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Die Angst, nach dem Einschlafen nicht mehr aufzuwachen, schnürt dir jede Nacht die Kehle zu. Die Dunkelheit, die unweigerlich auf den Sonnenuntergang folgt, bereitet dir Todesangst. Du warst am Abgrund. Wie sollst du jemals wieder zurückfinden? Noah Avens versucht nach einem schweren Unfall sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Eine Auszeit, ein Selbstverteidigungskurs und ein neuer Job sollen dabei helfen. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Bjarne, der aus einer faszinierenden und gefährlichen Welt kommt, in die er sich allein niemals getraut hätte. Tropes: MM Romance, Biker, Found Family, Friendship
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ysold Abay
© dead soft verlag, Mettingen 2025
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D-49497 Mettingen
© the author
Cover: © the author
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1. Auflage
ISBN 978-3-96089-827-6
ISBN 978-3-96089-828-3 (ebook)
Die Angst, nach dem Einschlafen nicht mehr aufzuwachen, schnürt dir jede Nacht die Kehle zu. Die Dunkelheit, die unweigerlich auf den Sonnenuntergang folgt, bereitet dir Todesangst. Du warst am Abgrund. Wie sollst du jemals wieder zurückfinden?
Ich entfloh dem Lärm in der kleinen Kneipe, in der wir waren, und stellte mich neben die Eingangstür, zog eine abgegriffene Schachtel Zigaretten aus der Tasche meiner Kutte und das dazugehörige Feuerzeug. Den Blick ließ ich über die Straße schweifen, in der sich jede Menge andere Bars befanden. Nebenan leuchtete der Schein eines Regenbogenschildes und ich musste lächeln.
Gerade als ich die Kippe im Mund hatte und sie anzünden wollte, machte mich Gelächter in der Seitengasse gegenüber aufmerksam.
Undeutliche, laute Stimmen, schrilles Lachen, irgendetwas wurde umgestoßen. Ich ließ das Feuerzeug wieder sinken. Zwischen all dem Stimmengewirr hörte ich nur einzelne Worte heraus. Allein ... Du Schwuchtel. Verpiss dich!
Meine Alarmglocken begannen sofort schrill zu läuten. Es war eindeutig, dass es keine nette Unterhaltung war, die da gerade geführt wurde.
„Vollidioten“, murmelte ich vor mich hin und zündete mir endlich die Zigarette an. Ich sog den Rauch in meine Lungen und atmete dann seufzend wieder aus. Die weiße Wolke waberte von mir weg durch die Nacht.
„Ich will nur vorbei“, ertönte plötzlich eine unsichere Stimme zwischen all den anderen und hallte zu mir herüber. Wieder lautes Gelächter. Jemand brüllte laut. Dann ertönte ein markerschütternder Hilfeschrei.
Ich schmiss die Zigarette neben mich, irgendwo dorthin, wo der Aschenbecher sein musste, und rannte los. Ohne nachzudenken. Über die Straße und in die Seitengasse hinein, an deren Anfang ich wie angewurzelt stehen blieb.
„Ey!“, brüllte ich laut in die Richtung der Gruppe. Sie standen im Kreis um jemanden herum. Dunkle Gestalten, ohne Gesicht. Nur Schatten in der finsteren Gasse. Es war nicht schwer zu übersehen, dass sie auf die Person einprügelten. Einige Köpfe schnellten in meine Richtung, als mein Rufen von den Wänden widerhallte.
„Willst du wohl mitmachen?“, entgegnete mir einer lachend. Ich blickte mich in der Gasse um und sah einen Haufen alter Metallstangen, von denen ich mir eine griff und schnellen Schrittes auf die Gruppe zuging.
„Verpisst euch, fan också“, brüllte ich rasend vor Wut und schubste die Menge auseinander. Ich wagte nicht, auf die Person zu blicken, die zwischen ihnen lag.
„Wird’s bald!“ Ich klopfte mit der Stange auf den Boden neben mir. Metallenes Klingen hallte durch die Gasse, als ich hasserfüllte Blicke auf die Angreifer warf. Ich war wie in einem Tunnel gefangen, alles um mich herum glühte von all dem Zorn in mir.
Vor der Gasse war Stimmengewirr zu hören, weitere Schreie und lautes Rufen, worunter ich einige meiner Brüder erkannte. Endlich zogen sich die Angreifer zurück und ließen mich mit meiner rasenden Wut und dem Opfer auf dem Boden zurück.
Die Stange klirrte, als ich sie fallen ließ und mich neben den Verletzten auf den Boden kniete. Ich drehte ihn auf den Rücken und blickte in das blutige, zusammengeschlagene Gesicht. Die roten Haare waren mit seinem eigenen Blut verklebt. Er war kaum mehr erkennbar, unter den Wunden, die ihn verunstalteten. Als ich ihn berührte, um seinen Puls und die Atmung zu prüfen, zuckte er zusammen.
Er lebte noch. Während ich nach meinem Mobiltelefon kramte, hörte ich nur ein Säuseln aus seinem Mund. Unzusammenhängende Worte.
„Was hast du da drin?“, ächzte Kai, als er einen Karton aus dem Umzugslaster hievte. „Backsteine?“
„Bücher“, antwortete ich lächelnd und griff nach einem weiteren Karton, der wesentlich leichter war. Darauf stand in meiner Handschrift: Wohnzimmer. Das waren die Lampen und der ganze Dekokram.
Ich folgte ihm über den Gehsteig und durch die Tür in das Treppenhaus. Meine neue Wohnung und ich konnte kaum glauben, dass ich das dachte, lag im ersten Stock. Also mussten sich meine Umzugshelfer nicht zu sehr quälen. Dante und Kai hatten noch zwei weitere Freunde mitgebracht, wofür ich ihnen unheimlich dankbar war. Zu dritt hätten wir ewig gebraucht. Colton und Eric waren nett und hatten mich sofort herzlich aufgenommen und mit angepackt.
Es war eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung in einem netten Stadtteil, nicht weit entfernt von Kais und Dans Wohnung. Darauf hatten sie bestanden und wahrscheinlich war es für den Anfang besser.
Eine neue Stadt, ein neues Zuhause, ein neuer Job. Vielleicht etwas viel für jemanden, der erst vor wenigen Monaten aus dem Koma aufgewacht war.
„Wo soll das hier hin?“, fragte Dante, der unschlüssig in die Küche trat. Ich stellte meinen Karton ab und ging zu ihm. Auf Dans stand: Kram.
„Ähm …“ Ich musste kurz über mich selbst lächeln. „Keine Ahnung, stell es ins Arbeitszimmer.“
Ich nannte es ‚Arbeitszimmer‘, obwohl darin nur Kisten gelagert waren, von denen ich nicht wusste, wohin damit. Ob es irgendwann ein Arbeitszimmer werden würde, wusste ich noch nicht. Es war nicht mal ein Schreibtisch unter den Möbeln, die ich mitgenommen hatte. Nur mein Bett, den Kleiderschrank, eine kleine Kommode, zwei Bücherregale und meinen Fernseher. Mit den wenigen Kartons, die mit Kücheneinrichtung, Klamotten oder Büchern vollgestopft waren, hatte ich den Sprinter der Umzugsfirma nicht einmal ganz voll bekommen.
Auf Kais Frage, warum ich denn nur so wenige meiner alten Möbel mitgenommen hatte, wusste ich keine zufriedenstellende Antwort. Es hatte sich nicht richtig angefühlt.
Kai bot sich an, den Sprinter auf dem Parkplatz um die Ecke abzustellen, damit ich ihn am nächsten Vormittag abgeben konnte. Ich nahm einen der letzten Kartons, schleppte ihn nach oben in den ersten Stock und ins Schlafzimmer.
Den Karton stellte ich vor meinem Kleiderschrank ab. Er war schon fertig aufgebaut. Genauso wie das Bett. Eigentlich war das Schlafzimmer der einzige Raum, in dem irgendwas stand.
Mein Plan war gewesen, auf der Matratze auf dem Boden zu schlafen. Aber nachdem Kai und Dante sich nicht davon hatten abbringen lassen, das Bett aufzustellen, Eric mir mit dem Kleiderschrank geholfen hatte und Colton die meisten der Kisten nach oben gebracht hatte, war ich glücklich, in dieser Nacht nicht auf dem Boden schlafen zu müssen.
Coltons Freund war ein Energiebündel und seine positive Energie hatte sofort auf mich abgefärbt. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich in diesem Moment nicht wehleidig an mein altes Leben dachte, sondern glücklich lächelnd auf mein spärlich eingerichtetes Schlafzimmer blickte.
Als ich wieder zurückging, stand Kai in der Mitte des Wohnzimmers und balancierte einen Turm aus Pizzakartons auf seinen Händen. In der ganzen Wohnung breitete sich der Duft von geschmolzenem Käse, warmem Teig und würziger Tomatensoße aus. Eine würdige Belohnung nach diesem Tag.
Ich kramte in einem der Kartons nach Messern, Servietten oder irgendetwas Ähnlichem, gab die Suche aber relativ schnell wieder auf. Das höchste der Gefühle beim Packen der Kisten war gewesen, dass ich außen das passende Zimmer darauf geschrieben hatte.
Die kleine Runde meiner Umzugshelfer saß kurz darauf auf dem Wohnzimmerboden im Kreis, jeder mit einem aufgeklappten Pizzakarton vor sich. Es war plötzlich gespenstisch still. Kein Herumräumen mehr, kein Hämmern oder Schrauben. Andächtige Stille, in der nach einem anstrengenden Tag gegessen wurde.
„Ich wollte mich nochmal bei euch allen bedanken“, sagte ich etwas unbehaglich in den Raum hinein. „Ohne so viele Helfer wäre ich in dem ganzen Chaos völlig verloren gewesen.“
„Sehr gerne.“ Eric grinste. „Du kannst dich jederzeit melden, wenn du mal Hilfe brauchst.“
„Du musst Dich nicht bedanken.“ Kais Ton war streng, aber er sah mir zufrieden entgegen.
„Doch“, widersprach ich. „Ihr habt mit eurem Büro auch genug Arbeit.“
„Wegen einem Tag wird uns jetzt kein Auftrag durch die Lappen gehen.“ Dante machte eine abwinkende Bewegung mit der linken Hand, bevor er von seinem Pizzastück abbiss.
„Es gibt hier in der Nähe einen Laden, der gebrauchte Möbel verkauft. Dante liebt den, ihr solltet mal zusammen hin.“
Ich wusste, dass Kai auf die fehlenden Möbel anspielte. Couch, Esszimmertisch, Stühle.
„Gerne.“ Ich lächelte in Dans Richtung.
„Da gibt es antike Möbel, mit Verzierungen und so“, antwortete er mit vollem Mund. „Kai meinte, du magst so was.“
„Mögen?“ Kai lachte laut auf. „Er ist fast ausgeflippt, als ich ihm das Herrenhaus gezeigt habe.“
Ein eiskalter Schauder floss meinen Rücken hinab und ich bekam sofort Gänsehaut. Das Herrenhaus. Das Anwesen war der letzte Auftrag, an dem ich zusammen mit Kai gearbeitet hatte, bevor … Vor dem Unfall.
Ich lächelte nur emotionslos und aß weiter. Ich wollte nicht die ausgelassene Stimmung zerstören, die im Raum herrschte, und unterdrückte die düsteren Gefühle, die in mir aufkamen.
„Dann sollten wir da definitiv in den nächsten Tagen mal hingehen“, bestätigte Dante und grinste.
Ich versuchte mich auf das Gespräch zu konzentrieren, das zwischen den anderen entstand, aber es gelang mir nicht wirklich. Immer wieder schweiften meine Gedanken zum Herrenhaus und den Tagen vor dem Unfall ab. An denen ich euphorisch an dem prachtvollen Anwesen gearbeitet hatte und zufrieden mit meinem Leben war. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass etwas Unvorhergesehenes oder Schlimmes, wie der Unfall, passieren könnte.
Der lange Tag nagte ebenfalls langsam an mir und auch wenn ich die Gesellschaft schätzte, war ich froh, als die kleine Gruppe langsam beschloss zu gehen. Ich verabschiedete sie unten an der Haustür und blickte ihnen sogar noch eine Weile hinterher, als sie die Straße hinunter gingen.
Die Sonne ging langsam unter und zurück in der Wohnung, folgte ich meinen Zwang, jedes einzelne Licht anzumachen, bevor es dunkel wurde.
Es war irgendwie unheimlich, so allein. So still. Aber ich war froh, dass ich umgezogen war. Kurz nachdem ich im Krankenhaus aufgewacht war und Dante und Kai mir von ihrem Umzug erzählt hatten, war es schlimm gewesen. Ich fühlte mich so allein und zurückgelassen. Dabei konnte ich den beiden nicht mal einen Vorwurf machen, dass sie gegangen waren.
In den ersten Tagen nach dem Krankenhaus hielt ich es in meiner alten Wohnung kaum aus. Die Wände erdrückten mich, die ungeöffneten Briefe, die besorgten Anrufe meiner Eltern, die Staubschicht auf den Möbeln, die all die Monate nicht unvergessen machte.
Die ständigen Untersuchungen und Therapiesitzungen waren kaum auszuhalten. Das Krankenhaus war quasi mein zweites Zuhause geworden. Dabei wollte ich doch nur weg von dort und so sein wie früher. Ohne die Ängste. Ohne die Verletzungen. Und die Wochen zurückhaben, die ohne mich vergangen waren.
Kopfschüttelnd durchbrach ich den Gedankenstrom, der mich eine Weile auf die Leere des Wohnzimmers hatte blicken lassen.
Ich räumte bis spät in der Nacht die Kisten aus, sortierte mein weniges Geschirr in der Küche ein und schloss den Fernseher an. Weil ich noch kein Internet hatte, lief irgendeine DVD in Dauerschleife, damit ich mich nicht ganz allein fühlte.
Und als ich endlich so müde war, dass ich beinahe im Stehen eingeschlafen wäre, traute ich mich ins Bett. Mit geschlossener Tür, angeschaltetem Licht und der Decke bis zur Nase hochgezogen, schlief ich schließlich vor Erschöpfung ein.
***
Dantes und Kais neues Büro lag eine fünfzehnminütige Busfahrt von meiner Wohnung entfernt. Die zwei hatten mir angeboten, fürs Erste bei ihnen auszuhelfen. Dabei stand ihr Unternehmen noch am Anfang. Kai hatte nicht alle seine früheren Kunden mitnehmen können.
Das Haus, vor dem ich stand, hatte große Fensterfronten und wirkte freundlich und offen. Es erinnerte mich an das Büro, in dem er vorher gearbeitet hatte. Ich drückte auf die Klingel mit dem Schild ‚G&M Immobilien‘ und musste lächeln. Ein Neuanfang für uns alle.
„G&M Immobilien?“, kam es ernst aus dem Lautsprecher neben mir.
„Das wolltest du schon lange machen, oder?“, fragte ich.
„Ja.“ Dantes Grinsen war deutlich in seiner Stimme zu hören. „Komm rein.“
Der Türöffner summte und ich drückte gegen die Tür. Im Eingangsbereich war ein Wegweiser angebracht, auf dem das Büro der beiden im ersten Stock eingezeichnet war. Ich lief die Treppen nach oben und wurde von Dante begrüßt, der in der offenen Tür stand.
„Hey.“ Er nahm mich fest in seine Arme. „Geht’s dir gut?“
„Ja, denke schon“, antwortete ich. Das entsprach zumindest zum Teil der Wahrheit.
„Komm rein, ich zeig dir alles.“ Er ging voraus und die Tür fiel hinter uns ins Schloss. Vor uns war ein breiter Flur, von dem mehrere Türen abgingen.
„Hier rechts ist eine kleine Küche und links sind die Toiletten“, erklärte er. „Vorne links ist mein Büro, in der Mitte ist ein freies Zimmer und rechts ist Kais Reich.“
Er führte mich kurz zu seinem Raum, der bisher nur einen Tisch, einen Bürostuhl und zwei Sitzplätze für Gäste enthielt. Der Raum in der Mitte war vollgestellt mit Kisten, hatte aber einen wunderschönen Ausblick über die umliegenden Häuser und Parkanlagen. Im Zimmer rechts saß Kai an seinem Schreibtisch und tippte auf seinem Laptop.
„Hey, wir haben Besuch“, kündigte Dan uns an. Kai sah uns beide und stand sofort auf. Sein geschäftiger Gesichtsausdruck wechselte zu einem fröhlichen Grinsen. So hatte ich ihn früher selten erlebt. So ausgelassen und glücklich. Dan tat ihm wirklich gut.
„Also, was sagst du?“ Kai machte eine ausladende Geste.
„Es ist schön. Erinnert mich an dein altes Büro“, antwortete ich ehrlich. „Und du siehst hier sehr glücklich aus.“
Den letzten Satz hatte ich eigentlich für mich behalten wollen, aber es rutschte einfach so heraus.
„Danke.“ Er wurde tatsächlich etwas rot auf den Wangen. Dante und ich lachten.
„Nur der Raum in der Mitte stört mich“, sagte Kai.
„Du wolltest das große Zimmer.“ Dante warf ihm einen ernsten Blick zu.
„In dem anderen wären wir fast aufeinandergesessen“, verteidigte er seine Entscheidung.
„Mich hätte das nicht gestört.“ Dante zuckte die Achseln.
„Ich weiß.“ Kai kam zu uns herüber und küsste ihn auf die Wange. Aus unerfindlichen Gründen wand ich den Blick ab.
„Vielleicht könntet ihr erstmal einen Tisch reinstellen, für Besprechungen mit Kundschaft. Und einen Fernseher für Präsentationen“, lenkte ich ab.
„Warum sind wir nicht schon früher darauf gekommen?“ Dante warf einen verwunderten Blick auf Kai, der ebenso überrascht aussah.
„Sieh mich nicht so an, du bist der Inneneinrichter“, antwortete dieser.
Wir tranken gemeinsam Kaffee in der kleinen Küche und Kai erzählte von den ersten Interessenten, die sich gemeldet hatten. Sein Vater hatte den alten Sitz des Immobilien-Unternehmens dichtgemacht und alle an ihn weitergeleitet. Einige hatten sich tatsächlich gemeldet oder den Kontakt weitergegeben. Für Kai war es ein großer Schritt gewesen, alles zurückzulassen.
„Wollen wir noch zu dem Laden fahren, von dem wir erzählt haben? Vielleicht finden wir was Passendes für das Zimmer.“ Dante sprach mich direkt an und ich nickte. Warum nicht? Bis zu meiner Sitzung am Nachmittag war noch Zeit. Und ich hatte langsam Rückenschmerzen, weil ich in meiner Wohnung nur auf dem Boden saß.
Ich leerte meinen Kaffee, während Dan sich von Kai verabschiedete. Gemeinsam gingen wir nach draußen, wo er mich zu seinem Wagen führte. Ich kannte Dante zwar vom Studium, aber eigentlich wusste ich fast nichts über ihn. Das machte die Stille im Auto etwas unangenehm.
„Fühlst du dich wohl in der Wohnung?“, fragte Dan nach einigen Minuten des Schweigens.
„Ja, ich denke schon. Die Gegend ist schön und die Nachbarn sind nett. Eine ältere Dame aus dem Erdgeschoss hat mir Kuchen vorbeigebracht, zum Einzug.“
„Das ist ja süß.“
„Ja.“
Wieder Stille.
„Und ihr? Ich glaube, es hat euch gutgetan, wegzugehen, oder?“
Dante blickte kurz zu mir herüber und lächelte glücklich.
„Uns geht es gut. Es läuft echt gut und auch das Geschäft war eine gute Idee. Kai geht richtig auf, er kann endlich sein eigenes Ding machen.“
„Ich wusste gar nicht, dass er so unzufrieden war.“
Dan verzog den Mund.
„Er kann das gut verstecken. Ich hatte am Anfang auch keine Ahnung.“ Ein Seufzen kam ihm über die Lippen. „Du hättest das Gesicht seines Vaters sehen sollen, als er ihm gesagt hat, dass er das Geschäft nicht mehr weiterführen will.“
„Es war quasi sein Erbe“, sagte ich mitfühlend.
„Na ja, die ganze Situation hat es, denke ich, nur noch schlimmer gemacht.“
„Du meinst das mit Marissa?“
„Ja.“ Dante bog auf einen kleinen Parkplatz ein. „Ich meine, seine Mutter war am Boden zerstört. Auch wenn sie sich im Nachhinein entschuldigt hat. Sie hat Sachen zu ihm gesagt …“ Er hielt einen Moment inne, als er den Wagen geparkt hatte, und sah mich von der Seite an. Plötzlich lächelte er. „Egal. Ich glaube, das muss er dir selbst irgendwann erzählen.“
Der plötzliche Stimmungsumschwung verwirrte mich, aber ich wollte nicht zu neugierig sein. Also stieg ich aus und wir liefen über den Parkplatz zu dem Laden. Schon die Ausstellungsstücke im Schaufenster ließen mein Herz höherschlagen.
„Schick, oder?“, fragte Dan nach, der wahrscheinlich meinen begeisterten Blick gesehen hatte.
„Ja, sehr“, bestätigte ich, während wir rein gingen.
Drinnen wurde es immer besser. Überall standen wunderschöne, antike Möbel. Gebrauchte oder moderne Möbel in den unterschiedlichsten Stilen. Für mich war Second-Hand-Möbel shoppen echt der Himmel. Man wusste nie, was man fand. Oder besser gesagt: Ich wusste nicht, dass ich meine Wohnung neu einrichten wollte, bis ich all die Möbel dort gesehen hatte.
Den Tisch für das Büro hatte ich schon wieder komplett vergessen. Ich kombinierte gerade einen Glastisch mit antiken Stühlen, auf deren Stoffbezug wunderschöne Blumenmuster waren.
„Das ist schick.“ Dante stand plötzlich neben mir und ich erschrak mich fast zu Tode. Ich überspielte es aber und deutete auf den Stuhl, den ich probehalber neben den Tisch gestellt hatte.
„Findest du?“
„Ja. Würde gut in deine Wohnung passen.“
„Ich weiß.“ Ich seufzte enttäuscht und ließ den Stuhl los. „Aber es ist ein bisschen über dem Budget, das ich mir gesetzt habe. Vielleicht ein anderes Mal.“
Dante beobachtete mich noch einen Moment still, dann führte er mich zu einem großen Naturholztisch, den er entdeckt hatte. Die Platte war poliert, aber an den Seiten war die dunkle Rinde des Baumes noch erhalten.
„Wenn es ein Besprechungsraum sein soll, in dem regelmäßig Kundschaft ein- und ausging, dann sollte er schon was hermachen.“
„Vielleicht eine Wand in einer schönen Pastellfarbe streichen? Ein helles Mintgrün?“, spekulierte ich weiter und hatte den Raum vor meinem inneren Auge.
„Ja!“ Dante stieg begeistert mit ein. „Ein paar einfache Kunstwerke in goldenen Bilderrahmen.“
„Zwei große Pflanzen vor den Fenstern, die aber nicht den Ausblick versperren.“
„Die Stühle würden auch perfekt passen.“ Er deutete auf die dunklen Stühle, die um den Tisch herumstanden. „Ich glaube, wir machen das einfach.“
„Kai wird uns hassen“, fügte ich hinzu.
„Ach was, er hat doch betont, dass er nicht der Einrichter ist.“ Dante grinste mich an. „Also übernehmen wir das für ihn.“
Er ging zum Tresen und reservierte den Tisch, bis er abgeholt werden konnte und ich warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf den Glastisch mit den Blumenmuster-Stühlen.
„Soll ich dich wieder mit zurücknehmen?“, fragte Dante, als wir zurück Wagen liefen.
„Könntest du mich in der Nähe des Krankenhauses rauslassen?“ Als er mir einen verwirrten Blick zuwarf, fügte ich hinzu: „Ich hab heute das erste Gespräch mit einer Therapeutin da.“
„Ach so“, er nickte. „Klar, mach ich.“
***
Die ersten Tage nach meinem Termin mit Dr. Mooney, so hieß meine neue Therapeutin, war meine Stimmung merkwürdig. Das Gespräch hatte mir unheimlich gutgetan und ich mochte sie. Aber ich war in einer Art Gedankenkarussell gefangen und wusste nicht, wie ich absteigen konnte. Ich war gut darin, all meine Ängste zu verdrängen, und sie hatte mit nur einem Gespräch alles zurückgeholt.
„Das ist wahrscheinlich der Sinn dahinter, du Idiot“, sagte ich leise zu mir selbst.
Ich hatte noch schlechter geschlafen als vorher - meine erste Stromrechnung würde unbezahlbar hoch sein, weil nächtelang alle Lichter gebrannt hatten und der Fernseher ständig lief. Sobald die Sonne unterzugehen begann, wurde ich panisch, selbst wenn ich schon zu Hause war. Alles Dinge, die ich schon durchhatte. Dachte ich zumindest.
Ein Gesprächsthema, das mir Kopfzerbrechen bereitete, war der Mann, der mich gerettet hatte. Von dem Abend selbst wusste ich nicht mehr viel. Vereinzelte Erinnerungen waren erst nach ein paar Tagen wieder aufgetaucht. Ich war in einem Club gewesen und auf dem Weg nach Hause hatte ich diese Spinner getroffen. Und das Einzige, das mir geblieben war, war das verschwommene Bild eines Mannes, der sich über mich gebeugt und mich beruhigt hatte. Dr. Mooney hatte vorgeschlagen, dass ich nach ihm fragen sollte, um ihn ausfindig zu machen. Mich bedanken, vielleicht mit ihm sprechen. Das könnte helfen.
Das Krankenhaus und die Polizei hatten zwar die Telefonnummer des Mannes gehabt, aber die Nummer war nicht mehr vergeben, als ich das letzte Mal versucht hatte, dort anzurufen. Das war also eine Sackgasse.
Ein winziger Teil von mir hatte sich darüber gefreut. Mit dem Mann zu sprechen oder nach ihm zu suchen, hätte schlechte Erinnerungen hochgeholt. So viel Angst und Schmerz. Das meiste davon hatte ich mittlerweile erfolgreich verdrängt.
Ich traf mich mittags mit Dante im Büro und er wartete mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf mich. Seine Stimmung war merkwürdig aufgedreht.
„Warum bist du so gut gelaunt?“, fragte ich verwirrt und nahm die Tasse entgegen, die er mir hinhielt.
„Warum nicht?“ Er lächelte, dann beugte er sich zu mir vor und flüsterte plötzlich. „Ich hab einen Plan, aber wir müssen warten, bis Kai zu seinem Termin verschwindet.“
Wie aufs Stichwort hörte man Schritte im Flur und Dante stellte sich wieder aufrecht hin, als wäre nichts gewesen.
„Ja, also Noah, ich finde die Idee super, so machen wir das.“ Er betonte jedes Wort übertrieben.
Sehr unauffällig, Dan. Sehr. Unauffällig.
Ich zog nur die Augenbrauen in die Stirn und blinzelte ihn verwirrt an.
„Ich fahr zu meinem Termin“, Kai stand in der Tür und lächelte uns an.
„Okay“, antworteten wir im Chor. Dan stellte sich vor ihn und sie verabschiedeten sich, während ich, immer noch reichlich verwirrt, von meinem Kaffee nippte.
Wir schwiegen uns an, bis Kai zur Tür hinaus war. Dann grinste Dante und stellte seine Tasse zur Seite.
„Ich hab mir überlegt, dass wir den Konferenz-Raum für Kai einrichten, ohne dass er es weiß. Er hat in nächster Zeit einige Termine und ich lasse mir eine Ausrede einfallen, warum das Zimmer abgeschlossen ist.“ Endlich weihte er mich in seinen Plan ein. All seine Begeisterung und Aufregung sprang auf mich über und ich nickte zustimmend.
Es klang nach einer großartigen Idee, über die sich Kai freuen würde. Und spätestens nach unserem letzten Besuch in dem Möbelladen wussten wir auch, dass wir ein gutes Team waren.
„Ich hab Farbe besorgt und Bilderrahmen.“ Dante redete weiter und teilte seine Ideen mit mir. „Kannst du Freitag? Kai ist den ganzen Tag unterwegs und es wäre der perfekte Zeitpunkt, um den Tisch hierher bringen zu lassen.“
„Das klingt gut.“ Ich lächelte und dachte an den Blumenladen, den ich auf dem Weg gesehen hatte. „Ich hab auch schon eine Idee, wo wir passende Pflanzen bekommen könnten.“
„Sehr gut.“ Er nahm seine Tasse wieder in die Hand und verließ die Küche in Richtung des Raumes. „Kais Schwester schickt uns Bilder, die ihre Mitbewohnerin gezeichnet hat. Sie ist Künstlerin.“
„Kais Schwester? Annie?“
„Ja, er hat doch nur eine, oder?“
In dem Zimmer angekommen staunte ich nicht schlecht. Dante hatte den Raum komplett leergeräumt. Keine Kisten mehr, nur noch der dunkle Laminatboden und viel Platz für neue Einrichtung. Wir stellen uns nebeneinander, in die Mitte des Raumes und starrten aus dem Fenster. Eine ganze Weile schienen wir unsere Ideen zu ordnen.
„Hast du Kreppband?“, fragte ich in die Stille hinein.
„Klar.“
Dante ging in den Flur und ich hörte ihn herumkramen, bevor er mit einer Rolle zurückkam, die er mir übergab. Ich nahm mir die kleine Leiter, die bereits an der Wand lehnte, und deutete zwei Streifen an, die schräg von oben nach unten an der weißen Wand entlangführten.
„Man könnte die beiden Streifen weiß lassen“, erklärte ich, was ich gerade angedeutet hatte.
„Oh, sehr gute Idee!“ Dante blickte begeistert die Wände entlang. „Ich hab vorsichtshalber auch goldene Farbe gekauft, vielleicht können wir noch ein paar schöne Elemente mit einbauen.“
Ungefähr so verbrachten wir eineinhalb Stunden in dem Zimmer. Ich hatte irgendwann mein Notizbuch ausgepackt und grob aufgezeichnet, was wir uns wo vorstellten und wie es aussehen könnte. Es würde ein schöner Raum werden. Und es machte mir Spaß, mit Dante zu arbeiten. Auch wenn ich permanent das merkwürdige Gefühl in mir ignorierte.
Gerade als Kai wieder zurückkehrte, schlenderten wir in die Küche, völlig zufrieden mit allem, was wir geschafft hatten.
„Hey!“ Dante begrüßte ihn an der Tür und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Wie war’s?“
„Ich denke, dass wir bald unsere erste Kundschaft haben.“ Kai lächelte, aber hatte trotzdem sein ernstes Business-Gesicht aufgelegt.
„Glückwunsch!“, sagte ich, während Dan seinem Freund fast um den Hals fiel und leise quietschte.
„Beruhig dich“, Kai schob ihn amüsiert von sich weg. „Noch ist nichts in trockenen Tüchern.“
„Das wird es bestimmt. Dir kann niemand widerstehen“, Dan küsste ihn noch einmal, dann tänzelte er in die Küche und man hörte die Kaffeemaschine rumoren.
„Kommt ihr zurecht?“, fragte Kai leise, als er neben mir stehen blieb.
„Ja, mach dir keine Sorgen um mich.“ Ich lächelte vorsichtig. Kai legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Ruf bitte an, wenn ich dir helfen kann, okay?“
Ich nickte nur und er ging in sein Büro.
Früher waren wir das gute Team gewesen. Es war so merkwürdig, nicht mehr ein Teil davon zu sein. All die Dinge, die passiert waren, während ich nicht bei mir war. Sie hatten ihre eigene Firma gegründet, verdammt nochmal und ich stand dort und fühlte mich so fehl am Platz, wie noch nie in meinem Leben.
Wenn mich vor einem Jahr jemand gefragt hätte, was ich machen würde, in einer neuen Stadt, dann wäre meine Antwort sofort gewesen: Ein neues Büro aufmachen, natürlich als Interior Designer.
Aber jetzt wurde mir schon beim Gedanken daran übel. Eine Firma gründen? Mit allem, was dazugehörte? Anmeldung, Finanzen, Steuern, Räumlichkeiten zu mieten, Kundschaft gewinnen, Werbung. Mir schwirrte schon ohne all das der Kopf.
„Hier bist du!“ Dan kam aus der Küche zurück in den Flur und stellte sich zu mir. „Also Donnerstagmittag wieder hier? Wegen du-weißt-schon-was?“
„Ja“, bestätigte ich halbherzig, noch immer in meinen Gedanken gefangen.
„Freitag dann das andere Ding.“
Ich nickte. „Und nächste Woche Montag dann der Rest für das Ding“, fügte ich hinzu.
„Bleibst du noch?“, fragte Dan und deutete auf die Küche hinter sich.
„Nein“, ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. „Ich wollte noch ein paar Sachen erledigen.“
„Alles klar. Dann bis Donnerstag!“
Dan zog mich zu meiner Überraschung in eine kurze, aber feste Umarmung und wartete noch an der Tür, bis ich die Treppen nach unten stieg.
***
„Oh, das müssen die Leute vom Laden sein!“ Dan sprang aufgeregt von seinem Bürostuhl auf, rannte den Flur hinunter zur Eingangstür. Ich folgte ihm entspannt.
Kai war eine halbe Stunde zuvor gegangen, was perfekt war, da der Tisch geliefert wurde. Am Vortag hatten wir einen entspannten Nachmittag verbracht und die Wände gestrichen. Die Rückwand gegenüber dem Fenster war jetzt in einem zarten Pastellgrün gestrichen, mit den beiden weißen Streifen, wie geplant.
Der Rest war weiß geblieben, mit der Ausnahme, dass wir auf jeder Seite zwei schmale, grüne Streifen hinzugefügt hatten. Ein passender Kontrast.
Ich kam an der Tür an, als Dante den vier Männern, die davorstanden, gerade erklärte, wo der Tisch hinmusste. Während die vier diesen aus dem kleinen Laster wuchteten und dann die Treppe rauf ins Büro, trugen wir nach und nach die dazugekauften Stühle.
Dan dirigierte die Helfer, wo und wie genau der Tisch stehen sollte, bevor er sie schließlich entließ. Wir platzierten die Stühle darum herum, hielten testweise die Bilderrahmen an die Wand oder probierten Tischdeko aus.
„Gold passt am besten“, bestätigte ich auch Dantes Meinung, denn er packte den Rest wieder in die kleine Kiste neben sich. Zurück blieben eine cremefarbene Vase und zwei goldene Kugeln.
„Die Pflanzen, die ich in dem Laden gesehen habe, sind etwas über einem Meter“, erklärte ich. „Nicht zu groß, aber auch nicht zu klein.“
„Sehr gut.“ Dan stellte sich neben mich vor die Tür und blickte zufrieden in das Zimmer hinein. „Die Bilder sollten auch am Montag ankommen.“
„Ich glaube, das wird Kai gefallen.“
„Er gibt es nicht zu, aber in ihm schlummert ein Designer.“ Dan zog die Augenbrauen hoch und deutete auf Kais Büro, während er das sagte.
„Ich weiß. Früher hat er sich manchmal gehen lassen und mir nach einer Besichtigung öfter mal erzählt, was er schön fände.“ Ich schwelgte einen Augenblick in der Erinnerung. Es waren schöne Momente, in denen ich zufrieden und glücklich war. Aber es war auch Vergangenheit. Ein anderer Noah.
„Wirklich?“ Dan schien verwundert. „Das macht er bei mir nie.“
„Wahrscheinlich, weil er dir in der Sache vertraut.“
Dan dachte kurz darüber nach, dann meinte ich einen leichten roten Schimmer auf seinen Wangen zu sehen. Er wusste hoffentlich, dass er ein wirklich talentierter Interior Designer war, oder?
„Stört es dich, wenn ich langsam verschwinde?“, fragte ich Dan.
„Nein, kein Problem.“ Er lächelte mich an, bevor er die Tür zum Konferenzraum abschloss.
Ich brachte meine Tasse in die Küche, als wir plötzlich Geräusche von der Bürotür hörten. Der Schlüssel wurde im Schloss gedreht, dann ging die Tür auf und jemand kam herein. Es musste Kai sein, niemand sonst hatte einen Schlüssel. Dan war mir gefolgt und wir warfen uns einen kurzen, panischen Blick zu. Das war so verdammt knapp gewesen.
„Hey, wie war der Termin?“, begrüßte Dante ihn, als wäre nichts.
„Sehr gut, ich denke, das wird was.“ Kai lächelte. „Und bei euch?“
„Alles paletti“, antwortete Dan für uns beide. Ich warf ihm einen warnenden Blick zu, bevor ich mich wieder zu Kai umdrehte und übertrieben freundlich lächelte. Er sah uns noch einen Moment lang verwirrt an, bevor er in sein Büro verschwand.
„Alles paletti?!“
„Was?“ Wir lachten beide und ich stellte beiläufig meine Tasse in die Spüle. Kai musste etwas merken, so merkwürdig, wie wir uns die ganze Zeit verhielten, wenn er reinkam.
„Hast du noch was vor?“, fragte Dan, als ich mich nach einem kurzen Blick in Kais Zimmer auch von ihm verabschiedete.
„Da gibt es einen Bücherladen um die Ecke, in den ich noch wollte.“ Es war schon später Nachmittag, aber es sollte ja nur ein kurzer Umweg werden. Und die Aussicht auf neue Bücher stimmte mich noch fröhlicher, als ich sowieso schon war.
Ich musste nur an der Bushaltestelle vorbei und die nächste Straße nach links, dann stand ich vor besagtem Laden. Schon beim ersten Vorbeifahren war ich hin und weg von dem Buchhandel gewesen. Die Fassade war mit Holz verkleidet und die großen Schaufenster waren über und über mit Büchern und dazu passenden Gegenständen dekoriert. Der Untergrund war mit rotem Satinstoff ausgelegt.
Ich warf durch die Scheibe hindurch einen Blick nach innen, wo mich unzählige Regale erwarteten. Und sogar ein zweites Stockwerk mit einer Holzgalerie war zu erkennen.
Begeistert trat ich durch die Eingangstür und es läutete leise über mir. Vor mir war der Tresen, an dem eine junge Frau stand. Die lockigen, karamellfarbenen Haare nach oben gebunden und ein sympathisches Lächeln auf den Lippen, während sie mit einer Kundin sprach.
Links und rechts standen Bücherregale aus dunklem Holz, alle vollgestopft mit Büchern. Die aneinander stehenden Buchrücken bildeten einen Regenbogen unterschiedlichster Farben und Größen.
Rechts gab es eine Leseecke, mit bequemen Stühlen und einer großen Couch. Im oberen Stockwerk reihte sich ebenfalls Bücherregal an Bücherregal.
Verdammt, ich war im Bücherhimmel angekommen.
„Kann ich dir helfen?“, wurde ich angesprochen und aus meiner Traumwelt gerissen. Ich senkte den Blick und traf auf die hellblauen Augen der jungen Frau, die gerade noch hinter dem Tresen gestanden hatte.
„Ähm …“ ich suchte nach den richtigen Worten. „Ich war nur fasziniert. Ich bin zum ersten Mal hier.“
„Es ist wunderschön hier, oder?“ Sie ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen, dabei ein glückliches Lächeln auf den Lippen.
„Ja“, bestätigte ich.
„Ich kann dir kurz alles erklären.“ Sie stellte sich neben mich und deutete dann auf die linke Seite des Erdgeschosses. „Hier drüben findest du Jugendliteratur und Young Adult. Danach Romance aller Art. Queere Romane. Seichte Fantasy. Und ganz rechts beginnen die Krimis und Thriller.“
Ihre Hand glitt nach oben und sie deutete auf die Galerie.
„Oben ist dann noch der ganze richtige Nerd-Kram. Si-Fi, Horror, Mystery, Historisches. Ein bisschen was von allem. Oh, und ein paar Ratgeber und Kochbücher.“ Sie lächelte mich mit einem Seitenblick an. „Wenn du in ein Buch erstmal reinlesen willst, gibt es die Ecke dort hinten. Du kannst auch gerne Kaffee oder ein Stück Kuchen dazu haben.“
„Wow, das klingt, als wäre ich echt im Himmel.“ Ich seufzte und sah mich, immer noch begeistert, um.
„Das hören wir öfter.“ Sie kicherte und sah mich dann erneut direkt an.
„Frag einfach, wenn du Hilfe brauchst.“ Mit den Worten ging sie zurück zum Tresen und ließ mich allein im Eingangsbereich stehen.
Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Romance? Fantasy? Oder doch Science-Fiction im Obergeschoss? Viel zu viel Auswahl …
Ich beschloss, links anzufangen und mich dann nach oben durchzuarbeiten. Dabei versuchte ich mir wirklich jedes Buch anzusehen, das sie im Regal hatten. Ich wollte auf keinen Fall eines verpassen, dass vielleicht mein neues zukünftiges Lieblingsbuch werden könnte.
Schon nach dem ersten Regal hatte ich eines in der Hand, das mich wirklich angesprochen hatte. Nach Romance und Fantasy waren es schon vier. Ich machte eine Pause in der Leseecke, um kurz einen ersten Blick in die Bücher zu werfen. Danach stellte ich eines zurück. Ich hatte begrenzten Platz im Rucksack und musste streng aussortieren.
Im Obergeschoss bei all dem ‚richtigen Nerd-Kram‘ war ich vollends verloren. Das halbe Bücherregal bei mir zu Hause war voll mit Sci-Fi, Horror und Fantasy. Oben fand ich auch High Fantasy, die teilweise aus mehreren Bänden bestand. Irgendwann schrieb ich mir nur noch in mein Notizbuch, was ich spannend fand, weil ich nicht mehr als fünf Bücher gleichzeitig herumtragen konnte, ohne ständig eines fallen zu lassen.
Ich war auf dem Weg zum nächsten Regal, als mein Blick über die Galerie und damit auch aus dem Schaufenster fiel. Sofort blieb ich wie angewurzelt stehen. Die Bücher in meinem Arm waren vergessen. Einzig und allein die Angst herrschte in meinem Körper vor. Mein Herzschlag beschleunigte sich, obwohl mir die Luft wegblieb.
„Fuck“, stieß ich aus, ohne darüber nachzudenken.
Es war bereits dämmrig draußen. Regentropfen perlten an den großen Schaufenstern des Ladens herunter und dicke, dunkle Wolken verdüsterten den Himmel. Früher hatte ich Regen gemocht. Oder Sonnenuntergänge. Jetzt bekam ich davon Todesangst.
Ich legte die Bücher auf meinem Arm unsanft im nächsten Regal ab und sprintete die Wendeltreppe nach unten, an der Verkäuferin vorbei, die mich mit verständnislosem Blick ansah und zur Tür hinaus. Die dicken Regentropfen prasselten mir ins Gesicht und auf die Haare.
Die Bushaltestelle war nicht weit. Vielleicht war ich noch nicht zu spät. Vielleicht stand der Bus genau jetzt dort und ich konnte einsteigen. Ich sprintete über den regennassen Gehweg und meine Füße wurden durch die dünnen Turnschuhe hindurch sofort nass.
Als ich um die Ecke bog, waren die Straße und die Haltestelle gähnend leer. Ich blieb atemlos stehen und stemmte die Hände in die Seiten, versuchte krampfhaft genügend Luft in meine Lungen zu bekommen.
„Fuck“, rief ich diesmal etwas lauter aus.
Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich fünf Minuten zu spät war. Fünf verdammte Minuten. Ich versuchte irgendwie, Ruhe zu bewahren und mich an die Atemübungen zu erinnern, die ich gelernt hatte.
Tief in den Bauch einatmen. Halten. Langsam ausatmen.
Tief einatmen. Kurz Halten. Langsam ausatmen.
Ich versuchte, mir die Stimme der Therapeutin dabei vorzustellen. Wie sie vor mir stand und mir ruhig erklärte, dass ich die Angst überwinden konnte.
Währenddessen prasselte der Regen weiter auf mich herunter und meine Jacke und meine Haare waren patschnass.
Nach einigen Augenblicken donnerte mein Herzschlag immer noch in meiner Brust, aber ich hatte das Gefühl, mich besser unter Kontrolle zu haben. Ich ging die restlichen Meter zur Bushaltestelle mit langsamen Schritten und blickte auf die Abfahrtszeiten. Zwanzig Minuten. Dann kam der nächste Bus.
„Dann ist es vielleicht schon dunkel“, flüsterte eine leise Stimme in meinem Kopf. „Und du bist allein draußen unterwegs.“
Ich versuchte, die Stimme durch energisches Kopfschütteln zu vertreiben. Nicht sofort den Teufel an die Wand malen. Die Worte meiner Therapeutin. In der Theorie war der ganze Scheiß einfacher über meine Lippen gegangen.
Der erste Hoffnungsschimmer in den zwanzig Minuten, die mir wie endlose Stunden vorkamen, war den kurzen Weg zu G&M Immobilien zurückzulaufen. Aber von Dante und Kai war keine Spur mehr. In den Bücherladen würde ich unter keinen Umständen zurückgehen. Also blieb mir nur angestrengt auf dem Gehsteig hin und her zu laufen, während ich hin und wieder wütend auf mein Handy starrte und mir die Regentropfen aus dem Gesicht wischte.
Mir kam sogar in den Sinn, irgendwen anzurufen. Und dann? Machte sich die Person Sorgen um mich. Das wollte ich noch weniger.
Zum Glück kam der Bus pünktlich. Zuvor hatte ich immer panischer auf die Uhr geschaut. Was, wenn der Bus doch nicht kam? Was, wenn ich mich verlesen hatte und noch länger warten musste?
Die Minuten bis zu meiner Wohnung tippte ich ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden oder klopfte mit den Fingerspitzen aneinander. Ein Überspielen meiner Unruhe, das ich mir unbewusst angewöhnt hatte.
Es war fast dunkel, und der Regen war in ein leichtes Nieseln übergegangen. Die Seitengassen wurden immer dunkler. In den Läden gingen die ersten Lichter aus.
Der Weg von der Haltestelle zu meiner Haustür war ein Kampf. Ich rannte, so schnell meine zittrigen Beine mich trugen. Mein Herz raste und meine Atmung war viel zu schnell. Scheiß auf die Atemübungen, dachte ich.
Ich kramte den Schlüssel aus meiner Jackentasche, aber meine Hände zitterten so sehr, dass er mir aus den Fingern rutschte. Als ich ihn endlich im Schloss hatte und herumdrehte, sprintete ich die Treppe nach oben. Ich stolperte auf der letzten Stufe, fing mich allerdings wieder.
Bebend versuchte ich den Schlüssel ins Schloss meiner Wohnungstür zu bekommen und drehte ihn anschließend herum, bis sie endlich mit einem Klicken aufsprang. Der Schweiß stand mir auf der Stirn und ich atmete laut und heftig ein und aus.
Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, brach ich dahinter zusammen und konnte die Angst und die Tränen nicht mehr zurückhalten.
***
„Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen“, endete ich meine Erzählung. Dr. Mooney, meine Therapeutin hatte schweigend zugehört, als ich ihr von dem Vorfall erzählt hatte. Das Bus-Drama, wie ich es nannte, war drei Tage zuvor passiert.
„Was haben Sie am nächsten Tag gemacht?“, fragte sie nüchtern und betrachtete mich aufmerksam.
Ich blickte hinunter auf meine Hände, meine Finger waren fest miteinander verschränkt.
„Nichts“, gestand ich. „Ich war den ganzen Tag zu Hause und hab die Wohnung nicht verlassen.“
„Aber heute sind Sie wieder raus“, stellte sie fest. Offensichtlich, denn ich war ja bei ihr.
„Ja.“
„Darauf können Sie stolz sein“, sagte sie lächelnd. „Es ist nicht einfach, nach einem solchen Vorfall wieder aufzustehen. Weiterzumachen. Sie sollten sich vor Augen führen, dass Sie das geschafft haben.“
„Aber was tue ich, wenn es wieder passiert?“, fragte ich und schauderte.
„Sie lernen aus dem letzten Mal. Sie sind ruhig geblieben. Haben weiter gemacht und den nächsten Bus genommen. Das war ein großer Fortschritt.“
Ich zog die Augenbrauen zusammen und blickte ihr wütend entgegen. „Das hilft mir nicht“, stieß ich genervt aus.
Dr. Mooney seufzte und brach zum ersten Mal seit Längerem den Blickkontakt ab.
„Haben Sie schon einmal über Selbstverteidigung nachgedacht?“, fragte sie.
„Nein“, antwortete ich, ohne zu zögern. In mir herrschte noch immer Wut vor. Dabei wusste ich nicht einmal, auf wen ich wütend war. Sie konnte nichts dafür.
„Ich denke, dass es Ihnen guttun würde“, erklärte sie ruhig, ohne sich von meiner Wut bedrängen zu lassen. „Und es stärkt das Selbstvertrauen, weil Sie wissen, sich zu verteidigen.“
„Falls so was nochmal passiert, meinen Sie?“ Ich war laut geworden und hatte meine Emotionen nicht mehr Griff. Ich biss mir auf die Unterlippe, während ich sie verärgert anstarrte.
„Nein, so meinte ich das nicht.“ Sie machte eine Pause, und ich begann den Tisch zwischen uns mit meinem Blick zu durchbohren.
„Ich wünschte, ich könnte Ihnen versprechen, dass es nie wieder passieren wird. Aber es wird Ihnen Mut machen, zu wissen, dass sie sich oder andere im Ernstfall verteidigen können.“
Ich blieb still. Mich oder andere. Als hätte es mir damals geholfen. Gegen eine Gruppe Spinner wäre niemand angekommen. Nicht einmal mit den besten Selbstverteidigungs-Skills der Welt.
„Was denken Sie?“, hakte sie nach kurzer Stille nach.
„Ich weiß nicht.“
Sie stand auf und trat zu ihrem Schreibtisch hinüber, wo sie etwas aus ihrer Schublade kramte. Dann kam sie zurück und drückte mir einen Flyer und eine Visitenkarte in die Hand. Ich steckte sie wortlos in meine Jackentasche.
„Denken Sie ein paar Tage darüber nach.“
Das tat ich. Auch am nächsten Tag, als ich zu G&M-Immobilien aufgebrochen war, dachte ich nur darüber nach. Über diese Sitzung und meine Wut. Es tat mir im Nachhinein unendlich leid, dass ich so sauer war. Dr. Mooney konnte nichts dafür, was passiert war. Ich konnte nichts dafür. Und ein verdammter Selbstverteidigungskurs schon gar nicht.
Dante kam in die kleine Küche gelaufen und legte kurz seinen Arm auf meine Schulter.
„Geht’s dir wieder besser?“, fragte er lächelnd.
„Ja, danke.“ Ich lächelte emotionslos zurück. Den beiden hatte ich nur geschrieben, dass es mir nicht gut ging und ich lieber einen Tag zu Hause blieb. Daraufhin hatte Dante die restlichen Sachen für den Konferenzraum allein besorgt. Die Euphorie der letzten Woche, das Zimmer, das wir gemeinsam hergerichtet hatten, war völlig in Vergessenheit geraten.
„Kai müsste jeden Moment kommen“, sagte er.
„Danke, dass du das allein fertiggemacht hast.“ Ich fühlte mich ein klein wenig schuldig, weil ich ihm nicht geholfen hatte.
„Ach, es war nur noch ein bisschen Deko.“ Er grinste. Dann wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst.
„Geht es dir wirklich gut? Du siehst so nachdenklich aus.“
Ich zögerte einen Moment.
„Hm“, machte ich dann. „Ich denke auch nach.“
„Über was?“, hakte er nach.
Ich zögerte noch einmal. Aber dann dachte ich: Warum nicht? Vielleicht hatte er einen guten Rat für mich?
„Meine Therapeutin hat vorgeschlagen, dass ich einen Selbstverteidigungskurs mache.“ Ich endete in einem unschlüssigen Seufzen.
„Und?“ Er sah mich aufgeschlossen an.
„Ich weiß nicht, ob ich das will.“
Er schwieg einen Moment, bevor er antwortete.
„Hast du … Angst davor?“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Oder willst du nicht daran denken, dich zu verteidigen?“
„Wahrscheinlich beides“, gab ich zu.
Ich hatte Angst davor, den Kurs zu machen. Rauszugehen und unter Menschen zu sein. Sport in einer Gruppe. Aktiven Körperkontakt mit einer fremden Person.
„Schau mal.“ Dante sah mich aufmunternd an. „Ich weiß, dass der Kurs das alles nicht ungeschehen machen kann. Aber vielleicht kannst du besser damit umgehen. Und du kannst lernen, jemanden mit einem einzigen Griff zu Boden bringen, das ist doch gut, oder?“
