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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Lass uns auf die andere Seite wechseln«, sagte Enno Freienthal und legte seinem neunjährigen Neffen Max eine Hand in den Nacken, um ihn in die von ihm gewünschte Richtung zu schieben. Er hatte es heute sehr eilig. Max, der wie eine kindliche Ausgabe seines Onkels aussah – hellbraune Augen, dunkelbraune lockige Haare, schmales Gesicht mit gerader Nase und einem Mund, der sich gern zu einem Lachen verzog – sah fragend nach oben. »Warum denn auf einmal?«, fragte er. Aber Enno antwortete nicht, er beobachtete konzentriert den Verkehr und schob Max bei der ersten sich bietenden Gelegenheit über die Straße. Dort angekommen, sah er sich verstohlen um und atmete auf. »Ach, jetzt versteh' ich, was los ist«, sagte Max. »Wieder eine Ex von dir, der du nicht begegnen willst?« »Sei nicht so vorlaut«, rügte Enno lächelnd, ohne die Frage zu beantworten. »Ich bin nicht vorlaut, ich weiß nur Bescheid«, sagte Max, wechselte dann aber bereitwillig das Thema. »Da vorne gibt es sehr leckeres Eis.« Er sah Enno auffordernd an. »Willst du deinen alten Onkel etwa erpressen?« Max wies das weit von sich. »Wie kommst du denn darauf?
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Lass uns auf die andere Seite wechseln«, sagte Enno Freienthal und legte seinem neunjährigen Neffen Max eine Hand in den Nacken, um ihn in die von ihm gewünschte Richtung zu schieben. Er hatte es heute sehr eilig.
Max, der wie eine kindliche Ausgabe seines Onkels aussah – hellbraune Augen, dunkelbraune lockige Haare, schmales Gesicht mit gerader Nase und einem Mund, der sich gern zu einem Lachen verzog – sah fragend nach oben. »Warum denn auf einmal?«, fragte er.
Aber Enno antwortete nicht, er beobachtete konzentriert den Verkehr und schob Max bei der ersten sich bietenden Gelegenheit über die Straße. Dort angekommen, sah er sich verstohlen um und atmete auf.
»Ach, jetzt versteh‘ ich, was los ist«, sagte Max. »Wieder eine Ex von dir, der du nicht begegnen willst?«
»Sei nicht so vorlaut«, rügte Enno lächelnd, ohne die Frage zu beantworten.
»Ich bin nicht vorlaut, ich weiß nur Bescheid«, sagte Max, wechselte dann aber bereitwillig das Thema. »Da vorne gibt es sehr leckeres Eis.« Er sah Enno auffordernd an.
»Willst du deinen alten Onkel etwa erpressen?«
Max wies das weit von sich. »Wie kommst du denn darauf? Und überhaupt: Wem könnte ich schon was erzählen?«
»Du willst mich also tatsächlich erpressen. Elsa ist schrecklich eifersüchtig, wehe, du erwähnst das hier auch nur mit einer Silbe.«
»Mach ich nicht. Ich will Schoko und Pistazie. Und wie lange soll das mit Elsa noch gehen?«
»Könnten wir bitte das Thema wechseln?«
»Hab ich doch gerade, ich wollte ein Eis, aber du hast wieder von deinen Freundinnen angefangen. Ist mir recht, ich rede gerne über sie, da kann ich was fürs Leben lernen.«
Enno konnte nicht anders, er musste lachen. Max und er hatten sich vom ersten Tag an, da Max auf der Welt gewesen war, bestens verstanden, so sahen es alle in der Familie. Ein Herz und eine Seele, wie es so schön hieß. Sie waren sich nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem Wesenskern ähnlich. Der Altersunterschied spielte bei ihnen eine erstaunlich geringe Rolle. Mit Max konnte Enno Gespräche führen, die er weder mit seinem Bruder, Max‘ Vater, noch mit etlichen seiner Freunde hätte führen können. Natürlich galt das nicht uneingeschränkt, schon gar nicht für alle Themen, aber es überraschte ihn immer wieder, und natürlich freute es ihn auch.
Er kaufte Schoko und Pistazie für sie beide, mit Sahne, ohne die ging es nicht. Eine Weile wanderten sie schweigend weiter, sie waren auf dem Weg zu Max‘ Zuhause. Enno hatte seinen Neffen, wie er es öfter tat, von der Schule abgeholt, damit sie wieder einmal ›ein Gespräch unter Männern‹ führen konnten, wie Max das nannte. Er war stolz auf seinen jungen Onkel, der bei den Frauen so begehrt war und auch die Mädchen seiner Klasse schwer beeindruckte, wenn er vor der Schule stand und auf Max wartete. Neulich war Max sogar einmal gefragt worden, ob Enno sein großer Bruder sei – er sah aber auch viel jünger aus als achtundzwanzig. Max jedenfalls war fest entschlossen, Enno später einmal nachzueifern – er würde auch lange jung aussehen, und dafür sorgen, dass die Frauen verrückt nach ihm waren. Beides schien ihm höchst erstrebenswert zu sein.
Mit seinem Vater, Ennos älterem Bruder Matthis, hatte Max ein weit weniger lockeres Verhältnis. Matthis war ein liebevoller Vater, aber er war strenger als Enno. So konnte er sich nur schwer damit abfinden, dass Max in der Schule fast durchweg mäßige Noten hatte, weil er lieber draußen war und Fußball spielte, als Hausaufgaben zu machen. Er machte seine ›Faulheit‹, wie Matthis es nannte, zwar zum Teil durch lebhafte Teilnahme am Unterricht wett, aber es war fraglich, ob er auf eine weiterführende Schule würde gehen können, wenn er sich nicht bald mehr Mühe gab.
Enno verstand die Befürchtungen seines Bruders, aber er teilte sie nicht. »Nicht jeder braucht Abitur und ein Studium, Matthis. Max hat so viele Fähigkeiten, der findet seinen Weg schon!«
Er selbst hatte ähnliche Probleme in der Schule gehabt, er hatte schon damals immer nur zeichnen wollen – und nun war er ein recht erfolgreicher Grafiker geworden und mit dieser Berufswahl vollkommen glücklich. Matthis hingegen war Banker, was, wie Enno fand, für ihn ebenfalls die perfekte Berufswahl war, was aber auch die Unterschiede zwischen ihnen deutlich machte.
»Aber er macht es sich unnötig schwer, nur weil er es nicht schafft, sich nachmittags eine Stunde hinzusetzen und zu lernen!«
Die Brüder hatten dieses Gespräch schon oft geführt, ohne je zu einer Einigung zu gelangen. Enno hatte schon öfter gedacht, dass es für Max ein Unglück war, keine Geschwister zu haben: Auf diese Weise war ihm die ständige ungeteilte Aufmerksamkeit beider Eltern sicher. Das tat auf Dauer keinem Kind gut. Matthis war selbst längere Zeit ein Einzelkind gewesen, bis Enno, der Nachzügler, ihm den Platz als Kronprinz streitig gemacht hatte. Aber wie es schien, hatte sich Matthis damals über den Familienzuwachs uneingeschränkt gefreut. Von Anfang an war er Ennos bester Freund gewesen, obwohl sie, anders als Max und er, unterschiedlicher nicht hätten sein können. Aber dafür hatten sie sich gut ergänzt, während Max und er eher auf einer Wellenlinie lagen.
»Mit Elsa läuft es nicht besonders gut«, sagte Enno. »Also, eher müsste ich sagen: Für sie läuft es mit mir nicht gut.«
Max leckte sich genüsslich Sahne von den Fingern. »Hast du schon eine Neue?«, fragte er.
»Nein, aber …« Enno seufzte. Er konnte selbst nicht recht erklären, warum er es mit keiner Frau lange aushielt. Am Anfang war er Feuer und Flamme, aber schon nach kaum zwei Monaten begann er mit seinen Rückzugsbewegungen. Er fühlte sich schnell eingeengt, Eifersucht konnte er überhaupt nicht ertragen, und wenn er erst einmal angefangen hatte, seine jeweilige Freundin kritisch zu betrachten, war es sowieso zu spät. Er bewunderte diejenigen seiner Freunde, die ihre Freundinnen auch nach Jahren noch liebten und irgendwann heirateten. Er würde das nie im Leben fertigbringen, das wusste er schon jetzt. Er war kein Mann für eine feste Beziehung.
»Elsa denkt, dass ich in Scheidung lebe«, sagte er.
Max ließ sein Eis sinken, die schönen braunen Augen wirkten fast rund vor Erstaunen. »Wieso das denn?«
Enno seufzte. »Weil ich es ihr erzählt habe«, sagte er. »Sie ist nicht die Erste, bei der ich das so mache.«
»Davon hast du mir noch nie ein Wort gesagt.«
»Es war mir ein bisschen peinlich, aber nun weißt du es ja.«
»Wissen Papa und Mama das auch?«
»Natürlich nicht, wo denkst du hin? Dein Papa wäre entsetzt, wenn er es erführe.«
»Und wieso erzählst du deinen Freundinnen so was?«
Enno sah Max an. »Denk nach, dann kommst du von selbst drauf.«
Max schleckte den Rest von seinem Eis auf, während er so angestrengt nachdachte, dass sich seine Stirn in Falten legte. Schließlich kam er zu einem Ergebnis. »Weil es dann leichter ist, Schluss zu machen.«
»So ist es«, bestätigte Enno. »Ich sage irgendwann, dass meine Frau und ich es doch noch einmal miteinander versuchen wollen, und das wars.«
»Nett ist das nicht«, sagte Max zögernd. »Überhaupt, ich glaube, für die Frauen ist das mit dir ziemlich schwierig.«
»Ja, das ist so«, gab Enno freimütig zu. »Aber was soll ich machen? Ich halte es einfach bei keiner aus.«
»Dann bleib doch allein«, schlug Max vor. »Wenn du allein bist, musst du nicht mehr lügen, dich nicht mehr trennen, und es wird auch keine Frau mehr unglücklich deinetwegen.«
Enno sah seinen Neffen nachdenklich an. »Was bist du doch für ein kluger Junge«, sagte er ohne jede Ironie, denn er meinte es vollkommen ernst. »Leider ist das nicht ganz so einfach, denn ab und zu habe ich einfach … das Bedürfnis mit einer Frau zusammen zu sein, falls du verstehst, was ich meine.«
Max nickte, natürlich verstand er das, er war schließlich aufgeklärt. »Aber du kannst ja mit einer Frau zusammen sein«, sagte er beruhigend, »du darfst ihr bloß nicht sagen, dass du in sie verliebt bist. Dann kann sie dir auch nichts vorwerfen. Und küssen solltest du sie besser auch nicht.«
Enno fuhr ihm liebevoll durch die Haare. »Na ja, das ist eben das Problem, ich küsse wahnsinnig gern, weißt du?«
»Ich auch«, sagte Max verträumt.
»Wie bitte? Wen hast du denn schon geküsst?«
Max wurde rot wie eine Tomate. »Lissy, letzte Woche. Ich habe ihr geschworen, dass ich es niemandem erzähle, aber du darfst es ruhig wissen, glaube ich. Du sagst es doch nicht weiter? Wenn Mama und Papa wüssten, dass ich Lissy geküsst habe … vor allem Papa … Ich glaube, er würde sich schrecklich aufregen und denken, dass ich jetzt nur noch Mädchen im Kopf habe und noch weniger lernen will als sowieso schon.«
»Lissy ist doch sowieso schon deine Freundin gewesen, oder?«
»Ja, weil sie auch Fußball spielt, sehr gut sogar. Und eigentlich war ich nur mit ihr befreundet wie mit den anderen Jungs. Aber dann …« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist einfach passiert, und es war sehr schön. Es war ein richtiger Kuss, auf den Mund. Lissy hat gesagt, ich küsse besser als Ben, der macht den Mund dabei auf, das war ihr zu nass.«
Enno beschloss, keine weitergehenden Fragen zu stellen. Er war ja schon froh, dass sein Liebesleben nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses stand, denn darüber sprach er mit niemandem gern, nicht einmal mit Max. Sein Liebesleben war nicht normal, so viel stand fest, denn bei all seinen Freunden gestaltete es sich anders als bei ihm – aber er sah keine Möglichkeit, sich der Mehrheit anzunähern: Er würde, nahm er an, für immer der Mann mit den kurzen Affären sein.
*
Leon Laurin, Leiter der Kayser-Klinik im Münchener Südwesten, Chirurg und Gynäkologe, betrachtete die junge Frau, die ihm in seinem Büro gegenübersaß, mit einem Lächeln. »Dann sind wir uns einig, Frau Plettenberg. Alles ist vorbereitet, und nächste Woche fangen Sie bei uns an.«
Mara Plettenberg war Hebamme – eine zierliche Frau mit dunkelblonden langen Haaren und einem Gesicht, das nicht im landläufigen Sinne schön war, das man aber gern ansah, weil es so viel darin zu entdecken gab. Sie hatte eine lebhafte Mimik, oft durch Gesten unterstützt. Die blauen Augen sprühten Funken, wenn sie sich für etwas begeisterte oder sich aufregte, ihr Mund konnte sich in großer Geschwindigkeit Richtung Lachen oder deutliche Missbilligung verziehen, selbst ihre leicht geblähten Nasenflügel konnten zum Ausdruck bringen, was sie dachte, von ihrem energisch vorgeschobenen Kinn, wenn sie sich zu Widerspruch herausgefordert sah, ganz zu schweigen.
Sie war noch jung, erst sechsundzwanzig Jahre alt, aber er hatte sich schnell davon überzeugt, dass ihr in ihrem Beruf niemand etwas vormachen konnte. Bislang hatte sie als selbstständige Hebamme gearbeitet, doch das war ihr zu stressig geworden, und so hatte sie sich auf die Suche nach ›einem festen Rahmen‹, wie sie es ausdrückte, gemacht und, wie es aussah, hier in der Kayser-Klinik gefunden, was sie suchte. Leon hatte schon länger geplant, die Geburtshilfe an seiner Klinik auszubauen, und so hatte Mara mit ihren Vorstellungen offene Türen eingerannt.
Sie war eines Tages einfach bei ihm aufgetaucht. »Wie ich gehört habe, Herr Dr. Laurin, ist es bei Ihnen in der Klinik noch nicht so weit, dass den Frauen ein Kaiserschnitt nahegelegt wird, damit die Geburten hübsch nach Plan verlaufen können. Wenn das so ist, möchte ich mich gern um eine Stelle als Hebamme bei Ihnen bewerben.«
Er hatte gar keine Stelle ausgeschrieben, aber Mara hatte sein Interesse geweckt, und so war aus ihrem Überraschungsbesuch eine intensive Diskussion geworden, die länger als eine Stunde gedauert hatte. An ihrem Ende hatte er ihr eine Stelle angeboten und ihr in Aussicht gestellt, ihre Vorstellungen beim Ausbau der Geburtsstation in jeder Hinsicht zu berücksichtigen.
Das alles war schon eine Weile her. Mara hatte ihre Wünsche aufgeschrieben und begründet, und so war letztlich eine Planung entstanden, die alle zuständigen Abteilungen der Klinik abgesegnet hatten. Mara hatte in dieser Zeit weiter als freie Hebamme gearbeitet, aber keine neuen Aufträge mehr angenommen. Und nun stand ihr Einstand in der Kayser-Klinik bevor.
Sie erwiderte Leons Lächeln. »Ehrlich, Herr Dr. Laurin, ich bin auch froh, dass es endlich losgeht. Und die Station ist sehr schön geworden, da können die Frauen sich wohlfühlen und ihre Kinder in Ruhe zur Welt bringen, ohne gestresstes oder unwissendes Personal. Ich habe Ihnen ja schon erzählt, was ich in der Hinsicht bereits für Erfahrungen gemacht habe.«
Das hatte sie in der Tat, aber er hörte es ja auch von anderer Seite, dass manche Schwangere traumatische Behandlungen erfuhren, vor allem, wenn sie das erste Kind zur Welt brachten und alles neu und auch Angst einflößend für sie war. Erst kürzlich hatte ihm eine Frau, die erst seit Kurzem seine Patientin war, erzählt, dass ihr niemand in Ruhe erklärt hatte, wie man ein Neugeborenes zum Trinken anlegte. »Ich wusste doch gar nicht, wie das ging, und der Kleine wollte nicht trinken. Daraufhin haben die mich behandelt wie eine Idiotin, dass ich nicht instinktiv gewusst habe, was ich machen musste.«
»Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Frau Plettenberg.«
Die junge Hebamme erhob sich und reichte ihm die Hand. Ihre Augen sprühten – aber nicht vor Zorn, sondern voll aufrichtiger Vorfreude auf das, was vor ihr lag. »Ich freue mich auch«, sagte sie.
»Sie werden es bald mit zwei vielleicht nicht ganz einfachen Fällen zu tun bekommen«, sagte er. »Ich habe zwei Patientinnen jenseits der vierzig, die eine ist zum ersten Mal schwanger, die andere hat einen neunjährigen Sohn. Entsprechend sind natürlich auch die Väter schon älter. Alle Untersuchungen bisher sind aber zum Glück unauffällig gewesen.«
»Wie weit sind die beiden?«
»Die eine ist im siebten, die andere Ende des achten Monats.«
»Ich freu mich drauf«, sagte Mara. »Bis nächste Woche dann, Chef.«
Es war das erste Mal, dass sie ihn so nannte, er freute sich darüber. Sie passte gut ins Team, und sie würde viel neuen Schwung mitbringen, dessen war er sicher.
