Eine nie vergessene Geschichte - Jan Koneffke - E-Book

Eine nie vergessene Geschichte E-Book

Jan Koneffke

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Beschreibung

»Ein unablässiger Lesegenuss« Günter Grass Felix Kannmacher wächst mit drei Brüdern im Ostseestädtchen Freiwalde auf. Felix’ Vater, ein strenger Schulmeister, verehrt den Philosophen Immanuel Kant, die Mutter wird von wechselnden Stimmungen und bald auch von Wahnideen beherrscht. Der erste Bruder ertrinkt, der zweite veranstaltet Hahnenwettkämpfe, der dritte zieht freiwillig in den beginnenden Krieg. Felix flüchtet sich ins Klavierspiel – immerhin wurde ihm eine Zukunft als Konzertpianist prophezeit. Das Klavier verstummt, als seine Mutter die Saiten als kriegstauglichen Rohstoff zur Sammelstelle bringt. Felix verschenkt sein Herz an Emilie, die Tochter des Apothekers. Doch auf die hat auch sein älterer Bruder ein Auge geworfen. Felix bleibt nur Emilies widerspenstige Schwester Alma. Kurz vor der Doppelhochzeit nimmt er Reißaus ... ›Eine nie vergessene Geschichte‹ entfaltet das Panorama vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Kriegsende und Flucht 1945. Jan Koneffke zeichnet das Bild einer untergegangenen Welt voller Menschen, die an der Geschichte Schaden nehmen – aber auch an ihren eigenen Vorstellungen. Wie sagte Postkutscher Weidemann immer schon: »Es kommt schlimmer, als es bereits ist.«

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Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Felix Kannmacher wächst mit drei Brüdern im Ostseestädtchen Freiwalde auf. Felix' Vater, ein strenger Schulmeister, verehrt den Philosophen Immanuel Kant, die Mutter wird von wechselnden Stimmungen und bald auch von Wahnideen beherrscht. Der erste Bruder ertrinkt, der zweite veranstaltet Hahnenwettkämpfe, der dritte zieht freiwillig in den beginnenden Krieg. Felix flüchtet sich ins Klavierspiel – immerhin wurde ihm eine Zukunft als Konzertpianist prophezeit. Das Klavier verstummt, als seine Mutter die Saiten als kriegstauglichen Rohstoff zur Sammelstelle bringt. Felix verschenkt sein Herz an Emilie, die Tochter des Apothekers. Doch auf die hat auch sein älterer Bruder ein Auge geworfen. Felix bleibt nur Emilies widerspenstige Schwester Alma. Kurz vor der Doppelhochzeit nimmt er Reißaus … »Eine nie vergessene Geschichte« entfaltet das Panorama vom ausgehenden 19.Jahrhundert bis zu Kriegsende und Flucht 1945. Jan Koneffke zeichnet das Bild einer untergegangenen Welt voller Menschen, die an der Geschichte Schaden nehmen – aber auch an ihren eigenen Vorstellungen.    Jan Koneffke wurde 1960 in Darmstadt geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in Berlin und verbrachte nach einem Villa-Massimo-Stipendium sieben Jahre in Rom. Heute lebt er als Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Wien und Bukarest. Er erhielt u.

Jan Koneffke

Eine nie vergessene Geschichte

Roman

Von Jan Koneffke sind im DuMont Buchverlag außerdem als eBook erschienen:

Eine Liebe am Tiber

Abschiedsnovelle

Die sieben Leben des Felix Kannmacher

eBook 2014

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2008 DuMont Buchverlag, Köln

Umschlag: Zero, München

Umschlagabbildung: © Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2011

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8806-1

www.dumont-buchverlag.de

In Erinnerung an meinen Vater Gernot Koneffke (1927–

I

Eine nie vergessene Geschichte

Im August 1968, auf dem Weg zur Beerdigung eines Bekannten, der wie sie von der pommerschen Seenplatte stammte, kamen meine Großeltern bei einem Unfall ums Leben. Ein Mercedes zerquetschte bei Ahrensburg Großvaters Goggomobil mit dem Modellnamen »Limousine«. Aus dem Wrack barg man zwei Leichen, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und einen mit Schleifen versehenen Beerdigungskranz, der keinen Schaden erlitten hatte.

Mitte August fuhren wir nach Lensahn, um Emilie und Ludwig Kannmacher zu bestatten. Beim Leichenschmaus in einer Wirtschaft am Friedhof fing Großtante Alma zu schimpfen an, es sei Großvaters Schuld, wenn sie tot seien, er habe sein Goggomobil ja nicht abstoßen wollen. Erregt schob sie den Teller mit Suppe beiseite. Bis ans Ende der Mahlzeit, von der sie nichts zu sich nahm, schwieg sie uns vorwurfsvoll an. »Sie vertreibt sich den Kummer mit Groll«, meinte Vater, als sich Großmutters Schwester ins Gastwirtschaftsklo verzog. »Man kann es verstehen, sie hatte ein bitteres Leben.«

Ich wollte vom Leben der mageren Großtante nichts wissen. Alma war nicht besonders beliebt bei uns Kindern, meinem Bruder und mir, und sie machte sich nichts aus uns. Kinder waren aufdringlich, fand sie, und vorlaut. Kinder hatten nichts anderes verdient, als mit eiserner Strenge behandelt zu werden. Wenn wir sie mit unseren Eltern besuchten, war Alma begierig darauf, uns bei einem Vergehen zu erwischen, das sie ins Recht setzte. Heimlich nannten wir sie »Krokodil« oder »Drachen«.

Alma blieb auf der Toilette, was niemand bemerkte – das heißt, außer mir, und ich war zu erleichtert, um etwas zu sagen. Ohne von meiner Großtante verwarnt zu werden, konnte ich bei den Obsttorten zuschlagen. Ich verschlang einen halben Rhabarberkuchen. Nebenbei lauschte ich meinem Vater und Tante Helene, die in Kindheitserinnerungen schwelgten. Sie sprachen vom »Sumpf der Kraut-Glawnitz«, von »Alt-Kugelwitz«, »Zizow« und »Schlawe«. Und von »Freiwalde«, versteht sich. »Freiwalde« und wieder »Freiwalde«. Wenn sie von der Heimatstadt redeten, konnte man meinen, sie sei ferner als Mond oder Mars.

»Und unsere Eltern verstanden sich blendend«, sagte Vater zu Schwester Helene, »sie haben sich niemals gestritten, nicht wahr?« – »Nein«, sagte Helene, »sie stritten sich nie.« – »Und sie waren grundverschieden«, fuhr Vater fort, »Mutters Neugier und Lebenslust paßten nicht zu Vaters praktischem Buchhalterwesen. Er mußte sie mit seiner Langmut auffangen.« – »Sie liebten sich«, sagte Helene, »das war es.«

Vater und seine Schwester verfielen ins Schweigen, und ich leckte den Sahnetopf sauber. »Diese Ehe hat keiner von beiden bereut«, sagte Tante Helene, und Vater erwiderte: »Ja. Trotz unseres verschollenen Onkels, von dem man zu Hause nicht sprechen durfte.« Ich vergaß meine Absicht, ein Achtelchen Kirschstreusel auf meinen Teller zu laden. »Warum ist Onkel Felix verschollen?« fragte ich. Vater griff aus Verlegenheit zu seiner leeren Kaffeetasse. »Wissen wir nicht«, sagte er. Er blinzelte Schwester Helene zu, die heftiger nickte, als es notwendig war.

Mein Großvater hatte den kleineren Bruder in seinen Familiengeschichten beharrlich verschwiegen. Ludwig Kannmacher war ein erinnerungsseliger Mensch, der es liebte, von seinem Freiwalde zu sprechen. Er plauderte Lausbubenstreiche aus, die er als halbstarker Junge begangen hatte, und unterhielt uns mit pommerschen Schauerlegenden.

Seinen kleineren Bruder verheimlichte Großvater, es sei denn, er verplapperte sich. Im Schwung eines Schnacks, der sich um eine Kindheitsbegebenheit drehte, in die Bruder Felix verwickelt war, konnte aus heiterem Himmel sein Name fallen. Und wenn wir erfahren wollten: »Felix? Wer war das?«, zuckten Oma Emilie und Großtante Alma zusammen. Großvater Ludwig bekam einen Schluckauf und mit seiner Mitteilsamkeit war es aus. Vater wiederum wollte sich nichts aus der Nase ziehen lassen. »Felix Kannmacher war Pianist«, mehr verriet er nicht.

Vater wandte sich ruckartig an seine Schwester. »Was ist eigentlich mit Alma? Wo steckt sie?« Zum Beunruhigtsein hatten sie allen Anlaß, Almas Stuhl war seit zwanzig Minuten verwaist. »Sie ist auf der Toilette«, versetzte ich schadenfroh. Gleichzeitig sprangen Vater und Schwester Helene auf, um zum Gastwirtschaftsklo zu eilen, das sich im Keller befand.

Ich starrte pappsatt von den Torten- und Obstkuchenresten zum Fenster mit seiner vergilbten Gardine. Es scherte mich nicht, was mit Alma passiert war. Lieber wollte ich mit meinem Bruder spielen, der auf dem sandigen Parkplatz im Sonnenschein mit einem Lederball kickte und dribbelte.

Wir donnerten unseren Ball ans Garagentor, als ein Ambulanzwagen scharf auf den Parkplatz einbog. Staubwolken aufwirbelnd hielt er vorm Gasthof, und es verging keine halbe Minute, bis man eine Bahre ins Freie bugsierte. Almas Gesicht war kalkweiß und verknittert. Sie bewegte zwei Finger und winkte mich zu sich. »Wenn ich sterbe, wirst du an mich denken, nicht wahr?« Ob sie in Sorge war, einer der Menschen zu werden, die in unseren Familiengeschichten nicht vorkamen?

Vor Sonnenuntergang stiegen wir in den blauen VW, einen Firmenwagen von Dr.Oetker, bei dem Vaters Schwager als Puddingvertreter arbeitete. »Alma muß eben im Mittelpunkt stehen«, seufzte Tante Helene vom Beifahrersitz, »und auf Mutters und Vaters Beerdigung konnte sie dummerweise nicht Mittelpunkt sein. Bis zu diesem Zusammenbruch im Klo.«

Ich nickte bald ein auf der Fahrt bis nach Kiel, wo Vaters Schwester und Schwager zu Hause waren. Wer mich schlafen legte, bekam ich nicht mit. Ich versank in dem riesigen Bett mit seiner weichen Matratze wie in einer Wolke.

Tief in der Nacht weckte mich ein Gewitter. Blitze tauchten das Dachbodenzimmer in grelles Weiß, und bei einem Donnerschlag schob ich mich zu meinem Vater. Er kam mit seinem Schnarchen nicht an gegen peitschenden Regen und knatternden Wind. Ich sog seinen Geruch ein, bei dem es mich schauderte, dieses Gemisch aus Zigarrenqualm und saurem Schweiß, und rieb meine Stirn an der stacheligen Wange.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Was tut dir leid?« fragte Vater, der schlagartig wach war. »Es tut mir um Oma und Opa leid«, sagte ich, »wir werden sie nie mehr besuchen.« – »Nein, wir werden sie nie mehr besuchen«, erwiderte er. Er richtete sich mit dem Ellbogen auf. »Willst du nicht mehr schlafen, mein Junge?« Seine schimmernden Augen betrachteten mich. »Ich weiß nicht«, entgegnete ich. Ich wollte Vater zu Oma und Opa befragen und zu meinem verschollenen Großonkel Felix.

Schwer zu sagen, ob Vater erriet, was ich dachte, oder lediglich vorhatte, mich zu beruhigen. Er stieg aus dem Bett, um sich eine Zigarre zu holen. Er knipste das schmalere Ende ab, steckte sie mit einem Streichholz an und setzte sich in einen Sessel beim Dachbodenfenster. Abwechselnd war er ein Schatten mit glutrotem Punkt vor den Lippen oder eine aufzuckende, weiße Gestalt, die mir fremd vorkam, unheimlich. Was mich beschwichtigte, war seine Stimme. Ich erinnere mich bis zum heutigen Tag an sie, diese warme und liebevoll raunende Stimme.

»In unserem Ostseeort lebte ein preußischer Offizier, der im Siebzigerkrieg gegen Frankreich ein Bein verloren hatte. Als bejubelter Held aus der Schlacht um Paris ritt er auf einem Pferd in der Heimatstadt ein. Dieses Pferd war ein starkes Roß, muß es gewesen sein, wenn es einen Karren mit sieben Kanonen zog. Und mit sieben Kanonen im Schlepptau, behauptete man in Freiwalde, tauchte er vor der Stadtmauer auf. Du weißt ja, Freiwalde besaß eine Stadtmauer.«

Vater strich seine hochstehenden Haare glatt. »Was er anfangen wollte mit seinen Kanonen, verriet er nicht. Das bekam man erst spitz, als er sie auf den Steilhang zur Ostsee verfrachten ließ. Sie standen in Reih und Glied nebeneinander, im Abstand von je sieben Metern. Und wenn ein Gewitter vom Meer aufzog oder sich weißlicher Nebel verbreitete, der Freiwaldes Fischer am Auslaufen hinderte, beschoß er mit seinen Kanonen die Wolken.«

»Er schoß auf die Wolken?« versetzte ich staunend. Vater zog an der Zigarre und nickte. »Einbeinig sprang er von einer Kanone zur anderen, und es dauerte keine Minute, bis es wieder vom Steilufer donnerte.« – »Und was passierte, wenn er seine Kugeln zum Himmel schoß?« wollte ich wissen. »Anfangs habe er Unwetterwolken und Nebel vertrieben, behauptete man in Freiwalde, in meiner Kindheit verscheuchte er sie leider nicht mehr. Unsere Scheiben vibrierten bei dem Artilleriefeuer, das er auf dem Steilhang veranstaltete, trotzdem suchten uns Nebel und Unwetter heim.« – »Er war zu alt«, spekulierte ich. »Wer weiß, ob es das war«, erwiderte Vater, »als Kind stieg ich zigfach zum Steilhang hoch, um seine Kanonen von nahem zu betrachten. Und was soll ich dir sagen, ich fand keine. Ich konnte nie eine Kanone entdecken. Und dem einbeinigen Offizier bin ich niemals begegnet.«

Vater, der wieder ins Bett kroch, nahm mich in den Arm. Ich war nicht zufrieden mit seiner Geschichte. »Du hast sie erfunden«, bemerkte ich grollend. »Nein«, sagte Vater, »das habe ich nicht. Und ob sie erfunden ist oder wahr, spielt keine Rolle. In der Zwischenzeit donnert und blitzt es nicht mehr, und mit einer Geschichte im Kopf kann man viel besser einschlafen. Merkst du es nicht?« Ja, ich merkte es. Ich ruckelte mich neben Vater zurecht und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

II  Vernunft und Wahnsinn 1898–

Felix Kannmachers schwere Geburt

Clara Kannmacher hatte es niemals verwunden, die pommersche Hauptstadt verlassen zu haben. Sie litt an dem Leben im Ostseeort namens Freiwalde auf halber Strecke zwischen Stettin und Danzig, wo man nichts fand außer Wasser und Weiden, Herzog Bogislaws halb als Getreidelager, halb als Bewahranstalt dienendes Schloß, eine Luther- und eine Melanchthoneiche, eine gotische Kirche, sechs Storchenpaare und zwei oder drei Ziegeleien. Zwar spuckte der Mittagszug ab Mitte Juni reihenweise Badeurlauber aus, und zu Beginn hatte Clara sich mitreißen lassen von dem zwischen Bahnhof und Strandhotel herrschenden Trubel. Wenn in Weizen- und Rapsfeldern Dampfwolken aufstiegen und eine Lokomotive pfiff, rannte sie aus dem Haus. Leider erwiesen sich die in Freiwalde eintreffenden Familien als muffig und langweilig, mit einer Einheimischen wollten sie sich nicht abgeben. Eitle Rechnungsratsehefrauen, schnatternder Registratoren- und Amtsrichteranhang! Clara verkroch sich beleidigt und voller Groll in der Wohnung am Westlichen Stadtwall, die nie einen Sonnenstrahl abbekam, und zum wimmelnden Badestrand brachten sie keine zehn Pferde!

Nein, Abwechslung hatte der Ort nicht zu bieten. Konzertpianisten und -violinisten nahmen den Danziger Schnellzug, der nicht an jedem pommerschen Wasserturm anhalten konnte. Und in diesen besonders kalten Wintern, wenn Freiwaldes elf Straßen im Schnee versanken, den man zu mannshohen Mauern aufschichtete, und es in der Umgebung zu Wolfsplagen kam, mußte die vom Theater begeisterte Clara auf Dramendarbietungen verzichten – erst in Stolp gab es wieder ein Schauspielhaus. Im Juli konnte sie fahrendes Volk bestaunen, das auf der Bleiche am Wipperufer seine Holzwagen zu einem Kreis aufstellte, Messer warf, Feuer spie, auf einem Seil lief und Moritaten zu Schautafeln sang.

Sie bestellte Romane, paketeweise, um nicht zu vergehen vor Heimweh und in diesem trostlosen Landstrich nicht abzustumpfen, der voller Schauerlegenden war, Gruselgeschichten von schneeweißen Seeadlern, die Federvieh raubten und Zicklein erbeuteten, Hunde zerfleischten und Kinder verschleppten. Oder von den ertrunkenen Fischern und Seeleuten, die sich aus dem Meer in die Wipper verirrt hatten und in der Winterzeit, wenn sie vereist war, mit rollenden Augen und mahlenden Kiefern von unten gegen die Eisdecke preßten, als handele es sich um ein beschlagenes Fenster zwischen der Welt der Verstorbenen und Lebenden. Mit diesen Geschichten im Kopf wagte sie es nicht mehr, sich an Hochsommertagen im Flußwasser auszustrecken, aus Furcht, eine kalte Matrosenhand werde sie in die Tiefe ziehen.

Sie gruselte sich vor dem Schafhirten Pressel, der zwischen gelblichem Hahnenfuß und rotem Ampfer reglos auf seinem Hirtenstock lehnte. Er erinnerte an eine Vogelscheuche mit seinem verkrumpelten Hut und im schmutzigen Schafsfell, das er niemals ablegte. Sein rechtes Auge war milchig und blind. Mit seinem anderen Auge, das umso brennender wirkte, erkannte der Schafhirte Fuchs oder Marder aus drei Kilometern Entfernung. Und was sich seinem lauernden Auge entzog, das witterte er mit der Nase.

Wenn sich die auf den Feldern beim Janckerberg stehende Scheuche schlagartig belebte, den Hut abnahm und auf den Hirtenstock hakte, konnte sich Clara zu Tode erschrecken. Pressel rief sie mit knarrender Stimme zu sich, faltete seine neun Finger vorm Bauch und starrte sie mit seinem brennenden Auge an, als wolle er sie in zwei Teile zerschneiden, um sich im Inneren umzuschauen.

Begegnungen mit Pressel waren Clara verhaßt. Sie gruselte sich vor dem Schafhirten und der in der Nachbarschaft lebenden Korbmacherwitwe, der Hexe und Heilerin Bertha Sims, von der man mit Schaudern behauptete, sie krame in Fischlebern, Kindspech und Wolfsherzen und irre sich nie, wenn sie Feuer und Sturmfluten weissage. Sie grauste sich vor dem Kanonendonner, der bei Nebel und drohenden Gewittern vom Strand kam, wo der einbeinige Offizier aus dem Siebzigerkrieg seine sieben Kanonen abfeuerte, Dunst- oder Unwetterwolken vertrieb. Es gruselte sie vorm verwachsenen Adolph Liebherr, der in St.Marien Organist war und eine vor Gottesfurcht fiebernde Seele besaß. Als sie sich bei diesem Liebherr nach einer Klavierfabrikantenadresse erkundigte – sie war neu in Freiwalde und ahnungslos –, hatte der Mann sie mit Schaum auf den Lippen beschimpft. »Frauen sind zu schwache und schwankende Kreaturen, um Gottes Gesang zu empfangen«, zischte Liebherr und rieb seinen Buckel am Stamm der Melanchthoneiche.

Clara Kannmacher litt an verzehrendem Heimweh und an der Trennung vom Bruder, der Alfred hieß und sich als junger Mann am Stettiner Hafen in schlechte Gesellschaft begeben hatte. Bald war er zwischen Bordellen und Seemannsheimen, Speichern und Anlegestellen zu Hause, wo er als Schmuggler sein Geld verdiente, das er nachts in Kaschemmen verspielte. Als beider Vater an Schwindsucht erkrankt war, Blut hustete und zum Gerippe abmagerte, hatte sich Alfred lieber verfluchen lassen, als seine Lebensgewohnheiten aufzugeben. Sein Elternhaus hatte er nicht mehr betreten. Er habe den Vater als starken, energischen Mann in Erinnerung behalten wollen, rechtfertigte er sich vor seiner Schwester, und das war eine Entschuldigung, die sie beschwichtigt hatte. Als es beim Kartenspiel in einer Hafenspelunke zum Streit kam und er einen Seemann erstach – aus purer Notwehr, beteuerte Alfred –, hielt Clara beharrlich zum Bruder. Im Maschinenraum eines Frachtschiffes hatte er sich dem Arm des Gesetzes entzogen, um erst in der Walfischbay wieder an Land zu gehen.

In Omaruru und Swakopmund zog er rasch einen erfolgreichen Handel auf und belieferte Hamburg mit Wolle und Fellen. Seine Gewinne erlaubten es Alfred, der Schwester gelegentlich Geld anzuweisen, und monatlich schickte er Briefe an sie. Er erging sich in Landschafts- und Klimabeschreibungen, schilderte spannende Jagdabenteuer oder komische Sitten, die er bei Herero-Volk und Hottentotten beobachtet hatte, wenn er nicht vergangene Zeiten beschwor, heitere Kindheits- und Jugendtage, die sie zusammen am Westendsee und in Buchheide verlebt hatten. Er versprach seiner Clara, sie bald zu besuchen, und scherzte, bei dieser Gelegenheit werde er sie aus dem Nest an der Ostsee verschleppen und in sein Haus an der Walfischbay bringen.

Zwar kam er nie zu Besuch und verschob seine Reise von Monat zu Monat – mal war es ein Unwetter, das sie verhinderte, mal war er einem Gorilla begegnet und kurierte eine Gehirnprellung aus. Clara nahm es dem Bruder nicht krumm, den sie um sein aufregendes Leben beneidete. Und was sie an Alfred im Innersten fesselte, das war sein rebellisches Wesen, eine Zielstrebigkeit und Kraft, die sie nicht aufbrachte.

An den Marken mit der »SMS Hohenzollern« auf hoher See konnte man Alfreds Briefe auf Anhieb erkennen, die Clara dem Postkutscher aus seinen Fingern riß, wenn er vor der Hausschwelle hielt. Sie rannte ins Schlafzimmer und verriegelte es von innen, um sie in Ruhe zu lesen. An diesen Tagen war Clara besonders munter, schnappte sich einen Schlitten und eilte zum Schloß, wo sie mit den Kindern vom Hof bis zum Burggraben rodelte, vor einen Baum knallte und in den Schnee plumpste. Wenn es warm war, lief sie mit dem Picknickkorb zum Kolonialwarenladen von Willi Barske, der Schleckereien einpacken mußte, und mit den Jungs an der Hand ging es hoch zum Wald!

Umso beunruhigter war sie, als keine Briefe von Alfred mehr eintrafen und man in der Zeitung vom Herero-Aufstand las. Berlin, hieß es, sei alarmiert und habe schleunigst ein Expeditionskorps entsandt, das Anfang Februar in Swakopmund landete, um Hauptmann Franke zu Hilfe zu eilen, der das von Herero-Rebellen belagerte Okahandja inzwischen befreit und Omaruru entsetzt hatte.

Andauernd hetzte sie in diesen Wochen zum Telegrafenamt, um zu erfahren, ob man keine Nachricht von Alfred erhalten habe. Erst im April traf ein Telegramm ein, das sie wieder ins Gleichgewicht brachte. Und bald folgte seiner Depesche ein Brief, in dem er grausige Dinge vom Aufstand berichtete. Hunderte wehrloser Siedler und Siedlerfrauen seien den Rebellen zum Opfer gefallen.

Um am Herero-Volk Rache zu nehmen, hatte er sich einer Truppe von Freiwilligen angeschlossen, einer Einheit aus Kaufleuten, Handwerkern, Großgrundbesitzern, Verwaltern und Abenteurern. Er kommandierte sie mittlerweile, was er seiner Schußsicherheit verdankte und einer aufsehenerregenden Trefferzahl, die niemand sonst aus der Truppe erreichte. Mit seiner Tapferkeit hatte er sich beim Oberbefehlshaber Lothar von Trotha empfohlen und sein Vertrauen erworben.

Und er versicherte seiner Schwester, es bestehe kein Anlaß, sich Sorgen zu machen, er habe es mit einem Gegner von minderwertiger Rasse zu tun. Diese vom Blutrausch befallenen Tiere seien sprechende Affen mit walnußgroßem Gehirn, das sei wissenschaftlich erwiesen. Man werde sie gnadenlos niederschießen – bissige Hunde erschieße man eben. Moralisch und kriegstechnisch sei man im Vorteil, er rechne mit einer entscheidenden Schlacht im August. Seine Vermutung erwies sich als richtig, und Clara war selig, als sie erfuhr, mit 1500 Mann habe Oberbefehlshaber Lothar von Trotha am Waterberg 40000 Hereros besiegt.

Eine andere Liebe als zu Bruder Alfred verband sie mit dem Ehemann Leopold Kannmacher. Dem war sie im Mai 1896 bei einem Spaziergang zur Hakenterrasse begegnet, zusammen mit Frieda, der Stettiner Tante.

In dieser Zeit hatte Clara den Vater verloren, Alfred lebte am Hafen in einem Versteck, um seine Flucht auf dem Frachtdampfer vorzubereiten, und sie wohnte bei den Verwandten am Quistorpark. Onkel Heinrich, der nicht auf den Pfennig schauen mußte, hatte nichts zu beanstanden an der Idee seiner Frau, der Nichte ein neues Zuhause zu bieten. Tante Frieda bot auf, was sie aufbieten konnte, um Clara auf andere Gedanken zu bringen, mit Fahrten ins Umland und Opernbesuchen, Teestunden und Essenseinladungen. Sie bestellte den Schneider, der Clara neu einkleiden mußte, oder schleppte sie ins Konfektionshaus am Roßmarkt, zu Hutmachern und Juwelieren. Und als sie Clara beim Singen erwischte, gab sie der Nichte Klavierstunden. Trotz aller Anstrengungen schaffte es Frieda aber nicht, sie von der inneren Unruhe zu befreien und von den schwarzen Gedanken, die Clara beherrschten.

Tante Frieda und Leopold Kannmacher waren sich bekannt – er war Hauslehrer bei einem Freund Onkel Heinrichs –, und Frieda, der Claras Verlegenheit auffiel, als sich Leopold Kannmacher vorstellte und einen Kuß auf den Handschuh der Nichte hauchte, zog umgehend Erkundigungen ein. Was sie zu Ohren bekam, klang ermutigend. Er sei pflichtbewußt, ernsthaft und aufmerksam, hieß es, und an seinem Benehmen nichts auszusetzen.

Tante Frieda ließ Kannmacher antreten, um sich zu vergewissern, nichts Falsches erfahren zu haben. Erst nahm er an einer Teestunde teil – und erwies sich als blendender Teekenner, was mit seiner Englandverehrung zusammenhing –, bald durfte er beide beim Ausflug ans Haff begleiten, bis er am Ende im Quistorparkhaus aus und ein ging. Zwar war etwas Linkisches an diesem Mann, und seine politischen Ansichten fand sie befremdend, ansonsten war Frieda mit Kannmacher hochzufrieden. Hingebungsvoll lauschte er der klavierspielenden Clara und machte sich bei Onkel Heinrich beliebt, mit dem er Stunde um Stunde am Billardtisch zubrachte.

Clara verliebte sich in diesen jungen Mann, der sie mit seiner Klugheit beeindruckte und eine Sicherheit ausstrahlte, die sie vermißt hatte. Von Philosophie hatte sie keinen Schimmer, und wenn er wieder von Kants kategorischem Imperativ und vom ewigen Frieden anfing, stellte sie beide Ohren auf Durchzug. Was sie reizte, war Kannmachers Leidenschaft. »Aus diesem wurmstichigen Holz, das sich Menschheit nennt, wird man nie etwas Rechtes schnitzen«, sagte er mit einer Stimme, die seinen inneren Aufruhr verriet. Es waren komplizierte, schwerwiegende Dinge, die Kannmacher in seinem Kopf bewegte, sie hatte nicht den geringsten Zweifel, und beruhigte sich bei dem Gedanken, im Laufe der Zeit werde er sie in diese Geheimnisse einweihen.

Außerdem war er ein auffallender Mann, mit dieser lustigen Tolle aus weißblondem Haar, die in seiner Stirn auf und ab sprang, den lebhaften graublauen Augen, die sich verschleiern und wieder hellwach sein konnten. Wenn Clara sich Kannmacher in einer Uniform vorstellte, schlank, hochgewachsen und breitschultrig, wie er war, stach er alle Offiziere aus, die sie kannte.

Allerdings legte er eine Befangenheit an den Tag, die Clara verunsicherte und verstimmte. Wenn Tante Frieda sie beide allein ließ, um einer Bediensteten Anweisungen zu erteilen oder sich anderen Schmuck anzulegen, nutzte er seine Gelegenheit nie. Steif hockte er in einem Ohrensessel und starrte stur seine Schuhspitzen an. Clara machte vor Aufregung dumme Bemerkungen, die er mit einem Augenbrauenrunzeln erwiderte, einem strengen, abweisenden Augenbrauenrunzeln, und sie verhaspelte sich um so mehr. Das war peinlich und schlimm. Meistens setzte sie sich aus Verlegenheit ans Klavier – es fiel diesem bockigen Menschen nicht ein, sie zu bitten – und spielte, bis Frieda ins Zimmer trat und er seinen Mund wieder aufklappte. Andererseits kam er nie zu Besuch, ohne sie mit einer Kleinigkeit zu beschenken. Als er mitbekam, daß sie Spieluhren liebte, brachte er nichts anderes mehr als Spieldosen mit, die er bei Nachlaßverwaltern und Pfandleihern auftrieb oder bei Nicole Paillard in der Schweiz bestellte.

Im Februar des folgenden Jahres, als er mit Heinrich, dem Onkel und Vormund, beim Billardspiel war, hielt er um Claras Hand an. Er habe sich auf eine Schulmeisterstelle im Landkreis von Schlawe beworben, um seiner Braut einen besseren Hausstand zu bieten, und am gestrigen Mittag die Nachricht erhalten, er sei in Freiwalde willkommen. Onkel Heinrich bedauerte lediglich, seinen Partner beim Billardspiel zu verlieren, und als er sich mit Frieda und Clara beratschlagt hatte, ernannte er Leopold zu seinem Schwiegersohn.

In Onkel Heinrichs zu Trockenheit neigendem Charakter verbarg sich ein sentimentalischer Kern, der bei diesem Ereignis zu schmelzen begann. Er kippte sich Kirschwasser in den Rachen, warf sich dem angehenden Schwiegersohn an den Hals – er war einen Kopf kleiner als Kannmacher – und stellte eine beachtliche Mitgift in Aussicht, zu der er laut Gesetz nicht verpflichtet war, was er wieder und wieder betonte. Und am anderen Tag zog er flink eine Null von der seiner Nichte versprochenen Summe ab.

Anfangs wehrte sich Clara gegen das Heimweh, das sie in Freiwalde befiel. Sie war fest entschlossen, in dieser fremden Welt Fuß zu fassen. Kannmachers Liebe, an der nicht zu zweifeln war, machte sie in der ersten Zeit mutig und heiter. Sie sagte nichts zu der engen, verwinkelten Wohnung, die nie einen Sonnenstrahl abbekam, modrig und feucht und nicht richtig beheizbar war. Von der am Stadtwall verlaufenden Straße her stank es nach verderbenden Fleischresten der Schlachterei und vom winzigen Hinterhof mit seinem Plumpsklo im Bretterhaus zogen Faulgase in alle Zimmer. Bald litt sie an Blutarmut, Husten und Fieber, und Kannmacher holte den Doktor, der dringend eine andere Bleibe empfahl.

Eine andere Wohnung war nicht zu bekommen, monatelang suchte Kannmacher ohne Erfolg, und als er eine beim Schloßgraben auftrieb, kam es zu einem verheerenden Brand. Glockendonner vom Turm der Marienkirche scheuchte sie in einer Februarnacht aus dem Bett. Clara weigerte sich, in der Stube zu bleiben, und sie eilten zusammen zur Langen Straße, wo sich der sternenlose Nachthimmel in eine Walze aus Feuer verwandelt hatte. Schnell bildete sich eine Menschenkette, um aus dem Wipperfluß Wasser zu holen und es in Schapfen zur Spritze zu reichen, Schlachtergesellen, Ziegeleiarbeiter und Hufschmiede wechselten sich an der Pumpe ab – ein Stunde um Stunde andauernder Kampf, der den Flammen nichts anhaben konnte. Bei eisigem Nordwind und schwirrendem Funkenflug sprang das Feuer von Giebel zu Giebel und verheerte drei Dutzend Behausungen.

Es brach erst zusammen, als der Nordwind schlagartig an Kraft verlor. Aus dem blaugrauen Himmel fiel Schnee, fiel auf die schwarzen Skelette der Dachsparren, auf rußige Ziegelsteinmauern und qualmende Schlackehaufen, auf ins Freie gerettete Habseligkeiten, Teppiche, Lehnsessel, Standuhren, Kommoden, auf Holzkarren, Schweine und Federvieh. Clara starrte mit schmerzenden Augen zum Himmel, aus dem es dichter und dichter schneite, bis sich eine weiße und weiche Decke auf den schwarzen Ruinen der Altstadt ausbreitete.

Adolph Liebherr stieg auf einen Spritzenwagen und schmetterte mit seiner Predigerstimme: »Geht in euch! Es ist Gottes Wille gewesen!« – »Sie sollten sich vorsehen, Kindchen, wenn Sie nicht vom Unheil verschlungen werden wollen«, zischte Bertha Sims, die Clara energisch am Arm packte. Von der neuen Wohnung im Schloßgrabenhaus gab es nur noch pechschwarze Außenmauern und einen rauchenden, glosenden Schlund.

Clara fiel es von Monat zu Monat schwerer, sich gegen den Kummer zu wehren, der sie mit sich riß. Und das war um so beklemmender, als sie dem Ehemann nichts vorwerfen konnte. Zwar hatte er etwas Verschlossenes und Strenges an sich, weigerte sich, Promenadenkonzerten zu lauschen oder ins Stolper Theater zu fahren, und Reisen verabscheute er. Lieber verzog er sich in sein Studierzimmer, das er von innen verriegelte, um mit seinen philosophischen Lehrern allein zu sein. Essenseinladungen bei Pfarrer und Amtsrichter haßte er, und wenn man sie zu einem Ball einlud, erkrankte er rechtzeitig an einem Magen- und Darmkatarrh.

Er mochte befremdliche Seiten haben – ein Geizhals und schlechter Mensch war er nicht. Von der Aussteuer hatte er nie einen Pfennig beansprucht. Er verwendete sie, um im pommerschen Lauenburg beim Klavierfabrikanten Fritz Klemm & Konsorten ein Instrument zu besorgen. Von diesem Kauf hatte er seiner Frau nichts verraten, die verdattert ins Erdgeschoß stieg, als man einen Kasten vom Fuhrwerk hob und mit hauruck! und hohei! in den Wohnungsflur wuchtete. Sprachlos schaute sie den Lieferanten zu, die ein schwarzes Klavier aus den Wolldecken wickelten und zwischen Vitrine und Chorpult an die Wand schoben.

Stur hielt er an seiner Gewohnheit fest, Clara mit Spieluhren zu beschenken. Es waren keine beliebige Dosen, die er bei Bremond und Symphonion bestellte. Ausnahmslos spielten sie Melodien, die Clara besonders zu Herzen gingen – ein Gutenachtlied von Brahms, Menuette von Mozart und Bachsche Choralvorspiele. Und von dem Großbrand in Schloßgraben und Langer Straße ließ er sich nicht abschrecken. Er sauste im Schlitten zum Bankhaus von Samuel Schlomow in Schlawe und handelte einen Kredit aus, um zum Verkauf stehendes Land zu erwerben, das sich zwischen Wipper und Bahnhof befand. Leopold Kannmacher wollte ein Haus bauen. Ein modernes Haus sollte das werden, mit fließendem Wasser, Elektrischem und der Toilette im Flur.

Er war selig, als sie einen Sohn bekamen, und bald einen zweiten und dritten, die sie Friedrich, Ludwig und Julius tauften. Anfangs befreiten die Kinder Clara vom Heimweh und der seelischen Anspannung, in der sie lebte. Und warum diese Anspannung wieder auftrat, als sie mit dem vierten Kind schwanger war, das konnte niemand beantworten. Doktor Dehmel war ratlos, als er erfuhr, sie sei sicher, ein Schlangenei auszutragen, und wußte nichts Besseres zu empfehlen als nervliche Schonung und eiserne Bettruhe. Und falls sie dringend frische Luft brauche, sollten es kurze, erholsame Strecken sein, bis zur Forstkasse oder zum Kriegerdenkmal und in ausreichend warmer Bekleidung.

Clara mißachtete Dehmels Empfehlungen. Sie wanderte zwei Kilometer bis Freiwalde-Bad, ließ sich beim Leuchtfeuer Gischt ins Gesicht spritzen, trotzte dem peitschenden Meerwind. Sie schleppte absichtlich schwere Gewichte, holte Kohlen aus dem Keller und Wasser vom Ziehbrunnen, der erst von seiner Eisschicht befreit werden mußte, und erledigte Arbeiten, die sonst Mathilde verrichtete, Kannmachers Hausangestellte.

Sie lief mit den Kindern zum Buckower See, um auf der Eisdecke Schlittschuh zu fahren, rutschte aus und verlor das Bewußtsein. Aus Zufall entdeckte sie Postkutscher Weidemann, als er vom Damkerort kam. Halb erfroren, umringt von den flennenden Kindern, lag sie auf dem flirrenden Eis in einer um Becken und Schenkel ausfransenden Blutlache. Doktor Dehmel beklopfte beruhigend Kannmachers Schulter. »Von einer Fehlgeburt kann keine Rede sein. Und trotz des Blutverlusts wird sie sich wieder berappeln.«

In den kommenden Monaten hockte sie vorm Klavier, mit nackten Beinen, in Nachthemd und Schlafrock, ohne dem Instrument einen Klang zu entlocken. Sie war nicht ansprechbar, wirkte versteinert und konnte schlagartig fuchsteufelswild werden. Clara fauchte Mathilde an, die eine Wolldecke brachte, warnte Ludwig und Julius mit einem Zischen, wenn sie um Sessel und Kanapee Fangen spielten – oder ein Ohr ans Klavier legten, das sich nicht muckste –, und betrachtete Kannmacher widerwillig, der sich am Ofen zu schaffen machte und sie eindringlich bat, sich ins Bett zu legen. Sie schwieg, und vor Claras bedrohlichen Stirnfalten verzog er sich lieber ins Treppenhaus. Sie war reizbarer, als er es jemals erlebt hatte, und zu den Kindern benahm sie sich kalt, als seien es patzige Nachbarschaftsbengel.

Clara war nicht zur Vernunft zu bringen. Als Anfang Juni ein Unwetter losbrach, schlich sie sich, unbemerkt von den anderen, ins Freie. Es regnete Strippen, es hagelte Taubeneier, und in der Wipper, die zu einem reißenden Fluß anschwoll, trieben ertrunkene Tiere zum Meer.

Als Kannmacher in Claras Schlafzimmer trat und es leer vorfand, sprang er ins Erdgeschoß, schnappte sich eine Laterne und rannte zu Dehmel, der sich seinen Mantel umwarf. Auf den Wiesen vorm Steintor erkannten sie Pressel, der auf dem Hirtenstock lehnte und sich nicht bewegte, im Kreis seiner zitternden Herde. Blitze zappelten um seinen triefenden Hut, schlugen in den Boden ein, schleuderten Erde hoch, ohne daß eins seiner Tiere zu Schaden kam, und tauchten den Hirten in gleißendes Weiß. Das nutzte er, um seinen Arm auszustrecken und zum Friedhof am Kopfberg zu zeigen.

Clara kauerte in einer Bank der St.Gertruds-Kapelle, frierend, pitschnaß und mit glasigen Augen. Beruhigend redete Kannmacher auf sie ein und streichelte mit einer Hand Claras Kugelbauch, in dem es boxte und strampelte.

Und in der Julinacht, als sie vor Schmerzen aufschrie und dieses Wimmern und Keuchen nicht enden wollte, stapfte Schulmeister Leopold Kannmacher Stunde um Stunde vorm Schlafzimmer auf und ab und schickte Gebete zum Himmel – er, der einen Herrgott nicht anerkannte, bestimmt keinen, der rettend ins Weltgeschehen eingriff.

Erst bei Sonnenaufgang durfte er eintreten. Benommen starrte er vom besudelten Bett und dem verschwitzten, kalkweißen Gesicht seiner Clara zur eisernen Zange, die Dehmel im Waschbottich reinigte, von der Zange zur Hebamme, die in der Ecke ein Kind an den Beinen hochhielt, einen verschmierten und zappelnden Menschenwurm – und keine sich windende, glitschige Schlange –, den er von allen Seiten betrachtete. Das Balg hatte keine sechs Finger an einer Hand, keine Lippen- und Kiefern- und Gaumenspalten, keinen verklumpten Fuß und kein verwachsenes Skelett. Es war ein vollkommen normales Kind, das es verdient hatte, Felix zu heißen, und Kannmacher nannte es Felix.

Um den Kleinen zu stillen, war Clara zu schwach. Und das Kind in den Arm zu nehmen, lehnte sie ab. Kannmacher mußte sich mit einer Amme behelfen und entfernte das Kinderbett aus Claras Schlafzimmer, als sie es beharrlich verlangte. Sechs Wochen vergingen, bis sie sich von der schweren Entbindung erholt hatte und wieder aufstehen konnte.

Bald schickte er sie auf Empfehlung des Doktors zu den Stettiner Verwandten ins Quistorparkhaus, wo sie vier Wochen verbringen sollte und am Ende vier Monate blieb. Kannmacher beschwerte sich nicht. Und war um so erleichterter, als sie nach Hause kam und er an seiner Clara von Schwermut und seelischer Anspannung nichts mehr bemerkte. Sie eilte als erstes ans Kinderbett und betrachtete Felix, halb scheu und halb selig, zog eine Spieldose auf und hielt sie an sein Ohr, das Bachsche Choralvorspiel summte sie mit – den Schlangeneialptraum der Schwangerschaftszeit schien sie vollkommen vergessen zu haben.

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