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Einmal im Jahr, am Todestag seiner Mutter, trifft ein junger Student seine Tante zu einem Spaziergang im Jardin du Luxembourg. Unter Platanen, die ihre ersten Blätter verlieren, eröffnet sie ihm nach Jahren plötzlich: Es war Selbstmord. Eines Nachts im Oktober schluckte die Mutter Medikamente, bevor sie sich auf die Gleise der Gare de Lyon legte. Ihr Sohn war sechs Jahre alt. Was tun mit einer solchen Wahrheit? Der junge Mann versucht, sie zu verstehen. Über ein zufällig entdecktes Foto trifft er alte Freundinnen seiner Mutter und findet Zugang zu einem Teil ihrer Geschichte, der ihm bisher verborgen geblieben ist. Er wird keine abschließende Antwort finden, aber eine Vielzahl von lebendigen Fiktionen. Seine Mutter hat sich nachts das Leben genommen. Daher beschließt er, wachzubleiben, seine Streifzüge durch Paris auszudehnen, als könnte er das Geschehene so überdecken und sich ihr zugleich auf neue Weise annähern. Und er überschreitet eine Grenze: die Schwelle zum Schwulenclub »Le Hangar« und zu seinem eigenen Begehren. Die Nacht wird zu einem neu zu erforschenden Terrain. »Die imaginäre Nacht« ist ein schwindelerregender Entwicklungsroman, sinnlich und fieberhaft: Eine Geschichte über die Wiedergeburt eines jungen Mannes, der seit dem Tod seiner Mutter die Luft angehalten hat und nun endlich wieder auftaucht.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2025
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HUGO LINDENBERG, geboren 1978, lebt in Paris. Sein Debütroman Eines Tages wird es leer sein (2023) wurde mit dem Prix Livre Inter, dem Prix Françoise Sagan, dem Prix Le Temps retrouvé und dem Prix littéraire de la ville de Caen ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Prix Premiere für die beste deutsche Erstübersetzung 2023-2024.
LENA MÜLLER, geboren 1982, studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus. Sie lebt als freie Übersetzerin und Autorin in Berlin. Für ihre Übersetzungen wurde sie 2016 und 2017 mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Debütroman Restlöcher.
Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel La nuit imaginaire, © Flammarion, Paris 2023
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.
Bereits übersetzte Literatur ist nach folgenden Ausgaben zitiert: Blaise Cendrars, Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich, aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn, Lenos, Basel 1998
Hervé Guibert, Verrückt nach Vincent, aus dem Französischen von J. J. Schlegel, MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 1999
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49a • D -22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de • [email protected]
Alle Rechte vorbehalten • © Edition Nautilus 2025
Deutsche Erstausgabe März 2025
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Porträt des Autors Seite 2:
© Alexandre Guirkinger
1. Auflage
ISBN EPUB 978-3-96054-381-7
I 16.000 Meilen vom Ort meiner Geburt
II Ich stellte mir vor, ich sei ein Räuber
III Und ich entzifferte Keilschrift
IV Die Sonne war eine hässliche Wunde
V Und meine Augen leuchteten alte Wege aus
VI Auch meine Hände flogen davon, rauschend wie Albatrosse
Für V., auf das kommende Leben
»Die anderen sind schrecklich lieb zu mir, aber ich bin nicht wirklich hier, ich bin mit dem anderen, der nicht da ist, ich mache mich abwesend, den Abwesenden wiederzufinden.
Wäre er da, wäre ich nirgendwo.«
HERVÉ GUIBERT,
Verrückt nach Vincent
»Mit der Vergangenheit ist es wie mit dem Ausland, es geht nicht um die Entfernung, sondern um das Überschreiten einer Grenze.«
CHRIS MARKER,
L’Ambassade
Ich trage keine Uhr mehr. Warum auch, ich gehe nie zu den Seminaren. Bei meinen Freunden schaue ich fast immer unangekündigt vorbei, so dass nie jemand mit mir rechnet. Der Akku meines Handys ist immer leer. Zeit ist überflüssig, ein Märchen für Erwachsene. Auf dem Giebel eines Gebäudes in meiner Nachbarschaft versucht eine Uhr, dem ganzen Viertel ihre Einheitszeit aufzuzwingen. Es ist sechzehn Uhr achtundzwanzig, wenn ich nach Hause komme, und keine Sekunde später, wenn ich das Haus wieder verlasse. Diese Haltung passt mir ausgezeichnet. Die Unterteilung in Minuten und Stunden hat mich zu lange vom Wesentlichen abgelenkt.
In diesem Herbst habe ich die Blätter im Jardin du Luxembourg zum ersten Mal einzeln fallen sehen. Ringsum nahm der Tod sich die Zeit, eins nach dem anderen von den Ästen zu reißen und zu Boden zu werfen. Das eilige Auge, abgelenkt vom Getriebe der Sekunden, bemerkte nichts. Eines Tages bedeckten die Blätter den Boden und man sagte: »Der Herbst ist dieses Jahr früh dran.« Man hob eine Kastanie auf, um sich vor Rheuma zu schützen, sie lag glatt in der Handfläche, ein Stück Kindheit in der Hosentasche.
Die Zeit war vor fünfzehn Jahren in Aufruhr geraten, als der Sieben-Uhr-Zug über den Körper meiner Mutter fuhr. Um von ihrem Tod nichts zu wissen, führte ich mein Leben in der Vergangenheit. Das Geräusch meiner Schritte auf dem Kies der Erinnerungen überdeckte die Möglichkeit der Gegenwart. Manchmal blieb ich vor einer Statue stehen und fragte, ob sie einen kleinen, unbekümmerten Jungen gesehen hatte – das ist nicht wahr, der bin ich nie gewesen –, und oft war diese Statue die Büste Stefan Zweigs. Er erinnerte sich nicht an dieses Kind und hatte selbst, dafür beneidete ich ihn, das Exil und den Tod dem Lärm der Welt vorgezogen.
In diesem Herbst hat sich die Mechanik der Zeit wieder in Gang gesetzt. Meine Tante und ich liefen wieder einmal die Wege im Jardin du Luxembourg auf und ab, und die Zeit zu verstehen war gekommen. Es hatte fünfzehn schweigende Spaziergänge an ihrem Todestag gebraucht, um endlich zu fragen. Die Blätter fielen unendlich behutsam, kleine Flocken von Eiche, Kastanie und Platane. Selbst mein geliebter Trompetenbaum verteilte seine letzten Fasern mit rührender Geräuschlosigkeit auf dem verlassenen Rasen. Ich hörte meine Tante Worte sagen, bei denen man sich die Ohren zuhalten möchte, und verfolgte das Schauspiel der weinenden Äste. Spaziergänger liefen achtlos vorbei. Morgen würden sie sagen: »Schau, der Herbst ist früh dran, die Blätter liegen schon alle unten«, obwohl sie doch dabei gewesen und durch den Sprühregen der Blätter gelaufen waren, ohne es wahrhaben zu wollen, unfähig, im Fallen jedes einzelnen das fortlaufende und umfassende, langsame aber entschlossene Voranschreiten des Kreislaufs der Natur zu sehen.
»Sie ist in der Nacht der Zeitumstellung zur Turmuhr der Gare de Lyon gegangen. Dort hat sie Barbiturate geschluckt und sich auf die Schienen gelegt«, sagte meine Tante im reglosen Sturm zerstückelter Bäume. Meine Mutter hat sich auf die Schienen gelegt. Ein helloranges Eichenblatt verließ seinen Ast, ein stiller, tausend Mal erlebter Sturz, dessen Verlauf ich zweifellos als Einziger verfolgte. Der Sprung ins Unbekannte nach einem Leben in der Höhe, hoffnungsloser und doch so ungewisser Sturz. Es tanzt nur für mich, legt sich aufs Kiesbett. Dann ein Windstoß, und es sind tausend Blätter auf einmal, ein Schwarm Vögel, deren Gefieder den Boden mit glatten, nach Waldboden duftenden Pfützen bedeckt. Sie hat sich zwei Mal umgebracht. Mit Barbituraten und indem sie sich auf die Schienen legte. Eines Tages werden die Äste nackt sein, und es wird immer noch wahr sein, eines Tages werden junge Triebe auftauchen, und es wird immer noch wahr sein, eines Tages werden die Blüten und der Sommer wiederkommen, und es wird immer noch wahr sein. Alles wird wiedergeboren, aber nicht sie. Ihre Seele ist dazu verdammt, vor der Uhr der Gare de Lyon umherzuirren, in dieser unnützen Zwischenphase im September, wo für nichts Zeit ist, außer sich umzubringen. Zwei Mal.
Schließlich hat meine Tante nichts mehr gesagt. Sie schaute zu den Bäumen und sah sicher auch das Spiel der Blätter, diese Gelöstheit, aus der der Winter zur Welt kommt. Wir teilten schweigend das Bild ihrer Schwester, meiner Mutter, auf meinen Wunsch endlich vervielfältigt, weitergegeben oder vielmehr zurückgegeben. Aus ihrer Tasche zog meine Tante ohne Eile einen kleinen weißen Karton, in dem eine mit Ornamenten eines indischen Palasts dekorierte Millefeuille-Schnitte wartete. Normalerweise hätte ich mein Erstaunen geäußert, dass sie trotz der achtlos hin und her geschwenkten Handtasche unversehrt geblieben war. Aber ich bewunderte bloß ihre cremige Architektur. Auch meine Tante hatte ihren zerbrechlichen Körper seit mehr als einem halben Jahrhundert intakt gehalten, trotz der Erschütterungen der Geschichte. Schweigend, und über dieses Schweigen war ich oft wütend gewesen. Ich habe ihr zugeschaut, wie sie ihr Opinel in das Gebäck stieß und den Palast in zwei Teile schnitt, und sah in der Präzision ihrer Bewegung einen Hinweis auf ihre Grausamkeit. Sie hielt mir mein Stück hin, eine weiße, weitläufige Villa mit Dachschräge. Ich dachte: Wenn all das vorbei ist, gehe ich. »All das« war die Watte, in der ich, seit ich sechs war, vor mich hindämmerte, seit der Sache, die für mich mit dem Knie meines Vaters auf dem Boden begonnen hatte, als er mir ihren Tod verkündete, wie ich endlich wusste, in der Nacht zuvor unter der Turmuhr der Gare de Lyon, am Tag der Zeitumstellung. »All das« war dieser unbewegliche Tanz meiner Mutter mit mir, dieser langsame Walzer, Auge in Auge, der die Realität ringsum wie auf dem Rummelplatz in einen bunten Nebel tauchte. »All das« machte mich schwindelig und ließ die Umgebung unscharf werden, weil ich ihren Blick nicht loslassen wollte. Ich glaubte fest an das »Danach«. Nach all dem würde es ein Leben geben, das Gefühl von Wind in den Haaren, eine Überschneidung, eine Übereinstimmung sogar mit dem Universum. So würde es kommen, ganz sicher. Ich stopfte mir die Hälfte des Millefeuille in den Mund, seine Struktur löste sich im Kontakt mit meiner Zunge in eine sahnige, süße Verblüffung auf. In meiner Mundhöhle die Erinnerung an einen untergegangenen Palast. Ich ließ mich von der Sanduhr des Herbstes wiegen. Ich sah in ihr eine nie dagewesene Einladung, die Zeiger der Uhr nach meiner Gegenwart zu stellen. Nach dem Winter würde nichts mehr starr sein.
Man muss einen gewissen Abstand zu den Toten wahren.
Ich setze die Wohnung von Monas Eltern auf die Liste meiner Schlupfwinkel, nach dem Musée Zadkine, der Kirche auf dem Boulevard und der Bibliothèque Mazarine. Ich könnte sie sogar auf die Liste der idealen Behausungen setzen, aber ich fürchte, durch übertriebene Begeisterung den Zauber zu brechen. Was, wenn plötzlich der Kleiderhaken am Eingang unter dem Gewicht des Mantels herunterfallen, der Duschschlauch undicht werden und die Sonne zur Frühstückszeit die Küche meiden würde? Ich würde es Mona gern sagen, wenn ich nicht versprochen hätte, noch eine Stunde lang still zu sein, damit sie lernen kann. Eine herrliche Ewigkeit, in der ich mich von ihrem arbeitsamen Rhythmus wiegen lasse, dessen Partitur ich als Liste festhalte: der Druck des Bleistifts auf der gelochten Doppelseite, der Earl Grey, der sich von der Teekanne in die Tasse ergießt, der Biss eines Tackers in die dicke Haut des Papiers. Und die höchste Ekstase, Mona, wie sie die Beschwörungsformeln einer weltlichen Geografie vor sich hinmurmelt. Fast möchte ich ihr eine Migräne wünschen, um das Gebet um das Prickeln einer Aspirintablette zu ergänzen, die ihre Wirkung in pudrigen Blasen entfaltet. Wenn ich sehe, wie Mona mit geschlossenen Augen die Finger wie eine Zange um ihre Nasenwurzel legt, lasse ich die Füße über die goldenen Dreiecke des Parketts gleiten und streichle mit den Augen den Himmel durch die drei großen Fensterflügel des Balkons. Ich öffne, ich nehme, ich schenke ein und richte auf einem kleinen braun lackierten Tablett das Stillleben aus einer Karaffe, einem Glas, einer Aspirin her, schon in der Vorfreude des verschwörerischen Blicks, den Mona mir zuwerfen wird. Die selbstverständliche Mechanik unseres geteilten Glücks. Mehr erwarte ich nicht von diesem eisigen Nachmittag, nur Origami falten im Einklang mit der Eleganz der Dinge, die mich umgeben. In der Wohnung von Monas Eltern wirke ich wie ein Junge, der Tennis spielen kann. Heute Morgen, als ich aus der Uni kam, hat mir die dick in Wolle eingehüllte Concierge die Familienpost hingehalten und mich junger Mann gerufen, und als Prinz bin ich die Treppe hinaufgestiegen, mit einem besorgten Blick auf den kleinen Stempel auf der Briefmarke, die den Fujiyama zeigt. »Kommen sie bald zurück?«, frage ich Mona. »Frühestens in einem Monat«, meint sie vom anderen Ende des Tischs, den Brief in der Hand, aus dem ein mit schwarzer Tinte unterschriebener Scheck schaut. Den Zeigefinger auf die Wand gerichtet, versuche ich die Zeit abzuschätzen und den winzigen Punkt ihrer Rückkehr fernzuhalten.
Ein Monat, das ist endlos, vor allem im November. Trotzdem wird im Augenblick der Koffer im Flur, im Dunst von weitgereisten Mänteln unser geheimes Leben nur noch eine unter der Kommode vergessene Fiktion sein. »Du spielst den Trottel«, sagt Mona und zeigt mit dem Kinn auf meine erhobene Hand, während ihr Lächeln mich anfleht, sie vom Lernen zu erlösen. »Was macht ihr beiden eigentlich die ganze Zeit?«, hat Armand mich letztens im Café gefragt, und ich konnte an nichts anderes denken als an das große Bett im Zimmer ihrer Eltern, breit und hoch, verlängert durch eine kleine mit Samt bezogene Bank, beheizbare Matratze, auf Knopfdruck verstellbar, zum Lesen oder um die Beine hochzulegen, elektrische Rollläden, Wandleuchten, warmes Licht, Elternbadezimmer mit Düsen in der Badewanne und einer Kabine mit tropischer Regendusche, zwei Waschbecken mit Mischarmatur, darüber sechs Parfümfläschchen mit schweren Kristallstopfen und Wattebäusche in einem großen Glas mit Deckel. Beim Zubettgehen habe ich oft Lust, mit Mona zu schlafen, aber ich traue mich nicht. Ich traue mich nicht, die Geste zu machen, die den Lauf unserer Freundschaft unterbrechen würde. Es wäre sogar weniger eine Geste als ein Zeichen, denn ich spüre, wie wachsam ihr Körper ist, wie ihr Körper wartet, und unter den Laken die feuchte Wärme unserer ungeduldigen Geschlechtsteile. »Wir lesen Bücher, wir schauen Filme, wir hören Platten.« Das habe ich Armand gesagt, ohne erklären zu können, wie sich das zwischen uns in dieser Wohnung entwickelt, in der wir unser Erwachsenen-Bohèmeleben spielen, während ihr Vater in Kyoto Geschäfte macht. »Stell dir vor«, sagt Mona, »wir wären ein sehr altes Liebespaar. Ich noch älter als du. Längst hässlich, manchmal gemein. Mit der schlechten Angewohnheit, mir immer die nächste Zigarette an der vorherigen anzuzünden, mit einer Vorliebe für bittere Drinks und kategorische Aussagen. Schreib mir ein Chanson.« Ich halte ihr eine Zigarette hin, von der ich wie von allen den ersten Zug nehme, und improvisiere einen Refrain: »Bitterer Rauch, Gift in deinem Hauch, launischer Chihuahua, ob in Macau oder Kuba, für dich brennt keiner mehr wie Lava.« Sie applaudiert, summt vor sich hin, geht aus dem Zimmer und kommt mit einem Burgunder aus dem elterlichen Weinkeller wieder. »Letztens hab ich was Krasses gemacht.« Bei Mona ist das Wort eine Auszeichnung. »Fabien, dieser Typ aus meinem Jahrgang mit dem Augenbrauenpiercing, den du nicht leiden kannst, ich hab heimlich in seinem Tagebuch gelesen.« Von allen Briefen liest Mona am liebsten die der anderen. »Er erzählt von seinen Nächten in einem Club im Marais, wo er zum Vögeln hingeht.« Mona sagt vögeln, ich finde das vulgär. »Das ist ein Nachtclub, unter dem es ein Labyrinth gibt.« Ich mag Labyrinthe und Geheimnisse, deshalb spitze ich die Ohren. »Manchmal kommt er morgens direkt zum Unterricht, nachdem er die ganze Nacht mit Unbekannten gevögelt hat.« »Das ist widerlich«, sage ich. Mona lässt ihre Kippe rot aufglühen und rollt zufrieden mit den Augen. »Im Gegenteil, er schreibt, dass er dort die Anwesenheit Gottes spürt, dass es sich wie ein heiliges Ritual anfühlt.« Schweigen, sie beobachtet die Wirkung auf mich. Ich frage mich, ob sie das mit Absicht macht. Mich an diesen Punkt zu bringen. Außer Ein Schweinchen namens Babe kreisen alle Filme, die sie in letzter Zeit für unsere gemeinsamen Abende ausleiht, um dasselbe. My Private Idaho, Happy Together, Maurice … Geblendet und überwältigt von meinen Fantasien geheimer Lüste verliere ich ihre aus dem Blick. Armand hat zu mir gesagt: »Manchmal hab ich den Eindruck, eine Figur in einem Stück zu sein, das Mona geschrieben hat, aber ich verstehe meine Rolle nicht.« Dabei steht seine Rolle in Monas Leben seit unserem ersten Tag in der Oberstufe fest, aber es ist nicht an mir, ihm zu sagen, dass er der abgewiesene Liebhaber ist. Ich hingegen wechsle in der sorgfältigen Inszenierung ihres Lebens ständig den Platz.
Später im Bett, einen Fuß an der frischen Luft außerhalb der Decke, die Ängste im Alkohol ertränkt und halb schlafend, versuche ich mir die Nächte von Monas Kommilitonen auszumalen, dessen Hässlichkeit und Freiheit ich gleichermaßen verabscheue. Erlöst von den Beschränkungen eines sich bewegenden Körpers lasse ich die Bilder, die den ganzen Abend in kurzen Wiederholungsschleifen in einem Hinterzimmer meines Geistes aufgeblitzt sind, an mir vorbeiziehen. Er, wie er durch die Nacht läuft, die glitzernde Augenbraue, die von einem Fieberdiamanten geschwollenen Lippen. Pflasterstraße, alte Straßenlaternen, Höllenpforte. Flure. Eine weiße Hand am Saum eines weißen T-Shirts, Geruch von Krypta, Schimmel, Heu und Pisse. Ich spule den Film zurück. Stelle mir einen Ort vor, mit Dialogen, Beleuchtung, Posen wie im Theater. Zischelnde Stimmen. Grelle Lichter. Präzise Gesten. Jungs, die die Silhouetten von Jungs spielen, die die Trugbilder der Gegenwart hinter sich lassen. Und die Möglichkeit für sie, für mich, dieses Konsulat der Ferne, in dem ich mir seit der Pubertät meine Fantasien erlaube, nach Belieben zu betreten und zu verlassen. Monas Stimme dringt zu mir, gedämpft vom Schweigen, das sich im Zimmer staut. »Halbgar?«, wiederhole ich und amüsiere mich darüber, dass sich ein Wort aus ihrem Traum geschlichen hat. »Han-gar«, artikuliert sie flüsternd. »Du hast mich nicht nach dem Namen des Clubs mit dem Labyrinth gefragt, er heißt Hangar.«
Unmögliche Nacht. Mona schläft, und ich schlafe nicht. Ich erstelle die Liste der Leute, denen ich ihren Suizid verzeihe: Kurt Cobain, Jean Eustache, Walter Benjamin, Yukio Mishima, Romain Gary, Stefan Zweig, Primo Levi, Patrick Dewaere, Sylvia Plath, Dalida, Nicolas de Staël, Mike Brant, Gilles Deleuze, Virginia Woolf, Guy Debord …
Unausgeschlafen im Bus, die Stirn an der Scheibe festgefroren, tauche ich an der Station Val-de-Grâce in der Realität auf. Der Strom der Oberschüler beendet den Nachhall meiner schlaflosen Nacht. Das Gepolter der auf den Boden geworfenen Taschen, die zerzausten Gestalten zwischen den Metallstangen, und auf der Pfütze aus braunem Leder eines Vierersitzes ein Aufruhr aus Armen, rosigen Wangen, ein Getümmel aus eng sitzenden Hosen. Vor allem einer macht mir zu schaffen, sein Hals pocht vor Erregung. Ich möchte meinen Mund an die Stelle legen, wo seine Ader pulsiert, eine atemlose Echse unter der zarten, rosafarbenen Haut. An seiner Art, sich die Träger seiner Tasche über den Rücken gleiten zu lassen, sein Knie fast bis ans Herz zu ziehen, ahne ich eine Ungezwungenheit, nackt zu sein, die ich ohne Zweifel nie haben werde. Meine Kleidung hängt schwer an mir, mir ist heiß. Ihm auch, von anderer Glut. Die der Klingel zum Schulschluss, der Körper, die zu lange sitzen mussten. Der Heizkessel der Gruppe, auf der Flucht zwischen dem Gefängnis der Schule und der elterlichen Einzelhaft. Ein Jahr, vielleicht zwei, dann fängt das Leben an. An den von der Aufregung geschürten roten Flecken, die ihre Gesichter überziehen, erkenne ich die fiebrige Ungeduld der letzten Jahre im Käfig. Ein wenig Schaum in den Mundwinkeln, schnell gehender Atem ausgeschwitzter Begehren, geweitete Nasenlöcher, Augen, die den Lärm der Gedanken abschirmen. Der Strom zwischen Mona und mir, ihr Begehren, fließt durch mich. In ihrer Gegenwart denke ich für zwei, mein Geist stimmt sich auf die Partitur unserer Freundschaft ein. Selbst wenn wir nicht sprechen, bin ich mit ihren Gedanken im Gespräch. Wenn ich bei einem Film ihr Desinteresse ahne, vergeht mir die Lust. Auch bei anderen mutmaße ich ständig, denke darüber nach, was sie denken, ersticke unter ihrer Psyche, die sich über meine legt. In diesem Herbst ersticke ich, und die geschlossenen Läden vor meinen einsamen Nächten reichen nicht mehr, um die Litanei ihrer Begehren aus meinem Kopf zu kriegen. In diesem Bus schirmt der Oberschüler mich ab. Seine Gedanken gehören ihm allein. Das Rätsel seiner Schönheit taucht mich in eine muskuläre Gegenwart. Ich fahre gierig mit den Augen, mit der flachen Hand, mit der Nase an ihm entlang, von unten nach oben, ich grabe mich in die Spalten, lasse meine Gedanken zwischen die Socke und die Jeans gleiten und wandere die Waden hoch, die Schenkel voller vom Wind niedergedrückter Ähren, unglaubliche Nähe seines Geschlechts, in den Falten zusammengerollt wie ein kleines Tier. Und in diesem Schlummern dasselbe Klopfen wie am Hals, ich möchte die Hand darauf legen. Der unter dichter Wolle vergrabene Bauch, eine Fluse im Bauchnabel, die Brust füllt sich durch den halb geöffneten Mund mit der Luft, die ich ausatme, die er einatmet, und hebt die silberne, an seinen Solarplexus gekettete Jungfrau an, körperwarmes Metall. So rein, dass kein Gedanke an seine Organe sich zwischen uns schiebt. Die Gleichung dieses Begehrens ist nicht neu, nur lösen sich unter dem Feuer seiner Iris alte Versprechen auf. Dort, zwischen der Rue Berthollet und der Rue Claude-Bernard, reicht der Ekel nicht mehr, reicht das Gift der Scham nicht mehr, das mir durch die weißglühenden Beleidigungen der Kapos der Mittelstufe auf dem Pausenhof injiziert wurde. Die, deren Macht darin besteht, jede Freude zu unterdrücken, versuchen, euch das zu nehmen, was vorher andere ihnen genommen haben. Der Widerhall ihrer Stimmen verliert sich, ich verbringe nicht mehr genug Zeit in den Institutionen des Wissens und der Gewalt. Nun bin ich frei und möchte seine Haut erkunden. Die Ader an seinem Hals lässt mir keine Wahl. Der Nachhall einer undisziplinierten, fruchtbaren Saison. Ich habe es aufgegeben, die Liste meiner Metamorphosen seit Semesterbeginn zu führen, ich versuche nicht einmal, Worte dafür zu finden, ich lasse mich mitreißen. In der Wohnung von Monas Eltern trinke ich morgens Kaffee. Zu Hause käme mir das vor wie Verrat. Letztens, als Mona schon im Unterricht war, habe ich nach dem Aufstehen allein getanzt, ohne Musik, ohne Grund. Etwas verschiebt sich, steigt aus den Tiefen des Ozeans in mir auf. Der schwere, rostige, knarrende Anker eines untergegangenen Schiffs, mit schwindelerregender Kraft an die Oberfläche gehievt. Eine Vorfreude, zu der ich das Ereignis bin, packt mich, ein dunkles Begehren aus Sex und Tränen. Der Oberschüler summt vor sich hin und schnipst aus Spaß gegen die Wangen, Arme, Münder seiner aufgedrehten Freunde. Er faltet sich auf, den Oberkörper nach vorn geneigt, die Beine breit, eine Hand beiläufig im Schritt. Er sieht mich nicht. Das mag ich. Dieselbe Freude, wenn der Vogel an mein Fenster pickt. Meine stumme Anwesenheit in der Schönheit der Welt. Ich überlege kurz, meinen Personalausweis in seine Kapuze zu schieben, wenn er aussteigt, ihn dazu zu bringen, meinen Namen zu lesen, meinen Namen zu sagen, mich zu suchen. Ich präge mir sein Bild ein, ich füge ihn zu meinen heidnischen Heiligenfiguren hinzu, »Klopfender Hals«, Schutzpatron der geheimen Lieben, den man bei nächtlichen Streifzügen nah am Herzen trägt. Ich sortiere ihn neben »Triefnase«, »YOP« und »Rote Kappe« ein, die in den letzten Wochen heiliggesprochen wurden. Diesen Altar behalte ich für mich. So sehr, dass ich das, was ich verschweige, für schöner halte und das Falsche mehr liebe als das Wahre. Der Bus fährt weiter Richtung Seine, ich schaue zu, wie die Oberschüler in der Ferne verschwinden und mit ihnen, das verspreche ich mir, die Zeit der imaginären Lieben.
Lass mich los, der Morgen dämmert schon.
Heute Morgen ist draußen alles blau. Diese Färbung der Luft, durchsetzt von den Träumen der Nacht. Ich zerreiße die Seiten, die ich gestern im Rausch der Erwartung geschrieben habe, in winzige Fetzen, damit das Puzzle meines Begehrens unleserlich wird, und lasse ein paar Schnipsel in meinem Tee schmelzen, der mir durch das Porzellan die Finger verbrennt. Mit der Decke im Warmen an der Heizung beobachte ich die vermummten Passanten auf dem Gehsteig, aus deren Mündern kleine Rauchwolken aufsteigen. Ich lehne die Stirn an die eisige Scheibe, lasse alles hinter dem Dunst meines Atems verschwinden und bin glücklich, als mein erwachendes Viertel und der schmelzende Schnee auf den Gehsteigen wieder auftauchen. Ich habe nichts vor, und damit es auch so bleibt, werfe ich mein Telefon in den Papierkorb und stelle mich unter die heiße Dusche. Ganz von Wolle umhüllt und in meinem dicksten Mantel verlasse ich meine Einzimmerwohnung, setze einen frierenden Fuß vor den anderen zwischen die zu Eis gewordenen Pfützen vor der Tür und wärme mich am Gedanken, vom Fenster aus mich selbst weggehen zu sehen. Dann tauche ich in den lauwarmen Schlund der Metrostation, lese murmelnd die Slogans an den Wänden. Im Waggon träume ich vor mich hin, die Nase im Pelz eines Damenmantels, bis eine unberechenbar wirkende Frau meine Unruhe weckt. Beladen mit überquellenden Plastiktüten voller Papier, den Körper verloren in viel zu weiten Kleidungsstücken, Krücke und fliehendes Gesicht hinter riesigen, blau getönten Brillengläsern. Ihr Wahnsinn hält mich in Schach, und unsere sich kreuzenden Blicke bilden einen Spannungskreis, eine Verbindung aus gegenseitiger Panik. Jeder fühlt sich vom anderen bedroht. Mit zittriger Hand malt sie etwas in die Luft, und wir wissen beide, dass es ein Zeichen für mich ist, ein Zauber. Ich schaue zu Boden. Die Schienen kreischen unter den Rädern des Zugs und übertönen den Singsang ihrer fast unhörbaren Kinderstimme. Ein Mädchen mit Walkman nimmt einen weiß eingepackten Käse aus ihrer Tasche und gibt ihn ihr. Der Form nach zu urteilen ein Ziegenkäse. Ihre Hände berühren sich. Die Verrückte sagt: »Danke, wirklich, Sie sind menschlich, nicht wie die anderen«, und wirft mir einen ängstlichen Blick zu. Von allen Fahrgästen bin für sie eindeutig ich derjenige, der für den desaströsen Lauf der Dinge auf dem Planeten steht. Ich wende mich ab, um mich auf einen der Plätze zu setzen, die für Schwangere, Alte und Kriegsversehrte reserviert sind, und versuche, diese gegenseitige Anziehung zwischen Psychopathen zu ergründen. Die Frau mir gegenüber lächelt verständnisvoll, und ich betrachte ihre molligen Hände, stelle mir vor, wie sie Plätzchenteig mit Zimt kneten, während der Glühwein in einem Topf auf dem Herd köchelt. Ihre Gutmütigkeit schützt mich vor der negativen Ausstrah
