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Die abgelegene Hütte meines Bosses in North Yorkshire ist nach einer schlimmen Trennung kurz vor Weihnachten meine Rettung. Eigentlich sollte sie leer stehen, doch unerwartet muss ich sie mit meinem Boss, dem arroganten Londoner Milliardär Sheridan Radcliff, teilen. Der ist darüber anfangs gar nicht amüsiert. Doch dann werden wir zusammen eingeschneit.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Copyright©undUrheberrecht 2025 Evelyne Amara Copyright © Coverabbildung HayDmitriy / Shotshop.comCoverdesign: Evelyne [email protected]://www.Evelyne-Amara.comEvelyne Amarac/o Autorenservice GorischekAm Rinnersgrund 14/58101 GratkornÖsterreich
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Cover
Aneira
Der Raum ist brechend voll mit Leuten. Dennoch ist mein Boss Sheridan Radcliff mit seiner hoch aufragenden Gestalt, den breiten Schultern, dem dichten, welligen, dunkelbraunen Haar, dem markanten Gesicht und den bezwingenden, grünen Augen nicht zu übersehen. Seine Aura, sein Charisma, der Klang seiner tiefen Stimme, einfach alles an ihm erregt Aufmerksamkeit.
Zumindest lenkt mich sein Anblick von all dem ab, was in der letzten Zeit in meinem Leben schiefgegangen ist, und das ist leider eine Menge. Wenigstens läuft es beruflich derzeit gut trotz der Rückschläge, die ich im Sommer hatte einstecken müssen.
Am schlimmsten jedoch ist das Gefühl, dass mein Vertrauen so mit Füßen getreten worden ist. Ausgerechnet von jemandem, der vorgab, mich zu lieben.
Ich halte mich am Rande der Festgesellschaft auf. Wie üblich sind die Weihnachtsfeiern der RSCC, also der Radcliff Software & Cloud-Computing Limited, opulent, stilvoll und gut besucht. Nicht nur die Mitarbeiter und deren Partner sind anwesend, sondern auch zahlreiche Geschäftspartner.
Besonders bitter ist für mich, dass mein Ex-Freund Robert Edwards mit seiner neuen Flamme hier ist. Inoffiziell natürlich, denn bisher haben sie Ihre Beziehung im Unternehmen noch nicht verkündet. Aus gutem Grund! Daher sitzen sie auch nicht direkt nebeneinander, aber die Blicke, die sie einander verstohlen zuwerfen, sind sehr bezeichnend.
Am liebsten wäre ich heute nicht zur Feier erschienen, obwohl ich früher gerne dort hingegangen bin. Die Anwesenheit bei der Weihnachtsfeier des Unternehmens ist obligatorisch. Darauf wird viel Wert gelegt, weswegen wir für diese Zeit eine Bezahlung erhalten. Das ist im Arbeitsvertrag so festgelegt. Die paar Stunden werde ich schon aushalten. Einmal im Jahr ist das zumutbar. Außerdem weiß ich gar nicht, wohin ich sonst sollte.
Ein paar meiner Sachen stehen derzeit in Roberts Keller. Zumindest dieses Zugeständnis hat er mir gemacht, wenn auch sehr widerwillig. Dabei bräuchte er gar nichts zu sagen. Er schmiss mich raus, und seine Neue zog noch am selben Abend ein.
In meiner Verzweiflung habe ich eine Reisetasche und einen Schlafsack in einer der Besenkammern des Unternehmens versteckt. Es ist kein besonders gutes Versteck, doch da die Reinigungskräfte heute nicht mehr in die Büroräume kommen werden, sollte das kein Problem sein. Es handelt sich um eine Notlösung, geboren aus Verzweiflung.
Die Weihnachtsfeier findet im großen Konferenzraum statt. Die Büros sind in einem anderen Stockwerk, zu dem ich dank meines Firmenausweises Zutritt habe.
Jemand setzt sich auf den freien Platz zu meiner linken Seite. »Geht es dir gut, Aneira?« Die Frauenstimme klingt besorgt.
Ich wende meinen Blick von der Wand ab, die ich zuletzt angestarrt habe, und sehe Samira Jennings an, die blonde fünfzigjährige Dame, die meine direkte Vorgesetzte ist. Sie ist die persönliche Assistentin vom obersten Boss Sheridan Radcliff, dem Gründer dieses Unternehmens. Nach meinen Niederlagen in der Cloud-Computing-Abteilung konnte ich vor einem halben Jahr glücklicherweise als Samiras Assistentin wieder Fuß fassen. Nicht jeder hätte mir diese Chance gegeben.
»Ja, es geht mir gut. Danke der Nachfrage.«
Skeptisch sieht sie mich an. »Das wirkt nicht sehr überzeugend.«
Sie wirft einen Seitenblick zu meinem Ex-Freund Robert, der zwei Stühle von der jungen, blonden, äußerst attraktiven Praktikantin Amber Cox entfernt sitzt. Noch halten die beiden sich bedeckt und sind auch zur Feier nicht zur selben Zeit aufgetaucht. So ein verlogenes Pack. Sollen sie doch zu dem stehen, was sie getan haben!
Vermutlich wollen sie berufliche Nachteile vermeiden, welche durch negative Gerüchte über sie hervorgerufen werden könnten. Schließlich wissen viele der Kolleginnen und Kollegen von meiner jahrelangen Beziehung mit Robert. Sicherlich wollen die beiden ihre Verbindung noch eine Weile geheim halten, damit sie dann besser dastehen. Diese dürfte schon eine Weile laufen. Ich wünschte nur, ich hätte es früher bemerkt.
Nachdenklich blickt Samira mich an. »Wann habt ihr euch getrennt?«
Überrascht ziehe ich die Augenbrauen in die Höhe. »Woher weißt du das? Ich habe in der Firma niemandem davon erzählt.«
»Ihr sitzt voneinander entfernt und redet nicht miteinander.«
»Wir könnten rein theoretisch auch nur einen Streit haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Robert schmollt und nicht mit mir reden möchte.«
»Deinem Gesicht nach zu urteilen, handelt es sich um weitaus mehr als nur einen Streit.«
»Deine Beobachtungsgabe ist wirklich unheimlich. Wir haben uns gestern getrennt.«
Nun wirkt sie überrascht. »So kurz vor Weihnachten?«
Ich räuspere mich. »Er hat mich hinausgeschmissen. Aber ich wäre ohnehin nicht geblieben. In der Wohnung hätte ich ihm nicht aus dem Weg gehen können.«
Zu jenem Zeitpunkt hatte ich nicht ahnen können, dass die Wohnraumsituation sich als derart trostlos herausstellen würde. Manchmal klebt einem das Pech regelrecht an den Fersen. Das war so ein Tag. Jetzt bin ich faktisch wohnungslos.
Samira reißt schockiert die blauen Augen auf. »Hinausgeschmissen?«
Ich schlucke, im ersten Moment unfähig, zu sprechen. Der Schock sitzt noch zu tief. Nach wie vor kann ich nicht fassen, wie Robert mir das alles antun konnte.
»Ich habe ihn mit Amber Cox im Bett erwischt.«
Samira ballt die Hände zu Fäusten. Ihre Wut ist ihr deutlich anzumerken. Dennoch senkt sie aus Rücksicht auf mich ihre Stimme. »So ein Schwein! Aber geht das denn so einfach, Aneira? Stehst du denn nicht ebenfalls im Mietvertrag?«
»Als ich damals eingezogen bin, wollte ich mich darin eintragen lassen, damit alles seine Richtigkeit hat, aber Robert sagte, dass das nicht geht. Der Vermieter würde in solch einem Fall einen neuen Vertrag mit einer deutlich höheren Miete verlangen. Im alten sei jedoch eine Untervermietung nicht ausgeschlossen. Daher hatte Robert mir damals einen Untermietvertrag angeboten, der auf mysteriöse Weise verschwunden ist, wie ich vor kurzem herausfand. Ich habe immer bar bezahlt, weil er das so wollte. Er meinte, er würde dadurch Bankgebühren sparen. Auch die Belege dafür sind verschwunden. Für meine Naivität könnte ich mir in den Hintern beißen.«
Schockiert starrt sie mich an. »Es ist unglaublich, wie dreist und gemein einige sind.«
Ich nicke. »Allerdings.«
»Du weißt nicht, wo du so kurz vor Weihnachten unterkommen sollst, nicht wahr?«
Entsetzt starre ich sie an. »Woher weißt du das?«
»Mir ist heute Morgen aufgefallen, dass du ziemlich verschlafen und verzweifelt ausgesehen hast. Du warst auch schon sehr früh in der Firma.« Sie legt eine kurze Sprechpause ein, während der sie aufmerksam mein Gesicht betrachtet. »Das lag nicht nur an der Trennung, oder? Im Bad habe ich heute früh einen Damenrasierer gefunden.« Sie zieht die Augenbrauen in die Höhe. »Du hast hier übernachtet.«
Panik steigt in mir hoch. Jetzt ist alles aus. Ich bin aufgeflogen und werde auch noch meinen Job verlieren. Samira ist zwar verständnisvoll, aber alles hat seine Grenzen. Dennoch will ich noch nicht aufgeben.
»Es ging nicht anders. Bitte sage dem Boss nichts davon, Samira. In der Kürze der Zeit konnte ich leider keine Unterkunft finden. Ich suche weiter, das verspreche ich dir. Die Hotels, falls man die sich überhaupt leisten kann, und die Ferienwohnungen sind ausgebucht wegen irgendeiner Messe und des Konzerts dieses spanischen Superstars. Ich will nicht jammern, aber ich habe keine Familie. Ich weiß nicht, wohin ich soll. Die Wohnung meiner Freundin Hannah ist zu klein, als dass ich bei ihr unterkommen könnte. Die ist kaum größer als ein Schuhkarton. Außerdem ist sie gerade in Urlaub. Nadine würde mich bei sich aufnehmen, doch über die Feiertage hat sie ihre Schwiegereltern im Haus. Da ist kein Platz mehr. Die können sich jetzt schon kaum noch umdrehen.« Verzweifelt ringe ich mit den Händen.
Ich bin beschämt, dass ich ausgerechnet vor meiner Vorgesetzten einen solchen Zusammenbruch habe. Was soll sie nur von mir denken? Bestimmt kommt sie zu der Schlussfolgerung, dass ich unfähig sei. Schließlich bin ich naiv genug gewesen, der falschen Person zu vertrauen. Meine Menschenkenntnis ist offenbar nicht die allerbeste.
Sie wirkt nachdenklich. »Bei mir kannst du bedauerlicherweise nicht unterkommen, weil in meinem Mietvertrag Untervermietung ausgeschlossen wurde. Besuch ist erlaubt, darf aber höchstens zwei Tage lang bleiben.«
»Das ist sehr restriktiv.«
Samira seufzt. »Es ist immer wieder dasselbe. Ein vorheriger Mieter hatte das mit der Untervermietung ausgenutzt, und in der Folge müssen alle anderen darunter leiden.«
»Aber danke, dass du es tun würdest.« Vielleicht habe ich nichts aus der Sache mit Robert gelernt und bin immer noch hoffnungslos gutgläubig, aber ich habe den Eindruck, dass sie mir die Wahrheit erzählt. Unter anderen Umständen würde sie mich bei sich aufnehmen. Wobei das beruflich für sie Nachteile haben könnte, denn sie ist meine Chefin. Man weiß schließlich nie, was solch ein Arrangement für Gerede heraufbeschwören könnte, sollte jemand davon erfahren.
Sie senkt die Stimme, damit niemand außer ich sie hören kann. »Ich habe eine Idee.«
Wie gebannt hänge ich an Samiras Lippen. »Welche denn?«
»Unser Boss hat vor etwa zwei Jahren eine Hütte geerbt. Von einem Onkel mütterlicherseits.« Sie kratzt sich am Kinn. »Sie liegt ziemlich abgelegen in North Yorkshire. Sagt dir der Yorkshire Dales National Park etwas?«
Ratlos blicke ich sie an und schüttle dann den Kopf. »Nein, leider nicht.«
»Die Hütte liegt südlich der Penninen, also dieses Mittelgebirges.«
»Aber nutzt der Boss sie denn nicht selbst?«
»Seit dem Tod seines Onkels war er nicht mehr dort, obwohl sie durchaus sehr komfortabel ist, was man nicht unbedingt vermutet, wenn man sie von außen sieht. Vor vielen Jahren ließ er sie renovieren und für seinen Onkel mit so einigem Luxus ausstatten. Ich weiß das, weil ich mich damals um die Organisation der Renovierungsarbeiten gekümmert habe. Seit dem Tod seines Onkels bin ich weiterhin für die Instandhaltung zuständig, und ich habe dafür zu sorgen, dass immer genügend Vorräte vorhanden sind.«
Ich runzle die Stirn. »Vorräte? Das heißt, er hat vor, sich öfter dort aufzuhalten?«
»Dafür hat der Boss doch gar keine Zeit oder besser gesagt, nimmt er sie sich nur sehr selten. Er hat sogar morgen noch ein Meeting.«
Ungläubig starre ich sie an. »Im Ernst?«
Samira nickt. »Ja, mit einem von der Richford-Meyers-Group.«
»Irgendwann wird man ihn mit den Füßen voran aus dem Büro tragen.«
»Das habe ich ihm auch schon gesagt, ebenso seine Mutter, sein Bruder und andere Verwandte und Freunde. Ich denke, dass sein Onkel ihm aus genau diesem Grund die Hütte vererbt hat. Er wollte, dass der Boss mal raus aus der Stadt kommt und richtig lebt, anstatt immer nur zu arbeiten. Doch bisher sieht es nicht danach aus. Der Boss tut so, als wäre sein Onkel gar nicht verstorben. Ich soll mich nach wie vor um die Hütte kümmern, als würde dieser jederzeit dorthin fahren. Schade eigentlich, dass sie jetzt nicht genutzt wird. Sie liegt ein wenig abseits, aber in einer absolut traumhaften Gegend. Jedenfalls wird sie leer stehen, während du hier im Gebäude im Badezimmer oder wo auch immer schläfst.«
»Unter dem Schreibtisch.«
»Das dürfte wohl kaum komfortabler sein. Du holst dir hier den Tod. Außerdem sollte niemand Weihnachten unter seinem Schreibtisch verbringen müssen. Große Lebensmittelvorräte kannst du hier außerdem wohl kaum noch hereinschmuggeln.«
»Ich habe heute Morgen einiges im Kühlschrank der Gemeinschaftsküche gelagert und ein paar Sachen an anderen Orten versteckt.«
»Das ist mir aufgefallen und sicherlich nicht nur mir, weil alle anderen ihre Sachen eher aus- als eingeräumt haben. Ich bin bereit, dir den Schlüssel für die Hütte über die Feiertage zur Verfügung zu stellen. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
Ich bin sprachlos und unendlich dankbar. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich kann es einfach nicht fassen.
Ich räuspere mich, um meine Sprache wiederzufinden. »Das würdest du wirklich für mich tun?«
»Sieh mich nicht an wie ein Eichhörnchen, wenn es blitzt. Ich meine es ernst. Das tue ich nicht nur aus Mitgefühl. Ich weiß, dass du eine zuverlässige Person bist, und will deine Gesundheit als Mitarbeiterin nicht gefährden, indem du mitten im Winter im Büro übernachten musst. Die Heizung wird heruntergefahren werden. Allzu warm dürfte es dann im Büro also nicht mehr sein. Es ist außerdem eine Schande, dass so ein schönes Häuschen die ganze Zeit leer steht, vor allem, wenn jemand wie du in Not ist. Ich kann es einfach nicht verantworten, dich hängenzulassen, zumal sich diese Möglichkeit anbietet.«
»Danke, vielen Dank. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«
Ernst blickt sie mich an. »Versprich mir einfach, dass du keine Untermieter mit hineinnehmen und die Hütte wieder in dem Zustand verlassen wirst, wie du sie angetroffen hast.«
»Du kannst dich auf mich verlassen. Das ist für mich eine Sache der Ehre und sollte selbstverständlich sein. Aber was ist mit den Vorräten?«
»Die sind das geringste Problem. Die werde ich ersetzen und dir in Rechnung stellen.«
Skeptisch blicke ich sie an. »Aber wird das denn nicht auffallen?«
»Wie denn? Es wird immer mal wieder etwas zu alt und muss ersetzt werden. Sieh einfach zu, dass du gegen das Ablaufdatum isst. Ich habe angewiesen, dass man die Dosen und Vorräte ähnlich wie im Supermarkt einsortiert, also diejenigen, die zuerst ablaufen kommen immer vorne ins Regal rein. Wobei Dosen, wenn sie keine Dellen, Rost oder andere Beschädigungen aufweisen, weit über das Haltbarkeitsdatum hinaus noch gut sind.«
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Du bist so großzügig.« Ich bin überwältigt von Samiras Güte, ihrem Verständnis und ihrem Mitgefühl. Sie ist so eine wunderbare Person.
»Mir bricht es immer das Herz, Lebensmittel wegschmeißen zu müssen. Es wird ohnehin viel zu viel weggeworfen. Die Supermarktkette Tesco will deswegen einige Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum an seine Kunden verschenken. Zumindest in kleineren Express-Filialen soll das bald so gehandhabt werden.«
»Das ist sinnvoll.«
»Jetzt klappe deinen Mund wieder zu, Aneira, und tue so, als sei es ein ganz gewöhnlicher Abend in der Firma. Soweit das geht, wenn man diesen Idioten, also deinen Ex, ständig vor der Nase hat. Amber wird hier übrigens nicht Fuß fassen. Dafür arbeitet sie zu wenig und flirtet zu viel. Sie ist total unreif.«
»Sie ist mir egal.« Es klingt lahm, und das ist es auch.
Amber wohnt jetzt in der Wohnung, in der ich seit Jahren gelebt hatte, und schläft jetzt in dem Bett, in dem ich jede Nacht gelegen hatte. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Robert es seitdem überhaupt neu bezogen hat. Was ihn betrifft, würde mich gar nichts mehr wundern.
Gewiss hat er Amber das Allerschlechteste von mir erzählt. Er hat Vorarbeit geleistet, denn heute habe ich erfahren, dass er schon seit einiger Zeit böse Gerüchte über mich verbreitet. Ich sei so kalt und egoistisch und würde ihm den Erfolg nicht gönnen. Im Bett würde auch schon ewig nichts mehr laufen, weswegen er vermutet, ich hätte heimlich einen anderen. Das alles tat er offenbar nur, um jetzt selbst besser dazustehen.
Ob Amber die Einzige ist, die er abgeschleppt hat? Wohl kaum. Sicherlich gibt es noch mehr naive Frauen wie sie oder welche, die keine Moral kennen. Eigentlich kann mir das jetzt egal sein. Die Hauptsache ist, dass ich nicht auf dem kalten, harten Bürofußboden schlafen muss in der ständigen Gefahr, vom Sicherheitspersonal entdeckt zu werden. Der Boss hat nämlich ziemlich gute Leute eingestellt.
»Das sollte es auch. Sie und auch dein Ex sind es nicht wert, dass du auch nur einen weiteren Gedanken an sie verschwendest.«
»Damit dürftest du recht haben.«
»Natürlich habe ich recht. Damit du nicht länger wie auf Kohlen sitzt, werde ich in mein Büro gehen und den Schlüssel für das Häuschen holen. Wir treffen uns in fünf Minuten auf der Damentoilette. Sollte jemand anders dort sein, warte einfach, bis sie weg sind. Zieh dir die Lippen nach, kämme dein Haar oder tue was auch immer.«
»Okay, Chefin.«
Ich blicke ihr nach, wie sie den Raum verlässt. Fünf Minuten später gehe ich hinaus auf die Damentoilette. Wie versprochen überreicht sie mir den Schlüssel sowie einen Zettel mit der Adresse. Glücklicherweise befinden sich derzeit keine weiteren Personen dort. Das haben wir sorgsam überprüft.
Als ich meine Hände um den kühlen Schlüssel schließe, atme ich erleichtert auf. Das löst erst mal das drängendste Problem. »Mit der Heizung und den Vorräten ist alles in Ordnung? Du hast gesagt, dass die Hütte ziemlich abseits liegt.«
»Die habe ich erst kürzlich überprüfen lassen. Die Hütte besitzt eine eigene Wasserquelle und ist auch vom Strom her völlig autark dank der Photovoltaikanlage mit eingebauter Original-Schneebremse aus der Schweiz, welche den Schnee kontrolliert abtaut und ableitet. Auch das Notstromaggregat wird regelmäßig gewartet. Die dafür benötigten Ressourcen sind auch immer vorhanden. Das überwache ich höchstpersönlich. Alles ist gut gedämmt, und die Fenster hat Sheridan auch erst vor ein paar Jahren austauschen lassen. Warme Decken, Bettzeug und so etwas sind auch vorhanden. Erfrieren wirst du dort nicht.«
»Das hört sich gut an.«
»Du musst dir also keine Gedanken machen. Im Keller gibt es viele Vorräte und eine große Kühltruhe. Die reichen für einige Wochen, wenn nicht gar Monate. Ich würde allerdings vorschlagen, dass du Obst und Gemüse morgen im Supermarkt in Kirkby Stephen besorgst, damit du etwas Frisches da hast. Es gibt dort einen Co-op Food und einen SPAR. Diese Kleinstadt liegt etwa elf Meilen von der Hütte entfernt. Ich gebe dir die Telefonnummer von einem Taxifahrer, der dich mit seinem Jeep hinauffahren wird.«
Verwundert blicke ich sie an. »Ein Taxifahrer mit Jeep?«
»Ja, er fährt die Strecke lieber mit dem Jeep. Bei dem steilen Zufahrtsweg, dem starken Wind und dem eingeschränkten Winterdienst ist das verständlich. Der Taxiservice ist sehr zuverlässig und gut erreichbar. Mach dir darüber keine Sorgen.«
Ich erschauere bei der Beschreibung der Witterungsverhältnisse. Allerdings bleibt mir nicht viel anderes übrig, und die Hütte hört sich sehr gemütlich an.
»Fährt denn jemand vom Taxiservice auch so kurz vor den Feiertagen noch dort hoch?«
»Ja, das werden sie tun. Ich war selbst mal bei solchem Wetter dort oben. Es handelt sich um einen zuverlässigen und erfahrenen Familienbetrieb.«
»Lohnt sich das denn in der Gegend, wenn die so abgelegen ist?«
»Ich gehe davon aus. Es gibt da oben ein recht bekanntes und beliebtes Pub. Dort wurden auch schon Filme gedreht, und es gibt öfter Live-Musik. Man darf Hunde mitbringen, und das Essen ist auch gut. Was will man mehr? Es ist das Tan Hill Inn. Ich habe sogar eine Tasse von denen. Vielleicht findest du die Zeit, mal dort vorbeizuschauen. Es hat eine lange Tradition und ist sicherlich einen Besuch wert. Es dürfte ungefähr sechs oder sieben Meilen von dem Häuschen entfernt sein. Im Sommer ist der Onkel vom Boss öfter dorthin gewandert. Es gibt in der Gegend einige sehr populäre Wanderrouten.«
»Du kennst dich dort ziemlich gut aus.«
Samira lächelt. »Man wächst mit seinen Aufgaben. Ich kann nicht sagen, dass es langweilig ist, für Sheridan zu arbeiten.«
»Das habe ich auch nicht gedacht. Danke für dein Vertrauen.« Ich schlucke. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Du willst wirklich für mich deinen Job aufs Spiel setzen?«
»So schnell wirft der Boss seine Leute nicht raus, vor allem nicht, wenn sie zuverlässig und loyal sind. Außerdem ist es für einen guten Zweck.«
»Danke vielmals! Warum tust du das alles für mich?«
»Weil ich nachfühlen kann, wie es ist, wenn man niemanden hat. Außerdem bist du eine sehr zuverlässige Mitarbeiterin. In den drei Jahren, die du jetzt für RSCC arbeitest, hast du dich als sehr fleißig, hilfsbereit und loyal erwiesen. Dadurch dass wir öfter zusammen mittags in die Kantine gegangen sind, kenne ich dich auch privat ein bisschen besser.«
»Aber was ist, wenn Mr. Radcliff es herausfindet?«
»Er wird es nicht herausfinden und falls doch, wird es eine Standpauke geben, aber mehr auch nicht. Wenn überhaupt, denn für logische Argumente ist er fast immer zugänglich.«
»Hoffen wir es.«
»Er ist kein Unmensch. Mach dir keine Gedanken.«
»Aber er ist immer so fordernd.«
Samira nickt. »Es stimmt, dass er viel von seinen Mitarbeitern verlangt. Davon kann ich ein Lied singen. Aber er ist alles andere als unmenschlich. Er wird uns nicht die Köpfe abreißen, falls er davon erfährt, was sehr unwahrscheinlich ist. Seit dem Tod seines Onkels ist er nicht mehr dort gewesen. Ich frage mich, ob er die Hütte irgendwann verkaufen oder vermieten wird.«
»Dauerhaft wird das wohl keiner mieten, wenn sie so abgelegen ist.«
»Das würde ich nicht sagen. Zumindest Feriengäste oder Wanderfreunde wären gewiss sehr daran interessiert. Allerdings hing er sehr an seinem Onkel. Daher denke ich, dass eine dauerhafte Vermietung oder ein Verkauf eher weniger in seinem Sinne wären. Aber man kann nie wissen, was die Zukunft bringt, nicht wahr?«
Ich nicke. »Ja, alles ist in ständiger Veränderung. Manchmal überstürzen sich die Ereignisse ganz plötzlich.«
»Oft kommt es anders, als man denkt.«
Aneira
An diese rätselhaften Worte meiner geschätzten Chefin denke ich, als ich mich am nächsten Morgen von ihr verabschiede.
Am Abend zuvor hatten wir uns die Verkehrsverbindung angesehen. Es stellt kein Problem dar, dorthin zu gelangen.
Ich habe die Nacht auf ihrem kleinen, aber halbwegs bequemen Sofa verbracht, mit ihr zusammen Croissants gefrühstückt und eine Tasse Kaffee getrunken. Nun bin ich bereit zum Aufbruch.
»Viel Glück. Denke daran, dass das Wetter dort oben ziemlich wechselhaft ist.«
»Ist es das nicht überall in Großbritannien?« Schlotternd ziehe ich den Kragen meines Mantels nach oben.
»Ja, aber die Hütte ist ziemlich weit oben, etwa 530 Fuß (0,16 km) oberhalb des Meeresspiegels. Es ist möglich, dass es ziemlich viel schneien wird.«
Ich erschaudere. »Wurde Mr. Radcliffs Onkel dort schon mal eingeschneit?«
»Soweit ich weiß, das eine oder andere Mal, was aber nie ein Problem darstellte.«
»Es wird schon seinen Grund haben, warum er trotz der Solaranlage ein Notstromaggregat hat.«
»Der Boss hatte das beschafft. Er wollte seinen Onkel gut versorgt und sicher wissen. Letzterer war da etwas sorgloser.«
»Das denkt man gar nicht, wenn man Mr. Radcliff in Verhandlungen erlebt. Er ist ziemlich ruchlos, unerschrocken und teilweise ziemlich aggressiv.« Ich halte inne und sehe Samira betroffen an. »Das hätte ich nicht sagen sollen.«
»Keine Sorge, ich sage nichts zum Boss. Außerdem ist es die Wahrheit. Jetzt mach dich auf den Weg. Es ist eine lange Fahrt.«
»Ein Funkloch ist da oben nicht?«
»Nein, aber für Notfälle gibt es ein Funkgerät, auch erworben vom Boss. Das wird regelmäßig überprüft wie alle Elektrogeräte. Vermutlich fliegt die Gebrauchsanweisung dafür auch noch irgendwo herum.«
Samira hat nicht zu viel versprochen. Obwohl ich früh losgefahren bin, ist es später Nachmittag, als ich endlich ankomme. Ich schleppe mich, wie sie es mir empfohlen hat, in den Co-op-Food, erwerbe dort Obst, Gemüse, Salat, Brot, Butter, Joghurt, Milch, Kaffee, Wurst, Tee, Badezusatz, eine kleine Packung Waschmittel und noch einiges andere. Dann rufe ich das von ihr genannte Taxiunternehmen Barnes & Smith an.
Tatsächlich hält kurz darauf ein Jeep-Taxi vor mir. Der Fahrer stellt sich mir als Mr. Barnes vor. Ich steige ein und lasse mich in die Einöde bringen.
Habe ich das Ladekabel meines Smartphones eingepackt? Ja, ich bin mir dessen ziemlich sicher. Die Erinnerung daran steigt in mir hoch. Erleichtert atme ich auf. Auch die Solar-Powerbank mit der Kurbel habe ich dabei. Es wäre nicht schön, wenn ich dort oben in der Einöde festhängen und keinen Kontakt mehr zur Außenwelt haben würde.
Besorgt blicke ich zum Himmel, der sich leicht gräulich verfärbt hat.
»Kommt Mr. Radcliff noch nach?«
Die Frage des Taxifahrers behagt mir nicht, andererseits sagt sie mir, dass ich dort oben allein sein werde. Wenn jemand vom Taxiunternehmen den Boss oder jemand anderen hochgefahren hätte, wüsste der Mann es.
»Soweit ich weiß, nicht.«
»Sind Sie mit Mr. Radcliff verwandt?«
Kurz zögere ich. Es behagt mir nicht, zu lügen. Andererseits geht es ihm nichts an. »Nein.«
»Seine Freundin?«
»Es ist platonisch.« Es stimmt, die Grundlage unserer Nicht-Beziehung und Nicht-Freundschaft ist platonisch.
Ich schenke dem Taxifahrer einen harten Blick. »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie neugierig sind?«
»Schon gut. Tut mir leid. Geht mich schließlich nichts an.«
Die Fragen des Taxifahrers bringen mich aus dem Konzept. Hoffentlich fragt er meinen Boss nicht irgendwann nach mir. Das dürfte wohl eher unwahrscheinlich sein, weil der nur selten hier ist, aber möglich wäre es schon. Vielleicht entschließt er sich, in Zukunft häufiger hier zu sein. Egal. Hauptsache, ich bin erst mal nicht mehr wohnungslos. Danach kann ich immer noch überlegen, was ich tun werde.
»Kennen Sie Mr. Radcliff?«, frage ich dennoch.
»Den kenne ich noch nicht persönlich, hab ihn nur mal von weitem gesehen. Meine Schwester hat ihn mal gefahren. Er ist ein ziemlich gut aussehender Bursche.«
Erleichtert atme ich auf. Also stimmt es, dass mein Boss nur selten in der Gegend ist. Ich werde also ungestört sein.
Der Fahrer, ein Mann in einer dicken, braunen Jacke und mit einer Mütze blickt mich unter dichten, grauen Augenbrauen aus rauchfarbenen Augen an. »Ich kannte den alten Mr. Wilson, Gott habe ihn selig. Ein netter Kerl war er, wenn auch ein bisschen eigenbrötlerisch.«
»Woran ist Mr. Wilson denn gestorben?«
»Das ging ganz schnell. Sein Herz ist einfach stehengeblieben. Er war achtzig und hatte ein erfülltes Leben.«
Sein Blick fällt auf die Tragetaschen mit den Vorräten. »Sie haben vorgesorgt, das ist gut. Mr. Wilson hatte immer viele Vorräte, aber was Frisches zu haben ist sicherlich gut.«
»Das denke ich auch.«
Der Taxifahrer wirkt auch dann noch sehr sicher, als wir über eine unbefestigte, steile Straße fahren. Falls man den Schotterweg überhaupt als Straße bezeichnen möchte. Einen Teil der Strecke geht es daneben ziemlich steil in die Tiefe.
Jedenfalls bin ich froh, als wir bald ein schneebedecktes Haus erreichen. Vor dem Gebäude hält der Jeep an. Wir steigen aus.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Alles ist weiß. In der Ferne sehe ich Bäume, Hügel und die Gebirgskette der Penninen. Ich bin wirklich in der Einöde gelandet.
Eigentlich wäre das kein Problem. Hätten wir besseres Wetter, würde ich ein wenig spazieren gehen. Meine Trekkingschuhe habe ich nicht dabei, aber für die ist es vermutlich ohnehin zu viel Schnee. Es ist ein Wetter zum Skifahren oder um gemütlich vor einem Kaminfeuer mit einer warmen Tasse Tee zu sitzen.
»Wie lange gedenken Sie zu bleiben, Lady?«
Ich wende mich dem Fahrer zu. »Voraussichtlich bis zum sechsten Januar. Vielleicht auch ein wenig früher. Am Siebten muss ich wieder arbeiten. Sie fahren doch hoffentlich am sechsten Januar, oder?« Besorgt blicke ich ihn an.
»Wahrscheinlich schon.«
»Wahrscheinlich?«
Er zuckt mit den Schultern. »Das weiß man hier in der Gegend nie. Das Wetter ist mitunter unberechenbar.« Dann bemerkt er meinen Blick, in dem sich meine Angst und Unsicherheit zeigen dürften. »Machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles halb so schlimm. Der alte Mr. Wilson hatte nie Schwierigkeiten. Jede Schlechtwetterphase endet irgendwann. Das sind meist nur zwei, drei Tage, an denen nichts geht. Die hat man nur alle paar Jahre.« Er nennt mir den Preis für die Fahrt, den ich bezahle. Ich gebe ihm ein Trinkgeld, das er dankend entgegennimmt.
»Danke fürs Fahren.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Taxiunternehmen derartige Strecken fahren, aber womöglich ist es hier in der Gegend anders.
»Sehr gerne. Ich trage Ihnen noch die Lebensmittel und Ihre Reisetasche zum Haus. Das können Sie gar nicht alles allein schleppen.«
»Danke. Das ist lieb von Ihnen.«
»Kommt noch jemand?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich bin allein.«
»Der alte Mr. Wilson war auch oft allein hier. Früher kam er mit seiner Hündin her, aber die ist irgendwann gestorben. Er hat sich dann kein Haustier mehr geholt, weil er im hohen Alter die Verantwortung nicht mehr übernehmen wollte. Das ist ein schönes Fleckchen Erde hier. Das werden Sie schon feststellen.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Kannten Sie den alten Mr. Wilson?«, fragt er mich, während er meine Reisetasche und eine der schweren Einkaufstragetaschen trägt. Ich schleppe derweil die anderen.
Ich schüttle den Kopf. »Nein, leider nicht.« Während ich ihm antworte, schließe ich die Haustür auf, damit wir die Sachen reinbringen können. Wir klopfen unsere Schuhe ab.
»Wie schade. Er war ein feiner Kerl. Kennen Sie den jungen Mr. Radcliff schon lange?«
Ich nicke. »Seit mehreren Jahren.« Vom Sehen und vom Vorstellungsgespräch, aber das sage ich dem Taxifahrer natürlich nicht.
Er verlässt das Haus. Ich bleibe im Eingang stehen.
»Dann wünsche ich Ihnen einen guten Aufenthalt. Wenn Sie mich brauchen, wissen Sie, wie Sie mich erreichen können. Abgesehen von manchen Feiertagen und einigen Nachtstunden, denn irgendwann müssen selbst wir mal schlafen, sind wir immer im Einsatz, wenn das Wetter mitspielen.«
»Vielen Dank, Mr. Barnes. Wie viele Fahrer haben Sie?«
»Bei uns in der Familie hat fast jeder einen Führerschein und ist im Taxigeschäft tätig, meine Schwester, mein Bruder, mein Schwager und mein Hund. War ein Scherz. Der Hund würde tatsächlich gerne Taxi fahren. Er sitzt auch oft in einem der Fahrzeuge. Nur leider hat der Fahrlehrer nicht mitgespielt.«
»Auf den Straßen sind so viele Rowdys unterwegs, dass Ihr Hund auch nicht schlimmer fahren könnte als die.«
Er nickt. »Sie sagen es! Ich denke, dass er umsichtiger fahren würde als so einige andere.« Er zieht sein Smartphone aus seiner Jackentasche und zeigt mir ein paar Fotos von seinem Schäferhund, auf denen dieser auf dem Fahrersitz eines Taxis zu sehen ist und durch die Frontscheibe herausschaut.
Er lächelt und steckt sein Handy wieder weg. »Stets zu Ihren Diensten, Madam. Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt.«
»Danke schön. Vielen Dank auch fürs Tragen.«
»Gern geschehen. Wir helfen doch gerne. Goodbye.«
»Goodbye, Mr. Barnes.« Er dreht sich um und geht zu seinem Taxi.
Lächelnd blicke ich dem leicht korpulenten, sympathischen, älteren Herrn hinterher. Was für ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch.
Dann schließe ich die Haustür hinter mir und blicke mich im Gebäude um. Von wegen Hütte. Das Haus ist gewiss nicht allzu groß, aber es ist weit davon entfernt, eine einfache Blockhütte in der Einöde zu sein.
Zuerst suche ich die Küche auf, die hinter dem rustikalen Äußeren ein topmodernes Innenleben verbirgt. Sämtliche verderblichen, kühlungsbedürftigen Lebensmittel räume ich in den Kühlschrank. Aus reiner Vorsicht stelle ich sie so hin, dass man sie nicht sofort sieht. Der Kühlschrank ist so geräumig, dass danach noch immer eine Menge Platz ist. Hat Mr. Radcliffs Onkel hier wohl so einige Gäste bewirtet?
Auch die anderen Lebensmittel verstaue ich sogleich in diverse Schränke, da ich es nicht mag, wenn die Arbeitsflächen zugestellt sind. Zum Glück gibt es genügend Stauraum.
Ich esse zwei Käse-Sandwiches und trinke einen Kamillentee. Danach spüle ich ab. Nachdem ich das Geschirr und Besteck wieder eingeräumt habe, sehe ich mich ein wenig in der Küche um, damit ich mich künftig schneller darin zurechtfinde.
Tatsächlich befinden sich, wie von Samira angekündigt, überall eine Menge Vorräte. Es gibt Obst, Gemüse und Fertiggerichte in Gläsern, Dosen und Schalen. Von allem ist etwas dabei. Schon allein die Vorräte hier oben werden mir voraussichtlich reichen. Unten im Keller soll sich noch eine Menge mehr befinden.
Dies bestätigt sich bei meinem Rundgang. Des Weiteren gibt es eine Sauna und ein kleines Fitnessstudio im Keller sowie neben den Vorratsregalen ein Regal mit Werkzeug und anderen praktischen Dingen. In der riesigen Gefriertruhe befinden sich unzählige Leckereien. Hat dieser Mr. Wilson hier heimliche Festmahle abgehalten, von denen niemand weiß? Also verhungern werde ich hier gewiss nicht.
Es gibt auch eine kleine Waschküche mit einer Waschmaschine und einem Kondensationswäschetrockner. In einem Schrank oberhalb der Waschmaschine befinden sich Waschmittel, Gallseife und Ähnliches. Ich hätte also nicht mal Waschmittel besorgen müssen. Aber es ist besser, ich habe eine Packung zu viel davon als gar keine. Also räume ich meine Packung dazu.
Auch das Notstromaggregat finde ich nebst der Gebrauchsanweisung. Beim Funkgerät ist es dasselbe. Ich entdecke auch mehrere Skiausrüstungen, dicke Jacken und Schneeschuhe.
In einem Eckregal befinden sich auch Weihnachtsschmuck und ein kleiner Tannenbaum aus täuschend echt wirkendem künstlichen Material. Ich persönlich ziehe diese vor, weil ich nicht will, dass Bäume für Weihnachten gefällt werden müssen.
In dem Nebenraum davon hinter einer dicken Metalltür ist die Zentralheizung, wo ich nach dem Lesen der Betriebsanleitung herausfinde, wie man diese einstellt. Anschließend verlasse ich den Raum und gehe wieder die Treppe hinauf.
Im Erdgeschoss befindet sich eine kleine Besenkammer mit allerlei Putzmitteln, Lappen, Besen und so weiter. Des Weiteren gibt es eine Toilette und neben der Küche ein eher rustikales Wohnzimmer mit gemütlich aussehenden Sesseln, einem kleinen Sofa, einem Holztisch und zahlreichen gut gefüllten Bücherregalen, was mein Buchfreundinnenherz erfreut. Die werde ich mir später mal ansehen. Auch befindet sich dort ein Kamin.
Dieser Mr. Wilson war ein Mann nach meinem Geschmack. Jemand, der liest, ist für mich immer interessant. Leider lesen ziemlich wenige Männer im Vergleich zu Frauen, finde ich. Das stelle ich immer wieder in meinem Bekanntenkreis und in Büchergruppen fest. Die wissen gar nicht, was ihnen entgeht. Aber das ist deren Problem und nicht meins.
Ich lüfte das Erdgeschoss ein paar Minuten lang, da die Luft mir ein wenig abgestanden vorkommt, bevor ich die Heizkörper auf die gewünschte Temperatur einstelle.
Danach gehe ich in das Obergeschoss und nehme meine Reisetasche mit. Es gibt dort mehrere Türen. Hinter der ersten Tür, die ich öffne, finde ich ein geräumiges Schlafzimmer mit mehreren Schränken, einem Bücherschrank, zwei Nachtkästchen mit kleinen Lampen und einem großen Bett mit zwei Kopfkissen. Ein paar kleinere Deko-Kissen liegen ebenfalls darauf.
Es ist ein sehr gemütlicher Raum, in dem ich mich sofort wohlfühle. Dennoch komme ich mir ein wenig wie ein Eindringling vor, denn es ist immerhin das Schlafzimmer eines mir fremden Mannes. Dieses geheimnisvollen Mr. Wilson. Offenbar ist er ein lieber, vielseitiger, interessanter Mensch gewesen, der an seinem Neffen gehangen hat. Sonst hätte er ihm wohl kaum dieses wunderschöne Haus vererbt.
Dass es wirklich bezaubernd ist, steht für mich außer Frage. Es ist Liebe auf den ersten Blick, falls man sich in ein Gebäude verlieben kann. Gemütlich, urig, komfortabel und an den richtigen Stellen überraschend modern.
Ich drehe den Regler am Heizkörper herunter und öffne das Fenster, um zu lüften. Auf einem der Nachtkästchen liegt neben dem altmodisch anmutenden Tischlämpchen mit Schirm ein Buch mit einem Lesezeichen. Es ist über Grauwölfe. Offenbar hat sich der alte Mr. Wilson für die Tierwelt interessiert.
Daneben steht eine große Taschenlampe aus Metall. Hoffentlich bedeutet das nicht, dass es hier öfter zu Stromausfällen kommt. Mit einem Notstromaggregat nebst dem dazugehörigen Kraftstoff dürfte das allerdings kein Problem darstellen.
Das Bett scheint frisch bezogen zu sein. Jedenfalls riecht es nur nach Waschmittel und ein wenig nach Lavendel. Es muss also jemand hier gewesen sein und für Ordnung gesorgt haben. Vermutlich die von Samira beauftragten Leute.
Ein warmes Gefühl steigt in mir auf, als ich an diese gutherzige Frau denke. Wo wäre ich jetzt, wenn sie mir nicht geholfen hätte? Ich würde ein ganz armseliges Weihnachten heimlich und allein im kalten Büro verbringen.
Jetzt bin ich zwar ebenfalls allein, aber mit allem Komfort, den man sich nur vorstellen kann. Viele Leute sind an Weihnachten allein. Da ich introvertiert bin, hatte ich mit dem Alleinsein noch nie große Probleme. Ich habe viele Bücher zu lesen, Leckereien zu essen, ich kann mich endlich mal wieder ausschlafen, mit einer Tasse Tee vor dem Kamin im Wohnzimmer auf einem der bequem aussehenden Sessel sitzen und durch die Fenster dem Schneetreiben zusehen. Ich habe sogar festgestellt, dass ich sämtliche Utensilien und Zutaten für Kekse da habe, falls ich welche backen möchte.
Auch wenn meine Beziehung zerbrochen ist, habe ich wenig Grund zum Jammern. Es könnte mir weitaus schlechter gehen. Ich ziehe es vor, positiv zu denken, auch wenn die Erinnerungen an Robert mir immer mal wieder die Tränen in die Augen treiben. Doch inzwischen überwiegt die Wut, denn das, was er mir angetan hat, war unterste Schublade. Das hätte ich nie von ihm gedacht. Aber wer kann wirklich in einen anderen Menschen hineinschauen?
Ich öffne die Tür, die vom Schlafzimmer abzweigt, und finde mich in einem Traum von Badezimmer wieder. Meerblaue Fliesen säumen die Wände. Hier hat jemand seine verspielte Ader ausgelebt, denn kleine Fische, Seesterne und Muscheln zieren die Fliesenleisten, ohne kitschig zu wirken.
Die Badewanne ist groß genug, dass zwei Personen darin Platz finden könnten. Der Gedanke, mich im warmen Wasser auszustrecken, eine Tasse Tee dabei zu trinken und ein gutes Buch zu lesen, erfüllt mich mit großer Vorfreude. Als hätte ich es geahnt, habe ich mir im Supermarkt spontan einen Badezusatz mit Lavendel beschafft. Eigentlich war der dafür gedacht, meinen Schlaf zu fördern, falls die Gedanken an Robert mich wach halten sollten. Vorausgesetzt natürlich, dass das Haus über eine Badewanne verfügt. Aus demselben Grund habe ich auch Melissentee erworben. Mein Ex sollte mir wirklich keine schlaflosen Nächte bereiten. Das ist er nicht wert.
Sorgfältig räume ich meine Sachen in einen der Schränke. Auch die Reisetasche verstaue ich, indem ich sie zusammenrolle und irgendwo hineinstopfe. Ich mag es nicht, wenn überall Zeug herumliegt. Dann schließe ich das Fenster wieder und stelle den Regler am Heizkörper auf die gewünschte Temperatur ein.
In einem der Schränke entdecke ich einen flauschigen, dunkelblauen Herrenbademantel. Auch er scheint frisch gewaschen zu sein. Ob er Mr. Wilson gehörte? Ich werde ihn wohl ausleihen, da ich meinen zu Hause vergessen habe.
Zu Hause? Er befindet sich wahrscheinlich in einem der Kartons in Roberts Keller. Mein Zuhause ist das gewiss nicht mehr, falls es das jemals wirklich gewesen ist.
Es ist immer noch ein wenig eigenartig, dass ich mich jetzt im Haus eines fremden Mannes befinde, der zudem auch noch tot ist. Dennoch fühle ich mich nicht unwillkommen. Ich bin davon überzeugt, dass ich mich mit dem alten Herrn Wilson blendend verstanden hätte. Wie schade, dass ich ihn niemals kennenlernen konnte.
Ich nehme meine Körperpflegemittel und betrete das Badezimmer, um zu duschen und mir die Zähne zu putzen. Ich hülle mich in den dicken Bademantel, drehe den Heizkörperregler herunter und lüfte ausgiebig. Sorgfältig räume ich meine Sachen in einen der Schränke. Ja, ich gebe es zu, dass ich einen Ordnungsfimmel habe. Nachdem die Feuchtigkeit und sämtliche Gerüche entwichen sind, schließe ich das Fenster wieder und drehe den Heizkörper wieder an.
Anschließend verlasse ich das Badezimmer, hänge den Bademantel zurück in den Schrank, schlüpfe ich in mein Nachthemd und lege mich ins Bett. Die Matratze ist sehr komfortabel und die Decke weich und wärmend, ohne zu überhitzen. Ein wenig blättere ich in dem Buch auf dem Nachtkästchen und lese ein paar Seiten, dann lege ich es zur Seite. Da es ein anstrengender Tag war, schlafe ich sofort ein.
Später träume ich davon, wieder zur Hütte zu fahren. Doch anstatt des Taxifahrers bringt mich sein Hund dorthin. Der Traum ist so realistisch, dass ich glaube, sogar den Motor des Jeeps zu hören. Der Hund ist nicht mal ein schlechter Fahrer. Nur beim Tragen meiner Taschen stellt sich das als weniger praktisch heraus, da diese dabei auf dem Boden schleifen, obwohl er sich wirklich Mühe gibt. Ich werde sie wohl trocknen müssen, denn sie sind voller Schnee. Wann hat es eigentlich begonnen, so viel zu schneien?
Sheridan
Die Verhandlungen waren anstrengend, aber durchaus erfolgreich. Offenbar dachten die, weil ich mir so kurz vor Weihnachten, wenn fast alle anderen schon in Pantoffeln zu Hause vor dem Kamin herumlungern, für einen geschäftlichen Termin Zeit nahm, dass ich besonders begierig auf den Deal wäre. Die lebten in der Illusion, sie könnten mir ihre Bedingungen diktieren, aber diese Selbsttäuschung zerbrach ziemlich schnell.
Die letzte Zeit war ziemlich arbeitsreich. Ich sollte ernsthaft ausspannen. Meine Mutter ist eingeschnappt, weil ich Weihnachten nicht bei ihr verbringen will. Die wird wieder ausschnappen.
Es ist illusorisch von ihr, zu erwarten, dass ich mit dreiunddreißig noch jedes Weihnachten bei meinen Eltern verbringe. Am besten noch mit einem Weihnachtsstrumpf für jeden von uns unter dem Baum und dem Singen seltsamer Lieder, was sich in den meisten Fällen, da die Leute keinen Ton halten können, anhört wie eine Horde heulender Coyoten mit Bauchkrämpfen. Es wundert mich, dass da nicht ein paar Tierschützer vorbeikommen, weil sie denken, dass sich mitten in London ein paar dieser Tiere verirrt hätten und dem Gejaule nach zu urteilen womöglich misshandelt werden.
Als Kinder mussten mein Bruder und ich zu diesem Anlass noch rosa oder andere pastellfarbene Hemden und karierte Krawatten tragen. Zumindest diese Unsitte habe ich ihnen abgewöhnt, indem ich im Alter von zehn Jahren begonnen habe, die Dinger einfach anzuzünden, inklusive der meines Bruders. Natürlich haben wir sie dabei nicht getragen, denn das wäre irgendwie kontraproduktiv gewesen. Ich weiß auch nicht, wie meine Eltern auf die Idee gekommen sind, ich wäre ein schlechter Einfluss für meinen kleinen Bruder. Irgendjemand musste das arme Kind doch vor so etwas retten.
Ich steige aus dem Jeep. »Danke für die Fahrt, Ms. Smith.«
Die junge, blonde Taxifahrerin lächelt mich an. »Gern geschehen. Viel später hätten wir nicht losfahren sollen. Es sieht nach einer Menge Schnee aus. Gut möglich, dass ich in den nächsten Tagen nicht hier hochfahren kann, aber ich sehe, dass Sie gut vorgesorgt haben.« Ihr Blick fällt auf meine Einkaufstragetaschen, in denen sich frische Lebensmittel und ein paar Toilettenartikel befinden.
»Ja, und in meiner Tiefkühltruhe und den Küchenschränken sind Vorräte für viele Wochen, wenn nicht gar Monate.«
»Gut zu hören. Dann wünsche ich Ihnen einen guten Aufenthalt. Erholen Sie sich gut. Es ist wirklich ein schönes Häuschen. Eine wunderbare Lage. Ihr lieber Onkel hatte wirklich Glück. So eine tolle Aussicht und dann noch eine eigene Quelle.«
»Ja, das hatte er. Kommen Sie gut nach Hause.«
Sie wirft einen Blick zum Himmel. »Danke. Ich sollte mich gleich aufmachen.«
»Tun Sie das.« Ich bezahle den Fahrpreis und gebe ihr ein Trinkgeld, wofür sie sich lächelnd bedankt. Dann lade ich meine Reisetasche und die Tragetaschen mit den Einkäufen aus. Ihr Angebot, mir beim Tragen zu helfen, lehne ich ab. Ich betreibe Krafttraining. Da werde ich doch wohl in der Lage sein, ein paar Lebensmittel, Pflegeprodukte und Klamotten zu tragen.
»Goodbye, Ms. Smith.«
»Goodbye und eine gute Nacht.« Sie schließt das Fenster des Jeeps wieder und fährt los.
Ich trage meine Sachen zum Haus und werfe einen Blick zum Jeep zurück. Dieser entschwindet im Schneetreiben bald aus meinem Sichtfeld. Ich bin froh, dass Ms. Smith so eine gute Fahrerin ist, die selbst bei Nacht und dieser Witterung noch sicher fahren kann. Der Wetterbericht war zwar nicht besonders alarmierend, aber bei unserem unberechenbaren Wetter ist es immer besser, vorbereitet zu sein.
Endlich ist Ruhe. Ich bin allein. Kein Stress, keine Verhandlungen, keine Anrufe, keine E-Mails, keiner, der etwas von mir will. Einfach nur Ruhe, Frieden und Einsamkeit. Genau das, was ich jetzt brauche.
Mittlerweile verstehe ich, was meinen Onkel Marlon in diese Wildnis hinausgetrieben hat. Ich werfe einen Blick zum Himmel. Trotz der weißgrauen Schneewolken kann ich die Sterne viel deutlicher sehen als in der Stadt. Die Luft ist hier viel frischer, es ist leiser und vor allem werde ich hier den Kopf freibekommen, weil ich vor allen Menschen meine Ruhe habe.
Der Wind weht weiteren Schnee herbei, sodass meine Spuren sehr bald verwischt werden. Auch fängt es an, noch stärker zu schneien. Ich trage meine Sachen ins Haus und verstaue rasch die Lebensmittel.
Ich bin froh, endlich hier zu sein. Das Wetter ist jetzt erstaunlich schnell umgeschlagen, wie mir ein rascher Blick aus dem Fenster zeigt. Zumindest hat das den Vorteil, dass mich hier niemand stören wird, vorausgesetzt, ich habe mein Handy nicht immer eingeschaltet. Aber das habe ich ohnehin nicht vor.
Ich stelle den Kaffee für morgen früh bereit. Dabei fallen mir schon fast die Augen zu.
Ich trage meine Tasche nach oben ins Schlafzimmer, wasche mich rasch und gehe im Dunkeln zum Bett. Wenn ich das Licht anschalte, werde ich nur unnötig wieder wach und kann womöglich nicht mehr schlafen. Das Mondlicht genügt mir vollkommen, um mich zu orientieren. Schließlich kenne ich das Haus schon lange. Bereits als Kind hatte ich meinen Onkel hier besucht.
Ich hatte angeordnet, dass alles für einen möglichen spontanen Besuch vorbereitet wird. Bisher hatte ich keine Zeit, hierherzukommen oder besser gesagt mir keine genommen. So ist das wohl im Leben. Man muss sich die Zeit bewusst nehmen, wenn einem etwas wichtig genug ist.
Ich hatte gezögert, nach Marlons Tod hierher zurückzukehren. Insgeheim hatte ich befürchtet, es würde sich komisch anfühlen, jetzt da mein Onkel nicht mehr da ist. Das tut es tatsächlich, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass er immer noch hier ist oder zumindest ein Teil von ihm. Hier mehr als irgendwo anders. In gewisser Weise hat er dem Haus seinen Stempel aufgedrückt.
Erschöpft hebe ich die Bettdecke an und lasse mich aufs Bett sinken. Plötzlich stoße ich gegen etwas. Oder jemanden.
Erschrocken fahre ich herum. In diesem Moment ertönt ein Schrei.
Aneira
Ich schrecke hoch, als ich merke, dass ich nicht allein im Bett liege. Meine Gedanken überschlagen sich. Ein Einbrecher. Will er mich vergewaltigen oder von mir die Information haben, wo sich die Wertgegenstände befinden?
Mein Herz rast. Mit zitternden Händen taste ich nach dem Nachttisch, bekomme etwas Hartes zu fassen und schlage damit nach dem Angreifer.
Ein Schmerzensschrei verrät mir, dass ich ihn getroffen habe. Ein Fluch ertönt. Irgendwie kommt mir die Männerstimme bekannt vor. Allerdings kann ich mich auch täuschen.
Panik ergreift mich. Ich taste nach der Nachttischlampe und schalte sie ein. Ich blinzle. Meinen Augen müssen sich erst mal an das Licht gewöhnen. Dann sehe ich den Mann neben mir im Bett, der sich den Kopf hält. Vor Schreck rutscht mir die metallene Taschenlampe aus der Hand und fällt zu Boden.
Mein schlimmster Albtraum ist wahr geworden. Nicht dass es einer meiner Albträume gewesen wäre, mit Sheridan Radcliff im Bett zu liegen, doch gewiss nicht unter diesen Umständen.
Auf gar keinen Fall unter diesen Umständen! Ich habe meinen Boss niedergeschlagen! Das dürfte keinen guten Einfluss auf meine zukünftige berufliche Tätigkeit in seinem Unternehmen haben.
Ich betrachte ihn. Sein Oberkörper ist nackt und der Rest von ihm unter der Decke verborgen. Obwohl ich ziemlich neben der Spur bin, nehme ich wahr, wie gut er gebaut ist.
Er blinzelt mich an. »Sind Sie das, Ms. Coverdale? Wie kommen Sie hier ins Haus? Und was machen Sie in meinem Bett? Wollen Sie mich umbringen? Wer hat Sie dafür angeheuert?«
Ich schlucke. »Niemand. Ich bin kein Auftragskiller. Wofür halten Sie mich? Haben Sie wohl Feinde, die Ihnen nach dem Leben trachten?« Empört starre ich ihn an.
»Man kann niemandem trauen. Es ist ein Haifischbecken da draußen. Wie kommen Sie in mein Bett, und warum haben Sie versucht, mich umzubringen?« Er hört sich sehr wütend an.
Panisch blicke ich ihn an. »Ich dachte, Sie seien ein Einbrecher. Hätte ich gewusst, dass Sie es sind, hätte ich natürlich nicht zugeschlagen.«
»Hier in der Einöde? Die meisten potenziellen Einbrecher wissen nicht mal, dass hier ein Haus steht.« Seine Stimme klingt skeptisch.
Ich zucke mit den Schultern. »Kriminelle Subjekte gibt es überall.« Meine Stimme bebt.
»Wohl wahr. Zum Beispiel Leute, die sich illegal in die Häuser anderer Leute schleichen, diese besetzen und dann versuchen, den jeweiligen rechtmäßigen Eigentümer totzuschlagen.«
»Ich wollte Sie nicht töten. Ich habe mich bedroht gefühlt, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass Sie hier sein würden.« Erschrocken sehe ich, dass Blut über seine Schläfe läuft. »Sie bluten!«
»Ja, und womöglich habe ich dank Ihnen eine Gehirnerschütterung.«
Schuldbewusst sehe ich ihn an. »Das tut mir sehr leid. Das wollte ich nicht.«
»Wollen Sie zusehen, wie ich verblute, oder mir einen feuchten Waschlappen aus dem Badezimmer holen? Der Verbandskasten befindet sich im Untergeschoss in der Besenkammer, da das Badezimmer wegen der Wärme und Feuchtigkeit ein schlechter Aufbewahrungsort dafür ist.« Seine Stimme klingt harsch.
Sogleich springe ich aus dem Bett, schlüpfe in meine Pantoffeln und eile ins Badezimmer, wo ich einen Waschlappen aus dem Schrank nehme und ihn anfeuchte. Damit kehre ich zu meinem Boss zurück.
Ich setze mich neben ihn und gebe ihm den Waschlappen, den er sich sogleich an die Schläfe hält. Selbst in dem malträtierten Zustand ist er immer noch eine Augenweide. Das dunkle Haar hängt ihm verwegen in die Stirn, und sein Oberkörper ist einfach nur prächtig. Breite Schultern, eine ausgeprägte Muskulatur und sogar ein Sixpack.
Ich erröte, als er bemerkt, dass ich ihn anstarre.
Er nimmt seine Hand mit dem Waschlappen von der Schläfe und gibt ihn mir. Vorsichtig säubere ich damit sein Gesicht. »Da ist eine Schramme. Vermutlich wird das anschwellen. Ist Ihnen schlecht oder schwindelig?«
»Im Moment nicht. Es tut nur weh.«
»Ich werde mich nach der Hausapotheke umsehen.«
»Tun Sie das, aber beeilen Sie sich, und denken Sie erst gar nicht daran, zu fliehen. Dafür ist es zu spät.«
»Warum?«
»Weil das Wetter umgeschlagen ist. Sie würden sich dort draußen den Tod holen. Einen Fahrer, der bereit ist, derzeit hier heraufzukommen, werden Sie auch nicht finden.«
»Ich habe nicht vor zu fliehen, Mr. Radcliff. Ich hole dann mal eine Salbe, Desinfektionsmittel und eine Kompresse.«
»Tun Sie das.«
Ich bin froh, dem Schlafzimmer zu entkommen. Mist, Mist, Mist! Er sollte doch gar nicht hier sein. Samira ist sich so sicher gewesen. Jedenfalls hat er mir einen riesigen Schrecken eingejagt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich hat hineinsausen lassen. Sie ist nicht der intrigante, hinterhältige Typ. Nein, sie hatte vermutlich ebenso wenig davon Ahnung wie ich, dass der Boss hierherkommen würde. Es wäre durchaus möglich, dass er das sehr kurzfristig entschieden hat. Seine privaten Angelegenheiten muss er gewiss nicht mit seiner Office-Assistentin besprechen.
Ich laufe die Treppe hinunter. Den Medizinschrank finde ich auf Anhieb an der Wand der Besenkammer. Rasch nehme ich mir eine Wundsalbe, eine Arnikasalbe, eine Kühlkompresse, ein Desinfektionsmittel und ein Pflaster heraus. Damit eile ich die Treppe wieder hinauf.
Im Bett sitzend erwartet mein Boss mich. Er wirkt eher nachdenklich, anstatt wütend wie zuvor. Ich weiß nicht, ob das besser ist.
Ich setze mich neben ihn und desinfiziere seine Wunde. »Sie wird wohl nicht genäht werden müssen. Es ist nur ein Kratzer.«
»Das fühlt sich aber nicht so an.« Er hört sich sehr skeptisch an. »Womit haben Sie versucht, mich zu erschlagen?«
»Mit der Taschenlampe, die auf dem Nachttisch stand.« Ich hebe sie auf, um sie ihm zu zeigen.
»Stellen Sie das Ding bloß weg!«
Ich stelle sie auf den Boden neben dem Nachttisch, desinfiziere meine Finger und gebe nach der Einwirkzeit vorsichtig etwas von der Wundsalbe auf den Kratzer und die von der Arnikasalbe ein wenig auf das umliegende Gewebe. Zuletzt klebe ich ein Pflaster darauf und gebe meinem Boss die Kühlkompresse. »Ich habe ein bisschen Arnikasalbe drauf getan. Das sollte die schlimmsten Schwellungen verhindern. Sie können die Prellung natürlich auch mit der Kühlkompresse behandeln.«
Nachdenklich betrachtet er mich. »Warum sind Sie hier?«
Ich starre ihn an. Was soll ich tun? Am besten wird sein, ihm die Wahrheit zu sagen. Allerdings will ich Samira nicht hineinsausen lassen, wenn sie schon so lieb war, mir aus dieser Misere zu helfen. Für ihre Güte soll sie nicht auch noch bestraft werden.
»Weil ich wohnungslos bin.«
Die Skepsis weicht nicht aus seinem Blick, im Gegenteil verstärkt sie sich. »Sie haben einen gut bezahlten Job. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Angestellten unter der Brücke schlafen müssen, weil sie sich keine Wohnung leisten können.«
Ich schlucke. Es ist mir sehr unangenehm, darüber sprechen zu müssen. »Es ist aber wahr. Vor wenigen Tagen hat mein Freund mich vor die Tür gesetzt.«
»Warum?«
»Er hat die Beziehung beendet und erwartet, dass ich sofort ausziehe. Wir haben drei Jahre lang zusammengewohnt. Es ist unmöglich, so kurzfristig und vor allem so kurz vor Weihnachten eine neue Wohnung zu bekommen. Familie habe ich keine, und meine Freunde konnten mir nicht helfen. Entweder sind sie im Urlaub oder sie haben die Verwandtschaft über Weihnachten zu Besuch. Ein Hotelzimmer für so lange Zeit kann ich mir nicht leisten, falls ich überhaupt eins finde, und die Ferienwohnungen sind ebenfalls alle belegt. Es gibt irgendeine Fachmesse, und es ist ein spanischer Superstar über Weihnachten in der Stadt, um Konzerte abzuhalten. Daher ist alles gestopft voll.«
»Wenn Sie mehrere Jahre lang mit Ihrem Freund zusammengewohnt haben, standen Sie sicherlich ebenfalls im Mietvertrag. Ihr Ex-Freund war also nicht befugt, Sie einfach hinauszuwerfen. Schon gar nicht ohne eine angemessene Frist.«
»Ich stand leider nicht im Hauptmietvertrag. Ich hatte lediglich einen Untermietvertrag mit meinem Ex-Freund.«
»Warum standen Sie nicht im Hauptmietvertrag?«
»Weil der Vermieter meinte, dass dafür ein neuer Mietvertrag nötig sei. Er plante, die Miete deutlich zu erhöhen. Schließlich seien wir zu zweit in der Lage, mehr zu bezahlen. Zumindest behauptete das mein Ex-Freund. Rückblickend betrachtet hätte ich das prüfen und selbst den Vermieter kontaktieren sollen. Da er nicht im Telefonbuch steht, wäre das allerdings nicht so einfach gewesen. Mein Ex hatte mir seine Kontaktdaten nicht gegeben. Im Hauptmietvertrag war eine Untervermietung nicht ausgeschlossen.«
»Aber selbst als Untermieterin ihres Ex-Freundes hatten Sie eine Kündigungsfrist.«
»Das ist mir klar, aber als ich vor ein paar Tagen früher als sonst nach Hause kam, weil ein geplanter Arzttermin ausgefallen ist, fand ich ihn im Bett mit einer anderen. Diese ist noch am selben Tag als neue Untermieterin bei ihm eingezogen, vermutlich in einem Versuch, mich hinauszuekeln. Er behauptete jedoch der anderen gegenüber, seine Beziehung mit mir sei schon lange zu Ende, und ich würde ihn nur stalken und mich weigern, ihm den Schlüssel zurückzugeben. Außerdem finde ich meinen Untermietvertrag nicht mehr, obwohl ich mir absolut sicher bin, ihn abgeheftet zu haben. Ich vermute, dass mein Ex-Freund ihn schon vor einiger Zeit hat verschwinden lassen, zusammen mit den Quittungen für die Barzahlungen. Von denen finde ich auch keine einzige mehr. Er hatte Zugang zu all meinen Sachen.«
Die Miene meines Bosses bleibt vollkommen ausdruckslos. Spätestens jetzt weiß ich, warum er beruflich so erfolgreich ist. In Verhandlungen ist diese Fähigkeit gewiss von großem Vorteil.
Sheridan
Ich weiß nicht, ob ich diese Tränendrüsenstory glauben soll. Im Grunde ist sie so haarsträubend und herzzerreißend, dass ich skeptisch bin. Natürlich könnte sie rein theoretisch wahr sein, denn Logikfehler habe ich darin bisher nicht gefunden. Nur bin ich schon zu oft Manipulatoren und notorischen Lügnern begegnet, als dass ich etwas einfach so glauben würde. Es gibt keinen Grund dazu.
Ich kenne diese Frau nur flüchtig. Sie ist eine meiner Angestellten, die Assistentin meiner Assistentin. Zuvor war sie in einer anderen Abteilung meines Unternehmens tätig. Beim Vorstellungsgespräch vor drei Jahren habe ich sie gesehen. Dabei ging es natürlich nur um berufliche Belange. Leider halten sich nicht alle im Hinblick auf ihre Lebensläufe oder bei Vorstellungsgesprächen an die Wahrheit.
Viel mehr weiß ich über sie nicht. Das alles könnte ohne Weiteres ein reines Lügengebilde sein.
Allerdings scheint sie sehr reumütig zu sein wegen ihres Angriffs. Vermutlich erkannte sie mich nicht und bedauert es, weil sie befürchtet, ihren Job zu verlieren.
»Haben Sie hier eingebrochen?«
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, natürlich nicht.«
»Woher haben Sie den Schlüssel?«
Kurz zögert sie. »Ich habe ihn im Büro an mich genommen.«
Soweit dazu, dass es eine gute Idee war, den Ersatzschlüssel im Büro an einem Schlüsselbrett zu lagern. Nur dass außer meiner geschätzten Assistentin Samira Jennings niemand weiß, dass er für dieses Haus ist. Oder es bisher niemand wusste. Es ist nicht so, als würde ein Adressschild am Schlüssel hängen. So unvorsichtig bin ich nun auch wieder nicht.
Irgendwoher muss Ms. Coverdale diese Information haben. Womöglich hat sie Samira mal darüber reden hören, sie gar belauscht. Ich werde wohl das Schloss austauschen lassen müssen. Zukünftig wird der Schlüssel im Tresor hinterlegt werden.
In diesem abgelegenen Haus gibt es zwar keine Wertsachen, die Einbrecher interessieren sollten, doch will ich hier keine ungebetenen Eindringlinge oder Hausbesetzer haben.
»Woher wissen Sie überhaupt, dass dieses Haus mir gehört?« Das hatte ich nicht gerade an die große Glocke gehängt. Allerdings ist es möglich, dass jemand von der Erbschaft erfahren hat. Auch das kann ich nicht ganz ausschließen, denn meine Familie ist nicht gerade unbekannt in London.
Kurz zögert sie. »Ich habe mal jemanden davon reden hören.«
Gerüchte also. Das sollte mich nicht überraschen. Gibt es eigentlich ein Thema, worüber sich nicht irgendwelche Leute, die offenbar sonst nichts Besseres in ihrem Leben zu tun haben, auslassen?
»Es war eine Verzweiflungstat. Ich wusste wirklich nicht, wo ich sonst so kurzfristig hinsoll.«
Da das Wetter mir im Moment einen Strich durch die Rechnung macht und es mir wohl in absehbarer Zeit nicht möglich sein wird, eine Fahrgelegenheit für sie zu bekommen, habe ich diese Frau also erst mal am Hals. Das gefällt mir gar nicht, hatte ich mich doch auf eine entspannte Zeit allein gefreut.
Zum ersten Mal, seit ich hier angekommen bin, nehme ich mir die Zeit, sie genauer zu betrachten. Ihr dunkelblaues Nachthemd ist tief ausgeschnitten und ziemlich kurz, sodass ich ihre langen, wohlgeformten Beine sehen kann. Der dünne Stoff lässt von ihrer Figur einiges erahnen. Was ich von ihr sehe, gefällt mir.
Eine sehr auffällige Schönheit ist sie nicht, aber das sind die wenigsten ohne Make-up. Ihre Augen sind von einem ungewöhnlichen Goldbraun, die Nase ist gerade und ihr Kinn zwar etwas kantig, doch passt es hervorragend zum Rest ihres Gesichts und verleiht ihm etwas einzigartig Apartes.
»Sie heißen Aneira, nicht wahr?«
Sie wirkt überrascht. »Woher wissen Sie das?«
Natürlich fragt sie das, denn wir hatten persönlich bisher nur wenig miteinander zu tun.
»Sie arbeiten für mich. Für meine Assistentin. Da bekommt man das mit. Wurden Sie nach dem Barden Aneirin benannt?«
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, ich wurde im Dezember in einer schneereichen Nacht geboren. Aneira stammt aus dem Walisischen und bedeutet schneereich. Tatsächlich bin ich Waliserin, denn ich wurde in Chester in Gloucestershire geboren. Mein zweiter Vorname Shirina ist Hindi und bedeutet Nacht.«
»Ihre Eltern haben sich sehr viel Mühe mit der Auswahl der Namen gegeben.«
Ein Schatten huscht kurz über ihr Gesicht. Würde ich sie nicht so genau beobachten, wäre mir das womöglich entgangen.
»Sie heißen Sheridan, nicht wahr?«
Ich nicke. »Ja.«
»Welche Bedeutung hat das?«
»Der Name stammt aus dem Irischen und bedeutet Nachfahre des Sirideàin. Die Bedeutung davon ist Suchender.«
»Haben Sie weitere Vornamen?«
»Jamal. Das ist arabisch und bedeutet schön.«
»Sehr klanghaft und ungewöhnlich.«
»Können Sie kochen?« Bewusst wechsle ich das Thema, da es mir zu persönlich wird.
»In London kann so gut wie niemand kochen, außer die Köche in den Restaurants und einige in den Foodtrucks. Man bekommt an jeder Straßenecke fertige Gerichte.«
»Und die Fernsehköche.«
Sie lacht. »Ja, und die natürlich auch.«
»Mein Onkel besaß ein paar Kochbücher, die nach wie vor vorhanden sind. Sie befinden sich in einem Regal in der Küche unweit des Esstisches. Diese sollten Sie sich zu Gemüte führen und den Inhalt auch umsetzen. Ebenso erwarte ich Reinigungsarbeiten und Wäschewaschen nach Bedarf. Allzu viel wird das allerdings nicht sein.«
Ich sehe die Wut in ihrem Blick emporlodern. »Wenn Sie denken, dass ich Sie bekoche und Ihre Wäsche wasche, nur weil ich eine Frau bin, dann täuschen Sie sich.«
Ich schenke ihr jenes Lächeln, das schon so einigen geschäftlichen Gegnern das Fürchten gelehrt hat. »Ihre feministische Empörung ist in diesem Fall nicht angebracht. Sie werden mich nicht bekochen, weil Sie eine Frau, sondern weil Sie eine illegale Mitbewohnerin sind. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, Ihnen gestattet zu haben, mein Haus zwischen den Feiertagen zu nutzen. Da ist es nicht zu viel verlangt, dass Sie sich hier ein wenig nützlich machen. Ich erwarte schließlich nicht, dass Sie renovieren.«
»Ich kann nicht kochen.«
»Dann lernen Sie es. Man kann alles erlernen und wächst mit seinen Aufgaben. Damit Sie nicht auf den abwegigen Gedanken kommen, mich zu vergiften, werde ich eine kurze SMS an zwei meiner Freunde schicken, um sie über die derzeitigen Verhältnisse in Kenntnis zu setzen.« Mit kaltem Blick greife ich nach meinem Smartphone und tue genau das Angekündigte.
Aneira zieht die Augenbrauen zusammen. »Sie vertrauen mir nicht.«
»Warum sollte ich?«
Darauf weiß sie offenbar keine Antwort.
»Sie werden heute Nacht bei mir bleiben für den Fall, dass ich eine Gehirnerschütterung habe.«
Entsetzt blickt Sie mich an. »Das ist nicht Ihr Ernst!«
Ich zucke mit den Schultern. »Dann schlafen Sie eben auf einem der Sessel im Wohnzimmer oder auf der winzigen Couch dort. Ihr Rücken wird es Ihnen danken.«
Sie zögert.
»Kommen Sie nicht auf dumme Gedanken.« Ich deute auf die Taschenlampe aus Metall. »Alternativ könnte ich Sie natürlich auch an irgendeine Heizung ketten, sollte dies nötig sein. Bis die Polizei die Gelegenheit hat, Sie abzuholen.« Soweit würde ich wahrscheinlich nicht gehen, es sei denn, sie würde tatsächlich mein Leben bedrohen.
