Einstein im Bade - Daniel Mellem - E-Book

Einstein im Bade E-Book

Daniel Mellem

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Beschreibung

In Bad Nauheim führt Direktor Kleeberger sein Hotel Rastender Kranich seit Jahrzehnten als Refugium vor den Turbulenzen der Zeit. Die Ruhe droht gestört zu werden, als im Jahr 1920 im beschaulichen Kurort die Versammlung Deutscher Naturforscher mit über zweitausend Teilnehmenden ansteht. Die neue Relativitätstheorie hat die wissenschaftliche Gemeinde gespalten, und die beiden ärgsten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard sind ausgerechnet im Rastenden Kranich einquartiert.

Kleeberger wittert eine Chance: Wäre es nicht die beste Werbung für sein veraltetes Hotel, wenn er den Streit dort schlichten würde? Doch hinter fachlichen Differenzen lauern ungeahnte Abgründe, und der Tee, der im Rastenden Kranich einst Bismarck in den Schlaf wiegte, wird kaum ausreichen, um die Gemüter zu besänftigen. Zwischen Schlichtungsversuchen und dem Bemühen, es allen Gästen recht zu machen, entgleitet Kleeberger nach und nach die Kontrolle über sein Hotel.

Mit Humor und erzählerischer Leichtigkeit lässt Daniel Mellem in einem ruheversprechenden Hotel Stammgäste und bedeutende Wissenschaftler aufeinanderprallen. Schnappen Sie sich ein Handtuch, und versuchen Sie, gemeinsam mit Einstein im Badehaus 3 zu entspannen!

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

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Über den Autor

Daniel Mellem wurde 1987 geboren. Er promovierte in Physik, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seinem ersten Roman widmete. Für Die Erfindung des Countdowns (2020) erhielt er den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturförderpreis. Der Roman war zudem »NDR Buch des Monats« und nominiert für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. Daniel Mellem lebt in Hamburg.

Über das Buch

In Bad Nauheim führt Direktor Kleeberger sein Hotel Rastender Kranich seit Jahrzehnten als Refugium vor den Turbulenzen der Zeit. Die Ruhe droht gestört zu werden, als im Jahr 1920 im beschaulichen Kurort die Versammlung Deutscher Naturforscher mit über zweitausend Teilnehmenden ansteht. Die neue Relativitätstheorie hat die wissenschaftliche Gemeinde gespalten, und die beiden ärgsten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard sind ausgerechnet im Rastenden Kranich einquartiert. Kleeberger wittert eine Chance: Wäre es nicht die beste Werbung für sein veraltetes Hotel, wenn er den Streit dort schlichten würde? Doch hinter fachlichen Differenzen lauern ungeahnte Abgründe, und der Tee, der im Rastenden Kranich einst Bismarck in den Schlaf wiegte, wird kaum ausreichen, um die Gemüter zu besänftigen. Zwischen Schlichtungsversuchen und dem Bemühen, es allen Gästen recht zu machen, entgleitet Kleeberger nach und nach die Kontrolle über sein Hotel.

Die Ruhe ist gestört worden. Während ich auf meiner Bank am großen Teich im Kurpark sitze und kühler Herbstwind das Laub behutsam über die Wege treibt, komme ich nicht umhin, mir diese Verfehlung einzugestehen. Die Ruhe in unserem Hotel ist durch mich gestört worden, und diese Erkenntnis schmeckt bitter. Was mir bleibt, ist Zeugnis abzulegen und mich einer Revue der abgelaufenen Tage zu stellen – so will ich nach den Ursachen meiner Verfehlung fahnden und herausfinden, an welcher Stelle meines Weges ich die falsche Abzweigung nahm.

Ich will mir nichts vormachen: Nur selten vermögen derlei Berichte all das ins rechte Licht zu rücken, was bis dahin im Dunkeln lag. Und doch darf ich mich der Hoffnung nicht verweigern, dass – gehe ich den Dingen aufrichtig auf den Grund – sich womöglich verhindern lässt, dass die Ruhe noch einmal so unverzeihlich gestört wird, wie es eben durch mich geschah.

Sonntag, 19. September 1920, am Nachmittag

Als Tag, an dem meine Sorge um die Ruhe ihren Anfang nahm, darf der 19. September des Jahres 1920 gelten, denn an diesem Tag ereilte den Rastenden Kranich ein äußerst seltenes Ereignis. Ein Ereignis, wie es sich seit den ältesten Tagen unseres Hotels nicht mehr zugetragen hatte, weiter zurückliegend als die Krönung Kaiser Wilhelms I. anno 1871, und dieses äußerst seltene Ereignis war namentlich eine Beschwerde.

Am späten Nachmittag, es war ein Sonntag, hatte ein Herr Philipp Lenard unser Hotel betreten, ein Professor der Physik aus Heidelberg und, wie ich schon im Vorwege in Erfahrung zu bringen wusste, Leiter des größten physikalischen Instituts im Deutschen Reich sowie Träger des renommierten Nobelpreises. Eine äußerst verdienstvolle Person beehrte uns da also mit ihrem Aufenthalt, die ich, der ich am Nachmittag von einem Besuch bei einem befreundeten Winzer zurückkehrte, als Direktor des Rastenden Kranichs persönlich in Empfang zu nehmen entschied.

Unser Portier, Herr Wegenthaler, hatte gerade die Anmeldung des Professors entgegengenommen, da trat ich zu den beiden hinzu und begrüßte unseren Neuankömmling.

»Mein lieber Herr Professor Lenard, ein herzliches Willkommen in unserer bescheidenen Unterkunft! Mein Name ist Kleeberger, ich bin der Direktor des Rastenden Kranichs. Ich hoffe, Ihre Anreise ist angenehm verlaufen?«

»Nein.«

Die Laune von Professor Lenard schien in enge Grenzen gefasst, und so entschloss ich mich, ihn nicht unnötig in der Erinnerung an die offenkundig recht unbequeme Herfahrt gefangen zu halten. »Wie schön, Sie dennoch unseren Gast nennen zu dürfen.«

»Danke«, gab Professor Lenard zurück, nicht den Anschein erweckend, als wäre die persönliche Begrüßung durch den Hoteldirektor von irgendeiner Bedeutung für ihn. Seine Verschlossenheit mochte auch in der Müdigkeit nach der langen Anreise begründet liegen, denn seine Augen waren klein und sein Haar professoral zerzaust. Doch gerade dass Professor Lenard eine persönliche Begrüßung durch den Direktor offenbar gar nicht erwartete, machte sie umso notwendiger. Schließlich halte ich die Regel, man müsse einem Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen, für verfehlt. Meines Erachtens darf es gar nicht erst dazu kommen, dass ein Gast einen Wunsch verspürt, den der Gastgeber nicht längst erfüllt hat. Es gilt, mögliche Wünsche nicht abzulesen, sondern sie vorauszusehen – nur so vermögen die Sehnsüchte des Alltags in einem Hotel wie dem unsrigen endlich einmal zur Ruhe zu kommen, sodass sich an ihrer Stelle Zufriedenheit einfindet.

Ich unterrichtete Professor Lenard über die Umgebung des Rastenden Kranichs, wies hinaus auf die Ludwigstraße, an die in direkter Nachbarschaft die berühmten Badehäuser von Bad Nauheim grenzen, und zeigte dem Professor sodann die Räumlichkeiten unseres Hotels, führte ihn durch den rückwärtig zum Vestibül liegenden Speisesaal und anschließend in den Wintergarten, der im Licht der Spätsommersonne erstrahlte. Bei dieser Gelegenheit schritten wir auch hinaus in den Innenhof, den wohl malerischsten Ort unseres Hotels mit dem mittelalterlich anmutenden, von Efeu umrankten Gemäuer und der breiten Terrasse, auf der einige unserer Gäste gerade in wohltuend leise Gespräche vertieft waren. Andere ruhten derweil auf Stühlen unter der alten Kastanie, die ihnen mit ihrem weiten Blätterdach Schatten spendete.

Professor Lenards Bemerkungen fielen einsilbig aus, mal ließ er ein »Schön« hören, mal ein »Angenehm«, gelegentlich ein »Danke«. Er bedurfte ganz offensichtlich der Ruhe, und so ließ ich es bei der Führung bewenden und begleitete den Professor mitsamt dem Pagen, der den Koffer trug, in den ersten Stock zu seinem Zimmer – eine ebenfalls besondere Behandlung, damit der Professor nicht das Gefühl bekam, ich zöge mich, womöglich durch seine Einsilbigkeit gekränkt, frühzeitig aus unserer Unterhaltung zurück.

Dem Besuch Professor Lenards lag ein besonderer Anlass zugrunde, namentlich das größte Ereignis, das unsere kleine Stadt – sie hatte bis dahin schon die Freude, drei Kaiserinnen für ihre Kur zu beherbergen – je erleben durfte, und das war die 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Nach den langen Jahren des Krieges schickten sich die verehrten Wissenschaftler erstmals wieder an, sich zwecks des persönlichen Austauschs für insgesamt sechs Tage zu treffen, und es ist nicht zu unterschätzen, was jener Entschluss der Gesellschaft für Bad Nauheim mit seinen etwa neuntausend Seelen bedeutete. Viele Naturforscher aus dem Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz planten, uns mit ihrem Besuch zu beehren, etwa fünfhundert, wie es Anfang des Jahres geheißen hatte. Eine durchaus stattliche Zahl, die sich im späten Frühling noch auf über tausend zu erwartende Gäste verdoppelt hatte, ehe wenige Wochen vor Auftakt der Versammlung vermeldet wurde, es würden doch eher über zweitausendfünfhundert Wissenschaftler werden, die in Bad Nauheim Quartier beziehen wollten. Zweifellos erwartete unsere Stadt angesichts solcher akademischen Massen also das, was man gemeinhin eine Herkulesaufgabe zu nennen pflegt. Bei all der Ehre, die ein solch gewaltiges Ereignis bedeuten mochte, fürchteten die Kurdirektion und der Verkehrsausschuss nicht ohne Grund eine Überforderung der Kapazitäten unseres Kurorts und wussten sich nicht anders zu helfen als mit eindringlichen Appellen an uns Hoteliers und Pensionäre, in denen der Weltruf unseres Bades an das Gelingen der Versammlung geknüpft wurde. Für den Rastenden Kranich bedeutete es eine Selbstverständlichkeit, seine freien Betten unseren besonderen Gästen für die sechs Tage der Versammlung zur Verfügung zu stellen – unentgeltliche Übernachtungen sollten es sein, wie vom Verkehrsausschuss erbeten wurde, auch wenn das für unser Hotel eine nicht zu vernachlässigende wirtschaftliche Herausforderung bedeutete. Da sich am Ende genügend andere Gasthäuser ebenso berufen fühlten, konnte jene logistische Schwierigkeit gemeistert werden.

Doch ich möchte für den Moment noch nicht zu viel der Worte über die Versammlung verlieren, schiebe ich damit doch nur auf, von dem unangenehmen Vorfall zu berichten, der im Rastenden Kranich gleich am ersten Tag der Versammlung Anlass für die erwähnte Beschwerde war. Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, ist es vermutlich angebracht zu erklären, was ich selbst unter einer Beschwerde verstehe, denn ich nenne nicht alles so, das andere vielleicht auf diese Weise bezeichnen. Kommt es in einem Hotel wie dem unsrigen vor – und ich spreche von dem folgenden Fall nur um des Beispiels willen, ereignet er sich im Rastenden Kranich doch ebenfalls äußerst selten –, kommt es nun also vor, dass ein Gast Meldung macht, sein Frühstückstee sei zu kalt, würde ich bei einem solchen Vorkommnis noch nicht von einer Beschwerde sprechen. Hierbei handelt es sich lediglich um eine Sorge, und zwar dergestalt, dass der Gast befürchtet, an diesem Morgen keinen wohltemperierten Tee genießen zu können. Eine Beschwerde mag ich den Vorfall deshalb nicht nennen, da dem Gast in seiner Sorge schnell Abhilfe geschaffen werden kann, indem ihm mit gebotener Zügigkeit eine Tasse heißeren Tees herbeigebracht wird. So tut der zweifellos unangenehme, aber doch nur recht kurz währende Vorfall dem Vergnügen des Gastes während seines Aufenthalts im Grunde keinen Abbruch. Nicht so bei einer Beschwerde. Dann liegt eine missliche Situation vor, aus der dem Gast nicht ohne Weiteres he-rausgeholfen werden kann. Sein Leiden, das Anlass für jene Beschwerde war, kann bestenfalls gelindert, nicht aber ganz aus der Welt geschafft werden.

Man hat es aus Sicht des Gastgebers also mit einer äußerst ernsten Angelegenheit zu tun, bei der es gilt, alles zu unternehmen, um die Beschwerde nicht in einen Streit ausufern zu lassen oder gar in eine juristische Auseinandersetzung. Eine Klage ereilt Hotels häufiger, als mancher sich denken mag, und stets besteht die Gefahr, dass sich die Affäre zur schlimmstmöglichen Peinlichkeit auswächst, die einem Hotel widerfahren kann: einem Skandal. Nicht ohne Stolz bekenne ich, dass der Rastende Kranich von einem solchen Vorfall in seiner langen Geschichte bis dahin verschont geblieben ist, und so hatte sich während meiner bald fünfzig Jahre im Dienste unseres Hotels nie etwas ereignet, das man einen Skandal hätte nennen können. Nicht zuletzt aus dieser Tatsache war der ehrgeizige Anspruch erwachsen, der Rastende Kranich möge stets ein Hüter der Ruhe sein.

Um auf den bedauernswerten Vorfall zurückzukommen: Wir schritten also die Treppe hinauf, in Führung ich, hinter mir Professor Lenard, und noch dahinter der Page mit dem Koffer.

»Ich bin äußerst gespannt, was Sie von Ihren Erfahrungen auf der Versammlung berichten werden und ob Ihnen durch den Austausch mit Ihren verehrten Kollegen neue Erkenntnisse vergönnt sind«, sagte ich und vermied dabei in voller Absicht eine direkte Frage an den Professor, die er in seiner Müdigkeit wohl kaum hätte beantworten wollen. So nickte er nur, als wir an das Ende des Flures gelangten, in dem das Zimmer mit der Nummer 107 lag, das für Professor Lenard ausgewählt worden war. Ich schloss die Tür auf und schaute, noch während ich sie öffnete, auf den Professor zurück. »Ich hoffe, das Fenster in unseren ruhigen Innenhof ist Ihnen genehm.«

Professor Lenard aber blickte an mir vorbei durch die Tür, die müden Augen mit einem Male weit aufgerissen. Auch dem Pagen dahinter waren die Züge entglitten, ihm stand gar ungeniert der Mund offen. Ich folgte ihrer beider Blicke in das Zimmer. Ein weiterer Nobelpreisträger zeigte sich darin, der berühmte Professor Max Planck, der wie erstarrt vor seinem Bett stand, und zwar – mir treibt die Erinnerung daran erneut die Schamesröte ins Gesicht – splitterfasernackt.

Der Auftritt Professor Plancks im Adamskostüm brachte mich augenblicklich in Not. Konfrontiert mit solcher Scham starrte ich ganz wie meine Begleiter fassungslos in das Zimmer, unfähig, mich zu rühren. Erst als weiter hinten im Flur ein Gast die Treppe heraufkam, gelang es mir, die Tür mit der gebotenen Eile, aber doch ohne Knallen zu schließen.

»Ich bitte ergebenst um Entschuldigung, dass Sie Opfer eines solchen Irrtums sind«, wandte ich mich umgehend an Professor Lenard und schickte sogleich den Pagen hinunter zu unserem Portier Wegenthaler, um prüfen zu lassen, warum das Zimmer mit der Nummer 107 schon belegt war. Der Page tat wie geheißen. Unterdessen knöpfte Professor Lenard, wohl aus Verlegenheit oder Ungeduld, seinen Mantel auf und wieder zu. Auch ich wusste nichts zu sagen, erschien es mir doch unverfroren, die Peinlichkeit mit einem Plausch zu überspielen.

Glücklicherweise währte das unangenehme Schweigen nur kurz, denn im nächsten Moment öffnete sich die Tür des Zimmers mit der Nummer 107 erneut, und Professor Planck steckte seinen Kopf heraus. »Ja?«, ließ er verlauten.

»Bitten entschuldigen Sie das Unentschuldbare«, sagte ich. »Offenbar hat es eine Verwechslung bei der Zimmernummer gegeben.«

»Zahlendreher sind mir nicht unbekannt«, erwiderte Professor Planck lächelnd, und auch wenn ich seinen Humor in Anbetracht der Privatheiten, die wir unfreiwillig begutachtet hatten, beinahe ein wenig unangemessen fand, erleichterte er mich damit zugegebenermaßen doch.

Professor Lenard aber verzog keine Miene. Das brachte mich in die missliche Lage, einerseits auf Professor Plancks Bemerkung mit einem höflichen Lachen reagieren zu müssen, andererseits aber auch Professor Lenards anhaltende Pikiertheit nicht leichterhand übergehen zu wollen.

»Zahlendreher solcher Tragweite sind den Herren Professoren sicher noch nicht passiert«, versuchte ich jener Zwickmühle mit einem schiefen Lächeln zu entkommen, das sich für den einen als amüsiert, für den anderen als reumütig deuten ließ.

Erst jetzt schien Professor Planck seines Kollegen Lenard gewahr zu werden. Seine Miene verdunkelte sich, und er öffnete die Tür ganz. Erleichtert stellte ich fest, dass der Professor nun Hose und Hemd trug, wenngleich bei Letzterem ein Knopf offen stand und einen etwas zu freizügigen Blick auf spärliche Brustbehaarung preisgab.

»Sie sind auch hier eingebucht?«, fragte Professor Planck in Richtung seines Kollegen Lenard.

»Frühzeitig«, gab der zurück, freilich ohne seinen Kollegen dabei anzusehen und stattdessen immer noch mit seinem Mantel beschäftigt. Dieses Verhalten, mehr noch aber die ausbleibende gegenseitige Begrüßung bestätigten mir, was ich schon beim ersten Blick Professor Plancks auf Professor Lenard erahnt hatte: Jene so verdienstvollen Kollegen – beide anerkannte Koryphäen ihrer Disziplin –, sie mochten sich nicht.

Professor Lenard richtete seinen Blick endlich auf Professor Planck. »Sie leiten die Sitzung am Donnerstag?«

»Ich habe die Ehre.«

Professor Lenard neigte den Kopf und schaute den Korridor hinunter, als hätte er dort etwas entdeckt, das seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Tatsächlich thronte dort hinten in der Ecke aber nur, wie eh und je, der Stuhl, auf dem der verehrte Fürst Bismarck einst im Rastenden Kranich an einem schönen Nachmittag im August seinen Tee getrunken hatte.

»Natürlich nur, insofern meine Sitzungsleitung für Sie kein Problem darstellt«, fügte Professor Planck hinzu.

»Sie werden sich bestimmt nicht die Blöße geben, die Stimmen der Vernunft zu übergehen«, sagte Professor Lenard.

»Das rationale Argument ist Zweck der Debatte«, gab Professor Planck zurück. »Darauf können wir uns einigen.«

»Ich wollte nur sichergehen«, sagte Professor Lenard. »Zuletzt schien mir, als hätten Sie der Kausalität abgeschworen.«

»Ganz im Gegenteil, ich habe mich von ihr überzeugen lassen.«

»Wohl eher von mathematischem Budenzauber.«

»Manch einer mag es Intelligenz nennen.«

»Oder Dekadenz.«

Dieser Schlagabtausch wurde mir zunehmend unangenehm, trugen zwei unserer Gäste hier doch einen Streit aus, dem ich nur schwerlich zu folgen verstand und den ich darum auch kaum zu schlichten vermochte. Ich war erleichtert, dass in jenem Moment der Page die Treppe heraufeilte und das Gespräch unterbrach – nur um mir aber sogleich den nächsten Schlag zu versetzen. »Die 107 wurde doppelt belegt«, presste er atemlos hervor.

Die Professoren richteten ihre Blicke wieder auf mich, dem die wachsende Zahl der Verfehlungen unseres Hotels die Hitze in die Wangen trieb: Ein Nobelpreisträger war in seinem Intimsten gestört worden, nun stritt er mit einem weiteren Nobelpreisträger, und zu allem Überfluss waren sie auch noch auf dasselbe Zimmer gebucht. Mir blieb keine Zeit, mich mit der zweifelhaften Bilanz unseres Hotels gleich am ersten Tag der so bedeutenden Naturforscherversammlung zu beschäftigen. Die doppelte Belegung verlangte nach einer schnellen Lösung, konnte ich die beiden Professoren doch kaum bitten, sich gemeinsam in Zimmer 107 wohnhaft zu machen.

»Ein äußerst bedauerlicher Fauxpas«, erklärte ich mit der nötigen Zerknirschtheit. »Ich bitte die Herren in aller Form um Verzeihung. Als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten dürfen Sie davon ausgehen, heute Abend auf Kosten des Hauses in unserem Speisesaal zu dinieren. Professor Lenard, Sie werde ich zu einem anderen Zimmer geleiten, das hoffentlich genauso Ihr Gefallen finden wird wie dieses hier. Professor Planck, ich hoffe, Sie können den Aufenthalt in Ihrem Zimmer trotz der bedauerlichen Störung weiter genießen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag!«

»Schönen Tag auch«, erwiderte Professor Planck, vermied dabei aber einen Blick auf seinen Kollegen Lenard, der seinerseits gänzlich stumm blieb.

Daraufhin stieg ich mit Professor Lenard und dem Pagen weiter die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Seit jeher ist es so, dass sich der Rastende Kranich im Sinne seiner Gäste den Luxus erlaubt – selbst wenn das Hotel vollständig ausgebucht ist –, zwei Zimmer im zweiten Stock planmäßig leer stehen zu lassen. Zum einen dienen sie dem Zweck, einen Gast in einem plötzlichen Notfall unverzüglich umquartieren zu können – zum Beispiel, wenn sich ein Fensterbruch durch einen Vogel ereignet, eine Absurdität, die unserem Hotel bereits zweimal widerfuhr, einmal unter Mitwirkung eines Habichts, ein anderes Mal durch einen Eichelhäher. Zum anderen kann durch ein solches Zimmer Gästen von gewisser Bedeutung kurzfristig ein Aufenthalt in unserem Hotel ermöglicht werden – wie einst geschehen im Falle des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, den ein Achsenbruch seines Wagens zu einer ungeplanten Übernachtung in Bad Nauheim zwang. In einem der beiden Zimmer wollte ich nun Professor Lenard unterbringen. Freilich sind die Räumlichkeiten nachteilig gegenüber dem Zimmer mit der Nummer 107. Nicht bloß sind sie etwas kleiner, vor allem sind sie zur Ludwigstraße ausgerichtet und nicht zum ruhigen Innenhof. Unter gewöhnlichen Umständen stellt das kein Problem dar, an belebten Tagen wie denen der Versammlung bedeutet das aber doch einen Nachteil, vor allem des Abends, wenn unsere Gäste besonderer Ruhe bedürfen.

Professor Lenard bemerkte den Mangel sogleich. Er schritt zum Fenster, blickte hinaus, strich sich den Mantel glatt und seufzte unzufrieden. »Deshalb hatte ich mich frühzeitig für ein Zimmer zum Innenhof gemeldet.«

»Der Fehler liegt ganz auf unserer Seite. Wir werden uns bemühen, Ihnen den Aufenthalt dennoch so erträglich wie möglich zu gestalten.«

»Und doch kann ich das Zimmer nicht akzeptieren.«

Da war sie also, die Beschwerde, auf die ich eingangs meiner Ausführungen zu sprechen kam.

»Selbstverständlich werden wir versuchen, diesen Nachteil für Sie aufzuwiegen«, versuchte ich dem Professor sogleich ein Angebot zu unterbreiten. »Ihre Wünsche von unserer Weinkarte sollen für Sie in den kommenden Tagen keine zusätzlichen Kosten bedeuten.«

»Mir ist neu, dass Lärm und Wein einander aufwiegen.«

Es schien offenkundig, dass es unmöglich sein würde, den Professor mit dem Missstand eines Zimmers zur Ludwigstraße zu versöhnen, und so beging ich einen folgenschweren Fehler. Ich kann nicht sagen, was mich dabei trieb – ob es die Prominenz des Professors war oder der lastende Druck der Beschwerde –, jedenfalls gab ich dem Professor ein Versprechen, von dem ich keine Vorstellung besaß, wie ich es einhalten sollte. »Keine Sorge«, erklärte ich, »dies wird nur für eine Nacht Ihr Zimmer sein. Schon morgen sollen Sie eines zum Innenhof bekommen.«

Ich konnte nicht ahnen, dass dieses Versprechen nur der Auftakt sein sollte zu der unheimlichen Verwicklung meiner Person in Umstände, welche die Ruhe im Rastenden Kranich auf eine Weise stören sollte, wie es in der Geschichte unseres Hotels nie zuvor geschehen war.

Sonntag, 19. September 1920, am Abend

Es lohnt sich kaum, in aller Ausführlichkeit zu berichten, wie sich meine Bemühungen um ein Zimmer zum Innenhof zunächst auf die naheliegendste Möglichkeit richteten: einer Sondierung unseres Fremdenbuches, ob nicht doch ein Zimmer trotz Buchung leer geblieben war, sich ein Gast zur frühzeitigen Abreise entschlossen hatte oder eine Stornierung für die kommenden Tage vorlag. Nichts dergleichen war der Fall. Um des guten Anstands willen möchte ich meine Flüche auf die bittere Bestätigung meiner Befürchtungen nicht zu Papier bringen, doch ich bekenne freimütig, dass sie durchaus derb ausfielen. Nun bestand die Gefahr, Professor Lenard nicht nur in einem ungeliebten Zimmer untergebracht zu haben, sondern auch mein Versprechen auf Besserung seiner Lage, mit der ich bei ihm im Wort stand, nicht einhalten zu können.

Immerhin stieß ich während meiner Untersuchungen auf die Ursache jenes Malheurs, das mir so viele Schwierigkeiten bereitete. Professor Lenard hatte schon frühzeitig ein Zimmer zum Innenhof gebucht, und tatsächlich war ihm das Zimmer mit der Nummer 107 zugewiesen worden. Allerdings hatte sich bei der handschriftlichen Notiz in unserer Gästeliste ein Fehler eingeschlichen. So nahm sich nämlich in der Zimmernummer die Sieben für eine Eins aus, sodass man meinen konnte, der Professor werde während seines Aufenthalts das Zimmer mit der Nummer 101 bewohnen. Der Fehler war später freilich aufgefallen, denn als das Zimmer mit der Nummer 101 an einen anderen Gast vergeben werden sollte, war die undeutliche Sieben in Lenards Zeile durchgestrichen und durch eine deutlichere Sieben ersetzt worden. Nur hatte sich unglücklicherweise in der Zwischenzeit auch Professor Planck in unserem Hotel eingebucht, und bei dieser Gelegenheit hatte man die Nummer 107 noch für frei gehalten. Eine eilig hingeschmierte Notiz war somit der Grund für all die folgenschweren Verwicklungen, und der Urheber jener Notiz konnte nur derjenige sein, der sich seit über vierzig Jahren um unser Fremdenbuch kümmerte – unser Portier Wegenthaler.

Nun ist es so, dass ich Herrn Wegenthaler über alle Maßen schätze und dass sein Pflichtbewusstsein und sein Eifer bei Weitem alle Erwartungen übertreffen, die man an jemanden in seinem Dienst zu richten vermag. Ich kann mich nicht erinnern, dass Herr Wegenthaler seiner Arbeit in unserem Hotel, die er beinahe ebenso lange ausübt wie ich die meine, irgendwann einmal aufgrund einer Krankheit ferngeblieben wäre, und so klagt er auch nie über sein Bein, an dem er anno 1870 von einer französischen Kugel verwundet wurde und das er seither bei ungünstiger Witterung schmerzhaft nachzieht.

Den Bedürfnissen unserer Gäste ist Herr Wegenthaler stets zugewandt, kein noch so abenteuerlicher Wunsch, keine noch so dringliche Bitte vermag seinen Einfallsreichtum zu überfordern. Beispielhaft sei hier der Prokurist aus Wien genannt, der unter einem tödlichen Magengeschwür litt und einst seine letzten Monate im Rastenden Kranich verbrachte. Unser sterbenskranker Gast erfuhr damals aus der Zeitung, dass gleichfalls Elisabeth von Österreich einige Wochen lang für ihre Kur in Bad Nauheim weilte, und von da an verzehrte es den Herrn danach, seiner Kaiserin zumindest einmal in seinem Leben seine Aufwartung zu machen. Doch obwohl der Prokurist die kaiserliche Hoheit bald im Kurpark aus der Ferne erblickte, wagte er es nicht, an sie heranzutreten. Zu sehr fürchtete er ihre Entourage, welche die Kaiserin zu ihrem Schutze stets umgab, und zu ernst nahm er die Autoritäten, die in der Presse die Bürger unseres Kurorts ermahnten, den hohen Besuch nicht zu belästigen. So kam es, dass unser sterbenskranker Gast unserem Portier Wegenthaler von der Vergeblichkeit seines Wunsches berichtete. Doch was tat daraufhin Herr Wegenthaler? Er redete unserem Gast sein Begehren nicht sanft aus, wie ich es wohl unter derlei Umständen getan hätte, nein, unser Portier suchte noch am selben Tag die Villa in der Burgallee auf, in der die Kaiserin nächtigte. Dort gab Herr Wegenthaler an, ein dringendes Gesuch vor Ihre Hoheit bringen zu müssen, das er aber nur der Kaiserin persönlich preisgeben dürfe. So hartnäckig und eloquent zeigte sich Herr Wegenthaler, dass man ihn tatsächlich und gegen alle Wahrscheinlichkeit zu Ihrer Majestät vorließ. Herr Wegenthaler hat mir nie erzählt, wie die Unterredung bei der Kaiserin verlief, unser Portier ist viel zu bescheiden, solche Begebenheiten auszuschmücken. Am nächsten Tag aber, da unternahm er mit unserem Gast einen Spaziergang im Kurpark, und als die beiden sich auf einer Bank am großen Teich niederließen, da geschah es, dass tatsächlich die Kaiserin Elisabeth von Österreich mit ihrer Entourage vorüberkam und wahrhaftig dem Prokuristen aus Wien einen schönen Tag wünschte. Der Herr erbleichte und erhob sich, nickte erst, verbeugte sich dann, ehe es ihm endlich gelang, gleichfalls einen Gruß auszusprechen. Schon im nächsten Augenblick war Ihre Kaiserliche Hoheit vorüber, doch unser Gast sollte für den Rest seines Aufenthalts ein Lächeln auf den Lippen tragen – Ausdruck des Geschenks, das ihm für seine letzten Lebenswochen bereitet worden war.

In einem Wort: Herr Wegenthaler ist als unser Portier über jeden Zweifel erhaben, und ich bekenne, dass ich mich schon allein um seiner Gesellschaft willen gern in unserem Vestibül aufhalte. Es erscheint darum wohl verständlich, dass ich dem von mir so geschätzten Mann seine undeutliche Notiz nicht zum Vorwurf machen wollte, auch deshalb, weil ich ahnte, wie sehr er sich jenes allzu menschliche Versehen selbst zu Herzen nehmen würde. Wohl hätte ich dann auch den Drang verspürt, Herrn Wegenthaler in den Arm zu nehmen, eine Handlung, die ein gebotenes Maß an Distanz unterschritten hätte, und so entschied ich mich, meinen Fund für mich zu behalten und über die Ursache für das doppelt belegte Zimmer zu schweigen.

Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass das Problem danach verlangte, gelöst zu werden. Da ich Professor Planck trotz seiner späteren Buchung kaum bitten konnte, aus seinem Zimmer wieder auszuziehen, fiel mir nur eine Möglichkeit ein, die ernstlich in Betracht kam, diese verteufelte Angelegenheit für unser Hotel doch noch zum Guten zu wenden. Zwar hielt ich auch diesen Plan für keine Lösung, mit der sich der Rastende Kranich künftig würde schmücken können, aber es handelte sich doch zumindest um einen jener Auswege, welche, wenn man später darüber den Mantel des Schweigens legt, am Ende doch für alle Seiten eine glückliche Fügung bedeuten.

Der Ausweg, von dem hier die Rede ist, verlangte die besondere Unterstützung einer Dame, die in diesen Tagen bei uns zu Gast war, namentlich der Madame Hunderbrock. Um das zu erklären, muss ich zunächst ein paar Worte über die Madame verlieren. Schon seit langer Zeit, wohl die Hälfte der Ewigkeit, die ich selbst meinen Dienst verrichte, dürfen wir die Madame jeden Herbst unseren Gast nennen. Sie tritt ihren Aufenthalt immer im September an, um dann bis Ende November bei uns zu verweilen, ganze drei Monate, die sie alljährlich für ihre »Kur« bei uns aufwendet. Stets reist die Madame allein an, sodass man meinen könnte, sie sei eine ungebundene, womöglich verwitwete Dame. Tatsächlich aber lebt die Madame die restlichen neun Monate des Jahres in einem herrschaftlichen Haus in der Hamburger Vorstadt mit ihrem Gatten, den kennenzulernen mir bislang nicht vergönnt war, der aber, folgt man den Berichten der Madame, eine zweifelhafte Gesellschaft darstellt. Meiner bescheidenen Einschätzung nach bedeutet die herbstliche Kur für die Madame also wohl vor allem eine Erholung von ebenjener fordernden Zweisamkeit, um nicht zu sagen, sie nutzt die drei Monate in erster Linie, um diesem unerfreulichen Mann zu entkommen. Wie meine intimen Berichte aus dem Eheleben der Hunderbrocks nahelegen, habe ich zu der Madame im Laufe der vielen Jahre ein engeres Verhältnis gefasst als zu den meisten anderen Gästen, und ich scheue mich nicht zu bekennen, dass man es – würde uns die Madame nach ihren Aufenthalten nicht stets fürstlich entlohnen – durchaus freundschaftlich nennen könnte.

Für die Erholung der Madame war es bislang unabdingbar gewesen, dass sie stets dasselbe Zimmer zugewiesen bekam, um, wie sie verlauten ließ, sich »heimischer zu fühlen als daheim«, und ihr Zimmer weist, wie man sich schon denken mag, in den Innenhof. Meine Pläne zur Befriedung der Angelegenheit Lenard gingen folglich in die Richtung, die Madame aufgrund unserer so ausgezeichneten Beziehung zu ersuchen, ihr Zimmer zumindest für einige Tage an den Professor abzutreten und währenddessen in eines der beiden Zimmer im zweiten Stock zu ziehen. In der Hoffnung, bei der Madame besondere Nachsicht für einen Zimmerwechsel zu finden – natürlich hatte ich schon Ideen für gewisse Angebote entwickelt, die ihr im Falle eines Entgegenkommens zum Vorteil gereichen sollten –, suchte ich sie noch am selben Abend während des Diners im Speisesaal auf. Die Madame hatte sich die Wachteln bestellt und verspeiste sie bereits mit der ihr eigenen Exaltiertheit. Als ich zu ihr trat, sah sie auf und empfing mich mit großer Geste.

»Herr Kleeberger, wie gut, dass Sie kommen«, erklärte sie unumwunden. »Also diese Wachteln! Wie sehr habe ich mich schon heute Morgen darauf gefreut. Beim Frühstück habe ich mich sogar ganz gegen meine Veranlagung zurückgehalten. Und nun muss ich Ihnen ehrlich sagen – diese Wachteln schmecken mir überhaupt nicht!«

»Madame, ich fühle großes Bedauern angesichts Ihres strengen Urteils. Ich hoffe, der Tafelspitz, den wir Ihnen morgen servieren werden, wird dafür umso mehr Ihre Zustimmung finden«, erwiderte ich, freilich ohne ihr ein anderes Gericht oder sonst eine Entschädigung anzubieten. Die Madame wäre bei einem solchen Angebot ernstlich beleidigt gewesen, denn ihre Klage über unsere Mahlzeiten war vor allem ein Spiel zwischen ihr und mir, ein für sie überaus bedeutsames Ritual. Einen beträchtlichen Teil ihrer Erholung zog die Madame nämlich nicht in erster Linie daraus, dass sie in unserem Hotel Forderungen stellen konnte, die ihr ohne Umschweife erfüllt wurden, sondern aus dem Umstand, dass sie in ihrer Kritik an unseren Gefälligkeiten maßlos sein durfte – selbst wenn ihr Missfallen, wie ich es im Falle der Wachteln vermutete, eigentlich jeder Grundlage entbehrte. Hinter dem Verhalten der Madame vermutete ich die Zwänge der Hautevolee, in der sie sich in Hamburg bewegte. Eine Welt des Wohlstands, aber auch eine Umgebung der beengten Formen, in der so manches ungesagt bleiben musste und die damit das darstellte, was man gemeinhin einen goldenen Käfig zu nennen pflegt.

»Ich hatte eher befürchtet, die allzu aufregende Versammlung der verehrten Wissenschaftler könnte Ihrer Kur abträglich sein«, sagte ich und ließ meinen Blick durch den bis auf den letzten Platz gefüllten Speisesaal gleiten.

»Der Trubel ist mir eine willkommene Abwechslung. Sind Sie tatsächlich so eitel zu glauben, Ihr bescheidener Anblick würde mir genügen? Ältere Herren wie Sie finde ich hier zur Genüge. Da gefallen mir diese jungen Forscher durchaus.«

»Ich wollte nicht so schamlos sein, Ihnen Derartiges zu unterstellen«, erwiderte ich. »Im Übrigen stecke ich mit einem der Forscher in einer gewissen Misere, bei der Sie mir womöglich behilflich sein könnten.«

»Was Sie nicht sagen! Worum geht es?«, rief die Madame, und ihre Augen glänzten vor Neugier, ob der Abwechslung, den mein unerwartetes Gesuch in ihren wohligen, aber doch auch etwas gleichförmigen Alltag bei uns zu bringen versprach.

»Hoffentlich übertrete ich mit meinem Anliegen nicht zu sehr die Grenzen des guten Geschmacks«, wand ich mich, um die Madame ein wenig zu necken.

»Sie Scheusal! Nun sagen Sie schon!«

»Es ist eine arg beschämende Bitte.«

»Sie sind unmöglich! Gleich will ich es gar nicht mehr wissen.«

Ich zögerte noch kurz, indem ich mich geflissentlich nach allen Seiten umsah, und beugte mich sodann zu der Madame hinunter, um ihr mit verschwörerisch leiser Stimme meine Verlegenheit zu erklären. Sie lauschte mit augenfälligem Vergnügen und hob die Brauen, als ich geendet hatte.

»Ich soll also mein geliebtes Zimmer aufgeben, damit Ihr Gast ein Fenster zum Innenhof bekommt?«

»Ich bedaure die Dreistigkeit.«

»Dass Sie sich nicht schämen.«

»Über alle Maßen.«

»Wer ist dieser Professor Lenard überhaupt? Ich kenne ihn ja gar nicht.«

»Er sitzt dort drüben am Wintergarten«, sagte ich leise und deutete auf den kleinen Tisch, an dem der Professor gerade allein sein Abendessen zu sich nahm.

»Ein suspekter Herr, wenn Sie mich fragen«, erwiderte die Madame.

»Wie kommen Sie zu Ihrem harten Urteil?«

»Von Männern mit Bärten halte ich nichts.«

»Das ist mir bekannt«, erwiderte ich und strich mir über meinen Schnurrbart, den ich an diesem Morgen gewissenhaft gestutzt hatte.

»Dann sollten Sie wissen, dass ich nicht gedenke, an einen solchen Menschen mein Zimmer abzutreten. Wodurch sollte er sich das verdient haben?«

»Nun, Professor Lenard ist der Leiter des größten physikalischen Instituts in ganz Deutschland, und er hat den Nobelpreis erhalten.«

»Nobel hat das Dynamit erfunden. Womöglich hat dieser Lenard auch eine Bombe gebaut? Mit so einem Herrn tausche ich nicht.«

»Ich hoffe, Sie gestehen mir zu, dass mir für eine Erklärung der Einzelheiten seiner wissenschaftlichen Errungenschaften das Verständnis fehlt.«

»Natürlich gestehe ich Ihnen das nicht zu. Finden Sie heraus, woran er forscht. Da sitzt er. Fragen Sie ihn. So viel kann ich angesichts Ihrer Dreistigkeit doch wohl verlangen.«

Es war offenkundig, dass die Madame mich quälen wollte, und es war mir auch durchaus unangenehm, den zweifellos immer noch verärgerten Professor so unverblümt über seine Forschung auszufragen. Aber da ich der Unterstützung der Madame in dieser misslichen Angelegenheit zwingend bedurfte, ließ ich mich auf den fragwürdigen Handel ein und ging hinüber zu Professor Lenard, der sich gerade ebenfalls an den Wachteln genügsam tat.

»Einen schönen guten Abend, Herr Professor! Ich hoffe, Sie können trotz der unerfreulichen Ereignisse bezüglich Ihres Zimmers unsere Wachteln genießen?«, begrüßte ich ihn.

»Sie sind ein wenig zäh«, gab er kauend zurück.

Seine Bemerkung versetzte mir einen weiteren Stich, und ich sehnte mich danach, dass dieser trübselige Tag endlich ein Ende finden würde. »Es schmerzt mich, Sie abermals zu enttäuschen. Gern kann ich Ihnen zartere Wachteln bringen lassen.«

»Das lohnt nicht«, erwiderte der Professor, dem die zähen Wachteln offenbar weit weniger zu Herzen gingen als die Tatsache, dass ich ihn während seines Abendessens störte. Ich unternahm also den Versuch, sogleich auf den Punkt zu kommen.

»Natürlich gehen mich die Belange unserer Gäste nichts an, deshalb entschuldigen Sie bitte meine indiskrete Frage. Aber da wir mit Ihnen nun einmal einen so ehrenwerten Gast bei uns haben, würde ich zu gern von dem Verdienst hören, für das Sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.«

»Die Kathodenstrahlen«, gab Professor Lenard zurück.

»Die Kathodenstrahlen«, nickte ich.

»Im Vakuum und in Gasen von atmosphärischem Druck.«

»Ah ja, der atmosphärische Druck.«

»So ist es«, sagte Professor Lenard und schob eine zähe Wachtelbrust beiseite, um seine Aufmerksamkeit dem Rosenkohl zu widmen.

»Haben Sie vielen Dank für Ihre Erklärung. Ich hoffe, die Herrencreme zum Dessert wird dafür umso mehr Ihr Gefallen finden. Ich kann Ihnen Schokoladenraspeln und einen guten Schuss Rum versprechen«, sagte ich und zog mich zurück, um die neu gewonnenen Erkenntnisse mit der Madame Hunderbrock zu teilen. Sie hatte ihren Teller inzwischen geleert und sah mir erwartungsfroh entgegen.

»Nun?«

»Der Professor war tatsächlich so freundlich, mir zu erläutern, für welche Leistung er mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Es sind die Kathodenstrahlen.«

»Die was?«

»Er hat sich mit den Kathodenstrahlen im Vakuum und in Gasen von atmosphärischem Druck beschäftigt.«

»Lieber Himmel! Ich höre Gas, und ich denke an Weltkrieg!«

»Dieser Zusammenhang dürfte rein assoziativer Natur sein.«

»Und was sollen die Kathodenstrahlen darstellen?«

»In solche Einzelheiten sind wir in unserem Gespräch nicht hinabgestiegen.«

»Dann fragen Sie ihn doch!«

»Geehrte Madame, ich kann den Professor doch nicht schon wieder belästigen.«

»Natürlich können Sie das. Die Gazetten schreiben neuerdings ständig von diesem Einstein. Kennen Sie den? Ein fescher Mann. Der kommt allein durch Nachdenken zu seinen Schlüssen. Ist Ihr Professor Lenard auch so einer?«

»Das entzieht sich leider meiner Kenntnis.«

»Finden Sie es heraus.«