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Sommer 2005: Bausparberater Simon-Moritz Lüdenscheidt ist seit über zwanzig Jahren mit seiner Frau, der dominanten, extrovertierten Lehrerin Carla verheiratet. Tochter Lena ist aus dem Haus und Alex, der pubertierende Sohn, zieht sich immer mehr in seine eigene Welt zurück. Auf Carlas jährlicher Party glaubt Simon ein eindeutiges Angebot einer unbekannten, attraktiven Frau empfangen zu haben und beginnt darüber nachzudenken, ob das Leben nicht noch mehr bereithält, als die eingefahrene Ehe mit Carla, die ihrerseits auch nichts anbrennen lässt und mehr Zeit mit ihrer Freundin Rita verbringt, als mit ihrem Mann. Nach einer Gardinenpredigt seines cholerischen Chefs kündigt Simon spontan seinen ihn schon längere Zeit anödenden Job und nimmt noch am selben Tag und ohne Carla davon in Kenntnis zu setzen das Angebot seines Freundes Andy an, Geschäftsführer von dessen Kneipe zu werden. Ausgerechnet dort macht er eines Tages eine überraschende Entdeckung, die ihn endgültig beflügelt, seines Lebensentwurf noch einmal neu zu entwickeln. Er ahnt nicht, dass sein gesamtes Leben schon nach kurzer Zeit vollkommen auf den Kopf gestellt wird.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ulrich Paul Wenzel
Es Geht Auch Anders
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
»Die Ehe ist eine wunderbare Erfindung – aber das ist ein Fahrradflickzeugkasten auch«
Ich ging fest davon aus, dass die Party eine ebenso uninspirierte Veranstaltung werden würde wie die letzte. Am liebsten wäre ich nicht erschienen oder hätte mich nach ein paar Häppchen vom Buffet schnell wieder verdrückt. Nicht zu erscheinen war definitiv nicht möglich und mich zu verdrücken hätte unabsehbare Konsequenzen nach sich gezogen. Ich gehörte zu den Gastgebern, auch wenn ich objektiv betrachtet nur so etwas wie die rechte Hand der Gastgeberin war.
Dass der Verlauf dieses Abends und vor allem das Ende überhaupt die nächsten Wochen meines Lebens ordentlich durcheinanderwirbeln sollten, konnte ich nicht voraussehen, als ich mit einem leeren Teller vor dem Buffet stand und nach den mit Parmaschinken umwickelten Mohrrübchen schielte.
»Deinen Antipasti sind wieder einmal hinreißend, Schätzchen«, zwitscherte Susan und schob sich eine grüne Olive mit Mandelkern in den Mund. »Einfach raffiniert.«
Schätzchen war Carla, die bereits erwähnte Gastgeberin und gleichzeitig die Frau, der ich seit zwanzig Jahren mehr oder weniger eng verbunden war. Raffiniert fand ich gar nichts. Weder die schwarze Olive vom Türken, auf der Susan jetzt herumnuckelte wie auf einem englischen Brombeerdrops, noch die Auberginen, Paprikas, Zucchini, Meeresfrüchte in Öl oder die mit Mozzarella überbackenen Hähnchenfilets.
»Das ist wie beim letzten Mal fast alles vom Italiener«, erwähnte ich beiläufig, weil ich glaubte, Susan irgendetwas erklären zu müssen. Das war falsch. Einen Augenblick zu spät registrierte ich Carlas entgleisende Gesichtszüge, die mir signalisierten, dass ich besser nichts gesagt hätte. Wahrscheinlich hatte sie wieder einmal erzählt, dass sie alles an einem einzigen Nachmittag selbst zubereitet hatte und es dabei nicht so genau genommen. Dabei brauchte sie nicht viel erzählen. Carla ging der mir unerklärliche Ruf voraus, in einer italienischen Küche zur Welt gekommen zu sein. Ich hielt das für etwas überhöht, aber mich hatte niemand gefragt.
Mit zwei Mohrrüben und einem Hähnchenfilet auf dem Teller zog ich ins Wohnzimmer und setzte mich an unseren Esstisch. Unsere Gästeliste hatte schon etwas von Tradition und war wie immer bis auf ein paar wenige Ausnahmen von Carla persönlich zusammengestellt worden. Rita und Susan, natürlich, Eva und Markus, Monika und Henry, Sven und Agneta, Frank und ...
»Sag mal, Frank hat ja schon wieder eine Neue«, raunte ich Andy zu, der neben mir saß und an einer Hühnerkeule herumkaute. »Wo lernt der immer solche Frauen kennen?«
»Keine Ahnung, ist mir auch ein Rätsel. Aber absoluter Premium-Bereich, wenn du mich fragst.«
»Ja, da muss ich dir zustimmen.«
»Unterhaltet ihr euch gerade über Frauen, Liebling?«, säuselte Sylvie plötzlich von der gegenüberliegenden Seite des Tisches herüber. Andy lächelte müde an ihr vorbei. Sylvie war aus meiner Sicht der größte und folgenschwerste Fehleinkauf, den sich Andy während unserer 27 Jahre andauernden Freundschaft geleistet hatte. Was ihn damals dazu gebracht hatte, diese überspannte Schnepfe mit der Ausstrahlung eines Tannenzapfens zu heiraten und obendrein drei Kinder mit ihr zu zeugen, blieb bis zum heutigen Tage eines seiner letzten Geheimnisse. Andy redete zwar nicht darüber, aber ich war felsenfest davon überzeugt, Sylvie war der Hauptgrund, warum er die beiden Kneipen in Charlottenburg und Schöneberg gepachtet hatte und dort in letzter Zeit zunehmend auch übernachtete. Sylvie war in einem Strickrock mit riesigen, aufgesetzten Sonnenblumen erschienen. Ich hätte fast einen Lachanfall bekommen, als sie mit diesem Fummel im Flur stand. Vor zwanzig Jahren hätte sie damit einen Preis für das gelungenste Faschingskostüm übereicht bekommen hätte. Vielleicht wollte sie aber auch nur ein Zeichen setzen, allein die Botschaft drang nicht zu mir durch. Carla konnte beide nicht ausstehen. Sylvie war ihr zu einfältig und Andy zu rustikal. Dass sie trotzdem fast zum Inventar unserer Partys gehörten, war ein Zugeständnis an mich, schließlich war Andy mein ältester Freund.
Aus meinen antiken Teufel-Lautsprecherboxen ertönte Eliades Ochoa. Guaracha, Son oder Bolero. Carla versuchte schon einige Mal, mir die unterschiedlichen Grundmuster karibischer Rhythmen zu erklären, ich blickte nie durch. Sie vergötterte Eliades Ochoa und andere kubanische Troubadoure wie Celia Cruz oder Ibrahim Ferrer ebenso, wie ich die brasilianische Weltmeistermannschaft von 1958 mit Pelè, Didi oder Vava. Meine Boxen taten mir leid, aus meiner Sicht konnte man mit dieser Musik Geständnisse erzwingen. Wenn wenigsten das Buffet karibischen Touch hätte. Aber den Stilbruch, kubanische Folklore und italienische Antipasti, nahm Carla großzügig hin. Wahrscheinlich war ihr ebenso klar wie mir, dass die meisten Gäste ohnehin nur zum Spachteln erschienen waren.
Mein Blick wanderte wieder zur Neuen von Frank hinüber. Beide standen mit einem Glas Prosecco etwas abseits im Raum und unterhielten sich. Die Neue strahlte Souveränität aus. Blonde lange Haare zu einem verspielten Knoten zusammengesteckt, kleine Kreolen im Ohr, dezent geschminkt. Alles harmonierte. Das Stretchtop im Ethno-Look mit V-Ausschnitt über dem eng anliegenden grauen Baumwollrock und die schwarzen Lederstiefel waren Upper Class. Sie war heute Abend, das musste ich nüchtern feststellen, ganz eindeutig die Nummer eins.
Unsere Party dümpelte dahin wie die Fischerboote im Hafen von Riomaggiore. Eintöniger Small Talk zwischen Diele und Küche. In der Annahme, augenblicklich nicht gebraucht zu werden, schließlich war Small Talk nicht unbedingt eines meiner Steckenpferde, nutzte ich den Aufenthalt auf der Toilette für einen Abstecher ins Schlafzimmer. Ich legte mich aufs Bett und schaltete den Fernseher in der Erwartung ein, die Bundesligaergebnisse von heute zu erfahren. Ich hätte es mir sparen sollen.
»Sag mal, hast du’n Knall?« Carlas entsetzte Stimme ließ mich nur wenige Minuten später hochfahren. Durch den schmalen Spalt der leicht geöffneten Tür drang das grelle Flurlicht und entferntes Stimmengewirr in das Zimmer. Zum Glück konnte ich Carlas Gesichtszüge nur erahnen, aber schon das jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. »Ich glaube es nicht! Wir laden zu unserer Frühjahrsparty charmante Gäste ein und du verpfeifst dich ins Schlafzimmer und glotzt Fernsehen. Ich werde total verrückt!«
Letzteres war unverkennbar, Carla hätte es nicht noch betonen brauchen. Sie war gerade dabei, in den gasförmigen Aggregatzustand zu wechseln. Ich schaltete mit der Fernbedienung das Gerät aus und richtete mich auf.
»Monika fragte mich vor ein paar Minuten, wo du geblieben wärest. Ich sagte ihr, du wärst bestimmt im Bett und würdest dein Geld zählen. Das sollte ein Witz sein, Simon-Moritz!« Wutentbrannt fegte Carla aus dem Zimmer, die Tür flog ins Schloss und der Schlüssel zu Boden. Ich entschloss mich nach einer kurzen Verzögerung, zu unseren charmanten Gästen zurückzukehren. Dabei gab es nur einen charmanten Gast.
Frank und seine Neue standen noch an fast derselben Stelle wie vor einer halben Stunde. Die Neue schien sich zu Tode zu langweilen. Ich ging auf sie zu und stellte mich neben sie. Sie lächelte knapp. Ihr exotisches Parfüm fesselte mich in wenigen Sekunden mehr, als es Carlas Chanel N°19 in den letzten zwanzig Jahren geschafft hatte.
»Und was machen Sie beruflich?«, fragte die Neue plötzlich und drehte sich zu mir um. Ich fühlte mich überfallen. »Ich bin Pilot«, kam es spontan aus meinem Mund. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie so etwas hören wollte.
»Was? Das finde ich ja irre«, schmetterte sie mir entgegen und klimperte mit den Augen. »Und wo überall auf der Welt fliegen Sie hin?«
Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, den kleinen Scherz mit dem Piloten klarzustellen. Nüchterne Überlegungen schienen mir in diesem Augenblick jedoch völlig fremd zu sein. »Nach Mallorca, Kreta, Gran Canaria.«
»Ferienflieger?« Ich glaubte eine Spur von Enttäuschung über ihr Gesicht huschen zu sehen und wollte schon hinzufügen: Und nach New York, Los Angeles, Bangkok und Sydney.
»Und bei welcher Fluggesellschaft fliegen Sie?«
»Air Berlin.« Ich entschloss mich, im Ferienbereich zu bleiben. Meine Körpertemperatur stieg an.
»Ach was? Ich bin letztes Jahr im Mai mit Air Berlin von Leipzig nach Mallorca geflogen. Nicht auszumalen, wenn ich mit Ihnen geflogen wäre.«
Ich hätte sie in diesem Moment beruhigen können, in Leipzig war ich vor sieben Jahren einmal auf dem Hautbahnhof und Malle kannte ich nur von meinem Shell-Atlas.
»Das wäre wirklich ein großer Zufall gewesen«, sagte ich trotzdem und lächelte gütig. Nebenbei zermarterte ich mir den Kopf, wie ich aus dieser Pilotennummer wieder herauskommen könnte. Wahrscheinlich waren diese Gedanken umsonst. Alles würde sich auflösen, wenn sie am nächsten Morgen beim Frühstück mit Frank im Bett die Party noch einmal rezensieren und zwangsläufig auf den Gastgeber mit dem atemberaubenden Beruf zu sprechen kommen würde. Insofern sah ich es als vorteilhaft an, dass Frank immer wieder mit einer Neuen erschien.
»Ist es eigentlich wichtig, dass wir uns Siezen?«, fragte ich.
»Nein, natürlich nicht. Ich heiße Arlette.« »Ich bin Simon. Und was machst du beruflich, Arlette?«
Sie hatte sich viel Mühe mit sich selbst gegeben. Grausilbriger Lidschatten, scharfe Konturen an weinroten Lippen. »Ich arbeite für eine Personalservice-Agentur.«
Mir fiel spontan das Arbeitsamt ein, wollte es aber nicht glauben. »Da kann ich mir jetzt gar nichts drunter vorstellen.«
»Das ist auch schwer zu beschreiben. Wenn ich dir das jetzt erklären würde, könntest du das missverstehen.« Mein dämlicher Gesichtsausdruck musste sie veranlasst haben, noch etwas hinzuzufügen.
»Ich gebe dir nachher mal meine Karte, vielleicht ist es auch etwas für dich. Du kannst mich ja mal anrufen.«
Ich schob das Kinn vor und hustete in mich hinein. Vielleicht ist es auch etwas für dich? Hörte sich nach Nachhilfelehrerin oder Edelnutte an. Vielleicht war es auch ein versteckter Hinweis. Wollte Arlette etwas von mir? Hatte sie erkannt, dass es außer Frank noch andere interessante Angebote auf dem Markt gab? Zum Beispiel Piloten. Ich hoffte, meine innere Aufregung verbergen zu können. Vor mir tauchte ich selber auf. In einem scharf geschnittenen, dunkelblauen Pilotenanzug mit vier goldenen Streifen an den Ärmeln, einer Ray-Ban-Aviator-Sonnenbrille vor den Augen, die schmale Uniformmütze unter den Arm geklemmt und eingerahmt von drei lüstern lächelnden Stewardessen auf der Treppe zum Cockpit eines Airbus A340. Der Traum war intensiv, aber sehr kurz.
Ich fuhr aus meinem Traum hoch. Carla hatte musikalisch blankgezogen. Die Gypsy Kings polterten mit einer Lautstärke durch die Wohnung, die ausgereicht hätte, das Velodrom zu beschallen. Die Gypsy Kings waren zwar reichlich angestaubt, aber immer noch Carlas Allzweckwaffe, wenn sie glaubte, ein paar Kohlen nachlegen zu müssen. Jegliche Unterhaltung konnte in diesem Moment getrost eingestellt werden. Was meine Pilotengeschichte anging, war das ganz gut so. Mein mitleidiger Blick richtete sich ein weiteres Mal auf die Lautsprecherboxen.
»Ich weiß, das ist nicht deine Musik, Sweety«, übertönte Carla die Musik, nachdem sie auf uns zugetänzelt war. Sie hatte ordentlich einen im Tee, das war offensichtlich. »Wenn es nach ihm ginge, würden wir den ganzen Abend nur Led Zeppelin und Pink Floyd hören«, plärrte sie gegen die Musik an und blinzelte zur Neuen hinüber. »Bei Led Zeppelin haben wir uns vor zwanzig Jahren übrigens kennen gelernt«.
Ich glaubte nicht, dass Arlette das interessieren würde. Es war eine Fehleinschätzung.
»Ach, das ist ja interessant«, zwitscherte sie und hob ihren hübschen Kopf. »Wo habt ihr euch denn kennen gelernt?«
»Auf einer Party in Kreuzberg, auf der Toilette.« Carlas Augen leuchteten auf.
»Huch.« Die Neue hätte sich fast verschluckt. Wie sollte sie wissen, dass es zu Carlas überlebenswichtigen Bedürfnissen gehörte, diese Story zum Besten zu geben. Alle anderen anwesenden Gäste kannten sie schon, demnächst also auch Arlette.
Zugegebenermaßen hinterließ Carla an diesem denkwürdigen Abend auf Toms Fete einen ebenso nachhaltigen Eindruck bei mir wie Franks Neue an diesem Abend. Ich flegelte gerade mit einem schalen Schultheiss im einzigen Sessel der ganzen Wohnung und starrte in den Flur, als Carla mit einer Freundin erschien. Es war definitiv nicht ihr speckiger Afghanenmantel, der mich vor Begeisterung fast zerriss der. Wie ich später feststellte, stank er genauso penetrant nach Ziege, wie alle anderen Afghanenmäntel auf dem überquellenden Garderobenständer. Nein, es waren Carlas tiefblaue Augen, ihre dunkelblonden schulterlangen Haare und ihre honigmelonengroßen Brüste, die meine innere Spannung kontinuierlich ansteigen ließ.
In der engen Küche am Buffet wollte ich nach einer halben Stunde - so lange hatte ich verschiedene Angriffstaktiken gedanklich durchgespielt - den ersten Kontakt herstellen. Das Buffet war damals rustikaler, wahrscheinlich hatte Carla es als abschreckendes Beispiel lange mit sich herumgetragen. Sie konnte sich jedenfalls nicht entscheiden zwischen den eingelegten Bratheringen und den ebenfalls eingelegten Riesenrollmöpsen. Ich war hinzugetreten und wollte ihr gerade einen kulinarischen Ratschlag geben, sozusagen einen unverbindlichen Vorschlag aus dem Munde eines weit herumgekommenen Gourmets, als sie sich umdrehte, mich knapp anlächelte und die Küche mit einem Rollmops verließ. Ich fischte mir zwei aus der Schüssel, schlug mir einen Haufen Kartoffelsalat auf den Teller und ging ins Zimmer zurück. Als ich später auf dem aschgrauen, von Toms verwirrtem Kater vollständig zerpflügten Flokati saß und die Trackfolge auf dem Cover von Led Zeppelin II studierte, hockte sie plötzlich neben mir.
»Ich weiß noch genau, wo Simon mir das erste Mal aufgefallen ist«, begann Carla, zwei Lautstärken über normal zu referieren, während ihre Augen diebisch funkelten. »In der Küche am Buffet. Ich wusste sofort, das ist er! Lange dunkle Haare, knackiger Arsch in blauer Jeans. Als er mit der Plattenhülle auf dem Teppich herumhockte, setzte ich mich dazu. Leider schien er nur zwei Leidenschaften zu haben: Led Zeppelin und Schultheiss.« Das war natürlich vollkommener Quatsch. Tom hattenur Schultheiss im Haus. Arlette sah mich an und stülpte ihre Lippen. Sie schien zu überlegen, wie aus solch einem Traumtänzer wie mir jemals ein Pilot werden konnte. Vielleicht auch, dass solch ein Traumtänzer niemals Pilot sein konnte.
»Tja, und dann habe ich einen zweiten Versuch gemacht«, fuhr Carla genüsslich fort. »Als Simon zur Toilette ging, bin ich kurzerhand mit hinein und habe von innen abgeschlossen.« »Waaas?« Einen kurzen Moment dachte ich, Arlette würde abheben. Sie blickte ungläubig zwischen Carla und mir hin und her. Frank lächelte süffisant. Ich nickte entschuldigend. Carla kostete es aus.
»Und was passierte dann?« Die Neue wurde jetzt neugierig. Prickelnde Geschichten schienen etwas für sie zu sein.
»Nichts«, brummte ich.
»Nichts? Das kann man nun wirklich nicht sagen, Sweety. Wir haben wild rumgeknutscht und gefummelt. Nach zehn Minuten sind wir wieder raus.«
Sie hatte recht. Es war oberpeinlich. Zu zweit kamen wir aus der Toilette! Carla schien es überhaupt nichts ausgemacht zu haben, mein Kopf hatte die Farbe eines überreifen Kürbis’ angenommen. Natürlich sind wir nicht mehr lange auf der Fete geblieben. Was sollte ich mit Carla auch auf einer Fete? Sie schien dasselbe gedacht zu haben. Nach einem Bier und einem Kaffee im Adams in der Pariser Straße landeten wir in Carlas 17-Quadratmeter-Zimmer in ihrer Frauen-WG in der Mommsenstraße. Das einzige, was mir von dieser Nacht noch in Erinnerung geblieben ist, war mein gigantisch brummender Schädel am nächsten Morgen.
Gerade als ich auf meine Uhr schaute, es war halb eins, erhoben sich Eva und Markus synchron vom Esstisch. Ich glaubte nicht, dass ihr Aufstehen etwas mit meinem Blick zur Uhr zu tun hatte. Wenn doch, dachte ich, hätte ich schon vor zwei Stunden auf die Uhr blicken sollen. Ich konnte die beiden ausstehen, wie Fliegen am Fenster.
»Wir sollten jetzt auch gehen«, sagte Frank zu Arlette. Ihr Blick signalisierte: Schade, aber wenn du meinst. Wahrscheinlich wäre sie noch gern geblieben, schließlich hatten Carla und ich ihr mit unseren Geschichten ein anregendes Programm geliefert. Mir fiel auf, dass Frank und Arlette irgendwie ein besonderes Verhältnis hatten. Nichts von einer heißen Romanze, keine glühende Leidenschaft. Sie machten auch überhaupt nicht den Eindruck, als wenn sie, kaum in Franks Wohnung angelangt, übereinander herfallen würden. Eher wie Bruder und Schwester auf Vaters fünfundachtzigstem Geburtstag.
Als wir uns im Flur verabschiedeten, schob mir Arlette die angekündigte Visitenkarte in die hintere Tasche meiner Jeans und raunte mir zum zweiten Mal den scheinbar wohl gemeinten Hinweis »Vielleicht ist es ja auch etwas für dich« zu. Ich hatte im selben Moment das Gefühl, als ob sich meine gesamte Körperflüssigkeit in Form kleiner Schweißperlen auf meiner Stirn versammelte. Instinktiv suchte ich nach Carla. Sie stand direkt hinter mir, tauschte mit Rita aber gerade einen innigen Zungenkuss aus. Ich war erleichtert.
»Sag mal, Simon, hat dir die Neue von Frank die Hand auf den Arsch gelegt, als ihr euch verabschiedet habt?«, fragte Carla in ihrer beiläufigen Art. Sie spülte gerade eine ölige Salatschüssel mit einem Schwamm und ich stand dummerweise neben ihr.
»Ich habe nichts bemerkt, Carla.« Spontan trat ich hinter sie und begann, ihren Nacken zu kraulen.
»Es ist zwar schon spät, Sweety, und ich habe ein paar Gläser Prosecco intus«, sagte Carla scharf und drehte sich schwungvoll um. »Aber nicht so viele, dass ich den Überblick verloren hätte!« Dramaturgisch sehr effektvoll, das musste ich zugeben. Ein Spritzer Seifenwasser landete direkt unter meinem rechten Auge. Sweety hatte im Augenblick definitiv eine andere Bedeutung als sonst. Nach meinem Gefühl hätte sie es an dieser Stelle weglassen sollen.
»Ich weiß nicht, was du da gesehen haben willst, Carla, aber kann es sein, dass du ein wenig übertreibst?« Ich überlegte angestrengt, wie ich etwas Luft ablassen konnte, bevor der zarte Ballon direkt vor mir platzte.
»Ich kann dir sagen, was ich gesehen habe. Erst hast du der Neuen von Frank den ganzen Abend auf die Titten gestarrt, und beim Abschied hat sie dir über den Arsch gestrichen!«
»Nun hör aber auf Carla, das ist doch Blödsinn. Außerdem gab es doch gar nichts zu sehen.«
»Mir ist scheißegal, ob es bei der Kuh etwas zu sehen gab oder nicht. Es geht um dich und wie du dich in meinem Beisein benimmst! Du wirst immer eigenartiger, Simon-Moritz!«
Einen knappen Blick auf Arlettes niedliche Brüste hatte ich mir tatsächlich gegönnt. Es war schwierig, nicht weil sie zierlich waren, sondern weil Arlette direkt neben mir stand und ich es ohne eine entlarvende Kopfbewegung, aus den Augenwinkeln bewerkstelligen musste. Carla schien es trotz meiner Sorgfalt bemerkt zu haben. Es war für mich jetzt wichtig, aus der Defensive zu kommen. Im Fußball lösten sie meistens die Viererkette hinten auf und kamen mehr über die Flügel. Ich brauchte so etwas wie ein Gegentor. Aber erst einmal downcoolen. Ich probierte es auf Susans Tour: »Dein Vitello Tonato war phantastisch, Carla, ehrlich. Ich muss sagen, in diesen Dingen bist du unschlagbar«, schwatzte ich mit einem eröffnenden Lächeln. Carlas Blick verfinsterte sich um einige Nuancen. »Das Vitello Tonato liegt seit einigen Stunden unten in der Mülltonne!«, bellte Carla los. »Das war gar nicht auf dem Tisch, weil es mir völlig missraten war! Aber es ist schon klar, dass du keinen Blick für das Essen hattest.« Carla war mit ihrem Kopf auf fünf Zentimeter an meine Nasenspitze herangerückt. Ihre geröteten Nasenflügel bebten wie die eines zornigen Kampfstiers. Das war natürlich ein erbärmlicher Fehlpass von mir. Eigentlich hätte ich mich an dieser Stelle sofort auswechseln müssen. Meine kalten Schweißperlen waren allesamt wieder zurück auf der Stirn. »Entschuldige Carla, du hast ja Recht. Natürlich meinte ich das Cappatio. Hab’ ich verwechselt, glaub mir, Schatz.« Ich ging einen Schritt zurück, nicht nur, um ein wenig aus der Schusslinie ihrer penetranten Prosseccofahne zu kommen. Mein zweiter Ansatz schien allerdings auch nicht der richtige gewesen zu sein.
»Sag mal, willst du mich jetzt verarschen, Simon-Moritz?«, zischte sie und sah mich scharf an, »oder hat dich Franks Mäuschen deiner letzten Sinne beraubt?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Dein kulinarisches Beurteilungsvermögen war zwar noch nie besonders ausgeprägt, aber so jämmerlich habe ich es gar nicht in Erinnerung. Vielleicht liegt dir die italienische Küche auch nicht mehr so.« Carla goss sich den Rest Rotwein in ein Wasserglas.
»Cappatio verwechselt er mit Vitello Tonato! Das ist das allerletzte Mal, dass ich für uns italienisch gekocht habe. Du solltest dir nächstes Mal diese gefrorenen Gummifritten zurechtmachen, die Alex immer in den Backofen schiebt, wenn wir ins Kino gehen!« Carlas Gesichtsfarbe erinnerte mich an die eindrucksvollen Sonnenuntergänge an Frankreichs Atlantikküste vor zwei Jahren im Urlaub. Sie schoss jetzt aus allen Rohren. Ein imposantes Feuerwerk in mächtigen Farben. Leider war ich das Ziel.
»In diesem Zusammenhang noch etwas, Simon Moritz! Ich nehme an, du hast mitbekommen, was Eva und Markus, diese Wachtel und ihr Zaunkönig, mitgebracht haben? Party-Boxen mit Salzstangen, Brezelchen und Erdnüssen. Unglaublich! Und weißt du was? Angeblich war das ein Tipp von dir gewesen! Anstelle von Blumen, nehme ich an?«
»Carla, das lässt sich erklären. Ich habe…«
»Was willst du erklären? Da gibt es nichts zu erklären! Ich wiederhole mich, du hast schwer nachgelassen! Italienische Küche und Erdnusslocken! Das ist doch entsetzlich! Das pervertiert den Abend! Warum hast du nicht deinen grünen Waldmeisterpudding aus der Tüte gemacht und in der überdimensionalen Salatschüssel auf den Tisch gestellt? Das hätte die Sache vollends abgerundet.« Carla riss die Tür unter der Spüle auf. »Ich habe den Knabberscheiß hier neben dem Mülleimer deponiert. Du kannst ihn in die Firma mitnehmen!« Sie schlug die Unterschranktür wieder zu und stampfte wutentbrannt aus der Küche direkt ins Bad.
Was gab es noch zu sagen?
Mein Weg führte aus der Küche direkt ins Schlafzimmer. Das zweite Mal am heutigen Abend. Zwei Fragen hinderten mich nachdrücklich am Einschlafen: Will Arlette etwas von mir? Und wohin mit der Karte, auf die ich noch nicht einmal einen Blick geworfen hatte?
Mir kamen Zweifel an ihrem Interesse an mir. Die spielte in einer ganz anderen Liga. Daran änderte auch meine Piloteneinlage nichts. Trotzdem wollte ich die Karte nicht einfach so vernichten. Wie hatte sie gesagt? Vielleicht brauchst du sie ja mal. Klang zwar nach Rechtsschutzversicherung, war aber spannend. Spontan fiel mir in unserer Wohnung kein Ort ein, der vor Carlas Gespür sicher war. Wenn Carla die Karte in die Finger kriegte, konnte ich mich nach einem guten Scheidungsanwalt umsehen. Und Carla hatte schon viele Dinge aufgespürt, von denen ich glaubte, sie wirklich gut versteckt zu haben oder dass sie gar nicht mehr existierten. Die Nacktfotos meiner Jugendliebe Brigitte zum Beispiel, die ich am Boden unseres Laserdruckers mit Tesafilm befestigt hatte, oder den 2000er Millenniums-Katalog von Beate Uhse, den ich in die unterste Schublade meines Schreibtisches, unter einem normalerweise undurchdringlichen Haufen Akten, alten Rechnungen und Schreibmaterial deponiert hatte. Oder die Kondome mit Erdbeergeschmack, die ich vor zwei Jahren von Andy geschenkt bekommen hatte und in meiner alten Fototasche auf dem Kleiderschrank verschwinden ließ. Carla brachte die brisanten Dinge alle zum Vorschein. Mit triumphalem Gehabe. Sie legte die Teile immer auf den Küchentisch, setzte sich mit einem fragenden Blick an die Zimmerdecke dazu und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Dann gab sie mit mitleidsvollem Unterton Sätze zum Besten, wie: Ich mache mir wirklich Sorgen um dich, Sweety, dein pubertäres zweites Ich hat wieder zugeschlagen, oder: Solltest du Bedarf verspüren, können wir uns gern mal mit einem Entwicklungspsychologen zusammensetzen. Aber diesmal war die Lösung ganz einfach. Glaubte ich zumindest. Mein Adressbuch im Handy.
Carla lag neben mir im Bett und rasselte, als litt sie an feuchtem Asthma. Ich rollte mich vorsichtig aus dem Bett, fischte die Visitenkarte aus der Hosentasche und schlich ins Arbeitszimmer. Glücklicherweise hatte sie die Nummer mit einem Kugelschreiber noch einmal auf die Rückseite geschrieben. Die klein gedruckte Nummer auf der Vorderseite hätte ich nur mit meiner Lesebrille entziffert und ihre Personalagentur interessierte mich wirklich nicht. Nachdem ich die Telefonnummer unter dem Namen Dr. Kranz – den gab es tatsächlich einmal – abgespeichert hatte, zerlegte ich die Karte in Moleküle und ließ sie in den Mülleimer rieseln. Zufrieden ging ich zurück in mein Bett.
Am folgenden Samstag feierten wir zwar keine weitere Party, aber wir hatten wieder einen Gast. Der blieb dafür gleich eine ganze Woche. Obwohl Carla ständig Gäste um sich herumhaben konnte, war der Fall diesmal etwas anders gelagert. Unser Gast war Lenas schwarzer Mischlingshund Nelson. Unsere Tochter, sie wohnte seit einem halben Jahr in einer Zweizimmer-Wohnung in Friedrichshain, war mit ihrem neuen Freund nach Barcelona geflogen und Nelson war für Städtebesuche nicht geeignet.
Nun war es so, dass Carla für alles Mögliche einen Sinn hatte, ausgenommen waren nur ein paar ganz unwesentliche Dinge…und Hunde. Meine exklusive Zuständigkeit für Nelson drängte sich geradezu auf. Der Hund schien das geahnt zu haben. Um halb acht holte er mich an diesem Samstagmorgen mit seiner warmen, schleimigen Zunge aus dem Tiefschlaf. Der faulige Geruch verschiedener Fleisch- und Fischsorten führte dazu, dass ich nur Sekunden später hellwach war, was mir an anderen Sonntagen noch nicht einmal bis zum Nachmittag gelingen wollte. Ein paar Augenblicke später saßen wir nebeneinander im Bad, ich auf dem Klo und Nelson auf den mattgrauen Fliesen neben mir. Mit den kräftigen, nicht ganz taktfesten Schlägen seines buschigen Schwanzes bewegte er Carlas verchromte Klobürstenhalterung an der gefliesten Badezimmerwand entlang und irgendwann kippte sie um. Mein Blick klammerte sich wie jeden Morgen auf dem Klo an die stahlgebürsteten Badregale und ich realisierte ein weiteres Mal, wie sich Zeiten geändert hatten. Vor 25 Jahren, ich dachte oft an die Zeit vor Carla zurück, waren meine Badezimmereinrichtungen immer schlicht und spartanisch gehalten. Meistens saß mir Frank Zappa gegenüber. Nackt und auch auf dem Klo. Es war mein Lieblingsposter. Ich schleppte es damals in jede WG mit und platzierte es im Badezimmer; wenn es irgendwie ging, direkt gegenüber dem Klo. Seit ich mit Carla zusammenwohnte, starrte ich nur noch auf Feuchtigkeitscremes, Bodylotionen, Haarkuren, Schminkpinselchen, Mitesserspiegel und Puderdosen. Das Badezimmerinterieur, inklusive der sorgfältig aufeinander abgestimmten Handtuchfarben, violett oder meeresgrün, entsprang allein Carlas ausgeprägtem Gestaltungsdrang. Ihr Schlüsselwort war Feng Shui. Feng Shui war ein Eckpfeiler von Carlas Lebensphilosophie und beherrschte fast alle Zimmer unserer Wohnung. Als sie Feng Shui zum ersten Mal erwähnte, glaubte ich, es handele sich um ein chinesisches Dosengericht wie Chop Suey oder Nasi Goreng. Das war zu kurz gedacht, Carla reagierte pikiert. Feng Shui ist Leben auf anderen Ebenen, wie sie mir auf meine vorsichtige Nachfrage hin in einem zwanzigminütigen Referat erklärte, obwohl fünf bis sieben Minuten völlig ausgereicht hätten. Der Mensch hat Einfluss auf seine Umgebung, aber die Umgebung hat auch Einfluss auf den Menschen, war die Botschaft, die ich mitgenommen hatte.
»Gehst du zu OBI, Sweety?«, grunzte Carla verschlafen, als ich nach dem Duschen im Schlafzimmer erschien, um mich anzuziehen.
»Es ist noch nicht mal neun Uhr. Was soll ich um diese Zeit bei OBI? Ich gehe zum Bäcker.«
»Nimm bitte den Köter mit, ja? Der muss unbedingt raus.«
»Was glaubst du, warum ich jetzt schon zum Bäcker gehe, Carla? Nur wegen Nelson.«
Wie zur Bestätigung vernahm ich ein zufriedenes Knurren des Hundes, während sein schwarzer Schwanz wieder rhythmisch zu schlagen begann, diesmal gegen Carlas überquellenden Wäscheständer hinter der Schlafzimmertür.
»Und denk an die Hundehandschuhe, Sweety.«
»Was für Hundehandschuhe?« Ein Blitz durchschoss mein noch müdes Hirn.
»Du weißt schon, für Nelsons Geschäft. Wir hatten am Freitag mit Lena darüber gesprochen.«
»Aber wieso denn…«
»Du kannst die Scheiße doch nicht auf der Straße liegen lassen. Das kostet mittlerweile richtig viel Geld. Die Hundehandschuhe, die Lena mitgebracht hat, liegen bei den Putzmitteln im Schrank hinter der Tür.«
Nach Nelsons Maulgeruch vor zwanzig Minuten wurde mir ein zweites Mal schlecht. Innerlich bäumte ich mich auf, sah aber gleich einen Ausweg. Ich würde ihn in den Rhododendronbüschen vor dem Kinderspielplatz auf der anderen Straßenseite abladen lassen, dachte ich und glaubte, eine befriedigende Lösung gefunden zu haben. Es erschien mir jedenfalls unproblematisch und die Hundehandschuhe würden gar nicht zum Einsatz kommen.
Natürlich kackte Nelson nicht in den Rhododendronbüschen. Ohne jegliche Vorwarnung senkte er, noch bevor die Büsche überhaupt zu sehen waren, mitten auf dem Bürgersteig, höchstens zwanzig Meter von unserem Hauseingang entfernt, seine kräftigen Hinterbeine und brachte den Schwanz in eine waagerechte Stellung. Sein verklärter, schielender Blick signalisierte definitive Bereitschaft zum Abwurf. Mich ergriff Panik. Instinktiv befummelte ich die Zellophanhandschuhe in meiner Tasche während Nelson ganze Arbeit verrichtete. Nachdem der Hund seinen wunderschön geformten Haufen noch einmal genauer besichtigt und beschnüffelt hatte, setzte er sich daneben und schaute mit aufforderndem Blick zu mir hoch. Ich überlegte, was er mir sagen wollte. Wahrscheinlich: Mach das weg oder lass uns schnell Leine ziehen, bevor jemand kommt. Nein, dieses braune Prachtstück musste verschwinden! Mir fiel meine ehemalige Wohnung in der Genter Straße im Wedding ein, wo der Bürgersteig ständig mit Tretminen dieser Art so flächendeckend belegt war, dass man auf die kotfreien Felder fast hüpfen musste. Und trotz aller Vorsicht hatte ich mindestens einmal im Monat einen gigantischen Fladen an der Schuhsohle. Meistens passierte das am Wochenende, wenn ich müde und betrunken von meinen Touren am frühen Morgen nach Hause kam und mich außer meinem Bett nichts interessierte. Bemerkt hatte ich es meistens erst am Nachmittag, wenn sich bestialischer Gestank in der Wohnung entfaltete und sich im Sommer größere Mengen von grünschillernden Fliegen eingefunden hatten. Irgendjemand hatte einmal jeden dieser Haufen bis zur nächsten Straßenecke mit blau-weiß-roten Frankreichfähnchen aus Papier verziert, wie sie in den Käsehäppchen der Gourmet-Etage vom KaDeWe steckten. Der Bürgersteig hatte sich in ein riesiges Flaggenmeer verwandelt und sah aus wie der Pariser Champs-Elysées am 14.
Juli.
Vorsichtig und gefühlvoll wie ein Präservativ streifte ich die Folie über meine linke Hand. Bloß kein Loch hineinreißen! Langsam ging ich in die Knie und hielt den Atem an. Mir wurde schwindelig vom fehlenden Sauerstoff und den aufsteigenden Dämpfen. Nelson dachte an ein Spiel und stolzierte mit heftigem Schwanzwedeln vor meinem Kopf herum. Ich glaubte, ein Lächeln in seinem Blick erkannt zu haben. Den Kopf streng zur Seite gerichtet, ging ich zum Straßenrand und legte die Masse, die sich wie Knetgummi anfühlte, neben einem Autoreifen ab. Dann zogen wir zügig weiter.
Als ich mit meinen vier Kürbiskernbrötchen, zwei Croissants und zwei Schrippen den kleinen Bäckerladen verließ, hatte Nelson, den ich draußen mit der Leine an einem Fahrradständer befestigt hatte, Gesellschaft bekommen. Ein schwarzer Riesenschnauzer mit den Außenabmessungen eines Galway-Kalbes stand neben ihm und schnüffelte an seinem Hintern. Ich hatte keine schlüssige Erklärung dafür, aber in diesem Moment fiel mir Arlette ein. Schon während der Woche hatte ich einige Male überlegt, sie anzurufen. Ich holte mein Handy aus der Tasche und suchte ihre Nummer. Auf den Gedanken, dass es vielleicht ein wenig früh sein könnte, kam ich nicht. Ich wollte gerade die grüne Taste drücken, als mich ein zähes Jaulen und Kläffen stoppte. Die beiden Vierbeiner hatten ein heftiges Spiel begonnen. Der Riesenschnauzer lag halb über Nelson, der penetrant quietschte und pfiff. Die Leinen waren unnachvollziehbar miteinander verquirlt. Mein Gott, dachte ich, die drehen sich ja gegenseitig die Luft ab. Ich musste unbedingt eingreifen. Aber wie? Einfach so dazwischen gehen?
»Nelson, aus! Platz! Sitz! Platz!«
Nelson hörte nicht die Bohne. Der Riesenschnauzer erst recht nicht, aber der war ja auch nicht gemeint. Nicht einmal die wichtigsten Grundbefehle hatte Lena ihrem Köter beigebracht. Ein Gartenschlauch mit ordentlichem Wasserdruck hätte jetzt helfen können.
»Oh, was ist denn hier los?«, hörte ich eine swingende Fistelstimme von der Eingangstür zur Bäckerei. Ein drahtiger Bursche in grauen Turnschuhen, Jogginghose und weinrotem Sweatshirt tänzelte uns entgegen. Welliges längeres Haar, Studiobräune Medium und Grunge-Bärtchen. Sportlehrer, definitiv! »Borco, Schluss jetzt! Aus!«
Der Schnauzer machte einen Satz, soweit es die verdrehte Leine zuließ, und saß umgehend wie eine in Basalt gehauene Statue, stramm ausgerichtet auf sein sportliches Herrchen mit der Brötchentüte im Arm. Genau so muss es sein, sinnierte ich. Ich sah noch eine Menge Arbeit auf Lena und Nelson zukommen. Mit einigen gekonnten Griffen lösteSporty die völlig verschlungenen Leinen der Hunde.
»Der ist noch nicht alt, oder? Zehn Monate?«, fragte er mit Hundekennerblick.
»Ja, ungefähr«, erwiderte ich, obwohl ich es gar nicht wusste.
»Ein schönes Tier. Schätze mal, da ist ein Labrador-
Retriever mit drin, hab' ich Recht?«
»Ja, Retriever, Schäferhund und Pudel.« Es sollte ein Scherz sein. War vielleicht zu früh. Sporty lächelte nur gequält.
»Nein, im Ernst, es ist der Hund von meiner Tochter. Wir haben ihn seit gestern Abend.«
Mir fielen die Worte meiner ehemaligen Nachbarin in der Pestalozzistraße ein, der liebenswürdigen, etwas spleenigen Frau Hertel mit ihrem braungelockten Cocker-Spaniel: Wenn Sie Leute kennen lernen wollen, hatte sie mir einmal bei einer Tasse Tee in ihrem plüschigen Wintergarten anvertraut, dann besorgen Sie sich einen Hund. Sie glauben gar nicht, was Sie mit dem für Bekanntschaften machen. Es war eine Zeit, als mit Frauen gar nichts lief. Zweimal hatte ich mir ihren Cocker-Spaniel ausgeliehen. Der Hund hörte damals ebenso wenig wie Nelson, und kennengelernt hatte ich lediglich den Postboten, dem das Vieh ständig an die Wäsche wollte.
»Borco ist zwei Jahre alt. Ist schon unser dritter Riesenschnauzer. Borco vom Aschenberg, Zweiter seines Wurfes. Wir haben ihn aus dem Weserbergland.«
Mein Gott, ein Adliger aus dem Weserbergland. Der ist bestimmt für Höheres vorgesehen. Polizeihund ist mit Sicherheit nicht drin.
»Wie ich sehe, verstehen sich die beiden ja ausgezeichnet. Wie wäre es mit einem Kaffee drüben im Café? Das hat gerade aufgemacht.« Sporty schlug mir wie einem alten Kumpel freundschaftlich auf die Schulter und setzte sich mit seinem Riesenschnauzer in Bewegung. Nelson zerrte an der Leine. Also gut, auf einen Kaffee ins Café.
»Sagen Sie, haben Sie nicht ein paar Bouletten für die beiden?«, fragte Sporty die gerade an unserem Stehtisch vorbeistürmende Kellnerin und deutete auf die Hunde, die in der Ecke lagen wie zwei Luftmatratzen, denen man die Luft abgelassen hatte.
»Nein, leider nicht. Sie befinden sich hier in einem Cafe und nicht in einer Eckkneipe. Aber Sie könnten ein paar Sandwichs bekommen. Schauen Sie doch mal vorne am Tresen.« Mit den letzten Worten war sie auch schon wieder durch den kleinen Spalt zur Küche entschwunden.
»Soll ich denen Sandwichs servieren, die werden doch verwöhnt«, sagte Sporty mit einem zwinkernden Auge. »Wenn die hier wenigstens ein paar Mortadella-Schrippen hätten. Aber davon frisst allein Borco zehn Stück. In weniger als einer Minute, sag ich dir.«
Beim Namen Borco nahm der Riesenschnauzer mit einem geräuschvollen Rasseln der Leine seine Statuenhaltung ein, wieder sauber ausgerichtet hin zum Tisch seines Herrn. Nelson drehte kurz seinen schweren Kopf, um ihn danach wieder auf seine Vorderpfoten zu betten.
»Was machst du eigentlich so die ganze Woche über, ich meine, beruflich natürlich?«, fragte ich nach einem kräftigen Schluck Mineralwasser. Nach fünf Cappuchino und drei Besuchen auf der Toilette hatte ich mich entschieden, das Getränk zu wechseln.
»Lehrer. Sport und Mathematik. Am Gymnasium.«
»Da kommt man ja gar nicht richtig zum Arbeiten«, sagte ich süffisant. Wieso Carla wohl immer meinte, ich hätte keine Menschenkenntnis.
»Ach, hör auf, die alten Vorurteile gegen Lehrer. Ich sage immer, jeder sollte sich so einrichten, wie es ihm gefällt.« Sporty lümmelte, den Kopf auf beide Handflächen gestützt, am Tisch und versuchte, mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand eine seiner herunterhängenden Haarstränen in eine Korkenzieherfigur zu bringen.
»War nur ein Scherz. Meine Frau ist auch Lehrerin. Englisch und Geschichte.«
»Und du, was ist dein Job?«, fragte Sporty.
»Finanzdienstleister.« Hörte sich gut an und sagte gar nichts. Sporty wusste damit scheinbar etwas anzufangen. »Verstehe. Aktien, Termingeschäfte, Derivate.«
Eher Bausparverträge, Lebensversicherungen und Immobilienfonds, aber egal. »Ja, so ungefähr.«
»Kannst du was empfehlen? Ich meine, Aktien, nicht zu spekulativ. 15.000 Euro.«
Ich hätte doch noch einmal die Pilotennummer auspacken sollen. Vom Aktiengeschäft hatte ich keinen Schimmer. Mein eigenes Portfolio bestand aus vermeintlich ganz sicheren Werten, und alle waren sie im kontinuierlichen Sinkflug. Einige waren schon notgelandet.
»Nicht spontan«, sagte ich mit gewichtiger Tonlage und schaute auf meine Armbanduhr. Halb zehn.
»Bist du verheiratet?«
»Ja. Schon zwanzig Jahre.«
»Zwanzig Jahre? Ich glaube es nicht. Ist das nicht langweilig?« Irgendwie schon.
»Nein, wir haben uns gut arrangiert.«
»Und Kinder?«
»Zwei.« Ich hielt Zeige- und Mittelfinger zu einem V hoch. »Und was ist mit dir?«
»Eine Frau, offiziell jedenfalls, und keine Kinder.«
»Wie, offiziell?«
»Na, du weißt schon. Habe nebenbei hier und da noch was zu laufen.«
»Ach so, klar.«
»Du siehst auch nicht so aus, als wenn du die letzten zwanzig Jahre nur mit deiner Frau zusammen warst.«
Leider schon, viel mehr war nicht drin. Bis auf diese Geschichte vor drei Jahren nach der Weihnachtsfeier mit Tina.
»Nein«, sagte ich, »das hält man doch gar nicht aus.« Wahrscheinlich bin ich der einzige Trottel, der nur eine Frau hat, überlegte ich. Sporty, Frank, Andy. Gut, Andy war klar. Mir fiel Arlette ein.
»Aber es wird immer schwieriger«, fügte ich nach einem weiteren Schluck Mineralwasser hinzu. »Ich meine, wo kannst du heute noch Frauen kennen lernen?«
»Das ist doch ganz einfach«, sagte Sporty und schmunzelte, »zu Hause am Schreibtisch.«
»Ach so?«
»Ja, aber nicht Online! Der gute alte Tip, unser Stadtmagazin. Schau dir mal die Seiten an. Das läuft wirklich gut und kostet dich nichts.«
»Echt?«
»Klar, aber nimm nur lose Kontakte. Keine festen Geschichten! Ist viel zu dramatisch! Und lass die Finger von diesen komischen Kontakt-Partys.«
»Was ist das denn?«
»Single-Partys. Da läufst du mit einer Nummer rum. Alle laufen sie mit einer Nummer rum.«
»Das ist doch bescheuert, oder?«
»Natürlich. Da findest du nie, was du willst.«
Ich weiß auch gar nicht, was ich will, dachte ich. Auf jeden Fall kannte Sporty sich aus. Ich fühlte mich wie einer der wenigen Ahnungslosen. Scheinbar entsprach es nicht mehr dem Zeitgeist, mit nur einer Frau zusammen zu sein. Wenn ich wirklich noch auf Augenhöhe mitreden wollte, ob in der Kneipe oder beim Fußball, selbst beim Brötchenholen, dann musste ich etwas tun. In diesem Moment fiel mir Carla ein und die Croissants, die vor mir auf dem Tisch lagen. »Ich muss mal telefonieren«, sagte ich und fummelte umständlich mein Handy aus der Tasche. An unserem Festnetzanschluss meldete sich Alex, und das auch erst, nachdem ich das Telefon zwölf oder dreizehn Mal hatte klingeln lassen. Carla war nicht mehr zu Hause. Ich hätte es wissen müssen. Carla war nach Steglitz aufgebrochen. Es war heute der erste Samstag im Monat, und die ersten Samstage eines jeden Monats waren genauso rot in unserem Wandkalender eingezeichnet wie Ostermontag oder Himmelfahrt. Zusammen mit Rita durchpflügten sie an jedem dieser Samstage in aller Ausgiebigkeit die Schuh- und Porzellanläden, Boutiquen und Parfümerien und besonders die neuen Shopping-Malls in der Schlossstraße. Irgendwann am frühen Abend landete Carla meistens, platt wie ein Eierkuchen, auf unserer Wohnzimmercouch. Ich hatte also keinen Zeitdruck, wenn ich mal davon absah, dass um 18 Uhr die Sportschau begann.
Als ich mit Nelson am frühen Nachmittag gegen halb drei die Wohnung betrat, war das Wohnzimmer von den Klängen Compay Segundos erfüllt. Carla schien zurück zu sein. Sehr früh, war mein erster Gedanke, irgendetwas muss schiefgelaufen sein. Unbedachterweise gab ich das Halsband von Nelson frei. Der Hund machte sich sofort auf den Weg ins Wohnzimmer. Ich hörte einen Schrei, der mich an die U-Bahn-Linie 7 in der Kurve zwischen Halleschem Tor und Mehringdamm erinnerte. Als ich das Zimmer betrat, war Nelson gerade damit beschäftigt, Carla das letzte verbliebene Rouge aus dem Gesicht zu wischen.
»Nimm doch mal den Köter weg, Simon. Der macht mich wahnsinnig!«
Obwohl ich ahnte, dass es umsonst war, rief ich: »Nelson, aus, Platz!« Ich hatte mich nicht getäuscht. Carla sah aus wie ein von einer intensiven Sonnenbestrahlung erfasster Schneemann. Sie glotzte mich dennoch spöttisch an.
»Wollen wir frühstücken, Sweety? Es hat dir beim Bäcker gefallen, nehme ich an?«
»Wie man es nimmt.«
»Kannst du mir deinen ausgiebigen Ausflug vielleicht einmal näher erklären?«
»Wir, Nelson und ich, haben eine Bekanntschaft gemacht.«
Carla kicherte schrill auf. »Wen habt ihr denn kennengelernt? Eine wohlhabende Witwe mit einem weißen Pudel?«
»Einen Sportlehrer mit Riesenschnauzer.«
»Oh, lass dir doch auch mal einen Schnauzer wachsen, Simon.«
»Er hatte keinen Schnauzer, sein Hund war ein Riesenschnauzer.«
»Ist doch egal, Sweety. Wo sind meine Croissants? Ich habe ein wenig Hunger, verstehst du.«
»Das muss ich dir erklären, Carla«, sagte ich leise und sah mich nach einer Möglichkeit um, aus dem Zimmer zu kommen, »deine Croissants hat Nelson verdrückt.«
»Wie bitte? Sag das noch einmal, Sweety.«
»Es ist leider so. Wir haben uns verplauscht und die beiden Hunde hatten mächtigen Kohldampf.«
