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Dreizehn junge Autorinnen und Autoren, deren Kurzgeschichten ein weites Spektrum ausloten: Erzählungen von Aufbrüchen und Ausbrüchen, vom Ankommen und Verweilen, von Glück und Verzweiflung. - Mit Texten von Til Daniels, Miriam Förster, Doreen Geuenich, Lea Heinen, Tamara Hoffmann, Nele Jung, Lara Münstermann, Lara Pesch, Lisa Schröder, Jasmin Tosch, Alicia Visser, Jan-Niklas Wilden und Robin Zieger.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Til Daniels
Miriam Förster
Doreen Geuenich
Lea Heinen
Tamara Hoffmann
Nele Jung
Lara Münstermann
Lara Pesch
Lisa Schröder
Jasmin Tosch
Alicia Visser
Jan-Niklas Wilden
Robin Zieger
DER SPRUNG INS LEBEN
Tamara Hoffmann: Erinnerungen
Nele Jung: Sanfte Wellen
Jasmin Tosch: Der Sprung ins Leben
Lara Pesch: Hoffnung
Lara Münstermann: Ein schöner Morgen
Jan-Niklas Wilden: Drachensteigen
Lea Heinen: Generationen
Miriam Förster: Die falsche Hochzeit
LOST AND FOUND
Alicia Visser: Das wird ja immer besser
Tamara Hoffmann: Lost & Found
Miriam Förster: Und dann war plötzlich alles anders
Jasmin Tosch: Annika
Nele Jung: Wolke
Doreen Geuenich: Du bleibst
Miriam Förster: Das Kälbchen
Nele Jung: Es heißt, Wärme entsteht an Reibungsflächen
Miriam Förster: Die Lehrertasche
Jan-Niklas Wilden: Der Unfall
Lisa Schröder: Verlorene Erinnerungen
VON FLÜCHTLINGEN UND NAZIS
Tamara Hoffmann: Seelenweg
Alicia Visser: Köln 1939
Miriam Förster: Von Flüchtlingen und Nazis
Til Daniels: Der Sohn
IMPRESSIONI
Robin Zieger: Rom – Eindrücke und Impressionen
Jasmin Tosch: Trautes Heim
Tamara Hoffmann: Impressioni
Lea Heinen: Neuanfang
Lara Pesch: Roma
Doreen Geuenich: Viele Eindrücke
EIN ETWAS ANDERES WEIHNACHTEN
Jasmin Tosch: Es schneit
Lara Münstermann: Fest der Familie
Lea Heinen: Ein etwas anderes Weihnachten
Nele Jung: Bescherung
ZUFALLSBEGEGNUNG
Alicia Visser: Zu spät und doch genau richtig
Lisa Schröder: Schultag
Lara Münstermann: Das Ergebnis ihrer Liebe
Robin Zieger: Trügerische Idylle
Til Daniels: Strich
Lara Pesch: Handyverbot
Miriam Förster: Erinnerungen
Lea Heinen: Zufallsbegegnung
Lara Pesch: Rückkehr nach Hause
Lea Heinen: Glück im Unglück
NACHWORT
Der Geruch ihres Parfüms lag noch in der Luft, als sie die Tür öffnete und in das kleine Dachgeschosszimmer eintrat. Sie blieb einen Moment stehen, betrachtete das Zimmer aus dem Blickwinkel eines völlig Fremden. Die schweinchenrosa Wände waren mit Postern von Stars tapeziert, die Regale vollgestopft mit Kindheitserinnerungen. Irgendwie erschien ihr das Zimmer befremdlich. Als hätte nicht sie neunzehn Jahre ihres Lebens in diesem Zimmer gelebt, sondern eine Wildfremde.
Aber dies war ihr Zimmer. Ganz eindeutig. Da, da waren die Überbleibsel der Fingerfarben an der Wand, als sie mit ihrer Freundin beschlossen hatte, ihr Zimmer zu renovieren. Im Alter von fünf Jahren… Und hier, der dunkle Fleck auf dem blauen Teppich. An ihrem vierzehnten Geburtstag hatten sie und ihre Freundinnen hier oben gefeiert. Der Kirschvodka war nicht geplant gewesen.
Ja, es war eindeutig ihr Zimmer, die Erinnerungen klebten förmlich an diesem Raum. In diesem Zimmer hatte sie mit ihrem Bruder Prinz und Prinzessin gespielt, sich das erste Mal die Kante gegeben, als sie erfahren hatte, dass ihr Schwarm in ihre beste Freundin verliebt war und nicht in sie. Stundenlang hatte sie manchmal auf der Fensterbank mit Lesen verbracht. Mit ihrer Freundin hatte sie Höhlen aus Kissen und Decken gebaut, um sich dann später am Abend gegenseitig Gruselgeschichten erzählen zu können. Aber in der Höhle waren sie sicher gewesen vor all den schrecklichen Monstern.
Dieses Zimmer war ihr Rückzugsort, ihre Ruheoase, eine Zuflucht, wenn ihre Eltern so laut stritten, dass man es durch das ganze Haus hören konnte. Nirgendwo sonst konnte sie ihre Gefühle so offen zeigen. Lachen, weinen, schreien, kichern, brüllen. Sie ließ sich auf die Bettkante fallen und betrachtete die Poster. Die Gesichter von gut aussehenden jungen Männern und Frauen lachten sie an. Sie kannte noch all ihre Namen…Justin Bieber, Selena Gomez, die Jonas-Brothers…Damals hatte sie sich gewünscht, so wie sie zu sein.
Doch heute, da sie selber erwachsen war, ihr eigenes Geld verdiente und nun auch endlich in ihre eigene Wohnung beziehen würde, verspürte sie nicht im Geringsten das Bedürfnis, so zu sein wie diese retuschierten Stars mit ihrem unechten Lächeln und den unechten Körpern. Sie wollte einfach nur sie selbst sein, ihr eigenes Leben leben. Sie stand auf und wandte sich zum Gehen. Sie winkte ihren Erinnerungen zu und öffnete die Tür. Draußen warteten bereits die Möbelpacker auf sie.
Drei. Der dritte Gang, vorne in der Mitte! Von drei auf zwei! Schalten! Schalten! Von drei auf zwei. Zweiter Gang Dana! Zweiter Gang! Ok, ok, nicht ausruhen! Weiter! Von dem zweiten in den ersten! Kuppel! Kuppel doch! Eins. Erster Gang, langsam anhalten. Null.
Ich bin eine Null.
„Ok, Dana, wie war es für dich?“
Schrecklich, anstrengend. Ich kann mich kaum konzentrieren, wenn du pausenlos auf mich einredest. Mir sagen, worauf ich nicht achten soll, musst du auch nicht, weil ich erst dann darauf achte. Und dein dämliches „Siehst du? Jetzt siehst du schon wieder nicht auf die Straße!“ kannst du dir auch sparen.
„Naja es ging so…“ „Ach Dana, was ist denn dein Problem? Ich dachte, Frauen seien multitaskingfähig, da sollte das Schalten doch perfekt funktionieren.“
Ach ja? Und ich dachte, Männern müsse man jedes Wort aus der Nase ziehen, aber du sprichst mehr, als je in meinem Hirn ankommen könnte.
„Hmm… Ich kann mich heute einfach schlecht konzentrieren, ich habe wenig geschlafen.“ „Das habe ich gemerkt, Dana, sicher warst du noch lange feiern. Aber wer feiern kann, der kann auch arbeiten.“
Jaja, feiern, wenn man das so nennen kann… Und wer hat sich diesen dämlichen Spruch eigentlich ausgedacht? Wer ab und zu zur Ruhe kommt, mal an etwas anderes denken kann als nur Stress und Druck, der kann dann vielleicht auch arbeiten. Aber mit Feiern hat das wenig zu tun.
„Nein, ich war nicht mehr feiern.“ „Dann geh bitte nächstes Mal früher schlafen. Und hör mir richtig zu! Du bist doch ein kluges Mädchen, du kannst doch tun, was man dir sagt.“
Fragt sich nur, ob man Intelligenz an blinder Gehorsamkeit messen kann…
„Ja, ok.“
„So und jetzt muss ich weiter, Dana, du weißt ja, Zeit ist Geld!“
Und Geld hat immer nur den Wert, den man ihm beimisst.
„Tschüss Dana, grüß mal deinen Bruder, ich hab´ gehört, der wird Vater!“
Was du so alles hörst…
„Ja, tschüss!“
Klingeln. Tür auf. „Hallo Dana, wie war´s?“ Reingehen. Tür zu. „Es war schrecklich, Papa. Ich komme mit Wolfgang einfach nicht zurecht, er ist ein schrecklicher Fahrlehrer.“
„Ach Dana! Ich weiß, der Wolle ist speziell, aber der wohnt schon ewig hier im Dorf, noch nie hat es wegen dem Ärger gegeben, und du wirst immer mit Menschen zu tun haben, die du nicht magst, so ist das Leben.“
„Wie du meinst. Wo ist Isabell?“
„Oben. Sie ist sofort nach dem Arzttermin hergekommen, sie sagt, ihr gehe es schon besser.“
Das sagt sie schon seit sechs Wochen, jeden Tag.
Ich ziehe meine Schuhe aus, hänge die Jacke an den Haken und gehe langsam, eine Stufe nach der anderen, die Treppe hinauf, über den Flur zu meinem Zimmer. Schon vor der Tür höre ich ein leises Schluchzen. Ich atme tief, öffne die Tür, sehe auf mein Bett, Zittern begleitet von Schluchzen unter einer blauen Bettdecke mit Delfinprint; so eingerollt und versteckt kommt es mir so vor, als sähe ich mehr Depression als Mensch. Es ist also alles wie immer.
Ich gehe zum Bett, setze mich zuerst nur auf die Kante, strecke dann Beine und Oberkörper aus, lege mich zu ihr. Das Schluchzen wird lauter, das Zittern zum Zucken, das über ihren gesamten Körper verläuft.
Ich halte noch einmal kurz den Atem an, nehme sie in den Arm und streichle ihr Haar.
„Ich kann das nicht mehr, ich schaff´ das nicht, das geht nicht. Ich habe Angst“, flüstert es neben mir. – Die Angst ist das Problem, sie ist riesig und namenlos, oder vielleicht hat sie auch einen Namen und wir kennen ihn nur noch nicht…
Eine Träne beginnt ihren Weg über meine Wange, ich halte sie auf, streiche mit dem Finger über meine Wange, fange sie auf.
„Ich weiß, dass du alles schaffen kannst!“ Ich sehe sie an, lächle. Habe immer noch die Hoffnung, meine Kraft stärkt auch sie, doch auch meine Kraft lässt langsam nach. Sie lächelt für den Bruchteil einer Sekunde, ich nehme sie in den Arm, ihr Schluchzen ertönt wieder, es ist, als wäre es nie verstummt.
Ich fange an vom Meer zu sprechen, vom Strand, von sanften Wellen, von Sonne und Glück, versuche eine Traumwelt zu erschaffen mit meinen Worten. Sie wird leiser, aber nicht still; einige Male unterbricht noch ein tiefes Schluchzen oder ein leiser Schrei meine Worte. Also spreche ich weiter, von Ruhe, Sorglosigkeit und Freiheit, langsam schläft sie ein.
Was ist der Sinn des Lebens? Worum geht es wirklich? Gibt es überhaupt einen Sinn? In den letzten beiden Jahren habe ich mehrere Antworten auf diese Fragen kennengelernt, mich auf die jeweils aktuelle eingelassen, mit ihr zu leben gelernt und sie solange für die einzig wahre gehalten, bis sie wie eine penibel aufgestellte Reihe Dominosteine gekippt ist. In diesen ständig in sich zusammenfallenden Kartenhäusern habe ich mit Elias gelebt. Schon bei unserer ersten Begegnung ist klar gewesen, dass er etwas Besonderes ist. Anders. Aber „anders“ ist „faszinierend“ gewichen. Der Missmut der Zuneigung. Früher, als ich es mir je eingestehen würde.
Es war Sommer, als ich ihn kennenlernte. Ich war dabei, Einkäufe für die Schule zu erledigen, lief wie ein Packesel mit Tüten aus diversen Schreibwarengeschäften und tatsächlich einem neuen Paar Schuhen bepackt durch die Stadt. Eigentlich rannte ich eher. Letzten Endes vergebens, da ich trotzdem nur noch die Rücklichter des Zuges sah, in dem ich eigentlich hätte sitzen sollen. Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter am Abend ganz dramatisch davon erzählte. Wie die Henkel der Tüten in meine Hände schnitten, ich meine Strategie trotz steigender Erschöpfung und rapide fallender Konzentration mehrfach änderte und so weiter. Eine schöne kleine Geschichte, die mit folgenden Sätzen endete: „Und dann, ich hatte endlich das Schild mit der 8 darauf erreicht und die schier unzähligen Stufen erklommen, die Taschen halb hinter mir her geschleift, da erfüllte ein Rot mein Blickfeld. Ich hätte weinen können. Ein emotionaler Moment. Ich sah Frauen in Schwarz-Weiß-Filmen ihren Männern mit Stofftaschentüchern nachwinken. Denn das Rote war nicht der Zug, sondern nur dessen Rücklicht. Hmpf.“
Auf jeden Fall stand ich dann auf der Plattform und sah sehnsüchtig dem Zug nach. Und er lachte. Stand, warum auch immer, am Gleis, lehnte hinter mir an einen Pfosten und lachte. Ich mochte ihn nicht. „Jaja, blöd gelaufen“, patzte ich gereizt und funkelte ihn böse an, als er antwortete „Nö, nur zu langsam.“ Er grinste und zog an seiner Zigarette. Ich lachte auf. Sah ihm dann zu, wie er, der zu einem schwarzen Shirt eine ebenfalls schwarze und für meinen Geschmack zu enge Jeans trug, den Kopf in den Nacken legte und den Rauch in die Luft blies. Ich wandte mich ab und steuerte die Treppe an, um durch den Bahnhof in die Kölner Innenstadt zu kommen, wo ich mir ja nun eine Stunde vertreiben musste.
Das war zumindest der eigentliche Plan gewesen. Auf der zweiten Treppenstufe blieb ich nämlich bereits verwundert stehen, als ich ein kaltes und neutrales „Du fügst dich“ vernahm. Es kam natürlich aus seinem Mund und klang nach einer Art Feststellung. Als wäre es offensichtlich. Ich verstand es trotzdem nicht. Und obwohl ich von diesem Typen, der mich etwas anwiderte und vor dem mir gruselte, schnellstmöglich wegwollte, rief ich „Warum?“ zurück. „Du hast dir Sachen für die Schule gekauft, oder?“ Ich wunderte mich ein wenig über diese Gegenfrage als Antwort, aber nickte einfach, auch wenn er das nicht sehen konnte, da die die Treppe umrandende Mauer den Blickkontakt zwischen uns verhinderte.
„Du bist bestimmt im letzten Jahr und steuerst auf ein Traum-Abi zu.“ Wieder richtig. So halb. Er erschien am Treppenabsatz und ich drehte mich um, blickte zu ihm nach oben. „Und jetzt?“ „Du fügst dich“, wiederholte er. Da beschloss ich, dass er einen Knall hatte. Ging davon aus, dass er sich vermutlich mit Drogen sein Hirn zerstört hatte, und so drehte ich mich ohne ein weiteres Wort um und ging.
Als ich merkte, dass er mir folgte, machte sich ein Gemisch aus Angst, Verwirrung und Wut in mir breit, den Funken Neugier erstickte ich sofort. Er fing an zu reden. „Ich meine… Das wollen die doch. Dass du Sachen kaufst, eine ach so tolle Bildung genießt, Steuern bezahlst und prinzipiell das für dich vorgesehene Leben führst. Und du fügst dich. Unterwirfst dich den Großkonzernen und der Regierung, die die nicht wirklich existente Demokratie anpreist.“ Standardbiographie, hatten wir schon im Unterricht gehabt. Die sichere Variante des Lebens, der ich mich eigentlich nicht zugeordnet hätte. Ich war ein wenig sauer, dass er mir das zuschrieb, zumal er mich ja auch gar nicht kannte.
Das sollte die erste Ansicht sein, die ich über das Leben kennenlernte. Man wurde gänzlich unterworfen, kontrolliert, determiniert. Ein Leben als Schachfigur, wobei selbst dessen Grundstruktur „Schwarz gegen Weiß“ einen Akzent setzen konnte. So war es und dagegen musste man sich wehren. Sich dem hingeben war schlecht. Kontrolle auch. Ironisch war, dass er, der sich im Laufe des angebrochenen Gesprächs als Elias vorgestellt hatte, den halben Tag vor seiner Playstation verbrachte. Das Wort „Controller“ dürfte in diesem Zusammenhang bereits alles sagen und den Witz aufklären. Auf jeden Fall hing ich von diesem Tag an ständig bei ihm rum, saß auf dem Boden vor seinem Fernseher und kontrollierte die virtuelle Welt mit ihm, während die reale ohne uns funktionierte.
Ich gebe gerne zu, dass das Ganze immer etwas komisch gewesen ist. Erst einmal aufgrund seines Wesens. Er gehörte zu der Art von Leuten, die ich immer gemieden hatte und vor denen meine Eltern mich immer gewarnt hatten, aber mittlerweile sehe ich so ein Denken als oberflächlich an. Mir will schlichtweg nicht mehr einfallen, woher die Idee gekommen ist, überhaupt den Ausdruck „diese Art von Leuten“ zu verwenden und sich dabei auf äußerliche Merkmale zu beziehen. Und eigentlich war Elias unglaublich nett, freundlich, charmant, witzig, so gebildet und aufgeklärt, wie ich es nie sein werde, und gleichzeitig noch so vieles mehr. Wie er über das Leben philosophiert hat, mit einer Zigarette im Mund und mit Zitaten von Metal-Bands oder eben vor der Konsole. Ein Bild, welches sich in mein Gehirn gebrannt hat. Beeindruckend. Faszinierend. Einnehmend. Unbeschreiblich.
Kurz: Er war wundervoll. Und ich genoss es, wie er sich als Peter Pan in diversen Ego-Shootern anmeldete und Gegner platt machte, während wir uns über die Welt beschwerten, die so grausam war. Das Ganze mag so manch einem paradox und abstrus erscheinen, aber es entwickelte sich für mich zum einzig wahren Leben.
Ich erinnere mich auch noch an den Tag, an dem ich ihn fragte, woher sein Nutzername Peter Pan denn komme, wo die anderen doch McGunnery, Terminator23 und was weiß ich wie hießen. „Sie brüsten sich mit ihren Namen. Aber das ist Heuchelei, da steckt oft nichts dahinter. Tun ausschließlich so, als könnten sie etwas.“ Er schoss AEKai in den Kopf und schaltete ihn so aus.
„Und Peter Pan ist besser?“ Ich lachte. Konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie er mir eine vernünftige und wirklich sinnvolle Erklärung geben wollte, wusste aber gleichzeitig, dass genau das mich erwartete. Er seufzte gespielt enttäuscht. „Du erkennst da wirklich keine Verbindung?“ – „Nein…“ – „Werd‘ nie erwachsen und so.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ich helfe den Leuten quasi dabei. Indem ich sie… naja… töte… Mann, das klingt irgendwie falsch!“ Er grinste schief. „Außerdem bin ich genauso süß wie er, nicht wahr?“ – „Absolut.“ Wir lachten.
Aber sein Name passte wirklich. Nicht wegen seiner lächerlichen Erklärung, zumindest nicht ganz. Vielmehr, weil er selbst aus so vielen Gründen wirklich nicht erwachsen werden wollte und in sein virtuelles Nimmerland oder das seiner Fantasie floh, wann immer er konnte. All das und mehr. Seine ganzen Wertevorstellungen und seine Einstellung machten den Namen wirklich passend für den Träger.
Und diese Diskussion über Namen bei Computerspielen führte analog zur zweiten Theorie über das Leben.
Man steht auf, geht raus, verdient Geld und prahlt. Ein hoher Status als Lebensziel, der womöglich noch gespielt oder falsch ist. Wahrscheinlich besitzen die Leute dabei auch nicht das, was sie brauchen und auch nicht das, was sie im tiefsten Innern wollen. Manchmal auch nicht einmal das, wovon sie angeben, dass sie es hätten.
Klar, so sehr unterschied sie sich im Kern nicht von der ersten, stützte sich auf das gleiche Fundament, die gleichen Prämissen und beleuchtete die Sache von einer anderen Seite. Aber doch war sie irgendwie etwas ganz anderes.
Wie auch immer. Meine liebste Auffassung über das Leben ist die, dass das Leben nur durch Liebe lebenswert wird. Elias hat das nie so gesagt, aber trotzdem hat er mir zu dieser Erkenntnis verholfen. Vor uns flimmerte der Fernseher und wir machten uns über die Leute in einer Reality-Soap lustig. Und ich war glücklich und dachte mir: „Ach, wie schön das Leben doch sein kann.“ Es folgte ein
