Elbschmerz - Nicole Wollschlaeger - E-Book

Elbschmerz E-Book

Nicole Wollschlaeger

4,3

Beschreibung

Das neue Ayurveda-Zentrum Namasté ist ein Ort der Stille und inneren Einkehr. Bis plötzlich eine Patientin spurlos verschwindet. Kommissar Goldberg und seine beiden Kollegen, die nur an einem teambildenden Yoga-Kurs teilnehmen wollten, befinden sich unversehens in ihrem nächsten Fall. Alles deutet auf eine Entführung hin. Als eine rätselhafte Krähe aus Schnee das Verschwinden zweier weiterer Patienten ankündigt, scheint es auch dieses Mal nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Und schon bald entpuppt sich das Namasté zu einem Schauplatz eines weit zurückliegenden Dramas, das unwillkürlich auf eine menschliche Katastrophe zusteuert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 298

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Kommissar Philip Goldberg hat sich inzwischen an der Elbe eingelebt und verdonnert seine beide Kollegen Hauke Thomsen und Peter Brandt zu einem Yoga-Kurs im neu gegründeten Ayurveda-Zentrum Namasté.

Die gewünschte Entspannung stellt sich allerdings nicht ein, denn als eine Patientin spurlos verschwindet, befinden sich die drei unversehens mitten in ihrem nächsten Fall. Bei ihren Ermittlungen stoßen sie auf eine rätselhafte Nachricht: eine Krähe aus Schnee.

Spätestens als auch das Ehepaar Huber unauffindbar ist, glaubt Goldberg nicht mehr an eine harmlose Erklärung. Nach und nach geraten die Beamten in eine Geschichte, die weit bis in die Vergangenheit zurückreicht und unaufhaltsam auf ihr tragisches Ende zusteuert.

ELBSCHMERZ ist der zweite Teil der ELB-Krimireihe um den Kommissar Philip Goldberg.

Nicole Wollschlaeger, 1974 in Pinneberg geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Buchhändlerin. 2004 schloss sie ihr Schauspiel-Studium in Hamburg ab. Bis 2016 lieh sie ihre Stimme der Kinderbuchreihe „Das magische Baumhaus" und tourte mit ihren Lesungen durch ganz Deutschland. Bereits 2013 erschien „Schatten über Nargon" im Carlsen Verlag.

Mit ELBSCHULD startete 2016 die Krimireihe um das Ermittler-Trio aus Kophusen.

Ausführliche Informationen finden Sie unter:www.nicolewollschlaeger.de

Weitere Titel der Autorin:

ELBSCHULD ELBSPIEL ELBGIFT

Eine Fantasy-Geschichte ab 10 Jahren: SCHATTEN ÜBER NARGON Die Kugel des Kummers

Für Ina Holst

»Veränderung ist die Scheißmusik nach der wir tanzen.«

Al Swearengen Deadwood

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Leseprobe

Prolog

Kapitel 1

1

Seine Arme schmerzten. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, tropfte auf den Boden. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem. Ein und aus. Ein und aus. Nur nicht aus dem Rhythmus kommen, dachte er. Die Arme begannen zu zittern. Nicht aufgeben.

Wie lange er bereits in dieser Position verharrte, wusste er nicht mehr. Es konnte eine Minute sein oder eine Stunde. In seinem Kopf schrie nur der Schmerz. Seine Handgelenke knackten. Wenn er nicht gleich kapitulierte, würden sie in tausend Einzelteile zerspringen. Lange hielt er es nicht mehr aus. Sein Kopf wurde schwer. Offenbar sammelte sich das gesamte Blut jetzt in seinem Gehirn. Das Zittern wurde schlimmer. Ihm wurde schwarz vor Augen. Gleich würde er das Bewusstsein verlieren. Wenn dieser Mann nicht sofort ...

Dann geschah es. Der erlösende Klang breitete sich in ihm aus. Er musste sich endlich aus dieser Position befreien. So behutsam, wie es ihm unter diesen menschenunwürdigen Umständen möglich war, ließ er seine Füße wieder auf den Boden sinken. Mit einem lauten Knacken wehrten sich die wackligen Beine, sein Körpergewicht wieder vollständig zu übernehmen, aber er zwang sie dazu. Dann prallte sein Hintern unsanft auf den Boden. Der Schmerz in den Armen ließ langsam nach. Sie fühlten sich schlaff und stark zugleich an. Ein seltsames Gefühl. Das T-Shirt klebte an seinem Oberkörper. Hatte er schon jemals so geschwitzt? Bestimmt, es fiel ihm nur im Moment nicht ein. Der Schmerz in seinem Kopf ebbte ab, und er konnte endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. Sobald das hier vorbei war, würde er sich von einem seiner beiden Kollegen einiges anhören müssen. So viel stand fest.

Erbarmungslos erklang der nächste Ton. Dieses Mal höher und länger. Resigniert hob er den Kopf. Peter Brandt, der vor ihm saß, oder besser gesagt, vor ihm auf dem Bauch lag, begann bereits mit der Metamorphose. Anmutig hob er seinen Oberkörper und ließ nacheinander seine kräftigen Arme nach hinten wandern. Gleichzeitig winkelte er die Beine an und drückte die Fersen Richtung Gesäß, wobei seine Hände die Fußspitzen berührten und den Druck sanft erhöhten. Sein Atem ging gleichmäßig und ruhig. Die Verwandlung war abgeschlossen. Selbst der neonfarbene Trainingsanzug konnte seiner Grazie nichts anhaben.

Verblüfft blieb Goldberg hocken. Sein krummer Rücken tat weh. Schon vorher waren ihm die körperlichen Fähigkeiten seines Kollegen aufgefallen, aber er hatte sie nicht weiter beachtet. Jetzt schien es ihm, als hätte Peter zeitlebens nichts anderes getan, als sich der Kunst des Yogas zu widmen. Ein Schnauben riss ihn aus seiner Bewunderung, aber Goldberg hütete sich davor, sich umzudrehen. Er wusste auch so, dass Hauke Thomsen, der Dritte in ihrem Bunde nicht gerade vor Begeisterung überschäumte. Egal ob Zustimmung oder Missbilligung, nahezu alles wurde schnaubend von ihm kommentiert. Inzwischen war Goldberg fast so gut wie Peter, wenn es darum ging, Haukes Ansichtsbekundungen zu interpretieren. Das, was er eben gehört hatte, bedeutete Missbilligung in seiner reinsten Form.

Natürlich hatte Goldberg ein mulmiges Gefühl gehabt, als er seinen beiden Mitarbeitern vorgeschlagen hatte, eine teambildende Maßnahme durchzuführen. Wie erwartet war die Reaktion sehr unterschiedlich ausgefallen. Während Peter neugierig auf seinem Schreibtischsessel auf und ab wippte, war Hauke mürrisch in die Küche gegangen und hatte sich Kaffee nachgeschenkt. Dabei wusste er noch gar nicht, was Goldberg im Sinn hatte.

Der Klang der goldenen Schale wurde tiefer, aber Goldberg hatte keine Kraft mehr weiterzumachen. Stattdessen richtete er seinen Blick auf denjenigen, der ihn bei seinem Vorhaben unterstützen sollte. Die Bewegungen ihres weiß gewandeten Yoga-Lehrers waren nicht nur geschmeidig und fließend wie bei seinem Kollegen Peter, nein, dieser Mann schien weder Knochen noch Gelenke zu haben. Die Wirbelsäule musste aus einem mysteriösen, bisher unbekannten Material bestehen. Goldberg betrachtete ihn, wie er seinen Rücken zu einem Buckel wölbte und anschließend in die Gegenbewegung überging. Jede Katze wäre vor Neid erblasst. Er sah verstohlen zu Peter. Wie machte der Mann das bloß, fragte er sich, und ein Hauch von Ehrgeiz breitete sich in dem Kommissar aus. Angespornt durch seinen Kollegen, der ihrem Vortänzer in fast nichts nachstand, begab sich Goldberg mühsam in den sogenannten Vierfüßlerstand und versuchte, wenigstens ansatzweise so katzenhaft auszusehen wie Peter, der ganz in dieser Bewegung aufzugehen schien. Immerhin gab es in diesem Raum keine Spiegel. Zusätzlich zu diesen Schmerzen hätte er den eigenen Anblick wohl kaum ertragen. Der tiefe Klang ertönte erneut. Die Schallwellen beruhigten seinen Puls.

Zum Abschluss wechselten sie von der liegenden Position in den sogenannten Lotussitz. Eine Art Schneidersitz, nur dass die Füße über Kreuz auf den Oberschenkeln lagen. Natürlich war das für seine ohnehin schon schmerzenden Knie unmöglich, weshalb er den klassischen Schneidersitz bevorzugte.

Nun begann der schwierigste Teil. Nicht nur für Hauke, der ihn wahrscheinlich in Gedanken bereits in der Luft zerriss, sondern auch für ihn. Die Stunde endete immer mit einer Meditation. In seiner dunklen Phase hatte Goldberg sich schon einmal daran versucht, war allerdings kläglich gescheitert und hatte es schnell wieder aufgegeben. Dieses Mal war es nicht anders. Seine Gedanken kamen einfach nicht zur Ruhe. Im Gegenteil, es schien, als führten sie ein Eigenleben. Je mehr er versuchte, sie abzuschalten, desto heftiger tanzten sie gegen ihn an. Es ging sogar so weit, dass Goldberg das Gefühl nicht loswurde, seine Gedanken würden sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, als verteidigten sie ihre Existenz. Offensichtlich hatten sie Angst, dass selbst eine kurze Pause das Ende ihres Daseins bedeutete oder zumindest ihren zeitweisen Überfluss bewies. Goldberg seufzte innerlich. Er war kurz davor, wieder aufzugeben. Heimlich öffnete er die Augen. Peter saß kerzengerade, als wäre sein Rücken an einer unsichtbaren Schnur aufgehängt. Genauso ihr Yogi Sohanraj, der versuchte, mittels dieser Asanas einen besseren Menschen aus ihnen zu machen. Goldbergs Rücken dagegen schmerzte und knackte, dabei war er gut fünfzehn Jahre jünger als die beiden. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Sein Ehrgeiz meldete sich zurück. Er musste an Jens Steirer denken. Sein bester Freund und damaliger Therapeut hatte ihn seinerzeit ermutigt weiterzumachen. Der Mann schwor auf Yoga und Meditation und war ein treuer Anhänger der Hatha-Lehre.

Entschlossen lenkte Goldberg die Konzentration erneut auf seinen Atem. Ein und aus. Ein und aus. Sohanraj hatte ihnen erklärt, sie sollten sich auf den Atemfluss konzentrieren. Am besten dort, wo sie ihn auch physisch spüren konnten. Also entweder im Bauch oder in der Nase. Sie sollten ihn sich bewusst machen, achtsam dafür sein, wie er sie durchdrang. Seine geschlossenen Augenlider begannen zu zucken, als wollten auch sie sich gegen die Ruhe und den Frieden wehren, nach dem Goldberg sich so sehnte. Und schon war er gedanklich wieder woanders. Erst bei Steirer, der ihn morgen besuchen kommen wollte, dann bei Judith, seiner Exfreundin, die noch immer in Glückstadt in der Klinik war, und zum Schluss wanderten seine Gedanken zu Magda. Er wollte sich gerade wieder zur Konzentration zwingen, da traf der Filzklöppel die Schale ein letztes Mal, tiefer und länger als die vorherigen. Damit hatten sie das Ende der Stunde erreicht. Das Schnauben hinter ihm war eine Mischung aus Erleichterung und einer unmissverständlichen Drohung. Goldberg ahnte, wie es in seinem Kollegen brodelte. Peter hingegen kam ganz yogamäßig zum Stehen, indem er seinen Rücken Wirbel um Wirbel aufrollte, bis sein Kopf auf seinem Hals zu schweben schien. Um das Lächeln beneidete Goldberg ihn. So sah jemand aus, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen war. Gegensätzlicher konnte Goldberg sich nicht fühlen.

Sohanraj beendete die Stunde mit seinem obligatorischen »Namasté« und erhob sich.

Goldberg selbst, unsportlich wie eh und je, rappelte sich nur mühsam aus dem Schneidersitz in die Senkrechte.

»Ihr macht alle drei gute Fortschritte«, sagte Sohanraj.

Die Sanftheit seiner Stimme passte zu seinem Lächeln, das Gelassenheit und Freude ausdrückte. Er war ein Mann, dessen Alter man nur schwer schätzen konnte. Irgendetwas zwischen Mitte fünfzig und siebzig, tippte Goldberg. Sein Gesicht wurde von den blauen Augen dominiert, deren tiefes Strahlen fast künstlich wirkte. Das gegelte Haar trug er stets zurückgekämmt, was ihm einen strengen Anstrich verlieh, dem er aber mit seiner beständigen Freundlichkeit diametral entgegenwirkte. Kurzum, Sohanraj war ein weiser und zugleich charismatischer Mann. Eigentlich war er nur nach Kophusen gekommen, um den Nachlass seiner Eltern zu regeln. Aber dann hatte er beschlossen zu bleiben und das Elternhaus in einen Ort des Friedens und der inneren Einkehr zu verwandeln. Und nun gab es in Kophusen das Yoga- und Ayurveda-Zentrum Namasté. Hier konnte man nicht nur Yoga-Kurse belegen, sondern, wenn man wollte, auch ayurvedische Anwendungen wie Massagen oder Reinigungskuren buchen.

Goldberg war überrascht, dass dieser »indische Firlefanz«, wie Hauke es zu nennen pflegte, sich ausgerechnet hier solchen Zuspruchs erfreute. Aber das Namasté war dabei, sich zu einer Institution zu entwickeln, und das weit über die Ortsgrenzen von Kophusen hinaus. Die Leute liebten Sohanraj. Alle außer einem. Jedenfalls behauptete dieser eine das und wurde nicht müde, es ständig und überall zu betonen. Aber Goldberg war sich sicher, dass diese Ablehnung eher einer Art Trott entsprang. Hauke Thomsen war Ablehner aus Gewohnheit. »Können wir jetzt gehen?« Aufs Stichwort drang seine Stimme wie ein tiefer Bass durch den Raum.

»Hauke, ich empfehle dir eine Panchakarma-Kur. Wir könnten deinen Körper und deinen Geist reinigen. Ich habe schon viele erlebt, die sich danach wie ein neuer Mensch gefühlt haben.«

Goldberg drehte sich um. Hauke starrte den Yoga-Meister entgeistert an.

»Ich sehe, du hast Vorbehalte. Aber mit der richtigen Medizin und der regelmäßigen Praxis der Asanas wird es dir besser gehen.«

»Panscha was?« Eigentlich war Hauke Thomsen nie um eine schlagfertige Antwort verlegen, besonders nicht, wenn es darum ging, seinen Unmut auszudrücken, aber Sohanraj gegenüber war es anders. Die Ausstrahlung des Yogis machte auch vor Hauke nicht halt.

Sohanraj war in Horst geboren und aufgewachsen. Er hatte ihnen zu Beginn ein wenig aus seiner Lebensgeschichte erzählt. Ein schwieriges Elternhaus und sein unbestimmtes Fernweh hatten ihn veranlasst, so früh wie möglich wegzugehen. Er war um die halbe Welt gereist und hatte die meiste Zeit in Indien verbracht. Dort hatte er sich nicht nur mit buddhistischen Lehren beschäftigt, er hatte sich sogar zum Ayurveda-Arzt ausbilden lassen. Das Gebaren eines Hauke Thomsen ließ ihn völlig unbeeindruckt. Weder das Schnauben noch die Wutausbrüche irritierten diesen Mann, vielleicht war es genau das, was Hauke so ungewohnt still werden ließ.

»Panchakarma-Kur«, wiederholte Sohanraj geduldig und gab ihm einen Prospekt. »Überleg es dir, Hauke. Hier findest du einige Informationen, und wenn du Fragen hast, du weißt ja, wo du mich findest.«

Hauke räusperte sich und nahm das Heftchen an sich.

»Peter, dir fallen die Übungen sehr leicht, das freut mich zu sehen. Weiter so.« Sohanraj war zu Peter getreten und klopfte ihm behutsam auf die Schulter. »Du bist ein gelehriger Schüler.«

Peter lächelte verlegen, doch seinen Stolz konnte er nicht verbergen. »Vielen Dank, Sohanraj. Es macht mir auch großen Spaß. Besonders die Krähe. Da spüre ich immer so ein angenehmes Ziehen im Rücken.«

Der Yogi nickte lächelnd und drehte sich dann zu Goldberg um. »Und du, Philip, bist mit deinen Gedanken immer woanders. Du musst Geduld haben, dann wird sich die Ruhe von alleine einstellen.«

Goldberg hatte bereits bemerkt, dass dieser Mann ein außergewöhnliches Gespür für seine Mitmenschen hatte. Sicher war das auch ein Grund, warum er so beliebt war. Allerdings bezweifelte der Kommissar, dass irgendwann Ruhe in seinem Kopf einkehren würde, erst recht nicht nach dem, was in den letzten Jahren alles in seinem Leben geschehen war.

»Geduld und tägliches Praktizieren eurer Übungen«, sagte Sohanraj, legte die Handflächen vor der blütenweißen Brust aneinander und verbeugte sich. »Namasté.«

Hauke stapfte quer über die Straße. »Panschakamma«, fluchte er leise vor sich hin, als er geradewegs auf die Kophusener Wirtschaft Bei Rosi zusteuerte. Seit drei Wochen gingen Peter, Philip und seine Wenigkeit nun schon zu diesem Yogafritzen, wie Hauke ihn mit wachsender Begeisterung nannte. Philip, sein Chef, hatte es ihnen als sogenannte teambildende Maßnahme verkauft. Hauke hatte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen diesen Firlefanz gewehrt, aber auf dem Revier stand es zwei zu eins gegen ihn.

Nun schleppte er sich jeden Sonntag in Eiseskälte um zehn Uhr morgens zu diesem nach Räucherstäbchen stinkenden Haus, in dem man keinen Schritt machen konnte, ohne auf eine sechsarmige Gottheit oder eine verfluchte Kerze zu stoßen. Ständig musste man sich verbeugen und sich mit »Namasté« begrüßen. Angeblich hieß das: Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir. Als ob er etwas Göttliches in sich tragen würde. Wenn es überhaupt so etwas wie einen Gott gab, sähe die Welt sicher ganz anders aus. Schnaubend stieß er die Tür auf.

»Guten Morgen, schon fertig?« Rosi stand wie gewohnt hinter ihrem Tresen und war gerade dabei, Gläser zu polieren. Die Häme tropfte förmlich aus ihren Worten und ihrem Lächeln.

Seine Schwester war jünger als er. Doch ihre achtunddreißig Jahre sah man ihrem Gesicht deutlich an, auch wenn er ihr das nie so direkt sagen würde, so viel Weisheit besaß auch er. Vor elf Jahren hatte sie die Kneipe samt Pension von Jasper übernommen, der sie aus Altersgründen aufgeben musste. Die drei Gästezimmer staubten allerdings unbenutzt ein. Es kamen nicht viele Leute, um in Kophusen ihren Urlaub zu verbringen. Auch wenn Rosi selbst nicht ihre beste Kundin war, konnte sie doch ganz schön was wegpicheln. Ihr Päckchen Prince Denmark, das sie täglich konsumierte, hatte ihr sicher die langen Falten um den ansonsten hübsch geschwungenen Mund beschert. Aber auch das behielt er wohlweislich für sich.

»Sehr witzig. Musst du mir auch noch in den Rücken fallen? Ich dachte, wenigstens auf die Familie könnte man sich verlassen.«

»Apropos Familie. Denke bitte daran, dass Mama Dienstag kommt. Sie will gegen elf Uhr hier sein.«

Hauke brummte etwas Unverständliches. Er wollte nicht zugeben, dass er es beinahe vergessen hätte. Seine Mutter war dieses Jahr früher dran als sonst. Und blieb entsprechend länger. Vielleicht hatte sie sich mit ihrem Holger gestritten? Holger begleitete sie nie, wenn Bärbel Thomsen aus Husum zu Besuch kam. Eigentlich seltsam, dachte Hauke, ließ den Gedanken jedoch gleich wieder fallen. Es war ihm egal.

»Sohanraj ist toll, oder?«

»Sag nicht, du gehst auch zu diesem Yogafritzen?«

Rosi lächelte breit. Das war Antwort genug.

»Ich brauche ein Bier.«

Hauke setzte sich an einen der freien Tische am Fenster. War Kophusen jetzt völlig verrückt geworden? Was fanden die bloß alle an dem Kerl, fehlte nur noch, dass auch seine Mutter diesem Guru in die Hände fiel. Zum Glück hielt seine Mutter nicht viel von Männern in wallenden Gewändern. Sie bevorzugte klassische Anzüge und würde dem Guru höchstens erzählen, wie dämlich seine langen Kutten aussahen. Unwillkürlich musste Hauke an seine Hawaii-Hemden-Kollektion denken. Zugegeben, die war ebenso eigenwillig, aber das war so oder so vorbei. Diskret hatte er sie im Altkleidercontainer auf dem Parkplatz in Kollmar entsorgt. Nach dem Fiasko in Georgs Bank wollte er sich diese Blöße nicht noch einmal geben. Rosi trat zu ihm und servierte das frisch gezapfte Bier.

»Prost«, sagte sie und streichelte ihrem Bruder zärtlich über den Kopf, was Hauke mit einem versöhnlichen Schnauben quittierte.

»Guten Morgen, ihr beiden«, rief Rosi plötzlich und nahm die warme Hand von seiner Schulter. »Euer Querulant sitzt hier.«

So viel zum Thema Familienbande, dachte Hauke und nahm einen großen Schluck.

»Wie immer?«, fragte sie und machte sich wieder auf den Weg hinter den Tresen.

Haukes Kollegen nickten und setzten sich wortlos zu ihm an den Tisch.

»Wow, dieser Sohanraj ist großartig. Er hätte schon viel eher zurück nach Kophusen kommen sollen«, bemerkte Peter mit einer einrenkenden Bewegung seines Halses.

Verflucht noch mal, hatte denn jeder in diesem Kaff Verspannungen?

»Ja, er hat wirklich goldene Hände«, stimmte Rosi zu.

Hauke fuhr mit einem Satz herum. »Fasst der Kerl dich etwa an?«

Sie grinste. »Wie sollte er mir sonst eine Abhyanga-Massage geben?«

»Abba-was?«

»Abhyanga. Das ist eine ayurvedische Ganzkörpermassage.«

Hauke riss die Augen auf. »Ganzkörper? Etwa nackt?«

»Was glaubst du? Solltest du auch mal probieren. Das würde dir sicher guttun.«

Hauke konnte gar nicht sagen, welche Vorstellung ihn mehr entsetzte: die Hände von Sohanraj auf dem nackten Körper seiner Schwester oder auf seinem eigenen.

»Beruhige dich, Hauke«, kam es von der Seite. Peter tätschelte ihm den Arm. »Der Mann ist Profi. Da passiert schon nichts.«

Hauke zog seinen Arm weg. »Das will ich dem Kerl auch geraten haben. Wenn der meine kleine Schwester anfasst, kann er was erleben.«

Argwöhnisch verfolgte Hauke Rosis Bewegungen. Sie hantierte an der neuen Espressomaschine herum, die Philip ihr günstig aus Hamburg besorgt hatte. Dieser italienische Quatsch hielt damit offiziell Einzug in Kophusen. Wenigstens gab es auf der Wache noch eine richtige Kaffeemaschine.

»So, einen Espresso für Philip und eine Apfelschorle für Peter«, sagte Rosi und servierte ihren Gästen die Bestellung. »Und nun beruhige dich mal wieder, ja? Ist ja nicht zum Aushalten. Ich dachte, Yoga würde dich mal etwas entspannen.«

»Alle Welt soll sich immerzu entspannen. Ach ja, und loslassen. Vielleicht will ich aber gar nicht entspannen! Und erst recht nicht loslassen. Was ist so schlecht am Festhalten? Nur weil sich alles verändert, muss es nicht automatisch gut sein.«

»Du wärst aber um einiges genießbarer«, meinte Rosi.

»Ich bin ein Ausbund an guter Laune und Frohsinn, was wollt ihr noch mehr?«

»Ich finde, deine Schwester hat recht«, schaltete sich Philip ein, »du bist auffallend handzahm, wenn wir bei Sohanraj sind. Sollte der Kurs ein Lichtblick in deinem ansonsten so düsteren Dasein sein?«

Hauke strafte seinen Chef mit dem düstersten Blick, den er so schnell aufsetzen konnte. Aber er verkniff sich eine Bemerkung. In dieser Phase konnte er nur verlieren. Die Kräfteverhältnisse auf dem Revier hatten sich zu seinen Ungunsten verändert. Wenn sein Chef sich mit Peter verbündete, hielt er besser die Klappe, das hatte sich eindeutig herauskristallisiert. In den letzten Monaten war er etwas diplomatischer geworden. Außerdem musste Hauke widerwillig zugeben, dass da tatsächlich etwas Wahres dran war. Sohanraj hatte eine sonderbare Wirkung auf ihn. Dieser Yogafritze war permanent so freundlich und ausgeglichen, dass es ihm förmlich die Sprache verschlug. Natürlich ging ihm das gehörig auf den Senkel, und trotzdem spürte er jedes Mal die unsägliche Unruhe, wenn dieser Kerl ihn ansah. Fast so, als könnte er in seine verfluchte Seele gucken und all die Trümmer sehen, die sich in den letzten Jahren dort angesammelt hatten. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Also musste er sich bedeckt halten und dem Affen lieber keinen unnötigen Zucker geben. Deshalb würde er auch unter keinen Umständen so eine Panschakur machen. Da müssten sie ihn schon tot, mit den Füßen zuerst reinschleifen. Und Hauke hatte nicht vor, in absehbarer Zeit zu sterben.

2

Am Altonaer Bahnhof wehte ein eisiger Wind. Goldberg wartete auf die Ankunft seines Freundes Jens Steirer. Er hatte in einem der Unterstände Zuflucht gefunden, nachdem eine Gruppe von betrunkenen Fußballfans den Zeitungsladen lautstark erobert hatte. Den Mantelkragen aufgestellt, tippelte er von einem Fuß auf den anderen. Er dachte an den Zeitungsartikel, den er eben gelesen hatte. Darin war von der Entstehung eines neuen Stadtteils die Rede gewesen: Altona-Mitte. Diesen Bahnhof würde es in der Form bald nicht mehr geben. Obwohl der Kopfbahnhof wahrlich nicht zu den schönsten gehörte, fand Goldberg es sehr schade, dass man ihn seiner Anbindung an die Fernbahnen berauben wollte. Wenn seine Mutter ihn besuchte, konnte er sie zum Glück noch hier abholen. Zu Weihnachten würde sie nicht kommen. Es ging ihr nicht gut. Ihr Herz machte ihr wieder einmal Probleme. Stattdessen wollte Goldberg zu ihr fahren. Ihm graute davor, nach Berlin zurückzukehren, auch wenn es nur für ein paar Tage war. Eigentlich hatte er vorgehabt, Magda mitzunehmen, aber das hatte sich wohl erledigt.

Eine Durchsage ließ ihn aufhorchen. Der Zug aus Berlin hatte fünf Minuten Verspätung. Goldberg seufzte. Sollte er die Zeit nutzen und Magda anrufen? Es war kurz nach neun Uhr. Unmerklich schüttelte er den Kopf und verwarf den Gedanken. Seine Beziehung zu ihr war im Moment leider sehr kompliziert. Die Scheidung von Georg Deterding war in vollem Gange, und das schien einiges in ihr aufzuwühlen.

Bisher war es sehr gut zwischen ihnen gelaufen. Sie trafen sich regelmäßig, gingen zusammen ins Kino, tranken hervorragenden Espresso und hatten gerade damit begonnen, kleinere Alltagsutensilien bei dem jeweils anderen zu deponieren. Es hatte ihm gutgetan. Nach der Katastrophe hatte sie ihm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Und ausgerechnet jetzt, wo er sie wegen der nervenaufreibenden Scheidung unterstützen wollte, zog sie sich von ihm zurück. Sie brauche Freiraum, hatte sie gesagt. Goldberg war mehr als bereit, ihr alles zu geben, was sie verlangte. Schließlich wusste niemand besser als er, wie sehr man Zeit für sich benötigte. Aber er hatte Angst. Angst, sie könnte sich so weit entfernen, dass sie den Weg zu ihm nicht zurückfand. Und das wollte er nicht. Auch wenn die drei magischen Worte bisher nicht zwischen ihnen gefallen waren, sie bedeutete ihm viel.

Als sein Telefon brummte, war er erleichtert. Sicher war es Jens, der ihm mitteilen wollte, dass sein Zug Verspätung hatte. Doch als er auf das Display sah, zeigte es die Nummer des Reviers.

»Was gibt es?«

»Seid ihr schon unterwegs?«, fragte Peter.

Goldberg begriff sofort, dass etwas nicht stimmte. »Nein. Der Zug hat Verspätung. Warum?«

»Sohanraj hat gerade angerufen. Im Namasté gibt es Schwierigkeiten.«

»Was für Schwierigkeiten?«

»Also«, begann Peter zögerlich, »Sohanraj sagt, dass eine Teilnehmerin der Panchakarma-Kur verschwunden ist. Ihr Name ist Annette Prinz.«

Goldberg hielt die Luft an. Zum Glück hatte Jens noch nicht im Yoga-Zentrum eingecheckt. Wenn es seinen Freund getroffen hätte, hätte er sich das selbst nie verziehen. Der Mann, der ihn aus dem seelischen Morast gezogen und wieder aufgepäppelt hatte. Nicht auszudenken, wenn Jens seinetwegen etwas zustoßen würde.

»Sohanraj sagt, sie ist weder zum morgendlichen Yoga noch zum Frühstück erschienen«, erklärte Peter.

»Vielleicht ist sie draußen im Garten und geht spazieren?«

Peters Räuspern war eindeutig als Nein zu werten. »Sohanraj hat Blutspuren auf dem Boden gefunden.«

Goldbergs Erleichterung verwandelte sich in Sorge. »Blut?«

»Ja. Die Spurensicherung habe ich schon benachrichtigt, die schaffen es aber erst in ein bis zwei Stunden, dort zu sein.«

Goldberg nickte. Das war ein deutlicher Nachteil des Landlebens. Es dauerte alles so unendlich lange. Vor allem, wenn sie zusätzlich noch mit den Auswirkungen eines ungewöhnlich schneereichen Winters zu kämpfen hatten.

»Okay, wir kommen gleich dorthin.«

Als Goldberg das Gespräch beendet hatte, fuhr der Zug ein. Wie sollte er Jens das beibringen? Er kam doch extra nach Kophusen, um eine Panchakarma-Kur zu machen. Sein Freund sprach seit Wochen von nichts anderem, wenn sie miteinander telefonierten. Es half nichts, er würde Jens erst einmal bei sich zu Hause unterbringen. Unter diesen Umständen konnte er sich unmöglich im Namasté einquartieren. Der ICE kam quietschend zum Stehen, und Goldberg wappnete sich gegen den drohenden Protest. Jens war ein sturer Hund, der sich nichts verbieten ließ. Die Türen glitten auf. Hektisch verließen die Menschen den Zug. Sie eilten den Bahnsteig entlang. Goldberg suchte nach dem Gesicht, das er so gut kannte. Erst nach einer halben Ewigkeit sah er Jens aus dem letzten Waggon aussteigen. Goldberg musste lächeln. Trotz seiner etwas trüben Stimmung freute er sich, und als sie einander erreicht hatten, umarmten sie sich zur Begrüßung.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Jens.

»Ja, das finde ich auch. Willkommen.«

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin, wie ein kleiner Junge!«

Seine Wangen waren rosig, er sah glücklich aus, und Goldberg hasste sich dafür, ihm diese Freude kaputt zu machen.

»Leider keine guten Nachrichten«, begann er vorsichtig. »Ein Kurgast ist aus dem Namasté verschwunden.«

»Wie verschwunden?«

»Das wissen wir noch nicht«, erklärte Goldberg und ließ die letzten Leute vorbeiziehen. »Heute Morgen war sie weg, und offenbar gibt es Blutspuren. Das kann eine ganz harmlose Erklärung haben, aber vorerst würde ich dich gern bei mir unterbringen, jedenfalls so lange, bis wir Genaueres wissen.«

»Bei dir? Du machst Witze. Versteh mich nicht falsch, Philip, aber ich freue mich schon seit Wochen auf meine Kur. Da ziehe ich doch nicht bei dir ein.«

»Es ist nur zu deiner eigenen Sicherheit«, versuchte Goldberg zu beschwichtigen.

»Philip, du weißt, ich schätze dich und deine Arbeit sehr, aber solange ihr nicht wisst, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt, quartiere ich mich natürlich wie geplant dort ein.«

Goldberg hob zu einer Erwiderung an, aber sein Freund schnitt ihm mit einer entschiedenen Geste das Wort ab.

»Keine Diskussionen. Ich kann mindestens so stur sein wie du. Also spar dir deinen Atem.«

Die beiden Männer sahen sich an. Inzwischen waren sie fast allein auf dem Bahnsteig. Das Getümmel hatte sich zerstreut. Goldberg hielt dem Blick seines Freundes noch einige Sekunden lang stand, bevor er seufzend die Augen niederschlug. Jens war ein erwachsener Mann. Er konnte ihn ja schlecht unter Arrest stellen. Außerdem hegte er den Verdacht, dass Steirers Weigerung auch eine therapeutische Maßnahme war, und das ärgerte ihn. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein.

»Komm schon, Philip, nicht böse sein. Zeig mir lieber deinen neuen Wagen.« Steirer lachte und klopfte seinem Freund versöhnlich auf die Schulter.

Goldberg rang sich ein Lächeln ab. Man konnte Jens Steirer nur schwer widerstehen. Er war ein außergewöhnlicher Mann, gut aussehend, nicht eben schlank, aber sein Körpergewicht verteilte sich vorteilhaft. Er hatte ein freundliches Gesicht, und sein Blick war stets wach und interessiert. Er hatte einen Schlag bei Frauen. Allerdings hielt er es nie lange mit einer aus. Goldberg zog ihn manches Mal damit auf, indem er ihn einen »bindungsunfähigen Paartherapeuten« nannte. Steirer parierte die Bemerkung stets lächelnd und erwiderte, dass er wenigstens aus Erfahrung sprechen könne.

»Das nächste Mal musst du im Sommer kommen, dann können wir mit offenem Verdeck fahren.«

Goldberg hatte im Parkhaus vom Mercado, einem Einkaufszentrum, geparkt. Wenig später saßen sie in seinem schwarzen Saab 900i Cabrio und quälten sich durch den dichten Berufsverkehr. Steirer teilte Goldbergs Vorliebe für diese alten Autos. Erst als sie auf die A23 Richtung Husum fuhren, wechselte Jens das Thema. »Und wie läuft es? Kam meine Idee mit dem Yoga-Kurs gut an?«

»Dreimal darfst du raten.«

Steirer lachte. »Ich bin so gespannt, die beiden Herren endlich persönlich kennenzulernen. Übrigens habe ich euren Sohanraj mal durch diverse Suchmaschinen laufen lassen. Der Mann ist wirklich bemerkenswert. Er war in einigen Ashrams und behandelte an zwei renommierten Ayurveda-Kliniken in Indien.«

»Du wirst ihn lieben. Gestern hat er mir ans Herz gelegt, mich in Geduld zu üben.«

»Apropos, wie sieht es mit deinen Albträumen aus?«

Goldberg spürte regelrecht, wie Steirer sein Therapeutengesicht aufgesetzt hatte und sich zu ihm wandte. Die Augen seines Freundes fixierten ihn. »Albtraumfrei, seit zwei Monaten.«

»Gratuliere.«

Es entstand eine kurze Pause. Aber der Kommissar wusste, was jetzt kommen würde. Manche Fragen waren unausweichlich und folgten schneller, als einem lieb war.

»Und? Hast du sie mal besucht?«

Goldberg schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich habe mit dem zuständigen Arzt gesprochen, und er sagt, es geht ihr den Umständen entsprechend gut.«

»Wie sieht es mit ihrer Mutter aus?«

»Hilde Deterding hat sie anfänglich tatsächlich besucht. Aber ich habe keine Ahnung, wie die Beziehung zwischen den beiden ist.«

Steirer seufzte. »Tja, die liebenden Eltern.«

Während Goldberg die Ausfahrt Hohenfelde nahm, um die Autobahn zu verlassen, schwiegen die beiden. Der Saab pflügte durch die Schneemassen, die sich auf den Straßen angesammelt hatten. Die Räumdienste waren fast Tag und Nacht im Einsatz. So einen Winter hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Schnee bereits im Dezember war ungewöhnlich für die letzten Jahre, hatte ihm Peter versichert, der über alles ein Dossier anzulegen schien.

Dass man für die Wege viel mehr Zeit einplanen musste und manchmal nur im Schneckentempo vorankam, störte Goldberg nicht im Geringsten. Er liebte diese winterliche Landschaft. Die Felder eingeschneit, die Bäume in einen dicken weißen Mantel gehüllt, alles sah aus, als hätte jemand die Natur zugedeckt. Als wäre es Zeit für einen stillen, unschuldigen Schlaf. Natürlich war das ein wenig naiv, aber wann konnte man sich diese Naivität erlauben, wenn nicht kurz vor Weihnachten? Sie brauchten noch gut dreißig Minuten, bis der Saab vor dem Yoga-Zentrum anhielt.

»Bist du sicher?«, fragte Goldberg, bevor er den Gurt zurückschnellen ließ.

»Klar. Warten wir doch erst mal ab, was eure Ermittlungen ergeben. Wenn es gefährlich wird, komme ich zu dir versprochen«, erwiderte der Therapeut.

Goldberg nickte. Bevor sie nichts Genaueres wussten, konnte er ohnehin nicht viel tun. Auch wenn er kein gutes Gefühl dabei hatte, seinen Freund hierzulassen, aber das Leben an sich war nun mal gefährlich. Auf die eine oder andere Art.

»Das ist es also«, sagte Steirer.

Seine Stimme war um eine Oktave nach oben gewandert. Fast ehrfürchtig blieb er an der Beifahrertür stehen, so als wolle er das Haus mit gebührendem Respekt betrachten. Das Dach war vom Schnee verdeckt, den Giebel zierten Eiszapfen. Die Mauern hatte Sohanraj isolieren lassen, sodass das Gebäude nicht mehr den Charme der Fünfzigerjahre hatte. Die weißen Steine machten es freundlicher und erweckten den Eindruck eines Ferienhauses. Der Yogi hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um sein Elternhaus in einen Wohlfühltempel zu verwandeln. Woher das Geld stammte, wusste selbst Peter nicht. Sicher nicht aus einem üppigen Erbe, die Mommsens waren keine reichen Leute gewesen. Sohanraj hatte nicht nur das Haus saniert und den Dachboden in einen riesigen Yoga-Raum verwandelt, sondern auch fünf bungalowartige einfache Häuschen im weitläufigen Garten bauen lassen, wo er seine Gäste unterbringen konnte. Alles in allem sehr kostspielig.

»Schön. Wirklich schön«, bemerkte Steirer.

»Warte ab, bis du es von innen siehst.«

Goldberg hatte das Gepäck von Steirer an sich genommen, als die Haustür sich öffnete und Sohanraj erschien.

»Namasté«, begrüßte er die beiden Männer, die Hände an die Handflächen gelegt, und verbeugte sich.

»Namasté.« Steirer erwiderte den Gruß.

Eilig stapfte der Therapeut die Auffahrt entlang. Goldberg folgte ihm, und gemeinsam betraten sie das Ayurveda-Zentrum.

Das Haus war komplett entkernt worden, sodass es keinen Flur mehr gab. Man befand sich sofort in einem hellen Raum, der sowohl Küche als auch Esszimmer war. Der riesige Holztisch, das Herzstück dieses Zimmers, stand vor der bodentiefen Fensterfront, die sich samt Terrassentür einmal quer über die ganze Seite erstreckte. Von hier aus sah man in den parkähnlichen Garten. Goldberg stellte den Koffer seines Freundes ab. »Sind meine Kollegen schon hier?«

»Ja, sie sind im Shiva«, sagte Sohanraj und meinte damit das Häuschen, in dem Annette Prinz gewohnt hatte. Jeder der kleinen Bungalows trug einen eigenen Namen.

»Sehr gut, dann gehe ich mal und lass dich zu treuen Händen bei Sohanraj.« Goldberg ignorierte sein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Steirer beachtete ihn gar nicht, er hatte nur Augen für Sohanraj. »Ja, geh nur.«

»Ich zeige dir dein Refugium, Jens, dann kannst du dich erst einmal zurückziehen. Um dreizehn Uhr gibt es Mittagessen, und um siebzehn Uhr ist die zweite Yoga-Einheit des Tages. Vor dem Abendessen werde ich dich gründlich untersuchen und eine Puls- und Zungendiagnose vornehmen, damit wir dann deinen Kurverlauf darauf abstimmen und besprechen können«, erklärte der Yogi.

Goldberg hatte Jens schon oft strahlen gesehen, er war ein positiver, fröhlicher Mensch, aber dieses Gesicht war ihm neu. Das Strahlen hatte eine Dimension erreicht, die Goldberg spontan beschließen ließ, in seinem nächsten Urlaub auch eine Panchakarma-Kur zu machen. Wenn es das Namasté, dann noch gab. Als er den Bungalow Shiva betrat, herrschte dort geschäftiges Treiben. Wider Erwarten waren die Kollegen der Spurensicherung schon bei der Arbeit. Frank machte sich im Bad zu schaffen, und Simon war dabei, die Kommode auf Fingerabdrücke zu untersuchen. Sie begrüßten ihn mit einem kurzen Nicken.

»Und, habt ihr schon was?«, fragte Goldberg.

Hauke schnaubte verächtlich und sah vom Kleiderschrank auf, den er gerade inspizierte. »Sogar Papa Schlumpf hat in seinem Pilz mehr Platz, als die Insassen dieser Panschkakur.«

Goldberg ignorierte die Bemerkung seines Kollegen, ihm war nicht nach Scherzen zumute. »Was ist passiert?«, fragte er stattdessen.

»Annette Prinz ist heute Morgen nicht zum Yoga erschienen«, begann Hauke, »und als sie auch nicht zum Frühstück kam, hat Sohanraj in ihrer Unterkunft nachgesehen. Doch sie war nicht da. Er hat das Gelände abgesucht, sie aber nicht gefunden. Auch keine Nachricht oder irgendetwas, das ihr Verschwinden erklärt.«

Goldberg sah sich in dem Zimmer um. Es war wirklich nicht sehr groß, schätzungsweise fünfzehn Quadratmeter. Das Mobiliar bestand aus einem niedrigen Bett, einem Mini-Kleiderschrank, einem Stuhl und einer alten Kommode. Rechts ging eine Tür ab, die ins Badezimmer führte. Alles schien in bester Ordnung zu sein. Ihr Gepäck war noch da, als hätte sie das Haus nur kurz verlassen. Kein Chaos, keine umgestürzten Möbel. Einen Kampf konnten sie wohl ausschließen. Wenn es denn überhaupt ein Verbrechen war.

»Was ist das?«, fragte Goldberg und deutete auf einen Gegenstand links vom Bett.

»Sieht aus wie ein Kleiderständer, oder?«

Er bedachte Hauke mit einem kurzen Blick, der ihn kapieren ließ, dass seine Bemerkungen heute nicht angebracht waren.

»Hab verstanden. Also, Sohanratsch hat mir erklärt, dass das eine Öllampe ist. Da gibt's so eine Art Begrüßungsritual. Jeder Neuankömmling zündet einen der sieben Dochte an, die in den komischen Ausbuchtungen der obersten Schale sind. Dabei soll man dann an seine Wünsche und Hoffnungen denken, die einen hierher geführt haben. Der Hahn da oben symbolisiert den Neuanfang, den neuen Morgen, an dem man sein ganzes Leben verändern kann. Wat'n Aufriss.«

Goldberg trat neben die Lampe und inspizierte den Boden.

»Das da ist eindeutig Blut. Einige Tropfen nur, aber wir haben bereits Proben genommen. Und an der Kommode«, erklärte Hauke auf die Stelle deutend, wo das Blut bereits begann einzutrocknen.

»Sonst noch was?«, fragte der Kommissar und wandte sich dabei an die beiden Kollegen von der Spurensicherung.

»Jedenfalls kein Haken in der Decke«, sagte Simon grinsend, während aus dem Bad ein unterdrücktes Kichern zu hören war.

»Ha, ha, sehr witzig, Jungs«, konterte Hauke und warf seinem Chef einen düsteren Blick zu, der die Anspielung auf ihren letzten Fall geflissentlich überhörte.

»Irgendwelche Anhaltspunkte?«

Simon schüttelte den Kopf. »Das Blut könnte genauso gut von einer harmlosen Verletzung stammen. Jedenfalls gibt es keine auffälligen Spritzer oder markante Spuren. Sie könnte sich verletzt und dann in der Kommode nach einem Pflaster gesucht haben.«

Das mulmige Gefühl verstärkte sich und machte sich in Goldbergs Magen breit. Das hier war nicht harmlos, so viel wusste er schon jetzt.

3

»Wann hast du Annette Prinz das letzte Mal gesehen?«, fragte Hauke den Guru, als sie zurück im Haupthaus waren.

Sie saßen am Tisch. Philip lehnte am Tresen, der die Küche vom Esszimmer trennte.

»Gestern Abend beim Essen.«