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Von den Menschen verjagt, von den Magiern gemieden, kämpft die Halbmagierin Elira um Frieden zwischen den Völkern, auch wenn ihr Leben und ihre Liebe auf dem Spiel stehen. Als Aschewolken ganze Landstriche Alurias verdunkeln, kann Elira ihre brodelnde Magie nicht mehr verstecken. Die Menschen machen das verhasste Magiervolk – die Elementarai – für die Katastrophe verantwortlich. Und als Halb-Magierin gehört Elira dazu, auch wenn sie unter Menschen aufgewachsen ist. Verspottet und gefürchtet, verlässt Elira ihre Heimat nur mit einer altklugen grünen Katze, um sich ihrem väterlichen Erbe zu stellen. Auf ihrer Reise freundet sie sich ausgerechnet mit einer Berghirtin an, deren Heimat von Elementarai zerstört wurde. Dennoch scheint ihre neue Freundin ihre Magie weitaus weniger zu fürchten als der charmante Lautenspieler Jorin, dem sie mit jedem Treffen näherkommt. Mit dem aufziehenden Krieg im Rücken versucht Elira nicht nur ihre Kräfte zu kontrollieren, sondern auch das Magiervolk zu finden und zwischen ihm und den Menschen zu vermitteln. Aber werden die Elementarai ihr zuhören? Schließlich gehört Elira – als halber Mensch – nicht zu ihnen. Um zu überleben, braucht Elira all ihre Magie – auch wenn sie dadurch Jorin verliert. Ein funkensprühender Fantasyroman!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Kapitel 1: Abschiede
Kapitel 2: Gastfreundschaft
Kapitel 3: Begegnungen
Kapitel 4: Markt
Kapitel 5: Auf dem Fluss
Kapitel 6: Nähe
Kapitel 7: Geheimnisse
Kapitel 8: Durch Sumpf und Fels
Kapitel 9: Stadt aus Licht und Schatten
Kapitel 10: Die Quelle
Kapitel 11: Feuerprobe
Kapitel 12: Neue Freunde
Kapitel 13: Am Krater
Kapitel 14: Eigene Wege
Kapitel 15: Die Nebel von Elemair
Kapitel 16: Das Siegel
Kapitel 17: Alte Schuld
Kapitel 18: Heimkehr
Kapitel 19: Entscheidung am Steinkreis
Kapitel 20: Tag-und-Nacht-Gleiche
Kapitel 21: Neue Bindungen
Danksagung
Weitere Bücher der Autorin
Über die Autorin
Impressum
Deborah B. Stone
Von den Menschen verjagt, von den Magiern gemieden, kämpft die Halbmagierin Elira um Frieden zwischen den Völkern, auch wenn ihr Leben und ihre Liebe auf dem Spiel stehen.
Als Aschewolken ganze Landstriche Alurias verdunkeln, kann Elira ihre brodelnde Magie nicht mehr verstecken. Die Menschen machen das verhasste Magiervolk – die Elementarai – für die Katastrophe verantwortlich. Und als Halb-Magierin gehört Elira dazu, auch wenn sie unter Menschen aufgewachsen ist. Verspottet und gefürchtet, verlässt Elira ihre Heimat mit einer altklugen grünen Katze, um sich ihrem väterlichen Erbe zu stellen.
Auf ihrer Reise freundet sie sich ausgerechnet mit einer Berghirtin an, deren Heimat von Elementarai zerstört wurde. Dennoch scheint ihre neue Freundin ihre Magie weitaus weniger zu fürchten als der charmante Lautenspieler Jorin, dem sie mit jedem Treffen näherkommt.
Mit dem aufziehenden Krieg im Rücken versucht Elira nicht nur ihre Kräfte zu kontrollieren, sondern auch das Magiervolk zu finden und zwischen ihm und den Menschen zu vermitteln. Aber werden die Elementarai ihr zuhören? Schließlich gehört Elira – als Mensch – nicht zu ihnen. Um zu überleben, braucht Elira alle Magie, dir ihr innewohnt – auch wenn sie dadurch Jorin verliert.
Ein funkensprühender Fantasyroman!
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Für meine Mutter,die meine Flamme von Anfang an gefüttert hat.
Für meine Tochter,die wild glüht.
Für meine Leser:innen,mit denen ich die Leidenschaft für funkensprühende Magie teile.
Die Träne hinterließ eine klebrige Spur auf Eliras aschebedeckter Wange. Die puderige Schicht lag auf Grashalmen und Steinen, sogar den Blumen stahl sie ihre lebhaften Farben.
Die Seele ihres Vaters war am Vortag durch die Nebelschleier gereist. Nun folgte sein lebloser Körper, in luftige Leinenbahnen gewickelt. Unter seinem Apfelbaum wurde er zur letzten Ruhe gebettet. Traditionell gepflanzt zur Geburt, schützte der Baum jetzt das Grab ihres geliebten Vaters. Der Kreis hatte sich geschlossen.
Nach ihrer Mutter und Schwester war Elira nun an der Reihe, Abschied zu nehmen. Erhobenen Hauptes legte sie die wenigen und doch zu vielen Schritte zum Grab zurück. Am Rand des Erdlochs angekommen, löste sie ihre verkrampften Finger von dem kleinen Beutel, den sie umklammert hielt. »Leb wohl, Papa.« Mit einem dumpfen Geräusch landete der Beutel im Grab. Nusshörnchen, Vaters Lieblingsgebäck.
Elira strich ihre wirren Haarsträhnen zurück und klemmte sie mit zitternden Fingern wieder in die Spange, der sie entkommen waren. Dann eilte sie zu ihrer Schwester.
Kaija drückte ihr kurz die Schulter und griff nach der Flöte, die sie immer bei sich trug. Die Töne perlten zu einer Melodie zusammen und zerstoben wieder, verklangen und hinterließen eine nun noch lautere Stille. Eine Stille, die der gutmütige Bass ihres Vaters hätte füllen müssen.
Nacheinander traten Spinnerinnen und Weber, Bäuerinnen und Handwerker, die Schmiedin und der Imker vor, streuten eine Handvoll mit Asche vermengter Erde in die Grube und murmelten einen letzten Gruß. Einige ihrer Blicke hefteten sich auf Eliras Haar. Besonders dreist starrte die alte Akula. Stumm formten ihre Lippen das Wort Wechselbalg, und als Elira zusammenzuckte, leuchteten ihre kleinen Augen triumphierend auf.
Elira tastete nach ihrer Haarspange. Ruhig bleiben. Keinen Aufruhr am Grabe ihres Vaters. Konnten sie sie nicht einen Tag in Würde trauern lassen? Ihr Blick huschte zu ihrer Mutter, deren gerötete Augen auf die Zweige des Baumes gerichtet waren. Zum Glück schien sie nichts mitbekommen zu haben. Sie litt schon genug unter dem Verlust ihres Mannes und sollte sich nicht noch um ihre Jüngste sorgen.
Zwar hatte Elira ablehnende Reaktionen befürchtet, aber auf eine Schonfrist gehofft, als sie beschloss, zum heutigen Anlass ihr übliches Haartuch daheim zu lassen.
Sie hob das Kinn und blickte den nachfolgenden Trauergästen geradewegs in die Gesichter. Bei der Beerdigung ihres eigenen Vaters würde sie es nicht an der gebührenden Achtung mangeln lassen. In Aluria trat man dem Tod stets mit unbedecktem Haupt entgegen, ganz gleich, ob man kahl war, mit grauem, schwarzem oder, wie in Eliras Fall, eben braun-grün gesträhntem Haar gesegnet war. Oder verflucht … so wie mit diesen merkwürdigen Augen.
Zuletzt humpelte die Dorfälteste ans Grab. Schwer stützte sich Nirva auf ihren Stab, als ihre Handvoll Erde herabrieselte. Die Gicht plagte sie, und auch ihre Augen wollten nicht mehr so recht. Kurz geriet sie ins Schwanken, und die Frau, die ihr am nächsten stand, wollte ihr den Arm reichen, doch Nirva wies sie mit einem unwilligen Ruck ihres spitzen Kinns zurück.
»Sheram, Gortan«, verabschiedete sie sich mit rauer, aber kräftiger Stimme von Eliras Vater, dem Bäcker. Sie schloss mit der rituellen Bitte: »Tellem, perenez Gortan T'or Siba en Lucem kiro derira Nebula.« Bitte nehmt Gortan, Sohn der Siba, ins sanfte Licht hinter den Nebelschleiern auf.
Nirva umfasste ihren Stab mit beiden Händen und blickte ins Leere. Ob sie dort den jungen Gortan vor sich sah? Sie musste erlebt haben, wie er aufgewachsen war. Zunächst als Bauernjunge, und dann, nachdem seine Liebste Mena sein Werben erhört hatte, fand er in der Bäckerei seine Berufung und wurde seinen Töchtern ein liebevoller Vater.
Tochter meines Herzens. So hatte er Elira immer wieder genannt.
Nirva wandte sich mit einem Ächzen ab. Das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.
Auch Elira wandte sich um und trottete hinter Mutter und Schwester nach Hause, während die Asche unter ihren schlurfenden Füßen aufstob.
Ihr Fuß verharrte in der Luft — beinahe wäre sie auf eine Hummel getreten, die hilflos in einer Verwehung zappelte. Elira ging in die Knie und ließ das kleine Wesen auf ihren Finger krabbeln. Vorsichtig pustete sie die Asche von den empfindlichen Flügeln. Kein guter Tag für Hummeln. Sobald der Wind sich jedoch drehte oder ein Regenschauer fiel, würde die feine Schicht wieder verschwinden. So war es auch in den letzten Wochen gewesen. Elira hob den Finger mit dem Krabbeltier in die Luft. Von seiner grauen Last befreit, flog das kleine Tierchen brummend und leicht torkelnd davon.
Elira blickte ihm nach und begegnete Kaijas Blick. Ihre große Schwester wartete an der Seite ihrer Verlobten Tanaka auf sie und betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Gemeinsam eilten sie ihrer Mutter hinterher.
Am Haus angekommen, klopften sich alle die Asche von den Kleidern und reinigten sich Gesicht und Hände an den feuchten Tüchern, die ihre Mutter bereitgelegt hatte. Aus dem diesigen grauen Tag traten sie direkt in die gemütliche Stube, die sie mit warmem Licht und tröstlichen Gerüchen empfing. Am heutigen Tag war der Verkaufsraum der Bäckerei geschlossen, und Familie und Trauergäste benutzten den Nebeneingang durch die Küche, um sich zu stärken.
Beim Trauern sollten gemeinsames Essen und Trinken ins Leben zurückhelfen.
Fürwahr, dachte Elira bitter, schob sich mit einem Krug zwischen die Gäste und schenkte Apfelmost nach. Ihr Vater Gortan war kaum durch den Nebel gewandert, da pickten die Krähen schon nach seiner Tochter und forderten ein Festmahl.
»Jedes Mal, wenn ich ihre Augen sehe, läuft mir ein Schauer über den Rücken.« Akula stand wie immer im Zentrum einer Gruppe und gab sich keine Mühe, leise zu sprechen. Sie schüttelte sich theatralisch. »Kein Wunder, dass sie das Tageslicht scheut. Ob sie jetzt mit den dunklen Wolken öfter herauskommt?«
»Du meinst …?« Eine der Weberinnen beugte sich mit roten Wangen vor.
»Ich meine gar nichts«, Akula tippte sich mit dem Finger ans Kinn, »aber überleg doch selbst. Und meine Base schrieb mir erst kürzlich, dass durch ihr Dorf glutäugige Gestalten gen Westen ziehen. Geradewegs den Aschewolken entgegen.«
Elira packte den Krug fester. Sie hatte genug gehört.
Doch auf dem Weg zu den Frauen hielt sie inne. Niemand hatte sie direkt beleidigt. Das würden sie auch nicht tun, schließlich wollte Akula weiterhin ihr Brot und ihre süßen Wecken in der Bäckerei erstehen. Nein, die Wolken würden vorüberziehen und mit ihnen die bösen Gerüchte. Schiefe Blicke hatte es ihr Leben lang gegeben, und sie sollte sie inzwischen gewöhnt sein.
Elira entspannte ihre Finger, die sich um den Krug verkrampft hatten. Sollten sich die Lästermäuler doch die Münder trocken reden. Sie kehrte um und steuerte stattdessen auf die Schmiedin zu. Die kräftige Frau mit den vernarbten Armen war immer freundlich zu ihr, und dass sich Elira nahe ihrer glühenden Esse nie besonders wohl fühlte, lag nicht an ihr.
»Möchtet Ihr noch einen Becher Apfelmost, Rabya?«
»Dank' dir, Kindchen. Gieß mir noch mal tüchtig nach.« Elira gehorchte, und Rabya nahm einen tiefen Schluck. »Dein Vater war ein feiner Mann. Keine großen Worte, aber das Herz am rechten Fleck. Er wird uns allen fehlen.«
Elira nickte stumm und schluckte gegen den Klumpen in ihrer Kehle an. Mit verschlossenen Ohren und einem zuckrigen Lächeln auf dem Gesicht überstand sie den Rest der Gedenkfeier.
Als endlich auch die letzte Nachbarin und der letzte Freund ihres Vaters das Haus verlassen hatten, schob Elira die Katze auf der Kaminbank zur Seite und sank erschöpft neben Mutter und Schwester.
Geschafft!
Sie kuschelte sich an ihre Lieben, Wärme und Geborgenheit suchend und gebend. Kaija verbrachte mehr Zeit bei ihrer Tanaka als zu Hause und wartete vermutlich nur auf den richtigen Moment, um auszuziehen. Bald würde das Haus noch leerer werden, dann gäbe es nur noch Mutter und sie.
Aber nicht heute. Heute Abend sahen sie gemeinsam dem letzten Holzscheit im Kamin beim Niederbrennen zu und nahmen still von ihrem Vater und Ehemann Abschied. Ein fiebriger Winterhusten, der sich in der Lunge festsetzte, hatte ihn seiner Familie vor der Zeit entrissen.
Nach einer Weile richtete sich Kaija auf und griff wieder nach der Flöte an ihrem Gürtel. Die vernarbten Finger der linken Hand behinderten ihr Spiel kaum.
Die Klänge trugen Elira davon. Sie meinte, ihren Vater ein letztes Mal lachen zu hören. Seine Stimme rumpelte und bebte in ihren Gedanken, während die Buchenblätter im Wind säuselten, denen sie so oft gemeinsam gelauscht hatten.
Der Morgen dämmerte heran, und mit dem schwindenden Dunkel löste sich auch die Vertrautheit der gemeinsamen Nacht.
Still stand Elira ihrer Mutter in der Küche gegenüber.
Das Blut rauschte in ihren Ohren. Hatte ihre Mutter das eben wirklich gesagt?
Dein leiblicher Vater lebt.
Elira starrte ihre Mutter an, wartete auf eine Erklärung, eine Geste. Etwas, das all dem Sinn geben, den Boden unter ihren Füßen wieder festigen würde. Doch nachdem ihre Mutter die Worte hervorgestoßen hatte, schien sie ihre Sprache verloren zu haben.
Warum sagte sie so etwas, warum jetzt?
»Soll das eine Art Trost sein?« Elira schluckte. »Dein Vater ist tot – such doch deinen anderen?« Ihre eigene Stimme klang schrill in ihren Ohren nach.
Ihre Mutter schloss kurz die Augen. »Wenn du früher losgezogen wärest, um deinen leiblichen Vater zu suchen, hätte das deinem Vater das Herz gebrochen.« Verständnisheischend sah sie zu Elira, in deren Brust es schmerzhaft pochte, als wollte ihr geschundenes Herz zerspringen.
Ihre Mutter fuhr fort, ihre Entscheidung zu verteidigen: »Gortan hat mich gebeten zu warten, und es war ja keine richtige Lüge.«
Glaubte sie das wirklich selbst?
»Er war in jeder Hinsicht dein Vater, nur eben nicht in der einen.”
Elira lachte gequält auf. Tochter meines Herzens. Jetzt bekam der Kosename eine ganz neue Bedeutung. »Und wer ist also nur in der einen Hinsicht mein Vater? Wem habe ich nur die komischen grünen Haare, die Nachtaugen und meine Besonderheiten,die nur mein ganzes verdammtes Leben bestimmen, zu verdanken?«
Ihre Mutter seufzte. »Du wolltest doch immer so sein wie alle anderen. Normal, nicht auffallen. Wir dachten, das Wissen über deine ungewöhnliche Herkunft würde es dir nur noch schwerer machen.« Sie strich sich über das Gesicht. »Mit deinen, wie soll ich sagen, Ausbrüchen war es zwar zeitweise etwas schwer, aber auch das haben wir einigermaßen hinbekommen.«
Hinbekommen?
Elira gab ein ersticktes Geräusch von sich. Lachte oder schluchzte sie? Sie wusste es nicht. »Sag das mal meiner Schwester! Schließlich trägt sie die Narben davon.«
»Du warst ein Kind! Du konntest nichts dafür.« Ihre Mutter trat zu ihr und strich sanft über ihre Haarspange.
Elira wand sich unter ihrer Hand. Sie wollte keine Zärtlichkeiten, sie wollte Antworten. »Jetzt sprich es schon aus: Wer oder was ist mein Vater? Was bin ich?«
Ihre Mutter ließ die Hand sinken. »Nun, dein leiblicher Vater, mein Larim, gehört zum Alten Volk, den Elementarai, wie sie selbst sich nennen.«
Mein Larim?
Elira schluckte trocken. »Ich bin also wirklich ein Wechselbalg …«
»Nein!« Ihre Mutter richtete sich auf. »Du bist eine Halb-Elementara. Das ist etwas ganz anderes! Niemand hat dich ausgesetzt oder vertauscht. Das würden die Elementarai niemals tun. Das sind nur üble Verleumdungen. Kinder sind ihnen heilig.«
»Nur dir ist nichts heilig!« Wie hatte Mutter ihr das siebzehn Jahre lang verschweigen können? »Du hast uns alle betrogen. Oder bin ich die Einzige, die nichts begriffen hat?« Elira bohrte sich die Fingernägel in den Handballen. Warum erwachte sie nicht aus diesem Albtraum?
Kaija betrat die Küche und blickte sich verwundert um, die Augen verquollen vor Tränen und Müdigkeit.
Elira gönnte ihrer Schwester keine Pause und fuhr sie an: »Hast du davon gewusst? Dass mein leiblicher Vater ein Grünling ist? Dass er lebt und vermutlich beglückt wäre, seine unbekannte Tochter in die Arme zu schließen?«
Kaija strauchelte, fing sich aber mit der Hand an einer Stuhllehne ab. »Was …?« Sie suchte den Blick ihrer Mutter. »Vater war gar nicht …?«
Elira fiel ihr ins Wort: »Mir wird jetzt so vieles klar …« Sie sank gegen die Tischplatte.
Kaija starrte ins Leere. »Ich habe dich immer verteidigt. Aber du bist tatsächlich eine von denen …?«
Elira zuckte wie unter einem Schlag.
Schon trat Kaija zu ihr. »Elira, das ändert doch nichts!«
Elira schüttelte Kaijas tröstende Hand ab. Ihre Schwester verstand nicht. Das änderte alles. Sie hatte eine Lüge gelebt. »Nie habe ich verstanden, weshalb ich so anders bin. Immer habe ich Angst gehabt, dass …« Sie vergrub die Hand in ihrem dichten Haar. Ein einzelner Funke löste sich und verglomm.
»Das wollte ich nicht.« Die Stimme ihrer Mutter zitterte. »Ich habe das getan, was mir für alle Beteiligten am besten erschien.« Sie griff wie abwesend nach einem Brötchen und zerkrümelte es. »Aber nun ist Gortan tot.« Sie atmete tief durch. »Und du darfst dich nicht länger hier vergraben.«
Sie sollte sich vergraben haben? Ihre Mutter war es doch gewesen, die ihr immer das Haar weggesteckt und sie besorgt gemustert hatte, wenn sie ausgehen wollte! Doch diese redete weiter, als hätte sie ihr ein wunderbares Geschenk gemacht. »Deine Schwester ist in dem Alter schon längst auf ihre Große Wanderung gegangen. Du könntest doch nach Elemair …«
»Das kannst du glauben, dass ich hier nicht bleibe!« Elira wollte die Rechtfertigungen ihrer Mutter nicht länger mit anhören. Und was war das überhaupt für ein Vater, der sein magisches Kind in der Menschenwelt sitzen ließ? »Dieser Larim hat mir einiges zu erklären!« Sie schüttelte den Kopf, dass ihre Haare flogen. Jetzt verstand sie alles! Wie ihre Mutter im Laden immer Kaija hatte bedienen lassen … Die Feiern, die stets gemütlich, im Kreis der ›Familie‹ stattfanden. Die anderen sollten Elira nur nicht von Nahem sehen und begreifen, dass sich ihre Mutter Mena, das ach-so-angesehene Dorfratsmitglied aus der altehrwürdigen Familie, mit einem Nicht-Menschen eingelassen hatte, einem ›Grünling‹.
Elira warf ihrer Mutter einen letzten angewiderten Blick zu und stürmte hinaus.
Sie fluchte, als sie dabei über Kim Kima, ihre merkwürdige Ladenkatze stolperte, die ihr wie immer im Weg stand. Aufdringliches Tier!
Elira rannte durch das Dorf, die Häuser verschwammen vor ihren Augen. Unterwegs wich sie einem streunenden Hund aus. Fort, nur fort. Erst, als sie die letzten Gebäude hinter sich gelassen hatte, wurde sie langsamer und blieb schließlich schweratmend stehen. Das Tal erstreckte sich unter ihr, und der Morgennebel mischte sich mit dem würzigen Rauch, der nach und nach aus den Kaminen aufstieg. Die Bewohnerinnen und Bewohner schürten die über Nacht heruntergebrannten Feuer für den Morgenbrei. Der Sommer nahte, aber in den dunklen Stunden, bevor die Sonne aufging, verteidigte der Wintermond noch seine frostige Herrschaft.
Elira rieb sich über die klamme Haut auf ihren bloßen Armen. Sie war in ihrer Leinentunika davongestürzt. Zumindest war sie bei ihrem hastigen Aufbruch in ihre gut gewachsten Stiefel geschlüpft. Sonst wäre ihre Reise kläglich kurz geworden. Sie verlagerte ihr Gewicht, um auf dem Abhang einen besseren Halt zu finden. Der Morgentau hatte die Asche in eine schmierige Rußschicht verwandelt. Die langen Grashalme malten graue Schlieren auf den Saum ihrer Tunika und Beinkleider.
Zum Glück musste sie nur bis zu ihrem Unterschlupf gelangen und würde dort Wechselwäsche und alles andere vorfinden, was sie für das Leben im Wald benötigte. Schon seit einigen Jahren hielt sie dort alles vorrätig, um für einige Tage und Nächte in die köstlich erfrischenden Schatten des Waldes zu tauchen. Immer dann, wenn die Enge, das Licht und die Blicke daheim ihr die Haut von den Knochen zu reiben drohten. Nur ihr Vater hatte den genauen Ort gekannt. Ihr Vater … Gortan würde immer ihr Vater bleiben. Was der unbekannte Larim für sie sein konnte, musste sich erst erweisen. Hoffentlich würde er ihr zumindest zeigen, wie sie ihre Absonderlichkeiten in den Griff bekam.
Unten im Dorf öffnete der Hirte ein Gatter, und die Ziegen drängten sich fröhlich meckernd ins Freie. Selbst auf die Entfernung hörte Elira sie deutlich. Hm, ein Becher warmer Ziegenmilch wäre ein willkommenes Frühstück. Ob Mutter und Schwester nun in der Stube beim Morgentee saßen? Machten sie sich Vorwürfe? Ihre Mutter … Nun, der geschah es recht. Und Kaija … Würde sie nicht insgeheim erleichtert sein, die merkwürdige kleine Schwester los zu sein?
Eine von denen.
Elira verzog das Gesicht. Endlich konnte Kaija ausziehen und mit ihrer Tanaka eine eigene Familie gründen.
Die fahle Morgensonne ließ die Steinfinger auf dem Hügel gegenüber mahnend aufleuchten, bevor Nebelschwaden sie wieder verdeckten. Die Dorfkinder schlichen sich oft bei Anbruch der Nacht als Mutprobe dorthin und berührten die im Kreis aufgerichteten großen Findlinge. Elira hatte die Steine immer als freundlich empfunden.
Der Nebel löste sich langsam auf, und die grellen Spitzen der Sonne bohrten sich durch den Dunst in Eliras Augen. Der Wind hatte gedreht und die ascheschweren Wolken aufgelöst.
Zeit, endgültig Abschied von Tiran zu nehmen, dem Dorf, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Und das ihr dennoch keine Heimat gewesen war.
»Es würde unsere Reise deutlich angenehmer gestalten, wenn du nicht länger darauf bestehen würdest, mich nicht verstehen zu können.« Kim Kima legte den Kopf schief. Die grüne Katze war auf einen verrottenden Strohballen geklettert und blickte Elira auf Augenhöhe an. Schwer zu ignorieren. Das war vermutlich der Sinn der Übung.
Elira seufzte.
»Ist das jetzt ein Ist-gut-Seufzer?«, beharrte die Katze.
»Es ist ein Schlimmer-kann-es-nicht mehr-kommen-Seufzer«, murrte Elira. »Ein Wechselbalg, das mit einer grünen Katze spricht. Das flößt den Leuten sicher Vertrauen ein.«
Kim Kima hatte sie wie selbstverständlich an ihrem offenbar nicht ganz so geheimen Unterschlupf in der alten Scheune erwartet. Mit ihrer lästigen Art hatte die Katze erreicht, was Elira in den letzten Jahren peinlich vermieden hatte: Zuzugeben, dass sie Kim Kima verstand.
In ihrer Kindheit hatte sie sich nichts dabei gedacht. Auch ihre Mutter sprach mit der Katze. Erst als sie älter wurde, hatte sie bemerkt, dass niemand außer ihr Kims altkluge Kommentare vernehmen konnte.
Elira stieg das Blut in die Wangen, und feiner Schweiß perlte auf ihrer Oberlippe. Für einen Moment war sie wieder vier Sommer alt und spielte im Verkaufsraum. Sie plapperte etwas nach, was Kim geäußert hatte. Stille. Empörte Erwachsenenaugen.
»Aber Kim hat gesagt, dass kein Honiggebäck in ganz Aluria dich freundlich machen kann! Und dass Baral dich nur deiner geschickten Finger wegen umwirbt. Geschickt beim Spinnen und anderswo. Nach den kalten Winternächten wird er dich verlassen.«
Die hagere Akula musterte sie mit verkniffenem Mund unter gerunzelten Brauen. Führte die zusammengelegten Finger an die Nasenwurzel. Das Zeichen gegen den Bösen Blick.
Elira fuhr sich über das Gesicht und sah fest in die aufgerissenen Katzenaugen, die ihren eigenen so irritierend ähnelten. »Sag mir nur einen guten Grund, weshalb ich dich mitschleppen sollte.« Sie tappte mit dem Fuß. »Na?«
»Wie wäre es damit: Ich kenne den Weg nach Elemair.« Kims Schnurrhaare vibrierten, als sich ihre Lippen zu etwas verzogen, das einem selbstgefälligen Lächeln verdächtig nahekam.
Elira zögerte. »Und woher?«
»Ich bin dort aufgewachsen. Wollte zwar nie mehr dorthin zurück, aber es ist wohl der naheliegendste Ort, mit der Suche nach deinem Vater zu beginnen.«
Kim war aus Elemair. Das erklärte, warum sie allein die Katze verstehen konnte. Wenn sie wie ihr leiblicher Vater aus dem Reich der Elemenatarai stammte, teilten sie vermutlich magische Wurzeln. Und wenn Kim tatsächlich den Weg kannte, wäre es zweifellos angenehmer, sie zu fragen, als auf die Hinweise Fremder zu vertrauen.
Und trotzdem …
»Wir unterhalten uns nur, wenn wir allein sind. Ich möchte erst einmal vorfühlen, wie die Leute außerhalb auf eine wie mich reagieren – ohne ihnen noch mehr Merkwürdigkeiten auf die Nase zu binden.«
Kim sah sie reglos an.
»Und ich will keine Klagen hören, wenn es nicht jeden Tag Sahne zu schlecken gibt und du mal nass wirst!«, verkündete Elira.
Sie ließ das Tier auf seinem Strohballen zurück und holte die alte kaputte Leiter aus ihrem Versteck. Ohne zu zögern kletterte sie auf den Zwischenboden und hangelte sich dabei über die fehlenden Sprossen hinweg. An dieser Seite des Gebäudes war das Schindeldach noch intakt, und so hatte sie hier vor einigen Jahren einen perfekten trockenen Platz entdeckt. Elira packte ihr Bündel zusammen. Den schilfgrünen Umhang aus grober Wolle warf sie sogleich über; Topf, Essgeschirr und Wasserbehälter landeten in der Decke. An einem Strick von der Dachschräge hingen ihre Nahrungsvorräte, um sie vor hungrigen Nagetieren zu schützen. Elira löste den Knoten, legte ihre kostbare Fracht auf den staubigen Boden und schlug das Tuch zurück. Vor ihr ausgebreitet lagen Beutel mit kostbarem, körnigem Salz, Getreide und getrockneten Früchten und Pilzen, Dörrgemüse sowie aromatischen Teeblättern. Nichts war verdorben. So ein Glück! Sicher kein Festessen, aber es würde den Magen füllen, und um diese Jahreszeit würde sie genug sammeln können, um ihren Speiseplan durch frische Zutaten zu bereichern. Notfalls würde sie für ihr Essen arbeiten. Schließlich war sie eine ausgebildete Bäckerin, konnte gut mit Tieren umgehen und scheute keine anstrengenden Arbeiten – solange sie nicht im Sonnenlicht ausgeführt werden mussten. Sie hatte keine Vorstellung, wie lange sie nach Elemair unterwegs sein würden. Sie musste Kim danach fragen.
Nach kurzem Zögern legte sie auch die Dose mit Zunder, Feuerstahl und -stein auf die Decke.
Sorgsam verschnürte sie alles mit dem Strick in ihrer Decke und schwang sich den so entstandenen einfachen Sack auf den Rücken.
Zwar wäre es vernünftiger, die Abenddämmerung abzuwarten und sich für die bevorstehende Wanderung zu stärken, aber es drängte sie weiter. Nach ihrem einschneidenden Entschluss wollte sie nicht länger in Dorfnähe verweilen.
Sie biss sich auf die Lippe. Würde sie vor dem ersten Frost angekommen sein? Heimgekommen oder …? Ihr Magen zog sich zusammen. Kälte breitete sich in ihrem Körper aus, schien ihre Beine zu lähmen.
Sie in musste Bewegung bleiben, ihren Zweifeln immer einen Schritt voraus. Sie rutschte die Leiter mehr hinab, als dass sie kletterte und fluchte, als sie sich einen Splitter in den Finger riss.
Kim beobachte sie mit großen Augen. Sie hatte sich auf dem Strohballen eingerollt, als erwartete sie, die nächsten Stunden hier zu verbleiben. Elira stolperte an der Katze vorbei und stockte einen Schritt vor der Toröffnung. Die hereinfallende Sonne malte ein helles Rechteck auf den mit Mäusedreck gesprenkelten Boden. Elira verharrte außerhalb des lichten Feldes. Sie würde sich einen breitkrempigen Hut besorgen, aber für den Moment würde es so gehen müssen. Es musste einfach. Sie zog die Kapuze ihres Umhangs so weit wie möglich ins Gesicht, grub die Zähne in die Unterlippe und tat einen großen Schritt in den hellen Morgen.
Die Sonne trieb ihre rot glühenden Strahlen wie Nägel in Eliras Augäpfel. Funken wirbelten in ihrem Blickfeld, und über ihre Wangen rannen Tränen – ein hilfloser Versuch ihrer Augen, sich vor dem grellen Licht zu schützen.
Keinen Moment zu früh verdichtete sich der Wald. Elira war die letzte Strecke fast gerannt. Durch den Tränenschleier stolperte sie auf die tiefsten Baumschatten zu und taumelte ermattet gegen eine Eiche mit breiter Krone. Oh, welch ein Segen!Die kühle Dunkelheit umhüllte sie und legte sich wie eine lindernde Salbe auf ihre brennenden Lider. Der Schmerz pulsierte nun dumpf hinter ihren Augen.
Dieses grässliche Sonnenlicht!
Elira rutschte am Baumstamm herunter, bis sie auf der harten Erde aufkam. Sie barg den gesenkten Kopf in den Händen. Wenn sie sich nicht bewegte, würde der Schmerz irgendwann auf ein erträgliches Maß abklingen.
Viel zu früh schob sich eine feuchte Nase in ihre Hand.
»Kim, lass mich«, protestierte Elira matt.
Die Katze ließ sich nicht vertreiben. »Hier, kau das«, nuschelte sie und hinterließ in Eliras Fingern ein zerdrücktes Kraut.
Na lecker!
»Das lindert den Schmerz. Nicht das beste Mittel, aber etwas Besseres habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Jetzt nimm schon!«
Schlimmer konnte es kaum werden, und Kim zum Schweigen zu bringen, wäre eine leichte Vergiftung wert. Elira hob die klägliche Pflanze an den Mund und öffnete den vor Schmerz verkrampften Kiefer. Zögerlich biss sie auf die labberigen Stengel. Eine frische Schärfe breitete sich in ihrem Mund aus und prickelte auf der Zunge. Bis sie sie nicht mehr fühlte. Lallend brachte sie hervor: »Bei Alda, waf'n daf für'n Zeug?«
»Den Namen der Menschen dafür kenne ich nicht.« Kim setzte sich vor sie und putzte sich in aller Seelenruhe die Pfoten. »Wir Katzen sind nicht so zimperlich wie ihr Sterbliche, aber in seltenen Fällen, ist es doch nützlich, die Sinne zu betäuben. Als meine zweite Tante mütterlicherseits ihren Wurf zur Welt brachte, lag ein Kleines quer, ich glaube es war Tima …«
»Fon gut, vergiff, daff ich gefragt habe«, lallte Elira.
Nach einer unbestimmten Zeit bewegte Elira versuchsweise den Kopf, und als der Schmerz erträglich blieb, stemmte sie sich hoch. Leicht wankend machte sie die ersten Schritte und nickte Kim zu. Es konnte weitergehen. Das Buchenlaub des Vorjahres raschelte unter ihren Füßen. Kim dagegen bewegte sich lautlos. Sie mieden den großen Weg nach Aldana, der Hauptstadt, hielten aber auf verschlungenen Pfaden auf die Alda zu, den Fluss, dem sie fortan Richtung Westen folgen würden. Irgendwo dort, wo die Sonne sich von der Hitze des Tages erholte, erstreckten sich die lichten Wälder von Elemair. So viel wusste jedes Kind.
Um die Mittagszeit meldete sich nicht nur Eliras Magen, sondern auch die Erschöpfung. Sie setzte sich vor einen Haselstrauch, an dem die noch grünen Nüsse hingen, kramte eine Handvoll Trockenobst aus ihrem Gepäck und kaute darauf herum. Ihr Mund produzierte kaum genug Speichel, um die zähen Früchte herunterzuwürgen: Sie musste unbedingt bald Wasser finden.
»Und was ist mit mir?«, kam es von Kim Kima. Die Katze war die letzten Stunden vorausgelaufen oder auf Bäume geklettert und schien zufrieden zu sein, durch den Mischwald zu streifen. Nun beäugte sie Elira mit schräg gelegtem Kopf.
Diese seufzte. »Ach Kim, ich kann jetzt keinen Brei kochen und Milch habe ich auch keine. Kannst du nicht, ich weiß auch nicht …?«
»Schon gut, ich habe dort vorne ein paar Beeren gesehen, die tun es fürs Erste.«
Kim sprach noch weiter, doch Elira hörte nur noch ein Murmeln. Das Laub auf dem Boden wird mich schon wecken, wenn sich jemand nähert, dachte sie noch, da fielen ihr schon die geschwollenen Augen zu.
Eine Drossel zwitscherte Elira aus dem Schlaf. Sie blinzelte. Der Vogel saß in den Zweigen des Busches, und aus dem fröhlichen Lied wurde ein keckernder Warnlaut. Die Drossel flatterte davon, und Kim trat durch die Zweige.
»Na, ausgeschlafen?«
Elira lächelte ihr zu. Das sanfte Licht des späten Nachmittags, das noch hie und da Lichtinseln auf die Blätter tupfte, barg keinen Schrecken mehr für sie. Die schlimmste Zeit des Tages war überstanden.
»Frisch und bereit.« Das war etwas übertrieben. Die Zunge klebte ihr pelzig am Gaumen. Aber wenn sie einen guten Schluck Wasser trinken könnte, ginge es ihr sicher besser, und sie könnte weiter marschieren. Weiter weg von ihrem Dorf, weg von Mutter und Schwester. Weg von den Lügen und der Angst. Wie aber würde ihr neues Leben und die Begegnung mit Larim aussehen? Elira rollte sich rasch aus der Senke. Darüber würde sie nachdenken, wenn es so weit war.
Nachdrücklicher als nötig klopfte sie ihre Kleider ab und betastete ihren Kopf. Der Schmerz war vollständig abgeklungen, nur eine gewisse Dumpfheit war geblieben, vermutlich eine Nebenwirkung von Kims Wunderkraut. Sie würde sich jedenfalls nicht beklagen und vor Kim als undankbare, wehleidige Sterbliche dastehen. »Als erstes brauchen wir einen Bach oder eine Quelle – du hast nicht zufällig etwas entdeckt?« Elira gab ihrer Stimme einen möglichst unbeschwerten Klang.
»Gibt es dann auch Brei?«, fragte Kim.
»Ich wollte damit eigentlich bis zum Nachtlager warten, aber meinetwegen.« Eine Schale Brei klang tatsächlich wunderbar. »Heißt das, du weißt, wo wir Wasser finden?« Die Katze erwies sich als immer nützlichere Begleiterin.
»Vertrau auf meine Nase!« Kim wies auf ihr hochgerecktes Näschen und sprang voran.
Elira schwang sich ihr Bündel auf den Rücken und folgte der Katze.
Nach weniger als einer halben Stunde vernahm Elira ein Plätschern und beschleunigte ihren Schritt. Auf vorherigen Streifzügen war sie immer in die entgegengesetzte Richtung vom Dorf gelaufen, fern von den anderen Ansiedlungen auf dem Weg in die Hauptstadt, deshalb kannte sie diese Gegend nicht.
Ein munterer kleiner Bach hüpfte über sein Kiesbett. Elira kniete sich an seinen Rand, ließ das Bündel von der Schulter gleiten und beugte sich vor. Mit beiden Händen formte sie eine Schale und trank in vollen Zügen. Nie hatte Wasser köstlicher geschmeckt! Dann steckte sie den Kopf ins eiskalte Nass und wusch Benommenheit und Zweifel fort. Als sie das Gesicht wieder hob und das Haar schüttelte, fauchte Kim. Elira hatte ihr ungewollt eine Dusche verpasst.
»Vergib mir, Kim«, sagte Elira sogleich, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen. Kim sah einfach zu albern aus mit dem gesträubten Fell.
»Ja, lach du nur!«
Und da lachte Elira tatsächlich. Es brach einfach aus ihr heraus, rau und hicksend. Zum ersten Mal seit der zehrenden Krankheit, der ihr Vater schließlich erlegen war, zum ersten Mal seit dem Geständnis ihrer Mutter, das ihr ganzes bisheriges Leben und ihre Zukunft infrage stellte, zum ersten Mal seit all dem gluckste Elira, bis ihr die Seiten schmerzten. Sie war unterwegs. Was auch immer sie an ihrem Ziel finden würde, sie hatte die bedrückende Sicherheit ihrer Heimstatt verlassen. Das Lachen löste die Enge in ihrer Brust. Elira wischte sich über das Gesicht, kraulte Kim beruhigend hinter den Ohren und zurrte ihr eigenes tropfnasses Haar wieder in die Spange.
Anschließend entfachte sie ein kleines Feuer, das ihr trotz feuchter Finger und wahllos zusammengeklaubter Zweige wie immer mühelos gelang. Sie platzierte den Topf mit frischem Wasser auf einigen größeren Steinen in den Flammen und warf dann zwei Hände voll Getreide hinein. Dazu gab sie zerkleinertes Dörrobst für die Süße. Als das Korn gequollen war, schöpfte sie die Mischung in eine Schale und stellte sie Kim hin. Sie selbst aß direkt aus dem Topf. Satt und zufrieden ruhten die beiden sich aus. Nach einer Weile rappelte sich Elira auf, füllte den Wasserbehälter, trank noch einmal und erleichterte sich in den Büschen. Der Abend dämmerte heran, ihre liebste Zeit, und bis sie ihr Nachtlager aufschlugen, wollte sie noch einige Meilen zwischen sich und ihr Heimatdorf bringen.
»Lass uns noch eine Strecke gehen, Kim.« Elira musterte die Katze unauffällig. »Was meinst du, kommen wir bei dieser Geschwindigkeit vor dem Herbstmond nach Elemair?«
Kim, die gerade ihr Fell putzte, blickte auf. »In Elemair hat die Jahreszeit keine Bedeutung.« Sie glättete ihren buschigen Schwanz. »Die Zeit fließt dort irgendwie anders.« Sie blinzelte Elira zu. »Wenn du aber wissen möchtest, wie weit es ist …?« Sie wies auf die Bäume. »Den Medori-Wald lassen wir in wenigen Tagen hinter uns und halten uns dann mindestens einen Wochenlauf an die Alda. Entlang des Flusses ist nicht der direkteste, wohl aber der bequemste Weg nach Westen«, sie sah skeptisch auf Eliras Füße, »für Zweibeiner.«
Elira wollte widersprechen, doch Kim hatte vermutlich recht.
Diese fuhr mit ihrer Wegbeschreibung fort: »Wir folgen der Alda bis in ihr Quellgebiet, die Angrâ-Sümpfe. Dann müssen wir nur noch die Lava-Ebenen von Fatūn überqueren und sind so gut wie an den Nebeltoren.«
Eliras Besorgnis musste sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet haben, denn die Katze grinste.
»Keine Sorge, die Lava ist längst erkaltet.« Ihre Ohren zuckten. »Wobei, diese Aschewolken … Aber das soll nicht unsere Sorge sein.« Sie schien mit dem Ergebnis ihrer Fellpflege zufrieden und sprang wieder voraus.
Elira hätte gerne noch mehr erfahren. Sümpfe und Lavaebenen, das klang nach … Abenteuer. Es hatte schließlich seine Gründe, dass niemand, den sie kannte, jemals in Elemair gewesen war. Nun, die erste Etappe zum Quellgebiet der Alda klang machbar.
Die nächsten Stunden kamen sie gut voran, bis Elira sich zum dritten Mal innerhalb von weniger Minuten die Zehen an einer Wurzel stieß.
»mesachut!«,fluchte sie. Verdammt. Auch, wenn ihr Vater von ihrer Nachtsicht beeindruckt gewesen war, musste sie sich eingestehen, dass sie, anders als Kim Kima, ihre Grenze erreicht hatte.
Ihr Vater.
Der nicht ihr richtiger Vater gewesen war und genau gewusst haben musste, dass sie ihre empfindsamen Augen ihrem nichtmenschlichen Erbe zu verdanken hatte. Der Verrat schmerzte wie eine frische Wunde, und sie schob ihn in die hinterste Ecke ihres Kopfes zu all den anderen Verletzungen und Lügen der Vergangenheit. Sie würde ihn zu einem späteren Zeitpunkt hervorholen und von allen Seiten betrachten. Im Moment galt es, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen. Jetzt brauchte sie ein trockenes Versteck für die dunkelsten Stunden, ein Feuer und einen Becher warmen Tee.
»Kim, wir machen für heute Halt. Was hältst du von der Fichte dort?«
Kim beäugte kritisch den Baum, auf den Elira gewiesen hatte. Die Zweige hingen tief, und der Nadelteppich versprach ein weiches, steinfreies Polster.
»Sieht ziemlich pieksig aus. Du ziehst nicht vielleicht in Betracht, oben auf den Ästen …? Nein, wohl kaum.« Die Katze sah sie an, als halte sie sie für unfähig, auf einen Ast zu klettern oder sich darauf zu halten. Dabei hatte Elira trotz schmaler Gestalt gut entwickelte Armmuskeln vom Teigrollen in der Backstube.
Elira hatte jedoch nicht vor, in luftiger Höhe zu nächtigen, daher berichtigte sie Kim Kima nicht.
Sie lehnte noch einige zusätzliche Zweige und Stöcke gegen den Baumstamm, bis sie mit der Dichte zufrieden war. Vor Regen würde es sie nicht lange schützen, aber der Himmel war klar und versprach eine trockene Nacht. Die ersten Sterne funkelten durch das Blätterdach. Noch waren es die aprikotfarbenen Sterne des Frühjahres. Würden sie ihr Ziel erreichen, bevor die Wintersterne in ihrem blauen Glanz erstrahlten?
Kim Kima schaffte trockene kleine Zweige herbei, und in sicherer Entfernung zu ihrem Unterschlupf errichteten sie ein Lagerfeuer. Immer wieder funkte es, wenn die Kiefernnadeln in den Flammen zerbarsten und ihren ätherischen Duft verströmten. Mit der Kühle des Abends stieg ein leicht modriger, pilziger Geruch aus dem feuchten Boden auf, nicht unangenehm, sondern heimelig, als schließe die Erde selbst sie in ihre Arme.
Elira nippte an ihrem Abendtee, und Kim Kima rollte sich behaglich an ihrer Seite zusammen. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie Milch und Käse für ihre kleine Gefährtin besorgen. Kim Kima hatte nur an dem Tee geschnüffelt, die Nase gerümpft und sich ohne Klage zur Ruhe begeben.
Elira bedeckte das niedergebrannte Feuer mit Sand und kroch auf ihr Lager unter den Ästen. Kurz darauf schmiegte sich ein warmer pelziger Körper an ihre Wange. Lächelnd schlief sie ein.
Rootfels, westliches Skurra-Gebirge
Xenia hütete die Schafe, als sie die Rufe hörte. Die Abenddämmerung verschluckte die Reste des grauen Lichtes, das seit Wochen die Tagesstunden markierte.
Sorgfältig rollte sie das Schriftstück zusammen, das sie gerade mit angestrengten Augen studiert hatte, und packte es in ihre Tasche. Besuch war immer etwas Besonderes im abgelegenen Dorf, aber als Dari war es ihr wichtig, unter keinen Umständen einen Text zu zerknicken.
Die Hörner bliesen einen einzelnen langen Ton, und Xenia erhob sich, um sich zum Festplatz aufzumachen.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass eines der Schafe, die missmutig an den verschmutzten Halmen kauten, Rufe und Hörner überhört haben könnte, stampfte sie dreimal mit ihrem Stab auf den aschebedeckten Boden. Doch natürlich trieb Schuuri, das Leitschaf, längst meckernd ihre große Familie zusammen. Die kleinen Hufe wirbelten den Aschestaub auf.
Als Xenia mitsamt den Schafen den Platz erreichte, hatte sich schon eine große Menge versammelt. Die Anspannung war fast mit den Händen zu greifen. Ob die Neuankömmlinge Nachricht über die Ascheplage brachten? In ihrer umfangreichen Bibliothek hatten sie nichts gefunden, und obwohl Xenia noch immer die unwahrscheinlichsten Texte nach Hinweisen durchforstete, war sie bereit, jede Unterstützung von außerhalb anzunehmen. Jeden Tag füllte sie weniger Eimer mit zunehmend grauer Schafsmilch.
»Die Alten«, wisperte die Menge.
Xenia reckte sich auf den Zehenspitzen, sah aber nichts. Oder doch? War das wehendes grünes Haar? Sie musste unbedingt näher heran! Xenia biss sich auf die Lippen, und sie spürte ein Ziehen in ihrem Bauch. Nach all den Ernteopfern hatten die Elementarai die Bitten der Dari erhört! Seit Generationen hatte niemand sie mehr gesehen, und nun wurde sie, Xenia da Rootfels, Zeugin eines Ereignisses, das Eingang in die Chroniken der Dari finden würde!
Was würden die Elementarai verkünden? Mit ihrer Macht über die Elemente konnten sie Rettung und Strafe zugleich bringen. Bisher waren sie immer weise und gerecht gewesen. Niemand hier hatte ein Tabu gebrochen, ein Tier gequält oder Holz von jungen Bäumen geschlagen.
Wir haben nichts zu befürchten.
Sicher würden die Alten die Ascheplage von ihren Wiesen wehen. Xenia lächelte.
Ein freier Gang bildete sich in dem Gedränge neben ihr. Tula, die Älteste des Dorfes, humpelte langsam in die Mitte des Platzes, um den Besuchern die Ehre zu erweisen, und Xenia drängelte sich entgegen der Proteste der Menge zu ihr durch. Es verschlug ihr den Atem. Wie Gestalten aus halbvergessenen Sagen stolzierten vier grünhaarige Elementarai über die freie Fläche im Zentrum. Die drei Männer hatten kürzere Haare, doch die Frau wurde von einer wogenden grünen Wolke umspielt, die sich ganz ohne Wind bewegte. Ihre Mähne leuchtete in der Dämmerung und wurde nur von den katzenhaft glühenden Augen in ihrem blassen Gesicht überstrahlt. Kurz fing Xenia ihren lodernden Blick ein. Diesen Moment würde sie nie vergessen. Noch ihren Kindern und Kindeskindern wollte sie davon berichten. Vielleicht würde sie die Elementarai in ihrer Erzählung mit beeindruckenderen Roben ausstatten, denn tatsächlich trugen sie recht einfache Gewänder, die sich kaum von ihrer eigenen Alltagskleidung unterschieden. Auch ihre Haarpracht würde sie in noch leuchtenderen Farben malen, wie es seit jeher das Privileg der Geschichtenerzählerin war.
»Abseem«, grüßte die Dorfälteste, und Xenia wurde durch Tulas Stimme zurück in die Gegenwart gerissen. Tula wollte fortfahren, doch die katzenäugige Frau fiel ihr ins Wort.
»Ein nettes kleines Dorf habt ihr hier.« Sie hob die Arme. »Packt eure Sachen und verschwindet.«
Elira und Kim Kima hatten in den letzten Tagen einen Rhythmus entwickelt: Sie nutzten die Dämmerstunden für ihr Vorankommen. Sobald Elira genug erkennen konnte, machten sie sich auf den Weg. Wenn die Sonnenstrahlen ihren Weg durch das Blätterdach fanden, schlugen sie ihr Lager auf und erwarteten die frühen Abendstunden, um ihren Weg fortzusetzen, bis die Dunkelheit undurchdringlich für Eliras Augen wurde.
Kim Kima hatte gegen diesen Tagesablauf nichts einzuwenden. Allerdings döste sie mittags lieber an einem sonnigen Fleckchen und nicht im Schatten. Mit ihrer feinen Nase spürte sie essbare Wurzeln und Beeren auf, so dass sie ihren Speiseplan rasch um herzhafte Eintöpfe erweiterten. Das nötige Eiweiß lieferten die getrockneten Pilze aus Eliras Vorräten.
Von Elira aus hätte es bis Elemair immer so weiter gehen können. Mit jedem Tag spürte sie, wie die langen Märsche ihren Körper kräftigten, und er geschmeidiger wurde, wenn sie über bemooste Baumstämme balancierte. Ihre Sinne sogen die Klänge und üppigen Düfte des Waldes auf, anstatt von grellem Licht und menschlicher Fröhlichkeit gepeinigt zu werden.
Als sie aber die letzten Tropfen aus ihrer Kalebasse in die Schale goss, und Kim Kima den Kopf schüttelte, ließ sich das Unvermeidliche nicht länger aufschieben.
Nach vier Tagen und Nächten in Kims Gesellschaft würde Elira sich heute wieder unter Menschen mischen müssen. Ihr Mund wurde trocken und das nicht vor Durst.
Der Geruch von Holzfeuern und die Stimmen des Dorfvolkes auf den Feldern hatten ihnen die Richtung gewiesen. Sie waren von ihrem direkten Weg nach Westen abgewichen, um die Siedlung aufzusuchen. Das Dorf ähnelte Eliras Heimatort. Zwei Dutzend stroh- oder schindelgedeckte Hütten aus Stein und Lehm drängten sich um einen Dorfplatz mit Brunnen. An einem größeren Gebäude nahe dem Brunnen im Dorfzentrum hing ein großer Kupferkessel, vermutlich handelte es sich um ein Gasthaus.
Deutlich auszumachen durch das Pling-Pling von Metall auf Metall, das durch den diesigen Spätnachmittag schallte, befand sich etwas ausgelagert die Schmiedewerkstatt. Elira fühlte das vertraute Ziehen, Sehnsucht und Widerstreben zugleich, das ihr eine Gänsehaut verursachte. Ihr Blut pulsierte im Einklang mit der Glut in der Esse.
Sie schüttelte sich und nahm die weitere Umgebung in sich auf. An den Hängen weideten Schafe, Ziegen und einige wenige Kühe. Menschen waren nur noch vereinzelt zu sehen, die meisten bereiteten vermutlich in ihren Stuben die Abendmahlzeit zu. Auf der flacheren Südseite des Dorfes erstreckten sich die Felder. Auf den meisten stand mattgoldener Hafer. Weizen, wie ihn Eliras Familie für die feinen, hellen Backwaren verwendete, sah sie nicht. Elira leckte sich unwillkürlich die Lippen. Dieser Luxus war ihr Leben lang eine Selbstverständlichkeit gewesen, die sie nun, nach Tagen mit Haferbrei und pappigen Brotfladen, schmerzlich vermisste. Allerdings hatten sie nicht ihre kulinarischen Sehnsüchte in diese Ansiedlung geführt, sondern pure Not. Sie mussten dringend ihre Wasservorräte auffüllen.
Sie rückte den Riemen ihres Bündels zurecht und nickte Kim zu. »Ich hoffe, es dauert nicht zu lange. Aber das Gastmahl werde ich nicht ausschlagen.« Tröstend ergänzte sie: »Falls es Käse gibt, bringe ich dir etwas mit, ja?«
»Käse wäre fein. Hier, nimm das.« Kim wies auf ihren Brustbeutel. »Dann kannst du noch mehr Proviant erstehen.«
Neugierig trat Elira heran und ließ eine Hand in den Beutel gleiten.
»Du hast Münzen dabei?« Wo hatte die Katze Geld her? Elira runzelte die Stirn.
»Deine Mutter gab sie mir. Dein eigener Aufbruch war ja etwas, sagen wir, überstürzt.«
Elira schluckte. »Oh, tat sie das?« Warum hatte Kim nie erwähnt, dass ihre Mutter sie geschickt hatte? Und wie kam es, dass diese so großes Vertrauen in Kim setzte?
»Ich weiß, was du jetzt denkst.« Kim legte den Kopf schief. »Aber ich wäre dir so oder so gefolgt.«
Elira wollte ihr schon den Nacken kraulen, da setzte Kim hinzu: »Gib nicht alles auf einmal aus. Wichtig sind Käse, Milch und ein Krug Sahne.«
Elira verdrehte die Augen und machte sich mit den klimpernden Münzen in der Tasche auf den Weg. Immerhin hatte Kim ihr ein wenig Nervosität genommen.
Nun, da sie unter dem Blätterdach hervorgetreten war, stieß sie wieder auf den feinen Aschestaub, vor dem sie auf ihrer Wanderung durch den Wald bisher abgeschirmt gewesen war. Die Bauern mussten auf eine reinigende Brise hoffen, damit die Feldfrüchte reifen konnten.
Als sie näher kam, kläfften die Hunde und schreckten einige Kinder auf, die vor den Hütten spielten.
Erwachsene steckten die Köpfe aus den Türen. Elira setzte ihre freundlichste Miene auf, nickte nach rechts und links und näherte sich dem Dorfplatz. Am Brunnen hielt sie sich trotz ihres Durstes zurück. Die Höflichkeit gebot es, auf eine Einladung von einer der Dorfältesten zu warten, bevor sie sich mit Wasser versorgte. Dass diese Einladung erfolgen würde, war keine Frage. Gastfreundschaft war eine geheiligte Tradition in ihrer Gegend.
Tatsächlich dauerte es nicht lange, und eine alte Frau in einer bodenlangen blauen Tunika kam auf sie zu gehumpelt. Ihr weißes Haar hing ihr im schweren Matronenzopf über den Rücken, und ihr Gesicht war von Jahrzehnten des Freuds und Leids gefurcht. Ihre Augen glänzten wie klare Bergseen.
Elira ließ die Musterung über sich ergehen und stellte mit Erleichterung fest, dass die Frau ob ihrer fremdartigen Züge keine Anzeichen von Missfallen zeigte. Langsam atmete sie aus und strich über ihre eigene schlicht weiße Tunika. Kostbare leuchtende Farben, wie das aus seltenen Steinen gewonnene Blau, waren den Dorfältesten und anderen Personen von Status vorbehalten.
»Abseem, Reisende, in unserem schönen Dorf Lunis«, hieß die Frau Elira willkommen. »Ich bin Reena. Mach dich frisch und stärke dich bei einem Willkommensessen mit mir im Gasthaus.«
Sie wies auf das Gebäude mit dem Kessel, das Elira schon entdeckt hatte.
»Tek, Matara«, bedankte sich Elira mit der ehrenden Anrede für alte Frauen.
Auf einen Wink von Reena brachte ein großäugiger Junge ein grob gewebtes Tuch und eine Tonschale.
Dankbar nahm Elira beides an, schöpfte Wasser aus dem Brunnen und wusch sich Gesicht und Hände. Sie nahm einen langen Schluck von dem herrlich kühlen Wasser und schmeckte Lehm und eine leicht seifige Note. Wasser hatte an jedem Ort sein eigenes Aroma, das kannte sie von ihren Streifzügen. Der eigenartig laugige Geschmack jedoch war erst dazu gekommen, seit die Asche begonnen hatte, vom Himmel zu fallen. Elira füllte trotzdem dankbar ihren Wasserbehälter und folgte dann Reena ins Gasthaus.
Nicht wenige der Dörflerinnen und Dörfler schlossen sich ihnen an. Die Sitte der Reisendenspeisung schadete den Gastwirtschaften keineswegs, lockten Fremde doch unweigerlich auch neugierige zahlende Gäste an.
Als Elira durch das schwere Tuch eintrat, das Reena aufhielt, prallte sie gegen eine Mauer von Met- und Rübendunst. Zweifellos war Rübeneintopf das heutige Tagesgericht.
Nachdem ihre empfindliche Nase sich etwas von dem Geruchsansturm erholt hatte, konnte sie auch die darunter liegenden Aromen unterscheiden: Den Duft der Bienenwachskerzen und des frischen Strohs, das den Boden bedeckte, und ebenso intensiv, aber deutlich weniger frisch, der Schweiß der menschlichen Körper, die sich hier zusammendrängten.
Elira folgte Reena zu einem der langen Tische und nahm auf der robust gezimmerten Bank Platz, wo die Gäste sogleich zusammenrückten. Die Besucherinnen und Besucher der Wirtschaft löffelten ihren Eintopf oder nippten an klobigen Humpen aus gebranntem Ton, in denen goldener Apfelmet glänzte.
Auch für Reena und Elira brachte ein dürrer Junge solche Humpen, dazu dampfende Schalen, bis zum Rand gefüllt mit Rübenstücken, Lauch und gegarten Getreidekörnern.
Elira wartete, bis Reena einen kurzen Dank an die Erntegottheit gesprochen hatte und griff dann nach ihrem Löffel. Der erste Bissen trieb ihr die Tränen in die Augen. Die Köchin oder der Koch hatten nicht an Waldwürz gespart, und auch der großzügige Gebrauch von Kleesamen verlieh dem Gericht eine ungewohnte Schärfe. Ungewohnt, aber schmackhaft. Dasselbe ließ sich leider nicht über den Kanten Brot sagen, der zu dem Eintopf gereicht wurde. Das graue Backwerk war außen hart und innen matschig. Hatten sie hier noch nichts von Hefe oder gar Sauerteig gehört, der die Backwaren so wunderbar locker aufgehen ließ? Elira bemühte sich, ihren Widerwillen zu verbergen und brockte die Brotscheibe in den Eintopf. So ließ sich die Beleidigung für Gaumen und Zähne ertragen.
Als ihr erster Hunger gestillt war, nahm Elira einen Schluck von ihrem Most und blickte sich um. Ihr gegenüber saß eine junge Familie. Die Eltern unterhielten sich, während ihr Kleinkind sabbernd auf einem Brotkanten kaute. Daneben träumte ein älterer Mann mit Zottelbart in seinen Humpen. Auch die anderen Bänke waren inzwischen voll besetzt mit Familien und jungen, wie alten Leuten. Auf dem Boden spielte ein halbes Dutzend Kinder, die zwischen drei und fünf Sommer alt sein mochten, mit bunten Tonkügelchen. Einige neugierige Augenpaare erwiderten Eliras Blick, trotzdem hielten sich alle zurück, bis Elira und Reena ihr Essen verzehrt hatten.
Nun schob Reena ihre Schale zurück, wischte sich den Mund ab und sprach Elira mit lauter Stimme an, sodass die meisten mithören konnten: »Jetzt sag mir, woher kommst du, mein Kind? Aus welcher Familie stammst du, und was gibt es Neues zu berichten?«
Elira war auf diese Fragen vorbereitet und antwortete mit ebenso klarer Stimme: »Ich bin Elira T'ar Mena aus Tiran, vier gute Tagesmärsche von hier. Die Ernte geht voran, auch wenn uns die Asche etwas zu schaffen macht.«
Zustimmendes Murmeln.
»Nun, spätestens nach den Herbststürmen wird sich das geben«, wiederholte Reena die auch in Eliras Dorf verbreitete Auffassung. »Tiran, ja? Ein anständiges Dorf. Lebt die alte Nirva noch?«
Elira lächelte. »Sie lebt und erfreut sich bester Gesundheit sowie ihrer zahlreichen Enkel und Urenkel.« Davon hatte die Matriarchin tatsächlich einige. »Nur ihre Augen wollen nicht mehr so ganz.«
»Hm, ja, schwindendes Augenlicht, der Fluch des Alters.« Reena blickte einen Moment ins Nichts und wandte sich dann wieder Elira zu. »Und du, mein Kind? Bist wohl auf deiner Gesellinnenwanderung?«
»Meiner Familie gehört die Bäckerei«, setzte Elira an und sagte damit die Wahrheit. Auch wenn sie Reenas falsche Vermutung damit bestärkte, als frisch ausgebildete Bäckerin durch die Lande zu reisen, um regionale Backwerke kennenzulernen.
»Ah, die saftigen Apfelrollen! Und die Nusshörnchen! Das ist also eure Bäckerei?« Rena leckte sich die runzeligen Lippen, und Elira nickte. »Du hast nicht zufällig welche …? Nein, wohl kaum. Du bist ja schon seit Tagen unterwegs.« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Na, die Bäckereien, wo du deine Lehrzeiten verbringst, können sich glücklich schätzen.« Sie ließ ihren Blick durch den Gastraum schweifen. »Und wie laufen in Tiran die Vorbereitungen zum Erntemondfest? Wie sieht es denn aus mit den geplanten Verpartnerungen? Wir hätten hier ein paar heiratswillige junge Leute, die wohl den Weg nicht scheuen würden.« Sie zwinkerte in Richtung eines Tisches mit jungen Frauen und Männern, die sich anstießen und mit geröteten Wangen überall hinschauten, nur nicht zu Reena. »Oder warum so lange warten? Wann habt ihr noch euren Markttag? War es nicht immer der dritte Tag nach Vollmond?«
Elira nickte wieder.
»Vielleicht kommt ja zufällig eine Gruppe vom Jungvolk aus unserem Dorf mit einem Karren Lageräpfel und Pamikfrüchten vorbei. Unser Ertrag war gut im Vorjahr.«
Wie um diese Bemerkung zu unterstreichen, stellte in diesem Moment die Wirtin einen Korb mit den gelbschaligen Früchten vor den beiden Frauen auf den Tisch.
Eine Weile fragte Reena Elira noch über Geburten und Todesfälle aus und versuchte, ihr Backrezepte zu entlocken. Dann kam aber eine Frau in die Gaststube geeilt und erzählte keuchend von den einsetzenden Wehen ihrer Schwester. Reena verabschiedete sich hastig und folgte der Frau erstaunlich flink für ihr fortgeschrittenes Alter.
Elira blieb nicht lange allein. Von dem Tisch der unverpartnerten jungen Leute näherte sich ein dunkelhaariger Mann mit kantigen Gesichtszügen und Lachfältchen um die Augen.
»Karon T'or Bera mein Name. Möchtest du dich vielleicht zu uns setzen und uns noch ein wenig mehr erzählen?« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Oder nur mit uns trinken? Die erste Runde geht auf mich.« Erwartungsvoll blickte er sie an.
Elira zögerte nur kurz. Was konnte es schaden? Alle hier schienen freundlich zu sein, und es konnte zur Abwechslung einmal ganz nett sein, sich mit Menschen, statt einer altklugen Katze zu unterhalten.
Sie stand auf, folgte Karon an seinen Tisch und quetschte sich dazu. Sogleich wurde sie mit Fragen bestürmt.
»Was meinst du, wirst du bis nach Aldana kommen?« Die junge Frau, die Elira gegenübersaß, neigte sich vor. Ihre sonnenverbrannte Haut und ihre braune Tunika zeigten, dass sie auf den Feldern arbeitete. Als Bäuerin würde sie die Hauptstadt, die sich viele Tagesmärsche im Südwesten befand, vermutlich nie zu Gesicht bekommen.
Elira mochte Elemair nur ungern als ihr Ziel verraten. »Ich werde mich jedenfalls Richtung Westen halten. Über weite Strecken an der Alda entlang, denn am Fluss reist es sich gut. Ob ich Aldana betrete, wird sich erweisen.«
»Ach, das solltest du unbedingt tun!«, mischte sich die Frau neben der ersten Sprecherin ein. Sie sah ihrer Sitznachbarin so ähnlich, dass sie Schwestern sein könnten. »Aldanas Blumenbrücken müssen zauberhaft anzusehen sein.« Schwärmerisch blickte sie an die Decke und sah sicherlich nicht die rußgeschwärzten Balken vor sich. »Und der große Markt am Hafen … Jeden Tag stehen dort Stände mit Waren aus ganz Aluria und …«
»… und die Latrinen und die Felder nicht zu vergessen!«, fiel ihr ein junger Mann mit roten Zöpfen lachend ins Wort. »In Aldana ist alles viel wunderbarer als sonst irgendwo.« Er grinste und verlor seine gute Laune auch nicht, als die Frau ihn an den Zöpfen zog.
Die Unterhaltung plätscherte dahin wie der Met in Eliras Becher, der wie von Zauberhand immer wieder nachgefüllt wurde. Sie fühlte sich warm und leicht. Schon vor Jahren hätte sie in ein anderes Dorf ziehen sollen!
Lara, eine der vermeintlichen Bauernschwestern, machte eine Bemerkung, worauf die anderen lachten, und Elira stimmte mit ein, obwohl sie sie nicht verstanden hatte.
Karon steckte ihr einen Schnitz der Pamikfrucht in den Mund. Elira kaute automatisch, rückte jedoch etwas ab. Sie schaute zu den anderen am Tisch. Niemand schien Karons Verhalten merkwürdig zu finden.
Er neigte sich ihr zu, und sein warmer Atem streifte ihr Gesicht. »Du hast so leuchtende Augen – und dieses Haar …« Er rieb eine Strähne zwischen seinen Fingern. »So eine ungewöhnliche Farbe. Sieht man nicht oft hier, aber gehört hab ich natürlich so einiges …«
Eliras Lächeln gefror auf ihren Lippen.
»Stimmt es eigentlich, dass ihr Grünlinge zu jedem vollen Mond Orgien feiert, bei denen jeder mit jedem – du weißt schon?« Karon schien Eliras Unbehagen nicht zu bemerken, oder es kümmerte ihn nicht.
Wie hatte sie seine Augen zuvor als freundlich empfinden können? Stumpf und lüstern wirkten sie jetzt.
Elira entzog ihm mit einem Ruck die Strähne ihres Haares.
Karon grinste nur träge und hob wieder die Hand.
Es zischte, und Brandgeruch erfüllte die Luft. Eliras Finger prickelten. Sie glühten wie frische Kohle. Eine Hand war abwehrend auf Karon gerichtet, mit der anderen klammerte sie sich an die Tischplatte. Sie war aufgesprungen und stand zitternd da. Ihr Haar wehte um sie herum. Die Spange hatte sich gelöst, und jetzt glühte es und sprühte Funken wie ein frischer Kiefernzweig im Kamin.
Es polterte, und die Bank fiel um. Karon starrte mit aufgerissenen Augen, in denen das Weiße zu sehen war, vom Boden zu ihr herauf. Seine Augenbrauen waren versengt, und rote Brandblasen bedeckten seine linke Wange.
Die Köpfe sämtlicher Gäste drehten sich zu Elira. Jedes Gespräch war verstummt, selbst die Kinder waren ganz still.
Die Hitze ballte sich erneut in Elira zusammen, drängte zur Oberfläche. Nein, sie musste das beenden. Sofort. Sie schloss die Augen, versuchte sich mit aller Kraft auf ihre Füße zu besinnen, den festen Boden, auf dem sie stand. Auf alles, nur nicht die Gefühle, die in ihr kochten. Die Glut, die in ihrem Bauch brodelte und mit gierigen Flammenzungen in ihr aufwallen wollte.
Atmen.
Den Boden spüren.
Ruhige Kühle.
Wo war nur …? Mit zitternden Händen tastete Elira nach ihrem Becher. Presste das kühle Tongefäß an ihre Wangen.
»Was geht hier vor?«, donnerte eine Stimme durch den Raum.
Elira riss die Augen auf.
Reena hatte den Vorhang zurückgeschlagen, und ihre Augen sendeten eisige Blitze durch den Raum, schossen von Elira zu Karon, der sich ungeschickt aufrappelte.
»Karon, was hast du wieder angerichtet?«
Karon? Elira blickte Reena verwirrt an. Sah sie denn nicht die Brandflecken, die Elira anklagten? Und wenn nicht Reena, dann würde gewiss Karon …
Doch Karon schlug die Augen nieder. Ein stummes Eingeständnis.
Reena kam an ihren Tisch gehumpelt.
»Hast du unseren Gast bedrängt? Du beschämst deine Familie und unser Dorf, scheinst selbst aber kaum noch Scham zu kennen. Worauf wartest du noch?!«, fuhr sie Karon an, der auf dem Boden immer mehr zusammensank. »Verschwinde und lass dich bis zum nächsten Mondwechsel nicht mehr im Gasthaus blicken.«
Karon rappelte sich auf, wich Eliras Blick aus und sammelte mit steifen Bewegungen seinen Umhang und seine Habseligkeiten zusammen. Aus seinem Geldbeutel kramte er einige Münzen, die er auf den Tisch legte, mit etwas mehr Nachdruck als nötig.
Reena ließ ihn während seines Abgangs nicht aus den Augen. Elira klammerte sich noch immer an die Tischplatte und wagte kaum zu atmen. Das Tuch am Eingang schloss sich schwingend hinter Karon, und Reena lehnte sich keuchend an die Wand. Die alte Frau schien auf einmal blass und kraftlos.
Rasch sprangen Lara und ihre Schwester auf und richteten die umgefallene Bank wieder auf.
Mit einem schwachen Lächeln ließ sich Reena darauf plumpsen. Sie klopfte auf den Platz neben sich. Elira klaubte ihre Spange vom Boden und sank dann auf die Bank zu der alten Frau. Reena hatte sie verteidigt. Sie, die Fremde mit Feuerblut. Eine Wärme anderer Art stieg in Elira auf. Sie strich sich das Haar zurück und befestigte die Spange. Dann sah sie zu Lara, doch diese wich ihrem Blick aus. Langsam und zögerlich wurden die Gespräche im Raum wieder aufgenommen. Lara und ihre Freunde verließen bald darauf die Gaststätte, ohne sich von Elira zu verabschieden.
Schließlich erhob sich auch Elira, obwohl ihre Beine noch etwas zitterten und sie sich gern länger erholt hätte.
Mit ihrer heftigen, unkontrollierten Reaktion hatte sie selbst dem freundlichen Dorfvolk bewiesen, dass sie anders war. Anders und gefährlich. Sie verbarg die verräterischen Hände in den Falten ihrer Tunika.
Reena kam steif auf die Beine. Ernst blickte sie Elira in die Augen und strich ihr dann mit einem runzligen Finger über die Wange.
»Gib auf dich Acht, mein Kind. Die Sonne scheint immer erbarmungsloser dieser Tage. Die Menschen vergessen. Sie wollen nicht mehr wissen, wie es war. Wie es wieder werden kann, wenn wir uns von Angst und Feindseligkeit beherrschen lassen.« Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Wer weiß, vielleicht werden du oder andere wie du noch unsere einzige Hoffnung. Lass dein Herz nicht verhärten, ich bitte dich.«
Elira nahm die Freundlichkeit in ihren Worten dankbar an, auch wenn sie den Sinn nicht verstand.
Sie wandte sich zum Ausgang.
Einen Fuß vor den anderen setzen, weiter atmen.
Einfach gehen, nicht umdrehen.
Da, das Tuch am Ausgang.
Die kühle Nachtluft an den Wangen.
Sicherheit.
Medori-Wald
Nicht weit entfernt
Es war doch erstaunlich, wie anders sich die Müdigkeit nach einem Tag in der freien Natur anfühlte. Jorin rollte seine Decke aus. Die Nachtkühle tat seinen bloßen Füßen nach dem langen Marsch wohl. Er befürchtete, sich eine Blase gelaufen zu haben. Sein Körper roch zunehmend streng, und einem Bad wäre er nicht abgeneigt. Dennoch mochte er keine dieser Empfindungen missen. Er fühlte sich satt. Nicht nur von dem Brei, den sein Gefährte Kieran zum Abendmahl zusammengerührt hatte.
Er genoss es, das Salz eines langen Tages auf den Lippen zu schmecken und zum Lied der Dialekte aus Nord, Süd, Ost und West einzuschlafen. Vom Morgentau wachgeküsst zu werden.
Offenbar hatte er geseufzt, denn Kieran blickte von der Pflege seines Bogens auf. Er bestand darauf, seine Waffen stets poliert und griffbereit zu halten, obwohl sie noch keinem einzigen Wegelagerer begegnet waren.
»Na, was erfreut deine Dichterseele?«, fragte Kieran mit liebevollem Spott. Er, der sein Leben überwiegend auf den Straßen Alurias verbracht hatte, konnte Jorins Begeisterung über Ameisen im Essen und feuchte Decken nur bedingt nachvollziehen – und brachte das auch oft genug zur Sprache. Trotzdem wich er Jorin nicht von der Seite und drängte nie auf einen Gasthof, wenn Jorin lieber im Sternenlicht baden wollte. Jorin hätte sich keinen besseren Gefährten wünschen können.
»Ich genieße nur«, antwortete Jorin, und Kieran nickte.
Anders als Jorins eigene Mutter verstand sein Freund, dass er sich nicht mit verstaubten Büchern oder nicht minder angestaubten Lehrmeisterinnen und Magistern auf seine Verantwortung vorbereiten wollte. Doch als er seine Mutter bitten wollte, ihn reisen zu lassen, hatte sie nur einen stotternden Knaben mit rotem Kopf gesehen und sich stirnrunzelnd abgewandt. Fiel ihr sein leerer Stuhl an der Tafel überhaupt auf? Schon seit einigen Mondläufen war er unterwegs, zunächst mit einer Gauklertruppe, und nun zog er mit seinem Gefährten Kieran durch die Ebenen und Wälder Alurias.
Jetzt kehrte er aber nach Aldana zurück, weil er seinen Eltern nicht begegnen würde. Seine Familie verbrachte den Sommer stets in ihrer Landresidenz.
Jorin freute sich am Farbenspiel eines Tautropfens und besang die knospenden Ähren, war aber nicht blind für die weniger erfreulichen Entdeckungen, die er auf seinen Reisen machte. Er seufzte wieder, allerdings vor Bedauern. Nur ungern unterbrach er seine Reise in dieser verheißungsvollen Jahreszeit, doch die Aschewolken und die Gerüchte um ihren Ursprung beunruhigten ihn. Die Zuständigen in Aluria mussten zum Handeln aufgerufen werden. Seine Mutter, die Reisen gern einen eitlen Zeitvertreib schimpfte, würde schon sehen, wie nützlich diese sich erweisen würden.
Rootfels, westliche Skurra-Berge
