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Berührendes, Kurioses, Wissenschaftliches, Persönliches, Verbindendes rund um unser aller Leidenschaft - das Lesen.
Es gibt Bücher, an denen man wächst und solche, an denen man scheitert. Bücher, die einen begeistern, gefangen nehmen, nicht mehr loslassen. Die einen empören, verstören, überfordern, zum Lachen oder zum Weinen bringen. Bestsellerautorin Meike Winnemuth ist zurück und widmet sich nach Weltreise und Garten einer weiteren Passion: dem Lesen. Von Seneca über Tolstoi zu Virginia Woolf und Sally Rooney, von der Bibel bis Fourth Wing liest sie einen Sommer lang alles, was ihr in die Finger kommt. Erfreut sich an Selbstversuchen, trifft andere Leseverrückte, unternimmt Ausflüge in die weite Welt der Literatur. Und findet dabei, was sie nicht gesucht hat. Befindet: Lesen macht das Leben eine Nummer größer. Es schenkt Verbundenheit über alle Grenzen hinweg. Und doch lesen zwei Menschen nie dasselbe Buch.
Wunderschön und liebevoll ausgestattet mit tollen Illustrationen im Innenteil. Ein Buch zum Selbstschmökern und (Wieder-)Entdecken, zum Träumen und Verschenken!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2026
Meike Winnemuth lebt in Lübeck und an der Ostsee. Als Autorin für Stern, GEO, SZ Magazin und andere Zeitschriften sowie im Netz erschrieb sie sich eine große und begeisterte Anhängerschaft. Ihre Bücher Das große Los, Bin im Garten und Um es kurz zu machen hielten sich viele Wochen auf der Bestsellerliste.
www.meikewinnemuth.de
Instagram: @winnemuth
Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr
Bin im Garten. Ein Jahr wachsen und wachsen lassen
Um es kurz zu machen. Über das unverschämte Glück, auf der Welt zu sein
www.penguin-verlag.de
Meike Winnemuth
Warum Lesen uns so glücklich macht
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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
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Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: © Carol Marine
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-34174-9V002
www.penguin-verlag.de
Für Gisela
Ein Sommer voller Bücher
Mai
Ich lese was, was du nicht liest
Juni
Ich bin dann mal weg
Juli
Vom Ende der Einsamkeit
August
Die unendliche Geschichte
September
Wer nicht lesen will, muss hören
Oktober
Das Regal der träumenden Bücher
Was vom Lesen übrig bleibt
Noch mehr übers Lesen lesen? Bitte schön!
Was passiert mir beim Lesen? Wieso macht mich das so froh? Wozu ist das überhaupt gut? Warum habe ich so viele ungelesene Bücher? Und andere Fragen, die ich mir in den nächsten Monaten zu beantworten versuche
Im Flur meiner Lübecker Wohnung steht ein raumhohes Bücherregal, gegenüber eine zwei Meter lange Eichenbank. Sie nimmt meine Taschen und Tüten in Empfang, stapelt Zeitungen für die Papiertonne, Pakete für die Nachbarn und Briefe, die noch frankiert werden müssen – und sie ist einer meiner liebsten Leseplätze. Beim Schuhanziehen im Sitzen (denn ich bin alt, und dafür hat man Bänke) fällt mein Blick auf die Bücher gegenüber, und fast immer guckt ein Buch zurück. Es möchte dringend in die Hand genommen und irgendwo aufgeschlagen werden, um mir ein paar Zeilen mit auf den Weg zu geben. Das kann ein Dessert-Kochbuch von 1929 sein (»Es gibt nur zehn Minuten im Leben einer Birne, in denen sie perfekt zum Essen ist«). Oder eine der Kürzestgeschichten von Lydia Davis. Oder Dantes Göttliche Komödie, vielleicht die Passage, in der Francesca da Rimini und Paolo Malatesta erzählen, wie sie sich bei der gemeinsamen Lektüre der Geschichte von Lancelot und Guinevere verliebten und von Francescas Ehemann, Paolos hässlichem Bruder, per Schwert direkt in den zweiten Höllenkreis befördert wurden – eine Warnung unter so vielen in der Weltliteratur, dass Lesen lebensgefährlich sein kann.
Oft sind es nur eine oder zwei Seiten, die ich da auf der Bank lese, das Buch irgendwo zufällig geöffnet, wie der große Übersetzer Hans Stilett es besonders für unlesbare Wälzer wie Montaignes Essais empfiehlt: »Aufschlagen. Und wenn einem die Stelle gefällt, weiterlesen. Sei es nach vorn oder nach hinten. Nicht systematisch lesen. Montaigne ist ein erklärter Gegner jeder Systematik. Wenn einem eine Sache nicht gefällt, weiterblättern, vorwärts oder rückwärts. Das ist mein ganz praktischer Ratschlag.«
Welches Buch mir auch immer in die Hände fällt: Wir beide halten einen kleinen Schwatz, ich schon halb im Mantel, während das Buch, mit einem Glas an der Theke lehnend, mich bequatscht, doch noch auf einen Drink zu bleiben. Und wenn ich keine Verabredung da draußen habe, sondern nur auf dem Weg zur Post bin oder zum Supermarkt, gebe ich immer nach. Ach komm, was soll’s: nur einen Schluck. In der Regel stelle ich das Buch nach ein paar Minuten wieder zurück an seinen Platz, manchmal aber trage ich es ins Wohnzimmer und lege es auf einen der vielen Stapel rund um meinen Lesesessel – Stapel mit unsichtbaren Etiketten: Derzeit, Demnächst, Irgendwann. Und gelegentlich, wenn es ein Reclam-Bändchen oder ähnlich Dünnes ist, stecke ich es auch in die Manteltasche, man weiß ja nie.
Heute ist es Hildegard Knefs Autobiografie Der geschenkte Gaul von 1970, ein Fundstück aus einer »Zu verschenken«-Kiste. »17. Auflage, 631.–830. Tausend«, steht vorn drin: damals der Bestseller eines Weltstars, heute immer noch ein mitreißend gut geschriebenes Buch, das ich noch nie von vorn bis hinten gelesen habe. Muss ich ja auch nicht. Ich schlage irgendwo auf:
Else Bongers wartet in meinem Zimmer. Sie sitzt ruhig und raucht. Ich stürze auf sie zu. Mein Wortschwall reißt nicht ab. »Setz dich. Atme durch, atme aus«, sagt sie. Die Tür wird aufgerissen, Agenten und Verleihangestellte sprudeln Ekstatisches. »Nun wirf mal alle hinaus. Ich habe mit dir zu reden.« In die plötzliche Stille klickt das Feuerzeug. Sie sieht mich an, wie man ein Foto ansieht. »So geht es nicht weiter«, sagt sie, »du bist verhuscht, verändert, du mußt dich wieder besinnen, wer du bist.« Die Stimme ist matt, belegt, die Blitzeblauen traurig. »Seit wann bist du nett?« fragt sie, peitscht mir das »nett« um die Ohren. Da ist sie wieder, die Aggressive, Klare. »Seit wann bist du verbindlich? Wird jeder, der durch diese Tür kommt, unterhalten und verköstigt? Seit wann beeindruckt dich Wohlwollen oder Tadel? Was ist geschehen?« Sie geht am Bett vorbei, die funzlige Nachttischlampe beleuchtet ihr Gesicht. Es ist mager. Nachkriegsgesicht zwischen Wohlstandsbacken.
Schnell gucke ich auf Wikipedia nach, wer Else Bongers war. 1901 in Dessau geboren, Tochter eines Holzhändlers, studierte Ausdruckstanz in Dessau, ihr Bruder hat nach dem Krieg die Lufthansa neu gegründet. Heiratete einen Architekten, der nach China emigrierte, Fernscheidung 1940. Besetzungschefin der UFA, später Schauspiellehrerin. Schüler unter anderen: Hildegard Knef, Götz George, Ulrich Matthes, Hugo Egon Balder.
Doll. Else Bongers: Schön, Sie kennenzulernen. Wäre mein Leben ärmer, wenn ich nie von Ihnen gehört hätte? Natürlich nicht, aber jetzt ist es reicher.
Und Hilde: Wieder mal super, danke. »Nachkriegsgesicht zwischen Wohlstandsbacken.«
~
Würde man mir eine Pistole auf die Brust setzen und verlangen, dass ich in einem Satz den Sinn des Lesens erkläre, würde ich sagen: Finden, was man nicht gesucht hat. Und dadurch das Leben eine Nummer größer machen. Ob auf zwei Seiten oder auf tausend: Selbst das schlimmste, dümmste Buch hat irgendwo ein Osterei für mich versteckt, ein kleines oder großes. Vielleicht einen neuen Gedanken, vielleicht einen neuen Blick, vielleicht die Erinnerung an etwas, das ich schon mal gewusst habe. Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn, sagt Jorge Luis Borges. Ich würde hinzufügen: und Fühlen mit fremdem Herzen. Das ungesucht Gefundene ist dabei so viel befriedigender als jedes Gesuchte: diese jäh aufblitzenden Momente des Verstehens und Verstandenwerdens, des Verbundenseins mit bis eben noch unbekannten Menschen über alle Grenzen hinweg, räumlich wie zeitlich.
Nach solchen Momenten bin ich süchtig, und wie alle Abhängigen sorge ich dafür, stets genug Stoff im Haus zu haben. Gelegentlich kommt jemand zu Besuch, der mich noch nicht so gut kennt und angesichts der Bücher fragt: »Hast du die alle gelesen?« Nein, natürlich nicht, sonst stünden sie ja nicht hier. Regale sind für mich keine Möbel zur Unterbringung von Gelesenem. Ich würde schätzen: Neun von zehn meiner Bücher kenne ich noch nicht. Viele davon hatte ich nur ein Mal in der Hand: als ich sie ins Regal stellte in der festen Überzeugung, dass ihre Zeit irgendwann kommen würde. Montaigne, der ja sowieso schon alles gedacht hat, was man so denken kann, hat das bereits 1580 beschrieben: »Ich genieße sie [die Bücher] so, wie ein Geizhals seine Schätze genießt: Die Gewissheit, sie genießen zu können, wann es mir beliebt, reicht mir, und meine Seele gibt sich mit diesem Verfügungsrecht vollauf zufrieden.«
Das Regal ist für mich ein Ort der Möglichkeiten, der Einladungen und Verheißungen. Die Bücher sind Konjunktive: Ich könnte, ich dürfte, jederzeit. Andere Menschen haben Kleiderschränke voller Klamotten, die sie nie anziehen (aber irgendwann vielleicht doch), ich habe Regalbretter voller Bücher, die ich möglicherweise nie lesen werde – aber irgendwann vielleicht doch. Dass ich jederzeit beginnen könnte, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder die Kassette mit den zehn vergilbten Krimis von Sjöwall/Wahlöö zu lesen, fühlt sich für mich so wohlig an, als ob zu allen Tages- und Nachtzeiten ein Topf warmer Grießbrei in der Küche stünde, direkt neben einer Schüssel roter Grütze, einer Panna cotta und einem Blech Zimtschnecken mit in Ahornsirup eingelegten Walnüssen, nur mal so als Beispiel. Das ist alles nie und nimmer zu schaffen, aber das ist ja auch überhaupt nicht der Punkt.
~
Neben mir auf der Bank türmt sich ein weiterer Stapel, der mit den frisch hinzugekommenen Büchern, gerade von einem Antiquariat geschickt oder aus einer Buchhandlung heimgeschleppt oder im Büchertauschschrank drei Straßen weiter entdeckt, wohin auch ich meine gelesenen Exemplare meist verklappe, ich brauche den Platz.
Die Neulinge bleiben immer ein bisschen im Flur zur Akklimatisation, beim Schuhanziehen blättere ich in ihnen, überlege, wie es jetzt für sie weitergeht. Die Japaner, die für alles Wichtige im Leben einen eigenen Ausdruck haben, nennen das Anhäufen von Büchern, die man vielleicht nie zu lesen schafft, tsundoku, interessanterweise ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert, nicht aus unserer konsumistischen Zeit. Es gibt viele Erklärungsversuche für dieses Phänomen: unstillbare Neugier, kulturelle fear of missing out, Sicherheits- und Sammeltrieb. Nüchtern betrachtet ist es banale Kaufsucht, nur halt mit Einsersternchen – zu viele Bücher scheinen nicht so schlimm zu sein wie zu viele Schuhe, aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Für mich ist das lustvolle Aus-dem-Ruder-Laufen meiner Buchleidenschaft hochvernünftig: Lebensversicherung durch Rücklagenbildung. Irgendwann werde ich den Turgenew garantiert lesen, und in zehn Jahren wird das schöne Hardcover mit dem Lesebändchen inflationsbedingt das Doppelte kosten, also …
In diesem Buch soll es um die vielen, viel zu vielen Bücher in meinem und dem Leben anderer gehen, um die Versprechen neuer Welten und Erfahrungen. Es wird um Freiheit und Zweckfreiheit gehen, um Überraschung und Überforderung. Um Bücher, an die ich hohe Erwartungen geknüpft hatte, und solche, von denen ich vorher nie geahnt hätte, wie sehr ich sie brauche. Was passiert mir beim Lesen? Wieso macht mich das so froh? Wozu ist das überhaupt gut? Schließlich ist das Lesen »eine Tätigkeit, die sehr viel Zeit verschlingt und eigentlich doch nichts sehr Greifbares hinterlässt«, wie Virginia Woolf sehr richtig bemerkte.
Es soll eine Liebeserklärung werden, ich möchte mir meine Liebe erklären und ihr auf die Schliche kommen. Ich möchte mir einen Sommer lang beim Lesen auf die Finger gucken, bei den kleinen Ausflügen und großen Expeditionen, auf die mich die Bücher mitnehmen. Wohin die Reise führt, weiß ich noch nicht. Ich ahne: mindestens auf einen Zwischenstopp bei Thomas Mann und Virginia Woolf, weil an denen wegen runder Jubiläen kein Weg vorbeiführt. Und weil ich sie auch in jedem anderen Jahr liebe. Ich sag’s nur schon mal, nicht dass sich hinterher jemand beschwert.
Aber ich werde auch sonst alles lesen, was mir in die Finger fällt. Bestsellerlistenschmöker, Die drei ???, Romantasy mit tonnenweise tropes, japanische Krimis – ein Ozean an Optionen. Manchmal werde ich ein bisschen unter der Oberfläche schnorcheln, manchmal zum Meeresboden tauchen, immer aber mich treiben lassen. Auf jeden Fall ist der Plan: der Welt abhandenkommen. Nicht zur Verfügung stehen. Ein paar köstlich warme Monate nur mir selbst folgen und den vielen Fährten, die die Bücher für mich gelegt haben.
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Über Lesen unter der Bettdecke, Bücher gegen Liebeskummer, Eselsohren, Lese-Challenges, einen Vormittag in der Schülerbibliothek, Dua Lipas Buchgeschmack und die ewige Frage, warum man nie das richtige Buch eingepackt hat
Ich habe, wie vermutlich die meisten, eine lückenhafte Lesebiografie. Als Kind: rauschhaft, sobald ich es gelernt hatte. Märchen, Comics, Lindgren, Hanni und Nanni, Fünf Freunde, das ganze Programm rauf und runter. Schülerbibliothek: leer gelesen. Stadtbücherei: auch. Den Mitgliedsausweis hatte ich noch vor dem Seepferdchen-Abzeichen, er hat mich über Wasser gehalten all die öden Einzelkindnachmittage. Taschenlampe unter der Bettdecke. Kind, du verdirbst dir die Augen.
Als Teenager süchtig nach den schwarz-gelben Diogenes-Krimis, Highsmith, Chandler, Ambler. Ambrose Bierce, Edgar Allen Poe. Genauso süchtig deutsche und englische Literatur studiert – mir fiel nichts Besseres ein, was sollte es auch Besseres geben? Als studentische Hilfskraft in der Seminarbibliothek gearbeitet – noch mehr Bücher. Als ich eines Abends nach Hause kam, konnte ich die Wohnungstür nicht öffnen: Das Buchregal, auch damals schon aus Platzgründen im Flur, war wegen Überlastung von der Wand gebrochen, die Bücher am Boden, ich auch, heulend. Nicht wegen der Aufräumarbeit, die jetzt auf mich zukam, sondern weil die lieben Kleinen zu Schaden gekommen waren.
Und dann … hörte es irgendwie auf, ich kann es mir bis heute nicht erklären. Ich begann zu schreiben, ich hörte auf zu lesen. Bisschen noch, klar, im Urlaub, auch mal abends im Bett. Aber die Sucht war futsch. Damals zitierte ich gern den mauen Journalistenwitz »Das bisschen, was ich lese, schreibe ich mir selbst«. Hatte sogar leise Verachtung für Leute, die auf die Frage nach ihrem Hobby mit »Lesen« antworten. Die Armen. Sonst nicht viel los im Leben, was? Ich interviewte, schrieb, traf mich mit Freunden, ging ins Kino, ging zu Konzerten, ging auf Reisen, ging in einer intensiven Beziehung auf – das Leben fand woanders statt als zwischen zwei Buchdeckeln.
Diese atemlose Rushhour des Lebens endete mit Mitte vierzig in einer quietschenden Vollbremsung. Ich stand plötzlich da, Job weg, Kerl weg, und guckte um mich. Durchatmen. Leben sortieren. Neu anfangen. Und da traten sie ganz leise zurück in mein Leben, die so lange geduldig in den Kulissen gewartet hatten: Bücher. Joan Didions DasJahr magischen Denkens, das sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes geschrieben hat, linderte meinen Liebeskummer. Ich fühlte mich gemeint von dem Buch; Didion, selbst wund, reichte mir tröstend die Hand, wir litten gemeinsam unter einem großen Verlust. Marlen Haushofers Roman Die Wand erzählte mir von Einsamkeit und Resilienz, vom Ertragen einer unerträglichen Situation, und Jane Eyre davon, dass Liebe zwar im Prinzip eine schöne Sache ist, aber oft einfach nur elend anstrengend. Und die Gefährlichen Liebschaften von Choderlos de Laclos! Ah, was für ein bitterböses, herrlich zynisches Buch über die Liebe als Schlachtfeld, ein Puppentheater an den Fäden perfider Manipulation! Gleich ging es mir besser.
Es ist jetzt zwanzig Jahre her, dass ich reumütig heimgekehrt bin in die Gemeinschaft der Lesenden, die verlorene Tochter, der gleich ein Festmahl bereitet wurde. Längst lese ich nicht mehr wie damals noch um meinen eigenen Bauchnabel herum. Im Gegenteil: Je weiter weg von meinen Erfahrungen und dem, was ich zu wissen glaube, desto besser. Beim Lesen werde ich zur Zeitreisenden und zur Weltenbummlerin. Gerade habe ich einen Roman aus Timor gelesen (Die Leute von Oetimu) und einen des Sudanesen Abdelaziz Baraka Sakin, dann die grandiose Kurzgeschichtensammlung Starke Meinung zu brennenden Themen des Israeli Etgar Keret und den rasant komischen Roman Die sieben Monde des Maali Almeida des Sri-Lankers Shehan Karunatilaka. (Ich würde mal schätzen, ein schwuler Kriegsfotograf, frisch umgebracht im Bürgerkrieg und jetzt von der himmlischen Einwanderungsbehörde beauftragt, binnen sieben Tagen den eigenen Tod aufzuklären, an den er sich blöderweise nicht erinnern kann, ist so weit weg von meinem Leben wie nur irgendwas.)
All das ist kein Eskapismus, im Gegenteil. Und selbst wenn: Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind Gefängniswärter, wie Neil Gaiman schrieb. Lesend laufe ich nicht weg vor der Realität, ich renne auf sie zu. Aber man muss gar nicht groß um den Globus herum lesen, um neue Welten zu entdecken: Dinçer Güçyeter und Sasha Marianna Salzmann schreiben von meinem eigenen Land, das mir plötzlich wildfremd ist.
Einiges davon, muss ich gestehen, hätte ich freiwillig nie in die Hand genommen. Ich bin in gleich zwei Buchclubs, in Hamburg und Lübeck, und lasse mich liebend gern nötigen zu »Och nö«-Büchern, die wir gemeinsam lesen. Wenn auch oft maulend, zuletzt bei Das Schweigen meines Vaters von Mauricio Rosencof: Och nö, ein autofiktionaler Roman über einen Schriftsteller, der elf Jahre von der uruguayischen Militärdiktatur in Einzelhaft gepfercht war und dessen polnische Familie eine Generation zuvor von den Nazis ermordet wurde? Muss nicht sein, echt nicht, wirklich nicht. Und dann doch, Gott sei Dank. Oft muss man zu seinem Glück gezwungen werden, denn Glück macht manchmal Arbeit.
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Andererseits passiert es immer wieder, dass ein Buch von sich aus in mein Leben eingreift. Der Lübecker Buchclub liest Eigentum von Wolf Haas. Haas schreibt über die letzten Tage seiner 95-jährigen dementen Mutter, deren Lebensmotto »Sparen, sparen, sparen« war und die zeitlebens von einem Eigenheim geträumt hatte, zu dem es aber nie reichte. Bis sie es am Ende auf 1,7 Quadratmetern auf dem Friedhof fand.
Der Tonfall ist typisch Haas. Lakonisch, melancholisch, plus eine Prise jener Bösartigkeit, mit der Österreicher so gern ihre Weichteile schützen. Er will das jetzt alles wegschreiben, dieses Mutterleben, »bis zum Begräbnis bin ich fertig, und dann bin ich es los, die Erinnerung und alles. Ein schneller Text. Und weg damit. Ein Text, der davon lebt, dass er mit dem Tod um die Wette rennt (nur noch zwei Tage). Keine Zeit für Formulierungen. Oder Selbstzensur.«
Es ist eines der Bücher, merken wir schnell, die man nicht besprechen kann, ohne von sich selbst zu reden. Von unseren Müttern und Vätern. Von dem, was wichtig war, und dem, was bleibt.
Meine Mutter ist vor fünf Monaten gestorben. Was von ihr geblieben ist, sehe ich jeden Tag, wenn ich auf meiner Flurbank sitze und in die Ecke blicke: eine blaue Ikea-Tasche voller Fotos, die ich aus ihrem Wohnheim mitgenommen habe. Sonst nichts, nur eine kleine Meißner Porzellanschale und diese Bilder, die jetzt seit fast einem halben Jahr im Flur neben meinem Buchregal darauf warten, dass ich sie endlich anschaue.
In den vergangenen Jahren lagen die Fotos wild durcheinander in einem Polsterhocker mit Stauraum unter der Sitzfläche. Er stand zwischen dem Fernseher und dem Sofa, auf dem meine Mutter während ihrer letzten Monate regungslos saß, sie wollte nirgendwo mehr hin. Immer mal wieder klappte ich den Hocker auf und wir guckten Fotos, Schwarz-Weiß-Bilder mit gezacktem Rand neben Abzügen, die mein Vater auf dem Farbdrucker produziert hatte. Ich zwang mich zu Interesse, ihr zuliebe. In Wirklichkeit glaube ich, sie betrachtete die Bilder nur meinetwegen, Lust hatte sie auch dazu am Ende nicht mehr so recht.
Nach dem Buchclub gehe ich nach Hause, greife mir im Vorbeigehen die Tasche und eine Flasche Rotwein aus dem Regal und kippe die Bilder auf den Teppich. Ich kann sie nicht alle behalten, aber welche suche ich aus? Ein paar Urlaubsbilder aus Italien, meine Eltern albern verliebt am Strand herum, meine Mutter turnt auf dem Badetuch einen Pflug im pinkfarbenen Bikini. Mein Vater mit winzigem Karnevalshütchen schräg auf dem Kopf. Die Silberhochzeit, mit Hammondorgel-Trio im Hintergrund. Eine Dorfschulklasse aus den Dreißigerjahren, ich erkenne meinen Vater erst nach langem Suchen. Ein tunesischer Schlangenbeschwörer, der meine Mutter mit der Linken umarmt, in der Rechten eine Puffotter, Schlange wie Mutter sehen nicht begeistert aus.
Schade, denke ich, dass damals nur in Ausnahmesituationen fotografiert wurde: im Urlaub, bei Feiern. Nie der Alltag, nie das eigentliche Leben. Als ob es sich nicht lohnen würde, die Normalität festzuhalten. Andererseits klar: keine Handys, keine Selfies, keine Tellerfotos, 24 kostbare Belichtungen auf einem Kodak-Film. Ich finde ein Bild meiner Großmutter vor dem Kaninchenstall, sie ist tot seit vierzig Jahren, und lege es zu den wenigen ausgewählten.
»Wer ist denn das hier?«, hatte ich oft gefragt beim Fotogucken. »Und wo war das?« Meine Mutter hatte meist nur hilflos die Achseln gezuckt. Keine Ahnung. Vergessen. Und so suche ich aus dem Haufen heraus, was mir wichtig erscheint oder schön. Einige der abgebildeten Freunde kannte ich seit meiner Kindheit, keiner ist mehr am Leben. In dreißig, fünfzig Jahren wird es niemanden mehr geben, der die Leute auf diesen Fotos identifizieren kann. Du stirbst immer zweimal, heißt es: das erste Mal physisch, das zweite Mal, wenn jemand zum letzten Mal deinen Namen sagt.
Im Buch von Wolf Haas gibt es eine Stelle, die mich heute endlich zu der Ikea-Tasche hat greifen lassen.
In meinem Hirn sind die Erinnerungen meiner Mutter abgespeichert, die bei ihr nicht mehr besonders deutlich vorhanden sind. Mit einem unsichtbaren Durchschlagpapier haben ihre Erinnerungen sich auf mein Hirn durchgedrückt. Irgendwas daran ärgert mich. Bin ich auf die Welt gekommen, um die externe Festplatte meiner Mutter zu sein? Mein Bruder ist ein genialer Vergesser. »Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern«, staunt er, wenn ich ihm irgendeine Kleinigkeit erzähle. Nur manchmal aus heiterem Himmel erzählt er mir irgendeine Kleinigkeit, und ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern. Die Sachen, die weder ihm noch mir in Erinnerung sind, verbinden uns jetzt auf ewig mit unserer Mutter, die sich ebenfalls nicht mehr erinnern kann.
Zuletzt, es ist schon mitten in der Nacht und der Rotwein fast leer, fische ich aus dem Haufen noch eine handgeschriebene Restaurantrechnung aus Venedig. Al graspo de ua, Zur Weintraube, nahe der Rialtobrücke. 33 450 Lire, siebzehn Euro für drei Gänge, eine Flasche Wein und zwei coperti, wenn ich es richtig entziffere. Die Rechnung behalte ich, es war bestimmt ein schöner Abend für die beiden.
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Aber wenn ich es recht bedenke, führt vielleicht jedes Buch auf die eine oder andere Weise immer wieder zur selben Hauptfigur zurück: zu derjenigen, die es lesend in der Hand hält. Jedes Buch löst einen Vergleichsreflex aus: Ich auch. Ich nicht. Ich ganz anders, ich so ähnlich. »Jeder Leser ist, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst«, schreibt Marcel Proust in seinem Essay »Tage des Lesens«. »Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen kann, was er vielleicht in sich selbst nicht hätte erschauen können.«
Ein Buch stellt Fragen: Wie würde es mir gehen, wenn ich jemand ermordet hätte wie Raskolnikow? Wenn ich in meinem Körper gefangen wäre und nur mit einem Auge blinzeln könnte wie Jean-Dominique Bauby, der mit dieser Methode ein ganzes Buch geschrieben hat? Wenn ich zwanzig Jahre auf meinen Mann gewartet hätte wie Penelope? (Um dann zu erfahren, dass der Scheißkerl auf seiner zehnjährigen Heimreise von Troja sieben Jahre mit Kalypso verbracht hat und mindestens eines, eher zwei mit Kirke?)
In seinem schmalen Band Selbstporträt unternimmt der französische Autor, Fotograf und Maler Édouard Levé ein faszinierendes Experiment, eine nüchterne Selbstbeschreibung: Auf 110 Seiten notiert er seine Überzeugungen, Abneigungen, Erkenntnisse, Erinnerungen in schlichten Sätzen unverbunden hintereinander weg.
Ich ziehe ständig Vergleiche. Bei der Rückkehr von einer Reise ist der schönste Augenblick für mich weder der Gang durch den Flughafen noch die Ankunft zuhause, sondern die Taxifahrt dazwischen: Sie gehört noch zur Reise, aber nicht mehr wirklich. Ich singe falsch, also singe ich nicht. Da ich lustig bin, hält man mich für glücklich. Ich hoffe, nie ein Ohr auf einer Wiese zu finden. Ich mag Wörter nicht mehr als Hämmer oder Schrauben. Aus Bequemlichkeit neige ich dazu, Leute »Freunde« zu nennen, die keine sind. Ich habe Plattfüße.
Das geht immer so weiter und weiter, man liest es und nickt, lächelt, runzelt die Stirn – und mag nicht aufhören, sich durch diesen Berg ausgekippter Puzzleteile zu wühlen und zu versuchen, wenigstens ein kleines Fragment eines Bildes daraus zusammenzusetzen: Wer ist dieser Mensch? Vor allem aber kann man das kaum lesen, ohne fast zwanghaft selbst solche Sätze zu formulieren: Ich mag keine Rosen und finde das schade. In meinem Keller steht ein E-Klavier, das ich irgendwann vielleicht mal spiele, wahrscheinlich aber nicht. Kerzen und Bettwäsche müssen weiß sein. In der Regel sehe ich missmutiger aus, als ich mich fühle. Mich langweilen Träume. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, eine Kugelschreibermine in einen Radiergummi zu drücken. Ich habe Angst vor Demenz. Ich sollte öfter putzen. Bevor ich ein neues Buch beginne, checke ich die Seitenzahl und überschlage, wie viele Tage ich dafür brauchen werde. Ich richte nie Grüße aus. Ich besitze keine Bibel.
Je länger man dieses Spiel spielt, je detaillierter, je banaler die Sätze werden, desto klarer wird: Damit würde man nie fertig werden können. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was man über sich sagen könnte, und die Summe der Details wird nie ein Ganzes ergeben. Levé schreibt an einer Stelle: »Mein Leben genau zu beschreiben, würde mich mehr Zeit kosten, als es zu leben.«
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Heute auf der Flurbank: Emily Dickinson, Collected Poems. Eines passt fast magisch zu dem Buch von Levé.
I’m Nobody! Who are you?
Are you – Nobody – too?
Then there’s a pair of us!
Don’t tell! they’d advertise – you know!
How dreary – to be – Somebody!
How public – like a Frog –
To tell one’s name – the livelong June –
To an admiring Bog!
Ein verspielt verschwörerisches Plädoyer für die Bedeutungslosigkeit: Lieber ein Niemand sein als ein Jemand, der wie ein Frosch vor einem »bewundernden Sumpf« (bildschön!) ständig den eigenen Namen quakt – eine elegante kleine Replik auf das große Ich Ich Ich von Levé (und meins), herübergerufen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herrlich, wenn die Bücher miteinander ins Gespräch kommen.
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Natürlich lese ich die meiste Zeit nicht auf der Bank, sondern in stabiler Rückenlage.
