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Ein einziger Mann steht zwischen dem Journalisten Vincent Wood und einem festen Job bei einem Londoner Kulturmagazin. Ausgerechnet den unnahbaren Kabuki-Schauspieler Kira Miyamoto soll Vincent interviewen! Doch Vincent braucht den Job und so bleibt er hartnäckig an Kira dran, bis der exotische Mann ihm ein verwirrendes Angebot macht ... Yakuza Serie Band 2
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Angelika Murasaki
Yakuza 2
© dead soft verlag, Mettingen 2012
Für Fragen zur Produktsicherheit
© the author
dead soft verlag
http://www.deadsoft.de
Cover: M. Hanke
Motive:
Mann: © Kurt Wiarda – fotolia.com
Giraffe: © Stephi – fotolia.com
Chrysanthemen: © Harald Biebel – fotolia.com
1. Auflage 2012
ISBN 978-3-943678-23-9 (print)
ISBN 978-3-943678-24-6 (epub)
Romanfiguren können darauf verzichten, im richtigen Leben gilt Safer Sex!
Ein einziger Mann steht zwischen dem Journalisten Vincent Wood und einem festen Job bei einem Londoner Kulturmagazin. Ausgerechnet den unnahbaren Kabuki-Schauspieler Kira Miyamoto soll Vincent interviewen! Doch Vincent braucht den Job und so bleibt er hartnäckig an Kira dran, bis der exotische Mann ihm ein verwirrendes Angebot macht …
„Das ist eine ziemlich vollmundige Zusicherung, Mr. Wood.“ Mr. Ferrys, der Redakteur des Kulturmagazins, bei dem sich Vincent Hoffnungen auf eine Festanstellung machte, lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er nahm seine Brille ab und tippte damit gegen seine Lippen.
„Ich habe gehört, dass Miyamoto bis jetzt jede Interviewanfrage abgelehnt hat, aber wenn Sie so sicher sind, dass Sie eins bekommen ...“ Er stockte und beugte sich wieder über den Schreibtisch, um Vincent ein Theaterprogrammheft rüberzuschieben, auf dessen Cover ein weiß geschminktes Gesicht zu sehen war. Die Züge waren weder recht männlich noch weiblich, dafür ebenmäßig – und verrieten kein Gefühl. Die Person auf dem Cover schien durch den Betrachter hindurch, in die Ferne, zu blicken. Vincent wunderte es nicht, dass jede Vorstellung ausverkauft war und das Interesse des Londoner Publikums sich auf diesen Mann konzentriert hatte.
„Also“, sprach Mr. Ferrys weiter und lenkte damit Vincents Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Sollten Sie es tatsächlich schaffen ein brauchbares Exklusivinterview von ihm zu bekommen, dann werde ich Sie fest anstellen. Enttäuschen Sie mich also nicht, Mr. Wood.“
Als Vincent das Büro verließ, dachte er daran, dass es nie sein Ziel gewesen war, Journalist zu werden. Aber solange er es nicht schaffte, einen Verlag für seine Manuskripte zu finden, musste er eben auf diese Festanstellung hoffen. Er musste Chuck danken, denn auch wenn der ehemalige Journalist und jetzige Barbesitzer nicht zu Vincents engem Freundeskreis zählte, hatte er ihm doch sehr unter die Arme gegriffen, um an diesen Vorstellungstermin zu kommen. Diese Chance wollte Vincent mit beiden Händen ergreifen.
Man ließ Vincent seit fünfundvierzig Minuten warten. Der Schnee auf seinem Mantel hatte sich aufgelöst und war längst getrocknet. Doch Vincent saß noch immer in der kleinen überheizten Garderobe, starrte auf den überfüllten Schminktisch und fragte sich, wie lange er noch warten musste. Vor fast einer Stunde war die Vorstellung zu Ende gegangen, und Vincent hatte sich noch während der Vorhänge nach hinten begeben. Er hatte seinen Presseausweis gezeigt und war schließlich in die Garderobe des Stars geführt worden, der sich nun mehr als nur viel Zeit ließ, endlich hier aufzutauchen.
Vincents Unterlagen lagen fein säuberlich auf dem kleinen Tisch vor ihm, daneben das Diktiergerät, welches er sicherheitshalber mitgenommen hatte, falls seinen Interviewpartner der große Redeschwall erfassen sollte. Der große Star war allerdings noch immer nicht da, und Vincent fragte sich, ob das die japanische Art war zu sagen, dass man es sich anders überlegt hatte. Das wäre eine Katastrophe gewesen! Vor allem weil er der Einzige war, der tatsächlich eine Interviewzusage bekommen hatte. Die anderen hatten sich lediglich die Vorstellung ansehen dürfen. Durch die Hilfe von Marianne, seiner Nachbarin, hatte er dieses Interview ergattern können. Nur der Himmel wusste, wie sie das gedreht hatte. Vincent konnte sich jedoch ausmalen, dass die vielen Partys, auf die sie ging und ihn bei Bedarf als männliche Begleitung mitschleppte, auch mal Früchte tragen mussten. Wie man jedoch Kira Miyamoto dazu gebracht hatte sich auf das Ganze einzulassen, wo er doch alle vorherigen Anfragen abgeschmettert hatte, wusste Vincent nicht.
Er nahm einen Schluck Wasser aus dem Plastikbecher, den man ihm großzügigerweise bei seiner Ankunft hingestellt hatte, und griff nach seinem Notizblock. Kira Miyamoto war der Mann, den er interviewen sollte. Die Irritation wegen des Namens, den Vincent erst mit einer Frau verband, löste sich jedoch auf, nachdem er einige Fotos von ihm im Internet gesehen hatte. Ein schlanker Mann, dessen altersloses, weiß geschminktes Gesicht eine gespenstische Ruhe ausstrahlte. Er hatte androgyn und auf jeden Fall nicht eindeutig männlich gewirkt. Da es keine privaten Fotos von ihm gab, hatte Vincent keine Ahnung, was ihn genau erwartete. Dazu kam der Mangel an englischsprachigen Informationen. Es existierte zwar genug Material auf Japanisch, aber das handelte eher allgemein von Kabuki. Über Kira an sich war nur wenig zu finden gewesen. Alle Übersetzungsversuche der japanischen Texte mithilfe von Programmen hatten einen Wortsalat ergeben, den Vincent nicht mal ansatzweise hatte entschlüsseln können. Leider war die Zeit bis zum Interview einfach zu knapp gewesen, jemanden zum Übersetzen zu suchen, und so hatte sich Vincent mit den unzureichenden Informationen auf das Interview vorbereitet. Nun fragte er sich, ob es überhaupt stattfinden würde.
Er wollte sich gerade erheben, um nach jemandem Ausschau zu halten, als vor der Tür endlich deutliche Geräusche zu hören waren. Die Tür öffnete sich auch tatsächlich, doch es war nicht Kira, der eintrat. Sondern eine kleine Japanerin, die Vincent nicht einmal eines Blickes würdigte. Sie ging schnurstracks zum Perückenkopf, der neben dem Schminktisch stand, und setzte eine schwarze Perücke auf diesen.
Aber Vincent interessierte nicht die Perücke, sondern der Mann, welcher sie während der Vorstellung getragen hatte. Und dann wurde sein langes Warten belohnt. Unter Lachen und exotisch klingenden Worten, die er beiläufig über die Schulter warf, betrat Kira endlich die Garderobe. Sein Gesicht war noch immer geschminkt, das Haar mit einem Haarnetz zurückgehalten, und er trug den weißen Kimono, den er auch während der Vorstellung getragen hatte. Er schien Vincent gar nicht zu bemerken, denn er ging zum Spiegel und ließ sich von der Garderobiere beim Auskleiden helfen. Vincent musste den Anblick ohnehin erst verdauen, der von dem, was er sich vorgestellt hatte, erheblich abwich. Tatsächlich hatte Vincent einen kleinen, überaus höflichen Japaner erwartet, der eher an eine Frau, denn an einen Mann erinnerte. Doch mit dieser Vorstellung hatte der Mann, der keine zwei Meter von ihm stand, nur wenig gemein. Kira war überraschend groß für einen Japaner, fast so groß wie Vincent, und ohne Perücke leichter als männlich zu identifizieren. Das nichtssagende, androgyne und weiß geschminkte Gesicht, das Vincent auf Fotos gesehen hatte, war jetzt kaum noch zu erkennen. Stattdessen überflog Kiras Gesicht eine leichte Ungeduld, während er aus dem überlangen Obi-Gürtel gewickelt wurde.
Plötzlich drehte er den Kopf und seine im matten Licht schwarz wirkenden Augen erfassten Vincent. Vincent fühlte sich ertappt, während Kiras schwarz nachgezogene Augenbraue nach oben wanderte. Er stand er auf.
„Guten Abend, mein Name ist Vincent Wood, ich bin wegen des Interviews hier“, begann er und fragte sich nur eine Sekunde später, ob dieser Mann überhaupt seine Sprache verstand. Vincent hatte angenommen, dass Kira einen Dolmetscher haben würde. Immerhin war das bei vielen ausländischen Künstlern so üblich.
„Ach ja, das Interview.“ Kira sprach mit deutlich japanischem Akzent.
Vincent atmete auf, zumindest würde er sich verständigen können.
„Dafür habe ich jetzt gar keine Zeit, da ich gleich weg muss“, fuhr der Schauspieler fort und blickte zum Spiegel.
Vincent blieb der Mund offen stehen. Was zur Hölle sollte das? Er war pünktlich gewesen und hätte dieser Mann ihn nicht fast eine Stunde warten lassen, dann wäre für das Interview auch noch genug Zeit gewesen.
„Nun, es sind wirklich nur ein paar Fragen, es wird sicherlich nicht lange dauern, wenn wir gleich anfangen“, versuchte Vincent zum einen freundlich und zum anderen stur zu bleiben, während Kira der Kimono abgenommen wurde. Nun stand er nur noch in einem langen Wickelrock da und griff nach einem Abschminktuch.
„Ich pflege derartige Dinge nicht irgendwo in meinen Zeitplan zu quetschen“, sprach Kira weiter.
„Ich nahm auch an, dass wir gleich nach der Vorstellung beginnen würden“, sagte Vincent ein wenig spitz, weil es ihm wirklich zu bunt wurde.
Kira hielt in der Bewegung inne, ließ das Abschminktuch sinken und betrachtete Vincent eingehender, der versuchte, sich von seinem Zorn nichts anmerken zu lassen. Es entstanden einige Sekunden des Schweigens, in denen weder Kira noch Vincent sich rührten. Einzig die Garderobiere, welche den Kimono auf einen Ständer hängte, erzeugte Geräusche. Schließlich seufzte Kira und zuckte mit den Schultern.
„Nun gut, verschieben wir es auf einen anderen Tag“, gab er deutlich gelangweilt zurück und wandte sich ab, um nun endlich mit dem Abschminken seines Halses zu beginnen.
Vincent entspannte sich ein wenig, auch wenn das seine verschwendete Zeit nicht wieder zurückbringen würde.
„Morgen?“, bohrte er nach, als Kira sich nicht dazu herabließ, einen Termin zu nennen.
„Morgen ist Montag, nicht wahr?“, fragte Kira und auf Vincents Nicken fuhr er fort: „Also gut, dann Montag, da ist ohnehin keine Vorstellung.“
„Wäre Ihnen nachmittags recht? Gegen vier Uhr?“, erkundigte sich Vincent.
„Nein, da habe ich keine Zeit. Ich werde am Tag London besichtigen und bin noch am frühen Abend zu einer kleinen Party des Intendanten eingeladen.“ Noch während Kira sprach, fragte sich Vincent unwillkürlich, wann Kira sich Zeit für das Interview nehmen wollte! Nachts wäre er dann bestimmt zu müde, dachte Vincent schon fast gereizt und wollte den Mund aufmachen, um genau das anzufragen, als Kira plötzlich doch einlenkte. „Aber das wird sicherlich nicht zu lange dauern. Wie wäre es mit acht Uhr, in der Lounge meines Hotels?“
Von diesem Vorschlag deutlich besänftigt, notierte Vincent den Termin, gleich neben der Adresse des Hotels.
„Gut, dann sehen wir uns morgen also um acht. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend“, verabschiedete sich Vincent so höflich, wie es ihm möglich war, und sammelte seine Sachen zusammen, um die Garderobe des Schauspielers endlich zu verlassen. Nein, glücklich war er ganz und gar nicht, und es gefiel ihm auch nicht, wie man mit ihm umgesprungen war, doch so war eben das Los von Journalisten, gerade, wenn sie frei und ohne Vertrag arbeiten mussten.
Es war schon fast Mitternacht, als Vincent seine Wohnung erreichte, wegen des winterlichen Wetters ausgekühlt und auch ziemlich verstimmt. Seine Laune besserte sich nicht, als er einen Zettel an seiner Tür fand, der nur von Marianne stammen konnte, die in der Wohnung gegenüber lebte. Klingel bei mir, wenn du wieder zurück bist, ich glaube, meine Katze ist bei dir, stand da in scharfen Buchstaben geschrieben. Vincent seufzte.
Dennoch klingelte er bei Marianne, die auch gleich öffnete. In ihren Wohlfühlsachen hätte sie eigentlich unförmig wirken sollen, tat es aber aufgrund ihrer beneidenswerten Figur nicht. Sie hatte ihre rötlichen Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammengebunden und lächelte Vincent entschuldigend an.
„Oh, es tut mir so leid. Ich weiß auch nicht, warum sie ständig abhaut. Du hast wieder die Balkontür aufgelassen, oder?“ Ihre helle, melodische Stimme tröstete ihn heute nicht, denn er hatte Angst vor dem, was in seiner Wohnung los sein könnte.
„Ich war heute in Eile, und da habe ich es wohl vergessen“, sagte Vincent, öffnete die Tür und ließ Marianne den Vortritt. Die junge Frau huschte auf dicken Socken hinüber in Vincents Wohnung.
„Hoffentlich hat sie sich nur nicht wieder an deinen Büchern vergriffen“, sagte sie ein wenig peinlich berührt und eilte erst in Vincents Küche, dann in sein Badezimmer, in sein Schlafzimmer und schließlich ins Wohnzimmer, während Vincent sich kommentarlos den Mantel auszog und ihn an einen Haken hängte.
„Ich hab sie!“, kam es aus dem Wohnzimmer, was für Vincent bedeutete, dass er sich nun weiter vorwagen konnte, ohne Gefahr zu laufen gekratzt und gebissen zu werden. Denn so gerne sich dieses elendige Katzenvieh auch in seiner Wohnung aufhielt, so sehr schien es Vincent als Person zu hassen. Die wenigen Versuche, bei denen er selbst versucht hatte, die Katze zu fangen, hatten mit blutenden Fingern oder Schlimmerem geendet.
„Ich kann das wirklich nicht nachvollziehen, warum sie immer wieder gerade bei dir rumstreunen will“, bemerkte Marianne mit dem Tier auf dem Arm. Während Vincents Augen über die hohen Regale glitten, um zu erfahren, ob die Katze diese als Kratz- und Kletterbaum benutzt hatte.
„Wahrscheinlich wegen ...“, weiter kam er gar nicht, da ihn Marianne gleich unterbrach.
„Warte! Du hattest heute doch das Interview, oder? Sag, wie ist es gelaufen?“, wollte sie augenblicklich wissen und machte es sich ungefragt auf dem Sofa bequem, die Katze dabei stetig im Nacken kraulend.
Vincent rieb sich mit den Händen über das Gesicht, um seine gereizte Laune zu vertreiben. So schnell hatte er nicht auf dieses Thema kommen wollen.
„Tja, ich habe es nicht bekommen“, gab er schließlich ein wenig geknickt zu, was Marianne sofort aufspringen ließ.
„Wie bitte? Aber Mark hat doch gesagt ...! Ich werde ihm echt die Leviten lesen. Er hat mir doch versprochen, dass er das arrangieren wird!“, stieß sie tief empört aus, dass Vincent Mühe hatte, sie zu bremsen.
„Nein, nein, der Interviewtermin hat stattgefunden, nur habe ich eben keins bekommen“, versuchte Vincent zu erklären, was Marianne eher irritierte als beruhigte. Vincent legte den Kopf in den Nacken.
„Ich habe eine dreiviertel Stunde auf Kira gewartet, und als er endlich kam, hatte er keine Zeit mehr. Ich bin auf morgen vertröstet worden“, sagte Vincent ziemlich knapp, worauf er ein Schnaufen von Marianne kassierte. Dass sie mit sich so nicht umspringen lassen würde, war ihm schon klar, aber sie war eben auch ganz anders als er.
„Ist ziemlich unverschämt sich so zu verhalten“, verkündete sie ihr Urteil, wobei die Katze wie zustimmend schnurrte.
„Ist es auch, aber ich brauche dieses Interview, sonst kann ich der Festanstellung beim Kulturmagazin Ade sagen.“ Vincents Frustration kam nicht von ungefähr, denn als freier Journalist war sein Einkommen davon abhängig, wie und wo er seine Kolumnen unterbringen konnte, was oft schon fast mit Betteln verbunden war. Mit einer Festanstellung hätte er nicht nur ein festes Gehalt gehabt, sondern eine eigene, regelmäßige Kolumne, was Vincents Leben um einiges ruhiger gemacht hätte. So musste er sich von Artikel zu Artikel hangeln und ständig sparsam leben, um auch noch am nächsten Monat die Miete bezahlen zu können. So ein Leben konnte für einen Berufsanfänger interessant sein, aber das war Vincent nicht mehr, und er sehnte sich zumindest nach finanzieller Sicherheit.
„Und jetzt, wo ich noch angekündigt habe, dass ich ausgerechnet diesem Kerl ein paar Worte entlocken kann, wird sich der Redakteur ganz sicher nicht mit ein paar belanglosen Beschreibungen abspeisen lassen.“
„Das ist echt beschissen“, kommentierte Marianne ziemlich treffend. Vincent musste lächeln. „Und nun? Ist der Kerl wirklich so schwierig, wie man von ihm hört? Hat er solche durchgedrehten Starallüren?“, erkundigte sie sich mit einer gewissen Neugierde.
Vincent dachte darüber nach. „Ich befürchte, dass es weniger Starallüren sind, als einfach sein Charakter, der einen auf die Palme treiben kann“, antwortete Vincent unverblümt und stand auf, um aus der Küche zwei Bier zu holen. Das brauchte er jetzt einfach und Marianne war durchaus eine gute Gesellschaft für ein solches Getränk. „Kann aber auch daran liegen, dass er nach all den Jahren, in denen er nur Frauen gespielt hat, langsam ihre Zickigkeit annimmt“, fuhr Vincent zwinkernd fort und reichte Marianne das geöffnete Bier.
Marianne ließ die Spitze gar nicht erst zu sich durchdringen, sondern nahm die Flasche entgegen und nippte an dieser.
„Gibt’s keine Frauen, die sich selbst spielen können?“, wollte Marianne nach einem Schluck wissen und lehnte sich bequem zurück.
„Nein, alle Rollen werden von Männern gespielt.“ Da Vincent im Internet nicht die umfassenden Informationen gefunden hatte, die er brauchte, hatte er sich ein Buch über Kabuki gekauft. Er holte es vom Schreibtisch und blätterte zur entsprechenden Seite, um es Marianne zu reichen. „Die Frauen wurden, wie im englischen Theater, von der Bühne verbannt, weil dadurch die Prostitution gefördert wurde“, erklärte er. „Darum wurden alle Frauenrollen von Männern übernommen, was allerdings nur zum Aussterben der heterosexuellen Prostitution im Theater geführt hat.“ So abwegig war der Gedanke gar nicht, denn als Vincent Kira während der Vorstellung gesehen hatte, hatte er sich auch nur schwer vorstellen können, dass dort ein Mann agierte. Die Illusion war fast perfekt gewesen, und Vincent zweifelte nicht daran, dass es viele Jahre der Übung verlangte, diesen Effekt erzielen zu können. Umso erstaunlicher war jedoch, dass Kira in der Garderobe keine einzige weibliche Geste erkennen lassen hatte. Wenn er jetzt zurückdachte, war es das, was ihn am meisten irritiert hatte. Dieses vollständige Fehlen von tuntenhaftem Verhalten, was Vincent im Geheimen befürchtet hatte. Viel mehr hatte Kira, selbst noch im geschminkten Zustand, wie ein Mann gewirkt, nach dem sich Frauen auf der Straße zumindest einmal umdrehen würden.
„Also ist er schwul?“, fragte Marianne sehr direkt und riss Vincent aus seinen Gedanken.
„Ähm, ich glaube nicht ... Ich weiß nicht ... wie kommst du darauf?“ Es war manchmal gar nicht so einfach Mariannes Gedanken zu folgen.
„Du hast doch gesagt, dass die Männer Frauen spielten und es dennoch zu ...“ half sie ihm auf die Sprünge, während Vincent heftig den Kopf schüttelte. Er brauchte noch zwei Schlucke Bier, bevor er antworten konnte. Wie war Marianne überhaupt auf diese skurrile Idee gekommen?
„Meine Güte, das war vor mindestens hundertfünfzig Jahren! Ich glaube nicht, dass Kira homosexuell ist.“ Und kaum hatte er das gesagt, sah er sie auch schon grinsen. „Du verarschst mich, habe ich recht?“, sagte er trocken.
„Ach, komm schon, die Idee, dass er vielleicht schwul sein könnte, wäre doch nett. Japaner halten sich im Bezug auf die eigene Homosexualität doch bedeckt. Stell dir nur vor, was für ein reißerischer Artikel das werden könnte!“ Marianne war von der Idee begeistert, Vincent eher peinlich berührt. Hatte sie etwa vergessen, dass er für ein Kulturmagazin schreiben sollte? Er versuchte, von dem Thema wegzukommen.
„Nur, dass das Kulturmagazin kein reißerisches Blatt ist, und ich wüsste selbst nicht, warum es einen Kunstliebhaber interessieren sollte, ob ein Schauspieler nun Männer oder Frauen bevorzugt“, gab er ziemlich zugeknöpft zurück.
„Du bist ein Spielverderber“, bescheinigte ihm Marianne und stellte ihre Flasche wieder auf den Tisch. Dann legte sie das Buch zur Seite und nahm ihre Katze auf den Arm. „Ich geh mal wieder rüber und bring die Kleine ins Körbchen“, verkündete sie weiter und küsste der Katze aufs Köpfchen. „Und du solltest es dir überlegen, ob du ihn nicht vielleicht doch nach seinen Präferenzen fragen solltest. Wie heißt es so schön, fragen kostet nichts.“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und verließ Vincent samt Katze.
„Wenn ich ihn das frage, dann wird er mir den Kopf abreißen“, murmelte Vincent und trank noch sein Bier aus, bevor er sich ins Bett begab.
Die Verstimmung des letzten Abends hielt auch noch am nächsten Morgen an. Das lag eindeutig daran, dass Vincent sich am Abend wieder mit Kira treffen würde. Er wusste nicht, warum, aber er bekam regelrechte Magenschmerzen, wenn er an diesen Kerl dachte. Selten hatte es jemand geschafft, Vincent in so kurzer Zeit zu missfallen. Und in diesem Fall durfte er es nicht zeigen. Zumindest so lange nicht, bis er das Interview in der Tasche hätte.
Vollgeschneite Straßen ließen Vincent den Tag zu Hause verbringen, wobei der Pizzalieferdienst verhinderte, dass sein Magen sich all zu sehr beschwerte. Noch einmal bereitete er sich auf das Interview vor. Er blätterte das Buch über Kabuki durch und ordnete erneut seine Notizen. Ihm war klar, warum er so nervös war. Der feste Job, den er sich so sehr wünschte, hing von diesem Interview ab. Und ausgerechnet Kira musste über seinen Erfolg bestimmen.
Der ganze Termin machte ihn nervös. Als er endlich in der U-Bahn stand, musste er über sich selbst den Kopf schütteln. Man rasierte sich zweimal für ein Date, um der Dame seines Herzens nicht mit stehen gebliebenen Bartstoppeln die Wangen aufzureißen, aber man rasierte sich ganz sicher nicht zweimal, um zu einem arroganten Kerl zu gehen, der nur ein paar Worte für einen übrig hatte. Hatte er wirklich seine besten Stoffhosen und das blaue Markenhemd, das ihm Gabriel zu Weihnachten geschenkt hatte, herausgekramt? Vincent hatte es nur ein einziges Mal getragen und zwar, als er zu seiner Mutter gefahren war. Seine Mutter hatte das Hemd sehr genau untersucht und behauptet, dass es nur das Geschenk einer Frau sein könnte. Vincent hatte sich dazu nicht geäußert, sich jedoch geschworen, es nie wieder zu tragen, wenn er zu seiner Mutter fuhr. Derartige Fragen und Kommentare wollte er dann doch lieber vermeiden.
Das Hotel, in dem Kira residierte, war eindeutig Upperclass. Die Fassade war hell erleuchtet und die goldenen Buchstaben vor dem Eingang verkündeten klar und deutlich, dass hier Jeans und Turnschuhe eher unangebracht waren. Die Lounge war groß, geräumig und ziemlich leer.
Vincent blickte sich um. Von Kira war nichts zu sehen. Und nachdem Vincent sich versichert hatte, dass es auch tatsächlich acht Uhr abends war, suchte er sich einen Platz und bestellte sich ein unerhört teures Mineralwasser. Eine halbe Stunde klammerte sich Vincent an sein Wasser, bis Kira endlich kam.
Hätte er nicht jeden Mann, der die Lounge betrat, penibel gemustert, er hätte ihn vielleicht nicht erkannt. Kira trug eine schwarze Hose, einen schwarzen Rollkragenpullover und ein lässiges Sakko, und Vincent fühlte sich etwas overdressed. Er entdeckte ihn, als Vincent sich erhob, und steuerte auf ihn zu. Vincent überlegte, ob er sich verneigen sollte, wie es in Japan üblich war, oder ob er seinem Gesprächspartner lieber die Hand reichen sollte. Gestern war das alles untergegangen, doch heute wollte er nichts falsch machen. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, da Kira ihm wie selbstverständlich die Hand reichte, selbst wenn der Händedruck sowohl zu lang, als auch viel zu weich war.
„Guten Abend.“
Kira erwiderte den Gruß und sah sich flüchtig um.
„Vielleicht sollten wir an die Bar gehen. Da ist es ruhiger“, schlug er vor.
Vincent nickte zustimmend. Ihm war es einerlei, wo sie saßen, Hauptsache er konnte sehen, was er schrieb und es war nicht so laut, dass er nicht mit seinem Diktiergerät arbeiten konnte.
Die Bar war nicht sonderlich voll, die Gäste leise, und nachdem sich Kira und Vincent einen Platz am Ende der Bar gesucht hatten, legte Vincent sein Diktiergerät auf dem Tresen ab und die Papiere daneben.
„Ich habe den Kugelschreiber wohl in der Lounge liegen lassen“, murmelte er und kramte in seiner Tasche herum, um einen anderen zu finden.
„Sie können ihn doch holen“, schlug Kira entspannt vor. „In der Zwischenzeit kann ich etwas zu trinken bestellen. Gehen Sie ruhig, es sind ja nur ein paar Schritte.“
Auf soviel Verständnis war Vincent nicht vorbereitet gewesen und darum entschuldigte er sich, bevor er die Bar verließ, um seinen Kugelschreiber zu holen, der zu seinem Glück noch immer auf dem niedrigen Tisch lag.
Es hatte keine Minute gedauert, bis er wieder an der Bar saß, wo Kira bereits an einem Drink nippte. „Ich hoffe, Sie mögen Whiskey, denn ich habe mir die Freiheit genommen für Sie mitzubestellen“, sagte Kira und lächelte leicht. Für einen Augenblick verschwand die kühle Fassade. Erst jetzt, bei näherer Betrachtung, stellte Vincent fest, dass Kiras Augen braun waren. Die feinen Gesichtszüge mit den schräg gestellten Augen konkurrierten mit vollen Lippen und einer hellen feinen Haut, auf der so gut wie keine Unebenheiten zu finden waren. Sein Haar war nach der neusten Mode fransig geschnitten und umspielte sein Gesicht.
„Ähm, danke“, gab Vincent zurück, und weil Kira ihn so auffordernd anblickte, nahm er das Glas, um einen Schluck zu trinken. Der Whiskey war gut, brannte leicht in der Kehle und strahlte eine vollmundige Sanftheit in den ganzen Körper aus, die Vincent entspannte. Vielleicht hatten sie sich am Tag zuvor einfach auf dem falschen Fuß erwischt, dachte er ein wenig beruhigter und griff nach dem Diktiergerät, um es einzuschalten.
„Ich werde das ganze Gespräch aufnehmen, wenn es Ihnen recht ist, denn ich möchte Ihre Worte natürlich richtig zitieren“, erklärte Vincent und runzelte die Stirn. Das Lämpchen des Diktiergeräts gab kein rotes Leuchten von sich. Es blieb aus und war auch durch Schütteln nicht dazu zu bewegen seine Funktion aufzunehmen.
„Stimmt etwas nicht?“, erkundigte sich Kira mit sanfter Stimme, bevor er an seinem Whiskey nippte und den Eindruck erweckte, als hätte er alle Zeit der Welt. Vincent dagegen begann zu schwitzen.
„Einen Moment bitte, etwas stimmt mit dem Diktiergerät nicht“, murmelte er und drehte das Gerät um, um nachzusehen, ob die Batterien vielleicht verkehrt herum eingelegt waren. Doch als er das entsprechende Fach öffnete, stellte er lediglich fest, dass die Batterien fehlten. Hatte er etwa vergessen sie einzulegen? Unmöglich! Vincent hatte doch extra eine neue Packung geöffnet! Oder? Unwillkürlich zuckte sein Blick hoch, zu Kira, der vor ihm saß, sich mit einem Arm auf der Bar abgestützt hatte, den Drink in der Hand. Dabei sah er aus, als wenn er kein Wässerchen trüben könnte.
War es möglich, dass dieser elendige Kerl die Batterien entfernt hatte? Vincent war kurz davor zu fragen. Sei’s drum, dachte er. Er würde dann eben etwas mehr schreiben müssen.
„Nun?“, erkundigte sich Kira, woraufhin Vincent sich verlegen durch das braune Haar fuhr, das ihm etwas ins Gesicht zurückfiel.
„Ich würde sagen, dass wir beginnen können, wenn Sie auch soweit sind.“
Kira nickte.
„Sagen Sie mir doch, wie Ihnen London gefällt. Sind Sie das erste Mal in Großbritannien?“, begann Vincent mit Fragen zum Aufwärmen. Kira schien nicht der größte Redner zu sein, aber manche Menschen brauchten einfach eine Aufwärmphase. Schließlich war nicht jeder Künstler mitteilungsbedürftig, wie Vincent schon einige Male festgestellt hatte.
„Ich bin das erste Mal in Großbritannien und London gefällt mir ganz gut“, antwortete Kira und starrte Vincent an. Vincent war irritiert. So kurz angebunden hatte ihm noch keiner geantwortet. Rasch sah er in seine Unterlagen, um weiter zu kommen.
„Das Stück, das Sie derzeit in London aufführen, heißt Das Reihermädchen, warum wurde gerade dieses Stück für ein Gastspiel in London ausgewählt?“, erkundigte er sich weiter und versuchte sich nicht entmutigen zu lassen, auch wenn ihm längst schwante, dass Kira kein einfacher Interviewpartner sein würde.
„Zum einen, weil es die erste Rolle war, die ich je einstudiert habe und zum anderen“, an dieser Stelle machte Kira eine kleine Pause und schenkte Vincent ein Lächeln, was seine regelmäßigen Zähne sehen ließ, „… weil die Geschichte keinen komplizierten Text hat und auch von Ausländern verstanden werden kann, die kein wirkliches Hintergrundwissen über die japanische Kultur haben.“
Das saß. Vincent hielt die Hand über dem Papier und konnte sich nicht überwinden, diese Antwort einfach aufzuschreiben.
„Sie sind also der Meinung, dass ein anderes Stück nicht verstanden werden würde?“, erkundigte er sich beherrscht, um seine Missstimmung nicht zu sehr zu zeigen.
„Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen – haben Sie das Stück verstanden?“, fragte Kira provokant und beugte sich soweit vor, dass Vincent einen Hauch von Aftershave in die Nase bekam.
„Nun ... Ich denke, es geht um eine junge Frau ...“, begann Vincent langsam und fühlte sich etwas in die Ecke gedrängt. Er hatte sich die Zusammenfassung natürlich durchgelesen, aber ob er den tiefen Sinn des Ganzen verstanden hatte, bezweifelte er. Zu seinem Glück sprach Kira gleich weiter.
„Bemühen Sie sich nicht. Ich werde Ihnen das Stück erklären. Im Buddhismus glauben wir, dass das Leben nach dem Tod nicht einfach endet, sondern dass die Seele, je nachdem ob der Mensch gut oder schlecht war, wiedergeboren wird. Genauso ist es mit dem Reihermädchen. Das ganze Stück ist ein Rückblick auf ihr Leben, als sie jung und verliebt war, wie diese Liebe zerbrach und die Eifersucht sie verzehrte, bis sie schließlich die unendlichen Qualen der Hölle erleiden musste und der Tod sie schlussendlich befreite.“ Während dieser kurzen Erklärung war Kiras Stimme energischer geworden, und Vincent hatte das Gefühl, als würde er mehr über sich selbst sprechen, als über die Rolle. Nach diesem kurzen Ausbruch fiel er wieder in sein altes Verhalten zurück und nahm das Glas in die Hand, ohne jedoch daraus zu trinken.
„Wollen Sie denn nichts mehr trinken?“, forderte er Vincent auf, der schon automatisch nach dem Glas griff und einen größeren Schluck nahm.
„Das klingt, als würde Ihnen sehr viel an der Rolle liegen“, versuchte Vincent ihm noch mehr zu entlocken, aber das war anscheinend der falsche Ansatz gewesen, denn Kira runzelte die Stirn.
„Mir liegt jede meiner Rollen sehr am Herzen, denn ich studiere sie mit großem Eifer und mit viel Konzentration.“ Das klang bissig und ein wenig beleidigt. Vincent verspannte sich leicht. Die Gesichtszüge seines Gegenübers waren eindeutig verärgert.
„Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Kabuki Schauspieler zu werden“, schnitt Vincent das nächste Thema an, um Kira wieder zu besänftigen.
„Meine Eltern führten ein Theater, und es war ihr Wunsch, dass ich Schauspieler werde.“ Wieder eine so knappe Antwort, die obendrein auch noch vollkommen emotionslos vorgetragen wurde.
„Das klingt fast so, als hätten Sie lieber etwas anderes gemacht, als Schauspieler zu werden“, fühlte Vincent weiter nach und machte sich hastig ein paar Notizen, was er beinahe vergessen hätte.
„Das habe ich nicht gesagt“, meinte Kira. „Ich hatte keine anderen Pläne, und es erschien mir eine gute Idee, das Theater meiner Eltern auf diese Weise zu übernehmen.“ Die Antwort war unfreundlich, und Vincent hatte das Gefühl, als würde Kira die Lust an der Befragung verlieren. Das wollte er keinesfalls zulassen. Er griff nach seinem Drink und wollte einen Schluck nehmen, doch das Glas war leer. Bevor er sich selbst an den Barkeeper hätte wenden können, hatte Kira diesen für ihn herangewinkt und noch einmal das Gleiche für Vincent bestellt.
Die nächsten zwei Stunden versuchte Vincent etwas Brauchbares aus Kira herauszukitzeln, doch die Antworten des Schauspielers waren entweder spitz, oder kurz oder so provokant, dass Vincent sie nicht würde verwenden können. Ein ehrlicher Bericht würde Kira als einen arroganten Mann enttarnen, und das würden seine Fans bestimmt nicht auf ihm sitzen lassen. Außerdem war das sicherlich nicht das, was der Leser einer monatlichen Kulturzeitschrift von einem Künstler lesen wollte. Als miesen und neidischen Journalisten, der kein Gefühl für Künstlerseelen hat, würde man Vincent verdammen. Hinzu kam noch, dass der Alkoholkonsum, zu welchem Kira Vincent mehr oder minder drängte, sich langsam bemerkbar machte. Ihm war heiß, und es fiel ihm schwer, noch richtig zu schreiben. Seine ohnehin nicht sonderlich saubere Schrift wurde noch unleserlicher, und Vincents Sorge, ob er morgen noch etwas davon würde lesen können, wuchs immer mehr.
„Es ist ziemlich warm hier“, bemerkte Vincent nach einer weiteren Frage, deren Antwort ihm selbst so nichtssagend erschien, dass er sie nicht einmal mehr aufgeschrieben hatte. Vincent war müde geworden und hatte das Gefühl nicht voranzukommen. Dazu kam noch, dass er am Tag wenig gegessen hatte und der Alkohol darum umso heftiger anschlug.
„Oben gibt es einen Balkon, auf den wir gehen könnten“, schlug Kira vor und schob sein Glas fort, in dem noch immer etwas war. Zwar hatte auch er nachbestellt, aber Vincent war sich nicht ganz sicher, ob er genauso viel getrunken hatte, wie er selbst.
„Etwas frische Luft würde mir sicherlich gut tun. Tut mir leid, wegen der Umstände“, murmelte Vincent und versuchte seine Sachen zusammenzupacken, wobei ihm Kira dann überraschenderweise zur Hand ging.
„Danke, das ist nett.“
Nachdem die Unterlagen ihren Weg in Vincents Tasche gefunden hatten, rutschte Vincent vom Hocker. Kira ergriff seinen Arm. Sie gingen ein paar Schritte, und Vincent stellte mit leichter Verwunderung fest, dass Kira kräftiger sein musste, als er auf den ersten Blick erschien. Er schaffte es, Vincents schwankende Schritte auszugleichen und ihn zu den Fahrstühlen zu bringen. Warum sie nicht einfach nach draußen gingen und Vincent dort frische Luft schnappen konnte, konnte er nicht mehr fragen. Sie standen ohnehin schon im Lift, der nach oben fuhr.
Doch anstatt in dem Stockwerk mit der Bar und dem Aussichtsbalkon zu landen, steuerte Kira Vincent in einen simplen Hotelflur, der ganz und gar keine Kühle versprach. Hier war es sogar noch wärmer, und Vincents Schwindel nahm zu.
