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Sommer 1978: Nach einer gescheiterten Beziehung ist Lukas Eigenthor in seine alte WG zu seinen Buddies Franky und Cash zurückgekehrt. An Kretas Südküste wollen sie ihre "Wiedervereinigung" drei Wochen lang feiern, doch schon im Flugzeug beginnen Lukas' "gute" Vorsätze zu schwinden. Seine Sitznachbarin, die attraktive Ärztin Isabelle nimmt ihn sofort gefangen. Vom ersten Urlaubstag an träumt er von der drei Jahre älteren Anästhesistin mit den kultivierten Umgangsformen, besucht sie in ihrem Hotel an der Nordküste und verbringt mit ihr eine Nacht im Schlafsack am Strand. Lukas spürt immer mehr, dass er sich ein weiteres Mal zwischen seinen Freunden und einer Frau entscheiden muss. Schweren Herzens und vor dem Hintergrund seiner letzten Beziehung verwirft er einen weiteren geplanten Besuch bei Isabelle, ohne dass sie aus seinen Gedanken verschwindet. Als Lukas zehn Tage später, kurz vor ihrem Rückflug nach Berlin, mit seinen Freunden und zwei anderen Frauen in einer Taverne sitzt, traut er seinen Augen nicht. Ein paar Tische weiter entdeckt er Isabelle und ihre Freundin, die mit einem Ausflugsbus an die Südküste gekommen sind. Das Wiedersehen ist frostig, denn Isabelle ist irritiert und enttäuscht. Lukas spürt, dass er Isabelle liebt und unternimmt alles, um es ihr zu vermitteln. Und er weiß genau, dass er jetzt von Isabelle's Entscheidung abhängig ist.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ulrich Paul Wenzel
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Ich wurde an einem Mittwoch vorzeitig entlassen. Um 21.43 Uhr. Nach sieben Monaten und einer guten Woche. Oder 207 Tagen. Angeblich wegen schlechter Führung, auf jeden Fall ohne Bewährung.
Sybille begleitete mich an die Tür ihrer kleinen Altbauwohnung im Wedding. Da der Abschied etwas frostig ausfiel und nicht mehr vieler Worte bedurfte, verkniff ich es mir, die eigentliche Bedeutung dieses Tages zu erwähnen. Ich hätte nur weitere Fragen hinterlassen. Es war der 14. Juni und wäre der 50. Geburtstag von Che Guevarra gewesen. Eine der vielen Persönlichkeiten, mit der Sybille leider nichts anfangen konnte. Sie feuerte meine beiden Reisetaschen in den Hausflur und wies mir den Weg wie eine nordkoreanische Straßenpolizistin über die Türschwelle. Kurz darauf flog die Haustür zu wie der Vorhang des letzten Aktes. Unser Theaterstück war beendet.
Das war vor zwei Monaten. Inzwischen wohnte ich wieder in der Friedelstraße, in der Nähe des Herrmannplatzes. In meiner Wohnung. Ich war jedenfalls laut Mietvertrag immer noch der Hauptmieter. Meine Freunde Franky und Cash hatten das Desaster kommen sehen und mir für alle Fälle mein Zimmer in der WG freigehalten.
Ich hatte die beiden erst vor einem guten Jahr kennengelernt. Wir saßen jeden Dienstagnachmittag zusammen im Seminar Entwicklungspsychologie I an der Technischen Universität und schliefen regelmäßig nach spätestens zwanzig Minuten ein. Leider benötigten wir einen Schein, da wir alle drei unabhängig voneinander irgendwann mal auf die Idee gekommen waren, Berufsschullehrer zu werden. Natürlich der Ferien wegen, aber das erwähnten wir nirgendwo. Da wir schon nebeneinandersaßen und zusammen einschliefen, war es folgerichtig, dass wir drei das Referat Sozialisation und Selbstsozialisation als essentielle Einflüsse auf die menschliche Entwicklung bearbeiten. Nicht weil uns das Thema besonders interessierte. Dieses Thema und wir waren am Ende der Verteilung übriggeblieben. Franky schlug vor, die Ausarbeitung in der Dicken Wirtin in der Carmerstraße vorzunehmen, wo es Bier und Erbsensuppe gab. Unsere Schicksalsgemeinschaft entwickelte sich schnell zu einer intensiven Freundschaft.
Den Sommerurlaub mit Franky und Cash hatten wir vorausschauend geplant, als sich meine Beziehung mit Sybille dem Ende zuneigte.
Es gab zwei alternative Ziele: Ibiza oder Kreta. Schmelztiegel für Althippies und Aussteiger. Obwohl wir weder das eine noch das andere waren, glaubten wir dort definitiv richtig zu sein. Unsere Entscheidungsfindung brauchte genau drei Tage, dann kam Franky mit dem Tipp eines Freundes: Matala, ein Fischerdorf an Kretas Südküste. Also Matala.
Unglücklicherweise hatte Cash heute Morgen verpennt. Wäre nicht schlimm gewesen, war aber leider gerade der Tag unseres Abfluges. Und wenn Cash verpennte, verpennten wir alle, denn er hatte den einzigen Wecker in unserer Wohnung, in der es drei gut gepflegte HiFi-Anlagen, drei Fernseher, zwei Kühlschränke gab.
Obwohl wir auf eine flache Hierarchie in unserer WG bedacht waren, akzeptierten wir Cash als Vorstand. Er pflegte die Außenkontakte zu den Nachbarn, führte die Haushaltskasse und organisierte die Wohnungsreinigung, mit der wir uns jedes Wochenende schwertaten. Außerdem war er mit 1,87 der Längste von uns. Seine Führungsqualitäten zeigte er schon ganz am Anfang unserer Freundschaft, die zur Zeit des Referats noch eine Schicksalsgemeinschaft war. Er steuerte die gesamte Ausarbeitung, verteilte die Arbeitsaufgaben, erinnerte uns an unsere Treffen in der Dicken Wirtin und besorgte Literatur. Franky und ich glaubten, dass dieses Verhaltensmuster auf seinen Job als Aushilfskellner im Parkcafè zurückzuführen war, wo er Gäste mit einen gefühlten Altersdurchschnitt von 70 Jahren vor sich hatte. Seine Namen verdankte Cash dem amerikanischen Country-Sänger, einer dessen größter Fans er war.
Franky dagegen war eine tragische Figur, das lebende Beispiel für die These, dass sich naturwissenschaftliche Begabung und Lebenstauglichkeit diametral gegenüberstehen, oder sich sogar vollkommen ausschließen. Mit 27 Jahren war er der Älteste von uns dreien und mit einem Abi-Durchschnitt von 1,4 vermutlich auch der Intelligenteste. Er fuhr Taxi und studierte nebenbei. Nach BWL und Maschinenbau war es sein drittes angefangenes Studium, wahrscheinlich jedoch nicht sein letztes. Für Franky war das kein wirkliches Problem. Es zählten nur das Jetzt und Heute sowie Geld und Frauen. Von beidem hatte er, das mussten Cash und ich neidvoll anerkennen, mehr als genug.
Obwohl wir auf den letzten Drücker am Check-In erschienen, bekamen wir erstaunlicherweise noch drei fast zusammenhängende Plätze. Franky und Cash saßen in Reihe 28 links nebeneinander, ich in Reihe 27 auf der anderen Seite des Ganges. Direkt neben zwei Frauen.
Meine direkte Nachbarin für die nächsten drei Stunden in dieser Boing 727 von Dan-Air hatte Format, dafür nicht das geringste Interesse an mir. Gelangweilt blätterte sie in einem Frauenjournal, während ich meinen Platz einnahm. Nach Außen die kühle Nummer, während sie innerlich wahrscheinlich vor Flugangst implodierte. Ich musterte sie aus den Augenwinkeln. Sie hatte ihre schulterlangen blonden Haare hinter das Ohr gelegt. Natürlich konnte sie nicht ahnen, dass Ohren und Halspartien bei Frauen auf mich einen ganz außergewöhnlichen Reiz ausübten, insbesondere im Zusammenhang mit dem anziehenden Duft eines Parfüms. Selbstverständlich hatte ich auch einen Blick fürs Ganze, aber ich hatte irgendwo einmal gelesen - wahrscheinlich war es in einer von Sybilles unzähligen Frauenzeitschriften, die sich meterhoch neben dem Klo gestapelt hatten - das Ohren charakterbildend seien. Und auf Charakter legte ich wert. Schon meine Mutter gab mir den wohlgemeinten Ratschlag, ich sollte unbedingt auf den Charakter einer Frau achten. Der zähle mehr als Aussehen, Geld oder Intelligenz. Scheinbar war sie nicht eindringlich genug, bei mir zählten einzig und allein optische Merkmale.
Es war tatsächlich ihr Ohr, mit dem meine Sitznachbarin Akzente setzte und nicht der silberne Hänger mit dem grünen Stein. Ein hinreißendes Ohr, weich, mit klaren Konturen und einem zarten Läppchen, auf dem ich winzige blonde Härchen erkennen konnte. Ich begann vorsichtig zu schnüffeln. Ihr exotisches Duftwasser warum etliches aufregender als Sybilles französisches Parfüm, das am Ende unserer Beziehung irgendwie nach verwelkten Sonnenblumen roch.
Den Seitenblick auf Franky und Cash schräg hinter mir hätte ich mir ersparen sollen. Ich zuckte zusammen. Die verwischten Spuren der Nacht, die erst am Morgen gegen vier Uhr im Dschungel endete.
Cashs unrasiertes Gesicht unter seinen dunkelblonden Haaren ähnelte einer Zeitung, auf der sich jemand eine ganze Nacht lang herumgewälzt hatte. Franky übertraf ihn um Längen. Sein Kopf erinnerte mich spontan an einen alten Lederball, dem die Luft entwichen ist. Er hatte seine Augen vorsichtshalber hinter seiner großen, geschmacklosen Sonnenbrille versteckt. Auf dem Kopf trug er sein schon etwas in die Jahre gekommenes Che-Guevara-Barett, was ihm unter normalen Umständen eine gewisse militärische Note verliehen hätte, an diesem Morgen jedoch eine Karneval-Utensilien wirkte. Alles in allem erinnerte Franky mich an eine missratene Comic-Figur.
Als die Maschine abhob, hatte meine Nachbarin Haltung angenommen und blickte regungslos auf die Lehne des Vordersitzes. Ihr Gesichtsprofil strahlte Sinnlichkeit aus. Eine mittelgroße Nase mit leichtem Haken, weich geformten Lippen und eindrucksvolle, lange Wimpern. Die Hände wie zum letzten Gebet gefaltet. Ich schloss die Augen.
Als ich aufwachte, bemerkte ich, dass meine Nachbarin ihre angespannte Gebetshaltung aufgegeben hatte und sich mit ihrer Freundin am Fenster unterhielt. Es ging um Nagellackentferner. Komischerweise hätte ich problemlos in ihre Unterhaltung einsteigen können, denn mit Nagellackentfernern kannte ich mich aus. Sibylle hatte mir einmal einen Vortrag über Nagellacke gehalten, als ich die dumme Idee hatte, mich für die eigenartige Farbe ihrer Fingernägel zu interessieren.
Nach einer weiteren Kurzschlafphase - die gestrige Nacht forderte jetzt unweigerlich ihren Tribut – wurde ich vom Kaffeegeruch und dem Klappern des Cateringwagens geweckt. Ich gähnte laut auf, öffnete die Augen - und starrte in das hübsche Gesicht meiner blonden Nachbarin. Intuitiv spürte ich, wie meine Gesichtsfarbe von hellbeige - so sah ich mich jedenfalls am Morgen im Spiegel - auf dunkelrot wechselte. Sie schien sich Gedanken über meinen etwas instabilen Zustand zu machen. Ich lächelte steif.
»Ich glaube, es ist so weit«, sagte ich mit kehliger Stimme und nickte ihr beruhigend zu, »es müsste gleich etwas zu essen geben.«
Scheinbar hatte ich ihren Gesichtsausdruck falsch interpretiert. »Ich würde gerne auf die Toilette, würden Sie mich kurz durchlassen.«
»Ach so.« Ich hustete flach und erhob mich von meinem Platz.
»Hast du schon wieder Kohldampf, Alter?« Eine Stimme wie von Rod Stewart nach fünf durchsoffenen Nächten. Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Cash hatte sich nach vorne gebeugt und grinste wie ein verschmortes Spanferkel. Erschrocken wandte ich den Kopf ab und lächelte meine Nachbarin wie ein Politiker an, der soeben von einem lästigen Zwischenrufer unterbrochen wurde.
»Wir sollten jetzt aber eine Molle nehmen«, krächzte Cash, gerade in dem Moment, als meine Nachbarin mit verstörtem Blick in den Gang trat.
»Jetzt nicht, später vielleicht«, gab ich verlegen zurück und blickte ihr nach, während sie zur Toilette stolzierte. Bevor ich wieder auf meinen Platz zurückglitt, warf ich einen ersten Blick auf die Freundin meiner Nachbarin. Sie war mittelblond und trug ihre gewellten Haare etwas kürzer. Mir fiel ihr blumiges Sommerkleid und besonders das tiefe Dekolleté auf.
»Hey Luckas, du hast wirklich einen ausgesprochen guten Platz erwischt«, rief Franky von hinten links.
Ich drehte den Kopf zu Franky und nickte. Du siehst übrigens richtig Scheiße aus, dachte ich. Wie Dschingis Khan nach einer verlorenen Schlacht. Einer von zehn Punkten.
»Und?«, krächzte Franky«Wie und?«
»Ich meine, wie heißen die beiden, wo wollen sie hin?«
»Wahrscheinlich nach Athen. Mehr weiß ich nicht.«
»Du bist wirklich ein lahmer Arsch, Alter.«
»Wieso das denn? Ich kenne die doch gar nicht.«
»Das ist es ja. Du sitzt über eine Stunde neben denen und kennst sie immer noch nicht.«
»Ach leck mich, Franky.«
Zugegebenermaßen setzte Franky in dieser Beziehung andere Maßstäbe. Mit ihm konnte ich mich nicht vergleichen. Bei ihm ging es immer ganz schnell. Die Frauen standen auf Franky. Wahrscheinlich fuhren sie auf sein geschmeidiges Gelaber ab, mit dem er sie alle um den Finger wickelte. Dafür waren seine Bekanntschaften nie besonders tiefgreifend und nachhaltig. Sex and TV. Aber Franky kam weit rum, was mich tief beeindruckte.
Neben mir tauchte das Hinterteil der Stewardess auf und kurz darauf bremste sie ihren Container. Ich dachte an meine Nachbarin, die sich wahrscheinlich immer noch auf der Toilette für das Essen zurechtmachte. Könnte knapp werden. Die Stewardess reichte der Freundin meiner Sitznachbarin mit dem einladenden Lächeln einer Vorstadtschönheit eine Fressbox aus Plastik. »Und was darf ich ihnen zu Trinken servieren?«
Ich tippte auf Mineralwasser oder Orangensaft.
»Einen Weißwein bitte.«
Verstohlen schielte ich auf meine Armbanduhr. Kurz vor halb elf. Sie fängt ja rechtzeitig an. Ich bekam die gleiche Plastikfressbox auf mein Tablett gestellt.
»Und was darf Ihnen zu Trinken anbieten?«
»Ich hätte gerne auch einen Weißwein«, hörte ich mich sagen, obwohl ich ein Bier trinken wollte. Gleich nachdem die Stewardessen ihren Servierwagen weitergeschoben hatten, tauchte meine Sitznachbarin neben mir auf. Sie hatte ihre Lippen mit einem tiefen Rot nachgezogen, welches auf die Farbe ihrer Jeans abgestimmt zu sein schien und hatte einen Becher Mineralwasser in der Hand. Ganz der Kavalier griff meine noch verschlossene Fressbox und den Weinbecher und schnellte aus meinem Sitz hoch.
»He Alter, was trinkst du denn da?«, rief Franky in dem Moment, als meine Sitznachbarin sich auf ihren Platz schob. »Ist das Apfelschorle oder Pfefferminztee?«
»Weißwein, Franky.«
»Ist das nicht ein bisschen früh für Weißwein, Lukas?«, fragte Franky und hielt ein Bier hoch, Cash hatte ebenfalls eins und ich hätte eigentlich auch ein Bier in der Hand haben sollen.
»Wir sollten mal die Plätze tauschen, Lukas«, krächzte Cash, nahm einen kräftigen Schluck und rülpste unüberhörbar. Ich zuckte zusammen.
»Tausch doch mit Franky.«
»Was soll er mit mir tauschen?«, grunzte Franky, der den Plastikdeckel seiner Fressbox geliftet hatte und sich gerade sein Hühnchen vornehmen wollte, »ich habe das gleiche wie ihr, Hühnchen und Schlammkartoffeln. Und Schokopudding. Den kannst du übrigens von mir haben, Cash.«
»Deinen Schokopudding kannst du dir unter den Arm kleben, Alter.«
»Was, ich denke, du stehst auf Schokopudding«, wieherte Franky und haute Cash auf die Schulter.
»Bist du wahnsinnig. Von dem Zeug könnte ich kotzen.«
»Okay«, unterbrach ich die beiden und warf einen Blick auf meine Sitznachbarin, »ich setz’ mich dann mal wieder.« Vielleicht sollte ich den fatalen ersten Eindruck, den meine Sitznachbarin von uns bekommen haben musste, etwas korrigieren und ihr ein unverbindliches Gespräch anbieten.
»Wollen Sie auf eine Insel oder bleiben Sie auf dem Festland?« Die Frage kam nicht von mir, sondern von meiner Sitznachbarin. Ohne erkennbare Vorwarnung. Sie schien über uns genauso intensiv nachgedacht zu haben, wie ich über sie. Ich empfand ihre Frage sehr taktvoll. Sie hätte auch fragen können: ‚Benehmt ihr euch eigentlich immer so prollig?’ oder ‚Habt ihr eure pubertäre Phase immer noch nicht hinter euch gelassen?’ Insofern hatte sie in meinen Augen enorm gewonnen. Wahrschein hoffte sie jedoch, dass wir unser Urlaubsquartier nicht in ihrer Nähe hatten, was ich natürlich nachvollziehen konnte.
»Nach Kreta«, antwortete ich zurückhaltend.
»Ach, das ist ja toll. Dann haben Sie bestimmt auch keinen Direktflug mehr bekommen, oder? Wir wollen auch nach Kreta und müssen mit einem Inlandsflug nach Heraklion weiterfliegen. Es gab keine Direktflüge mehr.«
Von einem Direktflug war bei uns nie die Rede, weil Franky unbedingt mit der Fähre fahren wollte. Aber sie findet es toll, dass wir auch nach Kreta fahren und dabei hatte sie plötzlich einen Schwung in der Stimme, den ich so nicht erwartet hatte.
»Nein, wir fahren mit der Fähre weiter.«
»Lukas«, polterte Franky herüber, »willst du jetzt nicht mal ein Bierchen probieren oder machst du noch ein bisschen auf Etikette?«
Franky und Cash gingen mir im Augenblick gehörig auf die Nerven. Ich antwortete nicht, sondern wandte mich weiter an meine Sitznachbarin.
»Wir wollen übrigens an die Südküste, nach Matala.«
»Matala? Kenn ich nicht. Kennst du Matala, Petra?« Die Frage ging in an ihre Freundin mit dem Sommerkleid. Petras fragender Blick signalisierte mir, dass auch sie mit Matala nichts anfangen konnte. Das Kopfschütteln folgte prompt und unmissverständlich.
»Wir haben ein Hotel bei Rethimnon. Sagt Ihnen Rethimnon etwas?«, fragte meine Nachbarin. Natürlich nicht. Woher denn? Das schlichte Gesprächsniveau empfand ich angesichts meines brummenden Schädels angemessen. »Nein, ich war noch nie auf Kreta.«
»Ach, Sie waren noch nie auf Kreta?« Sie warf mir einen mitleidigen Blick zu. »Aber bestimmt schon auf anderen Inseln?«
»Natürlich, auf Sylt, auf Helgoland und auf Schwanenwerder, aber noch nie in Griechenland.«
»Waas? Ich liebe Griechenland«, säuselte meine Sitznachbarin. »Letztes Jahr war ich auf Rhodos und davor auf Kos.«
Ah ja! Von den beiden Inseln hatte ich etwas in einer von Sybilles Zeitschriften gelesen – die neben der Toilette. Und schon stand mein erstes Bild von meinen beiden Sitznachbarinnen: Bis mittags schlafen, anschließend, wie Sybille, am Strand durchbraten und nachts auf der Tanzfläche explodieren. Und alles in einer Vierzehntage-Schicht.
»Wir haben übrigens ein Auto gemietet und machen jeden Tag Ausflüge und sehen uns viel an«, fügte meine Sitznachbarin hinzu und nippte an ihrem Mineralwasser, während ich noch über ihr Nachtleben nachdachte.
»Das ist ja toll«, antwortete ich.
»Und Sie, haben Sie auch ein Auto gemietet?«
Was sollen wir mit einem Auto, wir sind drei Wochen am Strand und in den Tavernen und jeden Abend knüppeldicht. »Nein, mit einem Auto sind wir zu unflexibel.«
»Wie bitte? Das sollte jetzt aber ein Witz sein, oder?« Sie lachte kurz auf und zeigte ihre schneeweißen, geraden Zahnreihen. Ein kontrolliertes Lachen. Ich hatte das Gefühl, dass sie selbst beim Lachen die Form waren wollte.
»Das muss man etwas anders sehen. Wir trinken im Urlaub ab und an mal etwas Alkohol und wenn man etwas zu viel getrunken hat, kann man das Auto nicht gebrauchen. Und auf Kreta soll man überall auch gut mit dem Bus hinkommen.« Ich verzichtete bewusst darauf, die Geschichte mit dem Trinken etwas genauer auszuführen. Das hätte sie an dieser Stelle definitiv verwirrt.
»Da haben Sie allerdings auch wieder Recht, ein Auto ist nicht immer von Vorteil«, sagte sie und ihr Blick signalisierte: ‚So etwas Bescheuertes habe ich ja noch nie gehört’.
Vorsichtig zog ich den Plastikdeckel von meiner Fressbox. Ich hätte es lassen sollen! Ein Bild des Grauens wie nach einem Terror-Anschlag! Eine Hühnerkeule lag in einer fast braunen Tomatensoßenlache. Die Kartoffeln konnten ohne weiteres auch als zu groß geratene Gnocchi durchgehen.
»Na Alter, schmeckt's nicht?«, grunzte Franky. Ich fuhr zusammen. Er stand neben mir und glotzte erst auf die Hühnerkeule, dann zu meiner Sitznachbarin und anschließend zu mir.
»Nicht besonders, wieso fragst du?«
»Du machst irgendwie so’n angespannten Eindruck.«
»Das sieht nur so aus, Franky. Kannst du nicht mehr sitzen?«
»Nee, ich will nur zur Toilette, kurz was abschmeißen und dann noch zwei Pils besorgen. Willst du auch eins?«
»Danke Franky, im Moment nicht.« Ich beäugte meine Sitznachbarin aus den Augenwinkeln. Sie betrachtete sich ihre schlanken, fein manikürten Fingernägel und tat so, als wenn sie unseren niveauvollen Dialog nicht mitbekommen hatte. Franky verzog sich.
»Sind das Ihre Freunde?« Die Frage hatte ich erwartet. Ich versuchte es mit einer Erklärung. »Ja, wir sind heute sehr früh aufgestanden.«
Sie schaute mich mit ihren blaugrünen Augen an, als wenn ich nicht ganz dicht wäre. Mir blieb nur ein Zucken mit den Schultern und ein verlegenes Lächeln, war mir aber nicht sicher, ob letzteres wirklich angemessen rüberkam.
»Was für ein Hotel haben Sie in Malaga? Also viel viele Sterne?«
»Matala«, verbesserte ich, »Ma-ta-la!« Und hör endlich mal mit dem scheiß ‚Sie’ auf.
»Ach richtig, wie komm’ ich auf Malaga? Das liegt doch in Spanien.« Sie kicherte vor sich hin und ich fragte mich, was sie daran so witzig fand.
»Wir nehmen uns ein Zimmer«, erklärte ich trocken, »die kosten nicht viel. Außerdem haben wir Schlafsäcke mit.« Einen kurzen Moment zu spät wurde mir bewusst, dass mein zweiter Satz Fragen aufwerfen würde. Die erste kam umgehend. »Wieso Schlafsäcke, wenn Sie ein Zimmer haben?«
»Falls es doch kein Zimmer gibt.«
»Und wo bitteschön schlafen Sie dann? Auf einem Campingplatz, nehme ich an.«
Mit ihrem ‚Sie’ trieb sie mich fast in den Wahnsinn!
»Nein, am Strand!« Butter bei die Fische!
»Am Strand?« Meine schöne Sitznachbarin starrte mich an, als wenn ich gerade als Sauerstoffmaske von der Decke gesegelt wäre. Entsetzen und Anerkennung wechselten sich in ihrem Blick ab. »Und was ist mit Waschen, Zähneputzen und Toilette?«
Sie dachte jetzt ganz intensiv nach, das war offensichtlich. Wenn wir auf einer Parkbank nebeneinandergesessen hätten, wäre sie in diesem Moment definitiv aufgestanden und an das äußerste andere Ende gerückt – oder gegangen.
»Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.« Ich räusperte mich zweimal. »Ich gehe aber davon aus, dass wir ein Zimmer kriegen.«
»Wir haben übrigens ein Hotel direkt am Strand. Vier Sterne. Zimmer mit Dusche, WC und Balkon, Meerblick.«
»Das ist ja irre«, antwortete ich etwas hohl und gähnte unabsichtlich. Sie interpretierte es natürlich falsch und wendete sich augenblicklich ihrer Freundin zu.
Ich wachte von den Tritten eines kleinen Jungen gegen meine Rückenlehne auf. Meine Sitznachbarin schien ebenfalls zu schlafen. Sie hatte ihre flachen, schwarzen Schuhe ausgezogen. Ich blickte auf rot lackierte Fußnägel. Rot wie die Hose und die Lippen. Dazu ihre blaugrünen Augen und das schneeweiße Hemd. Tutti kompletti.
»Nehmen Sie ein Taxi zum Schiff?«, fragte sie plötzlich, ohne ihre Augen zu öffnen, während ich gerade versuchte, die Konturen ihres Busens zu identifizieren. Ich schluckte und zog meinen Kopf ruckartig zurück. »Nein, wir nehmen den Bus, der ist viel billiger.«
Ich entschloss mich spontan zum Angriff auf das unsägliche ‚Sie’.
»Spricht eigentlich etwas Wichtiges dagegen, dass wir uns duzen? Das ‚Sie’ bin ich gar nicht gewöhnt. Ich heiße übrigens Lukas.« Hoffentlich hat sie bei meinem Namen nicht die gleichen Assoziationen, wie seinerzeit Sybille, die mich spontan fragte, ob ich Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer aus dem Fernsehen kennen würde. Meine Sitznachbarin schien auf mein Angebot gewartet zu haben. Noch während meiner Gedanken nickte sie. »Ich heiße Isabelle und das ist meine Freundin Petra.«
Petra lächelte steif. Während ich noch auf Petras Grübchen starrte, fragte Isabelle: »Weißt du wie wir zum Terminal für innergriechische Flüge kommen, Lukas?«
Mein Gott, sie hörte sich ganz anders an. Ohne dieses ‚Sie’ fühlte ich mich viel näher an ihr dran. »Keinen Schimmer! Ich wusste bisher gar nicht, dass es in Athen mehrere Terminals gibt.«
Isabelle hat sich heute Morgen vor dem Badezimmerspiegel oder auf der Bordtoilette viel Mühe gegeben. Ich entdeckte immer neue Spuren ihrer Schönheit und verharrte einen kurzen Moment auf ihren makellos gezupften Augenbrauen.
»Was für ein Auto habt ihr denn gemietet?«, fragte ich.
»Einen kleinen Fiat.«
Ich weiß nicht, warum ich mehr erwartet hatte, als einen solchen Elefantenrollschuh. Warum eigentlich nicht? »Ihr habt es gut, ihr seid heute Abend schon in eurem Hotel.«
»Ja, gegen 17 Uhr, wenn alles gut geht«, sagte Isabelle. »Ist nicht weit vom Flughafen entfernt.«
»Die Nordküste würde mich auch interessieren. Vielleicht schaue ich sie mir mal an.«
Isabelles Antwort entsprach genau dem, was ich mir vorgestellt hatte.
»Dann kannst du uns ja besuchen. Wie wohnen im Agean Sun bei Rethimnon!« Ich glaubte ein Leuchten in ihren Augen entdeckt zu haben, wollte mich jedoch nicht darauf festlegen und schon gar keine Schlüsse daraus ziehen. Bei früheren Begegnungen mit Frauen waren es meistens die falschen gewesen.
Das Flugzeug setzte in diesem Moment krachend auf der Landebahn auf. Der Pilot schien noch nicht so oft gelandet zu sein. Es gab aber trotzdem rauschenden Beifall in der Kabine, wie nach einem Stück in der Schillertheater. Nicht dass die beiden Piloten gleich aus ihrer Kanzel kommen und sich ebenso verbeugen wie die Schauspieler, dachte ich süffisant.
»Wir können ja auf dem Flughafen noch einen Kaffee trinken«, schlug ich Isabelle vor und half ihr, die schwere Handtasche aus dem Fach zu ziehen.
»Gute Idee. Wir treffen uns bei den Gepäckbändern.«
Bevor es raus ging musste ich Franky und Cash wecken, die die tatsächlich schnarchend überstanden.
Während Franky und Cash an der Bushaltestelle des Flughafens warteten, brachte ich Isabelle und Petra zu ihrem Bus nach Rethimnon. Nach Größe und Gewicht ihrer Taschen – ich trug beide – zu urteilen müssten sie vier oder fünf Monate bleiben. Petra verabschiedete sich lächelnd und kletterte in den Bus, Isabelle blieb noch. »Vielleicht kommst du mich ja wirklich mal besuchen«, sagte sie, »ich würde mich freuen.« Ich registrierte sofort, dass sie ‚mich’ gesagt hatte, nicht dieses anonyme ‚uns’, wie noch im Flugzeug. Mein Puls schnellte sofort auf 180 hoch. Vor mir tauchte die Abschiedsszene von Casablanca auf, anstelle dieses alten Propellerflugzeuges hätte jedoch ein fast ebenso antiker griechischer Überlandbus und seine gigantische Abgaswolke als Kulisse herhalten müssen. Sie schien genauso angespannt zu sein wie ich selbst.
»Mach‘s gut, bis bald«, sagte sie plötzlich und unterbrach mich dabei, wie ich gerade in Gedanken die nächsten Wochen mit ihr grob vorskizzierte. Einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl, sie wollte mir einen flüchtigen Kuss geben. Das bildete ich mir immer ein, wenn ich eine Frau verabschiedete und rührte wahrscheinlich noch aus der Zeit, als meine Mutter mich schweren Herzens im Kindergarten absetzte. Isabelle reichte mir nur die Hand, die sich zart und samtig anfühlte und die ich in diesem Moment gerne noch länger gehalten hätte.
Isabelle lächelte ein letztes Mal, drehte sich um und verschwand im Bus. Auf dem Weg zum Flughafengebäude spürte ich zum ersten Mal den Konflikt in mir aufkommen, der mich lange Zeit nicht loslassen würde.
Die Fähre, die uns auf das mediterrane Eiland bringen sollte, hörte auf den Namen King Minos und schien noch zu Lebzeiten dieses legendären minoischen Herrschers gebaut worden zu sein. Wir lagen auf den von der Tagessonne noch warmen Stahlplanken des Seelenverkäufers und weil ich in meinem stickigen Schlafsack nicht einschlafen konnte, dachte ich über Isabelle nach. Das heißt, ich dachte eigentlich mehr über mich selbst nach, beziehungsweise dachte ich darüber nach, warum ich mir über eine Frau Gedanken machte, die ich erst kurz zuvor kennen gelernt hatte. Insbesondere, da wir uns unausgesprochen einig waren, dass wir mit Frauen alles Mögliche machen wollten, außer über sie nachzudenken. Und dann fiel mir ein, dass es nicht lange her war, seit ich das letzte Mal über eine Frau nachgedacht hatte: über Sybille.
Der Anfang mit Sybille war vielversprechend. Ohne Frage. Sie beeindruckte mich schwer, als ich sie das erste Mal traf. Eindrucksvolles Äußeres und vor allem ein interessanter Job: Immobilienmaklerin. Im Zuge unserer erfolglosen Suche nach einer WG-geeigneten Dreizimmerwohnung in Schöneberg, Kreuzberg, Charlottenburg oder Wilmersdorf, stieg der Immobilienmakler in meinem persönlichen Berufsranking in atemberaubendem Tempo auf einen Spitzenplatz.
Wir hatten verschieden Maklerbüro aufgesucht und landeten desillusioniert im Büro von Sybille.
Cash entdeckte die Annonce in der Morgenpost am Sonntagvormittag und brachte die Anzeige am Abend mit in den Stall, eine Kneipe in Schöneberg, in der wir schon unzählige Abende miteinander verbracht haben. Dreizimmer-Wohnung in Schöneberg, 105 Quadratmeter, Bad, 700 Mark kalt, Abstand 1500 Mark. Am nächsten Morgen standen wir pünktlich um zehn Uhr in Sybilles schlichtem Büro in der Knesebeckstraße.
»Taxifahrer, Fahrer für Bürobedarf und Kellner? Ihr habt keine Chance, glaubt es mir«, sagte sie abschätzend und blickte uns der Reihe nach an. Dunkle Augen, halblange, glatte Haare, rot gefärbt. Die Nase war ein wenig groß geraten, aber das empfand ich nicht als Makel und es war definitiv nicht ihre Nase, von der ich in der folgenden Nacht geträumt hatte.
»Aber können wir sie nicht einmal sehen? Ich meine, ablehnen können sie uns immer noch«, setzte Franky noch einmal nach.
»Der Vermieter möchte ein älteres Ehepaar haben«, sagte Sybille, deren Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte.
»Dann gehst du mit Cash hin«, sagte Franky lachend und klopfte mir auf die Schulter. Sybille fand das anscheinend auch witzig und lächelte mit.
»Ich habe da aber noch etwas anderes«, sagte sie plötzlich und blätterte in einem Stapel Akten auf ihrem chaotischen Schreibtisch. »Drei-Zimmer, Altbau, 670 Mark warm, glaube ich.«
Unsere Hälse wurden bei jedem ihrer Worte länger, bis sie »in Neukölln« hinzufügte. Wir schluckten alle drei hörbar, Cash räusperte sich.
»Hier hab' ich die Wohnung. Friedelstraße, gleich beim Herrmann-Platz.«
»Da ist Karstadt«, hörte ich mich spontan sagen. »Soviel ich weiß, das größte Karstadt-Haus in Berlin.«
»Das ist nun wirklich scheißegal, ob da Karstadt ist«, murrte Franky, »Neukölln ist das Problem.«
»Wir sollten sie uns anschauen, Franky«, sagte Cash, »vielleicht ist das ja doch etwas«.
»Ich bin auch dafür«, stimmte ich ein und bemerkte die lächelnde Unterstützung von Sybille.
»Der Vermieter ist ein älterer Herr. Ich habe sozusagen die Verwaltungshoheit über die Wohnung und die Schlüssel«, sagte Sybille aufmunternd. »Ihr könnt sie euch noch heute ansehen.«
Als wir mit zehn Verspätung am Nachmittag vor dem Haus in der Friedelstraße eintrafen, erwartete Sybille uns schon. Die Wohnung lag im ersten Hinterhof rechts, zweiter Stock. Drei Zimmer, 22, 18 und 16,5 Quadratmeter. Dazu eine riesige Küche und ein schmales Bad mit Badeofen aus der Jahrhundertwende. Wir schlichen durch die Wohnung wie eine Familie, die ein Fünf-Sterne-Appartement gebucht und drei Zwei-Sterne-Zimmer bekommen hatte. Eine zwanzigminütige Diskussion, an der auch Sybille teilnahm, führte zum Entschluss, die Wohnung zu nehmen. Besser als gar nichts, allerdings nicht viel besser.
»Wer von euch dreien begleitet mich denn nun nach Lichtenrade?«, fragte Sybille. »Dort wohnt nämlich Herr Allthoff. Einer müsst den Mietvertrag unterschreiben und es ist besser, wenn ihr nicht alle auftaucht.«
»Wie, nur einer von uns?«, fragte Cash.
»Genau. Es soll nicht gleich nach einer Männerwohngemeinschaft aussehen. Ihr könnt hinterher Untermietverträge machen. Das ist kein Problem. Aber einer muss der Hauptmieter sein.«
Wir schauten uns gegenseitig an. Der geborene Hauptmieter war in meinen Augen Cash, doch Franky hatte eine andere Idee. »Wir losen! Denken Sie sich eine Zahl zwischen 1 und 100«, wandte er sich an Sybille. »Wer am nächsten dran ist, geht mit.«
Das Los fiel auf mich und meine Lieblingszahl 7. Angeblich hatte Sybille sich die 10 gemerkt. Ich war überzeugt, dass sie nur deswegen die 10 nannte, weil sie mit mir zu dem Vermieter gehen wollte und weil es ihr auch ganz egal war, wohin wir gehen würden.
Wir verabredeten uns am folgenden Samstag um 11 an der Hasenheide vor dem Eingang zum Karstadt-Haus. Ich stand schon zehn Minuten vorher vor Ort. Um zehn Minuten später hupte sie und winkte aus einen zartgrünen Audi 80 heraus. Ich ließ mich auf dem Beifahrersitz nieder und wurde von einer Parfümwolke erdrückt. Im Gegensatz dazu hatte sie sich dezent geschminkt, wie eine Hausfrau, die wegen ein paar fehlender Lebensmittel noch einmal zu Bolle ausrücken musste.
Die Althoffs waren grob geschätzt zwischen 65 und 70 aber noch gut in Form. Herr Althoff war Drogist und hatte in der Friedelstraße im Vorderhaus seine Drogerie, wo er am Monatsende auch die Miete bar empfangen wollte. Ich erschrak. Der Vermieter im eigenen Haus!
»Verheiratet sind Sie nicht?«, fragte Herr Althoff und schaute mich prüfend an. Ich hielt das für eine rein rhetorische Frage, denn wenn ich verheiratet wäre, hätte ich meine Frau mitgebracht.
»Wir haben uns gerade kennen gelernt«, antwortete Sybille an meiner Stelle und legte ihre Hand auf meinen Unterarm, »vielleicht heiraten wir bald.«
Ich musste Husten. Der erste Teil ihrer Aussage war einfach nur richtig wiedergegeben, der zweite Halbsatz war ein Schlag mit der Keule. Trotzdem vergaß ich nicht, zustimmend zu nicken. Herr Althoff schien damit vollauf zufrieden, denn auf weitere unangenehme Fragen, zum Beispiel nach meinem Beruf, meinem Arbeitgeber und all diesen Quatsch, verzichtete er. Der Rest war Formsache. Ich unterschrieb den Mietvertrag, nachdem ich mir alles genau durchgelesen hatte und steckte die Kopie und die Schlüssel ein.
»Und wie war ich?«, fragte Sybille als wir wieder in ihrem Audi saßen.
Ich wollte schon antworten, dass ich das gar nicht beurteilen könnte, weil wir es ja noch nicht zusammen ausprobiert haben, sagte dann aber: »Das war nicht schlecht.«
»Wir sollten das jetzt feiern«, überraschte mich Sybille. Zum Feiern war mir gar nicht zumute. Die Wohnung war alles andere als ein Hit, aber sie schien jede Wohnungsvermittlung zu feiern.
»Meinetwegen«, erwiderte ich, »ich weiß aber gar nicht, ob ich Cash und Franky erreiche.«
»Ach was, jetzt feiern wir erst einmal alleine.«
Keine schlechte Idee, dachte ich, wann lud mich schon mal eine hübsche Immobilienmaklerin ein, irgendetwas mit ihr zu feiern. Wir feierten in ihrer Wohnung, einem Vier-Zimmer-Palast mit fast vier Meter hohen Räumen und Stuckdecken in der Giesebrechtstraße. Ich war schwer beeindruckt und überlegte intensiv, ob meine Entscheidung, eine dunkle Kemenate in der Friedelstraße zu beziehen, wirklich die richtige Entscheidung war. Sybille selbst und diese Wohnung schienen als Komplettpaket eine Alternative zu sein.
Unsere kleine Feier begann mit einem Glas Chablis auf ihrer edlen blaugrauen Ledercouch und endete mit einem Glas aus der mittlerweile dritten Flasche in ihrem französischen Bett aus Messingrohr mit dunkelblauen Bettbezügen. Noch während ich neben Sybille lag und ihren geschmeidigen Körper streichelte, überlegte ich angestrengt, was wir noch alles zusammen feiern könnten. Meine Vorstellungen förderten plötzlich die nichtigsten Anlässe zum Vorschein.
Am Abend gingen wir essen. Auf Sybilles Frage, ob ich ein besonderes Restaurant wüsste, wollte ich, weil ganz in der Nähe, den Athener Grill am Lehniner Platz vorschlagen, den größten durchgehend geöffneten Fresspavillon Westberlins, empfand das aber doch unpassend und schüttelte den Kopf. Sybille führte mich darauf hin in ein italienisches Restaurant am Adenauerplatz, wo wir bis kurz nach Mitternacht auf ihre Kosten spachtelten, was die Karte hergab. Anschließend feierten wir unter ihrer blauen Bettdecke weiter.
Ich dachte also darüber nach, wie es mit Sybille anfing und endete. Eine gewisse innere Spannung konnte ich nicht leugnen, zumal einige Parallelen zu Isabelle offensichtlich waren. Ich fragte mich, wie die Geschichte mit Isabelle in den nächsten Wochen wohl weitergehen würde und zog eine erste Zwischenbilanz, obwohl eigentlich noch gar nichts zu bilanzieren war. Bezeichnenderweise umtrieb mich am meisten die Frage, wie ich das Ganze Franky und Cash beibringen sollte. Dieses Problem hatte ich, wie gesagt, nicht das erste Mal, eine Routine wollte sich allerdings nicht einstellen. Im Gegenteil, ich entwickelte Franky und Cash gegenüber Schuldgefühle. Es war wie nach einer Liebesnacht mit einer fremden Frau kurz vor der eigenen Silberhochzeit.
Die von der Morgensonne in ein rostiges Rot getauchten Bergzüge Kretas kamen immer näher. Auch die weißgetünchten Häuser nahmen Konturen an. Ein atemberaubendes Panorama, das ich niemals vergessen sollte.
»Weist du, wo die Busse nach Matala fahren?« fragte Cash den Typen, der neben ihm auf dem Deck der Fähre seinen Schlafsack zusammenrollte.
»Ihr wollt nach Matala? Soviel ich weiß, fahren die in Heraklion ab.«
»Das weiß ich auch. Ich meine, wie kommt man zum Busbahnhof?«
»Ihr solltet euch erst einmal erkundigen, wie ihr nach Heraklion kommt.«
»Sag mal, willst du uns verarschen, wir sind doch gleich da.«
»Wir sind gleich in Chania, nicht in Heraklion!«
Cash wurde merklich blass. »Was sagst du da? Chania?«.
»Ja, diese Fähre geht nach Chania. Ungefähr 100 km westlich von Heraklion.«
Cash blickte zu Franky, der zu mir und ich auf die Stahlplanken. Erklären konnte ich mir das nicht.
»Schöne Scheiße! «, maulte Cash. »Der Typ im Hafenoffice hat uns die falschen Tickets ausgestellt und uns die falsche Fähre gezeigt. Und jetzt?«
»Mich hat dieser Arsch sowieso genervt. Hat sich mit allen Dingen gleichzeitig beschäftigte «, schimpfte Franky und spuckte einen schleimigen Rotzer über die Reling, den er aus seinem tiefsten Inneren hervorgeholt hatte. »Der hatte doch nur seine schmierigen Drachmenscheine im Kopf, die ihm vor seinem Ventilator fast durch die ganze Bude geflattert wären.«
Das war wenigstens eine Erklärung.
»Und nun?«, fragte ich ratlos.
»Und? Alles klar?«, fragte der Typ, den Cash angesprochen hatte und schulterte seinen überdimensionalen Rucksack.
»Ne, natürlich nicht«, entgegnete Cash.
»Ich mach' euch einen Vorschlag, ist nur so'n Tipp: Fahrt nach Paleochora. Da brennt die Luft genauso wie in Matala. Ich schätze die sind hier alle auf dem Weg nach Paleochora.«
»Okay, dann geht es eben erst nach Paleochora«, entschied Franky und begann auch seinen Schlafsack einzurollen.
»Sag mal, hast du sie nicht alle, du Knallfrosch?«, maulte Cash ärgerlich. »Wir wollten nach Matala! Dann können wir auch gleich hier oben an der Küste bleiben.«
Dieser Vorschlag gefiel mir komischerweise sehr gut. In der Nähe von Rethimnon. Dieser Tipp schien mir etwas zu gewagt. Stattdessen sagte ich: »Lasst uns doch Paleochora mal ausprobieren und von dort nach Matala.«
»Sag ich doch, Alter, wir haben doch Zeit«, stimmte Franky mir zu, »und von hier nach Matala dauert es bestimmt einen ganzen Tag.«
Der Nescafè in der Frühstücksbar direkt neben dem Busbahnhof von Chania schmeckte wie das Abwaschwasser nach einem deftigen Grillabend. Wir dösten vor uns hin, während wir auf den Bus warteten. Ich war mit meinen Gedanken natürlich wieder in irgendeinem Vier-Sterne-Hotel in Rethimnon und meinen Gedanken entsprang ein Traum: Ich klopfe, einen überdimensionalen Strauß Schwertlilien in meiner schweißfeuchten Hand, an ihre Zimmertür. Schwertlilien waren meine absoluten Favoriten für besondere Anlässe, wozu allerdings auch Beerdigungen und goldene Hochzeiten zählten. Die Tür ihres Zimmers öffnet sich und Isabelle stand vor mir, ein weißes Hotelbadetuch vor der Brust verknotet, die Haare von der Nacht wild zerzaust. Leuchtende Augen, schmachtende Stimme. ‚Lukas, das ist ja eine Überraschung! Ich habe mich die ganze Nacht dir verzehrt. Endlich bist du da!’. Ich schlängele mich durch die Tür, werfe den Blumenstrauß auf das leinenbezogene Bett und umschlinge sie mit meinen Affenarmen. Das Handtuch löst sich von ihrem Körper und gleitet zu Boden. Ich reiße mein Hemd auf und schiebe sie sanft zum Bett. Meine Stimmung kumulierte. Plötzlich ein Riss. Ein zweites Szenario bahnte sich den Weg durch mein Gehirn. Die Vorgeschichte, ich mit den Schwertlilien an der Tür, war dieselbe, ging jedoch anders weiter: Ein braungebrannter Typ mit schulterlangem, schwarzen Haaren und Seehundbart, über 2 Meter groß und fast annähernd so breit, das weiße Hotelbadetuch über den Hüften verknotet, zieht die Tür sperrangelweit auf und rotzt mir mit funkelnden Augen entgegen: ‚Was willst du denn hier, du Arsch? Verpiss dich!’ Er reißt mir meine Schwertlilien aus der Hand, zerlegt den Strauss mit drei Kreuzhieben auf meinem Kopf und hämmert die Hoteltür zu, so dass kurz darauf überall im Flur die Türen aufgehen und verschlafene und verständnislose Blick an mir auf- und abgleiten.
»Hey Lukas, denkst du an die Schnalle aus dem Flugzeug?«
Ich zuckte zusammen. Franky sah mich etwas mitleidig an. Seine Stimme traf mich unvorbereitet.
»Wie kommst du denn darauf?« Ich merkte selbst, dass meine Antwort nicht überzeugend klang.
»Ich weiß nicht, war nur so eine Frage. Wir können gerne mal vorbeifahren. Die beiden wohnen doch irgendwo in der Nähe, oder?« Ich zuckte ein zweites Mal zusammen. Franky's gut gemeinter Vorschlag war die dritte Version meines Traums. Würde ich mit Franky und Cash an ihrer Tür auftauchen, könnte die Geschichte genauso enden wie Version zwei: die Tür würde wieder ins Schloss fliegen.
Schleicher war eine Institution. Der Stanglwirt der Subkultur im Herzen von Paleochora. Sein Name war Programm. Die Biere kamen wesentlich langsamer und waren wärmer als in jeder anderen Taverne, aber wenn man dazu gehören wollte, war Schleichers Taverne ein ‚muss’. Und wir gehörten natürlich dazu, nach unserem eigenen Selbstverständnis waren wir hier gar nicht mehr wegzudenken, obwohl wir erst vor einer Stunde angekommen waren. Jetzt, am frühen Nachmittag waren nur wenige Leute bei Schleicher, die meisten hingen bei einem Bier ab oder spielten Backgammon.
»Ich finde, wir sollten am Strand pennen«, sagte Franky und beleckte den Klebestreifen seiner gedrehten, völlig missratenen Zigarette an, »da sparen wir mindestens… Wie teuer ist hier eigentlich ein Zimmer?«
»Weiß ich auch nicht so genau«, sagte ich, »Arni hatte mir etwas von umgerechnet 10 bis 12 Mark die Nacht gesagt. Ich bin übrigens für ein Zimmer, wenn du mich fragst.«
»Ich habe dich ja nicht gefragt, wofür du bist, sonders was es kostet.«
»Ich bin auch für ein Zimmer, ist doch günstig«, mischte sich Cash ein.
»Denk doch nicht immer nur an das Geld. Am Strand ist es viel geiler. Unter freiem Himmel einschlafen, von der Sonne geweckt werden. Wie auf der Fähre. Das wäre doch scharf.«
»Und die Scheißhäuser auch wie auf der Fähre, was Franky? Ich brauche morgens jedenfalls ein sauberes Klo und eine Dusche.«
Franky konnte sich problemlos auf alles einstellen, das wusste ich, selbst auf chinesische Latrinen-Verhältnisse, wo sie alle ohne Abtrennungen nebeneinandersitzen, in Löcher zielen und sich dabei über die Vielfältigkeit der chinesischen Küche unterhalten.
»Jeden Morgen eine Dusche. Was bist du denn für eine Mimose? Du springst einmal ins Meer und dann bist du frisch.«
»Und wo soll ich scheißen?« Cash wurde sichtlich nervös. »Vielleicht gleich auch ins Meer?«
»Man, in der Taverne beim Frühstück, Alter. Irgendwie geht ihr mir fürchterlich auf den Sack mit eurer Scheißerei«, bellte Franky, schüttelte den Kopf und starrte seine verrunzelte Zigarette an. Für einen Augenblick schwiegen wir. Überall um uns herum Stimmen und das Geklapper von Würfeln und Backgammon-Steinen. Backgammon wurde hier nicht gespielt, Backgammon wurde zelebriert. Von Strategen und Großmeistern, wenn ich die wichtigen Gesichter über den zerfallenen Holzkästen und den abgewetzten Plastiksteinen um mich herum richtig deutete.
»Okay«, sagte ich, mir war die Schweigeminute unangenehm, »wir suchen uns einen Platz am Strand. Vielleicht geht’s ja. Was sagst du, Cash?« Cash brauchte nichts zu sagen, sein Blick sagte alles.
»Nur erst einmal auf Probe«, legte ich nach, »morgen sehen wir weiter, okay?«
Franky wandte sich an den Nachbartisch, wo ein Typ seiner Spielpartnerin gerade zwei matt polierte grüne Plastiksteine aus dem Kasten herausgekegelt hatte. »Gibt es hier eine Bank, Alter?«
»Hier? Soweit ich weiß, nicht«, brummte der Typ ohne aufzuschauen.
»Wie, ich kann in diesem Scheißkaff kein Geld umtauschen?«
»Nicht offiziell jedenfalls. Hier bei Schleicher und vorne am Strand bei Jorgos kriegst du was, aber einen schlechten Kurs machen die und keine Euroschecks.« Sein nächster Wurf hatte ihn noch ein Stück weitergebracht. Er räumte jedenfalls den nächsten Stein seiner Spielpartnerin aus dem Weg. Sie ertrug es gelassen.
»Und wenn ich Euroschecks eintauschen will?«
»Dann musst du nach Chania.«
Wir befingerten fast gleichzeitig unsere Brustbeutel aus Ziegenleder.
»Dann muss ich morgen wieder nach Chania«, maulte Franky. »Ist das eine Scheiße!«
Zum großen Badestrand auf der westlichen Seite der Landzunge war es nicht weit. Wir brauchten gut zehn Minuten. Eine malerische Bucht, wenn man nicht den Anspruch erhob, etwas ganz Besonderes malen zu wollen. Hinter der angrenzenden und mit Pinien gesäumten Straße, einem Lehmacker, gab es zwei Tavernen, die von weiten aussahen, wie Western-Saloons. Der Strand war jedenfalls gut bevölkert. Franky steuerte zielgenau zwei in der Sonne liegende Frauen an, die außer einer Sonnenbrille nichts an ihren Körpern trugen. Sie lagen auf ihren bunten Handtüchern mit aufgedruckten Hawaiipalmen und ließen sich in Kokosnussöl frittieren.
»Der Platz ist gut, oder?«, fragte Franky abschätzend und blickte uns abwechselnd an. So wie er dastand, erinnerte er mich an ein Gemälde von Heinrich Schliemann, der gerade die ersten Umrisse eines bedeutenden Fundes begutachtete. Die beiden Frauen zeigten nicht das geringste Interesse an uns und brieten weiter.
»Man, hier verbrennst du dir ja den Arsch!«, rief Cash und federte aus dem Sand hoch, auf den er sich gerade niedergelassen hatte. »Ohne Handtuch geht gar nichts!« Ich kramte mein weinrotes Badehandtuch aus dem Rucksack, Sibylles originelles Geschenk zum 25. Geburtstag.
»Acht Punkte«, raunte Franky, der Cashs Problem ignorierte. Cash und ich blickten gleichzeitig zu den beiden Frauen. Cash nickte abwägend, ich sagte gar nichts, sondern ließ meinen Blick erst einmal über den Strand gleiten, der sich einige hundert Meter hinzog. Sonnenschirme oder Liegen, wie ich sie von Bildern aus Reisekatalogen kannte, gab es hier nicht. Auch keine Strandbar. Dafür entdeckte ich eine rostige, schief stehende Brause.
