Von Höhenflügen und Abstürzen - Deborah B. Stone - E-Book

Von Höhenflügen und Abstürzen E-Book

Deborah B. Stone

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Beschreibung

Aufstiege mit eigenen Schwingen oder per verzaubertem Fahrstuhl, aus machtbesessenem Übermut oder reiner Freude. Abgestürzt von felsigen Klippen oder aus rosa Wolken, um dann liegenzubleiben, ein neues Leben zu wagen oder gar am tiefsten Meeresboden weiter zu existieren? Die 13 Autor:innen des ForumWort Berlin loten in dieser Anthologie die Extreme zwischen Aufstieg und Fall aus. In ihren Kurzgeschichten, die sich zwischen Mystik, Fantasy, magischem Realismus und Science-Fiction bewegen, tummeln sich Feen, Vögel und andere Geflügelte, finstere Gestalten, Geister der Vergangenheit, eine KI, Heilerinnen und Todbringer – und sogar Nazis. Und manchmal sprießen im Moment tiefster Verzweiflung auch Flügel ... Mit Texten von: Cleo Belien, Hanna Bertini, Ulrich Conrad, Anne Danck, Laszlo Hartmann, June Is, Dr. Ilkay Koparan, Slavica Klimkowsky, Sylvia Krupicka, Andrea Maluga, Debsi Peps, Nicole Pfeiffer und Deborah B. Stone

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2021

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periplaneta

ForumWort, Hrsg. Deborah B. Stone: »Von Höhenflügen und Abstürzen« Himmelhoch | Abgrundtief - Anthologie 1. Auflage, September 2021, Periplaneta Berlin, Edition Drachenfliege

© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Korrektorat: Marion A. Müller Cover: Marion A. Müller; nach einem Entwurf von Anne Danck Illustrationen: Anne Danck Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-215-5 epub ISBN: 978-3-95996-216-2

ForumWort

Hrsg. Deborah B. Stone

Von Höhenflügen und Abstürzen

Himmelhoch | Abgrundtief

Anthologie

periplaneta

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

zu dieser Kurzgeschichtensammlung inspiriert hat uns Autorinnen und Autoren die Frage nach Grenzsituationen und folgenreichen Entscheidungen im Leben. In welchem Moment ändert sich alles? Gibt es ihn überhaupt – diesen einen Moment?

In jeder Erzählung, mag sie noch so phantastisch sein, geht es immer wieder um zwischenmenschliche Beziehungen. Kaum etwas anderes bringt uns so an unsere Grenzen oder darüber hinaus – im positiven wie im zerstörerischen Sinne. 

Die Familie – oder ein andersgearteter inniger Verbund – ist stets Dreh- und Angelpunkt der Erzählungen. Hier wird im engsten Kreis höchstes Glück empfunden. Ebenso kann uns niemand in solch tiefe Abgründe stürzen lassen wie unsere Liebsten. Sei es durch Verrat, ein dunkles Erbe oder mangelndes Vertrauen.

Über ein Jahr haben wir in der Schreibgruppe »ForumWort« an unseren Geschichten geplottet, geschrieben und sie bearbeitet. Dass unsere dritte Anthologie nun bei Periplaneta erscheint, freut uns sehr.

Stürzen Sie sich mit unseren 13 Geschichten hinab in finstere Abgründe und schwingen Sie sich hinauf in schwindelnde Höhen!

Ihre Deborah B. Stone

August 2021

Deborah B. Stone

Nur ein nutzloser Flügel

Gold-orange schwebten die von der Morgenröte getupften Wolken unter ihr, als Ariyah sich mit kräftigen Flügelschlägen in den Himmel schraubte, höher und höher hinauf.

Der Wind blies ihr das lavendelblaue Haar aus dem Gesicht und brachte die feine und doch so robuste Membran ihrer Flügel zum Beben. Ein wohliger Schauer lief von ihren Handgelenken, wo die schimmernden Flughäute ansetzten, bis zu den unteren Rippenbögen, an denen sie endeten. Ihr gesamter Körper vibrierte im Einklang mit der Kraft des Windes.

Was könnte schöner sein als Fliegen?

Ihr blieb noch Zeit, bis sie ihren Wachdienst antreten musste. Zeit, in der sie den neuen Tag begrüßen konnte, wie es ihr beliebte, um mit dem Wind zu spielen, der jeden Muskel ihres Körpers vor Lebendigkeit prickeln ließ. Ariyah beendete ihren Aufstieg und setzte zum Sturzflug an, die Flügelarme eng an den Körper geschmiegt. Erst auf der Höhe des gezahnten Felskammes glitt sie in einen sanfteren Sinkflug, denn in der Nähe der Felsen gab es unberechenbare Aufwinde, die ihre volle Konzentration erforderten. Schon spürte sie die schattige Kühle und die strudelnden Winde, die durch die Felsen bliesen und an ihren Flughäuten zupften. Das Geheimnis bestand darin, gerade um so viel zu verlangsamen, dass sie nicht gegen die Felsen prallte, aber genug Schwung behielt, um nicht zum Spielball der Zuglüfte und Aufwinde zu werden. Doch Ariyah gehörte zu den begabtesten jungen Wächterinnen, sie ritt die Lüfte, seit sie dem Staubalter entwachsen war und hielt sich seitdem nur zum Schlafen und Essen auf dem Erdboden auf.

Nun näherte Ariyah sich einer Felskuppe. Vor wenigen Wochen hatte sie hier einen Steinadler-Horst entdeckt. Die riesige Vogelmutter wachte scharfäugig über ihre Brut, doch Ariyah ließ es sich nicht nehmen, bei ihren Flügen regelmäßig vorbeizusehen. Es musste ihr doch noch einmal gelingen, einen Blick auf die kleinen Federbälle zu erhaschen, die dort zu Königinnen und Königen der Lüfte heranwuchsen.

Heute war es unruhig im Nest. Ariyah wurde mit Gekrächze und Flügelschlagen empfangen. Doch nicht sie selbst war der Grund für die Aufregung: Zwei der Steinadlerküken hackten mit ihren scharfen Schnäbeln auf das dritte im Nest ein. Schon war sein flaumiges Federkleid blutverklebt. Noch wehrte es sich, doch während Ariyah zusah, erlahmte sein Widerstand sichtlich. Es war nur eine Frage von wenigen Augenblicken, bis es der Übermacht erliegen würde. Mit letzter Kraft gelangte es auf den Rand des Nestes, wankte einen Moment auf dem Ring aus Zweigen und verlor dann den Halt. Es stürzte in die Tiefe. Kläglich schlug es mit den Stummelflügeln. Ohne die Schwungfedern, die ihm erst in einigen Wochen wachsen würden, war es noch völlig flugunfähig.

Ariyah ließ alle Vorsicht fahren. Ungebremst jagte sie die letzten Meter auf die Felskante zu. Dabei steuerte sie einen Punkt unter dem Horst an und fing das wie ein Stein herabfallende Adlerkind auf. Sie schaffte es zwar, im letzten Moment abzudrehen, sodass ihr Kopf die Felsen nur streifte, doch ihre linke Schulter und ihr Arm durchzuckten reißende Schmerzen. Rote Flecken wirbelten vor ihren Augen, fast besinnungslos schlingerte sie Richtung Erde, das Küken an die Brust gepresst. Schließlich gelang es ihr mühsam, mit dem rechten Flügelarm den unkoordinierten Fall etwas abzubremsen. Der Schmerz in ihrer linken Seite war einer wattigen Taubheit gewichen, doch sie versicherte sich immer wieder, dass der kleine Adler noch sicher unter dem gefühllosen Flügelarm festgeklemmt war. Unsanft landete sie auf der mit dürrem Gras bewachsenen Fläche vor den Wohnhöhlen. Ihr Bauch schrammte über den Untergrund und Sand stob auf.

Mit aufgerissenen Augen eilten ihr Caelie und Nuvola vom Höhleneingang, wo sie gewacht hatten, entgegen.

»Ariyah! Wo greifen sie an?« Nuvola ging als Anführerin gleich in den Verteidigungsmodus.

»Kein Angriff«, keuchte Ariyah und spuckte Staub. »Ein verletzter Adler. Bitte helft ihm. Und mein Flügel ...«

Mühsam stemmte sie sich auf die Knie und wies mit dem Kinn auf das zerzauste Bündel an ihrer Brust. Ihre gefühllosen Finger zu öffnen, gelang ihr nicht.

»Wir müssen sie sofort zu Heilerin bringen!« Caelie zerrte Ariyah hoch und zum Höhleneingang. Durch von Kristallen matt erleuchtete Gänge humpelte Ariyah auf ihre Flugschwester gestützt zur Kammer der Heilkundigen. Sie taumelte hinein und die Geruchsmischung von ranzigen, süßlichen und bitteren Aromen, die sie in der Höhle überfiel, brachte Ariyahs Magen dazu, sich zu heben. Überall von der Decke hingen Büschel aus Kräutern und Wurzeln und jede Oberfläche war mit Tiegeln und Schalen bedeckt.

Heilerin schlurfte heran. Sie war eine ältere gebeugte Frau, bleich wie alle Höhlen-Staublinge. Sanft, aber bestimmt bog sie Ariyahs Hand auf. Das blutige Federbündel legte sie achtlos auf einen Tisch neben sich.

Ariyah protestierte: »Er braucht Hilfe!«

Regte das Adlerkind sich überhaupt noch oder war alles vergebens gewesen?

»Jetzt kümmern wir uns erst einmal um dich!« Caelie drückte Ariyah auf einen Schemel.

Heilerin grunzte zustimmend. »Halte mal ihre Schulter, wir müssen sehen, wie schlimm es ihren Flügel erwischt hat.« Sie schnitt Ariyahs Gewand auf und feuchtete dann ein Tuch an. Mit vorsichtigen Strichen wusch sie das Blut von der verletzten Seite. Dann griff sie beherzt zu und breitete Ariyahs Arm aus. Dieser Schmerz!

***

Die nächsten Tage verbrachte Ariyah wie im Nebel. Es war jedoch nicht der verheißungsvolle Nebel eines neugeborenen Tages, sondern ein lichtverschluckendes, schweres Grau.

»Die Flügelmembran ist völlig zerfetzt, mit dem Fliegen ist es vorbei. Doch mit Geduld und Glück wirst du zumindest den Arm wieder benutzen können«, hatte Heilerin gesagt.

Glück? Was wusste dieser Staubling von Glück? Denn bei all ihrem Heilwissen war es das, was Heilerin war: Ein Staubling, der die Ekstase der Schwerelosigkeit nie gekostet hatte. Staublinge waren völlig ohne oder nur mit verkümmerten Flügeln geboren. Einige wenige waren durch Verletzungen flugunfähig geworden, doch diese bedauernswerten Kreaturen wählten zumeist den Freitod oder das Exil.

Nein, Ariyah war es unmöglich, Trost daraus zu schöpfen, dass die zerbrechlichen hohlen Knochen in ihrem Arm, die ihr Volk leicht genug zum Fliegen machten, irgendwann heilen würden. Ihr Arm war ihr nur wertvoll als Teil ihres Flügels – und dieser war dahin.

Einzig die Pflege des kleinen Adlers, den sie Volo genannt hatte, vermochte es, Ariyah zeitweise aus ihrer Teilnahmslosigkeit zu reißen. Dieses edle Flugwesen musste einfach wachsen und gedeihen, dann war ihr Opfer nicht vergeblich.

Der Jungvogel war stets hungrig. Seine Wunden verheilten gut und er wurde mit jedem Tag schwerer, stellte Ariyah fest, während sie ihn seufzend in seinem Tuch vor ihren Bauch band. Nur ihm zuliebe schleppte sie sich täglich aus den Höhlen.

Während sie mit ihrem Grabstock an den Feldrainen nach Würmern und anderem Getier stocherte, fiel ein geflügelter Schatten auf sie. Ariyah ließ den Blick gesenkt, als sei sie ganz vertieft in ihre Tätigkeit, bis sie es nicht mehr aushielt und doch unauffällig nach oben blinzelte. Ganz genau konnte sie den Moment bestimmen, in dem die Wächterin sie erkannte: ein kurzes Stocken im Flügelschlag, ein allzu beiläufiges Höhergleiten.

Erträglicher waren da fast die mitleidigen oder abschätzigen Blicke der sonnenverbrannten Feld-Staublinge. Wen interessierte schon, was die dachten? Doch dass die Frauen und Männer, die all die Jahre ihre Flug-Gefährtinnen und -Gefährten gewesen waren, betreten wegsahen oder sich höher in die Lüfte schwangen, wenn sie sich näherte, verklumpte Ariyahs Magen. Caelie war die Einzige aus ihrer Wache, die sie noch besuchte. Alle anderen hatten es vorgezogen, höfliche Grüße ausrichten zu lassen. Ariyah machte ihnen nicht ernsthaft einen Vorwurf, wie könnte sie? Niemand hielt sich gerne vor Augen, dass das Glück des Fliegens zerbrechlich war. Und doch zerdrückte es ihr die Brust und nahm ihr die Luft zum Atmen. Der Verlust der Schwerelosigkeit und die Missachtung ihrer ehemaligen Gefährtinnen schmerzten weit mehr als die körperliche Wunde.

Sie hielt Volo eine Handvoll erdiger Würmer und Larven vor den Schnabel. Er zumindest würde sich bald wieder aus dem Staub, in den sie gestürzt waren, erheben können.

***

Am nächsten Morgen wurde Ariyah unsanft aus dem Schlaf gerissen. Köchin stand in ihrer Schlafhöhle und leuchtete ihr mit einer Kristalllampe ins Gesicht.

»Aus den Decken! Heilerin sagt, du bist wieder gesund. Da du keine Wache mehr halten kannst, musst du dich anderweitig nützlich machen. In der Küche können wir gut ein weiteres Paar Hände brauchen.« Sie blickte auf Ariyahs nutzlose Linke und Ariyah sah das spöttische Funkeln in ihren Augen. »Oder auch nur eine Hand, in deinem Fall.«

Mitgefühl oder Rücksichtnahme hatte sie von der Frau, die alle nur Köchin nannten, eindeutig nicht zu erwarten. Nun, sie war schließlich nicht auf die Güte von Staublingen angewiesen. Ariyah rappelte sich wortlos hoch und warf Köchin einen auffordernden Blick zu.

Diese gackerte. »Immer noch hochmütig, ja? Nun, wir werden schon sehen, wie lange Breiwächterin sich noch für was Besseres hält.« Damit verschwand sie endlich durch die Tür und Ariyah konnte sich anziehen.

Breiwächterin? Es ist nur der Spottname einer schadenfrohen alten Frau, beruhigte Ariyah sich. Oder fing es so immer an? Würde ihr Geburtsname nach und nach in Vergessenheit geraten, bis alle sie nur noch nach ihrer Tätigkeit riefen?

Sie band sich den verletzten Arm mit einem Tuchstreifen an die Seite, damit er nicht im Wege war. Dann pustete sie Volo auf die Flaumfedern am Köpfchen, bis er erst das eine und dann das andere Auge öffnete.

Sie hob ihn sanft aus seinem Deckennest und verstaute ihn in ihrem Bindetuch. Das war ein schwieriges Unterfangen mit nur einer Hand und sie fluchte, als ihr der Stoffzipfel wiederholt aus den Zähnen rutschte.

»Lass mich mal machen.« Caelie war lautlos durch die nur angelehnte Tür eingetreten. Sie half Ariyah, einen Knoten zu schlingen, der fest war und zugleich Volo nicht einquetschte. »Denkst du wirklich, der Kümmerling wird in der Küche willkommen sein?«

»Er heißt Volo.«

Caelie zuckte die Schultern. Eine beiläufige Bewegung, um die Ariyah sie beneidete. Vielleicht hätte sie ihr eigenes Schicksal besser ertragen können, wenn sie in der Lage wäre, es mit einem Schulterzucken abzutun?

»Ich verstehe einfach nicht, wieso du ihn ständig mit dir herumschleppst. Er ist immerhin schuld daran, dass du alles verloren hast.«

»Ihn trifft daran überhaupt keine Schuld! Ich war es, die die Entscheidung getroffen hat. Die ihn vor einem vorzeitigen Ende bewahrte. Das mit meinem Flügel war einfach Pech.«

»Vorzeitiges Ende – das klingt geradezu dramatisch. Er war der Schwächling des Geleges. Seine Aufzucht hätte die anderen um Futter und Kraft gebracht. Du weißt doch, wie das läuft.«

»Das heißt nicht, dass ich es tatenlos mitansehen muss.«

»Er war schwach und ein unnützer Fresser, und nun bist du ...«

»Schwach und eine unnütze Fresserin?«

»Das wollte ich so nicht sagen!«

»Aber das ist es doch, was du denkst. Was ihr alle denkt.«

Caelie sah sie vorwurfsvoll an. Doch sie widersprach nicht.

Etwas regte sich in Ariyah. Sie würde es ihnen schon zeigen, ihnen allen, wie unnütz sie tatsächlich war!

***

Die Küche empfing Ariyah mit stickigem Kohldunst, der sie um Atem ringen ließ, und einem Berg Rüben, der geschnitten werden musste. Lange würde sie es in dieser licht- und luftarmen Höhle nicht aushalten müssen, schwor sie sich.

Sie war nicht mehr hier gewesen, seit sie ein Kind gewesen war, das sich mit Proviant für Streifzüge versorgt hatte. Die Höhlen waren für Kinder und eben Staublinge. Sie waren es, die in den Höhlen die Nahrung zubereiteten, die Wäsche wuschen und die zahllosen Arbeiten erledigten, die tagtäglich anfielen.

Entschlossen hieb Ariyah auf das rutschige Gemüse ein. Sie wurde immer geschickter mit einer Hand. Vielleicht würde sie ja eine solche Könnerschaft mit dem Messer erreichen, dass sie eine Bodenkämpferin werden konnte? Zwar kämpften die Aeries seit Urgedenken zur Luft, aber letztlich konnte doch niemand wissen, woher der Feind kam. Was, wenn sich die Angreifer durch die felsigen Schluchten näherten oder von der Küste her? Dann wären ausgebildete Kämpferinnen, die sich ebenfalls im Gelände verbergen konnten, eine gute Ergänzung zur Luftverteidigung. Ob sie Nuvola einmal darauf ansprechen sollte? Die Anführerin war nicht sehr offen für Neuerungen oder Fragen. Das hatte Ariyah damals als Wächter-Novizin schnell gelernt, als sie wissbegierig alles über die ominösen Feinde ihres Volkes zu erfahren suchte. Doch nun hatte sie nicht mehr viel zu verlieren.

Ariyah nahm eine verstohlene Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Küchenjunge, der seit Stunden still neben ihr schnitt, raspelte und rührte, hatte doch gerade eine Handvoll Pflaumen in der Tasche seiner Tunika verschwinden lassen. Das grobe Kleidungsstück umschlotterte seinen mageren Körper. Große Augen starrten sie aus einem bleichen Gesicht an.

Ohne es zu merken, hatte Ariya das Messer sinken lassen und das fehlende Stakkato beraubte das Küchengeklapper seines Taktes. Sie sollte ihn melden. Vielleicht brachte ihr das sogar ein Lob?

Küchenjunges Augen huschten von ihrem Gesicht über ihre erstarrte Hand zu Boden. Er zitterte. Wusste, dass er ertappt war, und erwartete keine Gnade von einer wie ihr.

Er war wirklich sehr hager und blass, das blaue Haar klebte in ausgeblichenen Strähnen an seiner verschwitzen Stirn. Aber das war nicht ihre Sorge. Essen bekamen alle, er musste sich eben gedulden, bis die Wächterinnen und Wächter gespeist hatten. Sie ließen immer genügend für die Staublinge übrig. Oder?

Langsam senkte Ariyah das Messer wieder auf das Gemüse vor ihr. Knubbelige Erdäpfel waren es inzwischen. Sie nahm es nur am Rande wahr. Die Feldfrüchte wechselten, doch der Haufen vor ihr wurde nie kleiner. Während ihre Hand die monotone Tätigkeit fortsetzte, jagten sich die Gedanken in ihrem Kopf, flatterten aufgeregt durcheinander.

Was wusste sie eigentlich wirklich über das Leben der Staublinge? Als Kinder hatten sie alle gemeinsam Streifzüge durch das verzweigte Höhlensystem unternommen und sich auch so manches Mal zum hinteren Ausgang geschlichen. Tappende Füße, verschmierte Gesichter und blitzende Augen, schmächtige Arme mit und ohne Flügel.

Dann hatte sie mit neun Sommern ihren ersten Mantel bekommen, er war wie all ihre Tuniken von den Achseln bis zur Taille geschlitzt für ihre Flügel. Bei Sonnenaufgang hatte ihre Mutter sie vorbei an den Wächtern durch den Vordereingang auf das Plateau vor der Höhle geführt, sie fest umarmt und ihr sodann einen Schubs gegeben. Ariyah war bis zur Kante gestolpert und hatte sich geblendet umgesehen, das Licht der Sonne, das Apricot des Himmels getrunken wie eine Verdurstende. Durch Rufe erwachte sie aus ihrer Verzückung. Gegenüber auf einem weiteren Felsvorsprung hatten sich andere Kinder und Jugendliche versammelt und winkten ihr zu.

»Flieg, Kind!«, rief ihre Mutter und ohne zu zögern nahm Ariyah Anlauf, breitete zum allerersten Mal die Flügel weit aus und schwebte zu den anderen Aeries, die sie erwarteten. Kaum einen Blick hatte sie für die Unglücklichen, die zerschmettert am Grunde der Klippen lagen. Ebenso wenig, wie sie in den folgenden Jahren einen Blick an diejenigen verschwendete, die auf dem Erdboden dem kargen Sand die Feldfrüchte abrangen, die sie alle nährten. Sie vergaß die Gefährtinnen und Gefährten ihrer Kindheit und gab sich ganz dem Rausch der Leichtigkeit und ihrer neuen Bedeutung als angehende Wächterin hin.

Sie alle hatte sie vergessen, sobald sie zum ersten Mal ihre Flügel ausgebreitet, den Wind in den Haaren und die Sonne auf den Nickhäuten gespürt hatte.

Und sie hatte noch jemanden vergessen, wurde ihr klar, als sie zu einer Verschnaufpause auf einen Hocker an der Küchenwand sank. Stummelchen saß wie eh und je auf ihrem Kissen auf dem Küchenboden. Nahe genug am Feuer, um es warm zu haben, doch weit genug entfernt, um nicht im Weg zu sein. Vor ihr auf dem Boden lagen bunte Federn und Steinchen. Auch Ariyah hatte ihr als Kind gerne etwas mitgebracht, das sie auf ihren Forschungsreisen gefunden oder mit unbeholfenen Händen gebastelt hatte: Eine grüngefleckte Eierschale, eine Kette aus durchbohrten Rindenstücken oder bunte Blüten, die in der Küchenwärme rasch welkten. Kleine Mitbringsel aus der unbekannten Außenwelt, die Stummelchens runde Augen zum Leuchten brachten und sie in ein ansteckendes Glucksen ausbrechen ließen.

Ariyah rieb ihre Hand trocken und trat zögernd zu der zartgebauten Frau auf dem Boden: »Stu ...äh ...«, Ariyah wurde bewusst, dass die Frau mit den direkt an der Schulter sitzenden Händen und entsprechend winzigen Flügeln sicher mit einem anderen Namen geboren worden war. »Erinnerst du dich an mich? Ich bin’s, Ariyah. Ich habe dir das Mobile gebastelt, damals.«

»Ari? Oh, schön. Lange her!«

»Ja, das ist es. Aber ab jetzt werde ich auch hier sein und in der Küche arbeiten.« Sie verstummte wieder. Die junge Frau vor ihr war nicht in der Lage zu arbeiten, ihren Beitrag zu leisten. Ließen die anderen sie das spüren? Und wie fühlte sie selbst sich damit? Sie hatte es gemütlich und warm, wurde versorgt. Niemand würde sie aus der Höhle stoßen. Sie waren schließlich keine Adler.

Wie als Antwort auf ihre Gedanken regte sich Volo. »Wen hast du da?«

Das Adlerjunge hatte seinen Kopf aus dem Stoff gestreckt und schaute sich um. Zuerst wollte Ariyah ihn rasch verbergen, doch als sie die Freude im kindlichgebliebenen Gesicht wahrnahm, hockte sie sich so hin, dass sie den Vogel gegen den Rest der Küche abschirmte.

»Darf ich vorstellen: Das ist Volo, ein junger Steinadler. Und das ist ... – wie nennt dich deine Mutter?«

Die junge Frau schien selbst überlegen zu müssen. »Stella, ich hieß ... heiße Stella.«

»Stella also. Bestimmt nach deinen leuchtenden Sternenaugen.« Ariyah stutzte. »Hast du die Sterne eigentlich je gesehen, Stella?«

Ein sehnsuchtsvoller Ausdruck trat in Stellas Augen, der Antwort genug war.

»Der Brei wartet! Genug gefaulenzt!« Die barsche Stimme von Köchin zerbrach den Moment.

Ariyah ordnete rasch das Tuch um Volo. Dann zwinkerte sie Stella verschwörerisch zu. Ein Gedanke formte sich in ihr. »Auf bald, Stella!«

***

Zu Beginn ihrer Küchenschicht am nächsten Morgen stellte sich Ariyah neben Küchenjunge und griff nach dem Messer.

»Danke«, hörte sie ihn wispern.

Sie nickte knapp, dann gab sie ihrer Neugier nach. »Bekommst du denn nicht genug?«

»Es ist nicht für mich.« Er stockte. »Ich stecke Stummelchen immer mal eine Kleinigkeit zu, sie hat ja sonst so wenig Freude.«

»Stella? Aber ich dachte, sie wird versorgt.«

»Sie bekommt so gerade genug.« Küchenjunge musterte sie verwundert.

»Was ist?«

»Du hast sie Stella genannt. Kaum jemand erinnert sich an ihren Geburtsnamen.«

Ariyah schämte sich, einzugestehen, dass auch sie ihn erst kürzlich erfragt hatte. Merkwürdigerweise war es ihr plötzlich wichtig, nicht nur, was Staublinge wie Stella und Küchenjunge von ihr dachten, sondern auch die Sache mit den Namen. »Wir haben uns auch noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Ariyah.« Sie legte das Messer ab und streckte ihm entschlossen die rechte Hand hin.

Küchenjunge zögerte nur eine Winzigkeit, dann schlug er ein. »Meine Eltern nannten mich Venti.«

»Freut mich, Venti«, sagte Ariyah und stellte verwundert fest, dass es stimmte. »Und, wo wir schon einmal dabei sind«, sie zupfte an ihrem Tuch, »das hier ist Volo.«

Ventis Augen weiteten sich entzückt, doch dann wandte er sich rasch ab und zischte: »Achtung!«

Ariyah fuhr herum und stand direkt Köchin gegenüber. Diese blickte sofort auf den kleinen Adlerkopf, der sich aus dem Tuch an Ariyahs Brust reckte. Ariyah biss sich auf die Lippen.

»Was, bei den Lüften, ist das?«, und bevor Ariyah antworten konnte: »Wie kannst du ein freies Tier zu einem Höhlenleben zwingen?« Köchins voluminöser Busen zitterte erbost.

»Ich, er ...«, stotterte Ariyah. »Er wurde aus dem Nest geworfen und ich habe ihn aufgefangen.«

»So? Dann wirst du ihn also wieder in die Freiheit lassen?«

»Natürlich! Sobald ihm seine Schwungfedern wachsen, werde ich mit ihm üben.«

Köchin betrachtete sie prüfend. Ein melancholischer Ausdruck huschte über ihr rotes Gesicht. Er war so rasch verschwunden, dass Ariyah sich nicht sicher war, ob sie ihn sich nur eingebildet hatte. Und doch gab er ihr den Mut zu fragen: »Köchin, Ihr habt mir gar nicht Euren Namen genannt.«

Die rundliche Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, drehte sich langsam wieder um. »Weshalb willst du den wissen?«

»Ich finde es einfach richtig. Ich bin nicht nur das, was ich tue, ebenso wenig wie Ihr. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass nur die Wächterinnen und Wächter ihre unverwechselbaren Geburtsnamen behalten. Weshalb eigentlich?«

»Elefta, ich heiße Elefta. Weißt du, was das bedeutet, du dummes Mädchen? Es heißt Freiheit und doch bin ich hier in dieser heißen Höhle gefangen. Bereite tagein tagaus Essen zu aus Feldfrüchten, die ich nie heranwachsen sehe. Du willst wissen, weshalb wir zulassen, dass unsere Namen in Vergessenheit geraten? Damit wir uns nicht nach mehr sehnen, als wir jemals bekommen können.« Eleftas Empörung und kaum verhohlener Schmerz errichteten eine dornige Hecke um sie herum.

Doch Ariyah war nicht bereit, so leicht einzulenken: »Aber muss das tatsächlich so sein?« Sie überlegte. »Weshalb wechselt Ihr Euch beim Kochen und Gemüse Auswählen nicht ab? Ihr seid nicht in der Lage zu fliegen, das ist wahr. Doch was spricht dagegen, dann und wann über die Felder zu gehen, die Sonne auf dem Gesicht zu spüren und den Duft des taufeuchten Grases zu riechen?«

Die beiden Frauen sahen sich direkt in die Augen. Schließlich war es Elefta, die den Blick senkte, sich mit dem Schürzenzipfel über das Gesicht fuhr und sich auf unsicheren Füßen an die Töpfe zurückbegab.

Ariyah atmete aus und entspannte die schmerzenden Schultern.

Venti grinste sie an. Das Lächeln veränderte sein ganzes Gesicht. Blass war er immer noch, aber da war ein Leuchten, das zuvor nicht da gewesen war.

***

Nach der einfachen Abendmahlzeit, die sie gemeinsam mit Venti, Stella und dem stets hungrigen kleinen Volo eingenommen hatte, machte sich Ariyah auf den Rückweg in ihre Kammer. In den dämmerigen Gängen fand sie ihren Weg fast blind. Sie ließ ihre verschmutzte Schürze in den Wäschekorb vor der Tür fallen und bedauerte zum ersten Mal den armen Staubling, der sich mit den Flecken darauf abplagen musste. Dann öffnete sie die Kammertür und sank auf ihr Lager. Ihr Kopf brummte. Sie sah Stellas leuch­tende Augen vor sich, als sie von den Sternen sprach, Eleftas ungeweinte Tränen und Ventis hoffnungsvolles Gesicht. So viele einzigartige Staublinge, nein, Aeries mit Träumen und Ängsten. Hatte sie selbst erst vom Himmel stürzen müssen, um zu erkennen, wer hier auf der Erde um sie herum lebte, litt und hoffte?

Ein Pochen an der Tür zerriss ihren Gedankenstrom.

Caelie huschte herein. »Und, hast du dich inzwischen am Herd eingelebt? Dein Vogel ist jedenfalls noch nicht im Topf gelandet, wie ich sehe.« Sie tippte Volo an den Schnabel.

Ariyah ignorierte die geschmacklose Bemerkung. Die Aeries würden niemals ein anderes Flugwesen essen. Trotzdem konnte sie sich nicht verkneifen, ebenfalls ein wenig zu sticheln: »Ich habe neue Bekanntschaften gemacht und interessante Neuigkeiten erfahren. Während bei euch alles beim Alten geblieben ist, nehme ich an? Nicht der geringste Schatten eines Angreifers, kein Anzeichen irgendwelcher kriegerischer Aktivitäten.« Caelie runzelte die Stirn und Ariyah setzte nach: »Oder täusche ich mich etwa? Hat Nuvola sich besonnen und eine Abteilung Wächter abgestellt, die Lebensmittel von den Feldern hoch zu den Höhlen fliegen, um zur Abwechslung einmal etwas Nützliches zu tun?«

Caelies Stirnrunzeln vertiefte sich, sie kniff die Augen zusammen. »Was ist denn mit dir los? Schmerzt dein Arm, oder was? Du weißt doch, dass nur die immerwährende Bereitschaft der Wache uns davor schützt, eingenommen zu werden.«

Caelie wiederholte, was ihnen seit Beginn ihrer Ausbildung immer wieder erzählt wurde. Auch Ariyah hatte es geglaubt. Es glauben wollen, weil es bequem war. Doch die letzten Tage hatten sie zum Zweifeln gebracht. »Nein, ich weiß es eben nicht. Nicht mehr. Unser Volk teilt sich in Wächter und Staublinge. Die Wächter beschützen die Staublinge und die Staublinge versorgen und bedienen dafür die Wächter. Doch während die Wächter ihre Tage mit Kampfspielen und Wolkenhaschen verbringen, rackern sich die Staublinge krumm. Und dafür ernten sie nichts als Verachtung. Selbst ihre Namen nehmen wir ihnen. Auch, wenn es tatsächlich eine Bedrohung gäbe, wäre das niederträchtig. Doch ich bin mir nicht einmal sicher, ob diese angebliche Gefahr nicht einfach nur ein Vorwand ist.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass alles nur eine Lüge ist?« Caelie sah verstört aus, doch Ariyah spürte eine Klarheit in sich wachsen.

»Ich weiß es nicht«, wiederholte sie. »Aber was ich weiß, ist, dass ein großer Teil unseres Volkes abscheulich behandelt wird und ich da nicht mehr mitmachen werde. Wenn ich morgen zurück dürfte zu den Wächtern, als Anführerin einer Bodeneinheit – ich würde ablehnen.« Ariyah erschrak selbst über die Worte, die da aus ihr heraussprudelten. Doch sie nahm sie nicht zurück. Weil sie nach Wahrheit schmeckten. Der Weg der Wächter war nicht mehr der ihre. Sie würde sich auf andere Weise für ihr Volk einsetzen. Denn was nützte Sicherheit, wenn die Seele das Fliegen verlernte?

***

»Was ist, Stella, willst du die Sterne kennenlernen?«

Stella nickte eifrig, ihre Augen glänzten und ihre Finger tanzten.

Die Küche war, wie von Ariyah gehofft, noch leer um diese frühe Stunde. Am Vorabend hatte sie noch lange wachgelegen und überlegt, wie sie ihr stummes Versprechen an Stella wahrmachen konnte. Sollte sie Stellas Eltern fragen? Elefta? Doch Stella war eine erwachsene Frau – durfte sie nicht ihre eigenen Entscheidungen treffen? Ging es nicht gerade darum? Und Ariyah würde sie ja nicht alleine lassen in der unbekannten Außenwelt. So war Ariyah nun trotz protestierender Muskeln und brennender Augen aufgestanden, noch bevor die Sonne sich erhob.

Ob Stella hier geschlafen hatte oder ganz früh hierhergekommen war? Was zählte, war, dass sie hier saß, mit glühenden Wangen und bereit, das Abenteuer zu wagen.

Ariyah hüllte Stella in ihre eigene Decke, die sie mitgebracht hatte. Stella sollte durch die ungewohnte Kühle der Außenwelt nicht abgeschreckt werden. »Dann komm.«

Stella rappelte sich unbeholfen auf.

Ariyah wählte einen wenig begangenen Tunnel zum Vorderausgang. Sie fühlte, dass Stella an ihrer Seite zitterte. »Möchtest du lieber umkehren? Wir können auch ein andermal gehen.«

Stella straffte sich. »Nein, es ist nur so ungewohnt. All die Jahre bin ich nie ... Ich kann ja nicht auf den Feldern arbeiten, was hätte es also für einen Nutzen gehabt?«

Nutzlos. Unnütz.

»Es ist nicht mehr weit, sieh und entscheide dann selbst, ob es sich für dich lohnt.«

Sie passierten die Wächter am Ausgang, die ihnen nur kurz zunickten, ohne einer von beiden in die Augen zu sehen. Im Freien blieb Stella stehen, holte tief Luft und drehte den Kopf nach allen Seiten.

So gerne Ariyah ihr den Moment gönnen wollte, mussten sie sich doch eilen. Und so stupste sie Stella sanft an. »Nur noch ein kleines Stück.«

Am Rande des Felsplateaus, verborgen hinter einem großen Stein, ließen sie sich nieder. Ariyah vergaß den Schmerz in der Schulter und Stella bewegte nur kurz die Füße, die wohl von dem ungewohnt langen Weg wehtaten, dann riss sie die Augen auf und Tränen schimmerten darin. Die letzten Sterne blinkten am Himmel, gold-orange schwebten die von der Morgenröte getupften Wolken unter ihnen.

Nutzlos. Unnütz. Und einzigartig.

Stella seufzte. »Wie wundervoll. Ich wünschte nur, ich könnte mich mitten hineinwerfen und von den Farben und Winden tragen lassen.«