Elfenwächter: Weg des Krieges - Carolin Emrich - E-Book

Elfenwächter: Weg des Krieges E-Book

Carolin Emrich

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Beschreibung

Die Armee des Königs steht vor den Toren des Elfenreiches. Ihr Ziel ist es, die Magie des Waldes zu zerstören, damit das Gebiet endlich eingenommen werden kann. Die ganze Hoffnung des Elfenvolkes liegt nun auf Avathandal. Er soll, unterstützt von Tris, den rechtmäßigen Thronfolger bei den Zwergen suchen, den König stürzen – und das alles, ehe die schützende Magie des Elfenwaldes erschöpft ist. Neue, aber auch alte Gefährten begleiten sie auf diesem Weg, der für das Land nur eines bedeuten kann: Krieg.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 408




Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Landkarte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Glossar

Dank

Leseempfehlungen Fantasy

 

Carolin Emrich

 

 

Elfenwächter

Band 2: Weg des Krieges

 

 

Fantasyroman

 

Elfenwächter Band 2: Weg des Krieges

Die Armee des Königs steht vor den Toren des Elfenreiches. Ihr Ziel ist es, die Magie des Waldes zu zerstören, damit das Gebiet endlich eingenommen werden kann. Die ganze Hoffnung des Elfenvolkes liegt nun auf Avathandal. Er soll, unterstützt von Tris, den rechtmäßigen Thronfolger bei den Zwergen suchen, den König stürzen – und das alles, ehe die schützende Magie des Elfenwaldes erschöpft ist. Neue, aber auch alte Gefährten begleiten sie auf diesem Weg, der für das Land nur eines bedeuten kann: Krieg.

 

 

Die Autorin

Carolin Emrich wurde 1992 in Kassel geboren. Schon als kleines Mädchen bat sie ihre Mutter, ihr nicht nur vorzulesen, sondern ihr auch das Lesen beizubringen. Sobald sie dieses beherrschte, gab es kein Halten mehr. Stapelweise wurden die Bücher verschlungen und bald schon begann sie, eigene kleine Geschichten zu Papier zu bringen. Im Alter von 15 Jahren verschlug es sie auf eine Fanfiction-Plattform, wo sie auch heute noch ihr Unwesen treibt. Im Herbst 2015 reifte dann die Idee heran, ein Buch zu schreiben. Aber vorher stellte sich die Frage: Kann ich das überhaupt? Um dieser auf den Grund zu gehen, begann sie zu plotten, und schrieb daraufhin ihr Fantasy-Debüt »Elfenwächter«.

Weitere Jugendbücher sind derzeit dabei, Gestalt anzunehmen.

Beruflich schloss Carolin Emrich im Juli 2015 ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin erfolgreich ab. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Hessen.

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Juli 2017

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2017

Umschlaggestaltung: Juliane Schneeweiss | julianeschneeweiss.de

Lektorat / Korrektorat: Martina König | Sternensand Verlag GmbH

Landkarte: Corinne Spörri | Sternensand Verlag GmbH

Satz: Sternensand Verlag GmbH

Druck und Bindung: Smilkov Print Ltd.

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-906829-49-4

ISBN (epub): 978-3-906829-48-7

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für meine Mama,

 

weil du mein größter Fan bist

 

 

Kapitel 1

Dort, auf der anderen Seite der Schlucht, erstreckte sich ein Meer an Zelten, welches größer nicht sein könnte. Die Armee des Königs musste innerhalb der letzten Tage angekommen sein.

»Das hat der Wald also gespürt«, sagte Avathandal leise und schloss kurz die Augen, während er tief Luft holte.

Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken und sah mir die riesige Masse aus Fackeln, Zelten und Menschen an. Niemand schien uns zu beachten oder gar zu sehen.

Der Anblick war an sich schon furchterregend genug. Wenn man aber bedachte, was er für uns bedeutete, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Kommentarlos nahm mich Avathandal in den Arm und wir standen zusammen einige Sekunden regungslos da.

Dann drehten wir uns um und rannten los.

 

Wir achteten nicht auf unsere Umgebung, nicht darauf, dass man uns vielleicht sehen konnte und am Ende noch erkannte. Zumindest ich nicht. Avathandal lief vor mir, hatte den Blick stur geradeaus gerichtet, während seine blonden Haare hinter ihm wehten, die sich schon wieder aus seinem Zopf gelöst hatten. Vielleicht war er etwas aufmerksamer, aber ich war nur froh, dass ich seinen schlanken Rücken nicht aus den Augen verlor.

Erst als wir den Waldrand erreicht hatten und zwischen den Bäumen verschwunden waren, erlaubten wir uns, kurz nach Luft zu schnappen.

»Das war es also, wovor uns der Wald warnen wollte«, sagte ich, als ich wieder einigermaßen gleichmäßig atmete und wir den Weg zum Clan einschlugen. Das hatte ja super funktioniert. Weder mein Pferd noch meine restlichen Sachen hatte ich an mich nehmen können.

Er warf mir einen kurzen Blick zu. »Ja! Wir sollten uns beeilen und klären, was wir jetzt unternehmen können.«

»Wolltest du nicht nach Dreikronen?«

»Das war der ursprüngliche Plan, um an ein paar zusätzliche Informationen zu kommen, was genau diese Armee betrifft, aber wir müssen jetzt sehen, was sich dahingehend geändert hat.«

Seine Schritte wurden schon wieder weiter und schneller. Ich musste mich anstrengen, um mithalten zu können, aber schließlich fiel ich in einen leichten Laufschritt, bei dem ich darauf achten musste, dass ich keine Wurzel oder Ähnliches übersah. Avathandal hatte nun mal bessere Augen als ich.

Durch den Dauerlauf wieder völlig außer Atem, erreichten wir unseren Clan. Avathandal besprach sich sofort mit Bewahrer Loyd, der, obwohl es schon dunkel und recht spät war, alle Elfen zusammenrief. Einige wurden sogar aus ihren Betten geholt.

Während ich mich neben Lanaya ans Feuer setzte, erklärten Avathandal und der Bewahrer in kurzen Sätzen, was sich im Lager der Wächter abspielte und dass es als Sammelpunkt für das königliche Heer diente, da es wohl das größte der Wächterlager an der Grenze war. Das hatte noch nicht einmal ich gewusst, auch wenn ich direkt bei den Wächtern gewesen war.

Am Ende sah der vorläufige Plan vor, dass Avathandal in die Hauptstadt Dreikronen reiten würde, um sich zu erkundigen, ob das Gerücht stimmte, dass der ehemalige Thronfolger des gefallenen Königreiches Viilbas noch lebte. Es hatte wohl einige entsprechende Hinweise gegeben, aber dann war der Kontakt zum Hof abgerissen. Mit jemandem an der Seite, der später den Thron besteigen konnte, sollte ein Gegenangriff gegen das Heer erfolgversprechender aussehen. Avathandal hatte etwas von Moral erzählt und einer Leitperson, die symbolisch für den Sieg stand.

Wir würden morgen in aller Früh zu viert aufbrechen. Avathandal, Lanaya, Tian und ich. Eine zu große Gruppe war nicht gut zu verstecken, aber vier Personen sollten es Avathandal zufolge schon sein, damit die Nachtwachen nicht zu anstrengend wurden und wir eine möglichst gemischte Truppe waren.

Lanaya wollte er mitnehmen, damit wir eine Jägerin dabeihatten, die gut mit dem Bogen umgehen konnte. Ich hatte nach wie vor ein ungutes Gefühl dabei, wenn ich sie mit Avathandal allein ließ. Auch wenn er immer wieder beteuerte, dass sie wie eine Schwester für ihn war. Das brauchte wohl noch ein wenig Zeit, bis auch ich es begriffen hatte.

Nicht nur deswegen war ich erleichtert darüber, dass Avathandal in Bezug auf mich seine Meinung geändert hatte. Er hatte vor einigen Tagen noch widersprochen, als ich sagte, dass ich ihn begleiten würde. Die Begründung, dass er nicht wollte, dass mir etwas zustieß, ließ ich nicht gelten, denn das konnte mir überall passieren. Nun sollte ich mit der Begründung mitkommen, dass ich als Heilerin gebraucht wurde. Nur weil ich in die Richtung Interessen zeigte, war ich noch lange nicht vollwertig einsetzbar, aber ich würde natürlich mein Bestes geben. Auf der anderen Seite fand ich es schön, dass er beinahe einen Vorwand suchte, damit ich gebraucht wurde, denn ohne Lanaya wäre ich hier recht allein und das hätte ich überhaupt nicht gut gefunden.

Und mein Bruder Tian kam als vierte Person mit, weil Avathandal ihn schon lange kannte und ihm vertraute. Außerdem war er definitiv nicht schlecht darin, Feuerzauber zu wirken.

 

»Kommen wir auf dem Weg in die Hauptstadt am Kloster vorbei?«, wollte ich wissen, als wir schon eine Weile in der Dunkelheit von Avathandals Wagen lagen.

»Nicht direkt, warum? Wir müssen einen Umweg entlang der Steilklippen nehmen, damit wir niemandem in die Arme laufen. Söldnern, Nachzüglern der Armee, einfachen Dorfbewohnern, die uns erkennen könnten. Das wird uns enorm Zeit kosten. Außerdem müssen wir das Lager der Wächter sehr großflächig umgehen.«

»Ich überlege, ob ich Lilly endlich einen Brief zukommen lassen kann. Ich wollte es die ganze Zeit, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen oder ich habe einfach vergessen, ihr zu schreiben.«

»Deine Freundin, die im Kloster geblieben ist?«

Ich drehte den Kopf zur Seite und versuchte, im Schummerlicht seine Gestalt auszumachen. »Ja.«

»Ist es denn möglich, das Schreiben bis zu ihr weiterzugeben? So wie du das Leben dort beschrieben hast, klingt das nicht gerade einfach.«

Da musste ich ihm zustimmen. Ich hatte mir wirklich keinerlei Gedanken darüber gemacht, wie der Brief zu Lilly gelangen sollte. Ich konnte schließlich nicht einfach klopfen und ihn Schwester Agathe geben.

Mir würde bestimmt etwas einfallen, wenn wir erst mal unterwegs waren.

 

Am frühen Morgen brachen wir auf. Meine Mutter Gemma war nicht gerade begeistert darüber, dass gleich zwei ihrer Kinder loszogen, aber sie verkniff sich weitere Worte, nachdem sie gestern schon gesagt hatte, dass das nicht in ihrem Sinne war. Tian und ich würden uns so oder so nicht aufhalten lassen.

Wir hatten die ehemaligen Landesgrenzen Viilbas’ noch nicht passiert, als sich Avathandal in einem Dorf umhörte. Ich blieb mit Lanaya und Tian in einem kleinen Wäldchen zurück. Das war eindeutig der Nachteil daran, dass wir uns in den Ländern des Königs bewegten: Es gab weniger Wald, mehr Wiesen und Felder. Wir hatten uns mehr als einmal komplett aus der Deckung wagen und hoffen müssen, dass uns weder Söldner noch Soldaten ansprachen. Zum Glück hatten die anderen ein weit besseres Gehör als ich und wir waren entgegenkommenden Gruppen erfolgreich ausgewichen.

Jetzt saßen wir um ein kleines Feuer herum, die Pferde festgebunden, aber gesattelt, um jederzeit aufbrechen zu können, und warteten auf Avathandal. Er war noch nicht zurück und ich saß wie auf heißen Kohlen, aber Lanaya beruhigte mich immer wieder damit, dass er wisse, wie er sich möglichst unauffällig verhielt. Immerhin hatte er das gelernt, bevor er Nachfolger geworden war.

»In Viilbas ist die Situation auch noch mal ein bisschen anders«, versuchte Lanaya es erneut. »Das Land stand den anderen und ihren Ansichten immer ein wenig skeptisch gegenüber. Immerhin gab es zwischen ihm und Athavar Verträge, die mit anderen Ländern nie zustande gekommen sind. Es fällt dort, soweit ich es gehört habe, nach wie vor schwer, die neue Regelung in Bezug auf das Kastenwesen umzusetzen, da wir ja so etwas wie Verbündete waren. Und Avathandal weiß genau, was er zu tun hat.«

Ich konnte ja nicht anders, als ihr zu glauben, aber die Nervosität ließ erst nach, als er endlich wieder zwischen uns am Feuer saß.

»Ich habe nichts über den angeblich noch lebenden Thronfolger gehört, aber es gibt andere Neuigkeiten. Es sind anscheinend nicht nur sämtliche Männer des Landes dazu aufgerufen, sich der Armee anzuschließen, sondern es wird auch massiv damit geworben, dass Magiern, die ihre Unterstützung zusichern, später ein freies Leben winkt, wenn sie überleben.«

»Das heißt, dass auch aus den Klöstern Magier rekrutiert werden könnten?«, wollte ich von ihm wissen, aber er zuckte nur mit den Schultern.

»Ich vermute es.« Avathandal sah mich für einen Moment schweigend an, ehe er die Stirn in Falten legte. »Dir ist hoffentlich bewusst, dass du dich nun erst recht vom Kloster fernhalten musst?«

In meinem Kopf hatte ich mir allerdings gerade einen Plan zurechtgelegt, der nicht unbedingt dem Avathandals entsprach. Wenn es stimmte, dass Magier eingezogen wurden, dann wäre es nur gut, wenn sich Lilly nicht mehr länger als nötig dort aufhielt.

Kapitel 2

Der Mond beleuchtete die Mauer, an der ich seit geschlagenen zehn Minuten hinaufblickte. Wir hatten es unzählige Male an Bäumen oder Felsen geübt: festhalten, ausharren, hochziehen, klettern. Selbstverständlich hatte Avathandal versucht, mir meine Idee auszureden, aber damit war er nicht erfolgreich gewesen. Andernfalls würde ich jetzt nicht an der Außenmauer des Klosters stehen, in dem ich viele Jahre gelebt hatte.

Nachdem ihm klar geworden war, dass ich mich nicht von meinem Plan abbringen lassen würde, hatten wir angefangen, zu trainieren.

»Wenn ich dich schon nicht aufhalten kann, lernst du es wenigstens richtig«, hatte er gesagt.

Ich wartete auf den Glockenschlag der kleinen Kapelle auf dem Klosterhof, der Mitternacht ankündigte. Zum Glück war heute eine klare Nacht und ich konnte meine Umgebung gut erkennen. Nicht auszudenken, was es für ein Theater gäbe, wenn ich abrutschen oder eine Kerbe im Stein übersehen würde.

Mit jeder Minute, die verstrich, steigerte sich meine Nervosität. Immer wieder kontrollierte ich, dass sich mein Arm auch wirklich in jede Richtung bewegen ließ, aber der Bruch schien gut verheilt. Wenn das hier schiefging, würde mich Avathandal keinen Schritt mehr allein machen lassen. Seine Sorge ehrte ihn, doch manchmal war sie hinderlich.

Der erste Glockenschlag ließ mich zusammenzucken, dann trat ich dichter an die Mauer heran und legte die Hände an den rauen Stein, nach einer Einkerbung zum Festhalten suchend. Ich wartete noch zwei Schläge ab, bis ich den linken Fuß an die Mauer drückte und mich hochzog.

Es kostete Überwindung, mich ganz vom Boden abzustoßen. Lanaya hatte mir zwar einen Zauber gezeigt, mit dem ich meinen Sturz abfangen konnte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihn würde anwenden können, wenn ich fiel.

»Nur nicht nach unten sehen!«, sagte ich mir immer wieder, während ich an Höhe gewann. Die Mauer maß ungefähr zehn Fuß und war nicht allzu schwer zu erklimmen, doch mit meinem gerade erst verheilten Arm stellte sie eine Herausforderung dar.

Der letzte Ton war schon seit einer Weile in der Nacht verklungen, als ich mich das letzte Stück hochstemmte und auf der Mauer zum Sitzen kam. Zweimal war ich abgerutscht und einmal hatte ich erneut ansetzen müssen.

Der Anblick des Klosterhofes verschlug mir die Sprache. Von hier aus konnte ich ihn fast vollständig überblicken, denn das Licht des Mondes und einiger Fackeln im Hof reichte als Beleuchtung aus. So lange war er mein Zuhause gewesen, aber was war schon ein Zuhause, wenn man eingepfercht wurde, nur weil man mit der magischen Begabung auf die Welt gekommen war?

In meinem Rücken erstreckte sich der Wald, der das Kloster umschloss. Irgendwo zwischen den Bäumen rief eine Eule.

Bevor ich sentimental werden konnte und mich in dem Anblick des Hofs verlor, der mir mit dem Kräutergarten, den Hühnerställen und der kleinen Schmiede so vertraut war, ließ ich mich vorsichtig auf das Dach einer Scheune gleiten. Ich hatte diese Stelle bewusst gewählt, denn auf dieses Gebäude war ich als kleines Kind des Öfteren geklettert, wenn wir Verstecken gespielt hatten. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen.

Ohne Probleme kam ich auf dem gepflasterten Boden auf und schlich im Schatten der Gebäude auf den Laubengang zu. Um diese Zeit dürfte kein Mensch mehr hier draußen unterwegs sein, und so war es auch. Der Hof lag verlassen und einsam vor mir.

Unser Plan war simpel. Während Avathandal in die Hauptstadt ritt, um an Informationen zu kommen, die den Elfen in den letzten Wochen verwehrt geblieben waren, wollte ich meine beste Freundin bei mir haben. Dann konnten wir, wenn Avathandal etwas herausfand, gemeinsam weiter.

Mir war bewusst, dass es ein egoistischer Plan war, denn sie hatte beim Besuch der Wächter im Kloster nicht fortgewollt. Ich betete, dass sie ihre Meinung geändert hatte. Sie musste sie geändert haben!

So leise wie möglich öffnete ich die schwere Holztür, die in das Innere des Klosters führte. Bei jedem Knacken zuckte ich zusammen und lauschte, ob ich noch allein war. Meine Schuhe verursachten kein Geräusch auf dem Boden und ich versuchte, so flach wie möglich zu atmen.

Als ich an den zwei steinernen Figuren vorbeikam, die noch immer mit einem dicken schwarzen Tuch bedeckt waren, fiel mir ein, dass ich nie gefragt hatte, warum das so war. Ich hatte meinen Ausbilder Troy fragen wollen, musste es aber vergessen haben. Vielleicht wusste Avathandal etwas darüber. Es waren immerhin genauso seine Götter wie unsere. Alle anderen Skulpturen waren weiterhin unangetastet.

Den Schlafsaal der Schülerinnen könnte ich mit verbundenen Augen finden. Es hatte sich nichts verändert, seit ich von den Wächtern rekrutiert worden war. Ich wusste ganz genau, wo die Schwestern ihren Nachtdienst verrichteten, denn wir hatten uns unzählige Male rausgeschlichen, um uns in der Bibliothek zu treffen.

Die Bibliothek – dort hatten Lilly und ich so viele schöne Stunden verbracht. Heimliche Ausflüge, um uns in aller Ruhe unterhalten zu können. Die Augen und Ohren der Klosterschwestern waren ansonsten überall.

Vereinzelt hingen Fackeln auf dem Gang und erleichterten mir den Weg. Ich musste nur ein einziges Mal einen Umweg nehmen und kam unentdeckt bei den Schlafsälen an.

Mit klopfendem Herzen öffnete ich die Tür, hinter der sich die Betten der Mädchen befanden, die noch in der Ausbildung waren und nicht wie die vollwertigen Magier ein kleines Zimmer in den oberen Stockwerken bewohnten. Sie gab keinen Laut von sich und darüber war ich mehr als erleichtert. Ich hoffte nur, dass Lilly hier auch schlief. Prüfungen wurden immer mal wieder abgehalten, wenn sich genügend junge, fähige Magier fanden.

Das Mondlicht fiel durch die Fenster und ermöglichte eine gute Orientierung. Meine beste Freundin fand ich zum Glück recht schnell, denn es waren überraschend wenige Betten belegt und sie fiel mit ihren roten Haaren auf.

Bei ihrem Bett angekommen, rüttelte ich Lilly sanft an der Schulter. Sie machte es mir leicht, denn sie drehte sich um, öffnete die Augen und begann, Eelea sei Dank, nicht direkt zu schreien. Sie starrte mich an und ich hatte Zeit, mir einen Finger an die Lippen zu legen, bevor sie etwas sagen konnte.

Fassungslos wedelte sie mit den Armen zwischen uns hin und her, aber ich schüttelte nur den Kopf, griff nach ihrer Robe, die an ihrem Bettende hing, und reichte sie ihr. Für Erklärungen war jetzt keine Zeit.

Kommentarlos warf sie sich das Stück Stoff über die Schultern. Sie trug ja sonst nur ihre dünne Nachtkleidung. Ich liebte sie für ihre unkomplizierte Art. Wenn es hart auf hart kam, konnte ich mich immer auf sie verlassen.

Mit einer Handbewegung deutete ich ihr an, mit mir zu kommen. Ihr Blick war immer noch skeptisch und die Stirn krausgezogen, aber sie folgte mir. Ich würde ihr später etwas von meinen Sachen abgeben, damit sie ihre Kleidung wechseln konnte.

So schnell, wie ich in das Kloster hineingeschlüpft war, so schnell fanden wir auch wieder hinaus.

»Was machst du hier?«, fragte Lilly leise, als wir durch den Laubengang huschten.

»Später! Lass uns erst mal hier rauskommen, ohne entdeckt zu werden. Schau mal da um die Ecke«, instruierte ich sie und zeigte nach links.

Sie tat wie befohlen und als sie niemanden entdecken konnte, liefen wir quer über den Hof und nahmen einfach den Hauptausgang. Die Kette, die das Tor von innen sicherte, ratterte verdammt laut in meinen Ohren und ich rechnete damit, dass das nicht ungehört bleiben würde. Bis dahin waren wir aber hoffentlich schon weit weg.

Die große Tür schwang hinter uns wieder zu. Sie nahm an Geschwindigkeit auf und knallte laut in der stillen Nacht. Das ganze Metalltor schepperte.

Wir waren gleichzeitig zusammengezuckt und starrten zurück. Wenn jetzt nicht auffiel, dass sich jemand unerlaubt entfernte, waren alle Bewohner taub.

»Komm!«, sagte ich und griff nach Lillys Ärmel, als sie sich nicht bewegte.

»Was machst du hier, Tris?«, fragte meine Freundin erneut, nachdem wir um die Mauerecke gelaufen waren und im angrenzenden Wald verschwanden.

»Trisajia«, korrigierte ich sie.

In den letzten Wochen hatte mich keiner mehr mit einem anderen Namen angesprochen und ich hatte ihn wirklich lieben gelernt. Es war immerhin der Name, den ich hätte tragen sollen, wenn ich nicht durch den Bewahrer des Clans meiner Eltern verstoßen worden wäre.

»Was bedeutet das?«, wollte Lilly wissen.

»Das ist mein Name«, erklärte ich, während ich kurz stehen blieb, um mich erneut zu orientieren. Ich besaß einfach nicht Avathandals Elfensinne.

Von Gemma hatte ich erfahren, dass Trisajia »die Sanfte« bedeutete. Avathandal und Lanaya waren in schallendes Gelächter ausgebrochen, als ich es ihnen erzählt hatte, und ich verzichtete nun darauf, die Bedeutung noch einmal zu erwähnen.

»Warum ist das dein Name?«

»Können wir das unterwegs besprechen? Ich glaube, dass ich dir mehr als die Bedeutung meines Namens erklären muss.«

Wir schlängelten uns durch die Bäume und schließlich fanden wir die beiden schwarzen Pferde, die sich keinen einzigen Schritt bewegt hatten, seit ich sie hier zurückgelassen hatte. Und wieder fiel mir auf, wie sehr ich mein Pferd Alpe doch vermisste, die wir nicht mehr aus dem Lager hatten holen können. Sie hatte wenigstens ansatzweise ihren eigenen Kopf gehabt und wäre nicht auf jedermanns Befehl hin zur Salzsäule erstarrt. Wenigstens gegrast hätte sie.

Wir hatten die Last etwas verteilen müssen, aber schließlich war das zusätzliche Pferd, welches wir für die größeren Ausrüstungsgegenstände brauchten, so beladen, dass Lilly darauf reiten konnte.

»Ich soll da doch jetzt nicht wirklich aufsteigen?«

Ich drehte mich zu meiner Freundin um und hob überrascht die Augenbrauen. Lilly würde doch vor einem Pferd nicht klein beigeben.

»Doch, Lilly! Wir müssen zurück, ich werde erwartet«, entgegnete ich und reichte ihr die Zügel. »Weißt du noch, was mir Troy damals erklärt hat? Wie man aufsteigt und die Zügel hält?«

Lilly starrte mich an. »Nein, natürlich nicht. Das ist Monate her. Weißt du eigentlich, wie verrückt das ist? Du hast mich gerade aus dem Kloster entführt!« Ich hatte ihren Ausbruch schon viel früher erwartet.

»Du hättest nicht mitkommen brauchen«, sagte ich und schob sie neben das Pferd.

»Ich hatte im Schlafsaal die Möglichkeit, Nein zu sagen?«, fragte sie skeptisch und da musste ich ihr zustimmen. Eine Wahl hatte ich ihr nicht gelassen.

»Jetzt steig auf, wir haben keine Zeit. Ich erkläre es dir unterwegs«, scheuchte ich sie und Lilly legte ihren Knöchel in meine Hände, damit ich ihr aufs Pferd helfen konnte.

Kapitel 3

»Du bist also gar kein Mensch?«, fragte Lilly und biss in ihren Daumennagel, ehe sie ihn missmutig betrachtete. Er war ihr vorhin eingerissen und sie würde ihn nicht in Ruhe lassen, bis die lose Ecke entfernt war.

»Doch, meine Magie ist allerdings elfischen Ursprungs«, erklärte ich und rührte in dem Tee, der über dem kleinen Feuer zu unseren Füßen zog.

»Aber deine Eltern sind keine Menschen?«

»Genau! Meine Geschwister sind auch Elfen, nur ich nicht.«

»Das erklärt einige Besonderheiten«, stellte Lilly fest. Sie hatte mir aufmerksam gelauscht und einige Nachfragen gestellt. Es überraschte mich, dass sie gar nicht entsetzt war. Sie nahm die neue Situation mit einer Fassung, die ich bewundernswert fand.

Ich hatte ihr alles erzählt. Angefangen bei meiner Ankunft im Lager, über Avathandals Auftauchen und die Blutschuld, bis hin zu Troys Verrat. Na gut, fast alles; ich hatte ausgelassen, dass Avathandal mehr war als der Elf, der mein Leben gerettet hatte. Das war etwas, worüber ich nur sehr schlecht sprechen konnte, und sie würde es schon früh genug erfahren.

»Es klingt ziemlich aufregend, wie du gerade lebst.«

»Ich muss dir gestehen, dass das nun auch dein Leben ist«, entgegnete ich und schöpfte Tee in meinen Becher.

»Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Erst gestern habe ich überlegt, was passieren würde, wenn ich einfach ginge. Ich meine, das Tor steht immer offen. Jederzeit könnte einer von uns verschwinden, aber das tut niemand. Jeden Tag erzählen uns die Schwestern oder die Lehrer, dass man uns außerhalb des Klosters sofort umbringen würde, du aber lebst.«

Ich nickte. Lilly kam mir viel reifer und erwachsener vor, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie überlegte länger, bevor sie sprach, und wählte ihre Worte mit Bedacht. Wenigstens waren ihre roten Haare noch dieselben.

»Du hast mich im richtigen Moment aus dem Kloster geholt«, sagte sie leise und ich stutzte. Mein Blick schoss zu ihr und beinahe hätte ich mir den Rest heißen Tee über die Hand geschüttet, anstatt ihn in Lillys Becher zu füllen.

»Wie meinst du das?«, wollte ich skeptisch wissen und reichte ihr das volle Gefäß.

»Wie gesagt, ich hatte schon überlegt, ob ich gehen sollte, aber mir wäre kein Ort eingefallen, an dem ich hätte unterkommen können.« Sie zuckte mit den Schultern. »Und von daher … Es ist einfach furchtbar langweilig geworden ohne dich.«

Ich wusste, dass sie log, dafür kannte ich sie zu lange, aber ich würde sie nicht drängen, wenn sie nicht darüber reden wollte. Es hatte bestimmt mit Avathandals Vermutung zu tun, dass die Magier zur Unterstützung eingezogen werden sollten.

»Was ist jetzt euer Plan?«, wollte sie nach einiger Zeit der Stille wissen und ich blies die Backen auf.

»Avathandal ist in die Hauptstadt geritten, um sich mit einigen, wie er es nannte, Kontaktmännern zu treffen. Ich weiß noch nicht genau, was er vorhat, aber ich vermute, dass er sich schon etwas überlegt hat. Das hat er immer.«

Ich war wirklich sehr zuversichtlich, dass es eine Lösung gab, wenn wir wieder bei Lanaya und Tian ankamen. Während wir unterwegs in Richtung Dreikronen gewesen waren, hatten Avathandal und Tian viel überlegt und an manchen Abenden auch ratlos am Feuer gesessen, aber seit wir in den Wäldern zwischen den Dörfern der Menschen unterwegs waren, wirkten die Männer wieder zuversichtlicher.

»Du hättest ihn sehen sollen. Er war vermummter als Schwester Hildegard im Winter«, erzählte ich ihr lachend.

»Wird er so nicht auffallen? Es ist Sommer und die Menschen sind nicht vermummt.«

»Man wird ihn für einen kranken Kastenlosen halten. Ihn wird niemand ansprechen.« Ich schüttelte meinen Teebecher aus und stopfte ihn in meinen Rucksack. »Trink aus, wir reiten weiter. Schlafen können wir, wenn wir die anderen getroffen haben.«

Wie auf ein Stichwort gähnte Lilly und zog ein beleidigtes Gesicht. »Ich bin aber müde«, grummelte sie, doch ich schüttelte mit dem Kopf.

»Wir sind nur zu zweit. Schlafen ist zu gefährlich.«

Gemeinsam löschten wir das Feuer und stiegen wieder auf die Pferde.

 

Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch den Wald, als wir die Lichtung erreichten, auf der einige Zelte aufgebaut waren. Von Lanaya und Tian war weit und breit nichts zu sehen. Ruhig war es. Wir sattelten erst die Pferde ab, bevor wir uns auf die Suche machen würden. Die Sonne wurde schnell kräftiger und wärmte mich in dem lockeren Hemd. Ich hätte gern kurz innegehalten, um den Sommer etwas zu genießen, aber dafür war einfach nicht genug Zeit.

Ich legte gerade den Sattel meines Pferdes auf die Seite, als ich Stimmen vernahm. Lanaya kam links von mir aus dem Wald, den Bogen über der Schulter und zwei größere Vögel in den Händen. Sie hatte die Tiere bei den Füßen gegriffen und die Köpfe wohl an Ort und Stelle liegen gelassen. Tian folgte ihr. Er trug ebenfalls zwei Vögel bei sich und diskutierte über irgendetwas. Als er uns sah, verstummte er.

»Linker Arm nach unten, rechter über Kreuz obendrüber. Verbeuge dich tief. Erst Jägerin Lanaya, dann Nachfolger Tian«, erinnerte ich Lilly und sie nickte.

Man gewöhnte sich wirklich erstaunlich schnell an das Begrüßungsritual, auch wenn Lanaya jedes Mal alles dafür tat, um es zu sabotieren. Sie hatte ihre helle Freude daran, erst auf Avathandal einzureden, bis ich dazu kam, sie zu grüßen. Heute riss sie sich zusammen und dafür war ich ihr dankbar, immerhin war Lilly dabei und auch Lanaya wusste, dass sie das alles erst einmal lernen musste.

»Du kommst spät«, bemerkte Tian, während er sich etwas aus den braunen Haaren schüttelte, deren Farbe meiner so glich. Die Vögel, die er am Feuer ablegte, sahen ein bisschen aus wie die Hühner im Kloster.

»Ja, ich habe den Weg nicht so leicht gefunden«, gestand ich schulterzuckend und fuhr herum, als jemand meinen Namen rief. Ich hatte gerade fragen wollen, ob Avathandal schon zurück war, aber damit erübrigte sich das.

Da stand er. Lässig an einen Baum gelehnt; genau wie bei unserer ersten Begegnung. Seine hellen Haare waren jetzt ein bisschen länger als damals, aber sein Blick war nicht weniger intensiv. Ich konnte nicht genau festmachen, wann er sich in mein Herz geschlichen hatte, aber die vielen Wochen, die wir, durch die Blutschuld aneinandergebunden, Seite an Seite durch den Wald geritten waren, hatten eindeutig ihren Teil dazu beigetragen.

Avathandal stieß sich ab und kam auf mich zu. Ich schluckte und versuchte das Herzklopfen zu ignorieren, genauso wie die Röte, die sich unaufhaltsam von meinem Hals in Richtung meiner Haare ausbreitete. Meine Haut kribbelte und auch wenn es gar nicht kalt war, überzog mich eine Gänsehaut.

Etwas misstrauisch wich ich zwei Schritte vor ihm zurück, bevor er mich erreichte. Seine linke Hand legte er mittig auf mein Kreuz, die rechte unter mein Kinn. Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit, meinen Blick zu senken, sollte mir sein Starren unangenehm werden. Und das wurde es.

Er schien sich nicht entscheiden zu können, ob er sich über meine Rückkehr freuen sollte oder verärgert war.

»Du solltest schon gestern hier sein«, sagte er schließlich leise und ich biss mir auf die Unterlippe.

»Ich weiß. Es war nicht so einfach wie erwartet.« Er sah mich alarmiert an. »Also im Kloster schon«, setzte ich schnell nach. Nicht, dass er glaubte, ich wäre in Schwierigkeiten geraten. »Aber ich habe den Weg erst nicht gefunden, dann hat Lilly zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen …«

Bevor ich das Gesicht verziehen und noch mehr Erklärungen hervorbringen konnte, beugte er sich zu mir und küsste mich.

»Ich habe Informationen«, ein weiterer Kuss folgte seinen Worten, »und einen Plan.« Noch ein Kuss.

Als er sich zurücklehnen wollte, griff ich mit meinen Händen in seine Haare und hielt ihn fest. Ich spürte ihn an meinen Lippen grinsen, während sich seine Arme um meinen Körper schlangen, um mich festzuhalten.

Tian räusperte sich vernehmlich und ich machte erschrocken einen Satz von Avathandal weg. Unser Publikum hatte ich kurzzeitig völlig vergessen.

»Nachdem Trisajia nun endlich da ist, kannst du uns von dem Plan erzählen. Du spannst uns schon viel zu lange auf die Folter.«

Tian ging voraus und setzte sich an das kleine Feuer, während sich Lilly mehr als irritiert vor Avathandal verbeugte. Mein Bruder nahm sich einen der Vögel und begann ihn zu rupfen, doch ich wusste, dass er mit einem Ohr immer seiner Umgebung lauschte.

Da ich im Vögelrupfen genauso talentfrei war wie im Bogenschießen, ließ ich es bleiben. Ich hatte beides einige Male versucht, aber es lag mir einfach nicht. Dafür konnte ich schnell Feuer machen und kannte mich sehr gut mit Kräutern und Pflanzen aus.

Lilly setzte sich auf die andere Seite neben mich, die nicht von Avathandal belegt wurde. Ihr Blick lag die ganze Zeit auf mir und ich konnte mir denken, dass sie mich auf ihn ansprechen würde, sobald sie die Gelegenheit bekam.

»Du warst in der Hauptstadt«, setzte Tian erneut an. Er verdrehte über die unglaubliche Geduld seines Freundes die Augen.

»Ja, ich habe mich umgehört, bin einigen Gerüchten nachgegangen und musste mich mit zwei verdammt störrischen Eseln – nein, Entschuldigung, es waren Frauen – auseinandersetzen.«

»Wen hast du verärgert?«, fragte Lanaya und nahm Tian den Vogel ab, um sich um die Flügel zu kümmern. Das Rupfen dieser Stellen lag ihr mehr als ihm.

»Niemanden!« Er rollte mit den Augen.

»Ich bin stolz auf dich.« Ihr Lachen hallte über die Lichtung, während Avathandal den Kopf schüttelte.

»Mit wem hast du geschlafen?«

Geschlossen starrten wir Tian an, der sich den zweiten Vogel genommen hatte und den Blick nur auf seine Aufgabe richtete. Als er den Kopf hob, um zu prüfen, warum ihm niemand antwortete, schwiegen wir noch immer.

Grinsend wollte Avathandal beginnen, an seinen Händen abzuzählen, und streckte sie dafür aus, ließ sie aber wieder sinken. »Nein, Tian, da muss ich deine Fantasien über die Spionagearbeit korrigieren. Es wäre mir sehr neu, dass irgendjemand Informationen gegen diverse Körperlichkeiten tauscht.«

Ich atmete erleichtert aus. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich den Atem angehalten hatte. Avathandal wäre der Letzte, dem ich so was zutraute, und trotzdem ließ mich der Gedanke nervös werden.

»War auch nur ein Spaß. Ich hätte es nicht gewollt, den Namen meiner Schwester zu hören. Was hast du herausbekommen?«, fragte Tian weiter und ich lief feuerrot an. Peinlich berührt senkte ich den Blick, auch wenn er meinen Namen in Avathandals Aufzählung – ich wollte sie gar nicht hören – noch vergebens suchen müsste.

»Wie ich schon sagte, war es nicht so einfach, aber ich weiß jetzt, dass sich Maximilian Perr sehr wahrscheinlich auf einer der unzähligen Inseln vor der Südspitze aufhält. Des Weiteren wurde mir von den ersten Ausfällen der königlichen Armee berichtet. Diese waren bis jetzt erfolglos, aber sie soll wohl versuchen, den Wald mit Magie zu schwächen. Auf Dauer könnte das Erfolg haben, denn auch wenn der Wald nur auf unsere Art reagiert, sind wir doch angreifbar durch menschliche Magie. Ich würde also vorschlagen, dass wir unsere Suche an der Südspitze beginnen, damit wir, so schnell es geht, zurück sind und uns der Gegenwehr anschließen können.«

»Der Weg ist weit, wir wären eine Weile unterwegs und es wäre verschenkte Zeit, wenn wir nicht fündig werden«, warf Tian ein.

»Da hast du recht, aber es ist unser einziger brauchbarer Hinweis.« Avathandal reckte entwaffnend die Hände in die Luft. Er hatte wohl auch keine weiteren Vorschläge.

»Wenn sonst keiner Einwände hat …«

»Erzählt mir etwas über diesen Maximilian Perr!«, unterbrach Lilly meinen Bruder – ein nach wie vor gewöhnungsbedürftiger Gedanke – und überraschte selbst mich mit ihrer direkten Art. Alle Augenpaare lagen auf ihr, keiner hatte erwartet – am wenigsten ich –, dass sie sich einbringen würde. Von Lanaya konnte ich sogar eindeutig einen anerkennenden Laut vernehmen.

Tian fing sich rasch und setzte zur Antwort an. »Er war der Thronerbe von Viilbas, vor dem Krieg. Bevor das Land an Zereve den Sechsten fiel. Wenn wir ihn finden, haben wir jemanden, den wir auf den Thron setzen können. Ohne einen Anwärter mit Erfahrung können wir uns die ganze Revolte an den Hut schmieren«, erklärte er gelassen.

»Ihr plant also einen kompletten Sturz der Regierung, nicht nur die Verteidigung eures Landes?« Lilly lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie vertrauenswürdig ist die Quelle, aus der du weißt, wo sich dieser Maximilian Perr aufhalten soll, Nachfolger Avathandal?«, fragte sie weiter und drehte sich zu ihm.

»Sehr vertrauenswürdig. Ich kenne ihn schon länger, er wuchs mit mir in Havaris auf.«

»Gut, du kennst ihn also von Kindesbeinen an. Welchen Grund hätte er, euch zu verraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch.

Ich sah meine Freundin mit offenem Mund an. Wer war diese Frau und wo war die Lilly, die ich vor einigen Monaten im Kloster zurückgelassen hatte?

»Nun, er könnte wissentlich Dinge über unsere Lebensweise und den Zauber des Waldes preisgeben, wenn ihm zum Beispiel politische Absolution zugesagt wird. Wobei ich nicht glaube, dass der jetzige König einem Elfen genug Vertrauen schenken würde, um so eine Zusage zu machen.«

»Du bürgst also dafür, dass die Hinweise korrekt sind und er niemanden hintergeht?«

Avathandal zog die Stirn kraus und musterte erst Lilly, dann mich. »Wen hast du uns da nur gebracht, Trisajia«, murmelte er und sofort wurde sein Blick sanfter. »Das meine ich keineswegs so abwertend, wie es vielleicht geklungen hat. Es ist immer gut, wenn noch jemand zusätzlich hinterfragt.« Sein Blick wanderte wieder zu meiner Freundin. »Ja, Gadesh Lilly, ich bin mir sicher, dass wir an der Südspitze weitere Hinweise auf den Verbleib von Maximilian Perr finden werden. Wenn wir nicht sogar auf ihn selbst treffen.«

»Warum sollte er sich dort aufhalten?«, fragte sie erneut misstrauisch.

»Wie meinst du das?«, wollte nun Tian wissen, während er den letzten Vogel an Lanaya weiterreichte.

»Er ist der Thronerbe von Viilbas. Sein Land sympathisierte mit den Elfen. Merenge tat dies nie. Zumindest nicht in den zweiundvierzig Jahren seit dem letzten Machtwechsel vor dem Krieg. Warum sollte er sich also dort aufhalten?«

Woher wusste Lilly das alles? Meine Vermutung, dass sie mir etwas Grundlegendes verschwieg, verstärkte sich nur noch.

»Damit er nicht so schnell erkannt wird. Ich wette, die Einheimischen kennen ihren Thronfolger besser, und es würde vielleicht ein falscher Glaube an Rebellion entstehen, wenn er unter ihnen leben würde und sie davon wüssten. Die Menschen im ehemaligen Viilbas sind schon grundverschieden genug. Da braucht es keine öffentlichen Demonstrationen und Bürgerkriege gegen Andersdenkende, die mittlerweile unter ihnen in ein und demselben Land leben«, erklärte mein Bruder.

Lilly legte einen Finger an ihr Kinn. »Das hatte ich nicht bedacht, Nachfolger Tian.«

Er nickte ihr zu und signalisierte ihr so, dass er ihr daraus keinen Vorwurf machte.

»Meint ihr, es regnet heute noch?«, fragte ich mit Blick in den Himmel. Die Sonne strahlte uns aus einem wolkenlosen Blau entgegen.

»Ich denke nicht. Wenn es so warm bleibt, könnte es am Abend ein Gewitter geben. Regnen muss es dazu nicht unbedingt«, antwortete Avathandal und legte mir spöttisch grinsend eine Hand aufs Knie. »Warum? Angst, nass zu werden?«

»Nein, ich bin nur furchtbar müde. Ich habe in den vergangenen Tagen kaum geschlafen. Letzte Nacht haben wir nur eine kurze Pause gemacht und sind durchgeritten. Ich dachte, wenn es schlechtes Wetter gibt, könnten wir einen Tag länger rasten und ich könnte gleich nach dem Essen ein bisschen schlafen.« Zur Bestätigung meiner Worte gähnte ich und rieb mir die Augen.

»Wir können gegen Mittag aufbrechen, aber morgen wäre zu spät. Wir haben sehr wenig Zeit und müssen die, die uns zur Verfügung steht, wirklich nutzen.«

Ich nickte und erhob mich. »Dann schlafe ich jetzt, ich habe eh keinen Hunger. Hebt ihr mir etwas auf? Ich kann ja essen, bevor wir losreiten. Was ist mit dir, Lilly?« Ich drehte mich zu ihr um.

»Es gefällt mir nicht, dass ich hier nicht helfen kann, aber auch ich bin sehr müde. Irgendjemand hat mich heute Nacht sehr unschön geweckt.« Sie lachte dabei und zwinkerte mir zu.

»Legt euch hin. Spätestens wenn wir das Zelt abbauen müssen, wecken wir euch.« Lanaya winkte uns mit einer Handvoll Federn hinterher und schien uns damit wegscheuchen zu wollen. Sie holte gerade Luft, um noch etwas zu sagen, als sie sich ruckartig zu Tian drehte und ihm die Federn lachend ins Gesicht schlug. »Du bist ein Schwätzer, Nachfolger Tian!«

Ich hatte ihn nicht verstanden, aber er lachte ebenfalls und wich ihrem nächsten Schlag aus. »Du sollst den Vogel rupfen! Lass mich in Ruhe!«, erwiderte er.

Ich hörte Lanayas Antwort nicht mehr, denn ich hatte mich schon umgedreht und stapfte auf das Zelt zu, das sich Avathandal und ich teilten. Lilly war direkt hinter mir.

»Jetzt erzählst du mir aber erst etwas. Ich hätte nicht erwartet, dich an der Seite eines Mannes zu sehen.«

Ich zuckte vage mit den Schultern. Dieses Thema war immer noch nichts, worüber ich gern redete, und würde es wohl auch nie werden. Außerdem konnten die anderen uns hören.

»Du warst immer die Erste, die sich echauffiert hat, wenn uns zu Ohren kam, dass es im Kloster eine Romanze gibt oder gegeben hat.«

Ich zuckte erneut mit den Schultern. Was wollte Lilly mir damit sagen?

Schwungvoll zog ich die Plane beiseite und bat sie mit einer Handbewegung hinein. Sie betrachtete den Schlafplatz, ehe sie sich ans untere Ende setzte und ihre Robe auszog, nachdem ich die Plane wieder fallen gelassen hatte.

Ich krabbelte auf Avathandals Seite, drückte mein Gesicht in das Bündel, das ihm als Kopfkissen diente, und schloss die Augen. Ich war furchtbar müde. Vielleicht konnte ich mir einbilden, dass er neben mir lag, wenn ich meine Nase tief genug in sein Kissen steckte.

»Will ich wissen, was ihr hier so … treibt?«

Diese neugierige Frau.

»Nichts.«

»Nichts?« Lilly zog skeptisch die Augenbrauen hoch.

»Ja.«

Das war nicht ganz richtig. Avathandal hatte ein Talent dafür, jeden Muskelkater mit einer angenehmen Massage zu vertreiben, und seit einiger Zeit gingen seine Hände dabei ein wenig auf Wanderschaft. Mehr war aber bisher nicht passiert und das ging Lilly auch überhaupt nichts an.

»Ich glaube dir nicht!«, lachte sie.

»Schlaf gut!«, versuchte ich das Gespräch zu beenden, doch Lilly schien noch nicht fertig zu sein.

»Ein bisschen erinnert mich das an früher. Weißt du noch, als uns die Älteren gruselige Geschichten erzählt haben? Da haben wir uns auch immer ein Bett geteilt, weil wir nicht schlafen konnten.«

»Ja«, sagte ich leise und kicherte. Die Kindheit im Kloster war im Nachhinein oft schön gewesen. »Hat Vicky ihren Traumprinzen noch gefunden?«

»Natürlich nicht. Aber das wundert mich auch nicht, wenn man sich durch das halbe Kloster schläft.«

Über Lillys derbe Wortwahl überrascht, hob ich den Kopf und musterte sie. Sie sah vielleicht aus wie meine Freundin, aber sie hatte sich sehr verändert.

»Nun schau nicht so«, sagte sie lachend und knuffte mich an die Schulter. »Du bist die Letzte, die da etwas sagen darf! Ich dachte, ich sehe nicht recht, als er dich einfach packt und küsst.«

Allein der Gedanke daran ließ meine Wangen heiß werden. Soweit ich mir ein Urteil erlauben konnte, war Avathandal ein sehr guter Küsser. Die Röte zog unterdessen bis zu meinen Ohren hinauf und Lilly kicherte.

»Zu sehr hast du dich nicht verändert, Tris.«

»Trisajia«, verbesserte ich sie.

»Da war ja etwas. Ich bitte gnädigst um Vergebung.«

»Ist gewährt.«

»Zu gütig.«

Wir lachten nun beide und hielten uns die Bäuche. Es war so schön, wieder mit meiner besten Freundin herumalbern zu können. Glucksend legte sie sich schließlich neben mich, zog sich meine Decke über die Ohren und ihr Atem wurde schnell gleichmäßiger. Ich lauschte eine Weile, bis ich schließlich auch wegnickte.

 

Ich hatte das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein, als Lanaya uns weckte.

»Wir müssen weiter«, sagte sie und rüttelte mich an der Schulter. Neben mir hörte ich das Rascheln von Lillys Kleidung und nahm an, dass sie sich bereits anzog. Ich hatte vorhin ganz vergessen, ihr ein paar von meinen Sachen abzugeben, damit sie aus ihren unpraktischen Klostergewändern rauskam. Das würde ich gleich erledigen, aber noch war es hier viel zu kuschelig und ich auch noch nicht richtig wach.

Ich grummelte vor mich hin, während nun auch meine Freundin begann, mich zu schütteln.

»Ist ja gut!«, gab ich nach. Während ich mich aufsetzte, rieb ich mir die Augen. »Wie lange hast du uns schlafen lassen?«

»Lange genug, damit du reiten kannst. Einige Stunden sind es gewesen.«

Ich seufzte und strich mein Hemd glatt. Das konnte ja ein spannender Ritt werden, wenn ich noch so müde war und wir Zeit aufholen mussten.

Lilly und ich aßen die Reste, die uns die anderen übrig gelassen hatten, und während wir anschließend die Pferde fertig machten, bauten Lanaya und Avathandal die Zelte ab. Die Sonne sank bereits wieder, als wir aufbrachen, und so wie es schien, würden wir auch in dieser Nacht nicht viel Schlaf bekommen. In schnellem Trab ging es in Richtung Süden, immer in der Deckung der Wälder.

Ich hatte keine Ahnung, wie wir mit diesen wenigen Hinweisen eine einzelne Person finden sollten, allerdings war ich keine Expertin, was die Spionagearbeit anging. Dieses Feld überließ ich gern Tian und Avathandal.

Kapitel 4

»Konzentrier dich!«

Ich starrte das kleine Feuer an, das immer noch vor sich hin flackerte. Es war von einer Barriere umgeben, die es zu durchbrechen galt. Eigentlich war die Aufgabe nicht schwer, aber Tians Schutzzauber besaß eine Intensität, die ich so nicht erwartet hatte.

»Deine Stärken sind neben den Heilzaubern eindeutig die Eiszauber, Trisajia. Auch unter ihnen findest du Möglichkeiten, eine Barriere zu durchbrechen!«

Eiszauber, Eiszauber …

»Wenn du jetzt erst überlegen musst, welchen du nimmst, hast du direkt verloren.« Tian ließ seine Zauber fallen und das Feuer erstarrte sofort zu einer Eisskulptur, ehe es sich langsam selbst löschte und nur Dampf und nasse Asche übrig blieben. »Was ist los mit dir? Das war ein verdammt schlechtes Training. Du siehst, was dabei herauskommt, wenn ich meine Barrieren noch schwächer mache.« Er deutete auf die Reste unserer Übung. »Sie fallen in sich zusammen.«

»Ich weiß es nicht. Heute ist irgendwie nicht mein Tag«, murmelte ich niedergeschlagen.

Tian kam stirnrunzelnd auf mich zu. Er betrachtete mich eine Weile, ehe er seufzte. »Das kenne ich ja selbst, aber davon wird sich kein Gegner beeindrucken lassen. Lass uns deinen Fokus erst mal auf die Eiszauber legen und sehen, wie weit wir damit kommen. Im Moment wirkt es für mich, als wäre das deine größte Stärke. Wir machen morgen weiter.«

Ich nickte, während wir die kleine Lichtung verließen, auf der wir trainiert hatten. Meine Konzentration war heute nicht die beste, und ich wusste auch, warum. Es war allerdings nichts, was ich mit Tian besprechen wollte. Eigentlich wollte ich das Thema überhaupt nicht mit irgendjemandem besprechen, aber ich würde es müssen.

Am Feuer saßen Avathandal und Lilly. Er erklärte ihr gerade, wie man einen Vogel richtig rupfte. Ich war jedes Mal wieder erstaunt, dass wir anscheinend weit genug von jeglicher Zivilisation entfernt waren, um ein Feuer entzünden zu können.

»Alles in Ordnung?«, fragte er mich, als ich eine Weile schweigend neben ihnen gesessen hatte.

Ich schüttelte nur stumm den Kopf.

»Willst du darüber reden?« Avathandal legte den Vogel beiseite und wandte sich komplett mir zu.

Lilly sah an ihm vorbei und unsere Blicke trafen sich. Erneut schüttelte ich den Kopf.

»Na komm!« Er stand auf und hielt mir seine Hand hin.

Seufzend ergriff ich sie. Warum ausgerechnet heute? Avathandal war sonst niemand, der große Worte verlor. Meist tat er es nur, wenn ich ihn dazu drängte.

»Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte er leise, sobald wir außer Hörweite waren, was bei Lanaya und Tian schon eine ganze Strecke war, auch wenn Avathandal fast flüsterte.

»Natürlich nicht«, versicherte ich ihm. »Das ist eine blöde Frage.« Ich lehnte mich mit dem Rücken an einen Baum. Mir schlug das Herz bis zum Hals und ich verschränkte meine leicht schwitzigen Hände ineinander.

»Wäre es eine blöde Frage, hätte ich sie nicht gestellt. Wenn sogar du nicht darüber reden willst, muss es etwas Wichtiges sein. Ist es wegen letzter Nacht? Hat jemand etwas gesagt?«

Augenblicklich schoss mir das Blut in den Kopf. Ich hasste es, wenn er so direkt war. Damit konnte ich nicht umgehen.

»Es hat niemand etwas gesagt …«

»Aber?« Avathandal stützte sich mit dem Arm neben mir ab. Die Art, wie er mich ansah, ließ mich schlucken.

»Es ist eher das, was du gesagt hast.«

Er nickte und schien genau zu wissen, was ich meinte. Mit seiner freien Hand strich er mir über die Wange und ich lehnte mich in die Berührung. Mit geschlossenen Augen spürte ich nur seine Finger auf meiner Haut. Sie wanderten über meine Schläfe, die Fingerspitzen berührten meinen Haaransatz, und als er die zweite Hand an mein Gesicht legte, öffnete ich die Augen, nur um ihn direkt vor mir wiederzufinden. Seine Nasenspitze berührte beinahe meine. Für einen unendlich langen Augenblick sahen wir uns an. Das Grün seiner Augen verschwamm, so nah war er mir. Sein Atem streifte mein Gesicht, während ich nichts sehnlicher wollte, als ihn zu küssen.

»Trisajia«, hauchte er, bevor er seine Lippen auf meine drückte. Er schmeckte nach dem Tee, der im Lager in einem kleinen Topf über dem Feuer schaukelte und seinen eigenen Geschmack fast völlig verdeckte. Seine Hände verfingen sich in meinen Haaren und lösten Strähnen aus dem hochgebundenen Zopf, während er sich gegen mich lehnte. Die raue Rinde der Eiche scheuerte an meinem Rücken, aber es war auszuhalten und ich wollte den Moment zwischen uns nicht zerstören.

Seine Zunge stupste gegen meine Lippen. Während ich den intensiveren Kuss erwiderte, vergrub ich meine Finger in dem Stoff seines Hemdes. Sein Atem vermischte sich mit meinem. Ich vergaß, dass wir uns nicht allzu weit weg von unserem Lagerplatz befanden, vergaß, dass uns vielleicht jemand suchen würde. Alles, was gerade zählte, war dieser Moment zwischen uns und das unglaubliche Verlangen, das dieser Kuss in mir auslöste. Dieses Gefühl war mir immer noch so neu und doch war es nichts, wovor ich mich fürchtete.

»Wenn du dich nicht traust, das Thema mit Lanaya zu besprechen, mache ich es.« Avathandal hörte sich an, als würde er das ernst meinen. Sein Gesicht war immer noch verschwommen und seine Lippen berührten beim Sprechen ganz sanft meine.

»Nein! Ich frage sie gleich, ob wir heute Nacht zusammen aufpassen. Dann spreche ich das an.«

Auch wenn es jetzt im Sommer sehr warm war, genoss ich seine Nähe, die eine ganz andere Art von Hitze in mir auslöste, als es das Wetter könnte. Meine Hände lagen noch eine Weile auf seinem Rücken, bis ich sie sinken ließ.

»Du musst das ja nicht heute machen. Ich meinte nur, dass …«

»Ist in Ordnung«, unterbrach ich ihn. »Ich muss es so oder so ansprechen, da mache ich es lieber direkt.« Allein der Gedanke ließ meinen Puls in die Höhe schnellen.

»Setz dich damit nicht unter Druck!«

»Hast du das Gefühl, dass ich das tue?«

»Ein wenig vielleicht.« Avathandal trat einen Schritt von mir weg und ich betrachtete sein Gesicht. Neugierige grüne Augen musterten mich, die jedes Detail wahrzunehmen schienen. Weiße Schnörkel rankten sich über die Schläfen und die Stirn. In einem Bogen zogen sie sich über seine Wangen und endeten in seinen Mundwinkeln.

»Tat das eigentlich weh?«, fragte ich und strich ihm mit dem Daumen über die weiße Linie am Mund.

»An manchen Stellen ein wenig mehr als an anderen, aber schlimm war es nicht.« Er sah mich an, die Stirn in Falten gelegt. »Haben wir alles geklärt? Du musst das nicht heute machen.«

»Ich will es aber.« Ich schaffte es lediglich für einen kurzen Moment, seinen Blick zu erwidern, bis mir erneut die Röte ins Gesicht stieg. Meine Schuhe anstarrend, wartete ich, dass er etwas dazu sagen würde.

»Gut. Gehen wir dann wieder zurück?« Er ergriff meine Hand und setzte sich in Bewegung, als ich nickte.