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Einmischen necessary! E-Book

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Beschreibung

"Einmischen possible!" lautete der Titel des ersten Bandes zur gesellschaftlichen Verantwortung und politischen Beteiligung in der Erlebnispädagogik. Bereits damals wurde sichtbar, dass sich viele Erlebnispädagoginnen und Erlebnispädagogen in Form von Trainings, Weiterbildungen oder eigenem Handeln bei Fragen der Nachhaltigkeit, der Demokratieerziehung oder Politikgestaltung einmischen können (und sollen). Heute, drei Jahre danach, hat sich die weltweite Lage mit ihren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Herausforderungen in vieler Hinsicht weiter kritisch zugespitzt: so z.B. bei den Folgen des Klimawandels ("Waldbrände", "Dürren", "Flutkatastrophen"), einer sich stabilisierenden, weitgehend ungelösten Migrationsproblematik und nicht zuletzt der Corona-Pandemie, die global bisher über vier Millionen Menschenleben gekostet hat. Vor diesem Hintergrund erscheint das neue Motto "Einmischen necessary!" geradezu geboten, denn es verbindet die Möglichkeit der Einmischung mit einer ganz klaren Forderung: Es ist an der Zeit, JETZT zu handeln! Jede(r) Einzelne von uns, die/der sich erlebnispädagogisch engagiert, kann etwas tun, und durch gemeinsames, solidarisches Handeln lässt sich noch deutlich mehr erreichen. Wie man in effektiver und vielfältiger Weise den Gedanken der Einmischung erlebnispädagogisch aufgreifen und in die Tat umsetzen kann, zeigen in diesem Band 24 Beiträge von 34 Autor*innen. Im ersten Teil des Bandes werden generelle Ansätze erlebnispädagogischer Einmischung dargestellt; der zweite Teil zeigt empirische Evidenz und Erfahrungsberichte der Einmischung auf, während der dritte Teil praxisbezogene Perspektiven dazu eröffnet.

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Peter Schettgen, Alex Ferstl, Barbara Bous (Hrsg.)

Einmischen necessary!

Gesellschaftliche Verantwortung und politische Beteiligung in der Erlebnispädagogik

Dieser Titel ist auch als eBook erhältlich

eISBN 978-3-96557-101-3

Sie finden uns im Internet unter www.ziel-verlag.de

Wichtiger Hinweis des Verlags: Der Verlag hat sich bemüht, die Copyright-Inhaber aller verwendeten Zitate, Texte, Bilder, Abbildungen und Illustrationen zu ermitteln. Leider gelang dies nicht in allen Fällen. Sollten wir jemanden übergangen haben, so bitten wir die Copyright-Inhaber, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Inhalt und Form des vorliegenden Bandes liegen in der Verantwortung der Autoren.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Printed in Germany

ISBN 978-3-96557-100-6

Verlag: ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH Zeuggasse 7 – 9, 86150 Augsburg, www.ziel-verlag.de

1. Auflage 2021

Abbildungen: von den Autorinnen und Autoren (außer anders gekennzeichnet), Titelbild: paulaphoto/shutterstock.com

Gesamtherstellung:

FRIENDS Menschen Marken Medien, www.friends.ag

© Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Einmischen necessary!Gesellschaftliche Verantwortung und politischeBeteiligung in der Erlebnispädagogik

Peter Schettgen

Alex Ferstl

Barbara Bous

(Hrsg.)

Einmischen necessary!Gesellschaftliche Verantwortung und politischeBeteiligung in der Erlebnispädagogik

Vorwort der Herausgeber

Teil I: Einmischung – Generelle erlebnispädagogische Ansätze

Franz Josef Radermacher

Pädagogik in einer schwierigen Welt

Gunnar Liedtke

Outdoor-Ethik – mehr als nur Leave No Trace

Jürgen Einwanger

Mut zum Risiko – Erinnerung an einen pädagogischen Auftrag

Reinhard Zwerger

Von fliegenden Katzen, Pandemien und Buchfinken – Unsere Verantwortung als Erlebnispädagog*innen

Wolfgang Wahl und Kerstin Gerritzen

Umweltbaustelle reloaded – Ein altes Konzept wieder neu entdeckt

Jakob von Au, Lea Menzi und Rolf Jucker

„Zeitgemäßes Lernen“: Draußen unterrichten als eine Antwort auf globale Herausforderungen im 21. Jahrhundert

Daniel Merz

Erlebnispädagogik als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Rahel Drüen und Thorsten Späker

Die Natur als Resonanzraum zur Nachhaltigkeit in der Abenteuer- und Erlebnispädagogik

Hanna Beißert

Erlebnispädagogik meets Moralpsychologie

Dieter Gremel, Paul Rameder und Julia Rappich

Outdoor-Training Zivilcourage: Hinschauen und einmischen

Birgit Martini

Warum ist es so schwierig, die Gesellschaft zu verändern? Handlungsorientierung trifft auf Systemgrenzen

Teil II: Einmischung – Empirische Evidenz und Erfahrungsberichte

Jule Hildmann, Simon White und Joanna Bochniarz

Empowerment und transformative Kompetenzen durch Outdoortouren – das Edinburgh-Modell

Ramona Schneider

Genderkonstruktionen in der erlebnispädagogischen Praxis

Heike Lorenz

Ein Masterplan und seine Folgen

Manuel Sand und Angela Novotny

„Einmischen“ in der Mittelschule

Organisationskreis der Konferenz Bildung Macht Zukunft

Bildung Macht Zukunft – Impulse für eine kritische Erlebnispädagogik

Elmar Straube

Verborgene Schätze: Erlebtes Lernen für Schulklassen

Bertram Böhm

Wie Erlebnisse Politik machen. Oder: Der von Mehr Demokratie initiierte „Bürgerrat“ als wertschätzendes Erlebnis und Aktion des Einmischens

Teil III: Einmischung – Praxisbezogene Perspektiven

Christian Mende

Der EP-Log als Reflexionsmethode

Angelika Voß und Hartmut Wahrmann

DiscGolf in der Erlebnispädagogik als Wertevermittler

Henrike Hirschmüller

Ein Teil des Ganzen sein – von erlebnispädagogischen Gruppenerfahrungen zum Selbstverständnis des Einzelnen in Gemeinschaft und Gesellschaft

Kolja Müller-Späth und Lena Hoffmann

ICH, mein eigener Chef – Ein Konzept zur Stärkung von Selbstregulation und Eigenverantwortung bei Jugendlichen

Stefani Krieg

Klima- und umweltpolitische Aspekte für die Arbeit im Outdoorbereich

David Schwarz

Die Erlebnispädagogik als Vermittler – Der Spagat zwischen Beibehalten des eigenen Standpunktes und der Übernahme anderer Sichtweisen

Prof. Dr. Peter Schettgen

Peter Schettgen, Diplom-Psychologe, ist Leiter des Key Competence Programms an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Zuvor war er geschäftsführender Direktor des universitären Zentrums für Weiterbildung und Wissenstransfer (2007 – 2017). Von 2016 – 2018 Mitglied im SprecherInnen-Rat (davon 2017 – 2018 als Vorsitzender) der Landesgruppe Bayern der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudien (DGWF). Er ist Autor zahlreicher wirtschaftspsychologischer und -pädagogischer Publikationen. Promotion (1990) im Bereich der Führungspsychologie, Habilitation (1998) über Konfliktmanagement.

Seine Arbeitsschwerpunkte in Forschung, Lehre und Weiterbildung sind Personalführung, Personalentwicklung und Personalbeurteilung. Sein Spezialgebiet ist die Führungskräfteentwicklung auf Basis der japanischen Bewegungskunst „Aikido“. Mitglied im Board of Directors (1999 – 2004) und seit 2005 Mitglied im Advisory Board von Aiki Extensions Inc., Chicago (USA), einer gemeinnützigen Organisation zur Unterstützung und Verbreitung von Aikido-Anwendungen außerhalb des traditionellen Übungssettings.

Peter Schettgen praktizierte Aikido regelmäßig von 1980 – 2012, unterrichtete seit 1992. Er gründete und leitete eine Aikido-Übungsstätte in Augsburg (1992-2012) und erwarb zuletzt den 4. Dan (Meistergrad). Nach wie vor wendet er die Aikido-Prinzipien und -Körperübungen in seinen Führungskräfte-Trainings bei Themen wie Konflikt-, Change- und Stressmanagement, Resilienz, Emotionale Intelligenz usw. an. Durch die Nutzung des Aikido als Methode handlungs- und erfahrungsorientierten Lernens kam der Kontakt mit der Erlebnispädagogik zustande: Gründungsmitglied der Interdisziplinären Initiative Erlebnispädagogik (IIE) an der Universität Augsburg (seit 1996) und Mitglied im Organisationsteam für den Kongress „erleben und lernen“ an der Universität Augsburg (seit 2000). Seit 2019 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift „e&l – erleben und lernen“.

E-Mail: [email protected]

Website: www.wiwi.uni-augsburg.de/kcp

Dipl.-Päd. Univ. Alex Ferstl

Alex Ferstl ist geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikations-, Marketing- und Werbeagentur FRIENDS Menschen Marken Medien sowie von ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher pädagogischer Publikationen.

Seine Arbeitsschwerpunkte als Verleger sind die Entwicklung, Herstellung und der Vertrieb von Büchern, Zeitschriften und Seminarmaterial zu Erlebnispädagogik und Weiterbildung, Kongressmanagement sowie zu Organisations- und Personalentwicklung. Dabei besteht eine enge Kooperation mit der Universität Augsburg. Als Inhaber einer Werbeagentur liegt der Arbeitsschwerpunkt auf strategischer Konzeption und Marketingplanung sowie dem integrierten Einsatz von Off- und Online-Medien.

Alex Ferstl studierte in Augsburg Betriebswirtschaft und Diplom-Pädagogik (Schwerpunkte: Jugend- und Erwachsenenbildung, Freizeitpädagogik, Psychologie, Soziologie). Von 1996 – 2002 war er Mitglied der Bundesleitung DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg), 2004 – 2014 Vorstand der Stiftung DPSG. U.a. Mitglied im Lions-Club Augsburg-Elias Holl und Vorstand der Konzerte im Fronhof e.V.

Durch das langjährige Engagement in der Pfadfinderbewegung kam zwangsläufig der Bezug zur Erlebnispädagogik zustande: Gründungsmitglied der Interdisziplinären Initiative Erlebnispädagogik (IIE) an der Universität Augsburg und Mitglied im Organisationsteam für den Kongress „erleben und lernen“ an der Universität Augsburg (seit 1996). Alex Ferstl ist Erlebnispädagoge be®.

E-Mail: [email protected]

Website: www.ziel-verlag.de

Dr. phil. Barbara Bous

Barbara Bous, Diplom-Pädagogin, ist langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Sie ist verantwortlich für die Beratung und Lehre im Zusatzmodul Erlebnispädagogik, welches sie, wie es seit der Bologna Reform an der Universität angeboten wird, mitentwickeln und gestalten konnte. Im Rahmen ihrer universitären und freiberuflichen Tätigkeit arbeitet sie gerne im Naturraum. Dabei legt sie besonderes Augenmerk auf eine naturbezogene und kleinschrittige Erlebnispädagogik, die mit allen Sinnen begreifbar ist.

Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung, Lehre und Weiterbildung sind Erlebnispädagogik in Theorie und Praxis, Pädagogische Gesprächsführung und Begleitung von Gruppen, Prozessgestaltung, -begleitung und Kommunikation in (erlebnis-) pädagogischen Settings sowie Förderung von Resilienz durch handlungsorientierte Methoden.

Neben unterschiedlichen Publikationen zur Erlebnispädagogik ist sie Teil des Organisationsteams für den Kongress „erleben und lernen“ an der Universität Augsburg und der „Wissenschaftlichen Tagung für Erlebnispädagogik“.

Seit 2018 ist Barbara Bous im Vorstand des Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. (be) aktiv. Sie leitet die Fachgruppe Erlebnistherapie und begleitet die Fachgruppe Aus- und Weiterbildung. Im Rahmen dieser Arbeit hat sie an der Entwicklung des Berufsbilds Erlebnispädagoge*in, dem Erlebnispädagoge*in-be® sowie am Selbstverständnis Erlebnistherapie mitgewirkt.

Seit 2021 engagiert sie sich im wissenschaftlichen Beirat des Bündnis Schul- und Klassenfahrten und unterstützt die Entwicklung und Etablierung von Erlebnispädagogik als Bildungsmedium.

E-Mail: [email protected]

Website:

https://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/paedagogik/paed1/mitarbeiterInnen/Bous/

Vorwort der Herausgeber

Am 14. Juni 2021 ist in Ungarn das sog. LGBTQ1-Gesetz in Kraft getreten, das die Informationsrechte von Jugendlichen im Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität deutlich einschränkt. So verbietet das Gesetz z.B. Bücher, Filme und andere Inhaltsträger, die Kindern und Jugendlichen zugänglich sind und in denen von der Heterosexualität abweichende sexuelle Praktiken dargestellt werden. Auch jede Art von Werbung, in der Homosexuelle oder Transsexuelle als Teil der Normalität erscheinen, gilt seitdem als Straftatbestand2. Trotz massiver Proteste von großen Teilen der Landesbevölkerung, zahlreicher öffentlicher Demonstrationen im In- und Ausland sowie der vehementen Kritik der EU-Kommission und von insgesamt siebzehn EU-Mitgliedsstaaten hält der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán weiter an seinem umstrittenen Gesetz fest. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen bezeichnet das Gesetz wortwörtlich als „Schande“, weil dadurch Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden3.

Vor diesem Hintergrund entscheidet der Münchner Stadtrat, anlässlich des Gruppenspiels in der Fußball-Europameisterschaft Deutschland gegen Ungarn am 23.06.2021 ein Zeichen für Vielfalt und Weltoffenheit zu setzen und die städtische Fußballarena während des Spiels in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Der Oberbürgermeister der Stadt München, Dieter Reiter, wendet sich mit einer entsprechenden Petition an den UEFA-Präsidenten Alexander Ceferin: „Ich bitte Sie deshalb, gemeinsam mit dem DFB an diesem Tag und während des Spiels eine Beleuchtung der Arena in Regenbogenfarben zu ermöglichen und so ein weithin sichtbares Signal für unser gemeinsames Werteverständnis zu senden (…) sich auch darüber hinaus gerade aus Anlass der EURO 2020 mit deren medialer Reichweite nachdrücklich und sichtbar für Toleranz und Gleichstellung einzusetzen.“4

Einen Tag vor dem Spiel weist die UEFA den Antrag aus München zurück. Die UEFA sei "aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage – eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt - muss die UEFA diese Anfrage ablehnen".5 Die Ablehnung kommentiert der Münchner Oberbürgermeister mit den Worten: "Ich finde es beschämend, dass die UEFA uns verbietet, ein Zeichen für Vielfalt, Toleranz, Respekt und Solidarität zu setzen. Ich bin auch enttäuscht vom DFB, der trotz der überragenden Zustimmung aus der ganzen Republik sich nicht in der Lage sehen wollte, das Ergebnis zu beeinflussen."6 Die Antwort der UEFA löst Bedauern und Ärger bei vielen Verantwortlichen in Sport, Medien und Politik aus. Durch die virale Verbreitung empörter Reaktionen wird ein regelrechter „Bumerang-Effekt“ ausgelöst, bei dem den Werten der Freiheit und Gleichheit (auch im Hinblick auf die sexuelle Orientierung) mehr öffentliche Beachtung denn je geschenkt und der Ruf nach Emanzipation immer lauter wird.

Seltsam an der Begründung der UEFA erscheint, dass Politik und Sport symbolisch getrennt werden sollen, nachdem sie doch historisch immer schon eine (häufig auch staatlich gewollte und geförderte) Einheit gebildet haben. Dies wird allerdings verdrängt oder verschwiegen, ebenso wie die handfesten politischen Interessen hinter den Kulissen der UEFA, die offenbar Rücksichtnahmen oder Gefälligkeiten gegenüber dem ungarischen Staat oder seiner Repräsentanten erforderlich machen. Zudem muss man sich fragen, was eigentlich an der Forderung nach Regenbogenfarben „politisch“ ist, wenn die EU nicht nur einen Markt oder eine Währungsunion, sondern in erster Linie eine Wertegemeinschaft darstellt – und wenn eine Fußballmeisterschaft, die in und für Europa stattfindet, sich im Kontext dieser Wertegemeinschaft bewegt. Werte zu adressieren wie Freiheit, Toleranz, Vielfalt, Gleichstellung, Demokratie und Mitbestimmung: sollte dies nicht viel mehr eine Selbstverständlichkeit als ein Politikum sein? Ist es stattdessen nicht ein Skandal, dass die ungarische Staatsregierung – legitimiert durch einen Parlamentsbeschluss – in provokanter Weise dieses Wertefundament ignoriert, das ihr zugleich die Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft erlaubt?

Natürlich kann und darf man bei diesen Fragen und den Antworten, nach denen sie verlangen, unterschiedlicher Meinung sein, und natürlich sollte bei allen Antworten auch ein kritisches Reflexionsvermögen nicht fehlen. Interessant ist jedoch, dass trotz oder gerade wegen des Verbots einer Stadionbeleuchtung in Regenbogenfarben zahlreiche Aktionen der Einmischung gestartet wurden, die rechtlich nicht zu verhindern waren und damit zugleich die Spielräume aufzeigen, die für die zivile Meinungsbekundung genutzt wurden. So entschieden sich viele große deutsche Städte, die Arenen ihrer Fußballvereine am Tage des EM-Spiels gegen Ungarn bunt zu illuminieren: wie z.B. Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Wolfsburg, Augsburg… 7 Viele Fußballclubs reagierten in den sozialen Netzwerken, andere hissten vor ihren Stadien Regenbogenflaggen. Auch große Vereine anderer Sportarten jenseits des Fußballs schlossen sich diesen Aktionen an.8 Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Manuel Neuer, trug bereits vor dem öffentlichen Eklat eine Armbinde in Regenbogenfarben, nutzte damit eine Regelungslücke der UEFA und schaffte Fakten. Am Tag des EM-Spiels wurden durch mehrere organisierte Initiativen Fähnchen, Regenschirme, Alltagsmasken und Trikots in Regenbogenfarben an die Fußballfans ausgeteilt, um weitere Zeichen zu setzen. Auch die Kritik der Sport-Journalist*innen und –Kommentator*innen riss nicht ab – man könnte im Nachhinein sagen, um in der Sprache des Fußballs zu bleiben, dass sich die UEFA mit ihrer Entscheidung ein echtes „Eigentor“ geschossen hat.

Dieses aktuelle Beispiel soll die Dimension der Dynamik aufzeigen, die aus der Überzeugung für Menschenrechte entstehen kann. Damit soll nicht behauptet werden, dass die genannten Aktionen erlebnispädagogische Projekte im engeren Sinne darstellen. Sie zeigen jedoch, wie man durch eigenes, beherztes Handeln die öffentliche Aufmerksamkeit auf etwas lenken, die politische Willensbildung beeinflussen und durch den Erlebnischarakter der gewählten Maßnahmen das Bewusstsein für Missstände schärfen kann. Demokratieuntergrabende oder –feindliche Strukturen lassen sich aufgrund ihres enormen Beharrungsvermögens nicht schnell und ohne weiteres aufweichen oder brechen. Die Chance der Einmischung besteht jedoch darin, dass man über erlebnisorientierte Aktionen die Aufmerksamkeit der Menschen auf prekäre Sachverhalte oder gefährdete Werte lenken und Andere zum Mitmachen bewegen kann. Es ist zumindest auch das Erleben des Regenbogens und des damit einhergehenden Handelns, welche die öffentliche Meinung angeregt und diese so formiert haben, dass damit Druck auf bestehende Machtmechanismen sowie diejenigen Persönlichkeiten ausgeübt werden konnte, die von diesen Machtmechanismen profitieren.

Spätestens hier sind wir beim zentralen Thema dieses Buches angelangt: „Einmischung“. Der Titel des letzten Kongresses „erleben und lernen“ und des entsprechenden Tagungsbandes aus dem Jahr 2018 lautete „Einmischen possible!“. Bereits damals wurde sichtbar, dass sich viele Erlebnispädagog*innen in Form von Trainings, Weiterbildungen oder eigenem Handeln einmischen, so z.B. in Fragen der Nachhaltigkeit, Demokratie oder Politik und in weiteren Bereichen. Der Aufruf 2018 hatte einige nachhaltige Folgen wie zum Beispiel die Entstehung verschiedener Positionspapiere9 oder veränderter Handlungsweisen. Dennoch haben wir als Kongressveranstalter*innen und Herausgeber*innen des vorliegenden Buches heute, drei Jahre danach, nicht das Gefühl, dass sich die weltweite Lage im Hinblick auf gesellschaftliche, wirtschaftliche, technologische und ökologische Herausforderungen signifikant verbessert hätte. Im Gegenteil. Um nur einige Beispiele zu nennen: Gesellschaftlich spreizt sich die Schere zwischen „arm“ und „reich“ weiter auf (national und international), wirtschaftlich droht ganzen Staaten der Kollaps, technologisch können wir die Folgen digitaler Transformation für unser Leben kaum beurteilen – geschweige denn: kontrollieren; und ökologisch schreitet der Klimawandel immer weiter voran, obwohl hochrangige Politiker*innen nicht müde werden, immer neue und noch anspruchsvollere Klimaziele zu formulieren. Das Alles erinnert an „kalkulierten Wahnsinn“, der durch die Corona-Krise und die durch sie bewirkten widersprüchlichen Reaktionen, u.a. von Wissenschafler*innen, Ärzt*innen, Journalist*innen, Politiker*innen und Bürger*innen, nochmals zusätzliche Schubkraft erhalten hat.

Vor diesem Hintergrund, der eher Anlass zur Verwirrung als zur Gewinnung von Klarheit gibt, haben wir uns im Organisationsteam für den Kongress „erleben und lernen“ in diesem Jahr entschlossen, das Thema „Einmischung“ ein weiteres Mal aufzugreifen und die damit verbundene Forderung zu verschärfen: „Einmischen necessary!“ heißt das neue Motto, denn es ist an der Zeit, JETZT zu handeln. Damit stellt sich erneut die Frage, welche Chancen der Einmischung durch die Erlebnispädagogik eröffnet werden, aber auch unbedingt ergriffen werden sollten, um einen Beitrag zur Verbesserung der bedrohlichen Weltlage zu leisten. Zusätzlich möchten wir dazu anstiften, mehr voneinander zu erfahren, andere Herangehensweisen kennen zu lernen, eigene Handlungsweisen nachzuschärfen, neue Ideen zu entwickeln sowie durch die Verbundenheit miteinander größer, stärker und damit letztlich kraftvoller zu werden. Die Kernbotschaft lautet: Jede(r) Einzelne von uns, der sich erlebnispädagogisch engagiert, kann etwas tun, und durch gemeinsames, solidarisches Handeln wird der Impact deutlich größer. Gerade Erlebnispädagog*innen müssen in einer Erlebnisgesellschaft weiterdenken und durch Handeln nachdrücklich Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, um damit eine Multiplikation veränderter Denk- und Handlungsstrukturen bei Menschen zu bewirken! Wie man in effektiver und vielfältiger Weise den Gedanken der Einmischung erlebnispädagogisch aufgreifen und in die Tat umsetzen kann, zeigen die Beiträge in diesem Band aus drei verschiedenen Sichtweisen: Im ersten Teil werden generelle Ansätze erlebnispädagogischer Einmischung dargestellt; der zweite Teil verweist auf empirische Evidenz und Erfahrungsberichte, während der dritte Teil praxisbezogene Perspektiven eröffnet.

Generelle Ansätze erlebnispädagogischer Einmischung beleuchten unterschiedliche Zugänge, Möglichkeiten oder Ansatzpunkte, auf deren Basis ein Einmischen, eine Entwicklung oder Veränderung möglich wird. Hier haben wir Beiträge eingeordnet, die sich beispielsweise mit einer speziellen Theorie oder einem bestimmten Ansatz im Bereich der Erlebnispädagogik beschäftigen und diese wiederbeleben, weiterentwickeln oder sogar auf eine höhere Ebene heben, um damit ein Einmischen der Erlebnispädagogik anzustoßen. Um dies zu verdeutlichen, soll der Beitrag von Gunnar Liedtke beispielhaft dienen. Hier wird der Ansatz des „Leave no trace“ hin zu einem umfassenderen, tiefgreifenderen und ganzheitlicheren Grundgedanken der umweltethischen Betrachtung geführt. Auf dieser Basis wird ein Weiterdenken der erlebnispädagogischen Herangehensweise und Haltung gefordert. Mit diesem Grundanliegen sehen wir inhaltlich– neben Gunnar Liedkte – auch die Beiträge von Franz Josef Radermacher, Jürgen Einwanger, Reinhard Zwerger, Wolfgang Wahl, Jakob von Au, Lea Menzi, Rolf Jucker, Daniel Merz, Rahel Drüen und Thorsten Späker, Hanna Beißert, Dieter Gremel, Julia Rappich und Paul Rameder sowie Birgit Martini.

Im zweiten Teil dieses Bandes möchten wird den Blick auf empirische Evidenz und Erfahrungsberichte lenken. Unter dieser Rubrik werden Implikationen zur wissenschaftlichen Beforschung und theoretische Diskussionen gebündelt. Des Weiteren sehen wir in diesem Teil Erfahrungsberichte des Einmischens in unterschiedlichen Kontexten und dessen Auswirkungen oder erste Entwicklungen. Als Erfahrungsbericht des Einmischens und der klaren Botschaft daraus „Jede(r) kann etwas tun UND bewirken!“ soll beispielhaft der Beitrag von Heike Lorenz Erwähnung finden. Lorenz beschreibt die Ausgangslage einer politischen Veränderung und entscheidende (negative) Folgen für Kinder- und Jugendliche als Hilfeempfänger. Auf Basis dieser Herausforderung wurde ein Masterplan zur Veränderung der Reform des SGB VIII entwickelt und durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass es weiterhin individuellere Hilfsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche in dieser Form geben wird. Ramona Schneider und ihr Beitrag zur Genderkonstruktion in der erlebnispädagogischen Praxis wird als Beispiel für die empirischen Evidenz gewählt. Schneider beleuchtet unhinterfragte, scheinbar unveränderliche Genderkonstruktionen in der erlebnispädagogischen Praxis und die damit verbundenen Wirkungen. Neben Heike Lorenz und Ramona Schneider liegen in der skizzierten Ausrichtung weitere Beiträge von Jule Hildmann, Simon White und Joanna Bochniarz, Manuel Sand und Angela Novotny, des Organisationskreis der Konferenz Bildung Macht Zukunft, Elmar Straube und Bertram Böhm vor.

Der dritte Teil eröffnet unterschiedliche praxisbezogene Perspektiven, wie Einmischen stattfinden kann. Hier werden Beiträge gefasst, die von Methoden, Workshops oder grundlegenden (Vor-) Überlegungen erlebnispädagogischer Praxis berichten und zur eigenen Veränderung anregen möchten. So kann beispielhaft als Beitrag der EP-Log als Reflexionsmethode von Christian Mende angeführt werden. Mende stellt ein Verfahren vor, welches kleinschrittig eine tiefgreifende Reflexion ermöglichen kann und gerade den Gedanken der Empathie umschließt. Im Bereich der praxisbezogenen Perspektiven wurden von uns – neben dem Aufsatz von Christian Mende – die Beiträge von Henrike Hirschmüller, Kolja Müller-Späth und Lena Hoffmann, Stephanie Krieg, David Schwarz, Angelika Voß und Hartmut Wahrmann gesehen.

Aus dieser Auflistung wird ersichtlich: Es gibt viele Perspektiven des Einmischens als Einladung zum Mitmachen, Weiterdenken, Bewegen, …

Hinweise und Dank

Abschließend ist zu den Beiträgen zu sagen, dass wir sie weder im Hinblick auf Gender-Formulierungen noch auf alte vs. neue Rechtschreibung überarbeitet haben. Wir möchten allen Leser*innen versichern, dass wir als Herausgeber*innen nicht beabsichtigen, durch die Wahl einer rein männlichen Schreibweise patriarchalische Wertevorstellungen zu unterstützen oder andere Menschen zu diskriminieren. Wir haben allerdings die Autonomie und Freizügigkeit der Autor*innen gleichzeitig für so wichtig erachtet, dass diese in ihren Texten selbst darüber entscheiden durften, welche Schreibweise sie bevorzugen. Die Leser*innen werden also folglich unterschiedliche Formen des Umgangs mit gendersensiblen Schreibweisen in den Beiträgen vorfinden. Unser besonderer Dank ergeht an dieser Stelle nochmals an die Autor*innen dieses Buches, die sich zusätzlich zur Vorbereitung ihrer Kongressveranstaltung die Mühe gemacht haben, einen Text zu verfassen und diesen in mehreren Korrekturschleifen mit uns als Herausgeber*innen in eine finale Version zu bringen. Stellvertretend für das Organisationsteam des Kongresses – dazu gehören außer den Herausgebern dieses Bandes Kurt Daschner, Janne Fengler, Werner Michl, Michael Rehm, Katja Rothmeier, Martin Scholz, Sibylle Schönert und Christiane Thiesen–wünschen wir Ihnen und Euch viel Lesevergnügen und frische Inspirationen!!

Peter Schettgen

Augsburg, im September 2021

Alex Ferstl

 

Barbara Bous

 

1 Die Abkürzung LGBTQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen.

2https://www.tagesschau.de/ausland/ungarns-praesident-orban-will-gesetz-zur-homsexualitaet-nicht-zuruecknehmen-101.html (Abruf am 01.07.2021 um 17:15 Uhr).

3https://www.tagesschau.de/ausland/ungarns-praesident-orban-will-gesetz-zur-homsexualitaet-nicht-zuruecknehmen-101.html (Abruf am 01.07.2021 um 17:15 Uhr).

4https://www.br.de/nachrichten/sport/muenchen-allianz-arena-in-regenbogenfarben-dieter-reiters-brief-an-ceferin,Sax5F4T (Abruf am 01.07.2021 um 17:39 Uhr).

5https://www.tagesschau.de/sport/uefa-zu-regenbogenfarben-101.html (Abruf am 01.07.2021 um 18:18 Uhr).

6https://www.ndr.de/sport/fussball/Regenbogen-Entscheidung-Nordclubs-setzen-Zeichen-fuer-Toleranz,regenbogenfarben100.html

7https://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-regenbogen-beleuchtung-in-mehreren-deutschen-staedten-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-210622-99-99142

8https://www.ndr.de/sport/fussball/Regenbogen-Entscheidung-Nordclubs-setzen-Zeichen-fuer-Toleranz,regenbogenfarben100.html

9 Bspw. das Positionspapier zur gesellschaftspolitischen Dimension des Bundesverbands Individual- und Erlebnispädagogik e.V., vgl. www.bundesverband-erlebnispaedagogik.de/fileadmin/user_upload/be-ep.de/Dateien/Pdf/Downloads/20-05-27_position_gesell.polit_dimension_erlebnispaedagogik.pdf

Teil I: Einmischung – Generelle erlebnispädagogische Ansätze

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c.Franz Josef Radermacher

Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW/n), Professor (emeritiert) für Informatik, Universität Ulm

2000 – 2018 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI)

2010 bis Februar 2021 Präsident des Senats der Wirtschaft e. V., Bonn

Seit Februar 2021 Vizepräsident sowie Ehrenpräsident des Senats der Wirtschaft e. V., Bonn

Ehrenpräsident des Ökosozialen Forum Europa, Wien

Mitglied des Club of Rome

E-Mail: [email protected]

Website: http://www.fawn-ulm.de

Pädagogik in einer schwierigen Welt

Pädagogik beschäftigt sich als (wissenschaftliche) Disziplin mit der Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung. Somit mit dem Thema, wie Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene dabei unterstützt werden können oder sollen, bestimmte (Ausbildungs-) Ziele zu erreichen, also Menschen dabei zu helfen, bestimmte Fähigkeiten, Fertigkeiten, Verhaltensweisen usw. zu entwickeln, andere u. U. abzulegen. Eine große Frage ist, in welcher Reihenfolge, Dosierung und in welchem Tempo Inhalte bzw. Fertigkeiten angeboten bzw. vermittelt werden, eine andere, wie weit „eingepaukt“ wird oder nur Anregungen gegeben werden. Wichtig ist auch, wie weit in der Adressierung primär auf den „Kopf“ und wie weit auf den „Bauch“ bzw. den ganzen Körper gesetzt wird. Pädagogik sollte immer den jeweiligen kulturellen Kontext in Rechnung stellen und hat für diesen eine wichtige Vermittlungsfunktion. Dies schließt in der Regel religiöse und ethische Fragen ein. Bei allen Vermittlungsversuchen ist zu beachten, dass Menschen als freie Wesen oft anders reagieren, als es diejenigen, die erziehen oder beeinflussen wollen, erwarten.

Der vorliegende Text ist primär aus der Sicht der akademischen Ausbildung und eher aus einer Beobachterperspektive geschrieben. Er basiert auf 5 Bereichen eigener Forschungs- und Mitwirkungsbeiträge, auf die im Weiteren eingegangen wird:

(1)

Untersuchungen im Umfeld „Intelligenz“ und „künstliche Intelligenz“

(2)

Vorschläge zu Vorgaben für Club of Rome Schulen

(3)

Untersuchungen zu der Frage „Was macht Staaten reich?“

(4)

Mitwirkung im Generalkomitee der UNESCO Bildungsdekade

(5)

Digitalisierung

Unter (6) wird versucht, die verschiedenen Überlegungen mit einem Blick von außen auf die Erlebnispädagogik als einen wichtigen Ansatz im Bildungsbereich zu verknüpfen.

Unter (7) wird dann abgeleitet, dass die Erlebnispädagogik ein großes Potenzial besitzt, um Jugendliche darauf vorzubereiten, zukunftsorientiert mit vielen Herausforderungen umzugehen, die die moderne Welt an sie stellt und stellen wird.

Ein Resümee schließt den Text ab.

1Bezüge zu Intelligenz und künstlicher Intelligenz

Bildung hat viel zu tun mit dem Ziel, die Intelligenz des Menschen zu fördern und zu stimulieren. Schon immer war damit die Frage verknüpft, was Intelligenz ausmacht und wie weit es Intelligenz z. B. auch bei Tieren gibt. Mit der künstlichen Intelligenz auf Basis von Rechnern und/oder Robotern wurde ein neuer Weg zum besseren Verständnis der Natur von Intelligenz eröffnet, gleichzeitig entsteht eine neue „Konkurrenz“ zum Menschen im ökonomischen Kontext. Immer „intelligentere“ Systeme übernehmen zunehmend viele Aufgaben, die bisher nur von Menschen erledigt werden konnten und für die Menschen gut bezahlt wurden [4].

Es gibt in der Wissenschaft einen Streit darüber, was es bedeutet, dass Maschinen intelligent sind. Die Verhältnisse sind dort anders als beim Menschen. In der Analogie: Adler fliegen, Flugzeuge auch. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Art des „Fliegens“ zwischen Adlern und Flugzeugen, aber auch fundamentale Unterschiede [19, 21].

Für maschinelle Intelligenz ist eine Grenze, dass sie (bisher) weitgehend nur in einem begrifflichen Raum operiert. Algorithmen wirken dort auf Daten. Klar ist, dass Maschinen bisher Dinge nicht so verstehen, wie Menschen das tun. Das gilt insbesondere auch für das Verstehen von Sprache. Maschinen können auch nicht wirklich fühlen. Maschinen haben nicht, wie der Mensch, einen inhärenten Antrieb im Sinne eines Wollens. Es fehlt ihnen zudem die für den Menschen prägende Wechselwirkung mit einem Körper, der ein eigenes Wollen in sich trägt. Der Körper ist für den Menschen die Brücke zur Einbindung in die Welt. Worte gewinnen so ihre Basierung (symbol grounding/ground truth).

Das menschliche Vermögen entwickelt sich, wie von der Erlebnispädagogik vertreten, stark in Wechselwirkung mit dem eigenen Tun in der Welt. Dort sind Primärerfahrungen möglich. Eine enge Wechselwirkung zwischen Kopf und Bauch im Sinne einer analytischen, kalkülartigen Seite einerseits und einer mehr holistischen, ganzheitlichen Seite im Sinne des Arbeitens neuronaler Netze andererseits, ist typisch [12, 14].

Die Erlebnispädagogik setzt insbesondere auch auf die Aktivierung von eher holistisch-neuronalen Fähigkeiten. Aufgrund mathematischer Einsichten ist die prinzipielle Leistungsfähigkeit beider Welten identisch und erlaubt prinzipiell die Erschließung der gesamten Welt des Berechenbaren. Der genetische Einfluss auf die Intelligenz ist gewaltig, grob geschätzt mindestens 50%, auch wenn das viele Beobachter nicht gerne akzeptieren wollen. So vertreten manche Pädagogen die – aus Sicht des Autors weltfremde – Position, dass jeder Mensch auf jedes Ziel hin ausgebildet werden kann, wenn nur die Umstände stimmen und genügend Geld investiert wird.

Generell ist es wichtig zu erkennen, dass es Vieles gibt, was man wissen kann, ohne dies artikulieren zu können. So wie uns als Mensch z.B. das Immunsystem auch dann schützt, wenn wir gar nicht wissen, dass wir ein solches besitzen – was für die gesamte Historie der Menschheit vor der Neuzeit zutrifft.

2Entwicklung von Vorgaben für Club of Rome Schulen

Der Club of Rome hat mit seinen Analysen und Vorschlägen zur Zukunftsgestaltung weltweit, und gerade auch in Deutschland, seit 1972 viel Einfluss entfaltet [9, 20, 30].

Aus dem Schulbereich gab es und gibt es auch deshalb ein Interesse an der Etablierung sogenannter „Club of Rome“ Schulen, von denen es in Deutschland heute 16 gibt (vgl. www.club-of-rome-schulen.org). Das Konzept der Club of Rome Schulen weist viele Parallelen zu erlebnispädagogischen Bildungsprogrammen auf. Die Club of Rome Schulen sind ein Beispiel dafür, wie man in der schulischen Bildungsarbeit erlebnispädagogische Akzente setzen kann. Daher sollen die Club of Rome Schulen im Folgenden etwas näher dargestellt werden.

Ausgangspunkt der Überlegungen zu spezifischen charakterisierenden Merkmalen von Club of Rome Schulen [2, 18, 20] ist zunächst die Beobachtung, dass alle Schulen in Deutschland vor dem Hintergrund weltethischer Prinzipien [27] organisiert sind, wie sie insbesondere in unserer Verfassung niedergelegt sind. Unsere Schulen verfolgen vielfältige wichtige Ziele, wie etwa die Vergleichbarkeit der Lebensbedingungen in den Regionen und einen hohen Ausbildungsstand für alle Bürger. Das schließt zu Recht in einem gewissen Maße auch Förderung von Breite zu Lasten der Spitze ein, wenn beides nicht gleichzeitig in vollem Umfang erreichbar ist. Die gesetzten Ziele werden in Deutschland auch sehr weitgehend erreicht, was ein tieferer Grund für die hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wie der Kulturszene ist. Das allgemeine Bildungsniveau ist z. B. in Deutschland höher als in den USA – im Spitzenbereich sieht es partiell anders aus. Viele der spezifischen Erfolge der USA in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sind nur vor dem Hintergrund der Green Card Thematik zu verstehen. Das reichste Land der Welt rekrutiert viele der besten Köpfe nach erheblichen Vorinvestitionen durch andere Länder und durch Eltern in anderen Teilen der Welt zum Nulltarif rund um den Globus. Der daraus resultierende indirekte Geldzufluss in die USA ist erheblich, er kann auf mehrere hunderttausend Euro pro Spitzenkraft kalkuliert werden [1].

Hat man diese Größenordnungen vor Augen, dann kann eine Club of Rome Schule bei gleicher Ressourcensituation (Lehrer, Finanzausstattung etc.) wie andere Schulen in Deutschland nicht einfach als Modell neue Qualitäten und Leistungsniveaus ermöglichen, schon gar nicht in 1.000-facher Kopie. Die Ressourcenfrage ist wichtig, die Kosten sind unvermeidlich hoch. Deshalb wird es nur eine begrenzte Zahl solcher Schulen geben. Die Situation der Schulen im Allgemeinen bleibt schwierig, auch wegen gewachsener Verhältnisse, rechtlich abgesicherter Ansprüche auf Seiten der Lehrer, der Schüler, der Eltern, etc. In dieses Umfeld muss sich die Erlebnispädagogik einpassen, ebenso müssen das Club of Rome Schulen, wobei es auch Überschneidungen zwischen diesen beiden „Ideenwelten“ gibt. Will also eine Club of Rome Schule in dieser Situation wirklich Wesentliches bewirken und verändern, dann allenfalls als ausstrahlender „Leuchtturm“ und auf der Basis eines besonderen Ressourceneinsatzes für eine begrenzte Anzahl solcher Schulen. Die zugrundeliegende Logik umfasst Punkte wie:

1.Leuchtturm-Charakter

Für Club of Rome Schulen müssen besondere Ressourcen aktiviert werden. Sie stellen eine kleine, begrenzte Gruppe von Schulen dar, sie können Leuchtturm Charakter haben

2.Besonderer Wertekanon [6, 7, 13, 20, 26, 27, 29, 30]

3.Förderung einer authentischen Wahrnehmungsfähigkeit

4.Vision für eine bessere Welt

5.Empowering der Schüler.

Hinter dem Ansatz von Club of Rome Schulen steht ein bestimmtes Menschenbild

Der Mensch wird in einer Wechselwirkung von Bestimmtheit und Nicht-Prognostizierbarkeit gesehen. Dies beinhaltet insbesondere ein Entwicklungspotential, das vor allem auch durch Interaktionen mit anderen Menschen und der richtigen Sequenz von Lernschritten und Herausforderungen, einem zentralen Inhaltsbereich jeder Pädagogik, erschlossen werden kann.

Die Empathiefrage

Als eine der wichtigsten Intelligenzdimensionen des Menschen wird die Empathie gesehen, also die Fähigkeit zu verstehen, wie ein Anderer die Welt sieht, und dabei insbesondere auch den Unterschied zwischen der eigenen Sicht und der Sicht Anderer zu begreifen. Dies war schon immer ein wichtiges Thema und kann sowohl auf einer Bauch-, als auch auf einer Kopfebene geleistet werden. Das Beherrschen mehrerer Sprachen und Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kann dabei helfen, eine entsprechende (globale) Empathie zu entwickeln.

Die Erlebnispädagogik hat in diesem Umfeld eine wichtige Rolle und wird in dieser Positionierung zunehmend noch wichtiger werden. Darauf wird auch noch einmal gesondert in Kapitel 7 eingegangen.

Das Thema gewinnt aktuell an Bedeutung. Unter dem Begriff der Cancel Culture artikuliert sich zunehmend eine wirkungsmächtige intolerante intellektuelle Bewegung, die ihren Ursprung im Bereich der Sozial- und Kulturwissenschaften in den USA hat. Mit Cancel Culture ist gemeint, dass Personen mit anderen Meinungen vom Diskurs ausgeschlossen werden: Man hört ihnen nicht zu, man lädt sie nicht mehr ein. Typischerweise geht es dabei um Themen wie soziale (Un-)Gerechtigkeit, Sexismus oder Rassismus. Bezüge bestehen zu Bewegungen in „sozialen“ Netzwerken wie #metoo oder #blacklivematters.

Teilweise werden Erfahrungen und Vorfälle generalisiert und übersetzt in Angriffe gegen diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe als privilegiert angesehen werden. Diesen werden Formen von Aggression gegen andere vorgeworfen, die sich z. B. in einem bestimmten Sprachgebrauch äußern, durch den sich andere zurückgesetzt fühlen. Dabei geht es nicht darum, ob mit einem Begriff in irgendeinem objektivierbaren Sinne eine Zurücksetzung verbunden ist oder nicht. Es reicht, dass sich Personen als Betroffene sehen und zurückgesetzt fühlen. Der Umgang mit diesen Gefühlen der Zurücksetzung führt dann zu strikten Sprachregulierungen, die solche Verletzungsgefühle ausschließen sollen und in den weiteren Kontext der sogenannten „Political Correctness“ fallen.

Extreme Varianten der beschriebenen Sichten auf die Welt behaupten, dass sich Menschen weißer Hautfarbe prinzipiell nicht in die Situation von Sklaven hineindenken können. Natürlich ist das ein massiver Angriff auf Empathiefähigkeit, eines der wesentlichen Intelligenzmerkmale des Menschen. Jeder Weiße ist im Übrigen im Sinne der Cancel Culture sowieso ein Sklavenhalter und schon von Geburt an schuldig. Zur Sache kann er nur schweigen und sich entschuldigen. Das geht soweit, dass einer weißen Übersetzerin abgesprochen wird, das Buch einer schwarzen Schriftstellerin überhaupt übersetzen zu dürfen. Natürlich darf im Theater kein Weißer die Rolle eines farbigen Menschen spielen. Kürzlich entschuldigte sich eine grüne deutsche Politikerin nach einem Shitstorm in den „sozialen“ Netzen dafür, dass sie in einer Rede dem Publikum mitgeteilt hatte, sie hätte in ihrer Jugend davon geträumt, ein Indianerhäuptling zu sein. In manchen Kindergärten wurde den Eltern davon abgeraten, ihre Kinder zu Karneval in einem Indianerkostüm auftreten zu lassen. Für jemanden, der sich mit Gehirnforschung beschäftigt, grenzt das alles ans Absurde: Verwirrungen des Geistes. Auf die Erlebnispädagogik, wie auf andere Bereiche der Bildung, kommt an dieser Stelle noch viel Arbeit zu.

Einige methodisch-praktische Anforderungen:

1.Engagement der Eltern

2.Lehrpersonal einer bestimmten Orientierung

3.Geeignete Mischung von Schülern aus unterschiedlichen Kulturkreisen

4.Weltethos und Humanismus als Fach

5.Weltweite Zusammenhänge von der Wissensseite her vermitteln

6.Mathematik und Systemtheorie sind wichtig

7.Lernen mehrerer Fremdsprachen

8.Ausprägung eines breiten sportlich–musischen Umfelds

9.Übernahme gesellschaftlicher Pflichten

10.Weltweite Vernetzung und Schulpartnerschaften

11.Sport und Kunst sowie handwerkliche Fähigkeiten sind wichtig

12.Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit fördern.

Einige abschließende Thesen

Wichtig für eine Club of Rome Schule sind auch folgende Aspekte:

1.Wechselwirkung von Kopf und Bauch

2.Dualität zwischen individueller Arbeit und Gruppenarbeit

3.Eine breite und tiefe Grundausbildung in klassischen Fächern (Sprachen, Geschichte, Mathematik, Naturwissenschaft etc.)

4.Betonung eines systemisch-holistischen Hintergrunds

5.Starke Betonung der Empathie

6.Geist und Körper in Balance

7.Kunst als „Sprache“ verstehen

8.Eine Gemeinschaftsaufgabe übernehmen.

Wie bereits eingangs zu diesem Kapitel erwähnt, sind die aus den genannten Aspekten hervorgehenden Querbezüge zum erlebnispädagogischen Ansatz ganz offensichtlich.

3Untersuchungen zu der Frage, was ein Land reich macht

Wie hängen Schule und Ausbildung mit dem Wohlstand von Staaten zusammen? Dass es Zusammenhänge gibt, ist evident. Deshalb kümmern sich alle erfolgreichen Staaten um dieses Thema, deshalb ist das Thema für Eltern so wichtig. Es gibt mittlerweile, z.B. aus sogenannten „Development Economics“, Einsichten in die gesellschaftlichen Voraussetzungen für entsprechende Ausbildungssysteme. Die (öko-)soziale Marktwirtschaft stellt offenbar einen Rahmen bereit, Länder und Regionen richtig zu organisieren, und trägt zu ihrem solide abgesicherten Reichtum bei. Das leisten aber beispielsweise auch relativ ambitionierte asiatische Gesellschaften. Gesellschaftlicher Reichtum ist systemischer Natur. Was also macht ein Land reich [2, 15, 16, 17, 24]? Die wichtigsten Punkte sind:

1.Ein gut funktionierendes, leistungsfähiges Governance-System

2.Eine im internationalen Vergleich gut ausgebildete und leistungsstarke Bevölkerung

3.Hervorragende Infrastrukturen auf internationalem Niveau

4.Ein exzellenter Kapitalstock

5.Zugriff auf benötigte Ressourcen

6.Eine leistungsfähige Forschung und international konkurrenzfähige Innovationsprozesse

7.Ein leistungsfähiges Finanzsystem

8.Eine enge Einbettung der Unternehmen und Menschen in weltweite Wertschöpfungsnetze.

Nicht ohne Grund steht Governance, also die adäquate Regelung der gesellschaftlichen Verhältnisse, an erster Stelle. Ein vernünftiges System von Eigentumsstrukturen, Rechtssicherheit sowie allgemeiner Sicherheit, verbunden mit verschiedenen, verfassungsmäßig garantierten Freiheiten, ist die wohl wichtigste Voraussetzung für Wohlstand, noch wichtiger als leistungsstarke Unternehmer und Unternehmen. Gibt es solche Rahmenbedingungen nicht, ist auch kein breit entwickelter Reichtum eines Staates auf Basis eigener Leistung möglich.

Im 12. Jahrhundert wurde in Deutschland das Grundbuch erfunden, war allerdings erst um 1900 auf nationaler Ebene voll entwickelt. Durch diese Innovation gelang es, zuerst in Europa, dann in den USA, Grundstücke und Häuser in Kapital zu verwandeln. So konnten Hypotheken vergeben werden, um Investitionen an anderer Stelle zu tätigen. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sind in weiten Teilen der ärmeren Welt durch den Fleiß der Menschen ebenfalls große Besitztümer entstanden. Für Südamerika und die arabischen Länder hat der Ökonom Hernando de Soto erforscht, wie wichtig eine funktionierende Dokumentation von formalen Eigentumstiteln, zum Beispiel für Immobilien, ist. Denn solange die Dokumentation unterbleibt, ist dieser Besitz (relativ) totes Kapital. Das gilt in Ägypten beispielsweise für 92 Prozent der Gebäude in Städten und zu 83 Prozent für Siedlungen auf dem Land. Die Eigentumsverhältnisse sind durch mündliche Absprachen innerhalb der Familien geregelt, insgesamt geht es um Werte in Höhe von Billionen von Dollar, die für das Finanzsystem gleichsam unsichtbar bleiben.

Zu den durch Governance vorzugebenden und zu regelnden Rahmenbedingungen gehört die Bereitstellung von Infrastruktur, die Rechtsprechung, die innere Sicherheit, Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen etc., Leistungen, die teilweise ohne primäre Nutzung von Marktmechanismen organisiert werden. Auch und nicht zuletzt fallen meist auch kritische Infrastruktur und Gesundheitssysteme darunter und manchmal auch der Zugriff auf generell benötigte Ressourcen wie Wasser, Nahrung und Energie. Sobald dies alles nicht mehr gesichert ist, gerät jegliche wirtschaftliche Aktivität ins Stocken.

Voraussetzung für einen reibungslosen ökonomischen Ablauf ist auch eine angemessene Qualität der Innovationssysteme. Nur über Innovationen ist neuer Wohlstand für immer mehr Menschen möglich. Innovation ist insofern auch ein Kernbereich der Konkurrenz zwischen Staaten, Staaten-Bündnissen und Regionen der Welt. Weitere wichtige Punkte sind die Qualität des Geld- und Finanzsystems sowie die Einbettung in internationale leistungsfähige Wertschöpfungsnetzwerke. Die neuen deutschen Bundesländer haben nach der Wende und nach dem danach folgenden Zusammenbruch des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW/COMECON) schmerzhaft erfahren müssen, was es bedeutet, wenn die Wertschöpfungsnetzwerke, in die man eingebunden ist, kollabieren. Denn die Unternehmen im Westen, die in ihren dortigen Geschäftsbeziehungen im Bereich Maschinenbau, Automobile, Ernährung, Medizintechnik, Modebranche etc. verankert waren, verteidigten – aus nachvollziehbaren Gründen – ihre Position mit aller Macht und setzten auf eigenes Wachstum, insbesondere auch in den neuen Bundesländern und in den vormaligen Ländern des sowjetischen Blocks.

Wichtig: Bildung der gesamten Bevölkerung ist ein zentrales Thema zum Erreichen hohen Wohlstands. Wobei Bildung, wenn z.B. anschließend die Jobs fehlen, auch primär zu Wut führen kann. Hohe Bildung und gute Jobs gehören insofern zusammen und korrespondieren zu einer nach europäischen Maßstäben sozialen Organisation der Gesellschaft. Zweiklassen-Gesellschaften sind demgegenüber ärmer. Bildung ist für Wohlstand nicht alles, aber ohne breite gute Basisausbildung der gesamten Bevölkerung ist ein sehr hohes Wohlstandsniveau (ohne „Plünderung“ anderer) nicht erreichbar. Spätestens, als mit der französischen Revolution und Napoleon ein derartiges Breiten-Programm auf Ebene eines Nationalstaates erfolgreich realisiert wurde, mussten die anderen Staaten nachfolgen. Dies ist dann z. B. so mit der preußischen Bildungsreform (Stein-Hardenbergsche Reformen) passiert.

4Mitwirken im Generalkomitee der Bildungsdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Deutschland 2005-2014

Nachhaltige Entwicklung ist seit vielen Jahren eine der entscheidenden Leitideen der internationalen Politik [5, 15, 17, 22, 24]. Es handelt sich allerdings um ein schwieriges, komplexes Thema, bei dem ökologische, soziale und ökonomische, sowie auch kulturelle Fragen miteinander wechselwirken. Das Thema wirft sowohl intra- also auch intergenerationelle Gerechtigkeitsfragen auf. Es ist vor allem ein Thema, das sich auf die ganze Welt bezieht, und damit neben der staatlichen Seite vor allem auch eine internationale Seite hat. Wegen der vielen Herausforderungen ist das Thema aber auch auf substaatlichen Ebenen, also zum Beispiel in Kommunen, verankert. Schon 1992 beim Weltgipfel in Rio war klar, dass man sich auf allen Ebenen mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ würde beschäftigen müssen. Ein Beispiel ist die Lokale Agenda, die sich mit den Prozessen vor Ort beschäftigt. Schon seit Rio war auch das Bildungsthema angedacht, es manifestierte sich dann insbesondere in der Bildungsdekade von 2005-2014.

Aus naher Beobachtung wurde dem Autor deutlich, dass ein so komplexes Thema die Schulen und Ausbildungsstätten, aber durchaus auch Universitäten und Hochschulen, leicht überfordern kann. Im Kern geht es bei Nachhaltigkeit um die gleichzeitige Verfolgung einerseits des Ziels einer nachholenden (Wohlstands-) Entwicklung der ärmeren Länder bei gleichzeitig rasch wachsender Bevölkerung und andererseits einem weltweiten Umwelt- und Klimaschutz. Deshalb wird Nachhaltigkeit in einem Land wie Deutschland eher als „Wohlfühlproblem“ eines reichen Landes diskutiert, das primär mit sich selber und der Frage des Lebensstils (z.B. „veganes Essen“ und „regionales Einkaufen“ sowie z.B. Genderfragen) beschäftigt ist. Dass dies so ist, liegt allein schon daran, dass es auf der Ebene der lehrenden Personen, wie der verfügbaren Lehrbücher und Publikationen, kaum kohärente Behandlungen der Thematik in ihrer internationalen Dimension über sehr viele Disziplinen und sehr viele mögliche Fragenschwerpunkte hinweg gibt. Hinzu kommt das Interesse Vieler, die Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit für ihre schon immer verfolgten „Lieblingsanliegen“ zu instrumentalisieren. Das heißt, die meisten, die sich mit dem Thema beschäftigen, beschäftigen sich mit speziellen Fragen und auch dann nur aus einer relativ engen Sicht der persönlichen Orientierung und Schwerpunktsetzung.

Zum Beispiel fiel dem Autor auf, wie sehr sich die Vertreter einer Umweltbildung, die – ganz im Sinne der Erlebnispädagogik – mit den Kindern in die Natur gehen, damit sie dort mehr zum Thema Umwelt lernen, der Meinung waren, dass sie mit dem, was sie dort schon immer taten, voll im Zentrum von Nachhaltigkeitsfragen operierten, teilweise sogar glaubten, dass dies der Kern oder das Wesen der Nachhaltigkeitsthematik sei. Dies, obwohl soziale, ökonomische und kulturelle Fragen, gar noch in weltweiter Sicht, gar nicht behandelt wurden. Diese Betrachtungen gingen teilweise am Thema vorbei, haben mittlerweile aber in fast der gleichen geistigen Enge die Staatenwelt erreicht, und zwar auf der internationalen Ebene mit dem modernen Programm der SDGs (Sustainable Development Goals). So war es bis 2015 als Teil der Milleniumsentwicklungsziele (MDGs) 2000 - 2014 noch eine dominierende Sicht auf die Thematik, dass große Probleme insbesondere in Afrika oder in Indien bestehen und sich dort alle reichen Länder engagieren müssen. Mittlerweile dominiert die Haltung „Wir haben alle Nachhaltigkeitsprobleme“, was sich dann in der Folge in eine Politik übersetzt, bei der jeder zunächst einmal in seinem eigenen Land versucht, Beiträge zu leisten und es dann oft auch dabei bleibt. Das heißt, der entscheidende Beitrag in Form einer internationalen Zusammenarbeit, der nötig ist, um vielleicht die Armut weltweit zu überwinden, auch zum Beispiel durch Einsatz besserer Technologien, wird weitgehend gar nicht mehr verfolgt, weil schon das allgemeine Verständnis fehlt, was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Ist man einmal an diesem Punkt, fehlen in den ärmeren Ländern in jedem Fall die nötigen Finanzmittel. Jedes Land bearbeitet seine Probleme: die einen betreiben mit ihren großen Ressourcen „Wohlfühlfragen reicher Länder“, die anderen ohne die benötigten Ressourcen die ganz großen Herausforderungen der Welt wie Hunger und Elend – natürlich mit nur geringen Chancen auf Erfolg.

Das alles wird natürlich nicht ohne gravierende Konsequenzen bleiben. Denn nirgendwo manifestieren sich die ungeklärten Gerechtigkeitsfragen so massiv, wie in der Klimathematik. Diese Gerechtigkeitsfragen bilden seit 1972 den Kern des Energie- und Klimaproblems in weltweiter Perspektive. Damals scheiterte die 1. Weltumweltkonferenz in Stockholm, als die junge indische Ministerpräsidentin Indira Ghandi den reichen Ländern erklärte, dass für die Entwicklungs- und Schwellenländer nachholende Entwicklung das zentrale Thema ist, nicht der Schutz der Umwelt und des Klimasystems. Aus ihrer Sicht versuchten die reichen Länder nur, die ärmeren Ländern dadurch arm zu halten, dass sie ihnen das unter dem Begriff „Umweltschutz“ zu verbieten versuchten, was sie selber seit Jahrhunderten vorexerzierten und was die Basis ihres heutigen Wohlstands bildet [28]. Brutal deutlich beschreibt diese Zusammenhänge die indische Publizistin und Umweltschützerin Sunita Narain, Direktorin des Centre for Science and Environment (CSE), Neu-Delhi, in ihrem Beitrag „Klimawandel: Keine gemeinsame Teilhabe an der Welt“ [11]. Ebenfalls ist dies ein zentrales Thema des Umweltthrillers „The Ministry for the Future“ [25]. In einem aktuellen Text des Autors ist all dies inhaltlich kohärent dargestellt [24].

5Digitalisierung

Digitalisierung hat begrifflich eine lange Historie, die die Benennung von Objekten, die Sprachentwicklung, die formalisierte Logik und die Entwicklung der Mathematik umfasst. Unter Digitalisierung versteht man heute aber lebenspraktisch weniger diese kulturhistorische Entwicklung, sondern schlicht den massiven Einsatz von Rechnern für immer mehr Themen, mit denen der Mensch in der ein oder anderen Form zu tun hat.

Ausgeklammert werden in der Debatte heute meist die technischen Voraussetzungen dieser neuen Welt. Dazu gehört z. B. für die technische Herstellung von Vernetzungen aller Art die zentrale Bedeutung der Satellitenkommunikation und der dahinterliegenden Beiträge der Mathematik, der Physik und des Engineerings. Dazu gehören ebenso die unglaublichen Leistungen in der Chipproduktion, etwa die optischen Systeme zur Herstellung der mikroskopisch kleinen Strukturen, die heute die Komplexität einer Millionenstadt auf die Fläche eines Fingernagels projizieren.

Die Entwicklung hinter der Digitalisierung wird im Wesentlichen getrieben durch die enormen Preis-Leistungs-Verbesserungen im Bereich der elementaren Rechenoperationen, die wieder eine Folge der dauernden Miniaturisierung sind. Hier wird alle zwanzig Jahre mindestens ein Faktor 1.000 erreicht. Heute haben wir Rechner in Form von Chips in Mobiltelefonen, die sehr viel leistungsfähiger sind, als der Großrechner, mit dem die Apollo-Mission gerechnet wurde. Dieser hat damals etwa 20 Millionen Dollar gekostet. Heute kostet ein Chip, der sehr viel mehr leistet, nur noch fünf Euro. Dieser Preis wird bald noch einmal um den Faktor 10 fallen.

Parallel dazu haben sich die Verhältnisse bei den Periphersystemen ebenso wie in den Bereichen Systementwicklung und Software in unglaublichem Umfang verbessert. All das erlaubt zukünftig ein Internet of Things zu realisieren, in dem fast alle technischen Artefakte in die Vernetzung eingebunden werden, von Tischen und Stühlen bis hin zu Büchern und Taschenmessern. Eingebunden werden sicher auch alle Haus- und Nutztiere (Internet of Everything), zunehmend auch Wildtiere (z. B. Wildschweine zur Vermeidung von Unfällen mit Automobilen) [19]. Dies alles erschließt immer mehr Anwendungen. Immer öfter ist es sinnvoll, Aufgaben digital zu bearbeiten. Da insbesondere die digitale Bearbeitung selber die Daten generiert, auf denen noch mehr digitale Bearbeitung Sinn macht, wird dieses Segment für unser Leben immer wichtiger. Mit neuen Entwicklungen, wie dem erwähnten Internet der Dinge, bei dem immer einfachere Gegenstände selber mit einem Chip ausgestattet sind und über Sensorik und Aktorik verfügen, entstehen immer neue Optionen für Anwendungen.

Dabei werden in immer mehr Anwendungsfeldern Leistungsfähigkeiten erreicht, die der Mensch mit seiner biologischen Ausstattung allein natürlich nicht nachbilden kann. Entsprechendes sehen wir jetzt bereits im Bereich der Mobilität auf uns zukommen, wenn Fahrzeuge zunehmend autonom fahren.

Für Schule und Bildung ist dieser Digitalisierungsprozess und die zunehmende „Intelligenz von Systemen“ von zentraler Bedeutung [3, 4, 19, 21], weil er einerseits neue Möglichkeiten zum Lernen schafft, auch ganz neue Arbeitsfelder zu erschließen erlaubt, andererseits aber auch sehr viel Arbeit vom Menschen weggenommen wird [4]. Die Corona-Krise ist ein großes Lehrstück in Sachen Digitalisierung, wenn nun immer mehr Menschen im Home-Office arbeiten. Wir sehen aber auch in der Corona-Krise, dass wir systemrelevantes Personal haben, zum Beispiel an den Kassen von Supermärkten. Der mögliche Ausfall dieses Personals stellt ein gewisses Risiko dar. Dies fördert Überlegungen in Richtung einer Vollautomatisierung auch der Abrechnung an solchen Kassen. Während wir einerseits überlegen, wie man die Leistungen dieser „system-relevanten“ Personen an Kassen besser würdigen kann als bisher, arbeitet der Markt zugleich daran, diese Stellen obsolet zu machen.

Bildungssysteme müssen sich in jedem Fall mit der Zukunft der Digitalisierung auseinandersetzen, sowohl als ein Werkzeug, das man nutzen kann, als auch als eine Quelle des Verstehens ebenso wie natürlich des Missverstehens. Ein interessanter Nebenaspekt sind pädagogisch interessante/wertvolle Sendungen auf Mobiltelefonen, PCs oder anderen Geräten für junge Kinder, wie z.B. Benjamin Blümchen, Bob der Baumeister, SuperWings, Peppa Wutz, Feuerwehrmann SAM, Paw Patrol und Tom der Abschleppwagen. Sie vermitteln die Bedeutung bestimmter Organisationen (wie z. B. der Feuerwehr), sie sind oft mit „Helfen“ und „Retten“ beschäftigt; sie vermitteln Einsichten in das Globalisierungsgeschehen und eröffnen Kontakte zu vielen Sprachen. Vermittelt wird das Miteinander in der Lösung von Problemen, Hilfsbereitschaft, handwerkliches Können etc. Für gestresste Eltern, die endlich einmal Ruhe von ihrem quengelnden Kind/ihren quengelnden Kindern brauchen, kann das die Lösung sein. Wobei das Ziel mancher Eltern, Medienkontakte der Kinder in so jungen Jahren nicht zuzulassen, bei diesen Sendungen teilweise mit Verweis auf Eigenschaften wie „pädagogisch wertvoll“ bzw. „die Kleinen lernen hier etwas Wichtiges“ rein lebenspraktisch ausgehebelt wird.

6Bezüge zu Erlebnispädagogik

Die Erlebnispädagogik ist ein Bereich der Pädagogik, der in den letzten fünfzig Jahren immer mehr Beachtung gefunden hat. Zu den Vätern gehört Kurt Hahn, der in der Historie des Themas für den deutschsprachigen Raum eine zentrale Rolle besitzt. Die gleichnamige wissenschaftliche Gesellschaft trägt diese Ideen weiter und arbeitet an der Systematisierung. Die Erlebnispädagogik hat, wie die Welt des „symbol grounding“ in der Intelligenzforschung, eine klare Vision, die besagt, dass Menschen Dinge körperlich erfahren sollen, also nicht nur über die Dinge reden, sondern die Dinge konkret erleben sollten. Die Erlebnispädagogik tut das in großer Breite, sie befasst sich mit Gruppenerfahrung in der Natur, um die Persönlichkeit der Menschen und um soziale Kompetenzen weiterzuentwickeln. Natursportarten bieten viele Ansatzpunkte, etwa wenn man durch das Land joggt, wenn man sich auf Schiffen auf dem Meer bewegt oder mit Segelflugzeugen durch die Luft fliegt. Die Aktivität draußen wird ergänzt mit Methoden aus Theater-, Abenteuer- und Spielpädagogik, der Gruppendynamik und der Sozialpädagogik.

Erlebnispädagogik hat über die Jahrzehnte immer mehr Zustimmung gefunden, sie gilt heute als integrativer Bestandteil ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungskonzepte. Ursprünglich in der Reformpädagogik verwurzelt, gewinnt sie in jüngster Zeit zusätzlich an Bedeutung. Denn für unsere Gesellschaft werden sogenannte Schlüsselqualifikationen, wie soziale Kompetenz, Wagnisbereitschaft und Persönlichkeit, zunehmend wichtig, da rein analytische Aufgaben, die früher einen besonderen Stellenwert hatten, immer öfter von Maschinen übernommen werden können. Waren es also ursprünglich einmal die handwerklichen Fähigkeiten, mit denen der Mensch sich auch bevorzugt in die ökonomischen Prozesse einbrachte, waren das irgendwann später dann eher Kopfarbeiten, wie zum Beispiel Rechnen oder auch Planen und Schaffen von Kunst und Design, so sind heute Kreativität und agile Zielgerichtetheit einerseits und Empathie für die Nöte der Menschen andererseits (Pflegepersonal, Coaches, Therapeuten) große Anliegen. Natürlich gewinnt auch die Aktivität der Menschen als Ausgangspunkt von Handlungen immer mehr an Bedeutung, vor allem da, wo eben die Maschinen zunehmend Dinge übernehmen, die bisher nur der Mensch getan hat.

Erlebnispädagogik ist eng mit Vorstellungen von ganzheitlichem Lernen verknüpft. Der Blick über die Jahrtausende verdeutlicht einen roten Faden von der Erziehungslehre Platons hin zu ganzheitlichen Erziehungsvorstellungen für junge Menschen. Zu der Ahnenreihe gehören Denker von Aristoteles bis hin zu Rousseau. Letzterer gilt als ein Begründer des erlebnispädagogischen Gedankens. Interessant, dass auch Robert Baden-Powell, der 1907 die erste Pfadfindergruppe gründete, mit seiner Pfadfindermethodik ebenfalls zu einem geistigen Vater der modernen Erlebnispädagogik wurde. Das pädagogische Motto der Pfadfinderbewegung lautete „Learning by Doing“. Hier hat auch der Autor wichtige persönliche Erfahrungen schon als Kind gesammelt. Das Konzept, gezielt Verantwortung zu übertragen und Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen, war in den puritanisch und konservativ geprägten europäischen Gesellschaften um die Jahrhundertwende neu. Über die jungen Verbände einer neuen Jugendbildung und die Pfadfinderei hat sich das in eine ganz andere Richtung entwickelt.

Mit Kurt Hahn hatte die Erlebnispädagogik in Deutschland um 1930 herum einen ersten großen Höhepunkt erreicht. Hahn war Vertrauter und politischer Berater des Prinzen Max von Baden und begleitete von 1920 bis 1933 das Land-Erziehungsheim „Schule Schloss Salem“. Hahn wandte sich gegen Verfallserscheinungen, die er zu beobachten glaubte, nämlich einen Mangel an menschlicher Anteilnahme, ein Verfall körperlicher Tauglichkeit, ein Mangel an Initiative und Spontanität, ein Mangel an Sorgsamkeit. Für ihn war wichtig, was sich heute auf vielen Internaten, zum Beispiel in Großbritannien, wiederfindet, dass man sehr stark auf körperliches Training setzt, darunter Natursportarten, wie Segeln, Kanufahren, Bergwandern. Dass es explizit einen Dienst am Nächsten gibt, dass also die Schüler Aufgaben z. B. der Küstenwache oder von Bergrettungsdiensten übernehmen. Der Autor hat das alles bei einem langen Aufenthalt mit der Studentenbewegung des Deutschen Volkes an einer bekannten Schulstätte in Wales am Bristol Channel mit seiner besonders starken Ebbe- und Flut-Dynamik miterlebt. Drittens, dass man Projekte durchführt. Es müssen anspruchsvolle Projekte sein. Sie benötigen selbständige Planung und Durchführung, sie benötigen den Rückgriff auf handwerkliche, technische oder künstlerische Fähigkeiten. Hinzu kommen Expeditionen, oft in Form mehrtägiger Berg- und Skitouren, Floßfahrten etc., bei denen es um lebenspraktische Alltagserfahrungen geht, also „Wie kann man sich selbst versorgen? Wie kann man sich auf dem Land ernähren? Wie bereitet man ein Nachtlager?“. Das sind teilweise Ideen, die auch am Couven Gymnasium in Aachen, an dem der Autor seine Gymnasialzeit verbracht hat, eine Rolle gespielt haben.

Durch die Erfahrungen, die die Menschen machen, auch durch die teilweise großen körperlich-geistigen Belastungen und außergewöhnlichen Erlebnisse, resultieren beim Menschen damit verbundene tiefe Einprägungen in seinem Gehirn. Man spricht auch von neuraler Einprägung. Diese umfassen z. B. Erinnerungsbilder, die Jahre später noch abrufbar sind. Natur- und Kulturlandschaften sind wichtige Handlungsfelder. Wichtig sind Ernsthaftigkeit (No-Nonsens Approach) und Unmittelbarkeit der Situation, Echtzeit, Direktheit, Authentizität – immer verbunden mit Körperlichkeit. Das Gefühl, physische und psychische Anstrengungen lustvoll zu erleben, sind Ansatzpunkte zeitgemäßer moderner Erlebnispädagogik.

7Erlebnispädagogik als Brücke zu neuen Herausforderungen

Die moderne Welt stellt immer mehr Anforderungen an den internationalen Austausch zwischen Menschen. Dringend erforderlich ist, wie oben schon dargestellt, die Entwicklung einer globalen Empathie bei immer mehr Menschen, zumindest ein Verständnis für die Nöte der anderen. Wie in dem Text dargestellt ist Ground Truths eine zentrale Voraussetzung dafür, Gegebenheiten richtig bzw. authentisch verstehen zu können, also zum Beispiel die Not von Menschen in Flüchtlingslagern, in extremer Armut, von Kindern ohne Ausbildung und Perspektive. Vieles dazu kann über Medien aufgenommen werden, immer wieder sind aber auch unmittelbare Primärerfahrungen erforderlich. Damit ist ganz offensichtlich, dass eine kluge Nutzung des Programms der Erlebnispädagogik Menschen in substantieller Weise darauf vorbereiten kann, mit den Herausforderungen der modernen Welt besser zurecht zu kommen, als das heute meistens der Fall ist. Immer wieder geht es ja darum, sich durch Erlebnisse ein Bild davon zu machen, wie die Lebensverhältnisse unter bestimmten Bedingungen aussehen.

Die Erlebnispädagogik als solche wird dann natürlich daran arbeiten müssen, es den Schülern im Kontext der Schulausbildung zu ermöglichen – und sie dazu auch zu motivieren –, sich bestimmten Erfahrungsbereichen tatsächlich auszusetzen und dabei insbesondere auch zu überlegen, wie man die Wechselwirkung im internationalen Kontext verstärken kann. Unmittelbar bieten sich dafür im Rahmen gut vorbereiteter Reisen (fact finding mission) Themen an wie (1) die Besuche von Flüchtlingslagern und die Kommunikation mit Menschen in diesen Lagern, (2) Versuche, sich direkt über die Situation in Slums zu informieren, möglicherweise mit Menschen, die in Slums arbeiten, mit Menschen, die dort unter Umständen Verwandte oder Bekannte haben, sich mit Betroffenen direkt auszutauschen und hierbei möglicherweise elektronische Mittel zu nutzen, sich (3) in diesem Kontext auch einmal an sozialen Brennpunkten in unserem Land umzuschauen, (4) sich in derselben Logik auch unmittelbar mit der Umweltsituation weltweit auseinanderzusetzen, z. B. mit den brutalen Abholzprozessen in den Regenwäldern. (5) Das zuletzt Gesagte gilt übrigens auch für die Vernichtung von Regenwald durch die Herstellung von Holzkohle, die in Afrika für viele, insbesondere arme Menschen nach wie vor die primäre Energie zum Kochen ist. (6) Hilfreich ist es sicher auch, sich temporär in Situationen zu versetzen, in denen kein Strom und keine Wärme verfügbar sind, u. U. zeitweise auch nichts zu essen oder trinken vorhanden ist.

Es ist zu erwarten, dass die unmittelbare Auseinandersetzung mit entsprechenden Lebenssituationen, aber auch der Austausch mit Menschen, die in solchen Situationen leben, einen etwas vollständigeren Blick auf das Leben im Allgemeinen erlauben wird. Dies gilt auch für die Zwänge, die Grausamkeiten und die Einschränkungen, denen viele Menschen ausgesetzt sind. Auf Basis solcher Erfahrungen wird man mit einer realistischen Perspektive an Fragen wie soziale Balance, Klimaschutz etc. herangehen.

Zum Beispiel dominiert heute in der Klimadebatte in Ländern wie Deutschland eine Fixierung auf die Reduktion der CO2-Emissionen hier vor Ort. Dabei geht die Situation in den ärmeren Ländern völlig unter, bei denen es erstmals darum geht, dass jeder Mensch überhaupt einen Zugang zu einer Steckdose bekommt [10]. Der eine und der andere Fokus haben ganz unterschiedliche Politiken zur Folge: In unserer Fixierung auf den Versuch, unsere CO2-Emissionen vor Ort abzusenken, vergessen wir meist völlig, wie die wirklichen weltweiten Herausforderungen aussehen, die noch zu bewältigen sind.

Resümee

Versucht man so etwas wie eine Einordnung, dann ist klar, dass die volle Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten nur in der Wechselwirkung von Kopf und Bauch erfolgen kann und dass der Körper eine wichtige, vermittelnde Funktion hat. Auf einer anderen Ebene geht es um die Koppelung und Koordinierung von Kopf und Hand, die schon Goethe ein großes Anliegen war: Fassen und Erfahren. Der Körper muss gebraucht werden. Der menschliche Körper ist ein wunderbares System, das zu unglaublich vielen Dingen in ganz vielen Bereichen fähig ist. Er muss dafür gefordert werden, er muss dafür ausgebildet werden und er braucht die entsprechenden Erfahrungen über das, was der Mensch tun kann. Das prägt sich dem Menschen ein, verstärkt das Vertrauen in die eigene Person und ihre Urteilsfähigkeit und gibt einem Menschen dann für später die Fähigkeit zu handeln. Wichtig ist das Betonen von „Ground Truths“ bzw. „Symbol Grounding“, also die Welt wahrzunehmen, wie sie wirklich ist, authentisch. D.h., sich den Dingen nicht mit einer Vorprägung durch ein bestimmtes „Framing“ [8], einer vorgegebenen Schablone, wie man an die Dinge herangeht, zu nähern. Vielmehr die Dinge zu erkennen, wie sie sind. Wichtig ist dazu, bestimmte „gesellschaftlich normale“ Arten der Interpretation, der Sprache oder des Sehens, zurückzustellen, fast wie das Zurücksetzen auf eine „Stunde-Null“. Es geht also um unmittelbares Verstehen der Situation und dann um die Frage, was wir daraus für Schlüsse ziehen können. Dies ist auch ein zentrales Thema, wenn es in Richtung Nachhaltigkeit oder sozialer Gerechtigkeitsfragen geht. Mit der Digitalisierung wird dabei die Wechselwirkung mit einer virtuellen Welt wichtig. Digitalisierung soll und kann die Primär-Erfahrungen nicht ersetzen, schafft aber heute etwa durch animierte Welten so etwas wie eine zweite Welt, in der ähnliche Erfahrungen gemacht werden können wie in der ersten, der richtigen Welt. Und in der sogenannten augmented reality kann sich das alles auch noch überlagern – typisch für moderne Fiction Filme, aber auch für große Pop-Konzerte. Alles das fällt auch in den Rahmen der Gesamtthematik „Erlebnispädagogik“, der immer wieder neu auszuloten ist.

Ergänzende Literatur

1.Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog mbH, Frankfurt am Main, Wieviel Bildung brauchen wir? Humankapital in Deutschland und seine Erträge, Vertrieb: Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main

2.Beyer, A., P. Meyer-Dohm, U. Möller, A. Graf Wass von Czege: Skizze des Schulprofils einer Club of Rome-Schule, 28. November 200

3.de Soto, H.: Freiheit für das Kapital! Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert. Rowohlt, 2002

4.Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (ed.): Management von nicht-explizitem Wissen: Noch mehr von der Natur lernen. Abschlussbericht für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (bmb+f), Ulm, 2001, http://www.faw.uni-ulm.de

5.Herlyn, E., Kämpke, Th., Radermacher, F. J., Solte, D.: Reflections on the OECD-Project “The Role of Data in Promoting Growth and Well-Being”, BIG DATA and Analytics – What are the perspectives?, 2015

6.Herlyn, E.: Freiwillige Klimaneutralität und CO2-Kompensation nicht-staatlicher Akteure – Eine Chance auf vielfältige Co-Benefits im Sinne der Agenda 2030. Erscheint in: Herlyn, E., Lévy-Tödter, M. (Hrsg.): Die Agenda 2030 als Magisches Vieleck der Nachhaltigkeit, FOM-Edition, Düsseldorf, 2020

7.Küng, H.: Projekt Weltethos, 2. Aufl., Piper, 1993

8.Lakoff, G.: Don’t Think of an Elephant! Know Your Values and Frame the Debate. The Essential Guide for Progressives. Chelsea Green Publishing, White River Junction, Vermont, USA, 2004.

9.Küng, H. (ed.): Globale Unternehmen – globales Ethos. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt, 2001

10.Meadows, D. H.; Meadows, D. L.; Randers, J.; Behrens III, W. W.: The Limits to Growth. A Report to the Club of Rome´s Project on the Predicament of Mankind (1st ed.). Location: Universe Books, 1972

11.Müller, G.: UMDENKEN – Überlebensfragen der Menschheit. Murmann Publishers, 2020

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