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Die siebzehnjährige Liv hat in den letzten Jahren einige echte Katastrophen erlebt. Der gleichaltrige Ben kann nicht gut ertragen, dass sich die schlimmsten Schicksalsschläge ausgerechnet in dieser Familie so häufen. Wo Ben voller Optimismus und Zuversicht aufs Leben schaut, begegnet er einer zweifelnden und hoffnungslosen Liv, die sich ihrem Schicksal ausgeliefert fühlt. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach den Ursachen für Livs unglaubliche Pechsträhne. Digital ausgestattet führt sie ihre Reise in Dimensionen, in denen sich die Fragen nach Schicksal, Zufall und eigenem Einfluss auf eine ungeahnte Weise darbieten. Liv erfährt, dass andere ihr Schicksal schon lange besiegelt haben. Die beiden jedoch sind nicht bereit, sich mit dem vermeintlich Unabänderlichen abzufinden.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2018
Sandra Puls
Einmal Schicksal und zurück
© 2018 Sandra Puls
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-7263-3
Hardcover:
978-3-7469-7264-0
e-Book:
978-3-7469-7265-7
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Für Lilli und JonaIhr seid mein Wunder
1
Es ist ihre letzte Chance. Wenn sie heute nicht pünktlich beim Vorsprechen erscheint, hat sie jede Möglichkeit auf eine Zukunft als Schauspielerin verwirkt. Sie ist besser vorbereitet als jemals zuvor. Aber sie ist spät dran. Den ganzen Weg zur Haltstelle muss sie rennen. Rosa bekommt gerade noch in letzter Sekunde ihren Bus. Sie verpasst ihn nicht. Glück gehabt?
Liv trägt einen schwarzen Kapuzenmantel bei der Beerdigung ihres kleinen Bruders. Der Himmel sieht finster auf dieses Ereignis herab. Viele Menschen sind gekommen, dunkel gekleidet unter grellbunten Regenschirmen. Manche hat Liv noch nie zuvor gesehen. Sie erkennt Nachbarn, Freunde, Verwandte und auch die Erzieherinnen aus Finns Kindergarten. Das Unfassbare ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Tante Frankas Falten treten heute überdeutlicher als sonst hervor. Auch Livs Vater hat Augenringe wie nach einer durchzechten Nacht. In den letzten Tagen war er kaum zu Hause gewesen, sondern bei Finn. Im Beerdigungsinstitut hat er Finn kaum aus den Augen gelassen, ihn gewaschen und angezogen. Liv sah ihn am Dienstag nur kurz nach der Schule, als er Finns Kuscheltiger holte. Den kleinen Sarg ließ er in einer Autolackiererei hellgrün ansprühen. Grün war Finns Lieblingsfarbe.
Als Liv in die Trauerhalle kommt und sich nach vorn neben ihre apathische Mutter setzt, erkennt sie gleich den Kranz aus Efeu und gelben Rosen. Der kleine grüne Sarg sieht für sie unwirklich und fremdartig aus. Als würde er nicht wirklich hierher gehören. Wie aus dem Spiel „Waspasst-nicht-in-dieses-Bild?“. Sie kennt den Anblick von Särgen inmitten von Blumenkränzen. Sie hat bereits zwei Großelternpaare, eine Nachbarin und einen Urgroßonkel mütterlicherseits beerdigt. Es waren Erwachsene in schweren dunklen Eichenkästen. Aber dieser ist viel zu klein, zerbrechlich beinahe. Einfach deplatziert.
Auf der breiten weißen Schleife des Kranzes steht in grünschimmernden Buchstaben auch ihr Name im Abschiedsgruß. Es ist dunkel und stickig in der Halle. Die Kerzen versuchen, ein wohlwollendes Licht auf die tränenreichen Gesichter der Anwesenden zu werfen. Während der Pfarrer spricht, gleitet Liv in ihre eigene Welt.
Sie denkt an Finns Geburt vor fast fünf Jahren. Wie sie in dieses kleine Baby vernarrt war. Seinen Geruch, die speckigen Beinchen und das überwältigende Lächeln. Dabei war Liv nicht gerade erfreut, als ihre Mutter ihr von seiner nahen Ankunft berichtete. Schließlich war es erst vier Jahre her, dass sie Mia verloren hatte. Liv glaubte damals nicht, dass ein neues Kind diese Lücke schließen könnte. Aber er konnte es beinah. Mit seiner fröhlichen Wildfangart konnte er jeden bezaubern. Liv liebte ihren Bruder vom ersten Moment an wie verrückt und tief in ihrem Herzen weiß sie, dass sie ihn immer bei sich hat.
Liv hört die Worte des Pfarrers. "Und du sollst wissen: Der Herr lässt nicht zu, dass du zu Fall kommst. Er gibt immer auf dich Acht. Er, der Beschützer Israels, wird nicht müde und schläft nicht ein; er sorgt auch für dich. Der Herr ist bei dir, hält die Hand über dich, damit dich die Hitze der Sonne nicht quält.“
Die Bilder laufen wie in einem Film in ihrem Kopf. Finn, wie er im Sommer im Garten über den Wasserschlauch springt; Finn als Indianer verkleidet, bindet Liv an einen Laternenpfahl; Finn, wie er auf der Wiese liegt und die Wolken beobachtet. Er hat die Sonne geliebt. Die Gedanken ziehen Liv weiter davon, in eine zunehmende Schwärze. Tief hinein ins Meer der Sterne. Schwerelos gleitet sie durch die Dunkelheit. Umgeben von weit entfernten leuchtenden Punkten. Das Vakuum hat sie in sich aufgenommen und verschluckt alles. Die Umgebung, ihren Schmerz, ihr ganzes Sein. Hier ist es friedlich.
Aus weiter Ferne hört Liv wieder die leise sanfte Stimme des Pfarrers. „Auf seiner Lebensreise erfährt sich der Mensch in Höhen und Tiefen, auf Bergen und in tiefen Tälern. Dabei wird aber nur, wer sich auf den Weg macht, die Fülle und den Reichtum eines erfüllten Lebens erfahren. Nur auf dem Weg können sich Menschen begegnen, Gemeinschaft, Partnerschaft und Liebe erfahren - nur auf dem Weg können Menschen Freude und Leid teilen - nur, indem sie sich auf den Weg machen, werden sie dann schließlich auch Gott begegnen.“
Livs lange blonde Haare kleben an ihrer Wange. Die Tränen wollen nicht enden. Schweigend sitzt sie da und lässt sie einfach laufen. Ob Finn Gott jetzt wirklich begegnet? Wird er ihn behüten und beschützen? Liv hat nie wirklich an Gott geglaubt. Wo war er denn, als das Auto ihren Bruder direkt vor ihrer Haustür überfahren hat? Wieso hat er ihn da nicht behütet und beschützt? Liv spürt eine zornige Unruhe in sich aufsteigen. Dieser Gott kann ja so gnädig nicht sein, wenn er zulässt, dass ein warmherziger Junge wie Finn einen so grausamen Tod erleiden muss.
„Jeder von uns weiß, dass es ein unglücksfreies Leben nicht gibt. Wo Menschen leben, da werden sie auch Gefahren ausgesetzt sein, den Sorgen um die Gegenwart und Zukunft, einer Krankheit, dem Altwerden, dem Tod. Der Herr wendet Gefahr von dir ab und bewahrt dein Leben. Auf all deinen Wegen wird er dich beschützen, vom Anfang bis zum Ende, jetzt und in aller Zukunft!"
Livs Zorn über die Ungerechtigkeiten ihres Lebens weicht einer Verzweiflung, die sich an den Gedanken klammert, dass Finn jetzt nicht allein ist. Wenn Gott schon nicht auf Erden auf ihn Acht gegeben hat, dann soll er es gefälligst jetzt tun.
Am Grab gibt es Gummibärchen. Eine ganze Schale. Der Regen hat sie in eine glibberige Masse verwandelt, so dass kaum jemand zugreift, um sie Finn hinunter zu werfen. Liv weiß um Finns Vorliebe für die süße Gelatine und greift tief in die Schüssel. Die glitschigen Bären entgleiten ihr zwischen den Fingern, so dass sie erneut zugreifen muss. Liv will ihm so viele wie möglich mitgeben. Ihre Hände zittern, als die Bärchen auf den grünen Holzdeckel klatschen. Schnell geht sie zu ihren Eltern rüber und verkriecht sich in ihren Mantel. Niemand sagt ein Wort. Am Ende der Schlange aus Regenschirmen und Menschen, die sich vor dem Grab aufgebaut haben, sieht Liv ein bekanntes Gesicht, das sie nicht erwartet hat.
Es ist ein Junge aus der Straße. Ben ist sein Name. Sie haben nie viel miteinander gesprochen. Er muss irgendwo oberhalb der Einbiegung wohnen. Seine Eltern sind erst vor ein paar Jahren hergezogen, so dass Liv ihn noch nicht kannte, als sie in dem Alter war, als alle Kinder noch gemeinsam auf der Straße miteinander spielten. Seit einiger Zeit schon geht Liv kaum noch raus. Sie hat Ben gelegentlich beim Einkaufen oder einfach auf der Straße gesehen. Das Glück strahlte immer nur so aus ihm heraus. Vielleicht hat Liv genau das so abgeschreckt. Jetzt sieht er beinah unglücklicher aus als ihr Vater, dessen resigniertes Gesicht keinerlei Emotionen mehr zuließ. Sie beobachtet, wie er in der Reihe langsam und abwartend nach vorne geleitet wird. Als er direkt vor den Gummibärchen steht, greift Ben beherzt zu. Auch ihm flitschen die matschigen Bärchen durch die Finger. Er schafft es, ein paar davon sicher in das mit Blumen, Erde und Stofftieren angefüllte Grab zu bugsieren. Als Ben sich die klebrigen Hände verstohlen an seiner schwarzen Jeans abwischt, sieht er zu Liv hinüber und ihre Blicke treffen sich für einen winzigen Augenblick.
In diesem Moment flackern in Bens Gedankenwelten Bilder auf, die ihm zu Livs Familie einfallen. Es wurde viel erzählt über diese Familie in dem vanillefarbenen Haus. Sie leben sehr zurückgezogen. Die Mutter sieht man so gut wie nie. Der Vater erscheint distanziert und mürrisch. Es gibt oft Streit, jedenfalls gehen die Nachbarn davon aus, denn immer wieder mal sind Schreie aus dem Haus zu hören. Schreie aus Zorn und Verzweiflung. Die Kinder haben kaum Kontakt zu jemandem. Kaum einer kennt sie näher. Der kleine Junge wirkte jedoch immer ganz vergnügt. Das Mädchen macht dagegen einen eher unscheinbaren und in sich gekehrten Eindruck. Natürlich weiß man auch von den schwierigen Lebensumständen der Familie. Der Vater ist schon lange arbeitslos, die Mutter war vor Jahren nach ihrem Krankenhausaufenthalt am Ende der Schwangerschaft ohne Baby nach Haus gekommen. Mit schicksalsgebeutelten Menschen wollen die Leute nichts zu tun haben. Vielleicht glauben sie, dass ein schlechtes Karma ansteckend ist, denkt Ben. Es wird auch viel Schlechtes erzählt, für das es keinerlei Beweise gibt, nur um die Umstände zu erklären, unter denen diese Leute leben. Herr Hermann soll seine Kinder geschlagen haben, die Mutter sieht so schlecht aus, dass sie nur Alkoholikerin sein kann. Das Auto der Familie sah schon immer verunfallt aus, aber seit Monaten hat es einen so schweren Schaden an der Seite, dass es wohl gar nicht mehr zu fahren scheint. Auch eingebrochen wurde wohl schon öfter. Kein Wunder, wenn die Terrassentür immer sperrangelweit aufsteht. So sieht es jedenfalls von außen aus. Die Herren mit den Aktenmappen, die in regelmäßigen Abständen an der Tür klingeln, runden das Bild ab. Genauso stellt man sich Gerichtsvollzieher vor.
Auf dem Parkplatz wartet Liv auf ihren Vater. Ihre Mutter spricht mit Nachbarn und Freunden. Der Regen lässt deutlich nach. „Es tut mir sehr leid, das mit deinem Bruder“, hört Liv leise neben sich. Ben tritt vorsichtig neben sie. Liv nickt kurz zu ihm herüber, dann sieht sie ihren Vater mit dem Auto und rennt zur anderen Straßenseite hinüber. Ben sieht ihr nachdenklich hinterher. Wieviel ist wahr von den Erzählungen und Gerüchten? Ben will so gerne glauben, dass alles eine irrwitzige und völlig harmlose Erklärung hat. Er wünscht sich irgendeinen Impuls, der es ihm ermöglicht, sich nicht länger fern halten zu wollen von diesem Mädchen mit den traurigen Augen.
2
Der Topf steht bereits auf dem eingeschalteten Herd. Noch schnell die Kartoffelschalen draußen in die braune Tonne werfen, denkt er. Doch in diesem Augenblick fällt Paul durch einen Windstoß die Haustür zu. Kein Wunder, das offene Fenster im Bad hat den Durchzug erlaubt. Selbst schuld?
Ben streicht viel zu viel Schokocreme auf seinen warmen Toast. Die flüssigwerdende Masse schmiert ihn völlig ein. Die Finger beleckend nimmt Ben noch einen Schluck Saft und geht dann raus zu seinem Fahrrad. Er ist spät dran an diesem Freitagmorgen. Es ist noch kühl. Der Frühling hat noch nicht richtig angezogen und Ben wickelt sich den schmalen Schal um den Hals. Seine Hände kleben. Er zieht die Kapuze über die braunen kurzen Haare und radelt los. Auf Höhe des Hauses der Familie Hermann wird Ben langsamer. Die Haustür steht weit offen und Schreie dringen heraus. Ben sieht das Mädchen aus dem Haus kommen. Sie schmeißt die Tür hinter sich zu und geht zu ihrem Fahrrad. Ihre langen blonden Haare sind zu einem ordentlichen Zopf gebunden. Ihr Gesicht wirkt hart und zornig. Dennoch bemerkt Ben im Vorüberfahren in diesem Gesicht auch eine besondere Schönheit. Zu schnell ist der Moment verstrichen und Ben fährt zügig zur Schule. Einen kurzen Augenblick hat er überlegt anzuhalten. Aber was hätte er sagen sollen? Er hat Liv seit der Beerdigung vor drei Wochen nicht mehr gesehen. Immer wieder erschienen ihm die Bilder dieses Mädchens am Grab. Der Regen durchnässte ihren Mantel, denn sie trug keinen Schirm. Ihr Schmerz musste unvorstellbar sein. Den Eltern konnte Ben kaum in die Augen blicken, aber der Anblick des Mädchens geht ihm bis heute nicht aus dem Kopf.
Was bin ich nur für ein Glücksschwein, dachte Ben damals. Ich hab keinen kleinen Bruder verloren und auch keine Schwester bei der Geburt und ich hab auch keinen Vater, der seit Jahren keinen neuen Job gefunden hat. Ihm geht es gut, sogar sehr gut. Er spürte, wie das schlechte Gewissen in ihm empor kroch. Obwohl er nichts dafür kann, für seine glückliche Kindheit, seine heile Familie und sein gesundes und wohlhabendes Leben. Dennoch spürte er eine Schuld. Schuld gegenüber der Familie, die dieses schwere Schicksal tragen muss. Dies alles ging ihm im Kopf umher, als er auf der Beerdigung diese drei Menschen sah. Mittendrin dieses Mädchen. Unter ihrem schwarzen Kapuzenmantel lugten diese stahlblauen Augen hervor. Ihr Blick verlor sich im Regen. Für eine Sekunde, so schien es Ben, trafen sich ihre Blicke. Diesem Schmerz konnte Ben wiederum nur mit Schuldgefühl begegnen.
Als Ben am Abend auf die Wiese kommt, sieht er sie. Er hätte nicht gedacht, sie hier auf dem Stadtfest zu sehen. Eigentlich nimmt Liv nie an öffentlichen Veranstaltungen teil. Niemand aus der Familie tat das. Ben beobachtet das Mädchen. Sie sieht sich suchend um, mit einem ungeduldigen und genervten Ausdruck. Er glaubt, dass sie jetzt sicher überall lieber wäre als hier. Als ihre Blicke sich treffen, dreht Liv sich weg. Sie geht in eine Richtung davon und Ben kann ihr von seiner Position aus nicht mehr folgen. Irgendetwas ist an diesem Mädchen, das ihn nicht loslässt.
Die Sonne ist schon fast untergegangen. Die Menschenmassen lichten sich etwas und die Band auf der Bühne ist zu einem Chillout-Singsang übergegangen, der den Abend wohl ausklingen lassen soll. Ben sieht seine Freunde an einem der Bartische in der Nähe der Bühne stehen. Rund um die Band ist es noch überfüllt mit jungen Leuten. Bens Freunde winken ihn zu sich und lachen. Ben drängt in ihre Richtung, als plötzlich jemand von der Seite in ihn hineinfällt. Ben bemerkt ein kleines Gerangel zwischen zwei Jungs, die sich aber schnell wieder unter Kontrolle haben. Opfer dieser Attacke waren jedoch die Umstehenden, die unfreiwillig in Bewegung geraten sind. Ein Mädchen fällt geradezu vor Bens Füße. Es ist Liv. Erschrocken starrt sie ihn an. „Oh, Verzeihung“, entschuldigt sie sich schnell.
„Kein Problem“, erwidert er. Ben hilft ihr vorsichtig hoch. Er nimmt ihren Arm, um sie zu stützen, und spürt ihre Zerbrechlichkeit. Von außen wirkt sie viel härter, als sie sich jetzt in seinen Armen anfühlt.
Liv befreit sich schnell aus seinem Halt. „Geht schon“, sagt sie knapp.
„Kann ich dir irgendwie helfen? Suchst du jemanden?“, nutz Ben die Gelegenheit.
Liv sieht sich nochmals im Gedränge um. Sie wirkt angespannt. Zu dumm, dass er nicht da ist. Liv ist sauer. Da tut man einmal jemandem einen Gefallen und was hat man dann davon? Dieser Tobias war eigentlich immer ganz ok. Liv mochte ihn von den Leuten aus ihrer Klasse am liebsten. Er hat sie meistens in Ruhe gelassen. Da er einer der ruhigen Nerds in der Schule ist, geht von ihm wenig Nervgefahr aus. Anders als bei den Jungs von der Fußballmannschaft, die ständig und überall die Mädchen anquatschen. Selbst die Unscheinbaren, wie Liv. Mit den anderen hat sie kaum Kontakt, schon gar nicht mit den Mädchen. Liv hat weder Interesse an Mode, noch an Make-up und schon gar nicht an Jungs. Über was soll sie mit denen dann noch reden? Zum Shoppen hat sie kein Geld und wenn, dann würde sie am liebsten nur in die Buchhandlung gehen. Aber das erlaubt ihre knappe Freizeit kaum, denn nach der Schule ist sie meist bei ihrem Nebenjob. Mittwochs trägt sie die Stadtteilzeitung aus, montags, donnerstags und samstags Werbeblättchen für Bezirk I und III. Nie würde sie in ihrem eigenen Stadtteil austragen, da würde sie ständig Menschen begegnen, die sie erkennen.
Liv hebt genervt den Arm und deutet auf eine Mappe in ihrer Hand. „Ich wollte Tobias aus meinem Spanischkurs ein paar Arbeitsblätter fürs Wochenende geben“.
Ben sieht sie erstaunt an. „Und ihr beide wart hier verabredet?“, fragt er nach und betont dabei das „hier“ besonders - als ob das so wahrscheinlich wäre, als wenn sich zwei Würmer im Nest einer Vogelfamilie treffen wollten. Liv lächelt und verstand seine Verwunderung. Tatsächlich hätte sie sich diesen Treffpunkt fröhlichen Beisammenseins für die Mainstreammasse sicher nicht freiwillig ausgesucht, genauso wenig wie Tobias.
„Das war ‘ne Notlösung. Tobias wollte die Blätter unbedingt noch heute; da ich morgen wieder arbeite, hätte ich keine Zeit gehabt, sie ihm morgen Vormittag zu geben. Er war gestern und heute auf irgend so einem Wettbewerb in Physik, da hat er die Wochenaufgabe in Spanisch nicht mitbekommen. Seine Eltern wollten unbedingt heute Abend noch hierher und er wollte dann mitgehen, aber ich hab ihn noch nicht gefunden.“ Resigniert schaut sie auf ihre kleine blaue Uhr an ihrem Handgelenk.
Ben hat irgendwie das Gefühl, sich um diese missglückte Lage kümmern zu müssen.
„Komm, ich hol uns erst mal was zu trinken, dann können wir immer noch nach ihm gucken.“ Seine einladende Geste lässt kaum einen Widerspruch zu.
Liv begibt sich jetzt gern in seine Obhut. Endlich mal nicht denken. Jemand anderes übernimmt die Verantwortung für die Situation. Nur für eine Weile.
„Was möchtest du?“, fragt er. Liv sieht sich um, was die Umstehenden in den Händen halten. Aber sie sieht nur Plastikbecher, ohne zu erkennen, was drin ist. Das Mädchen hat nicht viel Erfahrung mit Veranstaltungen dieser Art. Sie weiß nicht, was man zu solchen Gelegenheiten zu sich nimmt, um nicht aufzufallen.
Ben bemerkt ihre Unsicherheit. „Was magst du denn am liebsten?“, fragt er helfend.
Schnell antwortete Liv: “Ne Spezi.“
Als Ben zwei Mezzomix bestellt, merkt Liv, wie sich ihr Körper entspannt. Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlt sie sich sicher und geborgen. Von Ben geht eine Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die Liv nicht erwartet hat. Sie setzen sich auf eine Mauer an der Seite des Getränkestandes, von wo sie einen guten Blick über die Wiese haben und es gleichzeitig etwas ruhiger ist. Aus der Ferne kann Ben seine Freunde erkennen, die irritiert in seine Richtung blicken. Julius, Bens bester Freund seit dem Kindergarten, zieht die Schultern hoch und sieht fragend zu ihm herüber. Ben dreht sich zu Liv und ignoriert Julius erst mal. „Ich hab dich heute Morgen aus dem Haus kommen sehen.“ Ben stockt. Liv knibbelt an ihrem Becher und schielt kurz zu ihm hoch. Sie wartet, ob noch was kommt.
„Hattest du Streit mit deinem Vater?“ Es kam also noch was. Liv knibbelt weiter und sieht auf die hellbraune, sprudelnde Flüssigkeit hinab. Was soll sie sagen? Es geht ihn schließlich nichts an. Liv ist unsicher, wie viel sie preisgeben soll von ihrem Leben. „Es ist alles nicht so leicht. Mein Vater macht viel durch, da rastet er schon mal aus.“ Liv bemerkt Bens besorgten Blick. „Aber er meint es nicht so“, ergänzt sie schnell.
Ben ist ebenso verunsichert. War die Frage zu persönlich? Vielleicht springt sie gleich auf und rennt weg, weil ich zu neugierig bin. Aber er kann sein Interesse an ihr nicht ruhen lassen. „Ja, es ist sicher nicht leicht im Moment, nach dem was euch gerade passiert ist.“
Liv runzelt die Stirn. Das hört sich an wie ein vorübergehendes Unglück. Aber das ist es nicht. „Wieso im Moment? Das ganze Leben ist doch so scheiße. Solange ich denken kann, leben wir in Katastrophen. Das hört eh nicht auf. Ich weiß auch nicht, wie es noch schlimmer werden könnte.“
Die Band zieht die musikalischen Zügel wieder an und spielt einen alten ABBA-Song, zu dem die Menge vor der Bühne wild zu tanzen beginnt. Liv verdreht die Augen und wendet sich demonstrativ ab. Damit dreht sie sich aber auch weiter zu Ben hin. Der dies als Aufforderung sieht, nicht locker zu lassen.
