Moosgrünes Geheimnis - Ysold Abay - E-Book

Moosgrünes Geheimnis E-Book

Ysold Abay

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Beschreibung

Du denkst, dein Leben ist perfekt. Du hast alles: Familie, ein Haus, der Job läuft gut. Genau so, wie deine Eltern es sich immer für dich gewünscht haben. Und dann triffst du die eine Person, die deine ganze Gefühlswelt auf den Kopf stellt und dich Dinge empfinden lässt, von denen du gedacht hast, es wäre nur der romantische Part einer schönen Gute-Nacht-Geschichte. Dan Milam bekommt durch einen unglücklichen Zufall den wahrscheinlich größten Auftrag seines Lebens, der ihm noch dazu aus seiner finanziellen Notlage hilft. Aber ihn und seinen Auftraggeber Kai Grayson verbindet ein Geheimnis, das in wenigen Sekunden alles zwischen ihnen zerstören kann.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Moosgrünes Geheimnis

Ein Roman von Ysold Abay

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2022

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Ysold Abay

http://www.ysold-abay.de

Bildrechte:

© Yakobchuk Olena – adobe.stock.com

© yanushkov – adobe.stock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-554-1

ISBN 978-3-96089-555-8 (ebook)

Inhalt:

Du denkst, dein Leben ist perfekt. Du hast alles: Familie, ein Haus, der Job läuft gut. Genau so, wie deine Eltern es sich immer für dich gewünscht haben. Und dann triffst du die eine Person, die deine ganze Gefühlswelt auf den Kopf stellt und dich Dinge empfinden lässt, von denen du gedacht hast, es wäre nur der romantische Part einer schönen Gute-Nacht-Geschichte.

Zehn Jahre zuvor…

„Soll ich dir noch was zu trinken holen?“, murmelte der Mann neben mir. Seine Lippen waren dabei ganz nah an meinem Ohr. Ich schauderte. Seine Stimme war schön, warm und seine Nähe machte mich verrückt.

„Nein“, antwortete ich etwas panisch. „Ich glaube, ich gehe jetzt besser.“

Seine Antwort wartete ich nicht ab. Ich stand auf und quetschte mich an den anderen Gästen vorbei, die dicht gedrängt das kleine Zimmer füllten. Draußen auf dem Flur wurde gelacht und weiter getrunken. Ich wollte nur weg von dieser wogenden Menge aus Spaß und Alkohol.

Draußen dachte ich, ich wäre in Sicherheit. Frische Luft, die meinen angetrunkenen Zustand ein wenig dämpfte. Drinnen, in dem stickigen Raum, war mein Verstand vernebelt gewesen.

„Hey, wo bist du hin?“, hörte ich plötzlich jemanden rufen. Gott, er war mir nach draußen gefolgt. Nein! Bitte geh!

Im schützenden Schatten versuchte ich unterzutauchen. Aber er hatte mich bereits gesehen und kam auf mich zu. Er lächelte und beinahe hätte ich alles vergessen und mit ihm gelächelt.

„Alles in Ordnung?“, fragte er freundlich, als er knapp vor mir stehen blieb.

„E-es war einfach zu viel.“

„Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr bedrängt.“ Beschämt senkte er den Kopf. Der Blickkontakt riss ab und sofort vermisste ich es, in den dunklen Tiefen seiner Augen zu versinken.

„Es waren die vielen Menschen“, erklärte ich meine Flucht.

Zum Teil war das die Wahrheit. Dass ich auch vor meinen eigenen Gefühlen, die ich nicht verstehen konnte, geflohen war, musste er nicht wissen. Er sah mich wieder an und ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ich hatte schon Angst, du genießt meine Gesellschaft nicht“, sagte er grinsend. „Denn deine ist sehr angenehm.“

Er machte einen Schritt auf mich zu. Dieser eine reichte aus, dass er mir so nah war, dass ich erschrocken den Atem anhielt. Seine Brust lehnte an meiner. Seine Hände waren in meinem Nacken. Seine Fingerspitzen streichelten vorsichtig meine Haut.

„Möchtest du an einen etwas ruhigeren Ort?“, fragte er lächelnd.

Dante

„Mr. Milam“, sprach der Mann, der schon auf halben Weg zur Tür hinaus war. „Ich weiß Ihre Mühe sehr zu schätzen. Ich mochte Ihre Ideen. Aber leider kann ich die Entscheidung nicht allein treffen.“

Seufzend nickte ich. Dann verabschiedete ich den Kunden, der nun wohl keiner mehr war. Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, ließ ich meine Stirn seufzend dagegen sinken. Seit wann war mein Leben eigentlich der totale Albtraum geworden?

Ich zog das Smartphone aus meiner Hosentasche, das während der Besprechung, die nur dem Zweck gedient hatte, mir abzusagen, und völlige Zeitverschwendung gewesen war, mehrmals vibriert hatte.

Eric, 11:24 Uhr – Samstag? Pride? Ich muss hier mal raus! X.X

Alex, 11:26 Uhr – Gerne! :)

Colton, 11:36 Uhr – Wolltest du nicht deine Abschlussarbeit korrigieren, Eric??

Eric, 11:38 Uhr – Musst du nicht arbeiten? :P

Colton, 11:39 Uhr – Leg jetzt das Handy weg!

Ich musste tatsächlich lächeln, als ich die kurze Konversation in der Gruppe las, und ging einige Schritte in den Flur hinein, zurück zu meinem Schreibtisch. Wenn ich eines jetzt gut gebrauchen konnte, dann etwas, dass die Arbeit aus meinem Kopf vertrieb.

Eric, 11:39 Uhr – Du könntest auch herkommen und mir helfen…

Colton, 11:40 Uhr – Bei was? Wenn ich vorbei komm, dann nur, um dir dein Handy wegzunehmen!

Eric, 11:41 Uhr – Schade, dann kann ich dir nicht das Bild schicken, das ich gerade gemacht habe :(

Colton, 11:41 Uhr – Das war mein Ernst!

Eric, 11:42 Uhr – Meiner auch :) Hast du das Bild bekommen? ;)

Mia, 11:42 Uhr – Wir können alle mitlesen?! Ich bin Samstag auch dabei :)

Eric, 11:43 Uhr – Ups ;) Yeah!!

Ein kurzes, lautes Auflachen, bevor ich den Bildschirm entsperrte und selbst eine Antwort tippte. Einen Abend im „#Pride“ mit der kleinen Gruppe in Aussicht zu haben, war genug, um mich die Finanzunterlagen und ungeöffneten Briefe auf dem Tisch vor mir vergessen zu lassen. Seit ich Colton vor einer Weile in der Bar kennen gelernt hatte, hatten er und sein Freund Eric mich dort regelmäßig getroffen. Die Mitbewohner des Studenten waren ebenfalls dazu gestoßen und ich konnte mir ein Wochenende ohne sie fast nicht mehr vorstellen.

Dan, 11:44 Uhr – Danke für die Bilder in meinem Kopf… Samstag klingt gut!

Colton, 11:44 Uhr – Gerne :)

Seufzend legte ich mein Handy auf der Tischplatte ab und ließ mich auf den Stuhl sinken. Unglücklich besah ich die Zettel auf der Arbeitsfläche. Nach einem kurzen Seitenblick auf das Display ohne neu eingegangene Nachrichten war mir allerdings klar, dass mir keiner von ihnen helfen würde. Und die Arbeit vor mir machte sich auch nicht von selbst. Ich versuchte, mich also mehr oder minder motiviert darauf zu konzentrieren.

In den letzten Wochen war es für mich und meine Selbstständigkeit nicht wirklich gut gelaufen – die Rechnungen stapelten sich, neue Aufträge blieben aus. Und da konnte ich noch so viele aufregende, frische Ideen haben, die sich in meinem Kopf manifestierten. Wenn niemand einen Inneneinrichter gebrauchen konnte, sah es schlecht für mich aus. Nur gut, dass ich mich also am Samstag von meinen Sorgen ablenken konnte, auch wenn die Strategie nicht gerade schlau war.

Nach einer halben Stunde lenkte mich das Vibrieren meines Smartphones wieder ab, aber diesmal war es keine Nachricht, es war ein eingehender Anruf – Nummer unbekannt. Stirnrunzelnd stand ich von meinem Stuhl auf und drückte den grünen Button.

„Dan Milam, hallo?“, meldete ich mich und wartete.

„Hi!“, kam eine männliche Stimme vom anderen Ende. „Hier ist Kai Grayson.“

Ich zog eine Augenbraue in die Stirn und starrte auf den Laminatboden unter meinen Sneaker. Stumm ließ ich mir den Namen auf der Zunge zergehen und irgendwie fühlte es sich vertraut an, die Buchstaben zu formen. Und auch die Stimme … Es war wie ein Song, den man vor einer Weile schon mal gehört hatte und der plötzlich wieder im Radio gespielt wurde. Trotzdem wusste ich nicht, wo ich ihn einordnen sollte.

„Okay?“, fragte ich deshalb ahnungslos.

„Entschuldigen Sie, ich habe Ihre Nummer von Noah Avens.“

Wieder ein Name, den ich irgendwoher kannte, nur dass ich diesmal ein konkretes Bild vor Augen hatte. Es dauerte einige Sekunden, bis ich mich an Noah erinnerte, mit dem ich eine Weile zusammen studiert hatte. Ein ruhiger Student, der mit seiner schüchternen Art nie jemandem aufgefallen war. So auch mir nicht, deshalb wunderte es mich, dass er sich überhaupt an mich erinnerte, geschweige denn meine Nummer weitergab.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich, weil Kai Grayson nun doch meine Aufmerksamkeit gewonnen hatte.

„Ich … ähm …“ Er zögerte. „Ich frage mal direkt heraus: Sie sind Interior Designer, richtig?“

„Ja“, sagte ich verwirrt.

„Noah, Mr. Avens, arbeitet normalerweise mit mir zusammen, aber er hatte vor einigen Tagen einen Unfall.“

„Oh, geht es ihm gut?“, fragte ich überrascht.

„Es geht ihm den Umständen entsprechend.“ Mr. Grayson seufzte am anderen Ende. „Die Ärzte sagen, er kommt durch, aber er wird eine ganze Weile nicht arbeiten können.“

Daher wehte also der Wind. Trotz der unglücklichen Situation und Noah Avens Unfall war mir sofort bewusst, was der eigentliche Sinn des Anrufs war.

„Und jetzt brauchen sie einen guten Inneneinrichter“, sagte ich geradeheraus, während ich die Unterlagen auf meinem Schreibtisch und hin- und herschob.

„Ja, genau“, bestätigte er. „Ich hatte gehofft, sie wären bereit, einzuspringen.“

„Kommt darauf an, wie viel Sie zahlen.“ Um einen ernsten Ton bemüht, verbesserte sich meine Laune schlagartig. Hatte ich gerade noch von Geldsorgen und fehlenden Aufträgen geredet?

„Ähm …“, kam es vom anderen Ende. Leise lachend ließ ich mich in meinen Stuhl sinken.

„War nur ein Scherz.“ Das erleichterte Seufzen war nicht zu überhören. „Ich springe gerne ein. Können sie mir schon mehr sagen?“

Kai Grayson lachte nun ebenfalls leise, bevor er nach meiner Mailadresse fragte, um mir eine Zusammenfassung der Immobilien zu schicken.

„Ich melde mich, sobald ich die Daten gesichtet habe“, sagte ich dann. „Bitte richten Sie Noah gute Besserung aus.“

„Ja. Ich würde mich freuen, wenn es klappt“.

Wir verabschiedeten uns und ich legte – zugegeben etwas benommen – mein Handy zur Seite. Ein Blick auf die ungeöffneten Rechnungen vor mir auf dem Tisch. Makaber, weil erst ein Unfall dazu führen musste, dass ich wieder Arbeit hatte.

Es folgte auch bald darauf eine Mail mit der angekündigten Zusammenfassung und ich staunte nicht schlecht. Kai Grayson war Makler für exklusive Immobilien und Noah Avens hatte mit ihm zusammengearbeitet, um die Häuser und Villen für anstehende Besichtigungen oder neue Besitzer herzurichten.

Der einzige Haken: Die Standorte der Immobilien waren vier Stunden von hier entfernt – vier Stunden mit dem Flugzeug.

„Mom, beruhig dich. Ich bin höchstens ein paar Wochen weg“, murmelte ich zwischen den letzten zwei Bissen. Ich legte seufzend das Besteck zur Seite, mit dem ich gerade noch von der Lasagne gegessen hatte, die sie extra für mich gemacht hatte. Über den Tisch hinweg blickte sie mich überrascht an.

„Gibt es da wohl keine anderen Designer?“, fragte sie aufgeregt und ich konnte an ihrem Blick erkennen, dass sie ganz und gar nicht begeistert darüber war, dass ich einen Auftrag in einer anderen Stadt angenommen hatte. Wahrscheinlich war es aber auch keine wirklich schlaue Idee gewesen, ihr die Neuigkeiten einen Tag vor meinem Abflug beim entspannten Abendessen zu erzählen. Nur so nebenbei, wie ich kurz vorher noch von meinem Tag berichtet hatte.

„Doch, aber …“, sofort wurde ich allerdings unterbrochen.

„Und warum fragt dieser Grayson dann niemand anderen?“ Obwohl sie genervt klingen wollte, wütend, konnte ich den traurigen Unterton in ihrer Stimme nicht überhören.

„Bitte, Mom, hör mir doch zu“, flehte ich und nahm die Serviette, um mir schnell über den Mund zu wischen. „Ich kann es mir momentan nicht leisten, wählerisch bei meinen Aufträgen zu sein. Und noch dazu wäre es schön, mal wieder in der Heimat zu sein.“

Ihre protestierenden Worte, die sie sicher schon parat gehabt hatte, wurden mit meinem letzten Satz erstickt. Verwirrt zog sie die Augenbrauen zusammen. Denn dieses kleine Detail hatte ich mir erlaubt, vor ihr zurückzuhalten. Wir verbanden nicht nur schöne Erinnerungen mit der Stadt, in der ich aufgewachsen war und mein Studium zum Interior Designer begonnen hatte. Es war auch die Stadt, in der unsere Familie in zwei Teile zerbrochen war. Meine Eltern hatten sich getrennt, wir waren in entgegengesetzte Richtungen dieses riesigen Landes geflüchtet. Ich mit meiner Mutter und mein Vater … Nun ja, auf Nimmerwiedersehen irgendwo anders hin.

„Das hast du nicht dazu gesagt …“, murmelte meine Mutter betroffen. Sie blickte nachdenklich zu mir herüber, aber ich konnte sehen, dass sie kurz in der Vergangenheit schwelgte.

„Weil du mich nicht ausreden lässt“, sagte ich grinsend und nahm einen tiefen Schluck aus meinem Glas. Leider war es nur Wasser – später allerdings würde ich im Pride das Wasser gegen Alkohol tauschen.

„Entschuldige bitte, mein Schatz“, antwortete sie versöhnlich. Das kurze Zucken ihrer Mundwinkel entging mir nicht. Ich erzählte, während sie zu Ende aß, von den ganzen schicken Immobilien, die ich in der Mail von Mr. Grayson gesehen hatte. Bisher war es selten vorgekommen, dass ich solche Aufträge bekam. Aber seit ich die Zusage hatte, konnte ich mich vor kreativen Einfällen für luxuriöse Villen kaum noch retten. Ich sah Glasfronten vor mir, durch die das Sonnenlicht schien, hohe Decken und weitläufige, offene Räume, die nur danach schrien, von mir eingerichtet zu werden.

Natürlich war das Gehalt auch ein ausschlaggebender Punkt. Wie oft hatte meine Mutter mir in den letzten Wochen angeboten, mir finanziell unter die Arme zu greifen, oder sich meine Beschwerden über den Immobilienmarkt angehört?

„Aber du rufst regelmäßig an!“, forderte sie in strengem Ton und riss mich damit aus meinen Gedanken. Während sie aufstand, griff sie nach meinem Teller und verschwand damit in der Küche. Ich stand ebenfalls von meinem Platz an dem kleinen Esstisch auf und trug die Auflaufform hinter ihr her.

„Natürlich“, versicherte ich. „Ich werde dich über allen Klatsch und Tratsch auf dem Laufenden halten.“

„Das hoffe ich für dich!“ Sie lachte und stupste mich sanft mit ihrem Ellenbogen in die Seite. „Vielleicht gibt es da ja ein paar nette Jungs.“

„Mooom“, stieß ich genervt aus und verdrehte die Augen, während ich die Auflaufform in den Ofen zurückschob.

„Na, du kannst dich wenigstens mal umschauen.“ Sie grinste und wackelte dabei mit den Augenbrauen.

„Du wirst die Erste sein, die es erfährt, wenn ich jemanden kennenlerne“, murmelte ich.

„Sicher. So wie die letzten Male auch.“

Der schrille Nachrichtenton meines Telefons unterbrach unser Geplänkel und ich fischte es aus der Hosentasche, nur um eine Nachricht von Colton zu sehen.

„Musst du schon los?“, fragte meine Mutter, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

„Ja, Colt und Eric warten auf mich.“ Ich hauchte ihr einen Kuss auf die Wange „Ich ruf dich morgen Abend an, wenn ich angekommen bin.“

Im Flur der Wohnung drückte ich sie fest an mich und musste noch drei Mal versprechen, sie regelmäßig anzurufen, bevor sie mich mit einem Klaps auf den Hintern aus der Wohnung entließ.

Es war von hier aus nicht weit zur Bar, dem Pride, in dem ich mich mit Colton und Eric treffen wollte. Der kurze Fußmarsch an der frischen Luft tat mir gut und ließ meine durcheinanderwirbelnden Gedanken etwas langsamer kreisen. Meine Tasche war bereits gepackt und ich konnte es kaum noch erwarten, von hier wegzukommen. Auch wenn ich meine Freunde und Mom vorerst hier zurückließ. Aber die letzten Wochen hatten mich geschlaucht, mich oft überlegen lassen, ob der Weg, den ich eingeschlagen hatte, der richtige war. Und jetzt vor diesem großen Auftrag zu stehen, vor der Möglichkeit, mich beweisen zu können und alle meine kreative Energie aus mir herauszulassen … Es war aufregend und irgendwie angsteinflößend gleichzeitig.

Das pink leuchtende Neonschild des Prides kam in mein Blickfeld und ich vertrieb die Gedanken aus meinem Kopf. Ich wollte nicht mit einer Stimmung zwischen Weltuntergang und Aufbruch in einer Bar auftauchen – das führte bei meinem Glück meistens zu einem Totalausfall und ich musste morgen Mittag den Flug erwischen.

Als ich an der Bar ankam, sah ich Coltons großen Pick-up schon unter den parkenden Autos und musste grinsen. Ich hatte ihnen, genauso wie meiner Mutter, noch nichts von meinem Auftrag erzählt. Und das lag zum Teil auch daran, dass ich unsere Abende hier mehr als vermissen würde.

Ich betrat den düsteren Laden und nickte Lee Ann hinter der Bar grinsend zu, ließ den Blick schweifen, bis ich Colt und Eric an einem der Tische sah. Sie saßen nebeneinander, die Köpfe zueinander gedreht und … Mann, die beiden waren ein Paar, auf das jeder neidisch war.

„Hey“, sagte ich und beobachtete amüsiert, wie sie sich ein Stück voneinander entfernten und Erics Wangen sich rötlich färbten. Ich wollte beim besten Willen nicht wissen, was das Gesprächsthema gewesen war, bevor ich aufgetaucht war.

„Hi!“, begrüßte mich Colt grinsend und zog Eric unmissverständlich näher an sich heran.

„Alles klar?“, fragte Eric und griff nach seinem Bier, um einen Schluck davon zu nehmen.

„Klar doch.“ Ich grinste und ließ mich ihnen gegenüber auf die Bank sinken. „Und bei euch?“

„Alles bestens“, antwortete Colt.

„Mia und Alex konnten heute doch nicht“, sagte Eric, bevor ich mich überhaupt nach den beiden erkundigen konnte, und wackelte dabei eindeutig mit den Augenbrauen. „Ich bin echt froh, dass ich so oft bei Colt bin. Die zwei fallen ständig übereinander her.“

„Ach“, machte ich. „Und das ist bei euch nicht der Fall?“

Coltons tiefes Lachen erklang und ich musste mit einstimmen, als Eric einen schüchternen Seitenblick auf seinen Freund warf. Bevor der etwas darauf erwidern konnte, und um ehrlich zu sein, wollte ich auch gar keine Antwort darauf, tauchte die junge Frau, die normalerweise hinter der Bar stand, neben dem Tisch auf und stellte ein Getränk vor mir ab. Ich war froh über die Ablenkung, weil ich unweigerlich daran denken musste, dass ich vor einer Weile fast was mit Colton angefangen hätte …

„Hier. Wie immer.“ Ich lächelte dankbar.

War es ein gutes Zeichen, dass ich meinen Mojito mittlerweile ohne Aufforderung vor die Nase gestellt bekam?

„Also, was macht die Kunst?“, fragte Colton und ich verschluckte mich beinahe an meinem Drink. So viel dazu, dass ich das Thema, solange es ging, hinauszögern wollte.

„Ähm …“ Das laute Räuspern brachte nichts gegen den Knoten in meinem Hals. „Ich fliege morgen zurück in meine alte Heimat, für einen Auftrag.“

Colt zog überrascht die Augenbrauen in die Stirn und Eric lächelte.

„Wow, das klingt nach was Großem“, sprach er ehrlich seine Gedanken aus. Ja, wenn er wüsste, wie groß diese Gelegenheit für mich war.

„Ist es, ja …“, murmelte ich mit einem kurzen Lächeln und nahm einen weiteren großen Schluck von meinem Mojito.

„Was ist es für ein Auftrag?“, fragte Eric dann interessiert und ich lehnte mich nach vorne, stützte die Unterarme auf dem Tisch ab.

„Vor ein paar Tagen hab ich einen Anruf bekommen“, sagte ich. „Ein alter Studienkollege hat meine Nummer weitergegeben.“

„Klingt doch gut.“ Colt lächelte ehrlich, während er sich nach hinten an die Lehne sinken ließ.

„Sehr gut, oder nicht?“, bestätigte Eric.

„Kai Grayson, so heißt mein Auftraggeber. Er ist Makler“, erklärte ich weiter.

Die beiden wussten über meine aktuelle Situation nicht Bescheid, obwohl wir sonst immer offen miteinander gesprochen hatten. Ich war aber noch nicht bereit gewesen, das mit ihnen zu teilen – was würden sie sonst von mir denken? Dan, der sonst immer gut gelaunt war und alles schaffte, hatte Geldsorgen und brachte seine Selbständigkeit nicht auf die Reihe? Nein, danke.

„Aber es gibt einen Haken daran“, fügte ich hinzu und dachte schaudernd an den Flug morgen.

„Er ist nicht dein Typ.“ Colt grinste. Lachend schüttelte ich den Kopf.

„Nein. Also … keine Ahnung, wir haben bisher nur telefoniert.“

Eric zog eine Augenbraue in die Stirn, auch er musste grinsen. Bevor ich weitersprach, nahm ich einen großen Schluck aus meinem Glas. Zum Glück merkte keiner der beiden, dass ich nur Zeit schindete.

„Was kann denn noch schlimmer sein?“, fragte Colt und ich warf ihm einen amüsierten Blick zu.

„Ich muss vier Stunden lang durch die Hölle gehen“, sagte ich ernst und seufzte. Mir wurde schon jetzt schlecht, wenn ich darüber nachdachte.

„Vier … Stunden?“, fragte Eric. „Wieso fragt er dann dich?“

„Weil ich anscheinend der Einzige in diesem Land bin, dessen Fähigkeiten gut genug für ihn sind“, sagte ich, das bittere Lächeln auf meinen Lippen war aber alles andere als witzig gemeint.

Ich erzählte kurz davon, was ich nach dem letzten Telefonat mit Kai über Noahs „Unfall“ erfahren hatte. Er war von irgendwelchen Spinnern brutal zusammengeschlagen worden und lag seitdem im Koma. Die Ärzte wollten keine Spekulationen darüber anstellen, wann er wieder aufwachen würde.

„Wie lange bist du dann weg?“, fragte Colt, der offensichtlich verstanden hatte, was das für meinen Auftrag bedeutete.

„Weiß nicht.“ Schulterzuckend sah ich die beiden an. „Ich schätze mal, mindestens so lange, bis Noah wieder auf den Beinen ist.“

„Du kannst uns nicht so lange allein lassen!“ Eric setzte sich auf der Bank auf und runzelte die Stirn.

„Ach komm, als wärt ihr nicht froh, eure Ruhe zu haben und im Bett bleiben zu können.“

„Du weißt genau, was ich meine“, schmollte Eric und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ja.“ Ich seufzte. „Aber ich komm schon wieder zurück, keine Angst.“

„Solange du dich nicht in Kai Grayson verliebst.“ Colt senkte lachend den Blick auf die Tischplatte.

„Scheiße, nein. Wahrscheinlich ist er doppelt so alt und bestimmt nicht mein Typ. Ich steh nicht so auf Makler.“

„Also das Alter ist das geringste Problem, glaub mir“, versicherte Eric grinsend und lehnte sich an Coltons Schulter.

„Nein, danke.“ Kopfschüttelnd versuchte ich das Bild eines älteren Mannes mit dünnem, grauem Haar und einem altmodischen Anzug in meinem Kopf zu manifestieren, der mich erwartete. Vielleicht hatte er sogar eine dieser altmodischen Westen, in der man eine Taschenuhr verstauen konnte?

Als ich am nächsten Tag den vier Stunden langen Höllenflug hinter mir hatte, war ich froh, den Erdboden wieder unter meinen Füßen zu wissen. Noch dazu war die angenehme Stille der Halle, die ich gerade betreten hatte, besser als die schrille Stimme der älteren Dame, die mir den ganzen Flug über von ihren gefühlten fünfhundert Enkeln erzählt hatte. Während ich die Übelkeit und die Todesangst hinuntergeschluckt und immer freundlich nickend neben ihr gesessen hatte, hatte ich mir für einen kurzen Moment gewünscht, das Flugzeug würde doch abstürzen.

Jetzt allerdings könnte ich ihr dafür überschwänglich in die Arme fallen, dass sie mich ein Stück weit von den lauten Geräuschen und der Tatsache abgelenkt hatte, dass ich einen Fensterplatz bekommen hatte. Zum Glück war mein Verstand einmal größer als die Neugierde gewesen und ich hatte nicht einen einzigen Blick nach links zur Scheibe getan.

Die Welt wieder von hier unten und die Sonnenstrahlen durch die Glasfronten der Flughafenhalle scheinen zu sehen, war erleichternd und befreiend. Ich schnappte mir meinen zugegeben übertrieben großen Koffer und schlenderte damit nach draußen an die frische Luft. Aus der Tasche über meiner Schulter holte ich meine Sonnenbrille hervor, weil ich direkt in die tiefstehende Sonne blinzelte. Zur Autovermietung fand ich, ohne mich durchfragen zu müssen. Der Weg führte mich am Parkplatz des Flughafens entlang, vorbei an einer bepflanzten Baumreihe und einer Kleinstadt im Hintergrund, die mein eigentliches Ziel war. Scheiße, obwohl es bereits zehn Jahre her war, kribbelte meine Haut und ich konnte das merkwürdige Grinsen nicht mehr unterdrücken, jetzt wo ich hier war.

Es fühlte sich vertraut an, meinen Koffer in den Mietwagen zu laden, den Kai Grayson für mich organisiert hatte. Genauso, wie es sich wie zu Hause ankommen anfühlte, als ich auf die Hauptstraße fuhr und ohne Navi in die Stadt fand. Vorbei an Orten, in denen ich als Kind mit meinen Eltern unterwegs gewesen war, Restaurants, in denen ich nach einer Portion Pommes gequengelt oder Eis auf mein Shirt gekleckert hatte. Vorbei an der Uni und dem, wenn auch etwas heruntergekommenen, Studentenwohnheim, dem Park, durch den ich manchmal, alle heiligen Tage, eine Runde gejoggt war.

Wenig später hielt ich den silbernen Mietwagen vor einer kleinen Wohnanlage an. Die Sonne ging langsam unter und tauchte die ruhige Gegend um mich herum in rötliches Licht. Ich schleppte den Koffer in den ersten Stock und tippte am Türschloss zu Apartment Nr. 5 die PIN-Nummer ein, die der Vermieter mir über Mr. Grayson hatte zukommen lassen.

Er hatte mir ein Apartment in der Nähe seines Büros zur Verfügung gestellt, obwohl ich zuerst dagegen gewesen war, dass er das übernahm. Als er aber darauf bestanden und ich über meine finanzielle Lage nachgedacht hatte, wollte ich mich nicht beschweren. Keines von beidem hätte ich mir leisten können.

Drinnen war es klein, aber durchaus gemütlich. Eine Küchenecke zur linken, dahinter eine Couch mit gegenüberliegender Kommode und einem Fernseher. Am Ende des langen Raumes stand ein bereites Bett direkt unterhalb der großen Fensterfront, die die Abendsonne hereinließ. Über die Farben konnte man streiten, aber solange es sauber und möbliert, die Küche funktionsfähig war und die Dusche im Bad wusste, was heißes Wasser war, fand ich es cool.

Erst nach einem prüfenden Blick in den Kühlschrank, der tatsächlich ein Fertiggericht, etwas Milch, Wasser und Bier vorzuweisen hatte, fiel mir der Zettel auf, den jemand auf der Anrichte neben all den Informationen des Vermieters platziert hatte. Er war von Mr. Grayson, der eine überraschend schöne Handschrift hatte.

Mr. Milam,

ich hoffe, das Apartment ist nach ihren Wünschen und Sie können sich hier für die nächste Zeit wohlfühlen. Ich hoffe ebenfalls, dass mit dem Mietwagen alles geklappt hat.

Eine Liste der Immobilien habe ich ihnen ja bereits zukommen lassen, ich würde sie gerne Montagmorgen gegen 9 Uhr zu einer Tour abholen und ihnen die Häuser zeigen.

Falls sie noch eine Abendbeschäftigung suchen: Es gibt einige gute Restaurants in der Umgebung und die Cafés sind auch gut zu Fuß zu erreichen.

Ich freue mich auf die Zusammenarbeit!

Kai Grayson

Ich musste über die freundliche Nachricht lächeln, aber irgendwie bestätigte es meinen Verdacht, dass mein Auftraggeber schon etwas älter war als ich. Allein die Wortwahl, mit der er sich ausdrückte … niemand, der ein Smartphone mit Internetzugang besaß, redete noch so.

Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, zu einem der beschriebenen Restaurants zu gehen, machte mir dann aber die Fertig-Nudeln in der Mikrowelle und speicherte die Mobilnummer, die er ganz unten auf dem Zettel hinterlassen hatte. Mit einer kurzen Nachricht bedankte ich mich und bestätigte den Termin für morgen Vormittag.

Nach einem kurzen Telefonat mit meiner Mutter und einer Nachricht an meine Freunde lag ich schließlich im Bett und lauschte den Geräuschen um mich herum, während mir die Augen zufielen. Autos, die draußen auf der Straße vorbeifuhren, ein Hund bellte, einer der Nachbarn hatte den Fernseher laut laufen.

Am nächsten Morgen wurde ich nicht wie erwartet von der aufgehenden Sonne geweckt oder vom Weck-Ton meines Smartphones. Es war ein lautes Klingeln und ein darauffolgendes Klopfen, das mich aus dem Tiefschlaf riss. Wie an einer … Tür.

Fuck.

Ich warf die Decke zurück und sprang aus dem Bett, war nur kurz verwirrt, wo ich mich befand. Noch einmal drehte ich mich um mich selbst, bis mir einfiel, dass mein Koffer noch ungeöffnet mitten im Raum stand. Notdürftig zog ich mein Shirt vom letzten Tag über, bevor ich durch den Türspion linste. Es stand ein Mann vor der Tür, in Hemd und Jeans, der alles andere als begeistert aussah, als er noch einmal auf die Klingel drückte. Wenn das Kai Grayson war, dann verdamm mich …

Die Tür öffnete ich nur so weit, dass er mein Gesicht sehen konnte, und ich schob meine Hüfte hinter die Tür, weil ich nur knappe Shorts trug. Die Überraschung auf dem Gesicht meines Gegenübers war nicht zu übersehen, als er seinen Blick kurz von meinem Gesicht zu meinen Haaren und zurück schweifen ließ.

„Mr. Grayson?“, fragte ich irritiert und betrachtete den Mann vor mir. Er war ein verboten gutaussehender Kerl in meinem Alter, die dunklen, fast schwarzen Haare kurzgehalten und die leuchtenden, grünen Augen freundlich auf mich gerichtet. Er trug ein einfarbiges Hemd und enge schwarze Jeans, die seine schlanken Beine betonte.

„Ja, Mr. Milam?“, begrüßte er mich. Es traf mich wie ein Blitzschlag, als ich seinen Namen, seine Stimme und sein verdammtes Aussehen in meinem Kopf miteinander kombinierte. Aber der ausschlaggebende Punkt waren diese leuchtenden, grünen Augen, die alles und jeden in ihren aufregenden Bann zogen. Ich hatte schon einmal in diese Augen geblickt, auch wenn es wie ein verschwommener, undeutlicher Traum auf mich wirkte. Es war sicherlich einige Jahre her. Aber diesen magischen Blick, den konnte niemand vergessen.

Kopfschüttelnd versuchte ich, die Erinnerungsfetzen zusammenzuhalten, aber sie verschwanden wieder in der dunklen Ecke meines Verstandes, aus der sie gekommen waren. Wo zur Hölle kam das plötzlich her?

„Mr. Milam?“, holte die Stimme meines Gegenübers mich wieder zurück in die Realität, weg aus meinen verwirrenden Gedanken.

„Ich …“, mit der Hand strich ich mir die Haare nach hinten. „Entschuldigen Sie, ich bin gleich da.“

„Lassen Sie sich Zeit.“ Er lächelte, als er mir in das verschlafene Gesicht blickte. „Ich warte am Wagen.“

Das amüsierte Grinsen auf seinen Lippen war nicht zu übersehen, auch wenn er sich noch im selben Moment umgedreht hatte und über den offenen Balkon zurück zur Treppe ging, die nach unten führte. Das wurde ja immer besser.

Mit einem genervten Knurren, das mir selbst galt, schloss ich die Tür und warf das zerknitterte Shirt und die Shorts von mir. Nach einer kurzen Dusche fühlte ich mich schon wacher, aber nicht weniger durcheinandergeworfen und schnappte mir ein dunkelgrünes Shirt, helle Jeans und die Sneaker, die ich gestern schon getragen hatte. An der Tür drehte ich noch einmal um, griff nach der Tasche mit meinem Notebook sowie dem Schlüssel des Mietwagens und verließ dann die Wohnung.

Mr. Grayson lehnte unten an seinem Wagen, die Arme vor der Brust verschränkt. Scheiße, der Blick, mit dem er mich beobachtete, während ich auf ihn zuging, war alles andere als begeistert. Da hatte ich mal wieder ganze Arbeit geleistet und den besten ersten Eindruck hinterlassen, den man sich vorstellen konnte. Und dann noch diese … Erinnerung. Kopfschüttelnd ging ich die letzten Schritte auf ihn zu. Wahrscheinlich hatte mir mein müder Verstand einen Streich gespielt.

„Guten Morgen.“ Er lächelte und ich konnte fühlen, dass er sich über mich lustig machte.

„Entschuldigung“, betonte ich noch einmal. „Normalerweise passiert mir das nicht.“

„Schon gut.“ Er blinzelte mich noch einmal freundlich an, bevor er auf der Fahrerseite seines Wagens einstieg. Ich ging zur anderen Seite und stieg ein, musste überrascht feststellen, dass zwei Pappbecher in der Mittelkonsole steckten und es schrecklich gut nach Kaffee roch.

„Der ist jetzt wahrscheinlich kalt …“ meinte Mr. Grayson beiläufig und reichte mir einen davon.

„Nicht so schlimm“, ich griff nach dem Becher, den er mir entgegenhielt. Mit einem dankbaren Lächeln nahm ich einen großen Schluck davon und es war mir verdammt egal, dass er kalt war, solange es Koffein war. Vielleicht half das meinem Kopf, wieder klar zu denken.

„Ich würde Ihnen erst mal die Immobilien zeigen, an denen Noah im Moment gearbeitet hat.“ Er startete den Wagen, während ich mich an meinen Kaffee klammerte und ihn von der Seite beobachtete.

„Okay“, stimmte ich zu.

„Die ersten Besichtigungen sind erst in zwei Wochen“, erklärte er weiter. „Noah hat in seinem Büro auch eine Liste mit allen Lieferanten und Läden, mit denen er zusammenarbeitet. Das können wir uns später auch ansehen.“

Ich nickte nur stumm und wagte einen weiteren Seitenblick auf Mr. Grayson, der selbstbewusst den Wagen steuerte. Sicher war es nur ein beschissener Tagtraum gewesen, den mein noch schlafendes Hirn mir gespielt hatte. Ja. Ganz bestimmt war dieser kurze Moment an der Tür genau das gewesen. Ein scheiß Tagtraum.

Es folgte unendliches Schweigen, bis wir an der ersten Immobilie angekommen waren. Gelegentliche Seitenblicke von mir – ich bewunderte seine kantigen Gesichtszüge und die schön geschwungenen Lippen. Das Radio im Wagen war aus, was natürlich nicht gerade dazu beitrug, dass ich mich besser fühlte oder die Stimmung weniger merkwürdig wurde.

Mein Kaffeebecher war leer, als Kai den Wagen in die Einfahrt des schicken Hauses fuhr, das unser erstes Ziel war. Der Garten sah einigermaßen gepflegt aus, würde aber auch etwas Hilfe brauchen. Die Außenfassade war in einem hellen Erdton gestrichen und irgendwie wirkte der Bau herrschaftlich und edel auf mich. Genau Mr. Graysons Klientel, wenn ich mir das Portfolio ins Gedächtnis rief.

„Da wären wir“, sagte er und stieg aus. „Noah hat es immer das ‚Herrenhaus’ genannt.“

Ich musste lächeln, weil ich genau wusste, was er meinte. Die Verzierungen um die Fenster, die Ornamente, die in das Holz der Haustür geschnitzt waren. Fehlte nur noch der Efeu, der sich am Haus hinaufrankte. Die ganze Gegend bestand aus Häusern in diesem Stil.

„Ich weiß gar nicht, warum“, murmelte ich, während wir zum Eingang gingen und Mr. Grayson die Tür öffnete. Verstohlen beobachtete ich ihn dabei und versuchte, mich erneut dagegen zu wehren, dass eine Erinnerung, von der ich mich selbst zu überzeugen versuchte, dass sie ein Streich meines Hirns war, mich merkwürdige Dinge über ihn denken ließ. Vielleicht war diese Erinnerung aber auch die unverblümte, alkoholdurchzechte Wahrheit, die mich wieder einmal an mein nicht gerade beispielhaftes Studentenleben denken ließ.

Ich folgte Kai Grayson nach drinnen.Im Innenbereich war es, anders als erwartet, sehr gemütlich und rustikal. Auf den ersten Blick sah es schon fast einzugsbereit aus. Einige Gegenstände waren noch in Kartons verstaut und das großzügige Wohnzimmer stand noch leer. Die Terrasse war eine karge Betonfläche und laut Kai Grayson hatte Noah zuletzt im oberen Stockwerk gearbeitet.

„Er hatte viele Ideen für das Haus, ich musste ihn oft zurückhalten“, erklärte er lachend und führte mich durch die große Tür nach draußen und in den Garten. „Ich wollte auch nicht, dass die Interessenten erschlagen werden.“

„Ich kann Noah verstehen, die Immobilie hat viel Potenzial“, sagte ich, während ich mich umdrehte und die von der Straße abgewandte Seite betrachtete. Im hinteren Garten war das Gras, über das wir nun gingen, relativ hoch gewachsen und Unkraut überwucherte die Beete.

„Wie lange hat hier niemand gewohnt?“, fragte ich interessiert und deutete auf das Chaos um uns herum.

„Die Vorbesitzer sind weggezogen und haben es fast ein Jahr leer stehen lassen, bevor sie sich für den Verkauf entschieden haben.“ Mr. Grayson seufzte und ließ den Blick über das Grundstück schweifen. „Dafür ist es viel zu schade, wenn Sie mich fragen.“

„Hm“, machte ich und nickte.

„Ein Gärtner kommt morgen und kümmert sich um die Außenanlagen“, sprach er weiter. „Die Maler sind seit letzter Woche fertig. Es gehört also ganz Ihnen und Ihren fähigen Händen.“

Warum nur lief es mir bei seinen Worten eiskalt den Rücken hinunter? Kopfschüttelnd versuchte ich, den Gedanken an meinen Arbeitgeber zu vertreiben, der neben mir stand und den Blick weiterhin auf das Haus gerichtet hatte. Ich tat, als würde ich mich noch genauer umschauen, dabei wollte ich nur so viel Abstand wie möglich zwischen ihn und mich bringen. Ich schlenderte durch das hohe Gras und besah mir die Terrasse, die trostlos vor mir lag. Dafür würde mir in den nächsten Tagen sicherlich auch noch etwas einfallen.

Ohne auf Kai Grayson zu achten, ging ich wieder nach innen und die dunkle Holztreppe im Flur nach oben. Es roch nach frischer Farbe und meine Schritte auf dem Holzboden hallten in den leeren Räumen wider. Es gab mehrere Zimmer, eines davon hatte einen wunderschönen Blick über den Garten und durch die großen Fenster schien hell das Sonnenlicht herein. Ich sah Mr. Grayson im Garten stehen, das Handy am Ohr und ein schmaler Pfad war im Gras zu sehen, wo er hin und her wanderte. Er war so vertieft in das Gespräch, dass ich es mir erlaubte, ihn noch eine Weile zu beobachten.

Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber Kai Grayson war genau mein Typ, und das machte die Situation nicht gerade einfacher. Innerlich verfluchte ich Colton für seine blöden Anspielungen. Wenn er wüsste, wie recht er hatte. Wenn ich meinen Auftraggeber in einer Bar wie dem „#Pride“ getroffen hätte, dann wäre ich, ohne zu zögern, auf ihn zugegangen und hätte ihn angesprochen und ungeniert mit ihm geflirtet. Vielleicht hatte ich das auch schon? War das vielleicht der Grund für die merkwürdige Erinnerung?

In dem Moment, ich dem ich diesen Gedanken im Kopf hatte, drehte er sich herum und blickte direkt zum Fenster hoch, an dem ich noch immer stand und ihn anstarrte. Schneller als ich denken konnte, war ich zwei Schritte zurück gestolpert und dann fluchtartig aus dem Zimmer gestürmt. Ich traf ihn erst unten im großzügigen Wohnzimmer, als er gerade das Telefonat beendete und mich dabei mit seinen grünen Augen fixierte.

Der Rest des Tages verging schneller als erwartet. Ich wollte unbedingt weg von dieser unangenehmen Stimmung, die zwischen mir und meinem Auftraggeber herrschte. Wir redeten nicht viel, meist nur über die Immobilien, bei denen wir gerade Halt gemacht hatten. Manche davon waren schon verkauft und sollten nach Käufer-Wunsch renoviert, andere für die Besichtigungen einfach und schnell eingerichtet werden.

Die Details klärten wir, als wir bei Noahs Büro ankamen. Es fühlte sich merkwürdig an, die stillen Räume zu betreten und die Unterlagen auf dem Schreibtisch durchzusehen. Als würde ich etwas Verbotenes tun, wenn ich seine Sachen durchwühlte. Dabei versuchte ich nur, auf den neuesten Stand zu kommen. Kai Grayson wartete an der Eingangstür, als würde auch er von dieser unsichtbaren Wand zurückgehalten.

Schnell hatte ich gefunden, wonach ich suchte, packte mir die Mappen der Häuser und verließ mit einem letzten Blick zurück das Zimmer. Mr. Grayson gab mir den Schlüssel, aber ich wusste, dass ich nur im allergrößten Notfall noch einmal herfahren würde. Eigentlich war es total bescheuert, so zu denken – Noah war ja schließlich nicht gestorben und wahrscheinlich froh darüber, dass jemand seine Aufgaben übernehmen konnte. Trotzdem fühlte sich der kleine Schlüsselbund in meiner Hosentasche tonnenschwer an.

Kai