Eines Tages wird es leer sein - Hugo Lindenberg - E-Book

Eines Tages wird es leer sein E-Book

Hugo Lindenberg

0,0

Beschreibung

Ein Sommer in der Normandie, in den 1980er Jahren. Der zehnjährige Erzähler verbringt die Ferien mit seiner Großmutter am Meer. Er ist noch in diesem Zustand der Kindheit, wo man alles intensiv erlebt, wo man noch nicht genau weiß, wer man ist oder wo der eigene Körper beginnt, wo eine Ameiseninvasion der Erklärung eines Kriegs gleichkommt, den man mit all seinen Kräften wird führen müssen. Eines Tages trifft er einen anderen Jungen am Strand, der ihm die Freundschaft anbietet, eine Freundschaft, die auf einem Ungleichgewicht beruht. Denn Baptiste ist ein »richtiger Junge«, hat eine »richtige Familie« – für den Erzähler der Inbegriff eines Glücks, das er dort erstmals findet und das er in jedem Moment wieder zu verlieren fürchtet. Seine geliebte Großmutter, die den Holocaust überlebte und deren Schtetl-Akzent ihn vor den anderen Familien am Strand mit Scham erfüllt, und seine verhasste »monströse« Tante bedeuten für ihn zugleich widerwillige Geborgenheit und die beständige Gegenwart einer Vergangenheit, deren Trauma auf seinen Schultern liegt. In so gefühlvoller wie genauer Sprache erzählt Hugo Lindenberg diesen Roman in einer Reihe von Szenen des Sommers, der Stille, des Lichts, der Begegnungen, in einer Stimmung sich dem Ende zuneigender Sommerferien und doch durchzogen von einer Unheimlichkeit und Bewegungslosigkeit, die unter die Haut gehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



HUGO LINDENBERG, geboren 1978, ist Journalist. Eines Tages wird es leer sein ist sein erster Roman, er wurde mit dem Prix Livre Inter, dem Prix Françoise Sagan, dem Prix Le Temps retrouvé und dem Prix littéraire de la ville de Caen ausgezeichnet. Hugo Lindenberg lebt in Paris.

LENA MÜLLER, geboren 1982, studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus. Sie lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Berlin. Für ihre Übersetzungen wurde sie 2016 und 2017 mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Debütroman Restlöcher.

Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel Un jour ce sera vide bei Christian Bourgois Éditeur, Paris 2020.

Die Arbeit der Übersetzerin wurde durch ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut Français sowie des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus 2021

Deutsche Erstausgabe März 2023

Umschlaggestaltung:

Maja Bechert

www.majabechert.de

Porträt des Autors Seite 2:

© Alexandre Guirkinger

1. Auflage

ISBN EPUB 978-3-96054-312-1

Für alle einsamen Kinder und Verrückten.

In Erinnerung an Anne-Michèle Lindenberg.

INHALT

ERSTER TEIL: BAPTISTE

1. Die Quallen

2. Die Fliege

3. Die Taufe

4. Das Bad

5. Die Familien

6. Die gehackte Leber

7. Das Zimmer

8. Die Einladung

ZWEITER TEIL: DIE MONSTER

9. Die Tante

10. Der Grum

11. Der Strand

12. Die Jungen

13. Die Messe

14. Der Sohn

15. Die Ameisen

16. Die Superkräfte

17. Omaha Beach

18. Das Café

19. Der Besuch

20. Der Kuss

21. Mike Brant

DRITTER TEIL: VERSUNKENE WELTEN

22. Der Beton

23. Der Autoscooter

24. Das Playmobil

25. Die Beerdigung

26. Pipi ins Bett

»Das Geräusch des Wassers,in dieser aufgehaltenen Stillewäre es wie ein Signal (…).«

Nathalie Sarraute, TROPISMEN(aus dem Französischen vonMax Hölzer)

ERSTER TEIL

BAPTISTE

1

Die Quallen

Der Junge steht im Gegenlicht. Sein Gesicht, eingerahmt von den glatten Haaren eines echten Jungen, kann man kaum erkennen. Zuerst ist er bloß das Bändel seiner roten oder blauen Badehose, die sich auf schlanken Beinen dem reglosen Schauspiel nähert, das ich bis eben noch allein betrachtet habe. Kann ich die Untersuchung der Qualle mit meinem Stock einfach fortsetzen? Mehrere Wellen rollen heran und überspülen die kleine Insel aus transparentem Fleisch, bevor ich mich wieder näher herantraue. Vorsichtig drücke ich auf die feste Haut, aber darum geht es schon nicht mehr. Das Einzige, was jetzt zählt, ist diese Präsenz zwischen der Sonne und mir. Ein Junge in meinem Alter. Ich umklammere den Stock, kralle die Zehen auf der Suche nach Halt in den feuchten Sand, mir wird schwindelig von der sich brechenden Welle, die über die vorherige schwappt. »Drehst du sie um?« Keine Spur von Spott in der Stimme, nur die Einladung, meine Erkundungen fortzusetzen. Eine Vertrautheit sogar, mit der ich nicht gerechnet habe. Aber ich weiß, eine Unbeholfenheit meinerseits genügt, eine zu ängstliche Bewegung zum Beispiel, um den Zustand der Gnade zu beenden, in dem zwischen uns nichts existiert als ein wenig Neugier und dieser kompakte, nesselnde Klumpen, der aussieht wie ein Außerirdischer. Jede Sekunde bringt uns dem Moment näher, an dem man mehr von sich preisgeben muss, als man will. Also sage ich nichts und nutze die Brandung, um das Manöver auszuführen: Nun liegt das Tier verkehrt herum, seine langen Fäden der brennenden Sonne und unserer gedankenlosen Grausamkeit ausgeliefert. Ich gehe in die Hocke, um zwischen den Klebarmen eine Träne, ein Auge oder ein Gesicht zu erkennen. Der Junge kommt auch näher und streift meine Schulter mit seinen feuchten Haaren, aus denen ein kalter Tropfen fällt und meinen Arm hinunterläuft. Der beunruhigende Weg des salzigen Geschenks auf meiner Haut. »Sieht aus wie eine Plastiktüte.« Ich hebe den Blick zu dem Jungen, der lächelt, der zu lächeln scheint, soweit ich das ausmachen kann, geblendet wie ich bin. Durch das Netz meiner zusammengekniffenen Augen erkenne ich zwei große grüne Augen und zwischen seinen halb geöffneten Lippen die Lücke, die ein ausgefallener Zahn hinterlassen hat. In meiner Vorstellung blitzt das Geschenk oder die Münze auf, unter ein dickes Kissen geschoben, der Kuss einer Mutter, Fensterläden, die den Blick freigeben auf den Trubel einer Familie im Urlaub. »Bringen wir sie zurück ins Wasser?« Die Worte kommen leiser als beabsichtigt aus meinem Mund, meine Stimme klingt blöd, als verrate sie eine Wahrheit, die mir plötzlich tragisch und lächerlich erscheint: Seit meiner Ankunft, eigentlich seit immer schon habe ich außer mit meiner Großmutter mit niemandem geredet. »Zurück ins Wasser?«, der Körper faltet sich zum Zeichen der Missbilligung auf. »Oder sollen wir sie töten?« Ich schaue auf die Füße, seine Füße, denen der von den Wellen weggespülte Boden gleichgültig ist, der Schaum, wahrscheinlich auch Brennnesseln und Brombeerhecken und alles, was sich ihnen in den Weg stellen könnte. »Man muss sie zerteilen, um das Innere zu sehen.« Ich betrachte den Jungen, der mich in seiner Allmacht überragt. Ich in der Hocke, einen krummen Stock in der Hand, das Gesicht vom Licht verzerrt, und seine Aufforderung scheint mir absolut berechtigt, schon allein deshalb, weil ich so gern wüsste, wie es in seinem Inneren aussieht. In ihm. Welche Zauberflüssigkeit durch seine Adern fließt und seiner ganzen Erscheinung diesen bronzenen Glanz verleiht. Also stehe ich auf und bohre mit der müden Bewegung eines alten Schäfers den Stock in die glibbrige Masse, an der Stelle, die mir am weichsten scheint. Weil nichts passiert, drücke ich die Spitze tiefer, bis das Tier in zwei Hälften zerreißt. Es ist fest, unempfindlich, wie ein zu zähes Stück Fleisch, seit Jahrtausenden tot. Ich bringe einen Kadaver zur Strecke und plötzlich rinnt mir der Schweiß von den Wimpern über die Wangen, brennende Tränen, die alles wegwischen, den Jungen, den Strand und diese Qualle, die ich für das Versprechen einer Sommerfreundschaft opfere.

2

Die Fliege

Kann eine Qualle, wie eine Zelle, ihre eigene Teilung überleben? Die Frage flimmert durch meinen Kopf, während ich reglos im Sessel liege und winzige Schlucke von meiner Orangenlimonade trinke. Mit dem Strohhalm ahme ich die Fliege nach, die auf meinem Knie Lymphflüssigkeit trinkt, ihren Rüssel im kleinen See einer Wunde, von der ich seit Tagen jede sich bildende Kruste entferne. Ich darf mich nicht bewegen, sie nicht verjagen, damit sie mir weiter Gesellschaft leistet. Wie der Junge, dessen Vornamen ich erst aufgeschnappt habe, als seine Mutter ihn rief. »Baptiste.« Bei diesem Ruf zuckte er mit den Schultern und sagte »Bis morgen«, als würden wir seit Jahren immer zur selben Zeit zusammen Quallen töten. »Bis morgen.« Ich habe also eine Verabredung. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft habe ich etwas zu tun. Einen Plan. Und dazu eine Menge Fragen. Meint er morgen zur selben Zeit? Hat er »morgen« gesagt und »bis bald« gemeint? Will er, dass wir wieder zusammen spielen oder uns bloß aus der Ferne zunicken? Wird er zu mir kommen? Soll ich am selben Ort auf ihn warten? Was werden wir zusammen unternehmen? Hat dieses Treffen tatsächlich stattgefunden? Alles, bis hin zur Existenz der Quallen, scheint mit einem Mal fraglich. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob ich heute Morgen am Strand war. Um es zu überprüfen, müsste ich im Flur nachschauen, ob die Bastmatten an der Garderobe vom feuchten Sand schimmern, ob man den Plastiksandalen noch den Ausflug in den Schlick ansieht und ob aus dem Badezeug Tropfen auf das brennend heiße Metall des Balkons fallen und sofort zu weißen, salzigen Flecken werden. Aber auch wenn ich es wagen sollte, die erdrückende Masse warmer Luft im Wohnzimmer zu durchqueren, um Gewissheit zu haben, würden mir die Matten, die Sandalen und das Badezeug bloß ihren reglosen Widerstand entgegensetzen. Sie leiden an Gedächtnisschwund, wie alle Dinge, die mich umgeben. Ich nehme noch einen Schluck von der Orangenlimonade und lasse den Strohhalm am Boden des Glases schnarren, um die Stille zu beenden. Vor mir liegen die wenigen Spielzeuge, mit denen ich mir manchmal die Zeit vertreibe. Viele Sommer alte Spielzeuge, die mir, soweit ich mich erinnere, nie etwas bedeutet haben. Sie warten dort, wie die Puzzleteile einer Langeweile, der ich nicht entkommen kann. Ich weiß nicht, auf welche Reise dieses rote Auto gehen oder welche Abenteuer dieser gelenkige Soldat bestehen könnte. Sie müssen selber schauen, wo sie bleiben, ich kann nichts für sie tun: Alle meine Versuche enden unweigerlich in Katastrophen, deren Umstände in meiner Kehle einen rostigen Geschmack hinterlassen. Wenn man allein die Niederlage seiner Armee überlebt hat, was soll man auf einer Anrichte anderes tun als hinunterzuspringen? Was kann einer Corvette in voller Fahrt auf einer Kommode anderes passieren als ein Sturz ins Leere? Und diese Lumpenpuppe mit den aufgestickten schwarzen Augen sieht eher aus wie eine Leiche und nicht wie eine Hoffnungsträgerin. Also warte ich bloß, dass Großmutter von ihrem Mittagsschlaf aufwacht und der Walzer der Hausarbeiten weitergeht, der in unseren Tagen den Takt angibt. Frühstücken, sich waschen, anziehen, zu Mittag essen, zu Abend essen, sich ausziehen, baden, schlafen gehen. Unser Leben ist eine Symphonie aus geöffneten Wasserhähnen, Spülungen, sich leerenden Wannen, erledigtem Abwasch, ausgewrungener Wäsche. Und für ein wenig Zerstreuung inmitten dieser Sintflut: das Meer. Eine Milliarde Milliarden Kubikmeter flüssige Teilnahmslosigkeit, in der die normalen Familien herumprusten. Mit einer Bewegung verscheuche ich die Fliege, deren Hartnäckigkeit mir langsam auf die Nerven geht. Die Standuhr schlägt drei, während meine einzige Ablenkung durch das Fenster davonfliegt.

3

Die Taufe

Versteckt unterm Sonnenschirm, den Mützenschirm tief ins Gesicht gezogen, liege ich auf meiner Matte und beobachte das Ballett der Familien am Strand. Besser gesagt, ich sauge es in mich auf. Die Intimität unter freiem Himmel lüftet einige der gut gehüteten Geheimnisse aus dem Alltag echter Kinder: die väterliche Begeisterung, für die man Sandburgen baut, die lästige Fürsorge der Mütter. Aber heute bin ich nicht ganz bei der Sache. Ich spähe zwischen den entfernten Umrissen nach dem einen, der sich beim Näherkommen als Baptiste entpuppen wird, und bin bereit, alle Quallen der Normandie mit meinem Stock aufzuspießen, um ihm zu gefallen. »Kommst du?« Da steht er vor mir, die Sonne im Rücken, was mich wieder zwingt, mit zusammengekniffenen Augen zu ihm aufzuschauen, um zumindest schemenhaft sein Gesicht zu erkennen. Er hat mich überrumpelt, meine zusammengewürfelten Spielzeuge um mich verstreut, lächerlich vor mich hin murmelnd über irgendwelche Hirngespinste. Vor allem aber hat er mich neben dieser dicken Frau im Badeanzug überrascht, die mit ihrem zerfurchten Gesicht im Schatten eines abgenutzten Sonnenschirms auf einem kleinen Klappstuhl mit Sonnenblumenmuster hockt und strickt. Meine geliebte Großmutter. So fremd an diesem Strand, dass ihr die Hitze nichts auszumachen scheint. Ich finde sie überwältigend, aber nicht so sehr wie Baptistes Anwesenheit. Ich komme unsicher auf die Beine und ziehe meinen Freund mit einer ungeschickten Handbewegung weg, während ich zu schnell über alles rede, was mir in den Sinn kommt, um ihn zu verwirren und den flüchtigen Anblick unseres kleinen Lagers aus seiner Erinnerung zu löschen. Aber bevor ich zwei Schritte machen kann, schreibt der Akzent meiner Großmutter meine Fremdartigkeit für immer fest. »Kehrt nicht zu spät zurück«, ruft sie uns in einer Lawine klangvoll gerollter Rs hinterher. Baptiste wirft einen Blick über die Schulter, runzelt die Stirn, bläht leicht die Nasenlöcher und nimmt unser Gespräch wieder auf, als habe er nicht ganz verstanden. Ich lasse mir nichts anmerken und ziehe ihn Richtung Meer, wo eine Reihe Quallen vor den Wellen Wache hält. »Glaubst du, sie spüren den Schmerz?« Das Selbstbewusstsein, mit dem ich am Vortag das arme Tier zerteilt habe, sichert mir immer noch einen Ehrenplatz in der Welt meines neuen Spielkameraden und macht mich zu seinem »Freund«. »Ein anderer Freund von mir«, sagt er, »kann Schlangen fangen.« Später werde ich die Freude über diesen Vergleich auskosten, aber zunächst halten mich die tausend Aufgaben beschäftigt, die meine neue Rolle mit sich bringt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie man sich mit einem echten Jungen verhält, ich weiche sogar seinem Blick aus. Er scheint diesbezüglich völlig unbekümmert. Seine einzige Sorge besteht darin, die ideale Waffe zu finden und unser mörderisches Tempo zu erhöhen. Unbeweglich schaue ich zu, wie er auf der Suche nach einem Stock mit der Energie eines jungen Hundes seine Kreise um mich zieht. Nachdem er den passenden gefunden hat, wedelt er mit dem Kopf eines toten Fischs herum, um aus unserem morbiden Treiben eine rituelle Opfergabe zu machen. Nebeneinander hockend beobachten wir die Wirkung der Bohrung auf den frisch aufgespießten Organismus. »Was ist der Unterschied zwischen einer lebenden und einer toten Qualle?«, überlegt er. Das Weichtier glänzt in der Sonne, völlig unbeeindruckt von unserer Neugier. »Bei drei fassen wir sie beide an«, sagt er. Mein Freund weiß nicht, dass ich mich gerade wegen der nesselnden Gefahr, die von den Quallen ausgeht, den ganzen Sommer vom Wasser ferngehalten habe. Ihre massive Präsenz an der Küste, von den Urlaubern gern ausgiebig beklagt, hat mir bei meiner Großmutter als Ausrede gedient, um nicht schwimmen zu gehen und immer bei ihr im sicheren Rechteck der Bastmatte zu bleiben. Allein mit meinen Büchern und meinen Gedanken, trotz ihrer ständigen Ermahnungen, für die sie den Blick nicht von ihrer Strickerei hebt. »Du verdirbst dir noch die Augen, wenn du die ganze Zeit liest. Geh ins Wasser, wie die anderen.« Ich frage mich, von welchen anderen sie spricht. »Aber die Quallen?« Ungläubig schnalzt sie mit der Zunge. Aber sie zwingt mich zu nichts. Meine Großmutter drängt mich nie. Wahrscheinlich weil sie selbst nicht schwimmen kann. Manchmal, wenn die Hitze zu groß ist, geht sie ans Wasser, kniet sich in die Brandung wie eine alte Bäuerin an den Waschtrog und besprenkelt sich mit der hohlen Hand mit Meerwasser. Ich müsste mich in diesen Momenten für sie schämen, aber das Gegenteil ist der Fall, ohne dass ich wüsste warum. Aber auf keinen Fall würde ich Baptiste davon erzählen. Und noch weniger von meiner Quallenangst. Es erfordert Mut, ein echter Junge zu sein. Als ich schicksalsergeben meinen Zeigefinger dem glibbrigen Haufen nähere, packt mich Baptiste am Handgelenk. »Bist du verrückt? Das brennt doch. Komm, wir gehen schwimmen, ist doch bescheuert, sich zu verbrennen, meine Mutter sagt, das tut höllisch weh und man muss draufpinkeln, nein danke.« Er steht auf und zieht mich hinter sich her in die Wellen. Ich schlingere in seinem Griff wie ein Schal im Wind. So leicht, dass ich das Wasser kaum spüre. Schon bin ich bis zu den Schenkeln drin. Bald legt sich das eisige Wasser um meinen Bauch, und zwei Wellen später wickelt es sich um meinen Hals. Und es fühlt sich unglaublich gut an. Endlich diese Frische in meinem Körper. Baptiste dreht sich zu mir. Wenn er untertaucht, seine Hand immer noch in meiner, tanzen die Algen seiner Haare auf der Oberfläche. Er kommt wieder hoch, die Augen vom Salzwasser gerötet, die Haare platt am Kopf, und fordert mich mit einer Kinnbewegung auf, auch unterzutauchen. Es ist wie eine Explosion aus Stille und Kühle, die die Welt und meinen Körper mitreißt. Die ganze Schwere der letzten Tage fließt in die Tiefe. Meine zehntausend Tonnen Einsamkeit verschluckt im Bauch des Meeres. Es gibt kein Vorher und kein Nachher mehr, und wenn da nicht das dünne Haltetau von Baptistes Arm wäre, der mich zurück in die Welt der Oberfläche zieht, würde ich mich dem Schlaflied der Wellen überlassen, weit weg vom fiebrigen Sommer.

4

Das Bad

Ab jetzt muss ich mit Baptiste rechnen, auch wenn er nicht da ist. Ich kann nicht mehr stundenlang reglos auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen und so wenig Luft wie möglich atmen oder wieder und wieder diesen alten Donald-Duck-Comic lesen, den ich schon auswendig kann. Ich weiß nicht, ob ich mein altes Italian Boy-T-Shirt noch mag, das meine Großmutter für mich geflickt hat. Nichts ist mehr sicher, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß bisher nur wenig über meine neuen Vorlieben: Ich halte mich ab jetzt von kohlensäurehaltigen Getränken fern (Baptiste mag das Prickeln nicht), und ich träume davon, zum Berg Fuji zu reisen (das ist sein Traum). In Erwartung neuer Hinweise versuche ich, seiner würdig zu sein, was nicht leicht ist, da meine Großmutter völlig danebenliegt, wirklich immer, in fast allen Dingen. Zum Beispiel tadelt sie mich ständig wegen meinem neuen Tick. Aber das ist kein Tick, sondern die beste Show, die ich je gesehen habe. Dafür puste ich mit der Unterlippe rechts in Richtung Auge und werfe dabei leicht den Kopf in den Nacken. Das macht Baptiste, um die Strähne zu bändigen, die ihm manchmal über das rechte Auge fällt. Das ist sein Ding, und ich wiederhole es wie ein Gebet vorm Spiegel über dem Kamin des Zimmers, das ich mit meiner Großmutter teile. Es ist riesig, sodass es auch zwei Zimmer sein könnten, und meine Matratze liegt recht weit weg von ihrem Bett, aber trotzdem will ich nicht, dass Baptiste erfährt, dass ich mit meiner Großmutter in einem Zimmer schlafe. Auch nicht, dass man durchs Badezimmer muss, um es zu betreten. Wenn ich darüber nachdenke, gibt es viele Sachen, die Baptiste besser nicht wissen soll, nicht nur in Bezug auf das Haus. Bisher habe ich es ihm nur von außen gezeigt, das Schieferdach kann man vom Strand aus sehen. »Da wohne ich«, habe ich gesagt und auf die Villa Magnolia gedeutet, ein dreistöckiges normannisches Bauwerk, von dem wir nur eine Etage bewohnen. Dann hat er mir gezeigt, wo er die Ferien verbringt, und mit einer lässigen Bewegung die riesigen Kreidefelsen der Vaches Noires mit eingeschlossen, als gehörten sie ihm. Deshalb stellte ich mir vor, er bewohnt ein koloniales Anwesen wie in den Filmen, wo reiche Amerikaner morgens in tischhohen Betten aufwachen, sich abends den Sonnenuntergang von den Stufen ihrer Villa aus ansehen und andauernd ihre widerspenstigen Strähnen aus der Stirn pusten. »Lass das«, ärgert sich meine Großmutter, als ich versuche, mir elegant den Schaum von den Augen zu pusten, während sie mich vom Rand der Badewanne aus liebevoll shamponiert. Eines der sinnlichsten Rituale des Paares, das ich mit dieser wortkargen Frau bilde. Mit Hilfe eines gelben oder grünen Plastikkrugs schüttet sie mir heißes Wasser über den zurückgelegten Kopf. Ein Mal, zwei Mal, so oft, bis meine Haare vor Sauberkeit knarzen, das Seifenwasser mir in einer wohligen Welle über die Schultern läuft und mich vor Glück schaudern lässt. Danach muss ich mich bloß noch vom Handtuch in den Schlafanzug und mit dem Schlafanzug ins Bett gleiten lassen und von der Aussicht auf meine nächste Begegnung mit Baptiste träumen.

5

Die Familien

Wenn Papa mit mir ins Kino geht, muss ich meine Begeisterung zügeln, weil er enttäuscht ist, wenn ich beim Rausgehen sage, dass das mein Lieblingsfilm war. Mein Vater ist oft enttäuscht. Nicht immer so wie dieses eine Mal, als ich ihm sagte, dass ich gerne eine Katze wäre, aber trotzdem. Falsches Spiel mit Roger Rabbit erfüllt anscheinend nicht die Kriterien für einen Lieblingsfilm, The Purple Rose of Cairo auch nicht. Obwohl ich in letzter Zeit oft an The Purple Rose of Cairo denken muss. Darin wird die Geschichte einer unglücklichen Frau erzählt, die ständig ins Kino geht und sich denselben Film anschaut, um ihr trauriges Dasein zu vergessen. Eines Tages verlässt ihre Lieblingsfigur die Leinwand und besucht sie im echten Leben. Dasselbe ist mir mit Baptiste passiert. Bis zu unserer Begegnung ging ich nur zum Strand, um die Familien zu beobachten. Ich breitete mein Handtuch irgendwo aus, und während meine Großmutter neben mir strickte, spionierte ich eine Familie aus. Im Allgemeinen waren zwei oder drei in der Nähe, die ich belauschen konnte. Wenn ich Glück hatte, war eine mit Kindern in meinem Alter darunter. Paare und Alleinstehende interessierten mich weniger, weil ich am liebsten Eltern mit ihren Kindern zuschaute. Der banale Alltag einer normalen Familie. Manchmal tat ich so, als würde der Stand der Sonne oder das Transistorradio meiner Großmutter mich beim Lesen stören, und legte mich mit meinem Handtuch näher zu einer vielversprechenden Familie. Um sie ausfindig zu machen, hatte ich einen Trick, der immer funktionierte. Wenn ich bei ihrem Anblick einen Stein im Bauch hatte, war es eine lohnenswerte Sache. Eine rundliche Mutter, die Schmuck trug, machte mir oft einen Stein im Bauch, bei Kindern, die glücklich aussahen, war es ein Fels. Es war wichtig, unbemerkt zu bleiben. Ich war fast unsichtbar. Ein zehnjähriger Junge neben einer alten Frau weckt keine Aufmerksamkeit. Trotzdem tat ich alles, um unauffällig zu bleiben – Schirm über den Augen, weit geöffnetes Buch vorm Gesicht –, aber nach wenigen Minuten vergaß ich alles, vergaß ich mich. Dann gab es nur noch mein gieriges Glotzen und meine offene Kinnlade. Sicher ein wenig unheimlich, nach den Blicken zu urteilen, die mir manchmal ein wachsamer Vater oder ein misstrauischer Jugendlicher zuwarfen. Aber was sollten sie in mir anderes sehen als ein etwas zurückgebliebenes Kind, das in der Brandung vor sich hinsabbert. Was mir weniger peinlich schien als die Wahrheit. In Wahrheit saugte ich alles auf, bis ich zur Luft wurde, die sie umgab, bis ich von ihren Lungen ein- und wieder ausgeatmet wurde, um zum Kern ihres Glücks durchzudringen. Ich hätte ihr Blut getrunken, um zu verstehen, wie es war, eine Familie wie alle zu haben. Eine Mutter, die dir den Rücken mit Sonnenmilch eincremt, einen Vater, der dich am Abend fest in die Decke wickelt und dabei eine Geschichte erzählt. Es gab vor