Einen Hof verlässt man niemals ganz -  - E-Book

Einen Hof verlässt man niemals ganz E-Book

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Beschreibung

10 Jahre ist es her, dass Ulrike Siegel den ersten Band der Reihe "Bauerntöchter erzählen ihre Geschichte" herausgegeben hat. Zum Jubiläum schreiben sie und weitere Autorinnen aus den drei Bänden von ihren Erfahrungen der letzten zehn Jahre – Schwerpunkt ist also dieses Mal nicht das Erleben der Kindheit und Jugend auf dem Land der 60er und 70er Jahre, sondern wie diese Erlebnisse und Werte heute noch Einfluss auf das Leben der Frauen haben.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Einen Hof verlässt man niemals ganz

In der Lebensmitte – ein neuer Blick zurück nach vorne

Hrsg. Ulrike Siegel

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Impressum

Ulrike Siegel, Herausgeberin

Ein neuer Blick zurück nach vorn!

Wer hätte das damals gedacht: Als im Oktober 2003 der erste Teil unserer Geschichten im roten Band „Immer regnet es zur falschen Zeit“ erschien, konnte niemand ahnen, was sich daraus noch alles entwickeln würde. Zunächst schloss sich die Diskussion an, inwieweit das darin Erlebte doch typisch wäre für die eher kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft in Süddeutschland. Bauerntöchter aus dem Norden gaben im blauen Band „Gespielt wurde nach Feierabend“ die Antwort darauf. Mit dem grünen Band „Wie leicht hätte es anders kommen können“ vervollständigten Frauen von diesseits und jenseits der ehemaligen DDR-Grenze das Bild vom Leben und Arbeiten in den 60er und 70er Jahren auf Bauernhöfen in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands.

Erstmals wurde diese Lebenswelt damit aus Frauen- und Kindersicht beleuchtet und – noch wichtiger – aus der Sicht derer, die es selbst erlebt haben: dieses harte, entbehrungsreiche, schöne Aufwachsen auf Bauernhöfen. Jenseits von Romantisierung und Verteufelung, Beschönigung und Dramatisierung haben sie darüber geschrieben. Offen und ehrlich, wie es wohl ihrer Generation zum ersten Mal gegeben war.

Das Echo war enorm! Landauf, landab sendeten Radio- und Fernsehsender Reportagen und Interviews mit und über Bauerntöchter, die Printmedien berichten an Beispielen dieser Geschichten über das Frauenleben auf dem Lande – lange vor dem Erfolgszug von Landlust und Co. Und vielleicht am wichtigsten: Die Geschichten setzten einen Generationendialog in Gang. Über das Erleben dieser Zeit von Kindern, Eltern und Großeltern.

Für mich war es der Zeitpunkt, der mein Leben seitdem in die Zeit davor und danach einteilt. Die gedruckten Geschichten sind das eine Ergebnis, das Bauerntöchter-Netzwerk, die jährlichen Treffen und die daraus entstandenen Freundschaften das andere.

Während die Bauerntöchter beim Schreiben ihrer Geschichten noch nicht wussten, wer denn sonst noch schreibt, und noch weniger, was die anderen Frauen schreiben, gab es nach der Veröffentlichung jeweils ein Kennenlern-Treffen. In den Heimvolkshochschulen Hohebuch, Loccum und am Seddiner See bei Potsdam fanden die ersten Treffen statt – mit jeweils beeindruckenden Buchpräsentationen. Zunächst noch getrennt nach den einzelnen Bänden. Der Wunsch, auch die Bauerntöchter-Kolleginnen der anderen Regionen kennenzulernen, war geboren: Seitdem treffen wir uns jährlich an einem Novemberwochenende: Bauerntöchter aus der jeweiligen Region laden dazu ein und bereiten diese Treffen vor. Nach Aachen und Düsseldorf erkundeten wir Ostfriesland, Hohenlohe im Württembergischen, das Kohrener Land in Sachsen, das Artland rund um Osnabrück, um dann wieder Großstadtluft in London und München zu schnuppern. Dazwischen haben wir bei unserer auf Teneriffa beheimateten Mitautorin Johanna schon zweimal Bäumchen gepflanzt. Das Jubiläumstreffen in diesem Jahr soll wieder zurück zu unseren Wurzeln führen: auf das Land, an den Elbdeich bei Brackede.

Neue Freundschaften, diese Treffen mit unendlich vielen Telefonaten und E-Mail-Nachrichten dazwischen, Besuche kreuz und quer durch die Republik, Lesungen in Altstadtkino oder Scheune, in Dorfgemeinschaftshäusern oder Museen, bei LandFrauen oder Literaturkreisen haben mein Leben und das Leben vieler anderer Bauerntöchter in den vergangenen Jahren bunter und reicher gemacht und lassen mich mit großer Dankbarkeit auf ein „Jahrzehnt der Bauerntöchter“ zurückblicken.

Die meisten von uns haben ihre Geschichte damals mit dem Blick auf rund 40 Lebensjahre geschrieben. Mitten in der Familienphase, im Berufsleben, in der Hofarbeit. Immer wieder wird bei den jährlichen Bauerntöchter-Treffen diskutiert, ob die Geschichten heute andere Schwerpunkte und vielleicht sogar andere Inhalte hätten.Schon damals waren die Geschichten Momentaufnahmen. An dem roten Faden, der zu jener Zeit greifbar war, aufgereiht. Schon damals hätte jede der Frauen auch einen anderen Faden aufgreifen, andere Dinge erzählen können. Und erst recht heute: Mit zehn Jahren mehr an Lebenserfahrung und größerem Abstand zur Kindheit wird der Blick zurück versöhnlicher, manches Urteil fällt milder aus. Auch der Blick nach vorne ist ein anderer geworden. Heute sind die Kinder meist erwachsen, die Hofübernahme oder -aufgabe ist absehbar, im Berufsleben sind die damaligen Ziele erreicht oder aufgegeben. Es ist an der Zeit wieder Bilanz zu ziehen!

Diese Anregung aus der Autorinnenrunde habe ich gerne aufgegriffen und nun liegen sie vor: die „10-Jahre-danach-Folgegeschichten“ in diesem Jubiläumsband.

Was ist aus den Frauen geworden? Wie sieht ihr Leben heute aus? Was bewegt sie in ihrem täglichen Leben? Sie erzählen vom Frauenalltag in der Metropole London und auf der Schwäbischen Alb, in Athen und dem Emsland, am Persischen Golf und am Elbdeich, in Sachsen und Württemberg, … Ihre Geschichten handeln vom Strukturwandel auf den Höfen, von Kühen, die den Hof verlassen, vom Abschiednehmen, von Krankheiten und Tod in ihren Familien. Sie erzählen aber auch vom Aufbruch zu neuen Ufern – und von Zufriedenheit und Glück. Trotz oder gerade wegen alledem!

Mein Dank gilt allen Bauerntöchtern, die ihre Geschichten damals zu Papier brachten, ohne zu wissen, was daraus werden wird. Für diesen Mut, ihr Vertrauen und ihre Offenheit verdienen sie großen Respekt. Gemeinsam haben sie damit dieses Bauerntöchter-Projekt erst ermöglicht.

Danke auch den Autorinnen dieses Bandes, für ihre Bereitschaft, sich an diesem Jubiläumsband zu beteiligen und mit einem 10-Jahre-danach-Folgebeitrag nochmals einen Blick in ihr Leben zu ermöglichen. Es bleibt spannend!

Ulrike Siegel, Oktober 2013

Erika, Statistikerin in Griechenland

Auf dem Hof steht das Leben niemals still

Mein Ziel wurde mir immer klarer: Die gemeinsame Arbeit, die meine Eltern, ja die ganze Großfamilie verbunden hatte, war mein Ideal. Das wollte ich aus dem Bereich der Bauern- und Handwerksbetriebe in die moderne Berufswelt hinüberbringen und dadurch Ehe und Beruf verbinden.

Ich war bereit, mich mit meinem Beruf meinem Partner anzupassen. Es kam mir nicht in den Sinn, dies als ein Opfer zu betrachten, das ich ihm bringen würde, sondern ich sah es als eine Herausforderung. Worauf es mir ankam, war, mit anderen, besonders mit dem eigenen Mann, an etwas gemeinsam zu bauen. Als ich ihm schließlich in einer Statistikvorlesung begegnete, beendete ich mein Studium und wandte mich der Statistik zu. Ich begann, erneut Analysis zu büffeln, und es schien mir, als würde ich Mathematik zum ersten Mal begreifen.

„Ich war immer ein Außenseiter”

Band 2 „Gespielt wurde nach Feierabend“

Der Hof als konstante Größe im Wandel der Zeiten. Mit diesem Bild hatte ich meinen Bericht über meine Kindheit und Jugend auf dem Bauernhof und die Bedeutung der damit zusammenhängenden Erfahrungen für mein weiteres Leben vor einigen Jahren abgeschlossen. Der Zeitenwandel vollzog sich in meinem derzeitigen Lebensraum Griechenland in den darauf folgenden Jahren rasant. Die Angst ging und geht noch immer um, die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut. Was, wenn mein Beamtengehalt und die Rente meines Mannes weiter gekürzt würden, wenn beide eines schönen Tages vom Staat überhaupt nicht mehr gezahlt werden könnten? Das Gefühl der Ohnmacht, einem Prozess ausgesetzt zu sein, auf den man nicht den geringsten Einfluss zu haben schien, war zeitweise unerträglich. Allerdings war die Entwicklung in Griechenland für alle, die Augen und Ohren hatten und über einen realistischen Bezug zum Möglichen und Wahrscheinlichen verfügten, abzusehen. Unfähigkeit, Korruption und Vetternwirtschaft hatten jahrelang offensichtlich und schamlos regiert. So waren bei mir schon einige Zeit vor der Krise Wunsch und Wille geboren und gewachsen, im Alter wieder in Deutschland zu leben. Und der Hof spielte bei meinen Zukunftsvisionen eine herausragende Rolle.

Meine Mutter lebt im großen Bauernhaus allein. Mein Bruder und meine Schwester hatten sich im Dorf ihre eigenen Häuser gebaut. Den Hof bewirtschaften sie gemeinsam. Meine Schwester, eine studierte Agraringenieurin, ist für die Feldarbeit zuständig und wird dabei oft von ihrem Mann, einem Informatiker, und von zwei Söhnen unterstützt, die inzwischen beide studieren. Mein Bruder, hauptberuflich Tierarzt, versorgt mit seiner Frau, einer Arzthelferin, den Kuhstall. Wenn meine Mutter einmal Hilfe brauchen würde, so wäre ich zur Stelle. Das versprach ich immer wieder, und so stellte ich es mir auch vor. Auch mit meinen Geschwistern hatte ich das Thema schon angesprochen. Sie standen meinen Plänen positiv gegenüber. Platz gab es auf dem Hof genug und Arbeit auch. Ich wollte nach meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben so lange wie möglich tätig bleiben. Ich träumte mich in ein neues Leben auf dem Lande im Dorf meiner Kindheit und Jugend hinein. Aber ich wusste auch, dass mancher Traum sehr schnell zum Alptraum werden konnte. Ich wollte, bevor ich die Weichen für den nächsten Lebensabschnitt stellte, prüfen, wie sich die Verwirklichung meiner Vorstellungen anfühlen würde. Als meine Mutter im Herbst 2011 einen Schlaganfall erlitt, war der Ernstfall eingetreten. Ich vereinbarte mit meinen Geschwistern, die Pflege unserer Mutter während der Vegetationszeit zu übernehmen. Ich beantragte ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub und kehrte von Ende März bis Ende September 2012 in mein einstiges Leben zurück.

Meine Mutter saß im Rollstuhl. Unser erster Weg führte uns in den Garten, dem sie sich schon immer mit Leidenschaft gewidmet hatte. Dabei kamen wir am Hühnerhaus vorbei, und sie bedeutete mir, nach dem Wasser zu sehen. Sprechen konnte sie nicht, denn der Schlaganfall hatte das für die Sprachproduktion zuständige Sprachzentrum im Gehirn geschädigt. Trotzdem verstand ich sie, denn ich kannte ihre Anliegen. Nachzusehen, dass die Hühner Wasser zu trinken hatten, dazu wurde ich schon als Kind in den Hühnerstall geschickt. Diese sprachlose Verständigung aufgrund unseres wenn auch schon weit zurückliegenden gemeinsamen Lebens und Arbeitens gelang uns in der Folgezeit immer wieder und machte mich stolz und glücklich. Unter den Augen meiner Mutter räumte ich im Garten auf. Ich säuberte ihn von abgestorbenen Pflanzenresten, die ich in einer Tonne verbrannte. Ich bereitete den Boden für Saat und Pflanzung vor. Gemeinsam berieten wir, was wir wo anbauen wollten, und kauften zusammen Samen und Pflanzen ein. Dabei bestand unser Dialog aus Fragen und Vorschlägen meinerseits und bestätigenden oder ablehnenden Reaktionen vonseiten meiner Mutter.

Gemeinsam pflegten wir auch das Familiengrab. Im April bepflanzten wir es mit Stiefmütterchen. Meine Mutter wollte solche mit großen Blüten. Doch Katja, die Floristin gelernt und sich in Gebäuden des elterlichen Hofes in unserer Nachbarschaft einen Laden eingerichtet hatte, wo sie Blumen und sonstige Pflanzen verkaufte, hatte nur noch Stiefmütterchen mit kleinen Blüten in einheitlicher Farbe und der benötigten Anzahl. Die großblütigen waren eine kunterbunte Mischung von Restposten. Doch meine Mutter bestand auf der großen Blüte auch auf Kosten der farblichen Einheitlichkeit und meinetwegen konnte sie ihren Willen haben. Als ich die Pflanzen aufs Grab setzte, ging es mir durch den Sinn, dass nicht viel gefehlt hatte und meine Mutter hätte den ihr vorbestimmten Platz an diesem Ort schon eingenommen. Der Anruf einer langjährigen Freundin der Familie, der sie im Sommer davor einen kleinen Oleander geschenkt hatte, war ihr Retter. Die Freundin wollte eigentlich nur wissen, wie sie den Oleander einwintern sollte, und stellte dabei fest, dass meine Mutter außer „Ja“ nichts mehr sagen konnte. Sie wusste, dass dies ein Symptom für einen Schlaganfall war, und löste die Rettungsaktion aus. Zum Krankenwagen, den der herbeigerufene Hausarzt bestellt hatte, konnte meine Mutter mithilfe der Sanitäter selbst gehen. Der zweite Schlaganfall, der sie halbseitig lähmte, traf sie erst im Krankenhaus, als bereits Behandlungsmaßnahmen eingeleitet wurden. Deshalb bestand auch Grund zur Hoffnung, dass sie ihre Bewegungsfähigkeit weitgehend wiedererlangen könnte. Als ich die Grabbepflanzung abgeschlossen hatte, begutachteten wir unser Werk und stimmten darin überein, dass uns letzten Endes die ungewöhnliche Vielfalt der Farben außerordentlich gefiel. Und auch andere Friedhofsbesucher, die vorbeikamen und meine Mutter, natürlich auch mich, grüßten, bestätigten uns, dass das Grab sehr schön geworden sei.

Wie das Jahr voranschritt, ernteten wir Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, schwarze und rote Johannisbeeren, Ringlo und Sommeräpfel, später auch Frühzwetschgen und Äpfel. Wir kochten zusammen so viel Marmelade und Gelee, dass ich Bedenken hatte, wer das alles essen sollte. Doch es fanden sich Abnehmer in Kindern und Kindeskindern. Auch Saft bereiteten wir und füllten ihn in Flaschen ab. Meine Mutter lernte langsam wieder, ihre beiden Hände zu gebrauchen, und auch das Laufen mit dem Rollator ging immer besser. Ich half bei der Ernte, und meine Mutter wagte sich wieder daran, für uns alle das Mittagessen zu kochen. Es war bewundernswert, wie ihr Wunsch, teilzunehmen und teilzuhaben, sie anspornte.

Manchmal, wenn ich abends, nachdem ich meine Mutter zu Bett gebracht hatte, auf der Bank hinter dem Haus saß und in den Hof und den Weg entlang in den Garten schaute, betete ich: „Gott sei Dank, dass ich wieder hier leben darf.“

Die wertvollste Mitgift meiner Kinder- und Jugendjahre auf dem Bauernhof sehe ich in der Freude an der Natur und im Verständnis natürlicher Prozesse. Es ist mir mithilfe des Hofes gelungen, meinen Kindern das Wesentliche davon weiterzugeben. Sie lieben es beide spazieren zu gehen, und es gelingt ihnen dabei völlig zu entspannen, von ihren Problemen loszukommen und aufzuatmen. Und wenn sie die Erfolge ihrer Bemühungen und Leistungen nicht abwarten können, dann stelle ich ihnen das Bild von Saat und Ernte vor Augen und sie verstehen, was ich meine, weil auch sie das Landleben aus eigener Anschauung kennen. Wenn der Bauer sät, dann sieht er noch eine ganze Weile danach gar nichts. In Abhängigkeit von der Witterung aber läuft die Saat früher oder später auf. Bis zur Ernte jedoch vergeht noch viel Zeit, Zeit des Hoffens und Bangens, des Sorgens und Mühens. Aber, so versichere ich ihnen dann, ich lebe schon bald sechzig Jahre auf dieser Erde und kann mich an kein Jahr erinnern, in dem nichts geerntet wurde. Es gab sehr gute, gute und schlechte Ernten, aber nie gab es keine Ernte. Und immer wurde geerntet, was man gesät hatte.

Auch meiner Enkelin, die jetzt fünf Jahre alt ist, versuche ich noch einmal, meine Naturerfahrungen weiterzugeben. Wenn ich in Deutschland bin, dann betreue ich sie und zwar am liebsten im Dorf. Bei ihr zu Hause bleiben uns nur Spielplätze, Einkaufszentren, Jahrmärkte und Kinderkurse in Turnen oder Ballett oder Schwimmen als Beschäftigungsfeld. Im Dorf ist das anders. Dort kann sie die Arbeit der Erwachsenen miterleben und daran teilhaben. Auch während meines halbjährigen Aufenthalts im vorigen Jahr hatte ich sie öfters für eine Woche zu Besuch. Anfangs hatte sie Angst, vor allem vor den Kühen. Ihre großen Köpfe und Augen erschreckten sie. Aber auch die Hühner mit ihrem aufgeregten Flattern waren ihr nicht geheuer. Sie durfte ihnen Körner hinwerfen und Eier ausnehmen. Wir füllten zusammen die Wasserbehälter auf und wunderten uns, wie schnell diese immer wieder leer getrunken waren. Auch den Kühen durfte sie Kraftfutter austeilen und beim Melken zuschauen. Mit der Zeit wurde sie so mutig, dass sie den Wunsch äußerte, eine Kuh zu melken. Meine Schwägerin wählte eine ruhige Vertreterin ihrer Art aus und zeigte ihr den richtigen Handgriff. Und siehe da, es gelang ihr, Milch aus dem Strichen zu melken. Sie war begeistert und berichtete stolz am Abend ihrer Mutter und ihrem Vater am Telefon von ihrer Errungenschaft. Eines Nachts wurde ein Kälbchen geboren. Sie bemerkte es am nächsten Morgen und staunte, wie groß, obwohl gerade mal einen Tag alt, es schon war. Und es konnte schon laufen. Abends gingen wir oft durch den Garten, aßen Obst von Sträuchern und Bäumen, gossen die Blumen und das Gemüse in Hof und Garten und lasen Käfer von den Kartoffeln. Es gab dabei viel zu erzählen und zu erklären, und sie hörte voller Aufmerksamkeit zu.

Als der September, der letzte Monat meines halbjährigen Aufenthalts auf dem Hof, anbrach, meinte ich immer mehr zu spüren, dass meine Mutter nur darauf wartete, dass ich abreiste, damit sie in ihrem Haus wieder allein herrschen konnte. Sie hatte sich erfreulicherweise gut erholt und konnte zumindest innerhalb des Hauses sich weitgehend selbst versorgen. Ihr Verhalten machte mich ein bisschen traurig, doch ich zog mich still aus dem Haus zurück und betätigte mich häufiger draußen im Hof, im Stall, im Garten und auf dem Feld.

In diesem Sommer trinke ich morgens meinen Kaffee wieder auf dem Balkon unseres Hauses am Hang des Parnitha-Gebirges außerhalb von Athen und blicke hinunter in die Bucht von Marathon. Die aufgehende Sonne verwandelt die entfernte Meeresoberfläche in gleißendes Gold. Ich höre die Tauben gurren und Hähne im Dorf krähen. Der Wind bewegt leise die Zweige der Kiefern und Zypressen. Die Luft ist mild und der Himmel meistens strahlend blau. Mir gefällt es, auf unserem Balkon zu sitzen, und ich genieße die Zeiten der Ruhe und Besinnlichkeit. Doch noch fahre ich montags bis freitags mit dem Vorortzug nach Athen zu meiner Arbeit. Dort treffe ich meine Kollegen und finde Herausforderungen in meiner Tätigkeit als Leiterin der statistischen Abteilung. Mein Mann ist vor drei Jahren in Rente gegangen und kümmert sich um Haus und Garten. Für uns beide gibt es kaum ausreichende Beschäftigung zu Hause. Ruhestand würde unter diesen Umständen für mich Stillstand bedeuten, und dafür hoffe ich noch lange zu lebendig zu sein. Mich verlangt nach einem Bezug zu einer produktiven Gemeinschaft, wenigstens zeitweise. Und ich betrachte es als großes Glück, dass mir durch den Hof und meine Geschwister diese Möglichkeit so einfach und natürlich gegeben ist.

Auf dem Hof steht das Leben niemals still. Frühmorgens schon laufen die Melkmaschinen. Leute aus dem Dorf kommen und versorgen sich mit frischer Milch und Eiern. Es wird gesät und geerntet, Getreide gedroschen und in den Silos gelagert, Heu gemacht und Mais siliert als Futter für die Kühe im Winter, und immer und überall kann eine weitere helfende Hand gut gebraucht werden. Ich kann es mir jetzt ohne Bedenken vorstellen, die Hälfte des Jahres eingebunden in dieses Leben auf dem Hof zu verbringen, und mit dem Gedanke daran sehe ich meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben gelassener entgegen. Der Hof ist für mich allerdings noch viel mehr als eine Produktionsstätte. Er ist ein den menschlichen Bedürfnissen angemessener Lebensraum für Jung und Alt, der es noch relativ einfach erlaubt, in Einklang mit anderen – tierischen und pflanzlichen – Lebensformen und mit Rücksicht und Achtung derselben gestaltet zu werden. Mag sein, dass ich in dieser Hinsicht eine hoffnungslose und altmodische Romantikerin bin. Doch mit fast sechzig Jahren erlaube ich es mir, es zu sein. Die Ziele des Fortschritts zu definieren, überlasse ich den Jüngeren. Sie mögen vielleicht einst entscheiden, dass die Lebensform, die ich liebe und verherrliche, modernen Ansprüchen nicht mehr genügt, und sie nach ihren eigenen Vorstellungen umgestalten. Ich hoffe nur, dass das Häuschen von Philemon und Baucis dem fortschrittlichen Faust’schen Damm nicht weichen muss, solange ich lebe. Denn die Vorstellung von diesem Lebensraum war mir Heimat in der Fremde und Hoffnung für eine ungewisse Zukunft.

Helga, Bäuerin in Niedersachsen

Meinen neuen Platz finden

Wir haben zwei Töchter und einen Sohn, sehr zur Freude des Großvaters, der so doch noch den ersehnten Stammhalter bekommen hat, wenn auch eine Generation später.

Ich betätige mich hier im Dorf im Ehrenamt, zum Beispiel im Kirchenrat der evangelischen Gemeinde und im Elternrat an der Schule. Diese Ämter machen mir viel Freude, öffnen den Blick über die Hofgrenzen hinaus und schaffen mir einen Ausgleich zur täglichen Arbeit auf dem Hof.

Sicher, es ist in der heutigen wirtschaftlichen Lage nicht leicht, in der Landwirtschaft zu überleben. Aber ginge es uns besser, wenn wir in anderen Berufen arbeiten würden und ebenfalls von der Konjunktur oder dem Fortbestand einer Firma abhängig wären? So können wir immerhin selbst entscheiden, mit unseren Mitteln und Kenntnissen das Beste aus unserer Situation machen und unser Leben so einrichten, wie wir es möchten. Ich fühle mich einfach wohl hier auf dem Lande und freue mich darüber, dass unsere Kinder mit all der Freiheit und Weite groß werden dürfen, die das Landleben uns bietet.

Ich habe es nie bedauert, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

„Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht”

Band 2: „Gespielt wurde nach Feierabend“

Als ich vor zehn Jahren hier saß und meinen Beitrag zum Bauerntöchter-Buch schrieb, war mir nicht klar, was daraus werden würde, ob mein Beitrag überhaupt in Ulrike Siegels Buch aufgenommen würde. Damals habe ich ungezwungen drauflosgeschrieben, immer im Hinterkopf, dass es sowieso keinen interessiert, wie wir in den sechziger Jahren auf einem Bauernhof aufgewachsen sind.

Als ich dann unser Buch in den Händen hielt, war ich ein wenig stolz. Ich erinnere mich gut an das erste Treffen der „Bauerntöchter“ unseres Buches „Gespielt wurde nach Feierabend“ in Loccum. Bei der Vorstellungsrunde wurde ich immer kleiner. So saßen dort zwar einige Bäuerinnen wie ich, aber auch eine Menge Karrierefrauen. Jedenfalls habe ich es so empfunden. Und ich dachte mir, was habe ich schon zu berichten – ein mittelständischer Bauernhof, ein Ehemann, drei Kinder und ein damals noch recht fitter Altenteiler. Meine Schwester, die auch als Autorin im Bauerntöchter-Buch dabei war, hat allerdings nur gesagt, dass wir ja auch im weiteren Sinne eine kleine Firma führen, wenn auch nicht mit Fremdarbeitskräften, und dass ich mein Licht mal nicht so unter den Scheffel stellen solle. Nun, irgendwie hatte sie ja recht, doch das Selbstbewusstsein der Landwirte und Bäuerinnen ist nicht so besonders groß. Wenigstens kann ich das für mich sagen.

Die Begegnung mit den anderen Bauerntöchtern hat mir allerdings gezeigt, dass wir alle, egal in welchem Beruf wir gelandet waren, doch etwas gemeinsam haben – unsere Herkunft vom Hof, die uns alle geprägt hat. Natürlich waren die, die den Hof längst verlassen hatten, nicht mehr auf dem Laufenden über die aktuellen Bedingungen der Landwirtschaft und den daraus resultierenden Problemen und Existenzsorgen. Sie hatten immer noch ihre Kindheitsbilder der Bauernhof-Welt vor Augen. Wir Bäuerinnen mussten erst einmal Aufklärungsarbeit leisten. Die hohen Pachtpreise zum Beispiel, die wegen der großen Ackerflächen, auf denen Mais für die vielen neuen, hoch subventionierten Biogasanlagen angebaut wird, so in die Höhe geschnellt sind, machen uns anderen Betrieben sehr zu schaffen. Wir können diese Preise nicht bezahlen, denn dann würden wir selber nichts mehr verdienen. Es ist in unserer Gegend, die massiv davon betroffen ist, sogar so, dass kleine Höfe ganz die Landwirtschaft aufgeben, weil sie ihren Acker besser verpachten können, als ihn selber zu bewirtschaften. Dass unsere tägliche Arbeit von so vielen Faktoren beeinflusst wird, die wir selbst nicht bestimmen können, wie hohe Energiepreise, Pachten usw., macht es uns nicht einfacher.

Ich weiß, wovon ich spreche. Denn auch wir haben in den vergangenen zehn Jahren diese schlechten Zeiten mit allen Höhen und Tiefen erleben und durchleiden müssen. Unser Betrieb blieb nicht verschont von Krankheiten bei den Tieren, sodass wir manchmal wirklich nicht wussten, wie es weitergehen soll. Das ist eben eine andere Situation als die von Festangestellten, die am Ende des Monats immer das sichere Gehalt erwarten können. Dauernd zu überlegen, was bezahlt werden muss, wann die nächsten Einnahmen zu erwarten sind und am Ende festzustellen, dass sie aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen, z.B. bei Futter- und Energiepreisen, Verkaufserlösen für die Schweine etc., nicht so hoch sind wie erwartet. Das alles kann einen unheimlich frustrieren und fertigmachen, sodass man schon mal die Lust verliert und den Kopf in den Sand stecken möchte.

Aber auch in diesen Tiefphasen habe ich festgestellt, dass es irgendwie immer weitergeht, dass wir Kräfte entwickelt haben und Ideen und irgendwie immer eine Lösung finden konnten.

Natürlich hat gerade in diesen Zeiten mir auch sehr geholfen, dass ich meine Familie und gute und verständnisvolle Freunde und Freundinnen hatte, mit denen ich offen reden konnte. Ich hatte mir früher nie vorstellen können, ernsthaft zu überlegen, was wir mit unseren Ausbildungen und Berufen noch machen könnten außer Landwirtschaft. Doch genauso ist es inzwischen gekommen.

Mein Mann arbeitet hin und wieder bei einem Lohnunternehmer. Und ich selbst habe aufgrund meiner Ausbildung als Hauswirtschaftsmeisterin eine Tätigkeit in der Grundschule gefunden. Ich habe für mich entdeckt, was ich noch alles kann, und wie viel Freude auch die Arbeit machen kann, die nicht auf dem Hof stattfindet.

Ich arbeite im Nachmittagsbereich bei der Betreuung der Kinder, was mir nicht sehr schwerfällt nach der Erziehung von drei eigenen, die inzwischen fast erwachsen sind. Am meisten gefällt mir meine Aufgabe als Leiterin der Arbeitsgemeinschaft „Abenteuer Essen“ . Ich versuche, Grundschülern den Wert von Lebensmitteln zu vermitteln. Das Wissen darüber, was gute Lebensmittel ausmacht und was man damit oft mit einfachen Mitteln machen kann, ist im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte in den Familien leider verloren gegangen. Auch die Eltern dieser Kinder kochen zu Hause kaum noch mit frischen Lebensmitteln. Manchmal ist es schwer zu erklären, dass man Pizza auch wirklich selber herstellen kann und nicht unbedingt fertig aus dem Kühlregal kaufen muss. Die Idee, dieses Grundwissen über die Kinder wieder in die Familien zurückzubringen, finde ich richtig gut. Mit den Kindern in der Grundschule zu kochen, bewirkt vielleicht doch auf Dauer, dass die Familien wieder lernen, Speisen selbst herzustellen, was zum einen kostengünstiger ist und zum anderen sogar Spaß machen kann. Gemeinsam zu kochen und zusammen zu essen, bedeutet auch, Gemeinschaft in der Familie zu erleben.

Mein zweites Standbein in der Schule ist die Schülerfirma „Pausenschmaus“ in der Oberschule vor Ort für die Jahrgänge 7–10. Gerne habe ich auch diese Aufgabe übernommen, auch wenn das Arbeiten mit pubertierenden Teenagern ganz anders ist.

Vor einiger Zeit sagte einmal jemand zu mir, die Leute, die aus der Landwirtschaft kommen, könne man überall gut gebrauchen. Sie würden ihre Aufgaben, egal welcher Art, einfach immer sehr gewissenhaft machen. Vielleicht liegt es daran, dass wir schließlich von Kindesbeinen an gelernt haben, mitzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen.

Auf dem Hof haben wir einiges umgestellt, z.B. die Ferkelproduktion aufgegeben. Meine Aufgabe war es immer, mich um die kleinen Ferkel zu kümmern. Seit diese Arbeit weggefallen ist, fühle mich manchmal etwas verloren und muss meinen neuen Platz erst wieder finden.

In der Familie kommt es mir zugute, dass ich nicht mehr so viel im Schweinestall arbeiten muss. Denn zehn Jahre älter geworden, hat mein Vater körperlich und geistig sehr abgebaut. Er leidet unter Altersdemenz und seine Pflege nimmt viel Zeit in Anspruch. Nachdem die Kinder inzwischen aus dem Gröbsten raus sind und in vielen Dingen schon allein zurechtkommen, ist jetzt der Großvater an die Stelle der Kinder getreten. Die Pflege der alten Generation ist für mich eine selbstverständliche Pflicht. Als Kind hat mein Vater für mich und die Familie gesorgt, sodass es klar ist, dass wir für ihn da sind, wenn er heute Hilfe braucht. Und für meine Kinder finde ich es durchaus wichtig, dass sie sehen, wie ihr Opa in unserer Familie alt werden kann, und sie so lernen, respektvoll mit alten Menschen umzugehen. Trotzdem finde ich, dass mein Mann und ich wieder mehr Zeit für uns haben und diese auch anders nutzen als früher mit den kleinen Kindern.

Inzwischen hat sich die Familie auf dem Hof allerdings zeitweise verkleinert. Unsere ältere Tochter lebt seit zwei Jahren in Madrid, wo sie zuerst ein Jahr als Au-pair gearbeitet und jetzt eine Berufsausbildung begonnen hat. Nach deren Abschluss will sie ein Studium machen. Auch die jüngere Tochter ist inzwischen nicht mehr zu Hause, weil sie für ihre weiterführende Schulausbildung und ein Praktikum im Krankenhaus in die nahegelegene Stadt gezogen ist. Nach dem Fachabitur will sie Krankenschwester werden und in ihrem Traumberuf dann auf jeden Fall auch mal im Ausland arbeiten, so wie ihre ältere Schwester es jetzt schon tut. Sie kann sich gut vorstellen, als fliegende Krankenschwester z.B. in Afrika zu arbeiten.

Unser Jüngster ist noch auf der Schule und wird wahrscheinlich eine Ausbildung machen, vielleicht eher im technischen Bereich als in der Landwirtschaft. Er zeigt zwar viel Interesse an der Landwirtschaft und ist mit 16 Jahren natürlich mit dem Schlepper auf dem Acker unterwegs, aber wenn die Entwicklung so rasend weitergeht und die Betriebe immer größer und größer werden, ist herkömmliche Landwirtschaft kein erstrebenswertes Berufsziel mehr. Diese Einsicht ist nicht von heute auf morgen gewachsen und wir haben Jahre gebraucht, uns von dem Gedanken zu verabschieden, dass der Betrieb auch in der nächsten Generation ein Vollerwerbsbetrieb bleibt. Es ist schon schade, dass dieser Strukturwandel in Deutschland diese Konsequenzen für viele Betriebe hat, die so zu Nebenerwerbs-, also mehr oder weniger zu Hobby-Bauernhöfen werden. Aber ich möchte meinem Sohn nicht zumuten, dauernd um ein regelmäßiges Einkommen bangen zu müssen. Er soll später frei entscheiden können, was er mit dem elterlichen Betrieb machen will, ob er selbst darin investieren will oder ihn lieber verpachtet.

Vor zehn Jahren hätte ich das sicher noch anders gesehen. Da war mir der Gedanke unvorstellbar, dass der Hof eines Tages vielleicht nicht mehr aktiv von unserer Familie bewirtschaftet werden und nicht als alleinige Existenzgrundlage dienen würde. Damit geht etwas verloren, was seit Generationen eine Selbstverständlichkeit war, für uns als Familie, aber auch für die Gesellschaft allgemein. Und das stimmt mich immer noch traurig und manchmal auch richtig wütend. Doch die großen Veränderungen in diesen Jahren haben mich und uns auch ins Nachdenken gebracht. Der Weg dahin war steinig und schwer und hat mir viele schwere Stunden und schlaflose Nächte bereitet. Doch inzwischen versuche ich, für mich auch das Positive dieser Veränderungen zu sehen.