihr weggegangen seid. Ich meine, das neue Haus ist toll, aber – Langford ist eben Langford! Es ist schön.«

»Natürlich ist es das«, hatte ihre Mutter besänftigend geantwortet. »Aber wir wollten einen Bungalow. Etwas, das nicht viel Arbeit macht und wo wir jederzeit isolierte Fensterscheiben und eine Satellitenschüssel einbauen können, wenn uns danach ist. Wir wollten frische Luft und die Nähe zum Meer. Die Hunde in Ruhe Gassi führen.« Sie seufzte. »Ich hatte es einfach satt, mich wie ein Tourist in meinem eigenen Heim zu fühlen. Langford ist voller Zweitwohnungsbesitzer, Tagesausflügler und Teesalons. Nehmen Sie an dem Tisch Platz, an dem einst schon Jane Austen saß, und so weiter. Glaube mir, ich weiß, wovon ich rede«, fügte sie geheimnisvoll hinzu. »Es ist wundervoll, dass du wieder da bist, meine Liebe, aber lass dich nicht in irgendwelche alte Erbschaftsgeschichten hineinziehen. Du bist noch jung.«

»Ach, Mum, beruhige dich doch!«, hatte Tess ein wenig empört geantwortet. Hatte sie nicht in der vorigen Woche auf einem Bartresen in Vauxhall getanzt und drei Tequila hintereinander gekippt, bevor sie mit dem Barkeeper geknutscht hatte? »Ich bin dreißig, stehe auf dem Höhepunkt meines Lebens. Ich bin keine alte Jungfer.«

An jenem Nachmittag hatte Tess in dem entzückenden kleinen Laden neben dem Touristenbüro am Ende der Hauptstraße ein Küchentuch mit einem Stadtplan von Langford gekauft. Es war wirklich hübsch, und sie brauchte noch mehr solcher Küchentücher. Easter Cottage war zauberhaft, doch es befand sich so gut wie nichts darin. Das Küchentuch hatte sechs Pfund gekostet, und allmählich begriff sie, was ihre Mutter meinte. Sie war ziemlich pleite und hatte Glück, diesen Job bekommen zu haben.

Das Sommersemester am College würde bald anfangen, Ostern war früh in diesem Jahr. Es schien unmöglich, dass sie noch vor drei Monaten mit Meena in Balham gelebt hatte, in tiefster Verzweiflung, von Will sitzengelassen und in der Arbeit gekündigt (na ja, man hatte sie aalglatt damit abgespeist, dass ihr Job in dem ihres Bosses »aufgehen« würde). Hinzu kam, dass sie in der Woche vor Weihnachten direkt vor der U-Bahn-Station Stockwell von einem Jungen, der aussah wie zehn, überfallen und ihrer Handtasche beraubt worden war. Das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.

Nun war etwas über ein Monat vergangen, seit sie Easter Cottage gefunden hatte, und noch immer hatte sie keinen Mitbewohner. Tess erkannte langsam, wie vermessen sie gewesen war. Die Leute tauchten nicht einfach in einem Ort wie Langford auf und wollten etwas mieten. Sie waren entweder in Rente oder jung verheiratet oder aber Besitzer von Wochenendhäusern. Ganz sicher nicht wie Tess.

Da war zwar Adam, aber Adam lebte noch in dem Cottage, in dem er aufgewachsen war. Er konnte es sich nicht leisten, etwas anderes zu mieten. Und Suggs, Adams bester Freund, roch nach Eintopf und besaß nur ein Paar Socken, außerdem wohnte er bei Adam. Sie kannte wirklich niemand anderen, doch vielleicht würde sich das ja ändern. Abgesehen von allem anderen war es ein hübsches Cottage. Sie wusste, dass sie hier glücklich werden könnte.