18,99 €
»Wenn Sie Freude in Ihrem Leseleben haben wollen, kaufen Sie dieses Buch.«Jojo Moyes Helen Cartwright ist 83 Jahre alt und hat keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Doch eines Tages tritt das Schicksal in Form einer Maus in ihr Leben. Nach und nach, in kleinen Schritten, wagt sie unfreiwillig einen Neuanfang. Mit großem Gefühl erzählt Simon Van Booy von der außergewöhnlichen Freundschaft zwischen einer Witwe und einer Maus, und erinnert uns daran, dass es immer zweite Chancen geben kann. Nach sechzig Jahren in Australien kehrt Helen Cartwright in den kleinen Ort in der Nähe von Oxford zurück, in dem sie geboren wurde. Sie kauft ein kleines Haus mit senfgelber Tür und führt ein zurückgezogenes Leben: Jeder Tag eine Wiederholung des vorherigen, als ob es sogar für den Tod eine Warteschlange gäbe. Doch dann nimmt Helens Leben eine plötzliche Wendung, als ein unerwarteter Gast in Form einer gutmütigen Maus auftaucht. Ihre anfänglichen Versuche, die Maus wieder loszuwerden, führen sie in den Tierhandel, die Bibliothek, den Eisenwarenladen. Während die Maus in der Küchenspüle aus einem kleinen Flaschendeckel trinkt, tritt Helen wieder in Kontakt mit ihren Nachbarn – und begibt sich auf eine unerwartete Reise zurück zu sich selbst. Denn egal, was wir für uns geplant haben: Manchmal hat das Leben seine eigenen Pläne. »Ich habe mich auf jeder Seite für dieses ungewöhnliche Duo begeistert. Simon Van Booys Figuren sind voller Charme und geprägt von dem tiefen Wunsch nach Verbundenheit, den alle Lebewesen teilen. Ich habe es geliebt.« Ann Patchett »Ein kleines literarisches Meisterwerk… pointiert und wunderschön… bezaubernd und berührend.« Washington Post
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simon Van Booy
Eine Maus namens Merlin
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart
Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Sipsworth« im Verlag Godine, Boston, Massachusetts
© 2024, Simon Van Booy
International Rights Management: Susanna Lea Associates
Für die deutsche Ausgabe
© 2026 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i. S. v. § 44 b UrhG vorbehalten
Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München
unter Verwendung einer © Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München unter Verwendung einer KI-generierten Abbildung (Midjourney)
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-96678-7
E-Book ISBN 978-3-608-12540-5
Für Joshua und seinen Vater Dale
Helen Cartwright war alt, und ihr Leben war auf eine Weise zerbrochen, die sie unmöglich hatte vorhersehen können.
Spazierengehen half, und sie versuchte, jeden Tag das Haus zu verlassen, selbst dann, wenn es draußen schüttete. Aber eigentlich war ihr Leben vorbei. Sie wusste es und hatte sich damit abgefunden. Jeder Tag, der verging, war eine Wiederholung des vorherigen Tages. Es war, als käme man immer nur einen winzigen Schritt weiter. Als müsste man sogar für den Tod Schlange stehen.
Kein einziger der Nachbarn, die ihre knochige Gestalt die Westminster Crescent entlangschlurfen sahen, hätte behaupten können, sie zu kennen. Sie war nichts weiter als ein Teil des Hintergrunds, vor dem sich ihre eigenen Leben abspielten. Doch Helen Cartwright war hier in diesem Ort geboren worden, in dem alten Park-Krankenhaus, als ihr Vater gerade zur See kämpfte. Das Krankenhaus gab es längst nicht mehr, aber das Cottage aus Backstein, in dem Helen aufgewachsen war, stand immer noch. Ab und zu machte sie auf ihrem Weg in die Stadt einen kleinen Umweg, um an dem Haus vorbeizugehen. Der Vorgarten war in der Zwischenzeit asphaltiert worden, aber durch die Risse im Zement bahnte sich manchmal die ein oder andere vertraute Blume ihren Weg – als lebten knapp unter der Oberfläche der Welt von heute immer noch alle früheren Welten aus der Erinnerung fort.
Mittlerweile wohnte sie in einem freistehenden Cottage mit einer senffarbenen Tür – eines jener Häuser, die in den Sechzigern für ältere Leute mit geringem Einkommen gebaut wurden. Sie hatte das Haus im Internet gekauft, nachdem sie sechzig Jahre lang im Ausland gelebt hatte.
In sechs Jahrzehnten kann viel passieren. Ein Ort kann sich verändern. Sie selbst hatte sich jedoch nicht verändert.
Das war Helen in dem Moment klar geworden, als sie aus dem Taxi gestiegen war, das sie vom Flughafen zu ihrem neuen Haus in der Westminster Crescent genommen hatte. In dem Zuhause, das sie auf der anderen Seite der Welt zurückgelassen hatte, wohnten jetzt sicher schon andere Leute. Sie stellte sich vor, wie diese Leute Zeitungspapier auseinanderfalteten und wie dann Gegenstände zum Vorschein kamen, die zerbrechlich waren oder wichtig zu sein schienen, die jedoch in Wahrheit nur die Glieder einer Kette waren, die ihre Besitzer wieder zurück an den Anfang führen würde.
Nein, sie hatte sich überhaupt nicht verändert.
Heute, vor dem Hintergrund der von ihr durchlittenen Erfahrungen, wusste sie nur mehr als früher. Und im Gegensatz zu den Märchen, die man ihr in ihrer Kindheit vor dem Einschlafen erzählt hatte, war alles Wertvolle, was sie wieder mit nach Hause gebracht hatte, für jeden außer ihr selbst unsichtbar.
Nachdem das Taxi wieder zurück nach Heathrow gefahren war, hatte Helen das Haus betreten und ihr Gepäck am Fuß der Treppe fallengelassen. Wie alle Häuser hatte auch dieses seinen ganz eigenen Geruch, der verschwinden würde, sobald sie sich daran gewöhnt hatte. Auf dem Fußboden in der Diele lagen Briefe, die an eine ihr unbekannte Person adressiert waren. Sie fragte sich, was das für Leute gewesen sein mochten, die vor ihr hier gewohnt hatten. Versuchte, sich ihr Leben vorzustellen. Doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu ihrem Ehemann und ihrem Sohn zurück, die nun beide so unendlich weit außerhalb ihrer Reichweite waren.
Helen ging zunächst in die Küche und blieb dann im leeren Wohnzimmer stehen, immer noch in den Mantel gekleidet, an dem der Geruch der Flugzeugkabine haftete und in dessen Saum lose Münzen klapperten.
Sie starrte aus dem Fenster auf die Straße.
Als Kind musste sie hundertmal an diesem Haus vorbeigerannt, gehüpft oder mit ihrem scheppernden Fahrrad vorbeigefahren sein. Hundertmal – ohne jemals zu ahnen, dass dies der Ort war, an den sie eines Tages zurückkehren würde, um ihr Leben in einem perfekten Kreis zu beschließen.
Ihren achtzigsten Geburtstag verbrachte Helen damit, die Küchenschränke umzuräumen. Regale abzuwischen. Die Treppe zu saugen. Sich von allen Gesichtern abzuwenden, die im Staub auftauchten oder in der Dunkelheit, die zwischen den Dingen klaffte.
Drei Jahre vergehen, ohne dass die verflossene Zeit etwas hätte vorweisen können. Ihre Taschen bleiben leer.
Dann, eines Tages, früh am Morgen, geschieht etwas.
Es ist weit nach Mitternacht, aber immer noch zu dunkel, um den Tag von der Nacht zu unterscheiden. Helen Cartwright steht im Nachthemd am Schlafzimmerfenster. Sie hat den Vorhang gerade nur so weit beiseitegeschoben, dass sie die in den frühen Morgenstunden vollkommen menschenleere Welt betrachten kann. Sie kann nicht schlafen und will schon nach unten gehen, um den Fernseher einzuschalten, als sich draußen etwas bewegt. Sie beugt sich näher an die kalte Fensterscheibe heran, sodass die Straße einen Moment lang in einer sich rasch ausbreitenden Atemblume verschwindet. Als die Scheibe wieder frei ist, entdeckt sie einen in Bademantel und Pantoffeln gekleideten Nachbarn, der mit schwarzen Plastiksäcken beladen ist. Offenbar will er die am frühen Morgen eintreffende Müllabfuhr abpassen. Helen beobachtet ihn dabei, wie er seine Last ablädt und dann ins Haus zurückkehrt. Doch statt das Seitentor wieder zu verschließen, legt er einen Ziegelstein dazwischen, um es offenzuhalten, und kommt wenig später mit einem großen Karton wieder aus dem Haus gewankt, den er sehr vorsichtig oben auf den Stapel aus Plastiksäcken stellt.
Während der vergangenen Monate hat Helen sich immer mehr dafür zu interessieren begonnen, was die Nachbarn so alles wegwerfen. Mehrere Male ist sie sogar nach draußen gegangen und hat die Stapel mit Müllsäcken nach irgendwelchen interessanten Ausbuchtungen durchsucht, die darauf hinweisen könnten, dass jemand aus Versehen einen eigentlich noch brauchbaren Gegenstand weggeworfen hat. Ein dumpfes, hohles Geräusch weist für gewöhnlich auf etwas aus Holz hin, wohingegen ein leises Klirren Porzellan bedeuten könnte. Von allem, was ein schwappendes Geräusch macht, sollte man unbedingt die Finger lassen.
Sobald der Nachbar sein Gartentor verriegelt und die Haustür hinter sich abgeschlossen hat, schlüpft Helen in ihre Pantoffeln aus Schottenstoff und geht nach unten. Bevor sie ihren Mantel anzieht, vergewissert sie sich, dass die Straße menschenleer ist, und lässt sich dann in die schwarzen Eingeweide der Nacht hinausgleiten. Es muss geregnet haben, denn die Straße ähnelt einem samtigen, feuchten Band. Helen gibt sich mit den Plastiksäcken gar nicht erst ab, sondern geht schnurstracks zu dem Karton, den ihr Nachbar getragen hatte und der, wie sich nun herausstellt, gar kein Karton ist, sondern ein Aquarium aus Glas, das mit Müll vollgestopft ist. Es ist nichts Besonderes dabei – abgesehen von dem Gegenstand, der ganz obenauf liegt. Ein Kinderspielzeug, das Helen bekannt vorkommt. Eine Requisite aus einem verlorengegangenen Leben. Ein Bruchstück ihrer Erinnerungen, das sich irgendwie losgelöst und seinen Weg zurück in ihre zitternden Hände gefunden hat.
Die Form und Beschaffenheit des Spielzeugs fühlen sich derart vertraut an, dass Helen sich fragt, ob sie nicht immer noch tief schlafend oben in ihrem Bett liegt und jeden Moment die Augen öffnen und in die milchige Stille ihres Schlafzimmers hinausstarren wird. Sie schaut von dem weggeworfenen Gegenstand zu der langen Reihe von Häusern an der Westminster Crescent hinüber und rechnet damit, dass jeden Moment ein Licht angehen oder eine Tür sich öffnen oder die Nachbarskatze erscheinen und die dünne Schale ihres Traums durchbrechen wird.
Doch nichts regt sich.
Niemand kommt.
Die Frauen in ihren Nachthemden und Männer in ihren Pyjamas, die in dieser Straße leben – das sind diejenigen, die in tiefem Schlummer liegen, nicht sie selbst. Sie ist die Einzige, die diesen Moment mit Bewusstsein füllt.
Helen wendet den Gegenstand in ihrer Hand hin und her. Ein Tiefseetaucher aus Plastik. Sie streicht mit dem Finger über die Sauerstoffflasche und die Flossen. Es ist, als würden sie die beiden aufgemalten Augen hinter der Tauchermaske wiedererkennen. Exakt das gleiche Spielzeug hat sie ihrem Sohn an seinem dreizehnten Geburtstag gekauft. Damals war es Teil eines Sets gewesen. Sie fragt sich, was wohl in den ganzen Pappkartons ist, die unten in dem Aquarium liegen. Vielleicht war dieser Taucher hier auch Teil eines Sets, dessen einzelne Teile nun eines nach dem anderen zum Vorschein kommen werden – als hätten Trauer und Schmerz ihre langen Fühler ausgestreckt und alles eingesammelt.
Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, bückt Helen sich und hievt das Aquarium mitsamt dem Spielzeugtaucher und den dreckigen Pappkartons in die Höhe. Es ist schwerer, als sie erwartet hatte. Sie hat es zwar nicht weit bis zu ihrem Haus, doch auf halbem Weg wird sie von einem Wolkenbruch überrascht. Von einem Moment auf den anderen ist der Inhalt des Aquariums vollkommen durchnässt. Wasser schlängelt sich in Strömen an Helens Wangen herab. Ihr Kopf dröhnt vor Kälte, und die Haare kleben ihr am Schädel. Es ist wirklich nicht mehr weit – nur fünfzehn Meter – aber die sich ansammelnden Regentropfen machen ihre Last immer schwerer. Obwohl ihre knorrigen Arme jetzt durch die Belastung zu zittern beginnen, ist sie wild entschlossen, das Ding nicht abzusetzen. Wenn sie erst einmal im Haus ist, kann sie alles durchsehen und entscheiden, was sie damit tun soll. Noch nie zuvor ist ihr eine physisch greifbare Erinnerung begegnet. Erinnerungen waren bisher immer etwas Gewichtsloses – mächtig genug zwar, um ihren Tag aus der Bahn zu werfen, aber nichts, was sie hätte anfassen oder an dem sie sich hätte festhalten können.
Das Aquarium mit seinem Inhalt fühlt sich ein wenig so an, als trüge sie ein Kind in den Armen, und so schleppt sie sich, von einem archaischen Instinkt angefeuert, weiter die Straße entlang.
Es ist alles andere als leicht, das Aquarium durch die Tür zu bekommen. Sie muss das Ding kippen, damit es hindurchpasst, und die Muskeln in ihren Armen und ihrem Hals zucken wild und verkrampfen sich. Sie wartet auf einen stechenden Schmerz in ihrer Brust, aber anscheinend bleibt ihr für diese letzte Prüfung doch noch genügend Kraft übrig. Als sie es ins Haus geschafft hat, stolpert sie ins Wohnzimmer und lässt das Aquarium mit einem dumpfen Knall auf den Couchtisch fallen.
Dann putzt sie sich in dem kleinen Bad im Erdgeschoss die Nase mit einem Taschentuch, schleppt sich die Treppe hoch und zieht sich hastig die klatschnassen Kleider aus. Als das geschafft ist, lässt sie sich ein Bad ein, fügt eine Verschlusskappe voll Eukalyptusöl hinzu und lässt ihren zitternden Körper in das heiße Wasser gleiten.
In der nasswarmen, wohligen Stille denkt sie über den Tiefseetaucher nach. Ihr ganzes Leben haftet daran, wie an einem Anker, den sie vor Jahren geworfen und dann vergessen hat. Aber wozu soll das gut sein, dass sie nun am Rand des Abgrunds festhängt? Alle, die sie jemals geliebt hat oder lieben wollte, sind fort, und hinter ihrem Schleier aus Angst wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dort zu sein, wo sie sind.
Doch jetzt gibt es da unten dieses Ding, das sie ins Leben zurückziehen will – ein Kinderspielzeug, das nicht nur in ihrer eigenen Erinnerung, sondern auch in der Vergangenheit eines anderen Menschen seinen Platz hat.
Diese Art von Erfahrung hätte nicht mehr vorkommen dürfen. Damit hatte sie abgeschlossen. Im Haus gibt es nichts, was sich zu betrachten lohnt. Keine Geburtstagskarten, keine Briefe. Sogar ihre Fotoalben hat sie vor ihrem großen Umzug vor drei Jahren alle weggeworfen. Genauer gesagt hat sie sie sogar verbrannt. Auf der Einfahrt, unterhalb der Terrasse. Sie musste es tun. Sogar die Bilder von ihrer Neuseeland-Reise, als David neun Jahre alt war und sie alle zusammen auf einer niedrigen Mauer saßen, Eis aßen und den kleinen Segelbooten zusahen, die aufs offene Meer hinausfuhren wie Kinder, die ihr Elternhaus verließen.
Helen kann den Dampf des heißen Wassers auf ihrem Gesicht spüren, als wären es Hände, die sie berühren. Sie lässt den Kopf auf das zusammengerollte Handtuch zurücksinken und schließt die Augen, um die Leere ihres Zuhauses auszublenden.
Abgesehen von ihrer Anwesenheit gibt es nichts in diesem Haus, das darauf hinweisen würde, dass es ihr gehört.
Als sie ankam, standen bereits ein paar Möbel darin. Ein Bettgestell, eine Kommode und ein moderner Dielentisch mit Messingbeinen. Auch Vorhänge und Teppiche waren vorhanden. Den Rest der Einrichtung hat sie sich aus einem Katalog zusammengekauft. Sie hat dabei zugesehen, wie zwei Männer und eine Frau die Pakete ins Haus trugen, sie öffneten und zusammenbauten. Sie kochte Tee für die Möbelpacker und stellte ihnen einen Teller mit Keksen hin, aber meistens hielt sie sich im oberen Stockwerk auf, damit die Leute sich ungestört unterhalten und arbeiten konnten, ohne sich beobachtet zu fühlen. Am frühen Abend trugen zwei von ihnen dann den Verpackungsmüll nach draußen, während der Dritte bereits den Laster gestartet hatte und mit laufendem Motor wartete. Als Helen sich auf der Türschwelle von ihnen verabschiedete, gab sie ihnen noch ein Trinkgeld, für den Fall, dass sie irgendwo eine warme Mahlzeit essen wollten. Es gab schließlich zahlreiche Pubs im Ort. Wenn sie samstags oder sonntags in den frühen Morgenstunden ein Fenster öffnete, konnte sie entferntes Gelächter und Gesänge hören, wie kleine Wellen, die die ansonsten so glatte Oberfläche der Nacht kräuselten.
Als sie ein kleines Mädchen war, gab es noch viele Leute, die in den Fabriken arbeiteten. Eine dieser Fabriken stand gar nicht weit von ihrem Haus entfernt, auf der anderen Seite eines Kanals. Im ersten Jahr, das sie in der Westminster Crescent verbrachte, hatte sie noch angestrengt auf den Klang der Dampfpfeife gelauscht, die die Mittagspause ankündigte. Doch während der sechs Jahrzehnte ihrer Abwesenheit hatte man die Fabrik dem Erdboden gleichgemacht und die Pfeife mitsamt einem Haufen zertrümmerter Backsteine abtransportiert.
Es war nicht leicht gewesen, nach so langer Zeit zurückzukehren. Alles war ohne sie weitergegangen, als hätte sie nie existiert. Der Markt, auf dem ihre Mutter immer so gern mit dem Fischhändler geplaudert hatte, war nun ein Parkplatz. Und dort, wo der Stand des Fischhändlers gewesen war, ragte jetzt ein Automat auf, in den man die Münzen für die Parkzeit einwerfen musste. Das Geschäft in der Nähe der Schule, das früher immer bis spät abends geöffnet hatte, damit die Arbeiter aus der Fabrik nach dem Ende ihrer Schicht noch dort einkaufen konnten, gab es zwar immer noch, doch es sah jetzt vollkommen anders aus und roch auch anders. Die burgunderrote Markise, die im Winter immer vor sich hin geklappert hatte, war durch ein weißes, von innen erleuchtetes Plastikschild ersetzt worden. Und es gab nun mehrere Kassen, statt nur der einen, die vor einer Wand aus Gummidrops, Lakritze und Brausepulver Wache gehalten hatte.
Als Helen nach einer Abwesenheit von sechzig Jahren zurückkehrte, wurde ihr bewusst, was für einen merkwürdigen Verlauf ihr Leben genommen hatte: Damals, bevor sie von hier weggezogen war, hatte sie das Gefühl gehabt, zum Glücklichsein prädestiniert gewesen zu sein, jetzt kam es ihr so vor, als würde sie in der Verzweiflung feststecken. Doch nach unzähligen Monaten des Alleinseins kam sie zu dem Schluss, dass solche Gefühle dazugehörten, wenn man alt war, und dass es mehr oder weniger jedem so erging. Letztendlich gab es kein Entkommen. Diejenigen, die sich im Laufe ihres Lebens von der Liebe ferngehalten hatten, endeten voller Bitterkeit, während diejenigen, die – so wie sie selbst – jeden Tag bis zum Äußersten mit Erlebnissen gefüllt hatten, auf den Trümmern ihrer Erinnerungen festsaßen. Doch ganz gleich, welchen Weg man eingeschlagen hatte: Am Ende würde ein heftiger Sturm kommen und einen verschlingen. Das galt für sie selbst wie für alle anderen. Helen konnte spüren, wie er sich am Horizont zusammenbraute, bereit, sich jeden Moment zu entfesseln. Er würde hereinbrechen und auch die gewöhnlichsten, alltäglichsten Dinge mit sich fortspülen und keine Spur mehr von dem zurücklassen, von dem sie geglaubt hatte, dass es ihr gehörte.
Helen öffnet die Augen. Das Badewasser hat sich abgekühlt. Sie bewegt vorsichtig ihre Arme und Beine und wirft dann einen Blick in den Flur. Der Teppich ist dünn und zerfasert. Früher war er einmal tiefblau gewesen, doch jetzt ist es nur noch das Blau eines frühen Morgens. Sie lässt die Badezimmertür immer offenstehen – selbst dann, wenn sie auf der Toilette hockt und sich den Hintern abwischt –, weil sie dem Haus zuhören möchte.
Es ist natürlich nichts zu hören, aber die Leere beruhigt sie. Ihre Gedanken können durch die Gegend schweifen und sich entfalten, ohne irgendetwas berühren zu müssen. Helen steigt aus dem lauwarmen Wasser und trocknet sich ab. Die Dämmerung ist angebrochen, und der Morgen hat sich mit seiner blassen Wange auf die Welt gelegt.
Unten im Erdgeschoss steht das Aquarium und tropft.
Helen zieht sich an und bürstet sich die Haare. Sie hat es schon vor langer Zeit aufgegeben, irgendwelchen Schmuck zu tragen. Sogar auf ihren Ehering hat sie verzichtet. Das ist ihr am schwersten gefallen. Aber Len ist fortgegangen und wird nie wieder zurückkehren. Außerdem hat sie sich gegen herkömmliche Damenpantoffeln entschieden und stattdessen die robustere Variante aus Schottenstoff mit elastischen Fersen und Gummisohlen gewählt. Natürlich ist sie eigentlich längst bereit zu gehen – schon seit einer ganzen Weile –, aber wenn sie die Treppe hinunterstürzt und sich dann nicht mehr bewegen kann, würde sie vor Ablauf eines Jahres niemand finden. Und das empfindet sie aus irgendeinem Grund nicht als wünschenswert. Sie weiß selbst nicht genau, warum. Vielleicht liegt es ja daran, dass sie als Kind einmal in einen stillgelegten Brunnen gefallen ist und dann zwei ganze Tage lang darin festsaß.
Sie geht nach unten in die Küche, kocht sich eine Tasse Tee und schaltet das Radio ein, das im Flur steht. Ein junger Mann verliest die Morgennachrichten. Als er zum Wetter kommt, kündet er vereinzelte Regenschauer in den tiefliegenden Gebieten an. Nichts Neues also. Seine Stimme füllt das gesamte Haus, als wäre dies auch sein Zuhause.
Ich habe mir sagen lassen, drüben in England würde es ohne Unterlass regnen!
Das war eines der ersten Dinge, die Leonard jemals zu ihr gesagt hat. Eine Frage in Form einer Feststellung.
Sie tanzten gerade miteinander.
Das war im Jahr 1960.
Helen hatte sich für den Tanzabend extra neue Schuhe bei Gulliver’s gekauft, Kitten Heels mit jeweils einer Schnalle. Aber die Schnallen schienen niemandem aufzufallen. Die Leute bemerkten nicht einmal, wie herrlich sie bei jedem ihrer Schritte funkelten. Helen hatte Len eine Woche zuvor im Bus mit der Nummer sieben kennengelernt. Und an diesem Abend gingen sie zum ersten Mal so richtig miteinander aus.
»Du solltest hier in Australien bleiben, meine Liebe …«
Die junge Helen mit ihren neuen Schuhen tanzte weiter.
»Und warum sollte ich das tun, Len? Weil hier die ganze Zeit die Sonne scheint?«
Während sie ihre Körper ganz der Musik überließen, trafen sich ihre Blicke, aus denen eher eine Welt der Sehnsucht sprach als eine Welt der Erfahrung.
»Nicht nur wegen des Wetters, Helen. Ich denke, du könntest dir hier ein richtig gutes Leben aufbauen. Du musst es nur wollen. Du könntest studieren. Du könntest etwas tun, was dir Spaß macht. Vielleicht könntest du ja sogar eines Tages sesshaft werden, zusammen mit einem netten jungen Kerl namens Len.«
Das war wahrscheinlich der Moment gewesen, denkt sie. Nicht später auf der Uferpromenade, als er Ich liebe dich gesagt hatte oder noch später in der Holzkirche, als er vor dem Altar sein Jawort gegeben hatte … Sondern dort, in diesem Moment, in dem verrauchten Tanzlokal mit seiner Gratis-Limonade und den schäbigen Vorhängen, in denen sich die Musik verhedderte, die das Ende ihrer Kindheit einläutete.
Die Erinnerung ist so unversehrt, dass es Helen so vorkommt, als bräuchte sie nur nach unten zu schauen, um an einem Knopf seines Hemds drehen zu können.
Sie lässt das Radio laufen und trägt ihre Tasse ins Wohnzimmer. Es läuft eine englische Oper, die sie vor langer Zeit einmal im Opernhaus gesehen hat. Sie stellt sich vor den Couchtisch, schlürft die heiße Flüssigkeit und lauscht der leisen, aber leidenschaftlichen Stimme Didos, die vom Dielentisch zu ihr herüber lamentiert. Hier, im Innern ihres Hauses, sieht das Aquarium viel größer aus. Helen wundert sich, dass sie es geschafft hat, es bis hierher zu tragen. Len hätte applaudiert. Aber dann kommt ihr der Gedanke, dass es in den Müllsäcken womöglich noch andere Schätze gab, die ihr nun durch die Finger geschlüpft sind, und sie ärgert sich.
Sollte sie zurück nach draußen gehen?
Der Regen hat aufgehört, doch es hieß ja in der Wettervorhersage, dass er jeden Moment wieder anfangen könnte. Und draußen sind bestimmt Leute, die ihre Hunde ausführen, und Kinder, die mit ihren Trippelschritten zur Schule gehen.
Nein. Mit diesem Teil des Tages hat sie nichts mehr zu tun. Falls sie um diese Uhrzeit tatsächlich einmal das Haus verlassen sollte, dann nur als alte Frau, die einkaufen oder spazieren geht, nicht aber, um im Müll anderer Leute zu kramen.
Helen beschließt, die Abwechslung, die ihr Fund verspricht, über das bevorstehende Wochenende zu verteilen – in eine Zeit, in der die meisten anderen Leute reglos vor ihren Fernsehgeräten hocken oder sich auf der Suche nach irgendetwas, das sie kaufen und mit nach Hause nehmen können, durch die grell erleuchteten Läden wälzen. Am Samstagvormittag wird sie die Kartons einzeln aus dem Aquarium holen, ihren Inhalt der Reihe nach durchsehen, jeden Gegenstand sorgfältig abwaschen und dann beiseitestellen, um ihn am Sonntag einer detaillierten Untersuchung zu unterziehen. Währenddessen wird sie sich irgendetwas im Ofen aufbacken. Für ihr Vorhaben steht ihr mehr als genug alter Stoff als Reinigungsmaterial zur Verfügung. Erst vor Kurzem sind einige ihrer Strumpfhosen in Ungnade gefallen, weil sie Löcher am großen Zeh hatten.
Von einer seltsamen neuen Energie angetrieben, kehrt sie in die Küche zurück und setzt den Kessel für eine weitere Tasse Tee auf. Als der Tee fertig ist, holt sie die Keksdose aus dem Schrank, nimmt ein paar zerbröselnde Kekse heraus und trägt sie zusammen mit ihrer dampfenden Tasse ins Wohnzimmer. Für heute begnügt sie sich damit, einfach nur den Tiefseetaucher zu betrachten, der oben auf seinem Aquarium steht. Das Wichtigste ist, einen Plan zu haben und nichts zu überstürzen, denkt sie.
Nachdem sie die Kekse gegessen und die Hälfte des stark gezuckerten Tees ausgetrunken hat, zieht sie die Beine aufs Sofa und lässt den Kopf auf ein Kissen sinken. Sie starrt das Aquarium an. Unter dem Tiefseetaucher und den Pappkartons liegen ein paar bunte Gegenstände aus Plastik, deren Umrisse ihr Rätsel aufgeben. Helen versucht, sich die letzte Person vorzustellen, die diese Gegenstände berührt hat. Wo sind deren Hände jetzt, und was tun sie gerade?
Wie so oft erwacht der letzte Gedanke, den sie vor dem Einschlafen hatte, in Gestalt eines Traums zu neuem Leben: Sie steht neben ihrem Sohn David, oben auf der Terrasse, die vom zweiten Stock abgeht. Es ist hell und sehr heiß, und alle tragen bunte Kleidung. In den Baumwipfeln hinter dem Haus zanken sich ein paar riesige Vögel, über deren Krach nie jemand auch nur ein einziges Wort verliert. Alle haben sich daran gewöhnt. Der ungemähte Rasen im Garten leuchtet in dunklen, seidigen Schattentönen. Len trägt die Sonnenbrille, die sie in der Apotheke von einem der Ständer für ihn ausgewählt hat. Die Terrasse zieht sich um das gesamte Haus und kann von jedem Zimmer außer von der Toilette aus betreten werden. Helen ist ungefähr achtunddreißig und barfuß. Ihre kleinen, zarten Füße berühren den gekachelten Boden. Ihr Sohn steht im Begriff, ein Geschenk zu öffnen. Er weiß, was es ist, weil sie in der Woche zuvor alle zusammen zur Tierhandlung gefahren sind, um ihm beim Aussuchen zu helfen und das Tier zu bezahlen. Aber sie haben das Geschenk trotzdem eingepackt, denn das tut man, wenn man ein Kind beschenkt. Irgendwo im Haus steht auch ein Geburtstagskuchen. Helen kann den Kuchen im Traum nicht sehen, aber sie weiß, dass er auf dem Küchentresen steht, unmittelbar hinter der Fliegengittertür. Nach all diesen Jahren. Nach allem, was passiert ist. Wie unglaublich, dass es einen Ort gibt, an dem der Geburtstagskuchen deines Kindes immer noch darauf wartet, gegessen zu werden.
Helen schläft bis spät in den Nachmittag hinein. In der Zwischenzeit hat es unablässig geregnet, genau wie es vorhergesagt worden war. Draußen in der Welt ist alles weich und tropfnass. Das Radio läuft immer noch, und es klimpert irgendeine Klaviermusik durchs Haus, als würde es von einer ganz anderen Art von Regen heimgesucht.
Ihre Teetasse fühlt sich kalt an, woran sie in etwa abschätzen kann, wie lange sie geschlafen hat. Manchmal können sich zehn Minuten wie Stunden anfühlen. Aber diesmal ist es nicht so, denn sonst wäre die Tasse immer noch ein bisschen warm.
Vor ein paar Monaten hat Helens Nachmittagsschläfchen sie einmal durch den ganzen restlichen Tag hindurch bis in die Nacht getragen. Pünktlich zu den nüchternen Klängen der BBC-Zehn-Uhr-Nachrichten wachte sie dann wieder auf. Das war sehr ärgerlich gewesen, denn einerseits war es viel zu spät zum Abendessen, und andererseits war sie hellwach. Also war sie gezwungen, so lange Fernsehen zu gucken, bis eine weitere Welle der Müdigkeit sie nach oben in ihr Schlafzimmer trug. Sie erinnert sich noch, wie früher zu einer gewissen Uhrzeit der Sendebetrieb immer eingestellt wurde. Die Leute aus dem Fernsehstudio gingen heim und schlüpften in ihre säuberlich gemachten Betten wie in einen Briefumschlag. Heutzutage liefen die ganze Nacht irgendwelche Sendungen. Eine endlose Schleife aus Stimmen. Selbst, wenn niemand im Studio war oder niemand zu Hause zusah, machte das Fernsehen immer weiter, als sei es darum bemüht, die Leere zu füllen. Doch das Einzige, was es damit erreichte, war, die Leere noch leerer zu machen.
Während Helen dort auf dem Sofa liegt und zusieht, wie ihr Traum sich in Luft auflöst, kommt sie sich plötzlich sehr albern vor. Das, was sie da in ihr Haus hineingeschleppt hat, ist ganz offenbar nichts weiter als Müll. Ein vollkommen verdrecktes Aquarium, das garantiert auch irgendwo noch einen Sprung im Glas hat, mit ein paar Pappschachteln darin, die womöglich nichts weiter enthalten als die tristen, schmutzigen Einzelteile einer Maschine, die sich niemals wieder zusammensetzen lässt.
Aber der Tiefseetaucher … Das ist doch immerhin etwas.
Helen setzt sich auf und betrachtet das Ding. Es ist noch nie vorgekommen, dass etwas so Persönliches auf eine solche Weise zu ihr zurückgekehrt ist. Sie fragt sich, ob es vielleicht etwas damit zu tun haben könnte, dass sie an ihren Geburtsort zurückgekehrt ist. Werden vielleicht bald noch weitere Überbleibsel ihres Lebens an Land gespült?
Den Rest des Nachmittags verbringt sie damit, den Inhalt ihres Kühlschranks nach Farben zu sortieren. Zwischendurch schaut sie sich das Kinderprogramm an, das um vier Uhr beginnt und um halb sechs endet. Danach wird irgendeine Seifenoper gesendet.
Sie schaltet sich durch die einzelnen Kanäle und verfolgt die gekünstelte Dramatik der Sechs-Uhr-Nachrichten, und dann ist es Zeit für eine Gameshow. Danach kommt ein Film – irgendeine Komödie oder ein Drama. Manchmal gibt es auch Sendungen mit Studiopublikum. Die mag sie besonders. Wenn man wie selbstverständlich mit anderen Leuten zusammen lachen kann, dann ist es ein bisschen so, als wäre man mittendrin. Im selben Netz gefangen.
Als die Dämmerung hereinbricht, steht Helen auf und starrt in den Garten hinaus, der auf der Rückseite des Hauses liegt. Der Großteil davon ist mittlerweile zu einer Wildnis verkommen, aber im Spätsommer, wenn der Wind alles durcheinanderwirbelt, kann es dort manchmal noch recht hübsch aussehen. Der Vorgarten wurde schon vor langer Zeit zugepflastert. Das erspart ihr die besorgten oder vorwurfsvollen Blicke der Leute, die zu Fuß an ihrem Haus vorbeigehen.
Freitagsabends isst sie für gewöhnlich eine Tiefkühl-Fleischpastete, die sie im Ofen aufbackt. Auf dem Etikett steht, die Portion sei für zwei Personen gedacht, aber eigentlich reicht sie gerade mal für anderthalb. Helen überlegt kurz, ob sie sich eine Kartoffel dazu kochen soll, aber der Sparschäler ist nicht an seinem üblichen Ort, und als sie ihn endlich gefunden hat, ist die Pastete bereits fertig.
Nach den Neun-Uhr-Nachrichten ist es Zeit, ins Bett zu gehen.
Aber während sie die Treppe nach oben steigt, bleibt Helen plötzlich mitten zwischen zwei Schritten bewegungslos stehen, wie ein Spielzeug, das man vergessen hat, wieder aufzuziehen. Sollte sie noch ein Bad nehmen? Normalerweise geht sie immer dann, wenn sie einen solchen Wunsch verspürt, nach unten und stellt sich zwanzig Minuten lang draußen vor die Terrassentür, damit ihr auch so richtig durch und durch kalt wird.
Aber es ist schon sehr spät. Und es fühlt sich auch so an.
Sie hat unten bereits das Licht ausgeschaltet, und der morgige Tag wird anstrengend werden, denn dann will sie das Aquarium ausräumen. Wenn sie es jetzt nicht bald schafft, sich hinzulegen, wird es ihr so vorkommen, als wären in der Zwischenzeit nur ein paar Sekunden vergangen, wenn sie am nächsten Morgen wieder aufsteht, sich Tee kocht, einen Toast zubereitet und für das bevorstehende Abenteuer Strumpfhosen in Stücke schneidet.
Helen geht weiter die Treppe hinauf. Das Geräusch, das ihre Füße auf den Stufen verursachen, klingt wie ein Grunzen. Sie findet ihr Nachthemd, ohne das Licht einzuschalten, und schlüpft zwischen die kühlen, modrig riechenden Laken. Normalerweise schläft sie auf der Seite, aber wenn sie sehr müde ist, schläft sie auf dem Rücken.
Mitten in der Nacht öffnet Helen die Augen.
Sie weiß nicht, warum sie aufgewacht ist. Reglos verharrt sie im stetigen Auf- und Abschwellen ihres Atems. Vielleicht war es das ja jetzt. Das Finale. Aber dann hört sie unten aus dem Erdgeschoss ein Geräusch.
Sie lauscht angestrengt.
Es ist sehr leise, aber definitiv vorhanden.
Sie bleibt vollkommen bewegungslos liegen, so wie es ihr Sohn David immer gemacht hat, wenn er sich bei ihrer Rückkehr aus der Spätschicht schlafend stellte. Die Augen des Jungen blieben geschlossen, wenn das Licht durch die geöffnete Tür auf die weichen Rundungen seines Gesichts fiel. Aber er wusste, dass seine Mutter da war.
Das Geräusch ist nicht laut, aber hartnäckig.
Dort unten in ihrem Haus in der Westminster Crescent geschieht etwas, das noch niemals zuvor geschehen ist. Ein Einbrecher? Sie weiß, dass die Stadt gerade von einer Einbruchswelle heimgesucht wird. Das stand in der Zeitung. Aber was besitzt sie schon, das es sich zu stehlen lohnt? Alles, was irgendeinen Wert hatte, wurde ihr längst genommen.
Helen schlägt die Bettdecke zurück und schleicht zur offenstehenden Schlafzimmertür. Es fühlt sich gut an, sich zu bewegen und die Angst aus ihrem Kopf hinunter in ihre Gliedmaßen zu schütteln. Mittlerweile hat sie den Eindruck gewonnen, dass die Geräusche mit voller Absicht verursacht werden und dass eine gewisse Intelligenz dahintersteckt. Es sind keine Zweige, die gegen die Terrassentür schlagen, und es ist auch nicht das Tropfen des Wasserhahns in dem kleinen Bad im Erdgeschoss. Es ist ein Klopfen – ein unglaublich zaghaftes, leises Klopfen, als stünde jemand sehr Kleines oder sehr Ängstliches vor der Tür und bäte um Einlass.
Als Helen
