Einführung in die Publizistikwissenschaft -  - E-Book

Einführung in die Publizistikwissenschaft E-Book

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  • Herausgeber: UTB
  • Kategorie: Bildung
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Mit diesem Lehrbuch wird eine systematische Einführung in das Fach Publizistikwissenschaft geboten. In den Beiträgen vermitteln die Autoren Basiskenntnisse zu allen relevanten Kernthemen und analysieren die jüngsten Entwicklungen in den Bereichen Medien, Öffentlichkeit und Informationsgesellschaft. Einige Kapitel sind den Grundlagen, Theorien und Modellen der Publizistik gewidmet, andere der Analyse von Struktur, Ökonomie und Regulierung des Mediensystems.Weitere Schwerpunkte sind Mediennutzung und Medienwirkung, Medienleistungen und Medienrealität und auch die grundlegenden Methoden der quantitativen und qualitativen Medienforschung.

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Seitenzahl: 803

Veröffentlichungsjahr: 2010

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UTB 2170
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage
Böhlau Verlag · Köln · Weimar · Wien Verlag Barbara Budrich · Opladen · Farmington Hills facultas.wuv · Wien Wilhelm Fink · München A. Francke Verlag · Tübingen und Basel Haupt Verlag · Bern · Stuttgart · Wien Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung · Bad Heilbrunn Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft · Stuttgart Mohr Siebeck · Tübingen Orell Füssli Verlag · Zürich Ernst Reinhardt Verlag · München · Basel Ferdinand Schöningh · Paderborn · München · Wien · Zürich Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich
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Bonfadelli, Heinz, Prof. Dr., Studium der Sozialpsychologie, Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich; Promotion 1980 mit einer Arbeit zur Sozialisationsperspektive in der Massenkommunikationswissenschaft; 1981/82 Forschungsaufenthalt an der Stanfort University in Kalifornien USA. Nachher wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich. 1992 Habilitation in Publizistikwissenschaft mit einer Studie zur Wissenskluft-Forschung. Seit Winter 1994 Extraordinarius und seit Winter 2000 Ordinarius für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Mediennutzung und Medienwirkungen; Kinder, Jugendliche und Medien; Online-Kommunikation; Wissenschafts-/Umwelt-/Risikokommunikation.
Jarren, Otfried, Prof. Dr., Studium Universität Münster (1974–1978); Wiss. Ass. Institut für Publizistikwissenschaft der Freien Universität Berlin (1979–1987); Geschäftsführer Journalisten-Weiterbildung Fachbereich KommWiss der FU Berlin (1987–1989); o. Professor für Journalistik am Institut für Journalistik Universität Hamburg (1995—2001); seit 1997 Ordinarius am IPMZ — Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, Forschungsschwerpunkte: Medien und sozialer Wandel; Medienstruktur und Medienorganisation; Medienpolitik; Politische Kommunikation; PR/Organisationskommunikation.
Siegert, Gabriele, Prof. Dr., Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (1982–1987). Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung, Universität Augsburg (1987–1995), dort Promotion 1992. Universitätsassistentin am Institut für Kommunikationswissenschaft, Universität Salzburg (1995–2001), dort Habilitation 2001. Vertretungsprofessorin im Bereich Medienwissenschaft der Universität Jena (1999) und am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der HMT Hannover (2000). Seit 2001 Ordinaria für Publizistikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienökonomie am IPMZ–Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Medienökonomie; Medienmanagement; Werbung.
1. Auflage: 2001
2. Auflage: 2005
3. Auflage: 2010
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8252-2170-6
ISBN 978-3-846-32170-6 (E-Book)
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2010 by Haupt Berne
Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig.
www.haupt.ch
UTB-Bestellnummer: 978—3-8252–2170–6
Hinweis zur Zitierfähigkeit
Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, kann diese Seitenzahl mitten in einem Wort stehen. Dies sieht etwas ungewohnt aus, sichert aber die Zitierfähigkeit dieses E-Books.
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Vorwort
Noch Mitte der 1990er-Jahre fehlte es an Lehrbüchern und an „Einführungen“ in unser Fach. Die Publizistik-, Kommunikations- oder Medienwissenschaft war eben noch eine eher kleine Disziplin und an vielen Orten deutlich unterdotiert, obwohl schon an den meisten Universitäten in Deutschland und auch in der Schweiz Kolleginnen und Kollegen in der medien- und kommunikationsbezogenen Lehre und Forschung tätig waren. Aus Vorlesungen entwickelten sich im Laufe der Zeit erste Skripte und dann vielfach eben auch Verlagspublikationen. Um diesem Defizit speziell in der Schweiz entgegenzuwirken, erschien 1994 noch unter der Ägide von Ulrich Saxer als „Diskussionspunkt 27“ das erste Mal die „Einführung in die Publizistikwissenschaft. Eine Textsammlung“. 1996 erschien die zweite, bearbeitete und erweiterte Auflage, und bereits zwei Jahre später wurde aufgrund der grossen Nachfrage die dritte und später sogar noch eine vierte Auflage, ergänzt und aktualisiert, herausgegeben. Die Besonderheit dieser „Textsammlung“ war, dass die in Zürich im Fach „Publizistikwissenschaft“ lehrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich vergleichsweise früh gemeinsam auf ein bestimmtes — interdisziplinär definiertes und sozialwissenschaftlich orientiertes — Fachverständnis verständigt hatten. Assistierende wie Professoren hatten von der ersten Auflage an gemeinsam das Werk konzipiert; die Beiträge wurden von allen Lehrenden erstellt und gemeinsam diskutiert. Die „Einführung“ hat sich damit stets weiter entwickelt. Sie konnte optimiert und verbessert werden, weil mit den Texten in Lehrveranstaltungen und bei Prüfungen Erfahrungen gesammelt wurden und eine Evaluation kontinuierlich stattfand.
2001 erschien dann in einer ersten Auflage eine neu konzipierte und um einige Lehrgebiete erweiterte „Einführung“, die auf den gesammelten Erfahrungen aufbaute. Erstmalig erschien diese „Zürcher Einführung“ nicht mehr als „Diskussionspunkt“ im Institutsverlag, sondern in einem Buchverlag. Damit wurde eine grössere Verbreitung angestrebt und auch realisiert, was sich in der 2005 gedruckten zweiten Auflage äussert. Seither sind fünf Jahre vergangen, welche auch im Fach |V◄ ►VI|deutliche Akzentverschiebungen nach sich gezogen haben, denen die nun vorliegende neu überarbeitete dritte Auflage Rechnung trägt. Zum einen wurde dem Internet durchgängig mehr Gewicht eingeräumt, zum anderen befasst sich ein Kapitel mit der komparativ verfahrenden Forschung.
Wir, die Herausgeber und die Autoren, begreifen unser Werk als einen Diskussionsbeitrag zur weiteren Entwicklung des fachlichen Selbstverständnisses unserer Disziplin „Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“. Der Band enthält das, was wir am IPMZ — Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich lehren und für unabdingbar halten für eine moderne sozialwissenschaftlich orientierte Ausbildung.
Zu danken haben wir allen beteiligten Autorinnen und Autoren für ihre anhaltende Mitwirkungsbereitschaft. Alle Beiträge wurden von Personen verfasst, die an unserem Studiengang lehren oder gelehrt haben. Ein Grossteil der Beiträge stammt von Assistierenden: Ihnen sind wir zur besonderem Dank verpflichtet, denn neben den grossen Belastungen in der Lehre und durch die hohen Anforderungen an die Weiterqualifikation war und ist ihr Zeitbudget stets knapp. Besonders herzlich zu danken haben wir Herrn Jesse Bächler, der als Assistent nicht nur alle Beiträge gelesen hat, sondern auch für die redaktionellen Arbeiten an diesem Band verantwortlich ist.
Heinz Bonfadelli / Otfried Jarren / Gabriele Siegert
Zürich, im Sommer 2010
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Inhaltsverzeichnis
TitelImpressumHinweis zur ZitierfähigkeitVorwortKAPITEL 1: META-PERSPEKTIVEN
PUBLIZISTIK- UND KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT–EIN TRANSDISZIPLINÄRES FACHKOMPARATIVE PUBLIZISTIK- UND KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFTZUR BEDEUTUNG DER EMPIRISCHEN METHODEN IN DER PUBLIZISTIK- UND KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT
KAPITEL 2: GRUNDLAGEN, THEORIEN UND MODELLE
KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENGESCHICHTEWAS IST ÖFFENTLICHE KOMMUNIKATION? GRUNDBEGRIFFE UND MODELLETHEORIEN UND THEORETISCHE PERSPEKTIVENÖFFENTLICHKEIT IM WANDEL
KAPITEL 3: SYSTEME UND STRUKTUREN
MEDIENSYSTEME — MEDIENORGANISATIONENMEDIENÖKONOMIEMEDIEN- UND KOMMUNIKATIONSPOLITIKMEDIEN- UND KOMMUNIKATIONSRECHT
KAPITEL 4: AKTEURE UND PROZESSE
JOURNALISMUSFORSCHUNGPUBLIC RELATIONSPOLITISCHE KOMMUNIKATION–AKTEURE UND PROZESSE
KAPITEL 5: MEDIEN UND INHALTE
MEDIENGATTUNGEN UND MEDIENFORMATEMEDIENINHALTE UND MEDIENINHALTSFORSCHUNGAUSWIRKUNGEN DER ÖKONOMISIERUNG AUF MEDIEN UND INHALTE
KAPITEL 6: NUTZUNG, REZEPTION, WIRKUNG
MEDIENNUTZUNGSFORSCHUNGMEDIENREZEPTIONSFORSCHUNGMEDIENWIRKUNGSFORSCHUNG
VERZEICHNIS DER AUTORINNEN UND AUTORENRegisterRechtsphilosophie, Rechtstheorie, RechtssoziologieAngewandte Rechtstheorie
KAPITEL 1: META-PERSPEKTIVEN
Zur Einführung
Mit der wachsenden Bedeutung von Kommunikation und Medien in der Gesellschaft sind auch die Relevanz und die Nachfrage nach der für dieses Gebiet zuständigen wissenschaftlichen Fachdisziplin gestiegen. Dabei wird deutlich, dass es nicht nur eine verwirrende Vielfalt an Fachbezeichnungen gibt, sondern auch, dass unterschiedliche theoretische Perspektiven, aber auch je andere methodische Vorgehensweisen gewählt werden. Das Kapitel 1 beschäftigt sich einerseits mit dem Fach „Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ und mit dem Gegenstand bzw. dem Lehr- und Forschungsfeld „Kommunikation bzw. Massenkommunikation”, mit dem sich diese universitäre Disziplin befasst (vgl. Beitrag Publizistik- und Kommunikationswissenschaft — ein transdisziplinäres Fach, i. d. B.). Andererseits werden auch die methodischen Zugänge zu diesem Untersuchungsgegenstand behandelt, wobei in jüngster Zeit verstärkt Untersuchungen mit einer komparativen Perspektive an Bedeutung gewonnen haben (vgl. Beiträge Komparative Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Zur Bedeutung der empirischen Methoden in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, i. d. B.).
Trotz der vorhandenen Vielfältigkeit, die im ersten Beitrag näher ausgeführt wird, basiert die vorliegende Einführung auf einem konkreten Selbstverständnis der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft als einer transdisziplinären und vornehmlich sozialwissenschaftlich-empirisch ausgerichteten Disziplin. Gleichzeitig wird aber den Herausforderungen des medialen Wandels — Stichwort „Internet“ — Rechnung getragen. Denn die vor allem technisch initiierten, aber sozial organisierten Veränderungen durch die neuen Informations-und Kommunikationstechnologien betreffen gleichzeitig die Strukturen, Strategien, Inhalte und die Rezeption nicht nur der öffentlichen, sondern auch der privaten Kommunikation. Diesem Selbstverständnis folgend wird im ersten Beitrag auch der weitere Aufbau des Buches erläutert.
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Heinz Bonfadelli/Otfried Jarren/Gabrielle Siegert
PUBLIZISTIK- UND KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT–EIN TRANSDISZIPLINÄRES FACH
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Es gibt keine einfachen und eindeutigen Antworten auf die Fragen, was öffentliche Kommunikation ist bzw. was Medien sind und inwiefern öffentliche Kommunikation und Medien die alleinigen Untersuchungsgegenstände der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sein sollen. Vielmehr bestehen verschiedenste Auffassungen über den Gegenstand der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Und je nach der theoretischen Konzeption ihres Gegenstands variiert auch das darauf bezogene wissenschaftliche Selbstverständnis der Disziplin.
1 Zur Identität und Geschichte des Faches
Vielzahl der Fachbezeichnungen
Die universitäre Verankerung und die Herausbildung der Identität der verhältnismässig jungen sozialwissenschaftlichen Disziplin „Publizistik-und Kommunikationswissenschaft“ und die Bestimmung ihres Gegenstands sind sowohl im deutschen als auch im englischen Sprachraum mit Schwierigkeiten und Spannungen verbunden (gewesen). Sichtbar wird dies in der Vielzahl der bestehenden und sich konkurrenzierenden Fachbezeichnungen wie Publizistik-, Kommunikations- sowie Medienwissenschaft oder gar Journalistik, aber auch in den verschiedensten neuen Handbüchern (vgl. Bentele/Brosius/Jarren 2003) und Lehrbüchern in diesem Bereich (vgl. u. a. Kunczik/Zipfel 2001; Burkart 2002; Faulstich 2002; Hickethier 2003; Pürer 2003; Beck 2007; McQuail 2010). Trotz dieser Schwierigkeiten geht die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) als wissenschaftliche Fachgesellschaft davon aus, dass es sich um ein Fach handelt, das sich mit ähnlichen Problemen und Gegenständen beschäftigt, nämlich vor allem der öffentlichen Kommunikation.
Bindestrich-Wissenschaft
Aus der Aussenperspektive erscheint das Fach jedoch als heterogen, bestenfalls als Bindestrich-Wissenschaft. Praktisch alle Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigen sich nämlich, allerdings aus ihrer jeweiligen Fachperspektive heraus, mit Teilbereichen des Gegenstands (Massen-)Kommunikation wie Medienphilosophie, Mediengeschichte, Medienökonomie, Medienpolitik, Medienrecht, Mediensoziologie, Medienpsychologie, Medienpädagogik etc., um nur einige zu nennen.
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Abbildung 1: Lehr- und Forschungsfeld der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Quelle: modifiziert nach Pürer 2003: 20
Wurzeln deutschsprachiger Publizistikwissenschaft
Die Wurzeln der deutschsprachigen Publizistikwissenschaft (vgl. Saxer 1980; Rühl 1985; Glotz 1990; Bentele 1999) liegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der historisch-biografischen und praxisorientierten „Zeitungskunde“: In Deutschland wurde 1916 der erste Lehrstuhl für Zeitungswissenschaft in Leipzig eingerichtet (vgl. Pürer 2003: 15). In der Schweiz erfolgte die Institutionalisierung später, wenngleich bereits 1903 in Zürich die Habilitation von Oscar Wettstein erfolgte und in der Folgezeit mit einem (kleinen) Lehr- und Forschungsbetrieb an der damaligen Staatswissenschaftlichen Fakultät begonnen wurde. Auch in Bern gab es bereits ab 1903 Lehrveranstaltungen. In Zürich wie in Bern bezog sich die Lehre zunächst auf die akademische Vorbildung von Journalisten (vgl. Schade 2005: 13 ff.).
Entgrenzung des Gegenstands
Der Wandel des Mediensystems hatte aber notwendigerweise eine ständige Ausweitung und Entgrenzung des Gegenstands der Publizistikwissenschaft zur Folge, beispielsweise in Richtung Massenkommunikationswissenschaft mit dem Aufkommen der Medien Radio und Fernsehen in den 1930er- und 1960er-Jahren sowie der Online-Kommunikation in den 1990er-Jahren. Neben der Integration kam
Spezialisierungen
und kommt es zugleich auch zu Spezialisierungen in eigenständigen Disziplinen, z. B. als Buch- (Universität Leipzig) oder Filmwissenschaft (Universität Zürich).
Ab den 1960er-Jahren rückte als Folge der Rezeption des amerikanischen „communication research“ (vgl. Kivikuru 1998) die sozialwissenschaftliche|6◄ ►7|Perspektive ins Zentrum der deutschsprachigen Publizistikwissenschaft. Sie brachte eine deutlichere empirische Ausrichtung der Disziplin mit sich. Und Mitte der 1970er-Jahre wurden in Deutschland erste berufsorientierte Diplomstudiengänge für das anwendungsorientierte Fach „Journalistik“ an den Universitäten eingerichtet. In den 1990er-Jahren kamen weitere spezialisierte Ausbildungsangebote (z. B. Public Relations [PR] oder Medienmanagement) hinzu. Seitdem professionalisiert sich das Fach meist unter schwierigen Rahmenbedingungen und differenziert sich zunehmend in Teilgebiete aus.
Medienwissenschaft
Etwa zur selben Zeit entdeckte die Germanistik die Massenmedien als Forschungsgegenstand, zusammen mit der Rezeption der sog. Cultural Studies (vgl. Beitrag Theorien und theoretische Perspektiven, i. d. B.), und es etablierten sich seit den 1980er-Jahren vermehrt unter der Bezeichnung Medienwissenschaft (vgl. Faulstich 1994:9; ders. 2002: 74 ff.; Hickethier 2003: 5 ff.) neue sprach- und geistes- bzw. kulturwissenschaftlich orientierte Forschungsbereiche und Studienangebote an verschiedenen deutschen Universitäten (z. B. Universität-GH Siegen). Auch in der Schweiz finden sich geistes- bzw. kulturwissenschaftlich orientierte Institute (z. B. Institut für Medienwissenschaften an der Universität Basel oder Institut für Populäre Kulturen an der Universität Zürich). Neben universitären Angeboten treten heute verstärkt auch Lehrangebote an Fachhochschulen (z. B. an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur oder an Künstlerischen Hochschulen (z. B. Kunsthochschule für Medien in Köln) auf.
2 Facetten des Gegenstands und Fachverständnisse
2.1 Material- vs. Formalobjekt
Eine Bestimmung des Gegenstands des Fachs allein über ihr Materialobjekt, also durch Aufzählung von einzelnen (Massen-)Medien wie Presse, Buch, Radio, Fernsehen, Film oder Online-Medien, genügt also nicht, können doch an diese Medien aus verschiedenen Blickrichtungen heraus ganz unterschiedliche Fragen — z. B. ökonomische vs. soziologische vs. psychologische — gerichtet werden (vgl. Abb. 1). Jede dieser Perspektiven führt zu einem je anderen Formalobjekt. Inter- oder transdiziplinäre|7◄ ►8|Forschung (vgl. Faulstich 2002: 70 ff.) ist dem Gegenstand vielfach angemessen, findet jedoch aufgrund von Fakultätsgrenzen und Fachinteressen selten statt.
Abbildung 2: Facetten der (Massen-)Kommunikations-, Medien- und Publizistikwissenschaft
Quelle: eigene Darstellung
2.2 Perspektivenvielfalt
Unterschiedliche Fachverständnisse
Kommunikation als soziales Totalphänomen kann aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus thematisiert werden, was sich in der je anderen Namensgebung und der je unterschiedlichen theoretischen wie auch empirisch-methodologischen Ausrichtung des Fachs spiegelt. Kritisiert wird, dass der Theorieimport aus anderen Disziplinen wie z. B. der Psychologie dominiere und es an eigenständiger Theorieentwicklung mangle.
• Die Bestimmung des Fachs kann über die interpersonale (unvermittelte) Kommunikation als allgemeine Kommunikationswissenschaft erfolgen oder über die technisch vermittelte Kommunikation als Massenkommunikationswissenschaft.
• Im Unterschied zur Massenkommunikationswissenschaft, bei der sich die Bezeichnung am technischen Medium orientiert, liegt der
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Fokus bei der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft vor allem, aber nicht nur, auf der durch Medien hergestellten Öffentlichkeit. Fragen der interpersonalen bzw. der privaten Kommunikation (z. B. Mobilkommunikation) wurden bislang eher am Rande thematisiert, haben aber im Zusammenhang mit der verstärkten Medienkonvergenz an Bedeutung gewonnen.
• Die Journalistik, erst im geringen Umfang universitär institutionalisiert, orientiert sich am Handlungssystem Journalismus, das Inhalte für die Öffentlichkeit her- und bereitstellt.
Praxis- und Wissenschaftsorientierung
Journalistik (vgl. Weischenberg 1995) wie auch PR beziehen sich auf Institutionalisierungen des Fachs, die praxisorientiert sind und in denen die Journalisten- oder PR-Leistungen für die Gesellschaft im Zentrum stehen, im Gegensatz zu den stärker wissenschaftlich orientierten Disziplinen bzw. Ausbildungsgängen wie Publizistik- oder Kommunikationswissenschaft: Hier steht die Reflexion öffentlicher Kommunikation aus sozialwissenschaftlicher Perspektive im Mittelpunkt.
2.3 Verschiedene Analyseebenen
Analysen auf Mikro—, Meso— und Makroebene
Kommunikationsphänomene können aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, wie z. B. Psychologie oder Soziologie, und auf verschiedenen Ebenen untersucht werden: auf der Mikroebene von Personen bzw. Medienakteuren und Medienaussagen, auf der Mesoebene von Medienorganisationen und -institutionen und auf der Makroebene der Mediensysteme. In der Praxis ist zumeist eine disziplinäre Spezialisierung erkennbar (z. B. historische, linguistische, technologische, psychologische, pädagogische, soziologische, ökonomische, juristische Zugriffe), denn die unterschiedlichen Sichtweisen sind nicht ohne Weiteres integrierbar. Zudem ist es vielfach aus erkenntnistheoretischen Problemen nicht möglich, Analysen sowohl auf der Mikro- (Handlungsebene) wie auf der Makro-Ebene (gesellschaftliche Ebene) durchzuführen.
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2.4 Unterschiedliche methodische Zugriffe
Quantitative und qualitative Methoden
Die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft versteht sich heute mehrheitlich als empirisch orientierte Sozialwissenschaft und integriert dementsprechend theoretische Konzepte und Ansätze sowie methodische Verfahrensweisen beispielsweise aus der Soziologie, der Politologie, der Ökonomie oder Psychologie. In Abgrenzung dazu definieren sich die Medienwissenschaft im deutschen und die sog. Cultural Studies im englischen Sprachraum mehr als Geistes- bzw. Kulturwissenschaften mit einer stärkeren Betonung von qualitativen Methoden.
3 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
3.1 Integrationswissenschaft — Transdisziplinarität — Methodenpluralismus
Öffentliche Kommunikation
Die publizistik- und kommunikationswissenschaftliche Forschung befasst sich primär mit der öffentlichen Kommunikation, die durch (Massen-)Medien wie Presse, Radio, Fernsehen, Online-Kommunikation und — mit geringer Bedeutung — Buch und Film hergestellt wird. Im Zentrum des Fachs stehen die Deskription und Erklärung der verschiedensten Phänomene und Probleme der modernen Gesellschaft als eine Medien- und Informationsgesellschaft unter Berücksichtigung der an ihr beteiligten Akteure und deren Strategien, die Leistungen der Medien sowie ihre Effekte auf Rezipienten und die Gesellschaft insgesamt, und zwar mit einem Fokus auf die beeinflussenden Faktoren (soziale, politische, ökonomische Strukturen) sowie vermittelnden Prozesse.
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Abbildung 3: Gegenstand „öffentliche Kommunikation“ Forschungsfelder und Forschungsprozess der Publizistikwissenschaft
Quelle: eigene Darstellung
3.2 Gegenstand, Fragestellungen und theoretische Perspektiven
Gegenstand
Den zentralen Gegenstand der klassischen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft bilden alle Formen der öffentlichen Kommunikation bzw. Massenkommunikation, deren wissenschaftliche Erhellung in Form von Definitionen, Modellen und Theorien geschieht (vgl. Kapitel Grundlagen, Theorien und Modelle, i. d. B.). Der interpersonalen, d. h. |11◄ ►12|der zwischenmenschlichen Kommunikation wird als Basisphänomen insoweit Beachtung geschenkt, als diese an öffentliche Kommunikationsprozesse gebunden ist (vgl. Bentele 1999: 5).
Die Entwicklung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien führt jedoch nicht nur zu einem Strukturwandel der Medien- bzw. der Gesamtwirtschaft, sondern macht auch bislang geltende Grenzen zunehmend durchlässig. Dies bedeutet nicht nur, dass wir es mit einer Vielfalt von Formen öffentlicher Kommunikation zu tun haben, sondern auch, dass deren Abgrenzung von gruppenspezifischer und interpersoneller Kommunikation (z. B. Mobilkommunikation) oder von Transaktion (z. B. E-Commerce) zunehmend problematisch wird. Als Konsequenzen dieser Entwicklung wird u. a. diskutiert, anhand welcher Elemente Medienunternehmen konkret bestimmt werden können, ob neue, bislang weniger beachtete Akteure, z. B. aus der Telekommunikation, zu relevanten Akteuren im Mediensystem werden, ob Transaktionsfernsehen öffentliche Kommunikation ist und inwiefern die Online-Kommunikation Rezipienten auch zu Kommunikatoren werden lässt. Die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft muss sich dieser aktuellen informations- und kommunikationstechnologischen Entwicklung stellen, weil sie ansonsten an gesellschaftlicher Erklärungskraft verlieren könnte.
Fragestellungen
Originäre Fragestellungen
Das Fach hat eine Reihe von originären Frage- und Problemstellungen entwickelt. Dazu gehören folgende Punkte:
• Medien und Gesellschaft: Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie ökonomischen und institutionellen Voraussetzungen, aber auch die medientechnische Basis, unter denen sich die Massenkommunikation vollzieht.
• Medienstrukturforschung und Medienentwicklung: Die Organisationen des Mediensystems und Strukturen im Mediensystem und deren Entwicklung.
• Kommunikatorforschung (Journalismus und PR): Die Prozesse der Produktion von Medienbotschaften.
• Inhalts- und Qualitätsforschung: Die durch die Massenmedien in Form von manifesten und latenten Aussagen produzierte Medienrealität und deren Resonanz in der Öffentlichkeit.
• Publikums- und Rezeptionsforschung: Die Publika der Massenmedien,|12◄ ►13|ihre Strukturen, sowie die Prozesse der Medienrezeption und die dahinterstehenden Wünsche und Erwartungen.
• Wirkungsforschung: Die individuellen und sozialen, intendierten und zufälligen, kurz- wie langfristigen, sozial erwünschten, aber auch schädlichen Effekte der Massenmedien auf Wissen, Einstellungen, Emotionen und Verhaltensweisen.
Theoretische Perspektiven
Theorienpluralismus
Wie in anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen auch, existiert in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft keine alles dominierende theoretische Perspektive (vgl. Burkart 1997). Das Fach ist eher durch einen Theorienpluralismus (Handlungs- wie auch Systemtheorien) charakterisiert (vgl. Beitrag Theorien und theoretische Perspektiven, i. d. B.). Die meisten der verwendeten theoretischen Ansätze stellen Hypothesensysteme über relativ eng begrenzte Teilbereiche der öffentlichen Kommunikation dar — sog. Theorien mittlerer Reichweite–, wie z. B. zu den Teilbereichen der Nachrichtenselektion auf der Mesoebene (Redaktion als Organisation) oder der Medienwirkungsphänomene auf der Mikroebene (Individuum). Am ehesten gibt es auf der Makroebene umfassende allgemeine Theorieentwürfe oder Paradigmen. In den 1970er- und 1980er-Jahren waren im deutschen Sprachraum der Strukturfunktionalismus und darauf aufbauend die Systemtheorie auf der Basis der Arbeiten von Niklas Luhmann (1996) besonders erfolgreich. Ein neueres, aber sehr kontrovers diskutiertes Paradigma stellt der Konstruktivismus (vgl. Beiträge in Bentele/Rühl 1993; Schmidt/ Zurstiege 2000) dar. Andere, in der Öffentlichkeit stark beachtete Entwürfe von medienphilosophischen und kulturkritischen Autoren, wie Marshall McLuhan (1968), Neil Postman (1985) und Pierre Bourdieu (1998) oder neue postmoderne Autoren, wie Paul Virilio, Jean Baudrillard oder Vilém Flusser (vgl. Kloock/Spahr 1997; Weber 2003), welche Phänomene und Entwicklungen wie Beschleunigung, Simulation und Vernetzung ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen, betrachtet man in der akademischen Disziplin als eher unergiebig, da sie nicht ohne Weiteres empirisch überprüfbar sind (vgl. Bentele 1999: 7; Saxer 2000).
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4 Aufbau und Logik des vorliegenden Buches
Integrationswissenschaft
Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wird in den Beiträgen dieses Einführungsbandes als transdisziplinäres Fach mit vornehmlich sozialwissenschaftlich-empirischer Ausrichtung verstanden und konzipiert. Gleichwohl wird neben sozial- auch mit kulturwissenschaftlichen Ansätzen gearbeitet, wobei diese Konzepte im Rahmen einer integrationswissenschaftlichen Perspektive gegenstandsbezogen verknüpft werden und Ausgangspunkt für eine eigenständige Theoriebildung sein sollen. Dabei werden Theorie- und Methodenpluralismus gepflegt. Einen übergreifenden Einblick in den Methodenpluralismus gibt auch der zweite Beitrag dieses Kapitels.
Die Logik des Buches unterscheidet zwischen Kapiteln und Beiträgen. Mit Beiträgen sind die einzelnen, von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verfassten, konkreten Abhandlungen bezeichnet. Diese Beiträge sind in insgesamt sechs thematisch kohärente Kapitel eingeteilt. Eine kurze Einleitung der Herausgeber am Anfang jedes Kapitels soll den „roten Faden“ und die Verknüpfung der einzelnen Beiträge aufzeigen. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge lehren und forschen am IPMZ — Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung — oder stehen diesem Institut nahe, sodass trotz der Allgemeingültigkeit der Ausführungen eine gewisse „Standortperspektive“ verfolgt wird.
Aufbau des Buches
Der gesamte Aufbau des Buches erfolgt in Anlehnung an Abbildung 3. Auf das Einführungskapitel (dem auch dieser Beitrag zugeordnet ist), in welchem das theoretische und methodische Verständnis von Publizistik-/Kommunikationswissenschaft als meta-theoretische Basis skizziert wird, folgt Kapitel 2, Grundlagen, Theorien und Modelle, in dem in vier Beiträgen die wesentlichen Grundlagen, d. h. die Mediengeschichte, die Definitionen, Modelle und Theorien sowie der Wandel der Öffentlichkeit aufgearbeitet werden. Danach befasst sich das Kapitel 3 mit Systemen und Strukturen. Dabei werden neben der Betrachtung von Mediensystemen und Medienorganisationen auch deren ökonomische, politische und rechtliche Implikationen und Rahmenbedingungen diskutiert. Das Kapitel 4, Akteure und Prozesse, umfasst drei Beträge, die sich mit den beiden Bereichen Kommunikatoren/Journalismus und Public Relations auseinandersetzen sowie mit deren Zusammenspiel |14◄ ►15|am Beispiel der politischen Kommunikation. Die drei Beiträge des Kapitels 5, Medien und Inhalte, betrachten vor dem Hintergrund aktueller Veränderungsprozesse im Medienbereich die technologischen, die thematisch-inhaltlichen und die ökonomischen Dimensionen von Medien und ihren Inhalten. Im letzten Kapitel, Nutzung, Rezeption und Wirkung, fokussieren die drei Beiträge auf die Nutzung der Medien durch die Rezipienten, auf die Prozesse während der Rezeption und auf die Konsequenzen, die sich sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene zeigen.
Unsere Aufmerksamkeit richtet sich insbesondere auf die strukturellen Eigenheiten und Probleme der Medienentwicklung sowie der öffentlichen Kommunikation im Vergleich verschiedener kultureller Kontexte (Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen europäischen Ländern oder Europa und den USA) und unterschiedlicher Mediensysteme (öffentliche vs. privatwirtschaftliche Institutionalisierung). Die Beispiele in den einzelnen Beiträgen beziehen sich deshalb soweit möglich auf internationale Vergleiche, zumindest aber auf Vergleiche zwischen den deutschsprachigen Ländern. Gelegentlich wird allerdings bewusst nur auf Beispiele aus der Schweiz zurückgegriffen.
Übungsfragen:
Was versteht man unter Transdisziplinarität?
Was versteht man unter Material- und Formalobjekt einer Wissenschaft?
Worin unterscheiden sich Publizistik-/Kommunikationswissenschaft und Medienwissenschaft in ihrem Fachverständnis?
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Basisliteratur
Bentele, Günter (1999): Gegenstands- und Problembereiche, Systematiken, Theorien und Methoden unseres Fachs. In: Aviso, H. 24, S. 4–8.
Bentele, Günter/Brosius, Hans-Bernd/Jarren, Otfried (Hg.) (2003): Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden.
Literatur
Beck, Klaus (2007): Kommunikationswissenschaft. Konstanz.
Bentele, Günter/Rühl, Manfred (Hg.) (1993): Theorien öffentlicher Kommunikation. Teil III: Konstruktivismus und Realismus in der Kommunikationswissenschaft. München, S. 103–171.
Bourdieu, Pierre (1998): Über das Fernsehen. Frankfurt a. Main.
Burkart, Roland (1997): Publizistikwissenschaftliche Basistheorien: Eine Annäherung aus drei Perspektiven. In: Bonfadelli, Heinz/Rathgeb, Jürg (Hg.): Publizistikwissenschaftliche Basistheorien und ihre Praxistauglichkeit. Zürich, S. 51—66.
Burkart, Roland (2002): Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien, Köln, Weimar.
Faulstich, Werner (1994): Einführung: Zur Entwicklung der Medienwissenschaft. In: Faulstich, Werner (Hg.): Grundwissen Medien. München, S. 9–15.
Faulstich, Werner (2002): Einführung in die Medienwissenschaft. Probleme — Methoden — Domänen. München.
Glotz, Peter (1990): Von der Zeitungs- über die Publizistik- zur Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik Jg. 35, H. 3, S. 249–256.
Hickethier, Knut (2003): Einführung in die Medienwissenschaft. Stuttgart, Weimar.
Kivikuru, Ullamaija (1998): Communication Research. Is There Such a Thing? In: Nordicom Review Jg. 19, H. 1, S. 7–11.
Kloock, Daniela/Spahr, Angela (1997): Medientheorien. Eine Einführung. München.
Kunczik, Michael/Zipfel, Astrid (2001): Publizistik: ein Studienbuch. Köln.
Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien. Opladen.
McLuhan, Marshall (1992 [1968]): Die magischen Kanäle. Düsseldorf, Wien.
McQuail, Denis (2010): McQuail’s Mass Communication Theory. London, Thousand Oaks, New Delhi, Singapore.
Postman, Neil (1985): Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt a. Main.
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Pürer, Heinz (2003): Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: ein Handbuch. Konstanz.
Rühl, Manfred (1985): Kommunikationswissenschaft zwischen Wunsch und Machbarkeit. In: Publizistik, Jg. 30, H. 2, S. 229–246.
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Frank Esser
KOMPARATIVE PUBLIZISTIK- UND KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT
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1 Entwicklung des Vergleichs
Verspätete fachgeschichtliche Entwicklung
Der international vergleichende Ansatz ist in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft lange vernachlässigt worden, während er sich in den Nachbardisziplinen Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie deutlich früher etablierte. In der Politikwissenschaft heisst die entsprechende Unterdisziplin Comparative Politics. Dazu gibt es ein Vielzahl von Lehrbüchern und spezialisierte Fachzeitschriften. Davon ist die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft noch weit entfernt. Die Gründe für dieses Defizit liegen zum einen darin, dass die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft eine junge Disziplin ist. Zum anderen überwog bei vielen Forschern lange die Einstellung, dass Journalisten, Medienorganisationen, Nachrichteninhalte und Publikumspräferenzen so eng an nationale, kulturelle und sprachliche Wurzeln geknüpft seien, dass man sie am besten historisch oder gegenstandsorientiert erklärt.
Erst in jüngerer Zeit zeichnet sich eine stärker international vergleichende Orientierung im Fach ab. Nach den Universitäten Erfurt und Bochum war Zürich 2006 die dritte Universität im deutschsprachigen Raum, die einen Lehrstuhl für vergleichende Medienforschung besetzte. Erkenntnisfortschritt und Forscherenthusiasmus nehmen rasch zu; Zweifel über die Vorteile und das Erkenntnispotenzial des komparativen Ansatzes sind ausgeräumt. Die Gründerväter Michael Gurevitch und Jay Blumler, die die Entwicklung seit den Anfängen mit prägten, sehen Anzeichen für die Herausbildung eines „eigenständigen, reifen Forschungsfeldes“ (Gurevitch/Blumler 2003: 371). Es könne
Komparative Kommunikationsforschung nun im Reifungsprozess
keine Rede mehr von einer Vernachlässigung der vergleichenden Kommunikationsforschung sein. „Sie ist fast schon in Mode gekommen“ (ebd.: 373).
2 Definition des Vergleichs
Komparative Kommunikationswissenschaft vergleicht keineswegs immer nur Länder
Die komparative Analyse arbeitet grundsätzlich mit mindestens zwei Vergleichseinheiten. Dabei werden auf Makroebene Systeme oder Kulturen bzw. Teilsysteme oder Teilkulturen verglichen. Es ist zu betonen, dass Systeme oder Kulturen keineswegs zwangsläufig deckungsgleich mit Nationen sind. Auch innerhalb von Nationalstaaten können
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Medienkulturen unterschieden werden, wie etwa die sprachlich segmentierten Medienmärkte in der Schweiz (vgl. hierzu Blum 2003; Hungerbühler 2005) oder in Belgien oder Kanada. Andererseits wird auch oberhalb von Nationalstaaten die Herausbildung transnationaler Medienkulturen untersucht, z. B. wenn die Europäisierung nationaler Medienöffentlichkeiten (Pfetsch/Adam/Eschner 2008; Brüggemann/ Hepp/Kleinen von Königslöw/Wessler 2009) oder gar Unterschiede zwischen einem europäischen und einem angloamerikanischen Journalismus diskutiert werden (Donsbach/Klett 1993; Mancini 2005).
Weil die nationalstaatliche Ebene keineswegs die einzige Bezugsgrösse darstellt, hat sich neben der Bezeichnung „international vergleichend“ der neutrale Terminus „komparativ“ durchgesetzt. Die vergleichende Kommunikationsforschung ist zwar grundsätzlich grenzüberschreitend, die Art der Grenzziehung kann jedoch variieren. Wie die Vergleichsfälle konzeptionalisiert und voneinander abgegrenzt
Definition
werden, hängt also von Festlegungen des Forschers ab. Als Definition lässt sich formulieren: Komparative Kommunikationsforschung liegt immer dann vor, wenn zwischen mindestens zwei Systemen oder Kulturen (oder deren Teilelementen) Vergleiche auf mindestens einen kommunikationswissenschaftlich relevanten Untersuchungsgegenstand gezogen werden. Vergleichende Kommunikationsforschung unterscheidet sich von nicht vergleichender Kommunikationsforschung in drei Punkten: Es handelt sich um eine besondere Strategie zum Erkenntnisgewinn, die (a) grundsätzlich grenzüberschreitend vorgeht, sich (b) um eine system- und kulturübergreifende Reichweite ihrer Schlussfolgerungen bemüht und die (c) Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen Untersuchungsobjekten mit den Kontextbedingungen der sie umgebenden Systeme bzw. Kulturen erklärt (vgl. Esser 2003; Pfetsch/Esser 2003).
Motive vergleichender Forschung
Vergleichende Kommunikationsforschung strebt an, das Chaos internationaler Beobachtungen mittels Typologien zu ordnen, die Reichweite und Generalisierbarkeit von Erkenntnissen zu prüfen, Auswirkungen von Kontexteinflüssen auf Untersuchungseinheiten zu erklären, die Kontextabhängigkeit von Befunden herauszustreichen sowie zu einem besseren Verständnis unserer kommunikationswissenschaftlichen Konzepte und Gegenstände zu kommen. Zusätzlich zum räumlichen Vergleich betont die Komparatistik auch den zeitlichen Vergleich: So sollten Mediensysteme zu mehreren Zeitpunkten verglichen |22◄ ►23|werden, wenn beispielsweise die Frage nach Angleichungsprozessen im Mittelpunkt des Interesses steht.
3 Logik des Vergleichs
Diesen Festlegungen liegt die Annahme zugrunde, dass unterschiedliche mediale und politische Kontextbedingungen (z. B. des Medien-und
Komparatistik untersucht die Einflüsse unterschiedlicher Kontexte auf den Untersuchungsgegenstand
Politiksystems der Schweiz) in einer charakteristischen Wechselbeziehung mit den Arbeitsweisen und Inhaltsgestaltungen von Medienorganisationen (z. B. der Neuen Zürcher Zeitung) sowie den in diesen Medienorganisationen arbeitenden Journalisten stehen. Die publizistischen Arbeitsweisen werden sich in systematischer Weise von Journalisten und Zeitungen unterscheiden, die in andere mediale und politische Kontextbedingungen eingebettet sind. Daher werden komparative Untersuchungen häufig so angelegt, dass gezielt solche Länder ausgewählt werden, die sich hinsichtlich der Kontextbedingungen für das interessierende Phänomen unterscheiden. Auf diese Weise können allgemeine Aussagen über das Phänomen geprüft werden (Was gilt immer, unabhängig von den Kontexteinflüssen?) und spezifische Aussagen (Wie verhält sich der Untersuchungsgegenstand unter dem Einfluss unterschiedlicher Kontextbedingungen?) gemacht werden.
Dieses Beispiel soll deutlich machen, dass die vergleichende Forschung nicht aus blossem Vergleichen, sondern aus dem Suchen nach Erklärungen besteht (Przeworski 1987). Nun können Erklärungen auf
Komparative Erklärung: Zwei Ansätze
zwei verschiedene Arten gesucht werden: mittels „intensiver, fallorientierter Analysen“ für wenige Länder oder mittels „extensiver, variablenorientierter Analysen“ für viele Länder (Ragin 1987). Intensive, fallorientierte Analysen wenden eher verstehende, qualitative Verfahren an; extensive, variablenorientierte Analysen eher kausallogische, quantitative Verfahren. Beim intensiven, fallorientierten Ansatz werden die
Fallorientierter Ansatz
Vergleichsfälle mittels dichter Beschreibung in ihren historischen Kontext eingeordnet, ganzheitlich rekonstruiert und in ihrer eigentümlichen Bedeutung und einmaligen Gestalt erkannt und verstanden (vgl. Geertz 1973; Ragin 1989). Genau gegen diese Einzelfallorientierung wendet sich der extensive variablenorientierte Ansatz. Extensiv heisst, dass verallgemeinerbare, repräsentative Ergebnisse sowie reichweitenstarke Theorien angestrebt werden. Variablenorientiert heisst, dass mit |23◄ ►24|Forschungsfragen und Hypothesen gearbeitet wird, die der Kausallogik von unabhängigen und abhängigen Variablen folgen. Länder werden nicht aufgrund ihr Eigentümlichkeit in die Analyse aufgenommen, sondern weil sie eine interessante Kombination von Variablen aufweisen (vgl. Jahn 2006; Landman 2008).
Variablenorientierter Ansatz
Die variablenorientierte Kausallogik baut auf der Logik der „quasiexperimentellen“ Methode auf: Forscherteams wählen ihre Fälle bzw. Länder so aus, dass sie unterschiedliche Ausprägungen der unabhängigen, erklärenden Variablen in verschiedenen Systemkontexten entsprechen. Dazu wählen sie z. B. zwei Länder mit rein kommerziellem Rundfunksystem, zwei Länder mit rein öffentlich-rechtlichem Rundfunksystem und zwei Länder mit dualem Rundfunksystem aus. Die drei Gruppen in diesem ländervergleichenden Quasi-Experiment werden dann beispielsweise daraufhin verglichen, in welchen Intensitätsgraden sich die Systeme hinsichtlich der abhängigen Variablen (z. B. Boulevardisierung der Politikberichterstattung) unterscheiden. Ein solches quasi experimentelles Forschungsdesign mit nur sechs Fällen verbietet zwar eine streng kausale Ursachenattribution für die gefundene Varianz der abhängigen Variablen. Eine „weiche Kontrolle“ der Varianz kann aber durch systematische Berücksichtigung alternativer Erklärungen für Boulevardisierung erfolgen. Ein solches Untersuchungsdesign kann zeigen, ob es einen systematischen Zusammenhang zwischen dem Kommerzialisierungsgrad eines Rundfunksystems und dem Boulevardisierungsgrad der Politikberichterstattung gibt. Formal gesprochen, kann ein solches Untersuchungsdesign zeigen, ob es Kovarianz zwischen einer angenommenen unabhängigen Variable und der gemessenen abhängigen Variable gibt. Sie ist von entscheidender Bedeutung für die Leitfrage der Komparatistik — nämlich inwiefern Faktoren des Kommunikationskontextes in charakteristischer Wechselwirkung
„Die“ prinzipielle Logik der komparativen Kommunikationsforschung
zu den Untersuchungseinheiten stehen. Der Vergleich bedeutet also, die Kontextbedingungen zu variieren und dann in den jeweiligen Settings zu untersuchen, inwiefern die Einstellungen und Handlungen der Akteure mit konkreten Strukturbedingungen systematisch korrespondieren (vgl. Esser 2003; Pfetsch/Esser 2003; Pfetsch 2003b). Soweit die Kausallogik, die in diesem Lehrbuchbeitrag durchgehend als „die“ Logik der komparativen Kommunikationsforschung vertreten wird.
Lästigerweise gibt es zwei Probleme in der Praxis. Wie im genannten Beispiel ist auch sonst in der komparativen Kommunikationsforschung |24◄ ►25|ein „harter“ Kausalnachweis manchmal nicht möglich, weil zu wenige Länder in der Analyse sind. Wenn man nur wenige Länder vergleicht, können nicht alle alternativen Kausalkombinationen, die theoretisch ebenfalls zu Boulevardisierung führen können, überprüft werden. Dazu bräuchte es grosse Stichproben mit Ländern, in denen vielfältigste Konfigurationen vorherrschen. Weil die komparative Kommunikationswissenschaft aber oft nur Daten für kleine Ländersamples zur
Kombination von variablenorientiertem und fallorientiertem Ansatz vor allem bei kleineren Ländersamples
Verfügung hat, muss sie manchmal auch auf „weiche“ (nicht statistische) Kausalnachweise zurückgreifen. Kleine Vergleichsstudien vertrauen deshalb stärker auf den verstehend-qualitativen Ansatz. Erklärung im Rahmen des verstehend-qualitativen Ansatzes wird u. a. durch Methoden wie „pattern matching“ oder „process tracing“ erreicht. Mit process tracing ist beispielsweise eine systematische „Kausalitätsrekonstruktion“ auf der Basis von sorgfältiger Kontextbeschreibung, dem Nachzeichnen von Entwicklungspfaden, der Identifizierung von chronologischen Etappenschritten und Kausalketten sowie dem theoriegeleiteten Aufzeigen von Verursachungsmechanismen und Auswirkungen gemeint (vgl. George/Bennett 2005; Jahn 2006; Muno 2009; Rohlfing 2009).
Der vergleichenden Forschung geht es also um Erklärung. Das bezieht sich einerseits auf den Nachweis von Kausalbeziehungen zwischen Variablen zur Überprüfung von Theorien bzw. Hypothesen (variablenorientierter Ansatz), andererseits auf das verstehende Rekonstruieren ganzheitlicher Bedeutungsprozesse (fallorientierter Ansatz). Zusätzlich geht es natürlich auch um den Erwerb spezifischer Kenntnisse über die jeweiligen Mediensysteme und Medienkulturen. Gurevitch/Blumler (2003) betonen daher zu Recht, dass vergleichende Forschung immer einen „doppelten Nutzen“ erbringen sollte. Sie soll
Doppelter Nutzen der Komparatistik: Kontextbedingte Unterschiede in den Untersuchungsgegenständen erklären und Mediensysteme verstehen
nicht nur darauf abzielen, einen bestimmten Untersuchungsgegenstand zu erklären, sondern auch die unterschiedlichen Systeme, in denen er untersucht wird.
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4 Fachinteresse am Vergleich
Für das gewachsene Interesse lassen sich drei Gründe benennen, die
1. Triebfeder: Wissenschaftssysteme und Mediensysteme sind global vernetzter geworden
eng zusammenwirken. Erstens hat das Ende des Kalten Krieges die Ost-West-Spaltung beendet, Reisemöglichkeiten der Forscher erleichtert und das Interesse an internationalen Zusammenhängen neu stimuliert. Wissenschaftskongresse sind pluralistischer und Forschungsfördermöglichkeiten grenzüberschreitender geworden; neue Kommunikationstechnologien haben den weltweiten Austausch erleichtert; das World Wide Web hat den Zugang zu Daten und Wissensbeständen anderer Länder begünstigt. Nicht nur das Wissenschaftssystem, auch das Mediensystem ist globaler geworden. Dies hat das Bewusstsein für die Relevanz kultureller Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten erhöht. Die ökonomische und technologische Seite der Massenkommunikation ist weltweit vernetzt, wie die Transnationalisierung von Medienkonzernen
2. Triebfeder: Führen transnationale Diffusionsprozesse zur Angleichung der Systeme?
und Medienregulierungsfragen zeigt. Zweitens hat die Dynamisierung der internationalen Entwicklungen und die damit verbundenen Entgrenzungs- und Transformationserfahrungen den Operationsmodus des Vergleichens zu einer Dauernotwendigkeit gemacht. Gerade Prozesse gesellschaftlichen Wandels haben das Interesse am Vergleich befördert. Der Besorgnis über die Möglichkeit der Untergrabung nationaler Medienkulturen durch US-Einflüsse („Amerikanisierung“), Furcht vor der Aufweichung nationaler Kommunikationstraditionen durch den Einfluss der Europäischen Union („Europäisierung“) oder dem vermeintlichen Zwang zur Anpassung an die Erfordernisse der weltweiten Medienökonomie und Kommunikationstechnologie („Globalisierung“) begegnet die Publizistikwissenschaft mit international vergleichenden Studien. Die entscheidende Frage lautet hier, ob es im Zuge dieser Strömungen zu einer internationalen Konvergenz der Kommunikationsarrangements kommt oder ob nationale Distinktionen und ursprüngliche Identitäten aufgrund von Filter- und Resistenzreflexen erhalten bleiben. Neben Globalisierung und Transformation
3. Triebfeder: Wie fördern oder hemmen Medien die demokratische Entwicklung in den Gesellschaften?
spielt drittens die Demokratie eine Rolle. Die positive Rolle der Medien in Demokratisierungsprozessen osteuropäischer und ostasiatischer Transformationsgesellschaften hat die Komparatistik ebenso beflügelt wie die negative Rolle der Medien in etablierten Demokratien, wo ihnen bisweilen eine unzuträgliche Intervention in den politischen Prozess vorgeworfen wird. Unter welchen Bedingungen die Medien |26◄ ►27|eine förderliche oder hinderliche Rolle für die gesellschaftliche Entwicklung spielen ist eine Kernfrage der komparativen Kommunikationsforschung.
5 Etablierungsprobleme des Vergleichs
Es gibt eine Reihe von Hemmnissen, die der Herausbildung der komparativen Kommunikationsforschung als eigenständiger wissenschaftlicher Teildisziplin der Publizistikwissenschaft bislang im Wege standen: schwacher disziplinärer Status, schwache Wissenschaftsstrukturen, schwache Datenbasis und schwach entwickeltes Theorie- und Methodeninventar.
Komparatistik ist „nur“ eine Forschungsstrategie und ohne eindeutigen Objektbezug
Erstens handelt es sich bei der Komparatistik „nur“ um eine spezifische Strategie zum Erkenntnisgewinn, nicht um einen inhaltlich bestimmten Bereich wie etwa die Medienökonomie, Journalismusforschung oder Politische Kommunikation. Die international vergleichende Forschungsstrategie ist vor allem durch Verfahrensfragen der Analysenlogik und Fallauswahl gekennzeichnet, nicht durch die Festlegung auf ein spezifisches Formalobjekt. Vergleichen lässt sich prinzipiell alles — egal auf welchen Gegenstand der Lasswell-Formel (Kommunikator, Aussage, Medium, Rezipient, Wirkung) oder welche Analyseebene der Mikro-Meso-Makro-Logik (Akteure, Organisationen, Systeme) es bezogen ist. Der fehlende Objektbezug erschwerte bislang die Herausbildung einer eigenen Identität.
Kleine Fachgemeinde, labile Wissenschaftsstrukturen
Zweitens ist der Kreis der Publizistikwissenschaftler, die sich kontinuierlich und systematisch mit dem Vergleich beschäftigen, weiterhin klein. Da es innerhalb dieser kleinen, lose verbundenen Gruppe nur wenig koordinierte Zielvorstellungen und konsentierte Qualitätskriterien für die komparative Kommunikationsforschung gibt, konnte sie sich noch nicht als vollwertige Subdisziplin institutionalisieren. Die Entwicklung einer stärkeren „Personaldecke“ sowie die Durchsetzung leistungsfähiger Strukturen, verlässlicher Gütekriterien und Methodenstandards bleiben zentrale Herausforderungen der nächsten Jahre (vgl. Saxer 2008).
Mangel an globalen Daten
Drittens sind die für harte Kausalnachweise notwendigen grossen Länderstichproben in der komparativen Kommunikationsforschung immer noch Zukunftsmusik. Es fehlen unserem Fach die Kapazitäten |27◄ ►28|zum Aufbau umfassender, wahrhaft globaler Datensätze. Dies ist in der Politikwissenschaft anders, weil sich dort internationale Organisationen (Freedom House, World Bank, OECD, Eurostat etc.) oder Forschergruppen (Polity IV, Polyarchy, Party Policy, World Values Survey etc.) seit Jahrzehnten am Aufbau von systematischen Datensätzen mit 170 Ländern und mehr beteiligen. Ohne eine solche unterstützende Infrastruktur stossen auf sich allein gestellte Medienforscher rasch an ihre Grenzen. Wo Grossprojekte ausnahmeweise möglich wurden, hatten sie mit gravierenden Strukturschwächen zu kämpfen — insbesondere mit Koordinations- und Integrationsproblemen sowie mit Äquivalenz-und Validitätsproblemen (vgl. dazu Stevenson 2003; Esser 2004; Wilke 2008).
Mangel an adäquaten theoretischen Modellen und methodischen Verfahren
Viertens sind die für harte Kausalnachweise notwendigen theoretischen Modelle und methodischen Auswertungskompetenzen noch unterentwickelt. Zur Beantwortung der Kernfrage, inwiefern verursachende Faktoren des Kommunikationskontextes einen charakteristischen Einfluss auf das Kommunikationsprodukt haben, nimmt die Komparatistik eine klare Trennung zwischen dem Untersuchungsgegenstand und seinen Rahmenbedingungen vor. Der Komparatist variiert durch den Ländervergleich die makrosozialen Rahmenbedingungen und zieht dann Schlussfolgerungen darüber, wie sich dies auf den Untersuchungsgegenstand auswirkt. Solche Schlussfolgerungen von Bedingungen der Makroebene auf die Mikroebene sind allerdings
Mehrebenen-Problematik in der Komparatistik
problematisch, weil sie (durch den Sprung über Analyseebenen hinweg) zu unzulässigen Kausalbehauptungen führen können. Für dieses Problem, das in der Literatur als „ökologischer Fehlschluss“ bezeichnet wird, bedarf es anspruchsvoller Lösungen: Sie betreffen Theorie und Methode. Zum einen müssen Mehrebenenheuristiken entwickelt werden, die solche schichtenübergreifenden Analysen theoretisch rechtfertigen (siehe weiter unten); zum anderen müssen Mixed Methods Designs, Triangulation und Mehrebenenanalyse zum Einsatz kommen (vgl. Jahn 2006; Hanitzsch 2010), um die hierarchischen theoretischen Annahmen auch methodisch umzusetzen. Die entsprechenden theoretischen Modelle und methodischen Verfahren sind in der komparativen Kommunikationsforschung erst in der Entwicklung. |28◄ ►29|
6 Ziele des Vergleichs
Warum vergleichen wir? Einleitend wurde bereits festgestellt, dass die Logik des Vergleiches ultimativ auf Erklärung abzielt. Auf dem Weg zu diesem Endpunkt werden drei weitere, vorgelagerte Zielsetzungen unterschieden (vgl. Esser 2003; Landman 2008):
1. Ziel: Feststellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden
Das erste Ziel liegt in der Feststellung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Wir beschreiben publizistikwissenschaftlich relevante Phänomene in unterschiedlichen Medienumfeldern, um Gleichartigkeiten von identitätsstiftenden Besonderheiten grob abgrenzen zu können. Als Methode dient uns dazu die kontextuelle Beschreibung. Sie gilt als Anfangspunkt der vergleichenden Analyse, jedoch wird kein geschulter Komparatist hier stehenbleiben.
2. Ziel: Erkennen funktionaler Äquivalente
Das zweite Ziel besteht im Erkennen funktionaler Äquivalente. Das Grundproblem der Komparatistik liegt, so trivial es klingen mag, in der Vergleichbarkeit. Nur Äquivalentes (also Gleichwertiges), das in unterschiedlichen Kontexten die gleiche Funktion (also Rolle) erfüllt, kann sinnvoll verglichen werden. Aber was sind funktionale Äquivalente des deutschen Nachrichtenmagazins Spiegel und des Focus in England? Was sind funktionale Äquivalente der auflagenstärksten Schweizer Wochenblätter Coopzeitung und Migros-Magazin in Frankreich? Was ist das funktionale Äquivalent des amerikanischen Berichterstattungsstils Investigative Reporting in der Schweiz? Als Methode zur Identifizierung funktionaler Äquivalente dienen Expertenbefragung, Abgleich mit externen Daten und mehrperspektivische Recherche. Neben dem Länder- und Gegenstandswissen, welches wir aus den zuvor erwähnten Kontextbeschreibungen erhalten haben, ist hierfür zusätzlich theoretisch geschultes Konzeptwissen erforderlich, um die Gleichwertigkeit auf einer höheren Abstraktionsebene erkennen und begründen zu können.
3. Ziel: Entwicklung von ordnenden Typologien
Das dritte Ziel der Komparatistik besteht in der Entwicklung von Typologien, welche die Ordnung der erhobenen empirischen Phänomene erlauben. Typologien sind das Mindestergebnis einer komparativen Analyse. Hierbei werden die Befunde aus verschiedenen Ländern (z. B. zu journalistischen Einstellungen, Nachrichteninhaltsmustern oder Mediennutzungspräferenzen) nach mehreren Kriterien oder Dimensionen verglichen, sodass „Typen“ erkennbar werden. Von besonderem Interesse ist, welche Kriterien oder Dimensionen der Forscher|29◄ ►30|identifizieren kann, die zur Entstehung eines Typs beitragen, und wie gut sich die untersuchten Fälle („Realtypen“) denen im Zuge der Typologiekonstruktion entwickelten „Idealtypen“ zuordnen lassen. Erstmalig wurde dieses Vorgehen von Siebert, Peterson und Schramm in Four Theories of the Press (1956) gewählt. Auf Basis verschiedener Vergleichsdimensionen–Medienfunktion, Medienzugang, Medienkontrolle, Medienzensur und Medienbesitz–entwickelten sie vier Idealtypen von Mediensystemen: Autoritarismus-, Liberalismus-, Sozialverantwortungs- und das Kommunismus-Modell. Auch die Nachfolgestudie Comparing Media Systems von Hallin und Mancini (2004) ging so ähnlich vor (siehe Beitrag Mediensysteme–Medienorganisationen, i. d. B.). Eine Zuordnung von Realtypen zu einem Idealtypus ist immer mit Abstraktion und Detailverlust verbunden. Diese Komplexitätsreduktion wird von Komparatisten ausdrücklich begrüsst, weil sie kriterienorientierte Muster zu erkennen erlaubt. Von Nichtkomparatisten wird sie jedoch oft kritisiert, weil sie Länderspezifika, die ausserhalb der gewählten Vergleichskriterien liegen, ausblendet. In der vergleichenden Kommunikationswissenschaft wurden z. B. Typologien entwickelt für nationale Medienstrukturen (vgl. Kriesi 2003; Pfetsch/ Maurer 2008), Einstellungsmuster von Kommunikatoren (vgl. Donsbach /Patterson 2003; Pfetsch 2003a), Medienpublika (vgl. Norris 2000; Tenscher 2008) und Berichterstattungsmuster (vgl. Esser 2008; Plasser/ Lengauer/Pallaver 2009; Wessler et al. 2009).
4. Ziel: Erklärung
Das vierte Ziel liegt in der Erklärung. Die grundlegende Annahme der erklärungsorientierten Komparatistik lautet, dass spezifische Konstellationen des medialen und politischen Kontextes in charakteristischer Weise interagieren mit den Einstellungen der Kommunikatoren, ihrem Handeln und den so beeinflussten Ergebnissen der Kommunikation. Unterschiedliche Kontexte korrespondieren also systematisch mit den Kommunikationsvariablen. Nach dieser Erklärlogik haben
Beispiele für erklärende Vergleichsstudien
Zhu et al. (1997) den Einfluss politischer, kultureller, organisatorischer und individueller Faktoren auf das berufliche Selbstverständnis von Journalisten in drei Ländern untersucht. Wu (2000) untersuchte für 38 Länder den Einfluss systemischer Faktoren auf die Beachtung dieser Länder in der internationalen Auslandsberichterstattung. In ähnlicher Weise untersuchten Brüggemann/Kleinen von Königslöw (2009) in fünf europäischen Ländern, inwieweit systemische und organisationale Faktoren einen Einfluss auf die Intensität der Europaberichterstattung|30◄ ►31|in Zeitungen haben. Dagegen untersuchten Vliegenhart/ Schuck/Boomgarden/de Vreese (2008) den Einfluss des Tenors der EU-Berichterstattung auf die EU-Unterstützung in der Bevölkerung von sieben Ländern. Während Curran/Iyengar/Lund/Moring (2009) den Einfluss der Qualität der Informationsversorgung in einem Mediensystem auf das politische Wissen der Bürger in fünf Ländern analysierten, studierten Norris/Holtz-Bacha (2001), inwieweit personenbezogene Mediennutzungsfaktoren das politische Wissen der Bürger in 15 EU-Ländern beeinflussen. Alle diese Vergleichsstudien wählten Regressionsanalysen für ihre Kausalnachweise (weitere Beispiele für regressionsanalytische Vergleichsstudien sind Peter 2003, Pfetsch/ Adam/Eschner 2008 oder Iyengar/Hahn/Bonfadelli/Marr 2009). Im Bereich der quantitativ-statistischen Komparatistik bewegt sich die Forschung von Regressions- zu anspruchsvolleren Mehrebenenanalysen (Hanitzsch 2010). Im Bereich der qualitativen Vergleichsforschung sind QCA-Analysen eine interessante Neuerung (Schneider/ Wagemann 2007; Nguyen Vu 2010).
7 Erklärende Komparatistik: Ihre theoretischen Grundlagen
Bislang ist die Logik von Kausalität und Erklärung mehrfach im Sinne einer einseitigen „Verursachung“ bzw. „Einflussnahme“ beschrieben worden. Oft hatten die genannten Studien dafür auch die entsprechenden theoretischen Annahmen. Andere kommunikationswissenschaftliche
Komparatistik will den Zusammenhang zwischen Kontext und Untersuchungsgegenstand erklären
Theorien machen aber keine Aussagen über einen gerichteten Zusammenhang zwischen Strukturkontext und Untersuchungsgegenstand. In diesen Fällen sollte man angemessener von charakteristischen „Wechselbeziehungen“, „Interaktionen“, „Korrelationen“, oder „Korrespondenzen“ sprechen. Dieser Warnhinweis zur Kausalitätsrichtung ist wichtig und sollte immer beachtet werden.
Dazu stellt sie Hypothesen auf–aber wie geht das?
Grundsätzlich führt das aber zu der Frage, woher wir unsere Hypothesen über den Zusammenhang zwischen Strukturkontext und Untersuchungsgegenstand überhaupt nehmen. Dazu ist zu sagen, dass man nur solche Hypothesen aufstellt, für die spezifische Gründe (Ergebnisse aus Vorgängerstudien oder eigenen Beobachtungen) oder aber theoretische Annahmen (Theorien) sprechen. Hypothesen sind immer |31◄ ►32|Bestandteile eines theoretischen Zusammenhangs, und jede erdenkliche komparative Hypothese lässt sich in der Regel einem übergeordneten Theorieparadigma zuordnen. Deshalb sollte die Einordnung in einen theoretischen Rahmen auch immer versucht werden. Für
Es gibt drei Theorie-Paradigmen, aus denen sich komparative Hypothesen gut ableiten lassen
die Komparatistik sind dazu die drei grundlegenden Paradigmen der Sozialwissenschaft relevant: Handlungstheorien, Kulturtheorien und Strukturtheorien (vgl. Lichbach 1997). Für jede dieser Perspektiven geben wir im folgenden Beispiele aus der komparativen Kommunikationswissenschaft, die auch als Ansatzpunkte für die eigene Hypothesenentwicklung dienen können.
7.1 Handlungsorientiertes Paradigma
Handlungsparadigma: Das Verhalten von Akteuren wird erklärt
Hier liegt der Fokus auf Akteuren. Komparative Analysen, die das Verhalten von individuellen oder korporativen Akteuren in verschiedenen Kontexten erklären wollen (z. B. die Nachrichtenauswahl von Journalisten bzw. Medienorganisationen in zwei Ländern), können eine handlungsorientierte Nachrichtentheorie zur Grundlage nehmen. Wie leitet man aus einer handlungsorientierten Nachrichtentheorie (z. B. Gatekeeping, News Bias, Instrumentelle Aktualisierung, Medienframing) komparative Hypothesen ab? Hierbei werden internationale Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in der Nachrichtengebung zurückgeführt auf die (gleichwertigen oder abweichenden) organisationalen oder institutionellen Rahmenbedingungen, welche die Handlungsräume, Strategien, Interessen und Spielregeln der einzelnen Journalisten bzw. Medienorganisationen bestimmen. Ein Hypothesenbeispiel lautet: Je stärker in einem Medienbetrieb Konzerninteressen Einfluss auf Nachrichtenentscheidungen nehmen, desto weniger werden Journalisten Beiträge veröffentlichen, die auf kostspieligen Recherchen beruhen oder dem Ansehen oder der politischen Grundhaltung des Medienbetriebes entgegenstehen. Ein anderes Hypothesenbeispiel zum Zusammenhang von Handlungszielen und Rahmenbedingungen lautet: Je stärker Journalisten sich zu einem aktiven Rollenselbstverständnis (als Interpretierer, Kritiker oder Gegner) bekennen, desto stärker werden sie Handlungsräume und -strategien zu etablieren versuchen, die ihnen eine durch Einflussnahme gekennzeichnete Politikberichterstattung erlaubt. Innerhalb der handlungsorientierten Nachrichtentheorien verweist das erste Beispiel auf den Einfluss des Managementstils, das |32◄ ►33|zweite auf den Einfluss professioneller Rollenvorstellungen auf Gatekeepingprozesse (vgl. Shoemaker/Vos 2009).
7.2 Kulturalistisches Paradigma
Hier liegt das Interesse auf der Verdichtung von Einzelaspekten als Ausdruck von Kultur. Komparative Analysen, die nicht einzelne Akteure,
Kulturalistisches Paradigma: Manifestationen von Medienkultur werden erklärt
sondern gesellschaftliche Gruppen, Diskurse oder Symbolkomplexe vergleichen, können Theorien zur Grundlage nehmen, die dem kulturorientierten Paradigma entstammen. Unabhängig von der Theorie, die man wählt, lautet wieder die Frage, wie man aus ihnen komparative Hypothesen ableitet. Solche Hypothesen führen internationale Unterschiede und Gemeinsamkeiten in Journalismuskulturen, Nachrichtenkulturen oder Medienkulturen auf verschieden herausgebildete Identitäten, Internalisierungen, Werthaltungen oder Weltbilder zurück. Diese Kulturen sind das Ergebnis historisch-kollektiver Sozialisationsprozesse und können sich in kleinen Milieus, Organisationen, Nationen oder transnationalen Räumen herausbilden. Sie strukturieren einerseits als Orientierungs- und Wahrnehmungsschemata die Weltwahrnehmung der Beteiligten, andererseits strukturieren sie die Produktion, Rezeption, Evaluation und gegebenenfalls Regulation von Medienkulturprodukten. Ergebnisse von Kultur lassen sich in den Vor-und Einstellungen der Kommunikatoren, ihren unmittelbaren Praktiken sowie den daraus resultierenden schriftlichen und mündlichen Kommunikationsprodukten analysieren (vgl. Hepp 2006; Hanitzsch 2007; Brüggemann 2010). Es gibt eine geisteswissenschaftliche und eine sozialwissenschaftliche Kulturforschung. Letztere interessiert hier besonders. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive fordern beispielsweise Semetko und Mandelli (1997) mehr ländervergleichende Untersuchungen zur Hypothese, inwiefern Medien die politische Kultur beeinflussen, indem eine skandalorientierte Politikberichterstattung die Ansichten der Bevölkerung gegenüber Regierungs- und Parteivertretern langfristig untergraben kann. Pfetsch (2003a) untersucht in einer Vergleichsstudie die Hypothese, inwiefern die institutionellen Strukturen des amerikanischen und deutschen Politik- und Mediensystems mit den Beziehungsmustern der Politiker und Journalisten korrespondieren, welche die Autorin zu Typen von Kommunikationskulturen verdichtet. Blumler und Gurevitch (1995) untersuchen eine |33◄ ►34|Hypothese zu den Auswirkungen unterschiedlicher Professionskulturen –„pragmatic“ und „sacerdotal“–in öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Rundfunksendern auf die Berichterstattung über Wahlkämpfe in Grossbritannien und den USA.
7.3 Strukturalistisches Paradigma
Strukturalistisches Paradigma: Die Prägekraft institutioneller Arrangements wird erklärt
Hierbei stehen Systemaspekte als Erklärungsfaktoren im Vordergrund. Komparative Analysen, die Aspekte der Massenkommunikation durch makro-analytische Charakteristika der Medienstrukturen oder Medieninstitutionen erklären, basieren oft auf Theorien der strukturorientierten Forschungstradition. Hierbei werden oft medienökonomische, medienrechtliche, medienpolitische oder medienhistorische Konfigurationen (oder sonstige strukturelle Aspekte des Medien- und Politiksystems) zur Erklärung für unterschiedliche Ausprägungen der politischen oder journalistischen Kommunikation herangezogen. Das Bindeglied zwischen Struktur und Handlung bilden Institutionen, definiert als Regeln und formale Organisationen. Institutionen prägen Rollen, die wiederum das Verhalten einzelner Akteure prägen. Durch den meist direkten Bezug zu nationalen Mediensystemen als Analyseeinheit wird hier besonders deutlich, dass Einflüsse unterschiedlicher Regulierungsordnungen, nstitutionalisierungsformen und anderer verfestigter Makroarrangements auf konkrete Kommunikationsverhältnisse nur durch Ländervergleiche analysiert werden können. Die Mediensystemtypologie von Hallin/Mancini (2004) steht mit ihrem historisch-institutionalistischen Ansatz beispielsweise in dieser Tradition. Weitere Beispiele: Aus ihrem 10-Länder-Vergleich leiten Gunther/ Mughan (2000) die Hypothese ab, dass die effektivsten Barrieren gegen eine Verwässerung der Informationsqualität in heutigen Mediensystemen zwei Strukturelemente sind–ein stark verankerter öffentlicher Rundfunk sowie eine effektiv ausgestaltete Medienregulierung, welche die Einhaltung gemeinwohlorientierter Standards beaufsichtigt. Die 6-Länder-Studie von Aalberg/van Aelst/Curran (2010) bestätigt übrigens genau das. Ein anderes Beispiel ist die Wahlkampfstudie von Swanson und Mancini (1996). Eine ihrer ländervergleichend untersuchten Strukturhypothesen lautet, dass Vielparteiensysteme, in denen programmatisch unterschiedliche Gruppierungen gegeneinander antreten, zu einer grösseren Themen- und Perspektivenvielfalt |34◄ ►35|in der Wahlkampfberichterstattung führen als Zweiparteiensysteme, in denen mit Allerweltsparolen um dieselben unentschlossenen Wähler gekämpft wird.
Bei der theoretischen Herleitung der eigenen Vergleichsstudie spricht nichts dagegen, Theoriekonzepte zu verwenden, die Bezüge zu allen drei Paradigmen herstellen. Generell dürfte die Theoriearbeit
Integrative Studien verwenden Theorien, die Elemente verschiedener Paradigmen in sich aufnehmen
in der komparativen Kommunikationswissenschaft davon profitieren, Impulse aus allen Paradigmen aufzunehmen, integrative Analysemodelle zu entwerfen, und daraus originelle Hypothesen abzuleiten (vgl. Lichbach 2009). Dies sollte jedoch informiert und nicht willkürlich geschehen. Ebenfalls dürfte deutlich geworden sein, dass prinzipiell jeder Gegenstand verglichen werden kann. Was die vergleichende von der nicht vergleichenden Forschung unterscheidet, sind ihre konkreten Ziele, die erklärende Analyselogik und grosse Bedeutung der Fallauswahl. Die Auswahl der Länder ist das Herz der komparativen Methode, wie die folgende Diskussion der methodischen Grundlagen zeigt.
8 Erklärende Komparatistik: Ihre methodischen Grundlagen
Die vergleichende Kommunikationsforschung greift deduktiv auf eine Vielzahl theoretischer Stränge zurück und baut induktiv stark auf Ergebnissen von Vorgängerstudien auf. Um den Schritt von der Beschreibung („alte“ Komparatistik) zur Erklärung („neue“ Komparatistik) zu vollziehen, müssen in den Hypothesen die Beziehungen zwischen Kontextfaktoren und den Untersuchungsphänomen klar benannt werden. Die Hypothesen bestimmen dann die Form der
Die Art der Hypothesen bestimmt das Untersuchungsdesign und die Zahl der Untersuchungsfälle
Untersuchung (Medieninhaltsanalyse, Dokumentenanalyse, Fragebogensurvey, Intensivinterviews, Beobachtung, Experiment), Art der Datenerhebung (quantitativ oder qualitativ), die Datenerhebungszeitpunkte (Querschnitt oder Längsschnitt) sowie das Forschungsdesign, für das die Anzahl und Auswahl der Untersuchungseinheiten (Länder bzw. Mediensysteme bzw. Elemente von Mediensystemen) festgelegt werden müssen. Die meisten Studien zur komparativen Kommunikationsforschung müssen sich aus Gründen begrenzter Ressourcen oder mangelnder Daten mit kleinen oder mittleren Fallzahlen begnügen. Weil multi-nationale Large-N-Studien ausserhalb der Reichweite von |35◄ ►36|Studierenden liegen, konzentriert sich die weitere Darstellung auf
In der Kommunikationswis- senschaft überwiegen kleine bis mittelgrosse Fallzahlen
kleinste bis mittelgrosse Versuchsanordnungen. Während kleine Vergleichsstudien eher „intensive“, qualitativ-verstehende Methoden verwenden, kommen für mittelgrosse Analysen bereits „extensive“, quantitativ-variablenorientierte Methoden in Frage (vgl. Ragin 1987). In all diesen Vergleichsstudien ist es ausserordentlich wichtig, dass der Forscher eine klare theoretische Begründung für die Länderauswahl
Die Fallauswahl muss immer begründet werden!
benennt.
8.1 Ein Land: Impliziter Vergleich
Einzelfallstudien sind in der Komparatistik unter der Bedingung vertretbar, dass sie als implizierter Vergleich angelegt werden (vgl. George/ Bennett 2005; Muno 2009). Zum Beispiel kann ein Mediensystem in
Einzelfallstudien können einen Beitrag zur Komparatistik liefern–wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen
Bezug auf einen von der komparativen Literatur entwickelten Idealtypus analysiert werden–um z. B. zu untersuchen, ob Grossbritannien wirklich dem von Hallin/Mancini (2004) entwickelten „liberalen“ Mediensystemtypus zugeordnet werden kann. Hierbei wird ein Mediensystem, das als repräsentativ für den Idealtypus gelten kann, auf seine prototypischen Charakteristika oder seine gravierenden Abweichungen hin untersucht (representative case oder deviant case analysis). Bezogen auf das genannte Beispiel, stünde dann allerdings weniger das britische System in seiner Gesamtheit im Erkenntniszentrum als die Angemessenheit und Verallgemeinerbarkeit des von Hallin/Mancini entworfenen Idealtypus. Theoretisch sauber durchgeführt, könnte eine solche Einzelfallstudie im besten Fall zur Überarbeitung der komparativen Typologie führen.
Viele Handbücher bieten eine Zusammenführung von Einzelfallanalysen in Form von Länderkapiteln–so etwa im Internationalen Handbuch Medien des Hans-Bredow-Instituts (2009), im Euromedia Handbook (Kelly/Mazzoleni/McQuail 2004) oder im ICA Handbook of Election News (Strömbäck/Kaid 2008). Sofern die als Länderkapitel präsentierten Fallstudien nach systematischen Kriterien ausgewählt, nach methodisch einheitlichen Kriterien verglichen, ihre Ergebnisse in einem synthetisierenden Schlusskapitel einer echt komparativen Analyse zugeführt und in Bezug auf eine einheitliche Theorie als theorieunterstützend oder theoriewiderlegend interpretiert werden, sind die Anforderungen einer „method of structured, focused comparison“|36◄ ►37|(George/Bennett 2005) erfüllt. In den genannten Beispielen, wie auch bei vielen anderen solcher Handbücher, ist dies allerdings nicht der Fall.
8.2 Wenige Länder: Qualitativer Vergleich
Paarvergleiche sind häufig, aber nicht unproblematisch. Sie müssen den Anforderungen der „structured comparisons“ folgen
Bei nur zwei oder drei Fällen muss die gerade angesprochene „method of structured, focused comparison“ angewendet werden (George/Bennett 2005). Es sollten dafür jeweils möglichst repräsentative Fälle ausgewählt werden, die idealerweise Aussagen über den dahinterstehenden Idealtypus erlauben. Die Frage, wofür jeder Fall ein Fall ist, muss vom Forscher also klar angegeben werden. Man muss allerdings realistischerweise auch sagen, dass die Generalisierbarkeit von Zwei-Land-Vergleichen im Regelfall sehr begrenzt bleibt. Das Hauptproblem liegt darin, dass bei kleiner Fallzahl eine grosse Menge von Kontextvariablen ins Blickfeld geraten, die vom Forscher kaum unter Kontrolle zu bekommen sind. Wenn sich die beiden Länder hinsichtlich Geschichte, Kultur, Wirtschaft, Politik, Recht etc. stark unterscheiden und diese Kontextfaktoren mit dem Untersuchungsgegenstand zudem eng verflochten sind, können Zusammenhänge nicht mehr zuverlässig identifiziert werden. Formal gesprochen, gilt dann die abhängige Variable als unterdeterminiert. Um dennoch Zusammenhangsmuster aufspüren und erklären zu können, sollten sich Forscher mit qualitativen Strategien wie „pattern matching“, „process tracing“ oder „analytical narratives“ vertraut machen (George/Bennett 2005; Jahn 2006; Muno 2009; Rohlfing 2009).
8.3 Mittlere Länderzahl: Kontrollierter Vergleich
Mittlere Fallzahlen sind ideal, aber an bestimmte Analysestrategien gebunden
Logik des Most Similar Systems Design (MSSD)
Bei Vergleichsstudien von 4–15 Mediensystemen ist erst recht eine bewusste Fallauswahl erforderlich. Diese Studien fussen auf sogenannten quasi experimentellen Designs. Dafür stehen verschiedene Strategien zur Verfügung: Der erste Weg besteht darin, möglichst ähnliche Mediensysteme auszuwählen; der zweite Weg darin, möglichst verschiedenartige Mediensysteme zu untersuchen (vgl. Przeworski/ Teune 1970; Jahn 2006; Landman 2008). Die erste Forschungsstrategie wird mit Most Similar Systems, Different Outcome beschrieben. Hierbei werden Mediensysteme ausgewählt, in denen der Untersuchungsgegenstand |37◄ ►38|(die abhängige Variable) in sehr ähnlichen Kontexten variiert. Es werden ähnliche Mediensysteme zum Ausgangspunkt genommen, um die groben Rahmenbedingungen für den Untersuchungsgegenstand konstant gering zu halten. Ziel ist nun die Identifikation jener Ursache, die in beiden Mediensystemen eben nicht gleich ist und dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass es zu unterschiedlichen Outcomes hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes kommt. In Abbildung 1 ist die Logik von Most Similar Systems, Different Outcome systematisch dargestellt. Verglichen werden zwei Mediensysteme, die sich in vielen Kontextfaktoren gleichen, aber in einem unterscheiden. Der Grund, warum sich im zweiten Mediensystem der Untersuchungsgegenstand X nicht herausgebildet hat liegt im Fehlen des Kontextfaktors „b“. Das grosse Problem dieser Forschungsstrategie liegt darin, wie man most similar systems erkennt bzw. bestimmt. Hierbei können Mediensystemtypologien wie die von Hallin/Mancini (2004) helfen. Beispiele für kommunikationswissenschaftliche Anwendungen des Most Similar Systems Design sind Adam (2007), Esser (2008) und natürlich Hallin/ Mancini (2004).
Abbildung 1: Erklärlogik von „Most Similar Systems, Different Outcome“
Logik des Most Different Systems Design (MDSD)
Die zweite Forschungsstrategie wird als Most Different Systems, Similar Outcome bezeichnet. Bei solchen Untersuchungen von extrem heterogenen Mediensystemen besteht das Ziel darin, in der Fülle von Unterschieden jenen gemeinsamen Faktor zu finden, der dann als ursächlich (im Sinne einer hinreichenden Bedingung) für einen überall vorgefundenen, ähnlichen Outcome gelten kann. In Abbildung 2 ist „a“ der verursachende Faktor, der in den ansonsten unterschiedlichen Mediensystemen 3 und 4 dafür sorgt, dass sich Outcome X in beiden zeigt; Mediensystem 5 dient als Prüffall zur Bestätigung dieser Schlussfolgerung. Kommunikationswissenschaftliche Beispiele für Most Different Systems Designs legten Swanson/Mancini (1996), Norris/Inglehart (2009) sowie Hanitzsch/Seethaler (2009) vor.
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Abbildung 2: Erklärlogik von „Most Different Systems, Similar Outcome“
MSSD und MDSD sind Idealvorstellungen, die adaptiert und kombiniert werden können
Beide Forschungsstrategien, Most Similar und Most Different Systems Design, werden in der Praxis dadurch verkompliziert, dass es nie nur eine Ursache für ein erklärungsbedürftiges Phänomen gibt, sondern immer eine Konstellation mehrerer Ursachen. Beide Designs sind demnach als Idealvorstellungen anzusehen, die sich nur selten in Reinform realisieren lassen. Um die Vor- und Nachteile der verschiedenen Forschungsstrategien auszugleichen, kombinieren viele Studien die Logik von Most Similar und Most Different Systems Design.
Logik der Qualitative Comparative Analysis (QCA)
Es gibt eine weitere Lösung für das Problem, dass ein erklärungsbedürftiges Phänomen meist auf eine Konstellation mehrerer Ursachen zurückgeführt werden kann. Sie nennt sich Qualitative Comparative Analysis (vgl. Schneider/Wagemann 2007; Ragin 2008) und basiert auf einem anderen Kausalitätsverständnis und einer anderen Datenanalysestrategie als die beiden zuvor behandelten Strategien. Das Kausalitätsverständnis der QCA ist weniger deterministisch, indem nicht isolierte verursachende Einzelfaktoren gesucht werden (etwa „b“ in Abbildung 1), sondern grössere Konstellationen, die in bestimmten Gruppen und Kombinationen vorkommen müssen (etwa „a-b-c-d“ in Abbildung 1). Kausalität wird also nicht auf Einzelvariablen, sondern auf komplexe Konfigurationen von „notwendigen“ und „hinreichenden“ Bedingungen zurückgeführt. Für die komplexere Datenanalyse stehen speziell entwickelte Computerprogramme zur Verfügung; deren Auswertungslogik basiert auf Mengentheorie, logischer Kombinatorik und sogenannten Wahrheitstafeln. Ein kommunikationswissenschaftliches Anwendungsbeispiel der QCA ist Nguyen Vu (2010).
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9 Anwendungsfelder des Vergleichs
Zur Beantwortung der Kernfrage, inwiefern Faktoren des Kommunikationskontextes in charakteristischer Weise mit dem Untersuchungsgegenstand interagieren, sind für verschiedene Bereiche unseres Faches
Drei Anwendungsfelder, für die Mehrebenenheuristiken entwickelt wurden
hilfreiche Mehrebenenheuristiken entworfen worden. Hierzu zählt das an Stephen Reese angelehnte Modell der mehrschichtigen Einflussfaktoren im internationalen Journalismus, die Mediensystemtypologie von Daniel Hallin und Paolo Mancini sowie das Konzept des Politischen Kommunikationssystems von Jay Blumler und Michael Gurevitch. Entsprechend wenden wir uns diesen Feldern zu.
9.1 Journalismus im Vergleich
Forschungsinteresse: Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Professionskultur und Nachrichtenstilen erklären
In der komparativen Journalismusforschung geht es u. a. um die Frage, ob es eine einheitliche oder ob es unterschiedliche professionelle Einstellungen und Kulturen gibt und welche Bedeutung dies für die Produktion der Medieninhalte hat. Es spricht viel für die Annahme verschiedener professioneller Kulturen, wobei ihre Grenzen unterschiedlich bestimmt werden. So unterscheidet beispielsweise Donsbach (vgl. Donsbach/Klett 1993; Donsbach/Patterson 2003) auf Basis einer 5-Länder-Befragung von Nachrichtenjournalisten zwischen einer anglo-amerikanischen (USA, GB) und einer kontinental-europäischen (SW, D, IT) Professionskultur, wohingegen Heinderyckx (1993) auf Basis einer 8-Länder-Inhaltsanalyse von Fernsehnachrichtensendungen eine nordisch-germanische (GB, D, NL) von einer romanischmediterranen (F, IT, ES) abgrenzt. Gute Überblicke über die zentralen Einzelstudien und die bisherigen Befunde der vergleichenden Journalismusforschung finden sich bei Esser (2004), Donsbach (2008) sowie Hanitzsch (2009a).
Erklärungen für Gemeinsamkeiten und Unterschiede im westlichen Journalismus können auf verschiedenen Analyseebenen verortet werden
Eine Fülle von Einzelfaktoren, die sich auf verschiedenen Analyseebenen anordnen lassen, können für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Journalismussystemen oder -kulturen verantwortlich gemacht werden (vgl. den Beitrag Journalismusforschung, i. d. B.). Beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten: Journalisten westlicher Industrieländer zeigen eine hohe Angleichung hinsichtlich Durchschnittsalter, Schichtenrekrutierung, Frauenanteil, Bildungsgrad, Anstellungsverhältnis, Mediensektorzugehörigkeit und Arbeitszufriedenheit, was |40◄ ►41|auf die Anwendung ähnlicher Kriterien bei der Personalrekrutierung, -positionierung und -ausbildung in westlichen Medienorganisationen zurückgeführt werden kann. Unterschiede haben internationale Journalistenbefragungen v. a. hinsichtlich der beruflichen Einstellung und Aufgabenselbstverständnisse aufgedeckt. Hier zeigen sich in den Journalistenpopulationen westlich-pluralistischer Industrienationen erstens Unterschiede hinsichtlich Investigativgeist und Selbstverständnis der Presse als demokratiekontrollierende Vierte Gewalt (was u. a. auf Divergenzen der politischen Kultur und anderer gesamtgesellschaftlicher Kontextfaktoren zurückgeführt werden kann); zweitens hinsichtlich Recherchebereitschaft und -verhalten (was u. a. auf Divergenzen bei der Herausbildung des Reporter-Berufsbildes und anderer medienorganisationaler Kontextfaktoren zurückgeführt werden kann); drittens hinsichtlich der Trennungsnorm von Nachricht und Meinung (was u. a. ebenfalls auf medienorganisationale Prinzipien–Grad der Arbeitsteilung und redaktionellen Kontrolle–zurückgeführt werden kann); sowie viertens hinsichtlich Berichterstattungsabsichten und Informationsbeschaffungsmethoden (deren Unterschiede sich auf der Ebene des gesamtgesellschaftlichen Kontextes mit allgemeinen Normen und dem Rechtssystem, auf der Ebene der Medienorganisationen mit der Organisation redaktioneller Tätigkeiten erklären lässt). Es wird deutlich, dass die komparative Journalismusforschung zur Erklärung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten auf ein mehrschichtiges Modell von Einflussfaktoren zurückgreift, an deren Konzeption Reese (2001), Esser (2004), Donsbach (2008) und Hanitzsch (2009b) mitgewirkt haben.
Es gibt Angleichungen im westlichen Journalismus, aber keine Einebnung nationaler Distinktionen
Insgesamt kommt die Forschung zum Ergebnis, dass es unterschiedliche professionelle Kulturen gibt, die sich durch Prozesse der Europäisierung, Amerikanisierung oder Globalisierung bislang nicht eingeebnet haben. Unterschiede können vor allem durch Einflussfaktoren der nationalgesellschaftlichen Mediensystemebene (mit ihren divergierenden kulturellen, politischen, rechtlichen Bedingungen) erklärt werden; Gemeinsamkeiten durch die darüber liegende, supranationale Ebene (mit ihrer grenzüberschreitenden Diffusion von Ausbildungsstandards, Nachrichtenwerten, Informationsströmen) sowie die darunterliegende Medienorganisations- und Mediensektorebene (mit ihren konvergierenden technologischen und ökonomischen Bedingungen). Hebt man die Beschränkung auf die westliche Hemi-sphäre
Herausforderung: global gültige Erklärungen und Modelle
auf und blickt auf den Journalismus verschiedener Kontinente, zeigen sich weltweit fundamentale Unterschiede, an deren Erklärung die Forschung noch arbeitet (vgl. Weaver 1998; Hanitzsch/Seethaler 2009).
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9.2 Mediensysteme im Vergleich
Einen anderen Blick auf Journalismussysteme bietet Mancini (2005). Er ist weniger an aktuellen Befunden interessiert, sondern macht
Erklärungen für Mediensystemunterschiede setzen historischinstitutionell an
historische Ursprünge für die Ausprägung von Mediensystemen verantwortlich. Ihm zufolge haben sich europäische Medien in grösserer Nähe zur Politik entwickelt–und sich häufig auch stärker mit politischen Interessen identifiziert. Dies habe eine grössere Parteilichkeit der Berichterstattung begünstigt. Dagegen hätten amerikanische Medien seit ihren Anfängen weniger starke Verbindungen zur Politik unterhalten und sich eher kommerziell auf ein Massenpublikum ausgerichtet. In den früh entwickelten angloamerikanischen Massenzeitungen sei Politik–wenn sie überhaupt vorkam–eher neutral dargestellt worden, um potenzielle Leser nicht vor den Kopf zu stossen. Neben Politiknähe und Parteilichkeit zeichneten sich die Ursprünge des europäischen Journalismus ausserdem durch eine Nähe zur Literatur aus, was einen anspruchsvolleren Schreibstil mit einem Hang zu Interpretation, Analyse, Belehrung, Aufklärung und Kommentierung begünstigt habe–Publizisten hätten sich als Teil der intellektuellen Elite gesehen. Dagegen habe das angelsächsische Journalismusideal andere Wurzeln: unelitärer, vermittelnder, faktenzentrierter, news